Putin und die Omertà ODER Dr. Exkanzlerbergers Badereise. Viertes Bändchen, “Die Waschung”.

 

Cu è surdu, orbu e taci,
campa cent’ anni ’mpaci.
[1]Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.

Proverbio siciliano
Ich kann alles verzeihen außer Verrat.
Vladimir Putin[2]In einem Fernsehinterview im März 2018

I s t sie das, die “Sache” — also schiefgelaufen? Wenn ja, für wen (und für wen n  i c h t)? Dr. Exkanzlerbergers so langes Schweigen zu Putins Aggressionskrieg und nach wie vor an seinen russischen Posten festzuhalten galt der Erhaltung seines Reichtums? Weshalb betete seine fünfte Frau? Um was? Auch sie um ihren Wohlstand? Das Ehepaar hat genug auf der Kante. Darum konnt’ es also nicht gehen.

Putin, dessen Machtergreifung Schritt um Schritt → den Strategien Mussolinis folgte, hat eines aber anders gemacht, nämlich nicht die Mafia zum Erzfeind erklärt – der “Duce” wohl anfangs → aus eitlen Gründen, die dem Pragmatiker Putin egal warn – und unerbittlich sie verfolgt sowie sie schließlich zerschlagen (erst die USA setzten nach dem Einmarsch ins faschistische Italien die Repäsentanten der Mafia – in Kampanien der Camorra – wieder ein – aus vor allem adminstrativen Gründen[3]Es kann aber sein, daß → Lucky Luciano da mitgewirkt hat.), sondern sich nicht nur ihr verbündet, in diesem Fall der russischen Mafia, vielmehr sich zu ihrem Paten gemacht, vor dem jeder Gefolgsmensch ein Gelübde ablegen muß, quasi den Treue- und Schweigeschwur leisten, den der Begriff der Omertà konzentriert.

Der Initiationsritus der Cosa Nostra folgt, etwas verkürzt, → diesem Muster:

Der Adept “geht auf seinen Putin zu, der ihm ein Kärtchen mit einem Bild der Verkündigung in die Hand drückt, deren Festtag der 25. März ist, aber auch der Festtag der Cosa Nostra. Mit einer entschlossenen Geste schneidet er die Fingerspitze des ihm dargebotenen Fingers ab und lässt das Blut auf das heilige Bild tropfen, bevor er es in den Händen des Anwärters belässt. Dann sagt er: “Du darfst niemals unsere Geheimnisse verraten. Man betritt die Cosa Nostra mit Blut und man verlässt sie nur durch Blut”.[4]“Non dovrete mai tradire i nostri segreti. Si entra in Cosa Nostra con il sangue”
Dann zündet der Putin das heilige Bild an, und der Eingeweihte, der den durch die Flamme verursachten Schmerz beherrscht, wiederholt: “Ich schwöre, niemals die Gebote der Cosa Nostra zu verraten. Sollte ich sie jemals verraten, so möge mein Fleisch brennen wie dieses heilige Bild. Wir sind ein und dieselbe Sache. Unser Ding. Cosa Nostra”.[5]”Giuro di non tradire mai i comandamenti di Cosa Nostra. Se mai dovessi tradirli , che le mie carni brucino come quest’ immagine santa. Noi siamo una sola e medesima cosa . La nostra cosa. Cosa … Continue reading

Bei der Camorra wiederum sitzen alle Anhänger

“im Schein einer Kerze um einen Tisch, auf dem ein Dolch, eine geladene Pistole und ein Glas mit vergiftetem Wein liegen. Der Camorrist-Kandidat wird mit dem Dolch in den Arm getroffen. Dann schwört er Gehorsam, Loyalität und Diskretion, während er seinen blutigen Arm hält. Nunmehr nimmt er die Pistole und richtet sie auf seine Schläfe, während er mit der anderen Hand das vergiftete Glas an seine Lippen führt. Nachdem er ihn auf die Knie gezwungen hat, legt der Putin ihm die Hand auf den Kopf und reicht ihm den Dolch.[6]Es ist bezeichnend und erinnert deutlich an des Diktators Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche, wie sehr diese Szene der durch JHWE abgebrochenen Opferung Isaaks ähnelt (Genesis 22, → 1-19 Dann wendet er sich an die Anwesenden und ruft: “Erkennt den Mann! So werden Putinisten geboren.”[7]“Riconoscete l’ uomo! Così nascono i putinisti.”

Schwieg Dr. Exkanzlerberger, weil er um die Tötungen[8]Igor Domnikow, Iskander Chatloni,Sergej Juschenkow, Jurij Schtschechotschichin, Paul Klebnikow, Anna Politkowskaja, Alexander Litwinenko, Stanislaw Markelow, Natalia Estemirowa, Sergej Magnizki, … Continue reading wußte, die ein Bruch der Omertà zweifelsfrei zur Folge hat, und reiste nach Rußland, um – nach seiner Kommunion vor Jahren – den Treueschwur zu firmen? Dann wäre Melnyks von der Frankfurter Rundschau zitierte und anderer Medien Ansicht falsch, die “ganze Sache” sei schiefgelaufen. Denn Dr. Exkanzlerberger, zurückgekehrt, lebt. So hat denn seiner Frau Gebet am Ende doch geholfen.

Freilich etwas ganz anderes wär’ es gewesen, wenn ich im Punkte des Ekels den zarten Wieland zum Muster genommen hätte und, wie er (…) auf einer Vignette, statt unseres Exkanzlerbergers, dem über nichts übel wird, einen Leser hätte aufgestellt, der sich über den Doktor und das Gelesene öffentlich erbricht. Aber zum Glücke ist im ganzen Werke von allen Lesern kein einziger in Kupfer gestochen und kann also die andern auf dem Stuhle seßhaften nicht anstecken.

Dr. Exkanzlerbergers Badereise, Vorrede zur zweiten Auflage
Jean Paul Fr. Richter, Baireuth, den 16. Oktober 1822

References

References
1 Wer taub, blind und stumm ist, lebt hundert Jahre in Frieden.
2 In einem Fernsehinterview im März 2018
3 Es kann aber sein, daß → Lucky Luciano da mitgewirkt hat.
4 “Non dovrete mai tradire i nostri segreti. Si entra in Cosa Nostra con il sangue”
5 ”Giuro di non tradire mai i comandamenti di Cosa Nostra. Se mai dovessi tradirli , che le mie carni brucino come quest’ immagine santa. Noi siamo una sola e medesima cosa . La nostra cosa. Cosa Nostra!.”
6 Es ist bezeichnend und erinnert deutlich an des Diktators Nähe zur russisch-orthodoxen Kirche, wie sehr diese Szene der durch JHWE abgebrochenen Opferung Isaaks ähnelt (Genesis 22, → 1-19
7 “Riconoscete l’ uomo! Così nascono i putinisti.”
8 Igor Domnikow, Iskander Chatloni,Sergej Juschenkow, Jurij Schtschechotschichin, Paul Klebnikow, Anna Politkowskaja, Alexander Litwinenko, Stanislaw Markelow, Natalia Estemirowa, Sergej Magnizki, Boris Beresowski, Boris Nemzow, Selimchan Changoschwili. Nach Attentaten noch am Leben sind Wladimir Kara-Mursa und Sergei Skripal.

“Sie sind ein Sprachfaschist!” ANH in langem Gespräch mit Thomas Hummitzsch. Komplett in VOLLTEXT 2/2020 (Ausgabe Juli).

 

Mein langes Interview mit Alban Nikolai Herbst wird endlich gedruckt. Die reißerische Zeile auf dem Titel stammt übrigens nicht von mir, sondern ist eine zitierte Erinnerung von ANH im Interview. Ein wenig unglücklich, dass dieser ihm entgegengebrachte Vorwurf nun auf dem Titel der Ausgabe steht.
Thomas Hummitzsch 

 

 

 

 

 

→ Bestellen

_______________
(Siehe auch → dort.)

Vor der Nefud: Eines Sonntagmorgens Zwischenschöckerl. Am Sonntag, den 28. Juni, nämlich sechzigsten Krebstag 2020. Des Deutschen Literaturfonds in Darmstadt anonyme Jury.

[Arbeitswohnung, 7.50 Uhr
Tschaikowski VI, Musicaeterna, Currentzis
72,5 kg]

 

 

… und dann, eben las ich über Currentzis → diesen ziemlich guten Artikel und schrieb an Knelangen einen kleinen Brief, erreicht mich doch – sonntagmorgens! bevor ich die Welten wechsel! – eine Nachricht aus der, hätt’ ich fast geschrieben, “Heimat”. Dabei war ich schon dabei, in die Galabiyya zu schlüpfen. Als dieser berittene Bote, nicht auf einem Kamel, sondern per Pferd heranpreschte, kaum an Tempo zurücknahm, sondern einen zusammengeschnürten ganzen Packen Post mir mit weiter Geste sozusagen vor die Füße, nein, in den Schoß warf, der sich meines Lotossitzes wegen anbot.
Es war sehr früh, die anderen schliefen noch, ich hatte mich leise hinausgerobbt und wartete imgrunde auf den Kaffeekoch, der in aller Regel vor Faisal erscheint, damit sein Herr den arabischen Mokka möglichst gleich nach dem Aufstehn bekommt. Nur war es jetzt noch keine sechs — dennoch der Postreiter, eine Art Wüstenphantom,  bereits in einer hohen Wolke Sandes wieder verschwunden. So sah ich das Päckchen, erst noch voller Gleichmut, durch, aber dann … —

— — der Schock versetzte mich sofort an den Berliner Schreibtisch zurück. Geahnt hatte ich’s natürlich schon. Absender: Deutscher Korruptionsfonds Darmstadt mit Signet (unten rechts) der Beauftragten der Bundesrepublik für Kultur und Medien; was bereits anzeigt, daß es um die Verteilung öffentlicher Gelder geht, nicht etwa um die der Jurorinnen und Juroren (wäre es so, hätten sie, meine ich, jedes Recht zu entscheiden, wie sie nur wollen. So ist es aber eben nicht; sie verfügen vielmehr über fremde Gelder). In diesem meinem Fall allerdings finde ich, daß die Jury (deren Mitgliederinnen und -glieder leider nicht genannt sind) absolut richtig entschieden haben, so vorausschauend nämlich wie mit äußerster Umsicht. Meine Arbeit diesmal abzulehnen, hat alles Recht der Welt, und zwar mit beiden Begründungen, die sich denken lassen. Daß es sich nunmehr um die, ich weiß nicht mehr, fünfzehnte? sechzehnte Ablehnung in Folge handelt, spielt dabei keine Rolle; die Jury ist ja stets auch anders besetzt. Oder nicht? – Doch, wie geschrieben, ist es hier wurscht, daß der Literaturfonds (stimmt, so heißt er richtig!) bereits den Wolpertinger abgelehnt hatte, danach das New-York-Buch, die Anderswelt-Romane, das Bleibende Thier, das Traumschiff, die Béartgedichte, na ja, eigentlich alles für unwert erklärt hat, was aus meiner ästhetischen Manufaktur stammt — alles außer einem Theaterstück, das aber niemals aufgeführt wurde und für das ich den Zuschlag nur deshalb bekam, weil damals Eva Demski mit in der Jury saß und wußte, daß ich eingereicht hatte. Also bestand sie darauf, daß während der Sitzung mein Text vorgelesen wurde, woraufhin es dann keinen Zweifel mehr gab.
So etwas, freilich, läßt sich nicht wiederholen. Nach meinen folgenden Erfahrungen hielt ich’s eh nur noch so, daß ich mich zwar stetig bewarb; es sollen bisweilen, heißt es, Wunder geschehen. Aber imgrunde gab ich, wie das postalische Idiom es will, die Sendung auf, indem ich sie schickte. Ich war und bin der Unhold – jetzt sowieso, mit meiner sich nicht unter die aggressive Ideologie beugenden Haltung zu, nun jà, “Gender”. Ich meine, schon daß nicht “Geschlecht” gesagt, sondern auf ein US-Wort ausgewichen wird, zeigt die kapitalistische Richtung.

Doch dieses Mal, nein, da wird alles das keine Rolle gespielt haben. Sondern die Damen und Herren der Jury, die ich wirklich rasend gern genannt hier hätte, werden sich gesagt haben: “Dürfen wir das verantworten, einem, der wahrscheinlich stirbt, noch bevor er die Gelder erhält, ein Stipendium zuzusprechen? Die wärn dann doch alle verloren.” Ach, das alte Problem mit dem kameralistischen Prinzip. Wie gesagt, ich verstehe alles sehr wohl.  Es ist ja auch eine Frage der Menschlichkeit, Geld an jemanden zu geben, die oder der es noch ausgeben kann und vor allem für die deutschsprachige Literatur etwas Bleibendes zu schaffen vermag – was bei mir mindestens bis nach der Operation alles andere als sicher ist. Insofern wäre es von der Jury schlimmer als nur fahrlässig gewesen, einem schwer an Krebs Erkrankten öffentliche Förderung zukommen zu lassen; es wäre unverantwortlich sowohl gegenüber den Steuerzahlerinnen und -zahlern als auch gegenüber gesunden, frischen Autorinnen und Autoren gewesen, zumal

nur der Freie liebt Freie.

Wie Uwe Dick sehr richtig schreibt.

Einfallsreich, einfach nicht berechenbar, ist er jeder Macht, volklich auch der Majorität, zuwider. Mittelmäßige, so Boris S. Kusin, ertragen in anderen keine guten Eigenschaften, die ihnen selbst abgehen. Doch besonders unerträglich ist ihnen Scharfzüngigkeit. – Verhaßt bis zur Aggression …
→ Sauwaldprosa, 339

Nur spielte das, ich muß mich wiederholen, diesmal keine Rolle. Sondern es ging um die Sicherung von Fördergeldern und ihren vernünftigen Einsatz, anstelle sie aus falsch verstandenem sagen wir: Mitleid meinem, möglicherweise, Tod in den Rachen zu werfen. Der frißt schon, da sind wir alle einig, genug.

Doch eine zweite Möglichkeit ist ebenso denk- wie nachvollziehbar, meine Arbeit abermals abzulehnen. Die Damen und Herren der Jury werden sich schlichtweg gesagt haben, die literarischen Projekte ANHs sind seit Jahren .. was sagen wir?? Jahrzehnten für ihre Begabungs- und Ideenlosigkeit bekannt, für mangelndes Stilvermögen überdies und dazu noch für ihr tief Reaktionäres, ja Machistisches sowie für die Abneigung gegen alles, was uns, den modernen Guten, gut ist … Sollen wir da jetzt drüber wegsehen, nur weil sich der Mann trauriger-, vielleicht indes gerechterweise einen schweren Krebs eingefangen hat? Hat der Literaturfonds soziale Aufgabe wahrzunehmen? Nein, das hat er nicht. Wo kämen wir da hin? Er darf im Hinblick auf die Kunst nicht sentimental sein, sondern muß halt auch Entscheidungen treffen, die hart dünken mögen, weil sie bis ins Grab hineinreichen. Aber so ist es mit der Kunst. Krankheit ist kein Grund, Unbegabung auszuzeichnen. Wir sind doch kein caritativer Verein! Er ist, ein Krebs, irrelevant für die Dichtung. Für deren Förd’rung also auch.

Und also beginn’ ich heute meinen Sonntag. Das Geld hätte meiner Arbeit und mir ausgesprochen helfen können, aber das Risiko, es mir zuzusprechen, wäre tatsächlich viel, viel, viel zu hoch gewesen. So bin ich meinerseit sehr froh, nicht in solche Entscheidungsnot geraten zu sein, wie sie die Darmstädter Jury nun, ich bin mir dessen vollkommen sicher, im Gewissen quält. Das muß es nicht! ruf ich ihr deshalb zu. Ihr habt, Kolleginnen, Kollegen, sowas von Recht gehabt. Ach, wenn ich Eure Namen nur, Euch zu ehren, wüßte!

Ihr
ANH

Das fünfzehnte Corona-, leider zugleich ein Abmahnjournal, nämlich am Gründonnerstag, den 9. April 2020, geschrieben. Mit Elinor Frey.

[Arbeitswohnung, 9.55 Uhr
Mécénat Musica: Elinor Frey, La Voce del Violoncello]

(Zum Video siehe unten das Postscriptum)

Seltsame Zeiten. Frühling und doch immer weiter Beklemmung – sie interessanterweise nur, solange ich am Schreibtisch, also drinnen sitze. Geh ich hinaus, fällt sie fast durchweg von mir ab. Was daran liegt, daß Corona auf den Straßen und in den Parks kaum, sehr allerdings in den Supermärkten zu spüren ist. Draußen flanieren die vor allem jungen Menschen locker und vor allem sehr freundlich; gestern spätnachmittags spazierte ich in den Thälmannpark, um von der Sonne etwas zu haben, mich zu setzen und die ersten fünfzig Seiten von Nabokovs Bastardzeichen zu lesen, aus denen dann siebzig wurden – allerdings die letzten zwanzig Seiten bereits wieder drinnen, weil mich von meinem Steinsims inmitten der Wiese und blühenden Kirschbäume ein Paar vertrieb, das mit einem riesigen Ghettoblaster erschien, ein paar Meter von mir Platz nahm und die Lautstärke so sehr aufdrehte, daß ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Beschallungen dieser Art werden mir zunehmend unangenehm. Ich empfinde sie als sehr harten Übergriff, zumal dann, wenn die Musik von pochenden Bässen so dauerhaft wie stereotyp vorangeschlagen wird – etwas, das ich seit je als das akustische Pendant zum Stechschritt empfunden habe.
Ich war aber nicht geneigt zu protestieren, wie ich es in solchen Fällen zu tun pflege, wollte einfach nicht die gute Stimmung der anderen, auf der Hangwiese sitzenden Menschen verderben. Unterdessen ziehe ich mich in solchen Fällen lieber leise zurück. Außerdem will ich nicht zu denen gehören, die Corona nutzen, um ihr inneres Kaposein zu befriedigen – wovon >>>> dort zu lesen ist:

Und offensichtlich übertreiben es auch viele Menschen, die gerne andere überwachen, anschwärzen oder verpetzen. „Längst nicht alle Hinweise haben einen polizeilichen Einsatz zur Folge“, erklärte die Polizei.
Berliner Morgenpost, 9.4.20

Mit Verlaub, ich finde sowas widerlich. Andererseits, mein persönlicher Eindruck ist nicht, daß es tatsächlich viele Fälle sind; so reagieren eher die, denen der autoritäre Charakter seit je ein inneres Bedürfnis war, die noch geprägt von diktatorischen Systemen sind, bei denen sie gerne mitmachen wollen, weil sie das unbedingte Bedürfnis nach eigener Machtausübung haben – ein Spiegel ihrer tatsächlichen Schwäche. Kapos halt.

Hinzu kommt, daß mir nach wie vor mein Magen zusetzt; gestern abend war es erstmals so, daß ich nach dem Essen keine Schmerzen hatte, aber es ist ein ständiges Knurren, Knötern, ja Rauschen in meinem Inneren. Zudem rief eines Laborbefunds wegen, der sie offenbar alarmiert hat, meine Hausärztin an. So komme ich um die Spiegelungen nun wirklich nicht mehr herum. Sie war deutlich erleichtert, als ich ihr sagen konnte, beim Gestroenterologen bereits einen nahen Termin zu haben, ebenso bei meiner Angiologin.
Nervös macht mich alledies aber nur, weil’s auf Corona eben noch draufkommt und ich vor allem das neu aufgenommene Lauftraining wieder abbrechen mußte, jedenfalls in den letzten drei Tagen. Denn mir war zu flau; ich wollte ich nicht abermals riskieren, daß mir hernach der Kreislauf in die Knie sackt. – Aber heute geht’s besser, nachher werde ich wieder laufen, gegen Abend wahrscheinlich, damit, sollte der Kreislauf dann doch motzen, er es erst am Abend tut, wenn meine Arbeitszeit ohnedies vorbei ist.

Gut ist, daß meine Nabokovlesen-Reihe derart fein >>>> weiterläuft, auch wenn ich beobachte, daß, sowie ich einen etwas komplexeren Text in Die Dschungel stelle, die Zugriffszahlen sofort deutlich zurückgehn; andererseits werden meine nach und nach eingestellten poetologischen Essays >>>> aufs neue diskutiert. So entwickelt sich gerade in diesen Coronazeiten das Literarische Weblog wieder zum Zentrum meiner poetischen Arbeit, auch wenn ich gestern, ein bißchen frustriert, meiner Lektorin schrieb, daß ich

was “neues Erfinden” anbelangt, momentan ausgesprochen gehemmt

sei, und ich käme

in die richtigen Tonlagen nicht rein, Corona schlägt mir sehr aufs Gemüt, verstärkt aber nur, was vorher schon war. Es ist so ein starkes Gefühl von “nicht gehört werden”, dem die schlechten Buchverkäufe völlig entsprechen. Ein irgendwie dauerndes “Danebenliegen”, obwohl man mitten im Zentrum steht und es ausdrückt. Nur daß es niemand hören will, oder kaum jemand. So fängt auch die eigentlich ganz charmante Ghostwritingarbeit an, belastend zu werden: so, als täte man Unfug, wo poetisch Drängendes darzustellen ist, das aber eben kaum jemand will. Mithin bleibt Die Dschungel als tiefstes Zentrum meiner Arbeit, und sie muß gerundet werden – auch wenn ich da wieder, so mein Gefühl, auf andere Weise allein stehe, weil viele derer, auch mir Nahste, die meine poetische Arbeit schätzen, so sehr am Buch hängen, daß sie Die Dschungel nicht verfolgen, oft fast ignorieren.

Daß das auch für meine Verlage gilt, ist besonders schmerzhaft.

Und die es nicht tun, haben in den wenigsten Fällen mit Poetik zu tun oder lesen, wenn sie lesen, “leichte” Romane. Das ist eine blöde Zwickmühle. Anders als Hettche, der mal zu den Vorläufern der literarischen Netzdenker gehörte, habe ich an der Dichtung im Netz festgehalten und glaube zutiefst, daß ich recht damit habe. Corona wird dafür ein übriges, fast, denke ich manchmal jetzt, endgültig Weichenstellendes haben. Und die Autoren, die es nun immer mehr mit mir denken, tauchen in den Diskussionen nur dann auf und werden nur dann zur öffentlichen Stimme gebeten, wenn sie ohnedies schon, im “normalen” Buchmarkt, gehypt oder sonstwie mainstream sind.

Das ist alles sehr unschön. Dabei, wenn jemand einerseits an der auch tradierten Poetik über die junge Moderne hinaus und am poetischen Stil festgehalten und ihn weiterentwickelt hat und zugleich sich des Internets bewußt war, bin da eigentlich nur ich. Jedenfalls im deutschen Sprachraum (andere Sprachen überschaue ich nicht).

Noch etwas Weiteres, Enttäuschendes, belastet mich:
Ich hatte für meinen kleinen >>>> Nachruf auf Ror Wolf aus Schöfflings Trauerrundschreiben eine Foto übernommen, von dem ich annahm, es gehöre zum Fundus des Verlags. Ein paar Tage später ging die Abmahnung einer Hamburger Anwaltskanzlei bei mir ein, die nicht nur, was nachvollziehbar, die Entfernung des Bildes verlangte, sondern auch Schadensersatz forderte. Wie im Beitrag zu sehen, nahm ich es sofort heraus, kommentierte das auch, teilte es mit Link der Kanzlei mit und gab ihr meine finanzielle Situation bekannt, annehmend, man werde jetzt kollegial einlenken.
Gestern erhielt ich die Antwort. Sie ist nicht schön, auch wenn mir ein vergleichsweise niedriges Ratenzahlungsangebot unterbreitet wurde – das für meine derzeitige Situation nur immer noch zu hoch ist. – Ich habe gleich zurückgeschrieben, auch meiner Enttäuschung darin Ausdruck verliehen, aber zugleich deutlich gemacht, daß ich mich weder schuldig fühlte, da ich das Foto irrtümlich übernommen hätte, noch irgendeinen Anlaß sähe, mich jetzt klein zu machen.
Es wäre sicherlich „klüger“ gewesen, mich aufs Bitten zu verlegen – aber, Freundin, Sie wissen, daß ich auf keinen Fall meinen Stolz brechen lassen und irgend zu Kreuze oder somstwohin kriechen werde. Dazu besteht keinerlei und schon gar nicht ein poetischer Anlaß, zumal Ror Wolf selbst, den ich ja kannte, den Vorgang ekelhaft gefunden hätte.
Jetzt sehn wir mal, wie es ausgehen wird. Im schlimmsten Fall läuft es auf ein gerichtliches Mahnverfahren, dann auf Pfändungsversuch und dergleichen hinaus, mit den in meinem ökonomischen Fall „klassischen“, höchst unangenehmen Folgen, die aber immer noch besser sind, als daß man sich in seiner Haltung beugen läßt.
Übrigens hätte ich nicht übel Lust, den Schriftsatzwechsel in Die Dschungel zu stellen, also auch deutlich zu machen, wer der Abmahnsteller, bzw., die Abmahnstellerin ist, man würde nur den Kopf schütteln – aber dieses Faß mach ich nun nicht auch noch auf, auch wenn ich es für ziemlich unerträglich halte, daß die auf-jeden-Preis-Geldverdienerei selbst in Coronazeiten munter weitergeht, ohne darauf zu achten, wen man hier eigentlich zur Kasse fordert. Auch erinnert das an die Welle von Abmahnungen, die wegen der selbst hergestellten Atemmasken losgetreten wurde, weil Schutzmaske ein geschützer Warenbegriff ist. Als käme es auf so etwas jetzt noch an. Dieser widerwärtige Wille, aus allem, auch aus der Not, Kapital zu schlagen.

Besonders ärgerlich an dem Vorfall ist, daß auch er nicht gerade motiviert, mich wieder auf meine eigentliche, die poetische Arbeit zu konzentrieren.

*

So ziehen die Tage, Geliebte, dahin. Wie ein zäher lehmiger Fluß. Obwohl die Sonne so sehr scheint. Obwohl die Knospen treiben. Obwohl alles, was ich sehe, ins Leben weiterdrängt. Von dem ich zugleich auf seltsame Weise Abschied nehme. Indem sich die Körper isolieren müssen, ist es für mich, als wäre die Zeit meiner Dichtung vorbei und damit die meines Selbsts. Für mich waren Eros & Poetik stets eine Einheit, in jede Fall aufs innigste verbunden, eines ohne das andre nicht möglich.
Zugleich ist mir bewußt, daß diese Wahrnehmung eine innere, meine seelische, ist, der objektive Realität vielleicht gar nicht entspricht oder nur sehr wenig. Denn daß am Ende jeder Katastrophe – ja, auch einer „Apokalypse“ – ein neuer Anfang steht, dessen bin ich völlig inne. Es ist „nur“ nicht heraus, ob man ihn selbst noch erlebt.
Sicher ist, daß wir noch sehr, sehr lange mit der Isolation werden leben müssen. Auf sehr einfache, ein wenig ungelenke, doch deshalb angenehm unshowhafte Weise hat es Mai Thi Nguyen-Kim erklärt:

Ihr ANH

P.S.:
Zu oben, Elinor Freys wunderbaren Cellovideos, schreibt Mécénat Musica:
Fascinée par les origines du violoncelle et par la démarche créative de la musique nouvelle, Elinor Frey joue aussi bien sur des instruments modernes que d’époque. Parmi les distinctions d’Élinor, notons la nomination au prix Juno pour le meilleur CD classique solo ou en musique de chambre, et un prix Opus pour le CD québécois de l’année en musique ancienne. La musique qui suit provient de son premier CD baroque, La Voce del Violoncello, qui a reçu de grands éloges pour « son érudition consciencieuse et sa brillante superposition d’ambiances et de tempos » (Toronto Star) et pour sa « grâce musicale sincère et réfléchie » (Strings).

Betr.: 54 books, “Chronik: Februar 2020”.
Gem. § 5 TMG an: Tilmann Winterling, c/o Gutsch & Schlegel Rechtsanwälte, Hamburg.

 

NACHTRAG, 12.55 Uhr:
Der inkriminierte Part des verlinkten Artikels wurde nach Intervention des dortigen Anwalts durch die 54books-Redaktion “ohne Anerkennung einer Rechtspflicht oder Präjudiz für Sach- und Rechtslage” soeben von der Website entfernt. Er bleibt bei mir allerdings als Screenshot nichtöffentlich aufbewahrt.
(Ich meinerseits habe aus der hierunter stehenden Veröffentlichung meines Schreibens den Namen einer Person entfernt, die mit dem Vorgang de facto nichts zu tun hatte; hier lag ein Mißverständnis meinerseits vor.)
ANH

An
54 books
Tilmann Winterling
c/o Gutsch & Schlegel Rechtsanwälte
Neumühlen 17

22763 Hamburg

Berlin, den 25. Februar 2020

Verlangen auf Gegendar-, bzw. Richtigstellung

Sehr verehrte (…), sehr geehrter Herr Winterling,
sehr verehrte Damen und geehrte Herren des „Team[s] 54“ der Internetplattform „54 Books“,

in Ihrer → „Chronik: Februar 2020“, mir durch einen Google-Alert gestern bekannt geworden, schreiben Sie, bzw. lassen Sie ohne namentliche Nennung der Autorin oder des Autors öffentlich schreiben, in der „Gesamtausgabe“ aller meiner „Prosastücke“ des Wiener Verlages Septime seien „Stücke versammelt, die Herbst zuvor auf seinem Blog veröffentlicht hatte“. Wie Sie oder die Urheberin, bzw. der Urheber des Textes meine Arbeit bewertet, ist ihr, bzw. ihm überlassen, nicht aber geht es an, diese Bewertung mit Falschbehauptungen zu begründen oder eine solche Begründung suggestiv nahezulegen. Tatsache ist, daß die in den beiden Bänden enthaltenen Erzählungen zuvor nicht im Internet veröffentlicht worden sind, einige waren es vorher sogar in überhaupt keiner Form. Was der Fall ist, ist, daß einige von ihnen als Auszüge aus den Entwürfen in meinem Literarischen Weblog „Die Dschungel.Anderswelt“ zur Diskussion vorgestellt wurden, andere wenige in Vorfassungen; dies betrifft besonders solche, die bereits einmal in der Buchform herausgekommen, aber vergriffen waren. Wobei gerade Ihnen als mit dem Internet (…) Vertraute bekannt sein sollte, daß sich das Internet für die Publikation langer zusammenhängender Texte wenig eignet. Eine Ausnahme stellte die Novelle „Die Fenster von St. Chapelle“ dar, die vom 17. bis 28. 6. 2010 in Echtzeit in den Blog geschrieben, dort zum Teil heftig kommentiert und hernach für die erste Buchausgabe (2011) und dann ein weiteres Mal, nämlich neun Jahre später für die hier in Rede stehende Septime-Ausgabe grundlegend umgearbeitet worden ist. Einem Postulat der modernen Romanästhetik folgend, die den Prozeß des Entstehens eines Kunstwerks zu seinem, um eben der Modernität zu genügen, Bestandteil macht, verweisen die Textfassungen aufeinander, sind indes alles andere als identisch. Die Autorin, bzw. der Autor Ihres feuilletonistischen Artikels ist hier einer angemessenen Recherchesorgfalt nicht nachgekommen oder hat ihr nachkommen nicht wollen.
Daß in Die Dschungel.Anderswelt „vor allem die Nostalgie von Windows 95 und die Sehnsucht nach einer einfacheren Zeit“ zu „genießen“ sei, ist ebenfalls eine, allerdings wohl nicht justiziable Falschmitteilung; „Windows 95“ läßt sich von professionell mit dem Internet Vertrauten vom Heimcomputer aus aufs einfachste falsifizieren, und die „Sehnsucht nach einer einfacheren Zeit“ ist schlichtweg eine suggestive Rhetorik, deren Recht sich gerade in Die Dschungel.Anderswelt insbesondere in der Rubrik zum kybernetischen Realismus als ein höchst mürbes erweist. Wiederum
faktisch falsch ist aber, daß der Prozeß zu meinem Roman „Meere“ (2003) „zu einem kurzfristigen Verbot“ geführt habe. Tatsache ist, daß der Vertrieb der Originalfassung, und auch Lesungen daraus, von 2003 bis zur (durch die damalige Klägerin erfolgten) Freigabe des Romans im Jahr 2017 untersagt war, also vierzehn Jahre lang. Allerdings wurde schon im Jahr 2007 eine – aber wesentlich abweichende – Fassung freigegeben, die sogenannte „Persische Fassung“, die dann auch nicht im Verlag der Originalfassung, nämlich mare, sondern – nach dem Vorabdruck in Volltext – bei Dielmann erschien. Auch von 2003 bis 2007 sind es indessen vier Jahre, etwas, das schon gar auf dem gegenwärtigen Buchmarkt ebenfalls nicht „kurzfristig“ ist. Daß Ihre Autorin, bzw. Ihr Autor meint, ich sei aufgrund des Buchprozesses „großzügig mit dem Märtyrerbonus ausgestattet“ worden, ist nun zusätzlich falsch; es war fast durchweg das Gegenteil der Fall. Dieses wäre der Verfasserin, bzw. dem Verfasser Ihres Artikels auch klargeworden, hätte sie oder er Einsicht in die seinerzeitigen Feuilletons genommen und wäre also nicht nach alleine Hörensagen oder Dafürhalten vorgegangen. Oder es war ihr, bzw. ihm klar, und sie/er wollte bewußt ein weiteres Mal übel nachreden. Zumal bezieht sich meine Verwendung des Worts von der Meinungsdiktatur auf ein völlig anderes Phänomen, das es zur Zeit des gerichtlichen „Meere“-Verbots so noch gar nicht gegeben hat. Ich weise für meine Person den Begriff „Opfer“ sowieso zurück, schon gar als persönlich alleine auf mich bezogen.

Hiermit fordere ich Sie nach u.a. § 186, 187 und 192 StGB sowie § 11 HmbPresseG zu folgender Richtig-, bzw. Gegendarstellung auf, die unmittelbar auf der Site der von „54 books“ → „Chronik: Februar 2020“ zu erscheinen hat, andernfalls ich sie nach u.a. §§ 935ff. ZPO erzwingen werde:

1) Wir erklären hiermit, dass es eine Falschbehauptung ist, es seien die im zweiten Band der im Septime Verlag, Wien, erschienenen Prosastücke Alban Nikolai Herbsts vorher schon im Internet veröffentlicht worden. Tatsächlich finden sich im Literarischen Weblog “Die Dschungel.Anderswelt” Auszüge aus Entwürfen einiger Erzählungen, bzw. nachher grundlegend umgearbeitete Vorfassungen.

2) Ebenso falsch ist unsere Behauptung, dass der Roman „Meere“ nur kurzfristig verboten gewesen sei. Tatsächlich ist die Originalfassung des Romans vierzehn Jahre lang verboten gewesen und erst dann durch die ehemalige Klägerin wieder freigegeben worden. Auch können wir – anders als unser Artikel unterstellt – einen Zusammenhang zwischen dem von Alban Nikolai Herbst verwendeten Wort der Meinungsdiktatur, die sich bei ihm vielmehr auf die sogenannte Gendercorrectness bezieht, und dem seinerzeitigen Verbot des Romanes nicht herstellen, bzw. beweisen. In dem Artikel ist dieses eine unangemessene Mutmaßung ohne belegbare Faktizität.

Wir widerrufen hiermit die oben genannten Behauptungen und entschuldigen uns öffentlich bei dem Septime Verlag, Wien, und Alban Nikolai Herbst, Berlin.

 

Mit besten Grüßen

 

 

Alban Nikolai Herbst


Podcast
“Ich trage einen großen s c h l i m m e n Namen.”
Die Ribbentrop-Verfluchung
ANH im Gespräch mit Manuela Reichart. SWR2 Matinee.

Auf dieses erst jetzt, in des Senders Onlinepräsenz, abermals gewählte “große” hatte ich vor Jahren, als mich bereits eine ihrerzeit mächtige Kritikerin um einen Beitrag dazu bat, sie abschlägig beschieden und scharf hinzugefügt (was meiner Unbeliebtheit ganz gewiß noch Futter gab): “Auf solch eine Idee kann nur eine Österreicherin kommen.”
Wie auch immer, bei der nunmehrigen Einladung ging es um eben n i c h t den “großen”, sondern um belastete und belastende Namen – und dazu mich öffentlich zu äußern, war und ist es sicher an der Zeit.
Hier >>>> der Podcast:

 

 

 

 

 

 

 

Freilich nicht ohne Witz, daß die Onlineredaktion des SWRs ein Foto von mir (“von mir“? echt?) ausgesucht hat, das gewiß dreißig Jahre alt ist, wenn nicht älter. Oh Göttin, welch ein Jungchen, mußt’ ich eben denken.
_________
ANH, 8.11 UHr
David Ramirer, elegy

Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 15. Mai 2019, nämlich Stella Goldschlag I. Mit einer kleinen privaten Erklärung.

[Arbeitswohnung, 5.15 Uhr
Durch den späten Lauf nach den, wie ich merkte, doch einigermaßen heftigen Gardatagen (weniger die Arbeit selbst, die sie füllte, diese eigentlich gar nicht, sondern das viele Essen, der viele Wein jeweils am Abend) erschöpft, aber auch meiner derzeitigen Lektüre wegen, die mir ziemlich nahe geht, bereits um 22 Uhr zu Bett gegangen und tatsächlich sofort eingeschlafen, kam ich um fünf bereits hoch – was ihrer, der Lektüre, halber auch nötig ist; Lektüren muß es heißen.
Ein kurzfristig hereingekommener, noch v o r Garda, Auftrag des WDRs. Im weiteren Sinn geht es um Würgers Roman, wogegen ich erst leicht protestierte: “Aber dann machen Sie doch auch wieder Werbung für das Buch!” – Nein, sondern es gehe um eine poetologische Stellungnahme prinzipiell. Was mich dann tatsächlich reizte, auch wenn ich weiß, damit einmal erneut, so schrieb ich’s gestern meiner Lektorin, in ein Haifischbecken zu springen. Zum Vergleich diene mir Wydens bereits 1999 bei Steidl herausgekommene Recherche. So daß ich eben, bevor ich meinen Ansatz finde, beide Bücher lesen und mich erneut mit etwas beschäftigen muß, das lebenslang nicht nur meine Literatur, sondern auch meine Haltungen – persönliche wie ästhetische – herkunftshalber bestimmt hat und offenbar weiterbestimmt. Meine oft harsch wirkenden Positionen, gerade auch gegenüber “dem” Pop, haben genau hiermit zu tun, nämlich mit der Abwehr massenpsychologisch wirkender Strukturen, ebenso meine Ablehnung des Massensports usw., also etwas, das mir “gerne” als elitär nachgesagt wird, oder vorgesagt und behauptet. Wyden bestärkt sie jetzt wieder, obwohl ich mit zunehmendem Alter “weicher” geworden, zumindest versucht habe und versuche, es zu werden. Und die Hunderte Emigrationsgeschichten, von denen er erzählt, die Weigerung, die Fliehenden oder um Flucht bemühten Menschen aufzunehmen, auch und gerade der seinerzeitigen (und wieder jetzigen) USA machen mich ebenso wütend, wie es mich erschüttert, “Begründungen” zu lesen, die in unseren eigenen Tagen auch und gerade in Europa neu zu hören sind. Etwa schon auf der Seite 82:

Nach seiner – Außenminister Samuel Breckenridge Longs – Ansicht war die Einladung eine Einladung zu weiterem Chaos: “Sie wäre die perfekte Bresche, durch die Deutschland die Vereinigten Staaten mit Agenten vollstopfen könnte.”
Wyden, Stella

Wir müssen nur “Deutschland” durch den IS und “Agenten” durch “Terroristen” ersetzen und haben den Ton unserer in diesem Fall europäischen Tage.
Daneben das Geschäft, das mit den in Todesangst lebenden Menschen getrieben wurde (und ebenfalls weiterhin wird), die Aussonderung nach bedeutenden und unbedeutenden Menschen und die schwere Schuld, die sämtliche Beteiligten, gerade auch die Alliierten auf sich geladen haben, nachdem sie spätestens seit 1942 von der so mörderischen wie zugleich industriehaften Vernichtung der europäischen Juden und sämtlicher Widerständigen wußten bis hin zur Weigerung des US-amerikanischen stellvertretenden Kriegsministers John J. McCloy, die Bahnlinien nach Auschwitz zu bombardieren. “Die Flugzeuge werden anderswo gebraucht.”

Und wozu Menschen fähig sind, vormals gute, scheinbar gute Deutsche, die ihre Nachbarn dann fortgetrieben sehen, oft gepeitscht, niedergeschlagen, teils am Wegesrand ertränkt, einerlei, ob Alte oder Kinder. Daß dergleichen auch in unserer Gegenwart geschieht, weiter geschieht, hat spätestens der gegenseitige Völkermord auf dem Balkan gezeigt.
Die häßlichgeile Lust am Unglück der anderen.
Wenn wir die Strukturen weiterbedienen, die solches ermöglicht haben, bedienen wir das Unheil weiter, füttern es mit eigener Hand. Dieses eben nicht zu tun, war und ist das politische Credo meiner Arbeit.Und wir bedienen, daß Menschen in der hohen Not selbst zu Ungeheuern werden.

Das geht in mir um. Am Dienstag werde ich meinen Text abgeben und ihn am Mittwoch im Studio einsprechen müssen.

Nicht “nur” das geht in mir um, sondern auch Privates, seit einiger Zeit schon. Es ist dieses, was mich nun schon lange – von Jahren kann ich beinah sprechen – davon abhält, meine Arbeitsjournale weiterhin so intensiv und wahrhaftig-offen zu gestalten, wie ich es früher getan habe. Es geht um, sagen wir, Herzensdinge, die mich aber auch von poetischer Arbeit abhalten, weil sie drängen und heraus und nicht “sublimiert” werden wollen, heraus eben auch müßten, um mir die für meine Arbeit nötige Luft zu geben. Aber ich würde, ließe ich dem Lauf, mir nahe Menschen verletzen, in ihren Gefühlen verletzen und vielleicht sogar ihre Lebensumstände beschädigen, die sie sich gewählt. Ich bin in dieser Hinsicht vorsichtig geworden. Und also schweige ich und mach meine inneren Katastrophen, oder, Freundin, Kataströphchen, mit mir im stillen ab. Nur eben, daß mich das lähmt.
Indessen hab ich nun entdeckt, in WordPress – anders als früher bei Twoday – auch private Tagebücher führen zu können, auf die nur Zugriff hat, wer über das entsprechende Paßwort verfügt. Diese Möglichkeit will ich fortan nutzen, dort weiterschreiben so klar und offen, wie Sie, liebte Freundin, es von mir einst gewohnt gewesen sind. Dann werden eines Tages meine Nachlaßverwalter das Paßwort erfahren und entscheiden können, was mit diesen Texten geschehe: ob sie endgültig gelöscht oder ob für eine Zeit archiviert werden sollen, zu der alle Beteiligten ihrerseits verstorben, so daß bei Veröffentlichung niemand mehr belastet wird. Richard Ellmann hat es bekanntlich mit Joyces “Giacomo Joyce” so getan. Und ich selbst kann mir das Ventil verschaffen, das mein Innendruck braucht. Denn das Problem bleibt bestehen und wird fortwirken; es ist nur halbwahr, oder viertels, daß die Zeit die Wunden alle heile. Sie macht sie allenfalls irgendwann erträglich.

Ihr ANH

P.S.: Abgesehen von Thomas Hummitzschs im TIP nicht eine einzige Besprechung der “Wanderer” in Deutschland, so wenig wie für “Das Ungeheuer Muse” . Das ANH-Verschweigen hält an. Meine Gedichte insgesamt sind, nach sechs Lyrikbänden, bei Lyrikline nicht einmal auch nur erwähnt. So wird es denn wohl bleiben. – Allerdings hat kürzlich Ralf Schnell einen wunderbaren Vortrag zur “Aeolia” an der Uni Trier gehalten. Der Literaturbetrieb ignoriert selbstverständlich auch das – und nicht, weil er nicht drum wüßte. “Wissen” tun sie alle, die in ihm umgehn, genau.

P.P.S.: Mit zunehmendem Alter verliert “das Gefühl” die Radikalität; es bleibt absolut, aber richtet sich ein. Wollen hingegen tut es nach wie vor – soweit ein Wille “tun” denn k a n n.

P.P.P.S: Daß es um Strukturen geht, auch und gerade künstlerisch, hat von allen Denken am schärfsten Adorno gedacht. Wie sehr ich mich von ihm auch gelöst habe, dies bleibt mir als ständige Mahnung.

*

15.15 Uhr:
Das heutige Trainingsprotokoll erzählt am Ende eine, nun jà, nicht ganz lustige Geschichte.

%d Bloggern gefällt das: