Aus Anlaß seines Todes noch einmal der
ABAKUS FÜR ROR WOLF

Schöffling & Co. teilen zu auch Der Dschungel Trauer mit:

Bild aufgrund eines Urheberrechtsein-
spruchs
gelöscht. Statt dessen auf das-
selbe Foto hier ein → LINK.

[Foto (Ror Wolf): © dpa]

Ein Dunst liegt über Dakota,
und über Nevada liegt Rauch
und Qualm über Minnesota.
Am Ende liege ich auch.
Ror Wolf: Das nordamerikanische Herumliegen. 2005

 

Wir trauern um Ror Wolf, der gestern im Alter von 87 Jahren nach langer Krankheit in Mainz gestorben ist.

Ror Wolf wurde 1932 in Saalfeld/Thüringen als Richard Georg Wolf geboren. Nach dem Abitur verließ er 1953 die DDR. In Westberlin und später in Stuttgart arbeitete er als Straßenbauarbeiter, Zeitschriftenvertreter, Druckereihilfsarbeiter und Angestellter einer Werbeagentur. Von 1954 bis 1961 studierte er Literaturwissenschaft, Philosophie und Soziologie in Frankfurt am Main, Hamburg und wieder in Frankfurt (unter anderem bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Walter Höllerer). Seinen Lebensunterhalt verdiente er in dieser Zeit als Mitarbeiter verschiedener Marktforschungsinstitute.

Ab 1957 veröffentlichte er in der Frankfurter Studentenzeitung Diskus Prosa, Gedichte, Bildcollagen, Aufsätze und Kritiken. Von 1959 bis 1963 leitete er das Feuilleton des Diskus. Von 1961 bis 1963 war er Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk und verantwortlich für das Studio für neue Literatur. Ab 1963 lebte er als freier Schriftsteller. Er verfasste neben Lyrik und Prosa auch Hörspiele und Radio-Collagen und machte sich auch mit seinen Bildcollagen einen Namen. Sein gesamtes Werk ist vom Spiel mit der Groteske geprägt.

***

Aus diesem Anlaß hier noch einmal den in Der Dscbungel bereits im November 2018 eingestellten, für die horen geschriebenen und dort in der Nummer 241, Ausgabe 1/2011 erschienenen

 

Abakus für Ror Wolf

Fliegende Fische über den Rücken der Gouvernanten, deren eine uns, auf einem anderen Bild, mit einem zu großen Auge betrachtet, derweil eine Spritze aus des Mädchens Ohr den Saft zieht – verborgene Säfte mit Benn, der oben Bläue sah, doch unten wimmelnd Getier. Verborgenes sichtbar zu machen: die Chinesische Mauer als Raupe und Wasserfälle, die sittliche Damen bespritzen, deren glücklich Mutteraug einen riesigen Fischkopf besieht, Struwwelpeter, Käptn Marryat und Jules Verne. Wie Tarzan springt übern Teich HansguckindieLuft an Liane.

Wirklichkeitsverschiebung, um Wirklichkeiten zu durchdringen: hier wirkte zu Anfang Max Ernst. Ror Wolf bedient sich der bürgerlichen Enzyklopädien der Gründerzeitgesellschaft: die Industrialisierung hat in ihre Ästhetisierung gefunden, selbst der Stahlelefant ist zitiert. Was aber bei Verne die Lebensrahmen letztlich befestigt – Technik als verläßliche Form, da ist für Pessimismus kein Raum -, löst Wolfs Montagetechnik auf und zeigt das Ungeheure. Ein wimmelnd Getier nun der Gegenstand selbst, als verdinglicht sichere Ware. Dieses Sicher ist aber nur scheinbar, denn die Objekte schützen nicht länger, vielmehr öffnet ein jedes gefährliche, doch auch gefährdete Räume. Von Traumlogik ließe sich’s sprechen, wäre die nicht, aus dem Standpunkt des Materialisten gesehn, eben jene Psychose, die aus den Korsetts bricht und mit der feinen Grausamkeit wirkt, die nahezu immer dem Charakter der Meisterschaft eignet. Nicht beliebig sind diese Bilder aus Objets découpés komponiert, sondern vermittels einer unheimlichen Folgerichtigkeit, die bei Ror Wolf zugleich die Leichtigkeit einer poetischen Verklärung hat – einer freilich des Seelenlosen, weil vom Fehlen der Seele erzählt wird. Nicht der Seele des Ganzen, der „Natur”, wohl aber der des Subjekts. Aus diesem Grund macht so vieles den beklemmten Eindruck der Gemütlosigkeit. Auch das paßt zur Psychose, wie freundlich das ist und wundert sich nimmer, nicht übern Geier im ausgeplüschten Schlafraum, darin ein Mädchen der zugeneigten, aufs Bett geworfenen Freundin aus einem achtsam gefalteten Brief vorliest, sicherlich mit gedämpfter, samtener Stimme, nicht über die Möve, die selbstbewußt den Kolonialismus betrachtet, eine negroide, sehr junge Frau, Dienerin wohl in gutem Hause und Harem und so auch geschmückt, da sie doch einst Prinzessin zu Saba gewesen. So auch reicht, noch in Fleisch, dem Betrachter im Gehrock halbnackt die Pharaonin den Stab wie zur lockenden Abwehr, da sie doch Statue ward. Er, ohne Erregung, hält seinen Arm sich im Rücken; die Hand dabei liegt auf dem Strumpffuß der Dirne, die unterm Umhang versteckt ist. Daran, im Zentrum, geht es, das Paar, fast zugrunde – als Paar, und zwar an der Gesittung der vielen Services für Tee und Kaffee; z u vieler, als daß sie noch dem gemeinsamen Frühstück könnten dienen. Wo fand die Frau das Billett, das sie dem Mann da abgewandt reicht, und enttäuscht? In dem Gemälde rechts oben erwartet Salomés Mund seinen Kniefall.

Es lohnt sich bei Wolf, zur Lupe zu greifen: Ottomar Anschütz, Lissa (Posen) – doch aus der Platte mit Schlitzverschluß schlängelt kein Auslöserkabel; vielmehr ist’s ein Gummischlauch mit dem Balg des Klistiers. Vieles bei Wolf verweist aufs Organe, und überall finden wir Spuren des Todes, der nicht einfach „Weg!” ist, „Vergangen!”, sondern Verwandlung durch Würmer, wo sich die Welt, scheinbar, fixiert hat. Das spiegelt Bedrohungen wieder, zugleich aber auch die naive, teils überhebliche Beruhigung des Personals. Sie ist unsere Beruhigung geblieben. Der Mensch bei Max Ernst bemerkt noch, was ist; er erschrickt oder will auch die Unheil1. Ror Wolfs Personen aber sehen meist gar nicht, was vorgeht. Es ließe sich denken, die Unheil, wenn sie auch zufaßt, erreicht die Wirklichkeit der Betroffenen nicht. So brandet die Welt um sie herum und schäumt durch die Zimmer, darin die Familie den Bratapfel ißt und hört im Kachelofen das freundliche Feuer. Über den Plafonds liegen Echsen. Wir gehn durch sie durch, als merkten sie uns nicht, da auch wir sie nicht merken. Da stand der Weltkrieg schon vor der Tür.

Bereits Ernsts Zyklus des Karmelitermädchens2 ist, wie die Hundertköpfige3 vorher, ein Bildroman. Die Collagen der Hundertköpfigen kennen Bildunterschriften, die allerdings den Character höchst freier surrealistischer Assoziationen haben. Wolf hingegen, als Raoul Tanchierer im Widerstreit mit Klomm, bindet die Druckausgaben seiner Collagen in „Welt- und Wirklichkeitslehre” genannte Enzyklopädien ein, die ihre politische Bedeutung jenseits des surrealistischen Aufstandes haben. Das gibt ihnen eine Zeitlosigkeit, die Max Ernst so noch nicht gestalten konnte. Die gründerzeitliche Bildwelt, meist aus ihrerzeits populären und popularwissenschaftlichen Publikationen geschnitten, ist bei ihm fast noch Gegenwart, aber für uns, wenn auch nur scheinbar, vergangen. Wolf erzählt ihre Latenz bis in die achtziger Jahre des Homo oeconomicus4. Aus Mon petit Mont Blanc5 wird ein Sexualakt halbantiker Figuretten vor einem Klassenzimmer, aus dem ein androgyner Jüngling auf den Quirinalspalast schräg hinaussieht – aber auch hier nicht etwa erschrocken, sondern so gleichmütig, daß man die Verdrängung der Triebe geradezu sieht. Und über riesige Quallen rudern zwei Männer ganz ebenso unbetroffen hinweg. Doch einmal, da bricht – das Bild hängt als Original bei mir an der Wand – die unterseeische Welt, die unter der Stadt lebt, überseeisch ins Haus und birst alle Scheiben: Wasser wird Feuer. Losgelassen das Element. Da nun endlich, aber vergeblich, fliehen die Menschen. Und als das Meer durch eine Hauswand bricht, sich in gischtendem Sturzfall ergießend, auf dem ein Schiffbrüchiger gleitet, verlassen die Ratten das Haus, aus dem es den Ausweg gar nicht mehr gibt. Wehrlos klagt eine Frau da zum Himmel: Eine Pietà, aus ihrem eigenen Blicken betrachtet, das das der Hysterie ist. Doch wer das träumt, ist ein Mädchen in züchtigem Kragen, wiederum am Lerntisch. Aus einem Buch sieht es auf. Die Verklemmung, die alle Melancholie an ihrem Grund denn auch ist, verrät sich in der Gewaltfantasie: überwältigt werden, endlich. Niedergerissen werden. Denn das Bürgertum sammelt: – seine Kategorien, seine enzyklopädischen Gattungen, Arten, Register, die etwa Wolfs Sprachpoesien ironisch bis bizarr unterlaufen, sind Deiche, die es noch und wiederneu aufschütten, in jedem Fall ständig befestigen muß. Dabei treiben vor dem Garten der Villa die Uhren in dem Fluß längst vorbei, den das Geländer nicht kanalisiert. Es geht auch am Bildrand, dem linken, fast unter. „Daß aus den Anstalten entlassene Rettungsschüler sich mit Pistolen, Revolvern, Teschings bewaffnen, ist kein Geheimnis”: so weiß Tranchirer zu erzählen6. „Sie halten Schießübungen ab, lärmen nachts auf den Straßen, leuchten den Leuten mit Streichhölzern in die Gesichter, schlagen ihnen die Hüte vom Kopf und werfen den Damen Feuerwerkskörper unter die Kleider.” Der einzige Widerstand gegen die Unheil, der noch erlaubt ist: ungezogen zu sein. Harmlos im Rahmen der Verwarnungsgebühren für Ordnungswidrigkeiten. Noch die Vergeblichkeit unserer gewaltfreien Demonstrationen bezeugt das.

Während Ernst kombiniert und mit emphatischer Lust übersteigert, seziert Tranchirer. Er tranchiert. Seine Perfektion ist darum kühler, als es Max Ernstens Spieltrieb war. Nicht wenige Schnipsel tragen noch Spuren der Kartographie; meist sind es Zahlen, die auf ein Lehrbuch verweisen. Immerhin geht’s ihm, Tranchirer, um Wirklichkeitslehre. Mit Max Ernst teilt sie sich die Zusammenhangsdurchstoßung, wie abermals Benn dies genannt hat. Doch eigene Bildelemente, die jenem den möglichen Ausbruch markieren, fehlen zugunsten einer nahezu absoluten Hermetik. Man erkannt das am Verschwinden des Schnittes – der Ränder, die man nicht sieht. Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. Nur in ihr, im Fräulein im Turm, toben die Orkas; dort ist die Stubenfliege größer als der Kopf einer Frau, und ein fliegender Aal mit dem Haupt einer Tulpe will sie, die Fliege, sich schnappen. Dabei bleibt dieser Turm immer nur Kerker: Piranesi, doch ohne Labyrinth. Zwei Mädchen tanzen im Ochsenjoch diszipliniertes Ballett unter den Strahlen der Freiheitsstatue. Ihr Herr im Anzug schaut zu, das Laken rechts unterm Arm vor der Spinne, der denkend ein drittes Mädchen folgt, aber weit, sehr weit sehen wir in den von Booten bevölkerten Hudson hinein. Unten indes schließt das Bild mit Gebirge, verschneitem, der baren Mädchenfüße uneingedenk. So grausam geht’s immer zu. Denn was wir nicht sehen, beherrscht uns. Die wissenschaftlichste Aufklärung im Positivismus befreit die Handelnden nicht, da sie nicht anders handeln, als daß sie Waren tauschen können, wie auch ihr Wissen. Sie sehen nicht an Schote und Spargel, was sie denn wirklich an ihnen entzückt. So daß der Palazzo wie die Fabrik im Meer schon versinkt.

Bezeichnend oft auch der Himmel, der Raum in der Leere. Ernsts Deux jeunes filles se prommènent à travers le ciel von 1929 kehrt nahezu wörtlich über einem Erdball zurück, der vom Mond aus wirkt wie der Mond: zwar schweben die Mädchen, aber sie sind dirigiert; das Versprechen gegen den Blitz bei Ernst, dessen Doppelfahrrad in futuristischem Sinn Technik noch positiv ist, wird bei Wolf zur Schwebefantasie und auf ein Jenseits verwiesen; es fehlt sogar die Erdung, die Ernsts Gefährt noch kennt. Wolfs ästhetische Perfektion wird symmetrisch Lackierung. Selbst die ertrunkne Ophelia, auf einem andern Bild, wird noch vermessen: für den Corpus steht schon, auf einem Podest, ein großer Vogelkäfig bereit, derweil der Liebhaber angelt. Dasselbe Tretgefährt kehrt auf einem Abendbild wieder, nun von dem Herrn gefahren; unter ihm, ockern, die Geometrie eines teils Hauses, teils Schranks aus Brettern für Regale. Völlig fremd steht das an Ufer und Hang als letzte Sicherheit dem Blick, den die überrealen Tuben einer Weltraumpflanze frappieren, die von rechts vorne ins Bild schwebt: so kraftlos ihre Beinchen in der Form erstorbener Kerbtierwurzeln am gedrungnen Raupenleib. Doch dieses, einzig, lebt da. So auch die Frage nach der Relevanz des Materials, das eben nicht, wie Volker Hage einmal schrieb, „ergötzlich” ist, allenfalls wirklich „erstaunlich”, aber auch dies wider den historisierenden Sinn seines schnellgeschäftigen Zuordnens: die Collagen konstellieren die ideologischen Pfähle, auf denen und die die moderne Gesellschaft gebaut hat. Sie für witzig zu halten, ist eine Verschiebung, also Abwehr – nämlich des leise ständigen Schreckens, den fast jedes Bild verstrahlt. Wir erkennen, aber wie von früher, unsere Gegenwart in der Kindheit ihrer schon da durchperfektionierten Industrialisierung wieder. Zugleich beziehen die Collagen eine seltsam schwebende Reinheit gerade aus der Abwesenheit der zeitgenössischen Warensprache. Dies verleiht ihnen Zeitlosigkeit. Es löst sie von den Entstehungszusammenhängen der Materialien gerade ab und projeziert sie auf die aktuelle Zeit des Betrachters. Daß jedes Bild Erzählung ist und nicht historischer Roman, bleibt darin erhalten. Hier verläuft die Schnittstelle zwischen Fantasy und Phantastik, Erbaulichkeit und einem Ungeheuren, das immer auch Versprechen ist. Denn uns, die Betrachter, läßt Ror Wolf es noch sehen, der mit dem strengen Blick des Adlers auf seinem toten Opfer hockt – dahinter die Sänfte der Scheherezade.

Bestellen

1) ANH, Die Unheil
2)Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel, 1930
3<La femme 100 têtes, 1929
4) „Der ökonomische Mensch im allgemeinsten Sinne ist also derjenige,
der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt.”
Eduard Spranger, Psychologie der Typenlehre, 1914.
5) Max Ernst, 1922
6) Ror Wolf, Raoul Tranchirers Welt- und Wirklichkeitslehre
aus dem Reich des Fleisches, der Erde, der Luft,
des Wassers und der Gefühle, anabas, Gießen 1990.

* [Das im Text wiedergegebene Bild steht im Eigenbesitz.]

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(In Der Dschungel ersteingestellt am 7. November 2018

und hierher nach vorne geholt.)

Dear Joseph (XXVI), …

wenn sie dort oben auf dem Boden im Regen sitzt, dann schaut sie sie sich genau an, hält sie ins Licht und denkt dabei an eine Zeile von Miss TT, einer anderen Textschwester, die sie sofort verstanden und nie vergessen hat:

–> Nachts blühen meine Hände, schrieb sie einmal. Sie wache davon auf.

Ihre eigenen Hände. Ihre riesengroßen blühen jetzt auch. Immer. Fühlen sich grob und rastlos an. Sie will ihn anfassen damit. Will nicht mehr, dass er sie ihr schließt. Will dass er ihr zeigt wie. So wie sich Geschwister manchmal ohne Scheu gegenseitig etwas zeigen, sich einfach die Hand des anderen schnappen, ist eines dem anderen um eine Erfahrung voraus. Oder wie sie es tun, wenn sie sich kabbeln.

Sie will zu ihm gehen. Ihm die Kugel abnehmen. Sie zur Seite legen. Kann doch nicht so schwer sein! Hat doch Kraft! Und doch muss sie deswegen immer aufpassen. Weil er auch groß und grob geraten ist. Obwohl sie sich genau deshalb ja keine Sorgen zu machen braucht ihn zu zerquetschen, wenn sie sich auf ihn legt, um auf ihm abzuhängen. Mit einer Hand seine Brust anzufassen. Sein Herz in die Innenfläche hineinschlagen zu lassen. Ihres zu drosseln.

Sie will über ihn gehen. Ihm eine Brust, die in dieser Haltung, der Schwerkraft wegen, zur Zitze wird, in den Mund geben. Stellt sie sich immer vor, wenn sie auf dieses Bild schaut, obwohl sie gar nicht weiß, ob das ein Mann oder eine Frau ist. Auf jeden Fall ist es ein Körper. Vielleicht muss sie heulen dabei. Manchmal muss sie es. Warum weiß sie auch nicht genau. Ist sich nicht sicher. Ist ein unsicheres Wesen. Groß und grob geraten. Wie er. Nur ihre Hände, die sprechen eine andere Sprache. Anders als seine.

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXV), …

… eines jedoch ist sicher, auf Annie ist Verlass, sie meint was sie sagt, selbst wenn sie manchmal den Deckmantel des Scherzes darum legt. Ist dem ganzen Himmelszirkus in gewisser Weise auch nah gewachsen. Schiebt manchmal die Wolken beiseite, um zu schauen ob gerade wieder Jahrmarkt ist. Leider aber wirft sich ihre Witzmaschine immer dann mit Schwung an, wenn es ihr nicht gut geht oder sie müde ist. Sie ist ein Clown, Joseph. Und das ist manchmal auch traurig weil sie dadurch verschenkt, sich ihrer eigentlichen Empfindung entsprechend zu äußern.

Wir äußern uns immer. Aber sie kann natürlich nicht erwarten, dass ihr Gegenüber ein Übersetzungstalent ist und es auch versteht. Oft denkt sie, dass sie es in den Witz überführen muss, um den anderen nicht zu überlaufen, was ihr manchmal recht schnell passiert. Sie komme sich sonst vor wie eine Menschenfresserin. Oder anders ausgedrückt: eine Cyclopin. Eine, der man intravenös den Wirkstoff Cyclopin verpasst hat. Der sich ein drittes Auge auf der Stirn öffnet. Mit dem sie aber nicht richtig sehen kann, weil es doch zu sehr blendet und wehtut. Das sie sich zuhält während sie ruft: Bitte schließ´ es mir wieder! Schließ´ es, denn da ist nichts! Nichts und Niemand.

Sie hat Odysseus, was die Episode mit Polyphem betrifft, auch immer für ein Arschloch gehalten, Joseph. Von wegen Gastfreundschaft und so weiter. Das sei doch seine verdammte Insel gewesen. Und dass sie sich mit einer Cyclopin vergleicht, liegt auch daran, dass sie grobmotorisch ist. Und irgendwie stimmt es, weil ich sie, jedes Mal wenn sie traurig ist, breitschultrig und riesenhaft die Treppe hinaufsteigen sehe, um sich in ihr Regenzimmer zu begeben. Kommt mir dann vor wie Eine, die sich von der Leine gerissen hat. Am Rücken baumelt sie noch. Ich mag sie, mag diese Wesen sehr.

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXIV), …

von Anfang an hat er davon gesprochen. Ohne darüber zu sprechen. So fasst keine Hand ans Herz durch Brustkorbs Felsen, Joseph.

Nicht!

Sie verstand es. Körperlich. Stand vor ihm und blickte dabei tatsächlich gerade auf seinen Brustkorb. Nicht weil sie klein ist. Er ist einfach im Vergleich zu ihr ein wenig näher an die Gewölbe des Himmels herangewachsen.

das Soma – der Blick – die Händeberührung – der Kuss – die Berührung der Brust – der Griff ans Geschlecht – die Umarmung – der Körper – das Weichen

Ist ihr zur einzigen klaren Sprache geworden, die sie noch versteht. Alles andere sind Chiffren. Sind Verschlüsselungen. Sind Bilder.

die Rede – das Wort – : der Körper : – die Gewalten in ihm – die Gewalten an ihm

Solche, die reißen.

(Dich einfach kommen lassen. Dann, wenn du bei dir bist.)

In dieser Haltung verbleibend, sehe ich sie. Auf einem Knie abgestützt. Die Kugel im Nacken. Nicht dazwischen zu funken mit sich. Sich nicht mehr bewegen. Sehen wie es unter der Haut zu schimmern beginnt: Steinblau. Schmerzklar.

Warum sehe ich mal ihn, mal sie in dieser Position? Vor mir. Vor ihm. Und wieso sind die beiden nackt, nackt und haarlos, Joseph?

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXIII), …

… ich musste heute lachen als dieser >>>Song>7Strike> im Autoradio lief und doch ist es mir ernst mit diesem Brief an dich obwohl ich dir eigentlich einen anderen schreiben wollte. Habe tatsächlich das erste Mal auf den Text gehört. Und dabei über Annie nachgedacht. Von der ich dir erzählen will und muss.

Struck down? Wie feige und erbärmlich das ist, dachte ich gleich. Am besten noch von hinten kommend. Das ist nicht fair! So stirbt man nicht, Joseph! Struck down.

By a smooth criminal? Das geht nicht zusammen!

Ein Crescendo, Annie! Das ist ihr auch mal passiert. Als mitten in der Nacht im Sommer Einer durchs Fenster einstieg. In ihre vier Wände. Sie wurde sofort wach. Hatte dann irgendwie recht schnell das größte Messer in der Hand. War ja ihr erster Gedanke.

Jede Handlung: nur noch Reaktion. Ein einziger Reflex. Sie selbst sei zu einem geworden, erklärte sie mir Tage später. Ihre Pupillen waren in dieser Nacht dermaßen weit aufgerissen. Ihre Iriden überhaupt nicht mehr zu sehen. Wie das aussah! Es dauerte Stunden bis sich das wieder normalisierte. Ich konnte ihr kaum in die Augen schauen. Die zwei Polizisten, die ich gerufen hatte, übrigens auch nicht. Hatte sie sowieso nicht interessiert, was die zu sagen hatten. Was sollten die schon tun! Ab da schlief sie nur noch tagsüber. Höchstens zwei Stunden. Nachts wartete sie. Saß da. Hörte einfach ins Dunkel. Denn von Lauschen konnte keine mehr die Rede sein. So empfindlich war ihr Gehör auf einmal. Sie konnte jedes noch so leise Geräusch zuordnen, wusste sofort aus welchem Winkel es kommt. Ein halbes Jahr lang ging das so.

Annie schreibt nicht, Joseph. Hat mit Künsten nichts am Hut. Denkt seit Wochen über die Sterbephasen nach und wie sie auch in anderen Lebenssituationen passen.

Eine Phase allerdings, denn ich habe sie mir einmal angeschaut, die hat sie nicht. Bzw., doch, sie hat sie, verschiebt sie aber immer. Übt lieber Messerwerfen.

Sie hat damals irgendwann damit angefangen. Stieg immer wortlos DIETREPPEHINAUF. Kam mir vor als wohnte ich in einem house of flying daggers. Hat ein großes Holzbrett an die Wand geschlagen. Und sie tut es wieder. Übt. Diszipliniert. Gar nicht dionysisch. Eher apollinisch. Und: es wird! Tatsächlich nimmt die Treffsicherheit wieder zu. Ich höre es. Täglich. Manchmal, wenn sie nicht da ist, gehe ich in das Zimmer. Schaue mir die Oberfläche dieses Holzes an, die nur noch aus Kerben besteht. Habe bisher nicht mit ihr darüber gesprochen. Wir sprechen in letzter Zeit nicht viel miteinander. Heißt: sie nicht mit mir.

北方有佳人,絕世而獨立。
一顧傾人城,再顧傾人國。
寧不知傾城與傾國。
佳人難再得。

Wozu auch soll sie sich die Zähne ausbeißen, wenn sie doch ein Kleid ganz aus Messerklingen bestehend tragen kann! So denkt Annie, Joseph. Ich kenne sie.

Annie, are you ok?
So, Annie are you ok?
Are you ok, Annie?

Wahrscheinlich fragt sie sich bereits, ob er den Mut haben wird stehen zu bleiben, ihr in die Augen zu schauen, sobald sie das erste loslässt.

Das sehe ich heute in ihren Augen. Zwar musste ich erst einmal lachen aber ich sorge mich doch. Weiß nicht, ob ich ihr vertrauen kann, ob sie noch weiß, was sie tut.

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXII), …

titainō.

Also haben wir viel gesprochen. Es war ein anderer Tag. Anders als sonst.

Du weichst!

Du kennst also eine der Grundlagen des Kampfsports?!

Ja! Kenne ich …

Wir spazierten durch einen Lichterpark. Das war im Februar. Nachts. In seiner Stadt. In der er geboren wurde. Ich sah ihn das erste Mal mit einer Kappe. Er lief mir hinterher. Holte mich ein. Wie Apoll Daphne, dachte ich.

Ich drehte mich um …

Hallo!

Hi!

(Sah ihn lächeln.)

Ich erkenn´ dich doch sofort von hinten!

… nahm sein Gesicht in beide Hände. Und bemerkte dabei, wie ich augenblicklich checkte ob er tatsächlich auch jetzt knielange Hosen tragen würde.

(Sich gegenseitig checken. Abchecken. Gibt nichts Schöneres, Joseph! Sich dann Abklatschen. Schulter gegen Schulter.)

Und nein, trug er natürlich nicht. Auch er bedeckt seine Bilder. Die in meiner Vorstellung immer verschwimmen. Eines aber nicht. Habe es genau vor Augen. Verschwimmt nie in meiner Erinnerung.

Er wüsste sofort welches ich meine.

Ich spreche gern zu dir in Bildern, sagte er einmal. Weil ich weiß, dass du sie verstehst. Er spricht oft in Bildern. Immer dann, wenn wir beide nicht …
Er lief währenddessen recht schnell. Suchend, wo es langgeht. Hat unaufhörlich gesprochen. Anders als ich. Sonst.

Er hat mir unter anderem den Unterschied zwischen Böttchern und Küfern erklärt.

Ich habe ihm was zu Essen gekauft. Mir nur einen Glühwein.

Heute las ich auf Arbeit auf einem Kalender, der in der Küche hing:

Auch wenn dir etwas fehlt,
genieße alles andere.

Ich versuch´s, Joseph.

Ja, das tue ich.

Deine Häsin.

Dear Joseph (XXI), …

Dreh´ dich um.

… das hatte er zu ihr gesagt und sie dann vor sich, nackt, auf seine Liege gehoben. Auf ihre Knie, mit dem Gesicht zur Wand.

Titainō, Joseph,

heißt: sich recken.

Strecken.

Nicht umdrehen.

Nein!

Nicht

: Sich immer weiter

recken.

Gott, du siehst so wunderschön dabei aus!

Dich immer weiter

einfach nur

strecken,

weiter

und

weiter

und

weiter

und

weiter,

mehr,

mehr

und

mehr,

noch

mehr

und

weiter,

weiter,

immer

weiter,

Zentimeter

um

Zentimeter

um

Zentimeter

weiter,

sich recken,

weiter,

immer weiter

strecken,

bis deine

Fingerkuppen

die Decke

fast erreichen,

berühren:

Nein!

Mich nicht!

Nur Dich.

Ich.

Nein! Nicht

weiter.

Nein!

Nicht

: Titainō, Joseph.

So nennt sie das nun. Immer wenn er sagt:

>>>Nicht!

Deine Häsin.

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