Alexander und die Frauen. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 19. Mai 2019.

[Arbeitwohnung, 7.15 Uhr
Erster Latte macchiato
Ein Amselhahn ruft, Spatzen tschilpen, im Rücken fällt bereits hell
Sonnenlicht auf des Hinterhauses helle gelbe Fassade.]

Beginn einer Erzählung, gestern auf der Heimfahrt notiert:

Sein Herz war noch längst nicht kalt (Hermann Löns, Rosemarie), aber die Zeit brachte eine Beruhigung, die ihn mit den ihn abweisenden Umständen allmählich einverstanden werden ließ. Insofern hatte er das große Glück, denn er war kein Asket, mit Mara, Konstantine und Jamaika bekannt geworden zu sein, letztre eine, daher ihr Name, karibische Kreolin. Diese drei Frauen lebten in einer ähnlichen, wenngleich doch ganz anderen Seelen- und Sehnsuchtsverfassung. Sexuell getrieben wie er, band auch sie entweder eine unerfüllte, wohl gleichermaßen unerfüllbare Liebe, die e r indes nicht war, oder sie hatten, vornehmlich Mara, von der Verschmelzung in einer, wie jene abwürfig sagte, “Beziehung” prinzipiell Abstand genommen, wollten sich nicht neuerlich fest binden.
Also traf er die eine mal, mal die andere, und sie verbrachten nicht nur Nächte miteinander, bisweilen recht heiße, sondern auch Tage, wenigstens Stunden, die manchmal nicht mehr als zärtlich nahe waren. “Du riechst gut”, sagte Konstantine, das war ihr Grund genug. Jamaika wiederum kroch mit dem Kopf unter sein TShirt, brachte es dabei sogar zuwege, viertels mit dem Gesicht aus dem Halsausschnitt zu lugen, die rechte Wange in sein Brustfell gedrückt, und sie sagte lächelnd: “Ich fühl mich wohl bei dir” – was natürlich “an dir” hätte heißen müssen. In einem wilden Moment hatte sie das halbe Bücherregal heruntergerissen, so daß sie für einige Zeit unter einem ganzen Haufen von Bänden, vorgerutschten Buchumschlägen und auch Fotos verschüttet blieb, die er hochkant in die Borde gestellt. Nur ihr grandioses Hinterteil und die langen Beine schauten aus dem Berg hervor, sowie die Füße natürlich, die mit den langen Zehen spielten.
Ob die Frauen voneinander wußten, war nicht heraus. Ihrerseits sie hatten weitere Geliebte, von denen e r nichts wußte. Was er aber wußte. Allerdings Konstantine besaß genaue Kenntnis von der Existenz der anderen beiden Frauen, weil sie und er nicht nur über ihre vergeblichen, doch währenden “eigentlichen” Lieben offen sprachen, wenn auch meist leise, manchmal sogar flüsternd. “Du hast ja neulich a u c h geweint”, sagte sie etwa. Sondern weil sie sich zuweilen in jemanden noch ganz anderen richtig verliebte, und wenn es nichts wurde, rief sie Alexander an, der ihr dann beinahe väterlich – der ohnedies viel ältere – das Ohr lieh, ihr wohl auch Ratschläge gab oder zu geben, ihren Kummer jedenfalls zu mindern versuchte.
Aller drei wahre, die eigentliche Sehnsucht blieb unerschüttert im Leben. Deshalb war ihren Vereinigungen stets ein Tropfen Trauer beigemischt, spätestens, wenn die Ekstase vorüber. Genau aber dies, die Gegenseitigkeit ihrer Unerfüllbarkeiten, band sie mehr und mehr aneinander, so daß sich irgendwann durchaus auch hier von Liebe sprechen ließ, wenn auch einer, die auf Absolutheit verzichtet, erst recht auf Radikalität. Von einer weichen Liebe ließe sich sprechen, einer, in der sich die Seele neben den Sex legt, ohne mit ihm anders verbunden zu sein als in guter Freundschaft. Deshalb kam auch die Rede nie auf ein Kind, für das Alexander, pragmatisch gesehen, ohnedies zu alt war. Auch wenn er sich eins wünschte, ein weitres nach wie vor. Dies ließ, sowie die Spasmen sich atemflatternd beruhigten, wie einen Hauch abgeflammter Orangenschale die Bitterkeit über dem Cocktail seiner körperlichen Erschöpfung duften. Denn die Frauen waren es n i c h t, “zu alt”, Jamaika sogar stand für Nachwuchs im allerbesten Jahr. Aber sie wollte definitiv keine Kinder, egal ob von ihm oder jemandem sonst. Die zwei andern waren Mütter sowieso schon, alleinerziehend, mit den üblichen Ungewißheiten der Väter, bzw., wie Konstantine sagte, “Erzeuger”, die ihre elterlichen Pflichten voll abgegolten fanden, wenn sie den Unterhalt bezahlten, Termine nur lax einhielten oder sie sogar benutzten, um sich an diesen Frauen zu rächen.
Bemerkenswerterweise verstärkte Alexanders leichte Bitterkeit, und die der drei Frauen wohl auch, die Bindungskraft ihrer, quasi, ménage a quattre. Sie gab ihr jene Süße, deren dieses nach wie vor neue – vor Jahren wäre von “unbürgerliche” gesprochen worden – Beziehungsmodell bedarf. Es war ein loses, lockeres und eben deshalb freies, weil alle vier wußten, es müßte nur eine neue “wahre” Liebe erscheinen, plötzlich mitten in die Realität treten, in ihr aufgehen wie der Vollmond, ein anderer Mann, eine andere Frau, um es zu enden. Doch mit der Zeit war nicht mehr heraus, ob sie dies auch wollten und es ihnen, diese neue wahre Liebe gefunden zu haben, nicht vorgekommen wäre wie eine Katastrophe – nicht nur, weil sie ihnen die nahezu grenzenlose Ungebundenheit ihres Verbundenseins genommen, sondern auch, weil es die im Herzen getragene Sehnsucht nach der und dem eigentlichen Dritten zerstört hätte, die der ursächliche Grund dieser ihrer Form tiefer Verbundenheit war.

Ich selbst hingegen hätte auch für solche Ménages keine Zeit. Es liegt einfach, liebste Freundin, zuviel Arbeit an. Zwar hatte ich neulich ein Blinddate, doch war das beste daran allein die verschiedene Definition des Begriffs. Meine, läßt sich das sagen? -: Treffpartnerin verstand unter ihm die sofort sexuelle Begegnung mit einem bis dahin Unbekannten, ich hingegen alleine eine solche Begegnung an sich. Dies gab Anlaß zu einer hübschen Unterhaltung, zu mehr hingegen nicht. Als ich dann irgendwann bemerkte, ich glaubte nicht, daß wir zueinander paßten, erwiderte sie: “Ich bin sehr froh, daß Sie das sagen.” Unser Gesprächsstoff hatte sich ohnedies schnell erschöpft.
Ich brachte die Frau noch zur Tramhaltstelle. Es ist die Form, was uns hält, und das Bestreben, sie kulturvollst zu vollenden.

Gestern dann, unerwarteterweise, die Contessa an der Alster getroffen, nachdem ich von der nächsten Tonaufnahme der alten Dame kam. “Ich habe gelesen, daß Du in Hamburg bist.” Ja, unterdessen sind wir beim Du. “Ich bin es nämlich auch”, also in Hamburg. Irgendein Geschäftsgespräch mit einem, sagen wir, Probanden. Ob ich dazustoßen möge.
Es traf sich.
Um 16 Uhr bereits war meine Aufnahme fertig. Nur gab es in der Nähe – weit außerhalb des Zentrums – keinen DriveNow-Wagen, und meine Contessa wartet nicht gern, für die ich zwar nach wie vor ihr “Aiutante” bin (“Hilfstante” hab ich gescherzt), die aber ich mir längst, i n mir, meine Schwester zu nennen angewöhnt habe. Nicht nur jenseits unserer Arbeitsbeziehung entspricht es der Wahrheit.
Also in den Bus bis Dammtor, wo ich für die paar hundert Meter bis Fontenay ein Taxi nehmen wollte. Doch kam der 109er Bus. Spontan, muß ich sagen.
Mit Blick auf die obere, von Sonne erleuchtete Außenalster schließlich auf der Terrasse gesessen, Champagner getrunken, geplaudert. Dann gingen wir noch ein wenig spazieren, bis ich die edle Frau zurück zum Hotel brachte. Man hätte uns für ein Paar halten können, was wir ja irgendwie tatsächlich sind. Halt ein Geschwisterpaar, wenn auch aus völlig verschiedenen Welten. In ihre hab ich Eingang.
Wir lachten viel. Sie schoß ein himmlisches, hier sogar im Wortsinn, Foto, eines g e n Himmel nämlich:

***

Zwei Stunden später saß ich im ICE zurück und notierte die ersten Zeilen der Erzählung, mit der das heutige Journal beginnt. Kurz nach 22 Uhr war ich wieder am Schreibtisch. Doch der Champagner hatte ziemlich gewirkt. So kam ich nicht mehr zu viel.

Ihr
ANH, beinah ohne Unhold

Yüe-Ling. Aus dem Entwurf (2).

Neben ihr war Holtmann eingeschlafen. Sein Ifönchen weckte ihn.
Sie, eingerollt wie ein sehr junger Polarfuchs, lag, als er erwachte, in seiner rechten Achselhöhle. Behutsam hob er den Arm, so daß sie herausrutschen konnte und, ohne ihrerseits zu erwachen, aufs Kissen glitt, von dem er Kopf und Nacken gehoben. Sie zu malen, wußte er,
abzumalen, würde sie töten. Wußte sie es auch? War sie deshalb so, vergleichsweise, vertraulich geworden?

Yüe-Ling, Anlaß <<<<
Siehe auch>>>> Arbeitsjournal vom 3.2.2013.

Schultens’ Geheimnis, Der untote Schwan. Zur poetischen Form: Aus dem Entwurf des Essays (1).

(…)

In einem großen Vortrag über die strauß/hofmannsthalsche Elektra bemerkte Ernst Bloch an deren und Orests großer Erkennungsszene, daß alles Erkennen ein Wiedererkennen sei. Diese Auffassung reicht bis in die biblische, bzw. Sprache der Thora zurück, wenn sie den Beischlaf meint, etwa 1 Mose 4,1: Und Adam erkannte sein Weib Eva, und sie ward schwanger.
Einmal ganz abgesehen davon, daß bereits hier Erkenntnis kirchenfremd-untrennbar mit Eros verbunden, ja dieser geradezu zu ihrer Voraussetzung wird, spielt das wie auch immer unbewußt bereits Bekannte, aber, sagen wir, Verdrängte, zumindest Vergessene die Rolle des Wiederentdeckten, aus welchem Prozeß sich eine Evidenz ergibt, die alle Liebenden kennen, wenn sie „zum ersten Mal“ dem und der dann Geliebten gleichsam plötzlich gegenüberstehen. Sie wissen sofort. Und s o f o r t ist die Vertrautheit da, deretwegen es zum Glück kommt, einer Überschüttung von Glück durch eben dieses sofortige einander Verstehen. Es ist, als wäre man schon immer mit der/dem anderen beisammen gewesen.
Mithin ist alles Verstehen Wiedererkennen.

Ist nicht aber genau dieses das, was wir auch bei großen Gedichten, überhaupt in der Begegnung mit gelungener, bzw. gelingender Kunst erleben? Will sagen, es muß in ihr etwas sein, das wir zuvor schon kannten. Es muß sich auf irgendeine Weise etabliert, in die Seelen der Rezipienten gesunken drin festgesetzt haben, um erkannt überhaupt erst zu werden.
Was da geschieht, ist eben nicht abstrakt, sondern eine Empfindung, die möglich wurde, nachdem eine Formsprache sich gleichsam verstoffwechselt hat. Daher oft die Spannen, die es braucht, bis neue Kunstformen als solche erkannt werden können. Daher gelten uns Heutigen Beethovens späte Streichquartette nicht mehr als „mißlungene Musik“, wie wir es noch vor sechzig Jahren in führenden Musiklexika lesen konnten. Daher wird „plötzlich“, nachdem er Jahrzehnte verpönt, Heinrich von Kleist zum Gipfel der Novellenkunst. Daher versteht „man“ mit einem Mal Hölderlin, den zur Lebzeit gleichfalls fast durchweg ignorierten. Wir „erkennen“ solche Künstlerinnen und Künstler erst spät, weil wir sie erst spät auch wiedererkennen können. Nun erst verstehen wir sie.

Untoter Schwan, Gedichte, Kookbooks 2017
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(…)

Yüe-Ling (1). Verklären wollen. (Aus dem Entwurf).

Es traf sich gut, daß er dieser Tage einige Auftragsarbeiten zu erledigen hatte, davon zwei Erstskizzen, für die Modell gestanden werden mußte. Er lehnte es ab, nach Fotografien zu arbeiten, wollte immer den direkten Kontakt. Man mußte hören, wie jemand atmet, wie jemand niest, man mußte den Klang der Stimme hören und wahrnehmen, wie jemand roch, um die Eindrücke mit dem Verklärungswerk zu vereinen, um das es ihm ging. Schönheit, die ausläßt, ist billig.

Alice in Gesaraland (2): Schwäne und Häs‘chen.

…wie sich in ganz Gesaraland und auf dem Gesarameer eigentlich gar nichts richtig bewegt, sondern alles immer nur wartet und weiterwartet, bis entweder alle Menschen, die es vielleicht einst einmal gab, zu Tieren geworden sind und Gesara selbst zu einem Baum wird oder zu einer anderen Pflanze, obwohl sie manchmal auch schon selbst Tier war, zum Beispiel, wenn sie sich auszieht und dann ein richtiges Fell unter dem Kleid hat. Weil nämlich die Schwäne in Wahrheit gar nicht erlöst werden wollen, sondern sie wollen, daß auch alle anderen Menschen zu Schwänen werden. Das sind keine guten Häs‘chen, Papa, sondern die sind richtig gemein. Genau dafür haben sich die beiden auch verabredet, genau das haben sie vorgehabt, was man an den Ohren sehen kann, die Gesara da schon gewachsen waren. Das ist aber nicht das schlimmste dabei, sondern daß ich Gesara das nicht sagen konnte, weil sie mich ja einfach nicht wahrnahm. Daß ich merken mußte, es ist völlig vergeblich, wenn man sie da rausholen will. Weil das auch keine wirklichen Tiere, sondern so alte Spielzeuge sind, die man aufziehen kann, und dann tun sie eben so, als ob sie echte Tiere wären. Eigentlich war nur der kleine Eisbär echt. Darum hat er auch so geschrieen, weil er das eben gemerkt hat und wußte, daß er, wenn er aus der Kiste herausklettern würde, von den anderen Tieren ja doch nur für immer verzaubert werden würde.
Ja aber wozu?
Damit er für alle Zeit als Spielzeug leben muß und nicht etwa sich eines Tages, wenn er groß ist, eine Eisbärin suchen kann, mit der er darauf achtet, daß ihre Kinder wachsen können und nicht wie im Gesaraland für immer klein bleiben müssen. Das Gesaraland will, daß alle immer klein und hilflos bleiben, und wenn man davon berührt wird, will man das selber auch. Deshalb mußte ich da schnell weg, obwohl ich Gesara doch helfen wollte. Und das auch immer noch will.
Es ist doch nur ein Traum gewesen, Junior.
Nein, Papa. Das war nicht nur ein Traum. Guck hier, das hab ich von dort mitgebracht: –

(Aus dem Entwurf.)