Cavanis Nachtportier im, auch zur Verwirrung des Gemüt(h)s, Arbeitsjournal des Dienstags, den 22. Februar 2022. Und zuvor der Dialog mit einem mir wichtigen Kollegen, dem ich den Hinweis auf Cavani verdanke.

[Arbeitswohnung, 6,40 Uhr
Erster Latte macchiato | Erste Morgenfeier
Keine Musik, sondern der jugelnde Amselhahn wieder, draußen,
sowie zwei Krähen, die rufen]
Ich weiß nicht, ob mich Freund → Esch[1]ein Anonym; der Kollege möchte öffentlich nicht mehr kommentieren; pikant freilich, daß er als Pseudonym den Namen eines, wie im Deutschlandfunk → Katrin Hillgruber meinte, “Vorläufers … Continue reading, als er mich vorgestern in Facebook persönlich anschrieb, sanft darauf aufmerksam machen wollte, daß meine → dort skizzierte Romanidee d o c h bereits realisiert worden ist, anders als ich meinte; jedenfalls setzte er mich auf eine Fährte, die mehr als nur einmal um  “Die Verwirrung des Gemüths” herum-, allerdings nicht in deren Zentrum hineinführt, doch ihr eben einen Bedeutungshof mitverleiht, der mich frappiert hat.
Es entspann sich der folgende Dialog:

15.36 Uhr

A.Esch
Wären vielleicht eine gute Besetzung gewesen → für Deine Idee

ANH
Oh ja!
A.Esch
Kennst Du aber?
ANH
Aber ja. Doch da es Ewigkeiten her ist, daß ich → Cavanis Film sah, sehe ich ihn mir heute abend noch einmal an; bei Amazon prime läßt er sich für 3,99 streamen. Aber meine Idee ist eine andere, keine, nachdem das Unheil schon vorbei, sondern noch während es geschieht. Das entspricht auch → Pynchons Konstruktion, die aber das sexuelle Moment, untypisch für ihn, zurücknimmt, statt dessen die Ergebenheit ins Zentrum stellt – eine, die an die wohl schlimmste Bibelerzählung erinnert, die ich kenne: Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern und dann die angebliche Gnade, in Wahrheit den Sadismus Gottes, ihn fast noch den letzten Schritt ausführen zu lassen. Diese ganze Parabel trägt extrem faschistische Züge.
A.Esch
Es steckt hier auch ein Thema, das in der ganzen Holocaust-Literatur (wenn man das so nennen will) völlig übergangen wird. Nämlich die sehr verbreitete sexuelle Übergriffigkeit der Täter. Sie trieben die Frauen ja nicht einfach nackt in die Gaskammern. Sie begrabschten ihnen vorher noch die Brüste und steckten ihnen die Finger in die Scheide. Die Begierde, die in dem Moment der totalen Verfügbarkeit aufflammt. Theweleits ›Männerphantasien‹ sind nicht nur mit der Vernichtung zu befriedigen, das ist nur der Endpunkt, vorher kommen alle Arten von Grenzüberschreitungen. Pasolini hat in den 120 Tagen einiges davon gezeigt.
KZs sind nicht nur Orte des Mordens gewesen, sondern auch Orte sexualisierter Gewalt, hauptsächlich gegen Frauen.
ANH
Das ist mir komplett bewußt, und es ist auch eines d e r Themen der gerade von mir bearbeiteten Verwirrung des Gemüts.

 22.55 Uhr

ANH
Lieber Esch, ich bin Dir – jetzt, nachdem ich diesen Film wiedersah – erneut zu großem, sehr großem Dank verpflichtet. Denn ich verstehe jetzt, weshalb man mich nach der Verwirrung so ausgeschlossen hat – bis heute. Im Prinzip habe ich damals, aber ohne es zu wissen, direkt an Cavani angeschlossen; meine Fragen in dem Roman sind dieselben, die sie, sie aber mit sehr viel ausgearbeiteren Mitteln, in ihrem Film gestellt hat und die sogar sie an den Pranger stellten. Bei mir war das leicht, einem Greenhorn, der gerade einmal begann und seine Formen erst allmählich geschnitzt hat. Es ist ein großer Film, und ich muß jetzt sehen, in der Verwirrungs-Neubearbeitung dafür einen Platz zu finden. Aber alles ist mir jetzt, in den vergangenen zwei Stunden, enorm klar geworden. Ja, anders als ich Dir vorhin schrieb, ist Cavanis Film einer über Liebe, dem will ich Referenz erweisen. Umso wichtiger wäre, daß unsere diesbezügliche Korrspondenz in Die Dschungel kommt, die nach meinem Tod eine der Hauptquellen literarwissenschaftlicher Untersuchungen sein wird, dank → Elvira, die meine poetische Nachlaßverwaltung, nach ein wenig ängstlicher Überlegung, nun übernommen hat. Es ist diese Spur enorm wichtig, glaube ich. (Anlaß der Verwirrung war ein anderer Film, Caligula, aber in der Seele näher ist Cavanis, wobei ich denke, daß ich ihren Film erst später gesehen habe, vielleicht wenig später, ich weiß es nicht mehr, aber in den Endsechzigern, als der Deutsche Herbst noch wirkte.) Ich war literarisch nie sentinmental, setzte mich immer aus (persönlich aber war ich’s schon von Zeit zu Zeit, wußte es aber vom Poetischen zu trennen). Ich kann den Film so deutlich fühlen, weil ja auch ich Erfahrungen, und gut-intensive, gelebte, mit SM habe. Das war, ohne daß ich es 1979-80 schon wußte, die Spur, der ich folgte. Wie gesagt: riesigen Dank.
Ich habe mich übrigens entschlossen, für die Ausgabe Zweiter Hand ein Vorwort zu schreiben; erst dachte ich, auch in der Nachfolge Jean Pauls, aber jetzt, nach Deinem Hinweis, geht es noch um etwas ganz, ganz anderes – das gerade in den jetzigen so “correcten” Zeiten von Bedeutung ist, Bedeutung für uns alle, die wir uns den Ambivalenzen aussetzen und sie eben nicht verdrängen.
A.Esch
Ich werde jetzt aber extra die alte Fassung nochmal lesen.
ANH
Und dann, bitte bitte, die neue. Ich werde sie Dir sofort nach Erscheinen zuschicken lassen. Kann aber Juni werden.
A.Esch
Ja, aber genau den Unterschied will ich zeitnah sehen.
ANH
Das ist gut und richtig. In der Neufassung zeige ich “nur”, was ich mit sechsundzwanzig noch nicht konnte — obwohl es nötig gewesen wäre. Ich habe es den Verkleisterern zu leicht gemacht. Aber lies erstmal.

23.26 Uhr.

***

Und ich notierte noch in derselben Nacht, ich wisse jetzt, weshalb die Verwirrung nach ihrem Ersterscheinen 1983 derart verrissen wurde. Ich hätte unwissentlich an etwas angeschlossen, das Cavani begonnen habe und, besonders in Deutschland, nicht zugelassen werden durfte. In der Tat wurde diesem Film teils mit einer Abscheu begegnet, die alarmierend an eine Reaktionsbildung nicht nur erinnert. “(…) as nasty as it is lubricious, a despicable attempt to titillate us by exploiting memories of persecution and suffering”, → schreibt zum Beispiel Roger Ebert; und das IKONENMAGAZIN:  „Dieser Film stellte den Prototyp einer ganzen Welle teils reißerischer, oft an der Grenze zur Pornographie rangierender Exploitationfilme [dar], die die genoziden Verbrechen des Dritten Reiches als Hintergrund für meist triviale Erotikdramen benutzten.“ Hier läuten sämtliche Glocken der kollektiven Verdrängung. Es gab aber auch moderate, nachdenkliche Stimmen, auf die freilich ich, das damals noch, wie ich selber schreibe, Greenhorn, nicht rechnen konnte. Ich hatte aber die faschismuskollektive Verdrängungsmechanik sowieso nicht gesehen, weil nämlich auf das eigentliche konzentriert:

(…) als ich von dem Film ihr erzählte, den Masturbationsmaschinen, kleinen spitzen Blechdornen. Säuber­lichen Schnitts ward dem Ohnmächtigen mittels eines Rasier­messers die Eichel vom erigierten Glied geschnitten, triumphierend hochgehalten vom Verweser zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, die anderen Finger gespreizt, abgewinkelt; vorgeworfen das Blutige dann im Film den Hunden und in Wahrheit dem dröhnenden Lachen einer Gruppe junger Erwachsener im Kinodunkel, fiel wohl irgendwohin, in einen der fahlen Hinterköpfe, während draußen der Abend sich lauwarm zwischen Autodächer drückt, im Anflug der Nacht. Unter Laternen gläsernes Neonweiß.
Kann i c h mich noch entsetzen?
(Erstfassung 1983, S.7/8)

Da diese Stelle, die eine Zwangskastration nacherzählt, gleich am Anfang des Romanes steht, auf der ersten Textseite nämlich, weigerten sich damals die bayerischen Buchhändler, das Buch überhaupt auszulegen (List war damals ein Münchner Verlag) — womit “Das Problem ANH” bereits in der Welt war. Daß es nicht nur um Verdrängungsmodi ging, sondern vor allem um eine möglicherweise in uns allen angelegte sadistische Lust, der als, ich schreibe einmal, “Empfängerin” eine masochistische entspricht, und auch deren beider Dynamik, wenn kolletiv losgelassen, also politisch geworden, ins steinerne Herz des Fachismus führt, wurde nicht gesehen oder, meine ich, durfte gesehen nicht werden. Ich hatte es gewagt, der Vergangenheitsbewältigung den sentimentalen Zahn zu ziehen. Wohin mein Unternehmen schließlich führte, lesen Sie, Freundin, dann bitte im Buch nach, am besten in der, wenn sie denn erschienen sein wird, Neuausgabe Zweiter Hand.

Hier jetzt erst einmal zu Cavanis Film:

Anders als → das Erzählprojekt, das mir am Sonntag in den Sinn kam, spielt Der Nachtportier nicht während der NS-Zeit selbst, bzw. das nur in den Erinnerungen der beiden Hauptprotagonisten, Rückblenden also, sondern in den Fünfzigerjahren Wiens, wo sich in einem Hotel bei der Volksoper ehemalige SS-Offiziere treffen, die an den in den Lagern verübten Verbrechen schwere Schuld tragen, die sie aber nicht bereuen, sondern sie sind nach wie vor “stolz”, große, sagen wir, “Arier” gewesen zu sein; kurz, sie sind Nationalsozialisten nach wie vor und also selbsternannte Übermenschen, die jetzt allerdings, in der neuen demokratischen Zeit, sich gerichtlich verantworten müssen, das aber auch, vermittels eines ebenfalls hitlerverehrend gebliebenen Anwalts, durchweg hinbekommen. Wie es in dieser Zeit – und noch lange nachher – auch gewesen sein wird. Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, etwaige Belastungszeugen, wenn sie die Möglichkeit haben, aus dem Weg zu räumen. Um es euphemistisch auszudrücken. — Einer von ihnen ist der Nachtportier, von Dirk Bogarde dargestellt. Anders als seinen Schwerverbecherkameraden ist ihm von Anfang an etwas Gestoßenes anzumerken, ein inneres Leiden, das von ihm ißt, welches Verzehrtwerden er mit Haltung zu ertragen versucht, einer Art leidendem Gleichmut, der auf andere wie eine fast aristokratische Höflichkeit wirkt und zugleich doch die Wärme des Schmerzes hat. Auch wenn er von allen, namentlich den Hotelgästen, beim Vornamen, Max, genannt wird, wie seinerzeit bei minder Bediensteten üblich, umgibt ihn ein geradezu umgekehrter Abstand des Ranges gleich einem unsichtbaren Magnetfeld. Was, denke ich, weniger mit Kalkül so inszeniert worden ist, als es an Bogardes ohnedies persönlicher Aura liegt; man kann sagen, schon Cavanis Casting sei perfekt gewesen. Es würde nicht zu ihm passen, als faschistischer “Herr” aufzutrumpfen; er bellt nicht wie Hitler, er spricht leise, gedämpft. Seine Augen sehen durch die Gestalten hindurch. Deshalb sind sie Einfallstore für Allegorien; er kann zur Bühne uralter, sich in Variationen ständig wiederholender Geschehen werden, die erst enden werden, wenn wir alle sind geendet, jede auch spätere Generation.
Und dieses, die Allegorie, begibt sich. — Wobei sich das folgende Geschehen auch mit dem später so genannten → Stockholmsyndrom erklären ließe. Doch ich habe das schon für meine kleine Erzählung → “Die Niedertracht der Musik” für eine Rationalisierung, nämlich Abwehr-, also Verdrängungsbewegung gehalten. Vermittels solcher “Erklärungen” versuchen wir, etwas von uns fernzuhalten, dem sich nichts entgegensetzen läßt und wir deshalb ausgeliefert sind. S begibt sich.
Im Lager nämlich schon. Die SS-Leute lassen die Gefangenen, ob weiblich oder männlich, ist egal, nackt in Reihe antreten und filmen die Leute, suchen sich, wie oben Esch gesagt hat, heraus, was ihnen gefällt, und benutzen es. Dazwischen ein, ich sage mal “Reh” – und bitt Sie doch zugleich, das Klischee zu entschuldigen. Doch “meine Kleine” wird Max noch später und immer wieder, und verzweifelnd, sagen, verzweifelnd auch vor Glück. – Im Lager nun wählt er sie sich und beginnt, sie zu quälen. Nur ist er auf eine Devote getroffen. Sie reagiert auf die Furcht mit Begehren. Und er, er verfällt ihr.
Die Szene wird als Erinnerung beider gezeigt, als sie in der Volksoper einer Aufführung der Zauberflöte beiwohnen. Er sitzt hinter ihr, schaut sie dauernd an, und sie kann nicht anders, als sich immer wieder umzuwenden, um wiederum ihn anzusehen. Hier spielt die Musik eine im Wortsinn ungeheure Rolle; was Mozarts Stück, das ich immer abgelehnt habe, hier zugleich Klang werden läßt, kann ich noch jetzt nicht fassen. Cavani hat alleine hier etwa Granddioses geschaffen. Freundin, Sie müssen es einfach selbst sehn und hören. Und als er, Max, die Frau wirklich sehr verletzt hat, körperlich, es klafft knapp unter ihrer linken Schulter ein riesiger Schnitt in ihrem Oberam, legt er seine Lippen auf die Wunde und saugt von ihrem Blut.
So etwas verliert sich mehr, nicht bei einer Frau von solcher Hingabe und bei dem Mann nicht, der sie annehmen kann und fängt, falls die Geliebte fällt.
Charlotte Rampling war immer eine enorm schöne Frau und ist es noch im Alter; als junge Frau aber war diese Schönheit rasend. Das wirkt hier selbstverständlich mit – in diesem Fall darf ich sogar schreiben “wirkt hier natürlich mit”. Rampling hat etwas von der Apartheit der frühen Grace Kelly, übersteigt sie aber, und zwar weit, weil dieser Schauspielerin etwas eignet, das Francis Bacon — Edgar Poe läßt es in → Ligeia Lord Verulam zitieren — für jede höchstrangige Schönheit ein für alle Mal in die richtigen Worte gefaßt hat:

There is no exquisite beauty without some strangeness in the proportion.

Zu diesem “gewissen Mißverhältnis in den Proportionen” gehört unabdingbar auch Ramplings höchst spürbare Neigung zur erotischen Übertretung; sie hat oft solche Frauen gespielt, immer war da etwas in ihren schlupflidrigen Katzenaugen, vor dem weiche oder gar schwache Männer sich besser in Acht nehmen sollten, um von den “woken” nachdrücklich zu schweigen. Daß, sofern ich richtig liege, diese Neigung so früh schon sichtbar wurde, wundert mich nicht. Meiner Kenntnis und persönlichen Erfahrung nach setzt auch dieses Begehren spätestens mit der Pubertät ein und hält meist lebenslang an.

Übrigens, kleiner und am Rande vermerkt, sind “woke” Leute
durchaus ihrerseits schwer grausam. Wie klagte mir neulich,
Freundin, eine andere Freundin? “Jetzt soll jede Form der
Sexualität erlaubt sein, homosexuelle, lesbische, und jeg-
licher Geschlechtermix. Aber was ist mir meiner Orientierung?
Als Devote werde ich beschimpft und würde, outete ich mich,
alles verlieren, angefangen von meiner Berufsanstellung
und bei einem Großteil meines Freundeskreises nicht auf-
gehört. Die Woken würden mich als angebliche Anwältin des
Patriarchats b e s p u c k e n ! Man würde meine Neigung mit
denselben Argumenten widerwärtig nennen, mit denen früher gegen
Homosexuelle vorgegangen wurde: Sie sei widernatürlich, unnatür-
lich und also ein Symptom seelischer Gestörtheit. Somit bleibt
mir als lustvoll Devoter gar nichts anderes übrig, als heimlich zu
leben, was ich leben will. Soviel zur woken Gerechtigkeit.”

Und dann, die junge Devote hat überlebt und ist mit einem internationalen Dirigenten verheiratet… dann hat das Paar in ebendem Hotel eine Suite reserviert — der Ehemann, ausgerechnet, ist es, der diese Zauberflöte dirigiert —, … so daß, was kommen muß, kommt. Sie und Max sehen sich wieder, man muß es biblisch sagen: erkennen sich wieder. Sie ist, die Allegorie, in ihnen leben geblieben, und was sich im Lager nicht verwirklichen ließ, sondern sozusagen angelebt wurde, die in der einander Verfallenheit L i e b e nämlich, nun hebt sie den Vorhang und zeigt sich — auch und gerade Maxens Nazikameraden, die ihn beschwören, um ihrer aller Sicherheit willen von dieser jungen Frau zu lassen. Die sie, wie andere Zeugen ihrer Verbrechen vorher, unauffällig beiseitebringen wollen. Er aber schützt die Geliebte, so daß einmal mehr wahrwird, daß alle großen Lieben mit dem Tode enden (oder sie enden im Abwasch des Alltags und sind dann keine mehr). Wobei in dieser Geschichte sein Tod auch gerecht ist; in den Nürnberger Prozessen wäre er an den Strick verurteilt worden. Nur daß ihn jetzt die Frau begleitet, seine Frau und willentlich, egal, mit wem sie rechtlich verheiratet ist. Es ist ein Heimtücksmord, der in die Rücken schießt. Doch beide Menschen fallen gemeinsam, zwischen ihnen eines Brückengehsteigs Asphalt, der sie, glaube ich zutiefst, zu trennen auch nicht vermag:

*******************************************

[12.50 Uhr]
Jetzt habe ich lange geschrieben und lange Bilder formatiert, bin in Cavanis Film noch einmal eingedrungen und mir über vieles weitere klargeworden, das hier nun notiert ist. Sie können den Text auch als Filmkritik lesen, in jedem Fall als eine Empfehlung.
Seltsam bleibt, daß ich mich zwar erinnerte, diesen Nachtportier schon gesehen zu haben, doch daß ich vergaß, was er erzählt. Vor der Verwirrung sah ich ihn wahrscheinlich nicht, er wäre sonst ihres Hauptthemas wegen in dem Buch sicherlich erwähnt worden, auch wenn ich die Nähe gar nicht begriffen hätte. Doch auch später begriff ich sie nicht, hätte es wohl erst in der Berliner Zeit gekonnt, nachdem meine dominante, wenn auch nicht so sehr sadistische Sexualität aktiviert wurde und ich sie auszuleben begonnen hatte. So nehme ich an, daß ich den Film irgendwann in den mittleren Achtzigern sah und er mir schlichtweg fremd blieb.
Das hat sich nun extrem geändert. Vielleicht brauchte es “nur” Reife und also eigene Geschichte.

Freundin, ich brauchte Blumen, brauche manchmal Blumen. Aber ich sitze allein. Deshalb kaufte ich-selbst gestern welche, Tulpen. Es ist ein Frühjahrswinken ich zu ich. Und wie es, nachdem ich’s – bei PENNY erstanden, zuhaus beinah welk – mit frischem Wasser und drin etwas Zucker versorgt, a u f g e  s c h o s s e n ist! Nun sind wir uns gegenseitig dankbar, die Tulpen und ich.

Ihr

ANH

References

References
1 ein Anonym; der Kollege möchte öffentlich nicht mehr kommentieren; pikant freilich, daß er als Pseudonym den Namen eines, wie im Deutschlandfunk → Katrin Hillgruber meinte, “Vorläufers der Wutbürger” gewählt hat

Christopher Nolans gerühmten Film “Tenet”

gesehen, OmU, klar, aber es hätt der Untertitel selbst dann nicht bedurft, wäre der Film auf Chinesisch. Immerhin war ich seit, glaube ich, Jahren, ja, Plural, einmal wieder in einem “richtigen” Kino — das sich coronahalber so richtig nicht anfühlte, sondern bizarr. Nämlich erst einmal der vorgeschriebenen Wege wegen, die zur Kasse zu beschreiten sind, welche wiederum an die lange Süßigkeiten- und Getränketheke des Foyers verlegt worden ist, jedenfalls im Cinestar Kulturbrauerei.
Ich stand quasi alleine an, erst einmal vor einem Stehpult mit Mund- und Nasenschutz vermummtem Jungmann, um mich verfolgungsmöglichkeitshalber einzutragen; dann ließ ich mir den Kassenweg erklären, den ich verwirrend fand, weil ich die Theke ja gleich links neben mir im Auge hatte. Nein, ich mußte “außenrum” und wurde auch harsch darauf hingewiesen. Auch jugendliche Deutsche lieben es, Anweisungen zu geben, zu feldwebeln also. Man kann drüber lachen.
Also rum, außen, was in Cinestars Brauerei-Fall innen bedeutet, unter nämlich der Treppe durch, dann wieder ‘s Gesichterl gen Ausgang.
Ein Papa mit Bub kaufte noch Cola und Popcorn, was brauchte, da sich der Jung’ nicht entscheiden konnte. Machte nix, hinter mir stand niemand, vor mir keiner, aber soeben kam noch ein Pärchen zum Webelpult mit den Zetteln.
Die junge Dame hinter der Theke war immerhin nett, schaute in den Screen und rätselte ein bißchen. “Welchen Sitz geb ich dir jetzt?”
Seit ich über sechzig bin, liebe ich es, von jungen Frauen geduzt zu werden, die ich nicht kenne. (Ist diese Bemerkung correct? Wenn nicht, entschuldigen Sie bitte die Wahrheit, nicht mich.) – Sie habe noch Randplätze, in der Mitte.
“Prima”, sagte ich. “Da sitz ich sowieso am liebsten.” Als ginge ich dreimal die Woche ins Kintopp.
“Möchtest du noch etwas?”
Ohne Magen kein Popcorn, dachte ich und verneinte.
“Dann einfach dort die Treppe hoch, Kino 7.”
“Merci.”

Der Saal sah so aus:

Und hinter mir, sie verteilten sich auf die beiden letzten Reihen, saßen elf Leute, also wenn es hochkommt. Später, nach den unnötigen Werbungen, kamen noch drei weitere. Danach blieben wir ganz unter uns, was die Masken unnötig machte. Dennoch ein Blick in meine Corona-App, aha, interessanter als, na eh, die Werbung (nur die der Morgenpost gefiel mir):

 

PAUSE

Die Leinwand kündigte verschiedene Eissorten und einen Verkäufer an, die auch zusammen nicht kamen.

PAUSENENDE
(DIMMEN DES WANDLICHTS)

Dann, mit kräftigem Lärm, begann der Film: terroristischer Überfall auf ein Opern-, das eher Konzerthaus ist; der Dirigent wurde schon gleich abgeknallt. Und ebenso sofort zeigte sich die komplette Schwäche dieses Films, Nolan ließ ihm, also sich, erst gar keine Zeit, sich zu blamieren.

Spätestens seit Andersons grandiosem MAGNOLIA wissen wir, denn haben es zutiefst erfahren, daß sich über gute Filmmusik selbst die irrsten Schnitte glaubhaft machen, ja die verquerste Handlung sogar bekommt durch perfekte Tongestaltung Plausibilität. Und weil Nolan selbst spürte, wie entsetzlich langweilig seine Actionszenen würden, man guckt dauernd auf die Uhr (oder, schau nur Corona, aufs Händi) — weil er’s offenbar so quälend selber schon bei den Dreharbeiten spürte, der arme, arme Mann, darum unterlegte er nun alles mit Krawall: künstlich aufgedonnerte Schußdonner, durchgehetztes Schlagzeug, vor allem Pauken, aber elektronisch, klar, das muß ja auch ordentlich plärren, und. so. weiter, weiter weiter weiter, der Lärm hört gar nie auf oder nur selten. Zum Beispiel, wenn der von mir eigentlich ausgesprochen geschätzte Kenneth Branagh seinen so bitterbösten Schurken gibt, daß man ihm den Krebs, der ihm ange,nunjà,dichtet wird – also nicht jenem, sondern diesem –glauben irgendwie nicht kann. Branagh selbst allerdings könnte Krebs schon haben … Ich hoff, er trüg ihn dann wie ich und würde nachher triumphieren. Was dem Schurken aber nicht erlaubt wird, und zwar von Elizabeth Debicki nicht, seiner Frau, an der vor allem die Körpergröße auffällt, von der auch ihr Kosename Kat (gesprochen nämlich “Cat”) ablenken durchaus nicht kann. Sie, diese zumindest gefühlten Einsneunzig, machen Nolans Spielfilm tatsächlich ungewöhnlich. Nur hat sich’s damit schon, auch wenn es Branagh einzurichten wußte, daß, wenn er stirbt, auch die Welt untergeht, also die ganze, und zwar an einer derart verzwickten (und deshalb eigentlich großartigen) Filmidee, daß es immer wieder Momente gab, in denen ich genauso wenig Durchblick wie John David Washington hatte, den einen guten Schauspieler zu nennen – genauso genauso wie mich – von vor allem schlechtem Geschmack zeugen würde.  Allerdings zeigt er uns auf gut-US’isch-A, daß auch gute Menschen sich prügeln können müssen, und zwar richtig, und auch nicht nur gelegentlich mal wen umbringen. Das gehört zu guten Menschen einfach dazu, wenn sie die Welt retten wollen. Oder müssen. Ich meine, nicht jeder sucht sich das aus. Immerhin verstehen wir jetzt, weshalb Mr. Branagh dauernd auf sein Fitnessarmband guckt, der übrigens einen Russen spielt, um Putin was entgegenzusetzen. Wer sich in die US-Wahl einmischt, hat schließlich selber schuld.
Na gut, und weil Zeitreisen zurück irgendwie invers sind, sind es die Kugeln eben auch, also die aus den vielen Pistolen; selbst Geschützeinschläge knallen rückwärts, also schlagen rückwärts ein: erst spritzt explodierendes Gestein weg, dann re-inhaliert die Erde den Rauch, und das Geschoß jagt zurück zu Kanone und Rohr. Für Actionszenen ideal, vor allem dann, wenn vor- und rückwärts sich auf eine Weise mischen, die “knallen” für diesen Film tatsächlich zum wichtigsten Wort macht, um ihn zu erzählen.
Meine rechte Arschbacke war schon ganz durchgescheuert. Ein Zegna-Anzug, wirklich! Wer zahlt mir jetzt den Schneider? Nolan vielleicht? Oder der Kinobetreiber? Aber der haut bestimmt, wie Branagh, wenn er seine Frau meucheln will, in die Vergangenheit ab, in der sein Regisseur schon feststeckt. Bei Nolan wird selbst die Science Fiction invers und hastet rückwärts in den Kalten Krieg. Doch starke Schwarze braucht das Land. Mit ihnen wäre die Sovjetunion nämlich schon früher in die Knie gegangen. Weiß dagegen, alt und – ecco! – russisch, außerdem ein Mann? Oh, Nolan achtet auf Correctness! Und die Frau ist groß, zwar schwach, doch hoch gewachsen, und also fällt sie auf. Erzählte ich das schon? Gleichfalls der Quote also ist da genug der Genüge getan.

ABSPANN

Als ich das Kino, als erster, verließ, war nur noch der Jugendwebel einsam zu sehen, strich wie ein verirrter Windzug treppabwärts ins Foyer. Draußen glitzerte aber die Nacht wie die Unterlippe Michael Caines, der rätselhafterweise einen außerdem ausgesprochen verpeichelten Gastauftritt in diesem Tenet hat. Denn er spricht beim Essen, mit also geöffnetem Mund. A bisserl eklig war das schon.

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Christopher Nolan

Kamera Hoyte van Hoytema
“Musik” Ludwig Göransson

John David Washington
Robert Pattinson
Elizabeth Debicki
Dimple Kapadia
Michael Caine
Kenneth Branagh

Warner Bros. Pictures
seit August 2020

Die Ausboxung Lievalleens. Von Peter Wawerzinek.

 

Klaus ist früh mit dem Zug nach Schwerin unterwegs. Meine Freundin und ich empfangen ihn am Bahngleis. Ist so schön, abgeholt zu werden. Und wie er sich darüber freut. Grund für seinen Besuch ist das hier stattfindende Filmfestival, mein Streifen LIEVALLEEN hat es bis in den Wettbewerb unter die besten zehn Dokumentarfilme geschafft.
Wir haben viel darüber gesprochen, jetzt will er ihn sehen.
Elf Uhr fünfzehn am Morgen. Ungünstiger geht es wohl nicht, wo doch die Leute in Mecklenburg so brandungsfeste Essenszeiten haben.

Einige dutzende Male habe ich mir während der Postproduktion meinen Film nunmehr angesehen, im großen Kinosaal aber ist er groß und rührt nur nicht mich herzlich an. Ich entdecke kleine neue Details in ihm. Und schon sind neunzig Minuten um, der Film ist aus. Ich stehe mit Steffen Sebastian (Kamera), Andi Preisner (Schnitt), Kirsten Hartung (Schauspielerin) und meiner Schwester Beate vor der Leinwand auf der Bühne. Wir reden mit der Moderatorin zum Film, wie er wurde, der er ist. Dann soll das Publikum Fragen stellen. Es kommt nicht dazu. Eine Frau flüstert der Moderatorin etwas ins Ohr.
Abbruch der Show, “dieser Zeitdruck aber auch…” – Klaus erhebt sich, ihm ist nach einer herzlichen Umarmung. Der Film ist Klasse, sagt er, deine Schwester unglaublich. So stark, so klug, so beglückend, ihr zuzuhören. Und verabschiedet sich sogleich zum Bahnhof zurück, den erstbesten Zug nach Berlin,. Wünscht uns Glück bei der Preisverleihung. – Oh wehe, winke ich ab, falsche Jury in unserem Fall, ist nicht einmal ein filmerfahrener Dokumacher unter den drei Bewertern. Ich rechne absolut nicht damit, dass von denen auch nur ein Mitglied mein poetisch erzähltes Filmbilderbuch zu lesen versteht.
Und so kommt es dann auch bei der Riesenshow im schicken Staatstheater Schwerin mit Ministerin Schwesig, die eine gute Rede hält. Mehr Erwähnung als durch Knut Elstermann, der den Festakt moderiert, und unseren Film ganz toll findet, meine Schwester Beate als seinen heimlichen Star des Festivals bezeichnet, springt für uns nicht heraus. Es gewinnt ein Boxerfilm.
Steffen meint wir könnten es auf Platz drei der Wertung geschafft haben. Meine kleine Schwester ist schwer enttäuscht. Ihr Bauchgefühl hat noch am Morgen eindeutig den Preis für uns bestimmt. Nun ist sie fassungslos, redet nichts mehr. Das Urteil ist ihr auf den Magen geschlagen. Sie muss den schweren Treffer erst einmal körperlich verdauen. Das geht nur mit einem Glas Milch und Kaffeelikör intus. Was so Ringrichter mitunter zum Kampfende hin für seltsame Entscheidungen treffen, tröstet sie ihr alter Freund Wolfgang, mit dem sie seit dem vierten Lebensjahr schicksalhaft verbunden ist. Beide hat man willkürlich in die DDR-Psychiatrie Stralsund-West weggesperrt. Darum geht es im Film ja.  – Vielleicht hat die Jury ihn sich gar nicht bis zum Ende angesehen, sagt sie. Sonst wüssten die doch Bescheid! Schwesterherz, sage ich, wir waren hier und haben eine Weltpremiere erlebt. Nun heißt es weiter für den Film eintreten, andere Festivals mit ihm beglücken.
So richtig stimmt das Versprechen meine saure Schwester Beate nicht um. Sie kann ihren Mund nur ansatzweise zum Lächeln verziehen. Da sitzen wir längst mit guten Freunden zusammen an der Filmfeiertafel bei Spargel und Klopfschinken. Und Heide, die Frau vom Exwaldarbeiter Uli, verspricht, den Film in ihr Kino nach Sabel holen. Denn da genau gehört er hin, prosten wir ihr zu, und bereiten die Party danach vor, mit Matjes, roter Beete, Vollkornbrot, gelbem Speck, Kartoffelsalat, Quark, Schnaps und reichlich Bier.

 

 

Bestellen

Til Schweiger küssen. Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 10. Juli 2018.

[Arbeitswohnung, 7.20 Uhr]
Daß mir Schweiger gefällt, ich den Grund fürs beliebte Schweiger-Bashing in keiner Weise verstehen kann, schrieb ich bereits andernorts, zerstritt mich sogar einmal fast mit einer Geliebten, mit der ich eines meiner (wenigen) Theaterstücke realisieren und ihr Schweiger dazu an die Seite stellen wollte (wovon freilich er gar nichts wußte und hat es auch niemals erfahren) . Es gab dann ein vieles Hin & Her, was er alles nicht könne, wo er geradezu inakzeptabel sei, gleichermaßen als Künstler wie Mensch; kurz: Dieses Bashing hat etwas zutiefst Irrationales – oder, so banal, wie Phyllis Kiehl gestern am Telefon wähnte, ihm liegen Neid und Mißgunst zugrunde. Gut aussehende Männer, die darum wissen und es auch zeigen, stehen nicht hoch in Kurs. Dabei hat Schweiger wahrscheinlich tatsächlich den wohlgeformtesten Männerarsch der cineastischen Gegenwart – von der literarischen will ich in dieser Hinsicht besser überhaupt nicht sprechen. Warum soll er ihn also nicht zeigen? Doch von der Basherei abgesehen, Erfolg scheint er andrerseits ja zu haben, also auch Leute, die ihn mögen. Nur daß sie, anders als seine Verächter:innen, nicht so laut schreien, sich insgesamt nicht anders als dadurch hervortun, daß sie die Kinokarten kaufen, die den Erfolg eben bringen. Es sind, steht zu vermuten, keine Intellektuellen, IntellektuellInnen wohl n o c h weniger, sondern ist ganz einfach – Publikum. Das muß ja nicht begründen, wenn’s was mag.
Nur in meinen, ja, ich sag es mal so: in “meinen Kreisen” ist es unchic, Til Schweiger zu mögen, in den meinen muß man ihn ablehnen, denn er wagt etwas, das sich nach Hitler für einen Deutschen nicht gehört, sofern er wie Kinski nicht “wahnsinnig” ist: Er fordert den Star-Status. Was jeder US-Schauspieler ganz ebenso tut, aber der darf auch, is’ ja kein Deutscher, hat nicht Auschwitz zu verantworten, sondern nur den Genozid an einem Volk, dessen Stämme eh nomadisch lebten. Wenn der Deutsche Schweiger dann seine Forderung auch noch mit humanistischen Projekten verbindet, dann handelt es sich bei diesen um eine reine Garnierung, die man deshalb nicht ernst nehmen darf, ja denen man wünschen muß, daß sie scheitern. Hauptsache, dieser Mann wird geduckt. Das wär schon das weitere Notleiden anderer wert. Es ist ja eh nur Schein, daß er sich für Flüchtlinge einsetzt, alles pures Marketing, widerlich geradezu; besser, die gehn, im Wortsinn, unter, als daß man einem Mann von solcher Eitelkeit auch nur den kleinen Finger zustreckt; er nähm nicht nur die ganze Hand, nein gleich den Arm mit Schulter. Ein Deutscher, der solch einen schönen Arsch hat, ist so, das liegt doch auf der Hand, das sagt uns schon unser gesundes Volksempfinden; ein guter Deutscher hat häßlich, zumindest ein bißchen picklig zu sein und muß mit seinem Bluthochdruck kämpfen – schon gar nicht darf er M a n n sein und das dann auch noch zeigen. Geschlecht ist Konstruktion, verdammt! Ein Nein ist ein Nein und das Problem der Welt ja sowieso der Phallus.

Es ist nicht sein, also Schweigers, sondern der Phallus an sich, der diesen Mann zu einem intellektuellen Ärgernis macht. Der Phallus, der sich einfach erhebt, ohne dabei Schuld zu empfinden:

 

 

Klar, da muß draufgehauen werden. Am besten mit dem Lineal der „Gender“moral: ganz vorne auf die Eichel, damit’s auch richtig wehtut. Scharfe knappe Schläge, wie sie die Lehrer einstmals liebten, zwar da nur auf die Fingerspitzen.

Dumm bloß, daß er ein solcher Vater ist. Aber was soll’s? Auch das ist ja nur Konstruktion, obendrein patriarchale. Weg damit! Am besten, man zertritt’s, und frau: Dann sind auch High Heels zu was gut.

All dies schien nun in mir zu wirken. Denn, Freundin, was ich Ihnen erzählen wollte – oder erst nicht wollte, sonst hätt ich’s ja schon gestern getan… Aber ich zögerte, war mir uneins, auch über mich selbst: Kann ich, darf ich sowas erzählen? muß ich’s nicht – vor mir selbst, vor mir selbst! – im Verschwiegenen halten? Da war dann nämlich dieser T r a u m… –
Also. Ich hatte vorabends den Tatort gesehen, der so ein üblicher Tatort nicht war, weder von der guten noch der, wie meistens, schlechten Sorte, einer, auf der der deutsche Kleinbürgerstaub zentimeterdick liegt… – Nein, es war schlichtweg ein Actionthriller US-amerikanischer Bauart, ein Action-Tschiller, um es treffend zu sagen, mit einem ganz bösen Türken aus Erdogans Geheimdienstriegen, einem bösen russischen Oligarchen, der zu Putin paßt (den wir einmal kurz in einem Nachrichten-Fernsehbild sehen), aber auch einem groben, aber guten russischen Kriminalpolizisten, und mit Fahri Yardım als seinem, Tschillers, Dr. Watson – aber der komisch-falschen Version, die neben Holmes stets unterliegt; das Muster ist erfüllt, bloß postmodern verstellt; wie auch immer, der Actiontschiller war, was er war, die Szene mit Schweiger am Autodach wäre eines James Bondes würdig gewesen, und zwar seiner harten, danielcraigschen Version. Das sagt aber dann keine/r. Solche Vergleiche werden nicht gezogen, weil Schweiger halt ein Deutscher ist und der deutsche Krimi den Kleinbürgerstaub zentimeterdick noch zu pflegen hat. Gilt übrigens auch für die Dichtung.
Egal.
Schweiger hat einen enormen Schädel bekommen, hat enormen Ausdruck bekommen. Wahrscheinlich ist er der männlichst wirkende Schauspieler, den Deutschland derzeit hat – und eben nicht nur “wirkend”. Dabei steht in seinen Augen nicht nur Wut, es steht Trauer in ihnen, auch Furcht. Nur – wohlgemerkt: als Nick Tschiller – jammert er nicht, sondern handelt, darin durchaus Götz Georges Schimanski gleich, nur eben ist er kein “Kumpel” und ist nicht verlottert, säuft auch nicht. Würde er niemals tun. Denn er ist – ecco! – Vater. Ich kenne keine zweite Figur der Filmleinwände, die es auch nur entfernt so wäre wie er. In der cineastischen Gegenwart ist dieses Vatersein sein geradezu Alleinstellungsmerkmal. Unhinterfragbar, unbeugbar, restlos unbedingt. Und genau darum nicht genderzerbröckelt. (Alleine die Beschwörungen, als er seine Tochter rettet! “Werde erst achtzehn, dann darfst du ins Bett, mit wem immer und wievielen du willst. Dann darfst du kiffen, darfst Drogen nehmen, darfst weitere Piercings haben, meinetwegen, darfst alles, was du willst. Aber werde erst achtzehn! Werde bitte bitte achtzehn!”) So wäre er der beste James Bond, den die Welt uns denken ließe – wenn wir es denken denn wollten. Denn auch der Intellekt ist in ihm spürbar – und denken wir weiter, denken wir an einen Tschiller-Schweiger-Bond in dreißig Jahren: Er, nicht Craig, noch irgend einer der Vorgänger, wäre dekonstruierbar – dekonstruierbar wie Batman und würde dann, was Bond nie war: eine wirklich g r o ß e große Figur, nämlich ein Mythos.

Vielleicht war es das, was ich spürte. So daß ich diesen Traum träumte, der mich danach den ganzen Tag beschäftigt hat. Gestern beschäftigt hat. Den ich nicht aufschreiben mochte.
Ich war auf einem Fest. Jemand zog mich an, e n o r m an. Ein Mann, mich, den Homophoben! Wir tanzten! Er und ich tanzten! Dann küßten wir uns. Wir umarmten uns und küßten uns. Die Zungen umschlangen einander.
Der erste homosexuelle Traum meines Lebens.
Ich verstand überhaupt nicht.
Verstörte wachte ich auf. Wirklich verstört.
Dann fing ich zu verstehen an. Erinnerte mich des Tatorts, erinnerte mich der Vaterblicke Schweigers und daran, wie der russische Polizist am Ende sagt: Auch er, ja, habe eine Tochter. Da nehmen die beiden Männer sich in den Arm. Der eine ein Macho ganz wie der andere, und beide, beide l i e b e n. Hier hatte kein Gedenkel, kein Gendergezweifel, keine Correctness etwas zu suchen.
Mein Traum hat die Szene nicht wiederholt, nein, sie neu interpretiert, die Liebe interpretiert.

Benommen bin ich davon noch heute. Still bearbeitete ich über den Tag die lektorierten Erzählungen weiter, ging dann früh schon laufen. Blieb aber benommen. Bis in den späten Abend hinein, noch durch die ganze Nacht, in der ich zweimal erwachte und halbstundenweise wachlag.

Ihr ANH

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