Eine Gothic Novel für Alban Nikolai Herbst. Im Buchmesserückblicks- und Arbeitsjournal des Dienstags, den 26. Oktober 2022. Eingeläutet von Aderngeflecht.

 

[Arbeitswohnung, 9.47 Uhr
Allan Pettersson, Sechste]
Verzeihen Sie, Freundin, Sie haben ganz recht. Längst hätte ich zumindest → die Serie meiner Messefotografien fortsetzen, ja sogar abschließen müssen. Aber ich hatte einfach nicht die Zeit, weder auf der Messe selbst, noch sehe ich heute die Möglichkeit – zumal es bereits am vergangenen Freitag das Problem gab, daß sich die Bilder nicht vom Ifönchen auf den Laptop übertragen lieben, bzw. das schon, aber wollte ich sie in Die Dschungel laden, bekam ich dauernd die Mitteilung, dieser Datentyp sei nicht erlaubt. Und um micht darum zu kümmern, war mein Terminkalender wirklich zu voll. Ich werde es aber noch angehen, versprochen. Um einige Aufnahmen wäre es auch definitiv zu schade, würden sie sozusagen unterschlagen werden. Immerhin kann ich von der Messe jetzt erzählen, und will es.

Es war bisweilen schon rauschhaft, auch ganz ohne Alkohol. Was selbstverständlich nicht der Fall war, also daß wir die Zeit abstinent verbracht hätten. Der Schlafmangel kam hinzu, erste Nacht noch fünf Stunden, dann vier, die vorletzte zweieinhalb; da ich, um nicht zu essen zu vergessen, dreimal auch von den THC-Tropfen nahm, geriet die Wahrnehmung zeitlicher Konturen mitunter ins Schwimmen. Andererseits lief ich Kilometer – allein, weil der PEN Berlin -Stand den Elfenbein– und Arcoständen diagonal exakt gegenüberlag, ich also ständig die Halle 3.1 gewissermaßen durchpflügte; über den Tag kommt da einige Strecke zusammen, auch wenn ich immer wieder Zwischenstationen bei Faust, text + kritik und mare machte. Nicht nur dort, selbstverständlich. Ich gebe gerne auch zu, den durch t+k erlangten neuen Status durchaus sehr genossen zu haben, einfach weil ich mich freier fühlte als sonst: Ich mußte nicht mehr defensiv aktiv, also nicht mehr irgendeines zumindest versteckten Mobbings gewärtig sein, gegen das sich zu stemmen gewesen wäre. Es war eher so, daß unvermittelt Leute auf mich zukamen, mir gratulierten, mich auch baten, vielleicht hier und da ein Wort für sie einzulegen, also für ihre Literatur; und immer wieder bekam ich Komplimente für Die Dschungel, etwas, das ich von Fremden so nicht gewöhnt war und es eigentlich immer noch nicht bin. Vor allem, Gesichter zu meinen Zugriffszahlen zu sehen, deren Auslöser mir doch weitgehend unbekannt waren, auch wenn ich wußte, daß es sie logischerweise geben mußte. Das schönste Kompliment machte mir … nein, sag ich nicht. Doch es war extrem überraschend. Und schon war er weg, grad noch mein “O danke” im Fahrtwind.
Bei Faustkultur Michele Sciurda, der finanzierende Verleger: “Warum haben wir noch immer kein Buch von dir?”- Problematische Frage. Ich wußte ja, sagte ich eines zu, daß ich meinen anderen Verlagen gegenüber illoyal würde, Also “ich schau mal” gesagt. Mein Arco-Verleger verzog denn auch, als ich davon erzählte, das Gesicht. Die Lösung dann | war – nicht meinerseits, sondern vom Schicksal – genial. Abends nämlich fand das Messepräsenzfest der → edition faust statt, auf dem der Verlag seine Autorinnen und Autoren vorstellte, übrigens wunderbar von Harry Oberländer moderiert. Und da dann sprach er mit dem Zeichner Alexander Pavlenko, der für Faust den Faust I als Graphic Novel gestaltet hatte.

Nun haut mich dieser erste Faustteil bekanntlich nicht vom Stuhl; ich weiß einfach nicht, was ein Intellektueller vom Schlag des Doktor Faustus von einem Mauerblümchen will – daß sowas nur katatrophal enden kann, ist so logisch, daß mich Langeweile überkommt. Anders aber, liebste Freundin, völlig anders ist Faust II. Und da nun sprach Pavlenko den Satz: “Ich verstehe, daß Faust II für viele Menschen schwer zu verstehen, weil einfach zu komplex ist; für einen Zeichner aber ist jede Szene ein Rausch.” Und ich, ich wußte. Mit dem Mann willst du was tun! Es war, ums philosophisch zu stanzen, von unmittelbarer Evidenz.
Gut, die Veranstaltung war vorbei, ich stand schon draußen vorm → Papageno, der, wie’s heutzutage heißt, “Location” des Abends, stand rauchend mit Sascha Anderson im Gespräch (über Lyrik, na klar, über Lyrik, nix sonst), und Sciurba erschien. Ich: “Michele, sag mal, du hast doch wegen eines Textes gefragt. Was hältst du denn davon, wenn ich eine Erzählung gebe, und ihr macht eine Graphic Novel daraus?” Er: “Sofort, ja sofort! Was eine I d e e !!!” — Nächstentags am Fauststand, Pavlenko war da, signierte, signierte mit jedesmal einer eigenen Zeichnung, die Bücher waren im Nu verkauft, es war Sonnabend, der Auslieferer nicht erreichbar, ärgerlich, aber auch schön, sechzig Exemplare in kaum einer Stunde warn weg. Eigentlich wollte und sollte ich mit dem Zeichner sprechen, es hatte keinen Sinn, neue und neue Menschen drängten um Autogramm und Bild herbei. “Kommen Sie doch zu Arco, einfach nur den Gang bis ganz nach vorne runter.” – Und schon war er dann auch da.
Arcoverleger Haacker überreichte ihm → mein NewYork-Buch. Wir plauderten, er ging nochmal weg, kam mit zwei seiner großen Arbeiten zurück, es läßt sich längst “berühmten” sagen: “Le Fantôme d’Odessa” sowie “Herzl: Une Histoire Europeenne”, die er beide durchblättern ließ, zu denen er erklärte. Ich fühlte mich nur noch bestätigt. Ja, mit ihm wollte ich arbeiten – auch wenn mir, oder vielleicht gerade weil mir Comics und Graphic Novels erst recht, lebenslang fremd geblieben sind. Jetzt aber kommt mir die … nein, nicht “Übertragung” oder “Übernahme” in eine Graphic Novel geradezu wie eine Verfilmung vor, aber eine von der Art, die schließlich gleichberechtigt neben dem Buch steht und nicht etwa pure Illustration ist. Wobei ich an Faßbinders “Berlin Alexanderplatz” von Alfred Döblin denke, nicht etwa an die flachen Hollywoodverfilmungen à la Karamasov. – Jedenfalls, bevor ich an Die Dschungel ging, brauchte ich gestern die Zeit, meine Wahlerzählungen herauszusuchen und zu formatieren sowie sie Pavlenko zu mailen. (Abends kam mir dann noch eine in den Sinn, eine, die sich sogar ganz besonders eignen würde. Wieso war sie mir nicht gleich eingefallen? Egal, jetzt schaue ich erst mal).

Dies also das. Daneben lief allezeit der PEN Berlin – Stand auf ziemlichen Hochtouren, auch interner Aufrührchen wegen, über die ich jetzt nichts schreiben mag und auch sowieso nichts – allenfalls das, daß es um den diesjährigen Buchpreisträger, Kim de l’Horizon, ging, der halt zugleich eine Buchpreisträgerin ist, mithin binär — läßt sich “veranlagt” sagen? Und auf den sich ein übler Shitstorm gestürzt hatte. Wir sollten dazu Stellung nehmen, explizit. Ich meinerseits fand, daß dieses deutlich genug war und also, wie das Wort es sagt, genügte:


Das tat es offenbar nicht. Eine unserer besonders empfindlichen Fraktionen bekam schließlich den folgenden Post:


Nà, meinetwegen. Wenngleich ich – Achtung, ich persönlich, nicht “ich-als-Mitglied-des-PENs Berlin”! – meine, daß Reaktionen solch böser Art in unserer zu diesem Thema hocherhitzten Gesellschaft zu erwarten und möglicherweise durchaus einkalkuliert waren; sie lassen sich als erwünschte Buchwerbung sehen, vor die wir nun mit eingespannt wurden, ganz vorne als zweites Zugpferd neben dem Buchpreis-an-sich. Sozusagen im Schwitzkasten machten wir mit, kurz vorm Abklopfen auf der Matte – abermals: meine Einschätzung oder auch gerne “persönliche Interpretation”. Wobei übrigens auch dieser zweite Post immer noch nicht genügt hat. Doch wär es Zeitverschwendung, auch darauf einzugehen; ich ginge jede Wette ein, daß das Geschehen Gegenstand auf der Jahreshauptversammlung des Berliner PENs anfang Dezember werden wird. Zum Buch selbst übrigens kann ich nichts sagen; mein Eindruck aus dem, was ich hörte und las, läßt mich vermuten, daß der|ie Autor|in tatsächlich einiges, auch und gerade formal, gewagt hat. Was mich mit dem Text-für-sich deutlich symapthisieren läßt, ohne daß er mich wirklich interessierte. Es ist wie mit Frauenliteratur ./. von Frauen geschriebener Literatur. Letztre verschlinge ich grad, unterdessen geradezu süchtig; um erstere mache ich Bögen wie um jeglich andere Ideologie. (Britten hat niemals “schwule Musik” geschrieben, nicht einmal schwüle. Sondern — Musik, und zwar große.)
Nett – dies noch nachgetragen – war schon das Aufrührchen No 1. Nämlich hatte die Messe dem Berliner PEN d i e s e s Schild verpaßt, ohne die handschriftliche Korrektur selbstverständlich:


Das erste Wögchen schwoll denn gleich auf: Wir maßten uns an, jetzt schon der PEN-insgesamt zu sein; das “jetzt schon” läßt freilich stutzen, aber nur dieses zurecht. Wobei sich Arco hätt achsenermächtigen können, indem – wiederum nicht der Verlag, sondern die Messe – Wien heim ins Reich holen ließ (leider hab ich kein Foto). Das Schild nämlich d a ließ uns lesen:

___________________________________
ARCO Verlag . Wuppertal & Wien . Germany

Protesterl gab es keine. Statt dessen wurde h i e r nur gelacht.

Und klar, es ging auf der Messe auch immer wieder um die Triestbriefe, ging auch um meine Schriften zu Literatur und Musik. Vor allem aber hatte meine Lektorin, Elvira M. Gross, die leider bereits freitagmittags zurück nach Wien fuhr, eine grandiose Idee. “Warum sprichst du nicht Anderswelt als Hörbuch ein?” Da saßen wir bei Arco. Elfenbein übrigens gleich gegenüber. Jedenfalls war ich Flamme erst, dann sogar Feuer, auch wenn ein Hörbuchverlag, den mir Elfenbeins Verleger empfohlen, gleich bisserl Wasser draufkippen mußte. Aber ich denke mir, wenn die Verlage nicht wollen, gut, dann richte ich eine Onlinepräsenz eigens für dieses Projekt ein. In den kommenden Wochen werde ich jeden Tag eine Stunde einsprechen, und zwar beginnend mit THETIS. “Dann könnte ich mir”, so weiter Elvira, “die ganze Anderswelt doch anhören.” Also, Freundin, imgrunde werd ich’s alleine für sie tun und dann sehen, was sich draus machen läßt. Heute schon wollt’s ich beginnen, aber dieser Text hier wird überraschend lang, da werd ich’s kaum mehr schaffen. Ich werd ja noch korrekturlesen müssen.

Elvira also war fort, da fragte Sciurba, ob ich nicht abends mit ihm, seiner Frau, Oberländer und Pavlenko essen gehen möge. “O eigentlich gern. Aber ich bin mit meinem Arcoverleger und Konrad Kuhn verabredet, einem seiner Übersetzer, der eigentlich aber der Magendramaturg von Claus Guth und hier an der Oper Dramaturg ist. Denen mag ich nicht absagen.” “Dann kommen die beiden einfach mit.” — Was geschah. Und s o fing der grandiose Abend – ach, leider ohne Elvira – an:


Mehr muß ich dazu, glaub ich, nicht schreiben. Doch auf ein andres zu sprechen noch kommen, — daß Helmut Parallalie Schulzes tetraglott nämlich erschienen ist, nicht nur ein Meilen-, nein Hundertkilometerstein für meinen Freund:


Und auf welches Interesse das Buch stieß, besonders bei den Lyrikern! Es war einfach klasse, auch wenn der Pilotenstreik verhinderte, daß der Dichter selbst erscheinen konnte. Am Morgen seines geplanten Abflugs von Rom wurde der Abflug gestrichen. Andernfalls hätte er vorgelesen. Jetzt werden wir sehen, für ihn in Berlin  eine Veranstaltung zu bekommen, direkt im Umfeld des PEN Berlin – Kongresses anfang Dezember. Als Gründungsmitglied sollte er eh nach Deutschland kommen; die Lesung freilich liefe getrennt. Ich denke ans → ausland oder sogar das → Haus für Poesie. Doch darum soll sich der Verleger kümmern; ich selbst stünde freilich “nachzuhaken” bereit, muß aber ja selbst erstmal einen Ort für die → Béartgedichte finden. Wofür ich eine Idee schon habe, aber noch das Konzept schreiben muß, bevor ich dann endlich wieder an die Triestbriefe komme.

À propos: Da Elvira und mir die Karlsruher Lesung abgesagt wurde, die am 18. hätte stattfinden sollen, hatte ich einen ganzen Tag Zeit,  wie in Triest die Triester nun die Frankfurtmainer Spielorte des Romans aufzu- oder überhaupt erst zu suchen, Was ich nutzte. Mindestens dreißig Kilometer bin ich an diesem Tag gelaufen und hab nun fast hundert Bilder, ja, ganz zum Schluß fand ich sogar den Blumenladen, den ich im Roman an einen Ort “verfrachtet” hatte, der nicht einfach nur nicht ging, sondern für so ein Geschäftchen auch restlich absurd war. Doch, Freundin, schauen Sie mal:

 

— und das in diesem “Schatten”! :

 

Ich war vor Freude nur noch geflasht. Ganz ganz kurz vor Messebeginn. Nun stimmt hier (beinah) alles, vor allem der Weg vom Lädchen zu Yōseis Zimmer in der Nordend/Bornheimer Herbartstraße 13, auf dem, dem Weg, die Sharonsídhe sich aus der Windsbraut herauslöst. Es war wirklich kaum zu fassen, ist es eigentlich immer noch nicht.

Hab ich jetzt was vergessen? Ah, stimmt, ich war bei Phyllis Kiehl, die mich zum Südbahnhof fuhr, weil ich nun wirklich viel Gepäck bei mir hatte:

Doch nicht nur das. Selbstverständlich wollte sie → mein Tattoo sehen – und war doch sehr erleichert, daß es gar nicht wie eines, sagte sie, aussieht, sondern viel eher nach Malerei wirkt. Doch etwas anderes machte sie stutzig: “Du hast den Körper eines Jugendlichen bekommen nach dem Krebs.” Was mir auch schon aufgefallen war, mehrfach, logisch. Nur der Körper, nicht das Gesicht, ebensowenig die Hände. “Eigentlich müßte man davon eine Fotoserie machen. Es hat etwas von einem Wunder. Selbst dein Körper ist Literatur, fügt sich komplett in die Fiktionen.” Was ich allein als Gedanken spannend finde. Und wäre also offen auch hier. “Leider bin ich keine Fotografin. Aber vielleicht eine gezeichnete Serie …” Womit schon wieder die Graphic Novel im Raum stand.
Jedenfalls ein schöner Vormittag, als Abschluß wirklich gerundet.

Und damit gerundet | ist nun auch dies.

Ihr, liebste Freundin,
ANH

Sie fragen, weshalb das Handbild oben? Es hat mit dem Tattoo zu tun.

„vom Wurzelfassen / im Bodenlosen“. Eine Videofantasie mit Originaltönen zum Casino: Marianne Fritz im Literarischen Colloquium Berlin am 13. Oktober 2022. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 15. Oktober 2022, in dem überdies auf die Werkschau im Literaturforum Mousonturm, Frankfurt am Main, sowie die Buchmesse vorausgeschaut wird.

                                                               Ein jeder Held braucht seinen Sänger.
                                                                    Homer

 

 

[Arbeitswohnung, 8.45 Uhr]

Daran habe ich jetzt einen kompletten Tag gesessen, gestern. Heute früh wurde hochgeladen, sowohl zu Vimeo als auch → zu Youtube:

Das Video hätte bei mehr Zeitaufwand besser werden können, doch muß ich mich nun dringend auf Frankfurtmain vorbereiten; mein Flixtrain fährt morgen sehr früh. Und ich denke, für eine Impression ist auch dies Ding schon ganz fein. Ich hätte auch mehr Clips, nicht nur Fotos aufnehmen sollen, war → an dem Abend aber vor allem aufs Ohr konzentriert. In Premiere pro kostet die Umwandlung von Fotografien in bewegte Fahtren enorme Systemkapazitäten, was bei mir immer wieder zu Programmabstürzen führt; dann muß ich wie eine Katze hartnäckig sein, die man zwanzig Mal vom Essenstisch herunterhebt, doch nur erreicht, daß sie ein einundzwanzigstes wieder hinaufspringt. Der kluge Mensch gibt irgendwann nach und läßt sie etwas naschen. Sie dankt es einem mit Freundschaft. Nur ist ein Progrsmm halt kein Mensch

Schon morgen also nach Frankfurt, weil nachmittags, ja, am Sonntag, eine wichtige Mitgliederversammlung stattfindet. Immerhin werde ich so tagsdrauf Elvira M. Gross vom Bahnhof abholen können, mit der ich dann den letzten Durchlauf für am Abend die → Werkschau im Literaturforum Mousonturm proben werde können. Weil eigentlich, zumindest zur Ansicht, mein gesamtes Werk dort sein sollte, werde ich einiges zu schleppen haben, etwa auch die zur Zeit nicht mehr greifbaren Ausgaben. Auf alles werden wir, Elvira und ich, aber ganz gewiß nicht zu sprechen kommen können. Wir wollen den Abend als ein durchlaufendes Gespräch gestalten, aus dem immer wieder mit jeweils sehr kurzen Lesungen ausgebrochen wird, die in es aber wieder zurückführen sollen – ein wenig in der Art der → Béartpräsentation in diaphanes’ Berliner Espace. Da war unsere Art, einen Literaturabend zu gestalten, geradezu begeistert aufgenommen worden. Und bei einem so ausufernden Werk wie dem meinen kann nicht jedes Buch eigens besprochen werden, es wird um Übersichtslinien gehen, Motivfolgen, ja -strömen. In denen auch dies hier, Die Dschungel, nicht unangesprochen bleiben kann. Ah, könnte Björn Jager, den Leiter des Forums, schnell noch anmailen und fragen, ob er einen Projektor bereitstellen kann, der aus dem Netz Die Dschungel an die Wand wirft. – Moment.

[9.28 Uhr]
Getan. Außerdem würde ich gerne auch von den → Gedichtvideos eine vorführen, eine kurze, selbstverständlich. Es ließe sich sogar überlegen, ob man nicht zum Abschluß, wenn jede und jeder bereits das Weinglas in der Hand hält, eine der großen Bamberger Elegie abspielt.
Darüber werde ich mich, nun gut, noch beraten, sei’s mit Elvira, na sowieso, sei’s mit Björn Jager. Und soeben habe ich eine berauschende Idee fürs LCB, wo ich vorgestern ohnedies schon mit Florian Höllerer, da wegen einer Béartperformance, sprach. Aber psch! noch kein Wort!! also nicht zu dem jetzt. Aber d a s wäre … — (Wobei es eigentlich ins Haus für Poesie gehörte. Nur gibt’s dort den nötigen Raum nicht.) — Klappe, Herbst!

Ist der Montag “rum”, geht’s an die Messe; vielleicht, daß ich bei Arco und Elfenbein beim Aufbau helfe, sei`s daß Elvira und ich den Tag anders verbringen; die eigentlich für Karlsruhe vorgesehene Lesung, ebenfalls mit Elvira, aber “nur” die Béarts, ist leider ja gecancelt worden. Auf jeden Fall sind zum PEN Berlin-Stand zu bringen, wo ich während der Messetage voraussichtlich auch draus vorlesen werde. Wenn, dann muß es ja terminiert werden; kann auch sein, daß alles längst belegt ist. Wir werden sehen.

Aber, Freundin, zur Buchmesse m e h r werde ich, wie Sie’s aus den Zeiten vor Corona → gewöhnt sind, schreiben, wenn sie läuft. Jetzt muß ich erstmal aus dem Morgenmantel raus (gräßlich, sitze schon wieder um zehn noch immer so herum), dann in den Anzug rein und die Krawatte binden, um mit den Reisevorbereitungen beginnen. Es ist doch wirklich viel zu packen. Immerhin werde ich mich, weil’s schon so früh am Morgen losgeht, nicht groß um Reiseproviant kümmern müssen; es reicht, wenn ich für die Fahrt den Eiweißdrink abends vorbereite und zum Aufbruch aus dem Kühlschrank nehme.

Das Bad ruft. Mich, Geliebteste, und schlägt nun schon zum elften Mal den Gong.

Ihr ANH

Der Untergang des Abendlands 3.0
Bemerkungen zur Dekadenz anläßlich der abgesagten Buchmesse Leipzig
Als Arbeitsjournal des Dienstags, den 4. März 2020

[Arbeitswohnung, 7.32 Uhr]
[Wieder morgendliches Vogelkonzert bei weit geöffnetem Oberlicht.
Ich mag gar keine Musik hören — so schön bereits klingt der schon rufende Frühling.]

Bei meinem Apothekerteam hängt hinter den Verkaufstresen ein auf DIN-A4-Papier ausgedrucktes, quasi, Schild:

Bitte?” frage ich. “Sind jetzt schon Hamsterkäufe im Gang?”
Der junge Apotheker lächelt gequält. “Nun jà”, sagt er, “da von morgens bis abends in keinem Radioprogramm noch von etwas anderem die Rede ist … Die Leute geraten in Panik.”
Und später am Tag lese ich die Nachricht, es hätten selbst Krankenhäuser einen Engpaß bei den Desinfektionsmitteln.
“Eine prima Methode”, sage ich, “von den wirklichen Problemen abzulenken. → Schauen Sie nur an die griechische Grenze, dieses erneute furchtbare Flüchtlingssterben …”
“Es ist sogar schon wieder von Schießbefehlen die Rede …”
Manchmal wird mir schwindlig, wenn ich bedenke, wie viel von all dem, was ich in → THETIS erzählt habe (“utopistisches Tamtan”, → Hubert Winkels), innerhalb der seither vergangenen zweiundzwanzig Jahre über uns bereits hinweggeflutet ist und ist. Wir haben uns längst dran gewöhnt. Da kommt der neue Virus wahrlich fürpaß. Und nachmittags knallt dann der Knoten:

Vormittags noch hatten Cristoforo → Arco und ich dessenthalben Mails gewechselt; ich meinerseits war zuversichtlich gewesen, es würde solcher Unfug nicht geschehen; er hingegen äußerste sich mehr als nur skeptisch. Und bekam nun recht.
Da war ich wirklich fassungslos. Dreihundertneunzig Infizierte — in Zahlen: 390 — sind bislang für Deutschland bekannt, denen gegenüber am Influenzavirus, Zitat von → dort, “laut Robert Koch-Institut (RKI) in der laufenden Grippesaison bereits über 3500 Patienten so schwer [erkrankten], dass sie im Krankenhaus behandelt werden mussten. 32 Menschen, die an Grippe erkrankten, sind sogar gestorben”, — an einer Krankheit mithin, die sich ganz ebenso “gut” auf Buchmessen verbreitet. — Und hat schon mal, Leserinnen, wer davon gehört, daß aufgrund der im vergangenen Jahr 3059 Todesfälle im Straßenverkehr — bei auf den Straßen verletzten 384 000 Personen —  auch nur erwogen worden wäre, den Verkehr ganz einzustellen? Wie viele Todesfälle sind es hierzulande beim Coronavirus bisher? Acht, neun, zehn? Und kann es nicht jeder und jedem von uns selbst überlassen bleiben, ob wir das Risiko eingehen, uns möglicherweise zu infizieren? Sind wir freie Menschen oder längst schon an Fäden geführt?
Es ist zum Verzweifeln. Die Verlage und Aussteller jedenfalls, die an der Buchmesse teilnehmen wollten, hatten — außer einem chinesischen oder japanischen Manga-Verlag (ich finde gerade den entsprechenden Artikel nicht mehr, er stand in der Süddeutschen)— ausgesprochen deutlich gemacht, sich an der Hysterie nicht beteiligen zu wollen, schon gar nicht an ihr mit schuldig zu werden. Sie alle wollten kommen.

Was wirkt hier, also außer einer gesetzlichen Bestimmungsmanie, die noch das allerletzte Risiko wegschreiben will? Sie ist ja wirklich erhellend, diese Begründung der Leipziger Stadt, → sie habe der Aufforderung des Bundesgesundheits- und des Bundeswirtschaftsministeriums zu folgen (“habe zu folgen“, deutscher geht’s nicht), daß “eine Rückverfolgbarkeit von Kontaktpersonen bei Großveranstaltungen” gewährleistet sei. “Es verfügte u.a., dass jeder Messeteilnehmer schriftlich belegen müsse, nicht aus definierten Risikogebieten zu stammen oder Kontakt zu Personen aus Risikogebieten gehabt zu haben.” Das sei angesichts von rund 2500 Ausstellern und rund 280.000 erwarteter Besucher nicht sicherzustellen. — Ja, in der Tat, das wäre es nicht gewesen.
Sicherheit wird Gesellschaften offenbar zum Fetisch, die sicherer leben als jemals zuvor. Halten wir uns zugleich den, seit Beginn der Siebziger, → Rückgang der Intelligenz vor Augen und mischen die → zunehmende Unfruchtbarkeit, bzw. Zeugungsunfähigkeit der in den wohlhabenden Industrieländern jungen männlichen Weißen hinzu, bleibt eigentlich nur noch eine Erklärung:

Dekadenz.

Ihr Zeichen war es stets, daß Bauchnabelsausen zu gefühlte Katastrophen wurden, so, als gäbe es im Menschen ein Bedürfnis nach Bedrohung — vielleicht um erweisen zu können, man sei ihr gewachsen, mithin ein Mensch, der tatsächlich lebt —, und da es nun objektiv fehlt, muß es konstruiert werden. Das permanente → sich Belästigtfühlen, die Empfindung, von geringsten Unannehmlichkeiten persönlich bereits verletzt zu sein, die Absurdität, daß bereits ein Mißbrauch sei, wenn ein, sagen wir, Straßenarbeiter — der es, im Schweiß seines hart schuftenden Körpers, fast dankbar als momentane Erlösung erlebt, wenn eine hübsche Frau an ihm vorbeiflaniert — einer hinterherpfeift, die ihm gefällt … meine Güte, kann er etwas dafür, daß ihm diskretere Wege nicht beigebracht worden sind, sein Gefallen zu zeigen? — ach stimmt ja, er darf es sowieso nicht mehr …; überhaupt #Metoos  sensibelchenst → Genderfinessen (und ihre, wahrhaft, Raffinessen!), meine hart im Leben gestandene Großmutter hätte “Fisimatenten!” geächzt; und insgesamt das Risiko als etwas zu betrachten, das eine und einen klein werden läßt, statt daß es, wie es in Wirklichkeit ist, uns groß machen könnte (Thomas Erdlmeier: “Ich bin nicht auf der Welt, um klein zu sein!”), all das paßt erschreckend ins Bild.
Manchmal seufze ich dankbar auf, wenn ich die Flüchtlinge sehe in ihrem tatsächlichen Existenzkampf — und daß vielleicht sie nun dem vor sich hin larmoyierenden Europa neue Kräfte schenken, und sei es nur, weil eben ihre Zeugungsfähigkeit (und ihr Zeugungs- und Empfängniswille) noch intakt ist. Ja, illusionär, ich weiß, angesichts von → داعش, mittelalterlichem Patriarchat und Bildungsnotstaat — aber dennoch. Oder, wie es im Vorspiel zu THETIS heißt:

Bürgersteige ebnen, damit man die Straßenseiten leichter wechseln kann, heißt: einen geheizten Aufzug auf den Mt. Everest installieren: Alles soll allen zu­gänglich, alles soll zu kaufen sein. Und dann sitzen sie auf den herrlichsten Gipfeln der Welt bei Schwarz­wälder Kirsch und Prosecco und machen es den Lebenden bitter, noch irgend einen Gipfel in Lust auf Schweiß und Gefahr hinaufzuklimmen, weil, was sie oben dann fin­den, vergammelte Coca-Cola-Dosen sind. So ist es auch mit den Städten. Dein Atem, Buenos Aires, wird Dir weg­gepflastert werden, und an den roten, normiert zugeschnit­tenen Industrie­sandsteinen wirst Du ersticken, und all die Abweg­senken für Kinderwa­gen und Fahr­radwege werden dich kotzen ma­chen, und das Gut­gemeinte wird Dir die Seele Stück­chen für Stückchen ziehen.
Thetis.Anderswelt, 22

Fast möchte ich mit → Gloucester ausrufen:

– / – / –   | I cannot tell: the world is grown so bad,
That wrens make prey where eagles dare not perch
!
Shakespeare, Richard III, 1,3

Wie also soll das jetzt werden? Machen wir die Opernhäuser zu, die Theater, die Kinos? Dann gleich die Schulen mit, die Universitäten, und schließlich erfolgt ein Ausgehverbot? Plätze, auf denen viele Menschen zusammenkommen, werden eh gesperrt? Ach, und die Straßenbahnen, UBahnen, Busse! Die Deutsche Bahn stellt sowieso den Verkehr ein, Supermärkte werden nur noch nach vorherigem peinlichen Gesundheits-Check betreten, Einkaufsarkaden prinzipiell geschlossen. Welch Sieg der social networks dann! Irre modern. Die Flüchtlinge freilich — nicht Kinder, sondern Fliehende sind es, voller Panik und in Not — hält solcher Unfug mit Recht nicht ab, denn dieser Virus — hab ich’s schon gesagt? — hat selbstverständlich auch einen, da sieht’s die AfD mal wieder, wenn auch nicht grad islamischen, so doch → konfuzianischen Migrationshintergrund, zudem kommunistisch … fremd ist fremd, “deutsch” sowas nicht.
Indes, auch “wir” ham unsre Märchen und könnten es verstehen: “Etwas Besseres als den Tod findest du überall …”. Schon setzen sie alle sich Masken auf ihre so fremden Gesichter, Esel und Hund, Katze und Hahn, krabbeln aufeinander und lassen furchtbar Gezeter erschallen, so daß wir Räuber selbst hinaus, sämtlichst aus der Festung Europa, nur so stieben! Und niemand von uns ward mehr gesehen. Das wär “Überfremdung”? Nein — Erneu’rung vielmehr, Gesundung unsres Abendlands.

Die Leipziger Buchmesse 2020 ist also abgesagt. Wie lächerlich dies alles, wenn es, ach, nicht eigentlich nur peinlich wäre …

Ihr ANH
11.20 Uhr

NACHTRAG, 12.18 Uhr:
Die eigentliche Pandemie verschuldet nicht der Coronavirus, sondern der Virus renuntiationis:

Suche in Leipzig vom 12. – 14. März einen Schlafplatz.

Vielleicht hat ja jemand aus meiner Leserschaft so etwas für mich bereitstehen …  (Zwei gebuchte AirBnb-Buchungen wurden mir gestern und heute in Folge storniert. Weitere, die erschwinglich wären, gibt es nicht mehr.)

Dank im voraus,
ANH

22.25 Uhr:
Dank an Daniel Eckert-Lindhammer, der mir bei Facekook den Schlafplatz angeboten hat — etwas, das ich mit Freude annehme.

Arco und Septime im Buchquartier Wien, 7. und 8. Dezember 2019

 

 

 

——————————————————————————————————————————————

——————————————————————————————————————————————

Buchmesse Frankfurt am Main 2019. Der zweite Tag. Darin vor allem: Bersarin zu Peter Handke und den Rankünen im Betrieb. Sowie Arco und Wieser, Elfenbein und mare sowie das Fest von Septime.

Dieser Essay ist bemerkenswert, mehr als nur das: >>>> Dort:

Peter Handke und die kargen Lemuren: Jagoda Marinić, Saša Stanišić, Sophie Paßmann samt Stokowski

 

Und dann, in der SBahnStation Ostendstraße eine Gedenktafel, die ebenfalls Korrektur ist – eine genauso notwendigste:

Dies aber erst auf dem abendlichen, komplett verregneten Weg zur Zehnjahresfeier des Septime-Verlages im Kunstverein Montez. Zuvor hatte Lojze Wieser unter den Tisch gemußt,

freilich, nachdem Ingo Držečnik, Verleger des Elfenbein-Verlages, auf der “Leseinsel” der unabhängigen Verlage die Neuausgabe der – in der Übersetzung Joachim Kalkas – Werke Arthur Machens vorgestellt hatte:

 

 

 

 

 

 

Dann immer wieder zu Arco und der schönen Neuausgabe der Tigerin:

 

Und stets ein Sprung zu meinem vierten Verlag, mare:

 

 

 

 

 

 

Doch schließlich, nach einer unterträglichen “Lesung”, über die ich nichts schreiben will. weil mich ihre Miesheit derart schockierte, daß ich’s keine zehn Minuten aushielt, sondern geradezu flüchtete, durch strömenden Regen zumal und dazu unversehens furchtbar allein, – schließlich also im Kunstverein Montez Lesungen und Feier des Septime Verlags bis gegen Mitternacht:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und wieder, durch strömenden Regen irrend und verirrt, irgendwie heim in mein Gastheim. Schockiert freilich war ich noch vorhin beim Aufwachen – und weiß überhaupt nicht, wie mit der grauslichen Erfahrung umgehen, die ich vor dem Fest gemacht, und nicht mal, mit wem drüber sprechen, ohne daß ich verletze. So werde ich gleich gedrückter Stimmung auf die Messe gehen, zumal meine Lektorin in diesen Minuten >>>> kärntenwärts in den Zug steigt.

%d Bloggern gefällt das: