“Ein bißchen schaurig ist das s c h o n.” Das Gänsehautjournal des Sonntags, den 27. November 2022.

[Medikamentenversuch Pregabalin → Fünfter Tag]

 

[Arbeitswohnung, 11.44 Uhr
France Musique Classique plus:
Richard Strauss, Letzte Lieder (Jessey Norman)]
Gestern mit dem achtundzwanzigsten Triestbrief tatsächlich fertig geworden und dabei sogar, nach → diesem vermeintlichen Ende einen guten Übergang für den neunundzwanzigsten, also letzten Brief des Romanes hinbekommen. Sehr erleichternd. Also werde ich heute damit zu tun haben, den Brief korrekturzulesen, vielleicht auch noch die eine und/oder andere Änderung, bzw. Schärfung der Szenen einzufügen und ihn dann für den Typoskriptband auszudrucken und drin abzuheften. Daß ich bereits dazu kommen werde, den neunundzwanzigsten Brief zu beginnen, glaube ich hingegen nicht, schon weil ich, da wir solch ein sonniges Wetter haben, gerne einen ausgebigen Spaziergang machen möchte. Womit ich nicht lange warten sollte. Es wird doch in dieser Jahreszeit stets so übel schnell dunkel, und ich brauche Licht.

Außerdem an einer nächsten Ergänzung der zweiten Tattooerweiterung gefriemelt, erst mit Filzer, dann, weil der nicht hielt, mit schwarzem Nagellack – was beides aber viel zu dicke Striche ergibt. Denken Sie sich sie feiner, sehr viel feiner, liebste Freundin, so, wie die Realisierung am Hals. Jedenfalls sagte gestern abend auf Broßmanns wunderbarem Fest jemand mir übrigens ausgesprochen Sympathisches, schon, weil er einerseits hochintelligent nicht nur wirkte, andererseits aber selbst sehr hell – und sportlich-elegant dazu, mit berückendem Lachen: “Das ist aber nun ein Statement!” Zu sehen war selbstverständlich nicht das Tattoo insgesamt, sondern nur mein auf die Oberseite der rechten Hand mit zumal linkisch mit links aufgetragener Entwurfsversuch.
Tatsächlich emfand ich für Tattos Hände stets als Tabu. Doch war mir schleichend klargeworden, daß ich auch dieses würde brechen müssen, wenn ich es denn mit der Selbstermächtigung über meine Versehrung ernstmeinen wolle. Zumal auch dies wieder in den Triestroman hineinspielt und möglicherweise in ihm selbst noch Thema werden wird, ganz sicher aber in meiner nun fest eingeplanten Yōsei/Horu-Shi-Novelle. Ein kleiner Ärger allerdings, daß es keine wasserfesten Hautfarben gibt, die sich mit einem Stift auftragen lassen und zumindest die Haltbarkeit von Henna haben. Sonst würde ich erst einmal damit operieren und schauen, wie ich in, sagen wir, einzwei Monaten zu diesem Wechsel meines Geschmacksempfindens stehe. Aber so nehme ich das Risiko halt an, hat auch was von einem Rausch, der allerdings dem einer Selbstüberhebung eher gleicht als nur jener der -ermächtigung. Was ich mit ausgesprochenem Interesse, sozusagen gehobener Augenbraue, beobachte. Doch ist ja auch dieser Komplex stets in meiner Dichtung zugegen. Die sowas von “neben der Zeit” liegt! Nicht “gegen” sie, nein, nur neben, im Wortsinn, ein ganz eigener paralleler Zeitverlaufsstrang, von dem ich freilich weiß, daß er nicht ohne Wurzeln, sondern Fortführung vorheriger simultaner Nebenstränge der poetischen Ästhtik ist, die es – neben – ebenfalls waren. Erzählt indes, in den Feuilletons, wird fast immer nur der Hauptstrang (“Mainstream”); anscheinend Abseitiges – das später einmal, wie Kafka und Kleist, das zentrale “Narrativ” der Literaturgeschichtsschreibung zur Ästhetik werden könnte – wird umso seltener auch nur besprochen, desto querer (nicht “queerer”!) es zur allgemeinen Gutmeinung steht. Insofern muß es mich, auch wenn es mich sehr wurmt, nicht wundern, daß etwa die Béarts in den “offiziellen” Feuilletons nicht vorkommen, abgesehen von → Carsten Ottes SWR-Besprechung selbstverständlich. Dabei w e i ß ich von Rezensionen, die schon geschrieben und längst abgegeben worden sind, die aber ganz offenbar von den Reaktionschefs und -innen zurückgehalten werden. Es zeigt dies die journalistische unterdessen nicht nur noch “Tendenz”, nicht bloß tendenziös zu schreiben, sondern auch bewußt zu verschweigen, und wiederum mit anderem, das die Zustimmung eines vorgestellten Publikums zu garantieren scheint, also mit schlichtweg der Masse zu laufen, selbst wenn sie gar keine ist, sondern nur aus einigen wenigen besteht, aber aus lauten, sozusagen “moralischen” Schreihälsen, die die Meinungshoheit okkupierten. So daß es nicht einmal mehr theoretisch um Objektivität, sondern darum geht, sich den Mehrheiten, der “Quote”, anzudienern. Na gut, solln sie. Ich weiß, an was ich arbeite, und weiß auch, warum. Auf jeden Fall bleibe ich frei von grobem ideologischen Unfug. Mitunter komme ich mir wie ein Warner unter all den Intellektuellen vorm Ersten Weltkrieg vor (auch Thomas Mann war dabei), die sich jubelnd darum drängelten, MItmorden und Mitgemordetwerden zu dürfen. Ein bißchen schaurig ist es s c h o n, daß sich offenbar so gar nichts in den Psychodynamiken ändert.

Ihr, Begehrte,
ANH

[France Musique Contemporaine:
Jana Kmitova, Gesichtsstudien für Orchester (2017)]

Ach so, falls Sie noch ein so ausgefallenes wie edles Weihnachtsgeschenkt brauchen: Diaphanes’ Sonderausgaben des Béart-Gedichtzyklus ist jetzt erhältlich. Näheres → dort.

Leider wird es mit der Graphic Novel nun wohl doch nichts. Notiert im leicht taumeligen Arbeitsjournal des Donnerstags, den 24. November 2024. Darinnen zu Giacomuzzis “Briefe an Mimi” sowie Briefe nach Triest, 64.

Es ist mir einfach zu wenig Geld, das der Verlag mir für den → Zilts als Gothic Novel bietet, unehrenhaft zu wenig. Es gingen nun vier Briefe hin und her, schon in meinem ersten war ich unter die Summe gegangen, die ich mir eigentlich vorgestellt hatte, woraufhin der Verleger in seiner Antwort eine für mich eben inakzeptable anbot, der ich in meinem letzte, vorgestern geschrieben, einen noch immer sehr weit unter meinem ersten liegenden Vergleichsvorschlag machte, auf den ich bislang keine Antwort bekommen habe. Wird auch heute geschwiegen, werde ich morgen Pavlenko schreiben, er möge bitte noch nicht anfangen, Entwürfe zu zeichnen, oder, falls er schon welche habe, damit einstweilen aufhören; viele Ideen habe er, hatte er mir zuvor noch geschrieben, nämlich schon.
So dringend ich auch Geld b r a u c h e , darf “Not” (angesichts der Ukraine eh ein lächerliches Wort für mein Leben) meine Entscheidungen ebensowenig diktieren wie die Freude an einer in Aussicht stehenden, bzw. in Aussicht gestandenen hochkünstlerisch graphischen Interpretation einer meiner phantastischsten Erzählungen wie also eben auch Ruhmsucht. Sich eine Handlung von finanzieller Enge aufnötigen zu lassen, ist auch eine Form des Korrumpiertseins. Und wenn eines nach meinem Tod absolut unumstößlich gewesen sein soll, dann, daß Alban Nikolai Herbst niemals, niemals, niemals korrupt gewesen ist. Es ist das einzige Erbe von Wert, das ich meinem Sohn werde hinterlassen können und hinterlassen will.

***

[Arbeitswohnung, 10.28 Uhr
France Musique contemporaine:
Bruno Mantovani, D’une seule voix]

Dafür war gestern der Abend gut, der späte Abend sogar schön. Erst war mein Sohn hier und wir sprachen lange; auch er hatte ein neues Tattoo, und zwar nach einem Foto des der → Sonderausgabe meines Béartzyklus’ beigelegten Stilettos von Cudeman; — sowie das Tattoo abgeheilt ist, werde ich es an meinem Sohn fotografieren und in  Der Dschungel einstellen. Ich meine, mein  knapp Dreiundzwanzigjähriger hat so die Béarts geehrt! Da muß der Vater stolz sein.

Abendstimmung 24. November
Blick auf das Dach des Vorschreibtischregales

Und wie raffiniert er’s getan hat! Über den Ellbogen hinwegtätowiert, so, daß sich die Klinge einklappt, winkelt er den Arm an, und wieder aus, sowie er ihn streckt.

Und dann habe ich mich ganz begeistert festgelesen, nämlich in Peter Giacomuzzis → Briefe an Mimi, einen, nun jà, Roman ..?, der eigentlich eine Collage aus den Liebesbriefen ist, die ein Mann einer schon in der Kindheit des Dichters alten Dame geschrieben hat, und Assoziationen dazu, poetischen Miszellen und Parallelführungen zur Gegenwart sowie zuweilen historischen Erläuterungen, etwa über Häuser, die es heute nicht mehr gibt, und der Situation, in der sich Südtirol vom Beginn der Dreißiger Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs befunden hat und was dies mit den Menschen machte, teils nach wie vor noch tut. Die oft dunklen Eigengedanken Giacomuzzis etwa zur digitalen Welt bestechen quasi gegen ihren Pessimismus in ihrem poetischen Ton:

die Dolomiten (…) sind der in fels gehauene ethnische konflikt.

Und mir besonders nah:

die welt sind meine sinne. alles andere ist religion.

Bei Seite 114, etwa der Hälfte des solide eingebundenen Buches, hörte ich gegen 22.30 Uhr zu lesen dann auf. Tagsüber allerdings, bevor ich an den Triestbriefen weiterschrieb, nämlich bereits morgens, begann ich eine neue Serie, und zwar das Protokoll eines Medikamenten-, ich schreibe mal, —versuchs, den ich jetzt, in meinem seit (fast zu) langem wieder alkoholfreien Monat einigermaßen risikofrei starten konnte. Worum es genau geht, lesen Sie, Freundin, → dort. Nur der erste Beitrag dieser Serie wird auf der Dschungel-Hauptsite stehen, alle weiteren finden sich dann im → Krebstagebuch, werden aber miteinander eigens so verlinkt sein, daß Sie von dem ersten Text lässig zu den nächsten Beiträgen weiternavigieren können. Wenn Sie denn mögen. Jedenfalls ist mir momentan, nachdem ich nach draußen war, um mein italienisches Lindnerbrot zu besorgen, von dem PREGABALIN, ein wenig “taumelig”; das Wort trifft es ziemlich gut. Sowie ich aber sitze, schreibe und Musik dabei höre, wird der Kreislauf wieder linear. Was auch recht spannend ist. Machen wir uns bewußt, wie enorm chemische Mittel auf uns einwirken, doch ebenso, daß es ebenfalls chemische “Mittel” sind, die uns ohnedies konstituieren, wird deutlich, wie chemisch determiniert wir insgesamt, also auch natürlicherseits sind — so daß wir gar nicht sagen können, was wirklich ist und was nicht. Womit wir sofort in der Konzeption meiner literarischen Ästhetik zurücksind und ganz besonders in der sich nun, gegen Ende der ersten Fassung, zuspitzenden “Botschaft” der Briefe nach Triest.
An der ich gestern saß. Zwar nicht nach Anzahl der Seiten (momentan täglich neue etwa drei), doch in dieser Zuspitzung bin ich sehr gut weitergekommen, weiß allerdings nicht, ob ich den Übergang, wie er jetzt dasteht, so werde lassen können:

Magisches Denken, Geliebte,

30. August
David Ramirer, d o t s für Rahel (2017)

so wird etwas Ähnliches bei Kindern genannt, ein Blütenblätterzupfen, wenn Du so möchtest: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Bis wir es wissen und hüpften über die Pflasterung, demn wenn wir es schafften, mit den Schuhen keine der Fugen zwischen den Steinen zu berühren, würden wir auch die Mathearbeit nicht verhaun oder es gibt hitzefrei. Doch ist dies ein Andres, magisch nämlich in der Tat. Ich habe vor der Flixbushaltestelle gestanden, das Foto beweist es, beweist es mir selbst, und möglicherweise oder sehr wahrscheinlich sind Du und ich tatsächlich im Revoltella schon gewesen, selbst dann, wenn ich noch gar nicht in Triest war. Die Carsomarer Venus hat zu sehr protestiert, die Lenz nach Deinem Leib gestaltet hat und vielleicht nach ihm nicht nur. Ach Amphitrite, die mir schon vor sechzehn Jahren vollendet für die Schönheit galt! Das Werk als Ausdrucksform des Lebens., des meinen anders nicht als Klingers. So falten wir die Wirklichkeit. Ach, tu da doch ein bißchen mit. Die Illusion sei das, schrieb Louis Aragon, Fleisch auf den Dingen. Fast sechzehn Stunden, ich erinnere mich, währte meine Busfahrt nach Triest. Sie ging über Prag, Klagenfurt und Ljubiljana. Die Sonne gleißte, als wir den Karst die Serpentinen in Deine Stadt hinabgefahren sind; ich hatte kaum vier Stunden und auch mehr nur gedöst als wirklich geschlafen und kam doch völlig ausgeruht an.

Doch das soll die Überarbeitung zur zweiten Fassung zeigen. Jetzt wird erstmal bis zum Ende weitergeschrieben.

__________________________
Briefe nach Triest 63

Bene, jetzt die tägliche Frühjstückscaprese, dann an die Briefe.

Ihr
ANH
[France Musique La Baroque:
Bach, Cantate BWV 201]

 

“Winter”zeit. Die im Arbeitsjournal des 30. Oktobers 2022, nämlich heute, beginnt, in welchem vom Kollwitzmarkt erzählt werden wird, der einen frühen Sommer vortäuscht. Wärn nicht die bunten Blätter gewesen, die trudelnd auf uns niedergingen. Sowie von unsrer nach wie vor luxuriösen Lebensblase. Weniger freundlich schließlich zu Olexij Makajew.

    [Foto Furtwängler/Lindholm ©: NDR / Frizzi Kurkhaus]

[Arbeitwohnung, 7.47 Uhr
Leszek Możdżer, Pasodoble (live, Berliner Philharmonie)]
Gearbeitet gestern quasi null. Vormittags die üblichen Besorgungen, dann schon wieder das melancholische Gefühl, alleine zu sein. Dabei war vortags mein Sohn hiergewesen, wir hatten lange und innig geplaudert. Geht dann die Wohnungstür aber wieder zu und das “Bis bald, Pa!”” ist im Treppenhaus verhallt, kann ich mich eigentlich nur an den Schreibtisch setzen, um mich auf anderes zu konzentrieren, das den leisen Schmerz überwölbt. Es ist dies, was für mich altzuwerden bedeutet, nicht irgendeine Krankheit oder sonstige Gebrechlichkeit, schon gar nicht mehr der Krebs, auch die Polyneuropathie nicht, die ich als normale Abnutzungserscheinung empfinde und mit der ich deshalb, auch wenn sie nervt, eigentlich ganz einverstanden bin. Auch sie ist ja ein Zeichen von Lebendigsein, und ich habe dazu die vielen anderen Menschen meines Umkreises im Kopf, die bereits mit dreißig/vierzig Ausfallerscheinungen hatten, ich hingegen nahezu nie. Da ist, empfinde ich, Gerechtigkeit. Nur aber, ja, dieses Alleinsein, das ich mit meinen Figuren fülle. Weil mir das gelingt, komme ich gar nicht auf die Idee, es zu beklagen; ich leide halt nur – und nur a bisserl – vor mich hin. Doch dann, von लक्ष्मी, über Whatsapp:

Zwanzig Minuten später Treffen Helmi Ecke Duncker/Raumer, लक्ष्मी ihr Fahrrad angeschlossen, zu Fuß weiter die Duncker hinunter, über die Danziger, in die Kollwitz bis zum Markt. An dessen Anfang gleich zwei Austern, für den Wein nachher, am Fischstand reserviert. Und zu den Gösleme weiterflaniert, in die Schlange ge– und einen der hier mit Hefe verkneteten dünnen Fladen bestellt, den unseren mit Hackfleischmischung, dann am Kollwitzdenkmal des kleinen, dem Spielplatz anrainenden Parks gemeinsam verzehrt, diesen beigeklätschelten Sauerrahm vertrage ich sogar — und schließlich weiter zum Weinstand, nachdem wir die Austern abgeholt hatten und eine noch obendrauf, die letzte noch vorrätige, geschenkt bekamen.
O wie die Sonne prallte!
“Ich trinke aber nur einen Wein, sonst ist der Tag dahin”: So nicht etwa ich, sondern sie. Ist fast immer das Zeichen dafür, daß der Tag dahin sein w i r d. Was aber heißt hier “dahin”? Er erfüllt sich. Man kommt auch schnell ins Gespräch mit anderen, die mit am Stehtischchen stehen.
Es gab keine Weingläser mehr. “Wir sind fast ausverkauft, ich fasse es nicht: Die Leute trinken seit elf.” “Ist doch klasse, wenn einem Stand das passiert!” Die Frau hinterm provisorischen Tresen lachte. “Stimmt.” Ich zog zwei Gläser aus den Abstellmulden für benutzte, reichte sie rüber. “Wir haben aber nur Wasser, um sie abzuwaschen.” “Nichts ist, das besser reinigt.” Also hatten wir unsere Gläser.
Auf dem Tischchen hatte लक्ष्मी die drei Austernbootchen zu einem Stern angeordnet. Ein älterer Herr (wozu ich schmunzeln muß; wie sich herausstellte, hatte er auf der Seele drei Jahre weniger als ich) habe, sagte sie mir gleich, Austern noch niemals gegessen. Ich schob ihm eine meiner drei hinüber, लक्ष्मी hatte keine gewollt. Nicht tapfer, sondern vor Neugier funkelnd schlüfte er die Molluske aus der Schale. “Oh”, entfuhr es einer älteren Dame, die mit ihrem Mann ebenfalls mit bei mit uns stand, “sowas bekäme ich niemals runter.” Der Austernneuling leckte sich die Lippen. “Meer”, funkelte er. “Es schmeckt nach Meer.” ‘Nach Frau’, wollte ich entgegnen, schluckte es aber hinunter; sein Funkeln hatte ohnedies gezeigt, daß er’s nun längst wisse. Auch deshalb versagte ich mir die weitere Bemerkung, nämlich für die ältere Dame, daß ihre Scheu mir nachvollziehbar sei, sie sich aber vor Männern hüten müsse, falls sie sie teilten. Statt dessen ihr Mann: “Der Prenzlauer Berg ist nicht mehr, was er war. Man hört fast kein Berlinisch mehr, sogar fast überhaupt kein Deutsch, nur noch andere Sprachen.” In solchen Fällen reagieren लक्ष्मी und ich fast unisono. “Mich beglückt es, wenn hunderte Sprachen durcheinanderwirbeln, das macht Berlin zur kleinen g a n z e n Welt.” “Und es ist eben nicht nur Englisch, bzw. US-Amerikanisch, sondern Französisch genauso, und Spanisch, und Arabisch, und Türkisch.” “Und Ukrainisch jetzt.” “Und auch Russisch, Vietnamesisch, Chinesisch, sogar Japanisch.” लक्ष्मी: “Viel Urdu auch, schaun Sie nur all die Radfahrer für WOLT – und Bengalisch, Gujarat …” “Außerdem immer wieder Farsi.”

Das Großartige an Begeisterungen ist, daß sie sich übertragen. Wenn das geschieht, ist für Ausländer-, sagen wir, -skepsis überhaupt kein Raum mehr, sie welkt quasi ebenso ein, wie die sehr indisch aussehende Mama unseres Sohnes mit ihrer gern getätigten Offenbarung, daß sie ein typisches Hessenkind sei, jeglichen “deutschen” Vorbehalt schlichtweg unterläuft, vor allem dann, wenn sie auch noch “hesselt”. Das bekommt sie aufs charmanteste hin – ja, dann gerät ihr liebevoller Spott so richtig in Fahrt.
Es war nun schon für sie und mich jeweils das dritte Glas, 0,2er wohlgemerkt. Der Austernneuling hatte sieben Becher Federweißen in sich und trollte lächelnd, leicht indessen schwankend, von dannen. Und लक्ष्मी schoß das fast schon rituelle Selfie für die Kinder, das sie auch sofort an die Zwillinge und unsern Sohn hinauswhatsappen ließ:

 

“Teilen wir uns noch einen?” So ich. Sie: “Du, dann laß uns noch einen im Schwarzsauer nehmen.” Halber Strecke zu ihrem Zuhause. Es war unterdessen fast schon Abend.
So saßen wir denn dort noch dreißig Minuten; sie hatte sich aber für einen Pernod entschieden, ich blieb beim Wein. “Magst du kosten?” Erst wollte ich nicht. “Einfach nur die Zunge reinstecken” – eine Formulierung, die es mir komplett unmöglich machte, abermals abzulehnen. Fassungsloserweise paßte der Anisgeschmack auf meinen Riesling gefährlich gut.
Nachdem ich die Frau heimgebracht hatte und über Gneist- wie Raumer-, von dort den Helmi durchflaniert, und Dunckerstraße heimgekehrt war, war ans Arbeiten freilich gar nicht mehr zu denken; auch daran nicht zu lesen. Also in einen Tatort mit meiner ganz sicher aus erotischen Gründen Lieblingskommissarin, Maria Furtwängler-Lindholm, hineingeschaut, doch auch das abgebrochen und sage und schreibe um halb neun ins Bett. – Klar, daß ich nach fünfeinhalb Stunden wieder wach wurde und erstmal nicht mehr einschlafen konnte; ich überlegte sogar, ob jetzt gleich – um 2! – aufstehen, mir einen Latte macchiato bereiten und mich an den Schreibtisch setzen. Entschied mich dagegen, stand nur kurz für ein Glas Wasser auf, nackt, klar, vor allem, weil ich frieren wollte, um einen Grund zu finden, wieder unter die Decke zu schlüpfen; leicht fröstelnd schnell auch noch aufs WC, ausnahmsweise im Sitzen pinkelnd, mit nämlich geschlossenen Augen. Und es klappte auch: Nun war mir kalt genug, um das Bett wieder anziehend zu finden. In dem ich auch ein- und bis sechs Uhr durchschlief, was sich nun als sieben Uhr herausgestellt hat. Ah jà, Winterzeit! Doch Winterzeit in einem Herbst aus Sommer. Über den लक्ष्मी  begeistert war, ebenso wie ich, doch: “Meinetwegen könnten”, sagte ich, “in Berlin Agaven wachsen, und Palmen. Doch etwas unheimlich ist es s c h o n.” Außerdem fehlte natürlich das Meer.

[→ Możdżer, Danielsson, Fresco: Praying]

 

Da heute abend einer wunderbaren Einladung zu folgen ist – ab 19 Uhr werde ich erwartet –, werde ich tagsüber allerdings davon absehen, erneut hinaus in diesen ungewöhnlichen Spätsommer zu schreiten, sondern strikt am Schreibtisch sitzen bleiben; es ist ein Konzept für eine Béart-Veranstaltung zu schreiben, das ich dem LCB vorlegen möchte, wie mit Florian Höllerer, dem Leiter des Hauses, anläßlich des → Marianne-Fritz-Perfomance-Abends abgesprochen. Ich habe die Idee, meinerseits eine Art Performance zu bauen, in der nicht “nur” Rivettes La belle Noiseuse und du Welz’ Vinyan eine Rolle spielen sollen, sondern auch → meine Gedichtvideos; wie, ahne ich bisher nur, habe da ein, verzeihn Sie, Freundin, meine Esoterik … habe da “ein Spüren”. Be”spielt” werden sollte das gesamte Erdgeschoß; ganz sicher machte auch meine Lektorin mit und mit ihrer als Specherin zutiefst magischen Stimme लक्ष्मी  genauso, die auch sehr gerne, wie sie gestern sagte, bei meinem Projekt, → Anderswelt als Hörbuch einzusprechen, mit dabeiwär. Ihr fehlt, “spürte” ich schon zuvor, die poetische Hörstückarbeit fast ebenso wie mir. – Doch damit, die → Andersweltromane w e i t e r einzusprechen, werde ich erst einmal bis zum Dienstag warten müssen, weil ich doch hören möchte, was meine Lektorin zum schon eingesprochenen THETIS-Vorspiel sagt, die momentan noch durch die kretischen Berge reitet – eine in mir so bildhaft bewegte Vorstellung, daß ich ganz unruhig vor Beglückung bin — selbst dann, wenn ich nun erst einmal nachlesen werde, wie es um den entsetzlichen Ukrainekrieg steht, der uns alle nicht nur unter der Haut begleitet. Oder, wie es gestern लक्ष्मी  ausgedrückt hat: “Wie leben hier in einer Blase.”

Ihr, schöne Freundin,
ANH

***

[11.41 Uhr]
Dauernd Jungmädchenanfragen bei Facebook um “Freundschaft”. Manchmal reagiere ich, z.B. wie soeben:

[14.39 Uhr
Johannes X. Schachtner, Symphonischer Essay (2008/2016)]
Olexij Makajews Forderung[1]Hier von → Zeit online eingefügt, Autorin: Verena Hölzl. ist, so sehr sie sich morallogisch auch nachvollziehen läßt, scharf abzuweisen. Zum einen folgt Moral keinem logischen System, sondern sieht eben auch innere Widersprüche; zum anderen, und das ist entscheidend, müssen wir uns — wenn wir Europäer denn, wie dauernd behauptet, Werte tatsächlich haben, die im Abendländischen wesentlich christlicher Natur sind — fragen, wie hätte an unserer Stelle der Nazarener gehandelt. Hätte er die geflohenen Kriegsdienstverweigerer aufgenommen, auch wenn sie vor der russischen Teilmobilmachung für diesen widerlichen Krieg gewesen sein sollten, oder hätte er sie in den sicheren Tod zurückgeschickt? Die Antwort ist eindeutig. Zumal diese Menschen tatsächlich noch niemanden getötet haben oder Ukrainern mit eigener Hand sonstwie geschadet. Aber selbst, hätten sie es getan, wären sie aufzunehmen, ihnen danach allerdings ein rechtsstaatlicher Strafprozeß zu machen, in dem nach Beweislage vorzugehen und im Falle mangelnder Beweise in dubio pro reo zu entscheiden wäre.

[Johannes X. Schachtner, Quatre tombeaux de vent (2013)]

 

References

References
1 Hier von → Zeit online eingefügt, Autorin: Verena Hölzl.

Das Arbeitsjournal des Pfingstsonntags, den 5. Juni 2022. “Briefe nach Triest” wieder aufgenommen. Sowie eine Sonderedition ODER Wie sich der Heilige Geist auch anders ausgießen läßt.

Heiliger nirgends
als in der Blüte.
Chérone, Prédictions (1591)
[Arbeitswohnung, 7.29 Uhr
Erster Latte macchiato]

Bin ein wenig spät dran heute, erst um Viertel vor sieben aufgestanden, was mit einer nun gewissen Ruhe zusammenhängen mag, die nach den echt aufregenden vergangenen Tagen ab gestern nachmittag eintrat, eigentlich ab mittags bereits, als ich mich mit meiner Frankfurtmainer ehemaligen Lebensgefährtin traf, die mit ihrem Mann über Pfingsten in Berlin weilt. Wir sind nach wie vor befreundet, was ich mit eigentlich allen meinen “Ehemaligen” bin, aber dies ist ein ganz besonderes Verhältnis, ist es geblieben. Ihr war, als “Die Verwirrung des Gemüts” als mein erster Roman, der er es schreibchronologisch aber nicht war, 1983 erschien, das Buch gewidmet, was nun, in der für den Herbst annoncierten Ausgabe Zweiter Hand, selbstverständlich so bleiben wird.

Wir trafen uns auf der Oranienburger, ich hätte mit ihr eigentlich im Strandbad Mitte sitzen und plaudern mögen; allein, es sieht so aus, als hätte er in diesem Juni überhaupt noch nicht auf — sogar das angeschlossene Freilufttheater steht nicht mehr da.


So mochte ich einmal wieder vom Silberstein sitzen. Und das aber gibt es g a r nicht mehr – womit der zentrale Spielort des Thetis-Romans, Anderswelt 1, historisch geworden ist. Seltsames, auf der Kippe zwischen sentimentalem Traurigsein und pragmatisch-faktischem Konstatieren oszillierendes Gefühl, als wäre die mit dem Ukrainekrieg markierte Zeitenwende bereits, leise, zuvor angeschlichen, ohne daß wir es merkten. Es zeigt aufgrund des Umstands aber auch persönlich, wie entfernt ich mich habe, so lange nicht mehr in der Oranienburger gewesen zu sein, daß ich nicht einmal weiß, wie lange, und also, daß sich meine … Mist, Wortfindungsstörung, nicht “Kriterien”, sondern die Reihenfolge der Interessen, Überbegriff “Kategorie”, im passiven Wirtschatz ist das Wort, spür ich, noch da, drückt sogar ganz vorn gegen die Verschlußmembran … egal … verschoben haben. Denn Ende der Neunziger bis weit in die ersten Zehnerjahre hinein habe ich mich auf der Oranienburger oft herumgetrieben, teils dort auch ganze Szenen geschrieben. Bemerkenswert, bemerkenswert, und zwar umso mehr, als diese Gegend – namentlich der Monbijoupark – unterdessen zum Lieblingsaufenthaltsareal meines Sohnes gehört.
Wie auch immer, wir fanden Oranienburger/Ecke Tucholski einen feinen Marokkaner. — Nachdem sie dann wieder zurück ins Hotel, spazierte ich, eben wie früher sehr oft, den Weg bis zur Arbeitswohnung heim, wo mich, aufregungshalber der vergangenen Tage, genauer: der drei Wochen, bereits die nächsten Emails erwarteten. Worum es geht, liebste Freundin, werden sie spätestens am Mittwoch in der Presse lesen; noch bin ich angehalten, darüber öffentlich stille zu sein.

Daß ich dabei bin, frühe Texte auf Vorderfrau wie -mann zu bringen, werden Sie mitbekommen haben, etwa die frühen Gedichte und die Verwirrung sowieso, die nun bei meiner Lektorin liegt. Aber nicht alleine dies. Vielmehr habe ich seit vier Tagen die Briefe nach Triest” wieder vorgenommen, um sie endlich zuendezuschreiben. Dafür muß ich freilich erst einmal alles wiederlesen; was bisher entstanden ist und vor vierfünf Jahren dann liegen gelassen wurde, ist ja längst in eine Typoskriptdatei kopiert und dient jetzt nicht der Wiedervergegenwärtigung, sondern muß auch durchkorrigiert werden. Allerdings bin ich erstaunt, wie vieles jetzt schon hält. Einiges aber sollte auch weg oder gänzlich anders gefaßt werden, nämlich das, was nur als Weblog, nicht hingehend in einem gedruckten Roman funktioniert. Deshalb werde ich, wenn soweit vorgedrungen, das Buch auch nicht mehr als Blogerzählung fortsetzen, also 1:1 in Der Dschungel, sondern im Typoskript weiterschreiben und dann immer mal wieder Auszüge des grad Entstandenen einstellen, wie Sie es ja von vielen meiner Arbeiten gewöhnt sind, bevor sie dann als Buch erscheinen.
Plan jedenfalls jetzt: Jeden Tag vierfünf Stunden für die Triestbriefe, die übrige Tageszeit für alles andere verwenden, besonders auch für die Fortsetzung der → Video-Gedichtreihe. Ende des Jahres soll der neue Roman dann fertig sein, vor Lektorat selbstverständlich. Als Erscheinungsdatum sehe ich den Herbst 23; in welchem Haus, sollen meine Verlage unter sich ausmachen. – Wegen der Geschehen der letzten drei Wochen und dem Ereignis, das in diesen Tagen jetzt ansteht, wie geschrieben: Mittwoch und “eigentlich” aber am kommenden Freitag, wird sich mein Arbeitsvorhaben, noch, nicht ganz umsetzen lassen, aber doch teilweise und danach dann ganz.  Insofern ist, daß ich eine angestrebte Funktion nicht erreicht habe – s’ist ohnehin ein “win/win“-Unternehmen gewesen -, poetisch von Vorteil. Wobei ich auf dieses schon hinweisen möchte, es wird Sie, Freundin, freuen:


Soll im September da sein, ich mach es schon mal bekannt. Wobei ich ihn, den September, keineswegs herbeisehne. Erst einmal soll Sommer sein, er wird uns noch früh genug vergehn. → Vorbestellen aber dürfen Sie schon … — À propos! Von der neuen Béart-Edition wird es eine auf dreiunddreißig Explare limitierte handnumerierte und selbstverständlich signierte Sonderausgabe geben, die mit einem vornehmen französischen Klappmesser geliefert werden wird, das der diaphanes-Verleger just dieser Tage in Paris zu erwerben dabei ist. Sie wird 150 Euro kosten, die ersten Nummern sind bereits weg. Insofern bin ich zwar dagegen, jetzt schon an den September zu denken, der Dezember mit seinem Weihnachtsfest ist indessen so weit noch weg, um an ihn zu denken durchaus schon akzeptabel zu machen. (Die Idee zu dieser Sonderausgabe kam → bei der Béartpremiere einer Hörerin, weil der Verlag ein Exemplar ausgelegt hatte, auf dem solch ein edles Messerchen lag. So daß die No 1 da schon war vergeben.)

Mit einem Lächeln,
Ihr ANH

Der hierunter angekündigte Livestream konnte aus technischen, in der Kürze der Zeit nicht mehr behebbaren Gründen nicht ausgestrahlt werden.

Ich bitte alle, die möglicherweise vergeblich gewartet haben, um Entschuldigung.
ANH, 9. Mai, 7.06 Uhr
(Es gibt aber möglicherweise Filmrestschnipsel sowie eine komplette Tonaufnahme, die ich später hier einstellen werden.)

Ab ca. 16.20 Uhr

Heute, 8.5.22, in Berlin: Buchpräsentation Die Brüste der Béart. ESPACE DIAPHANES, Berlin. Mit Elvira M. Gross, Michael Heitz und ANH.


als PDF (zum Herunterladen)

%d Bloggern gefällt das: