Chapelle fff. Das Arbeitsjournal des Sonnabends, den 1. Juni 2019. Außerdem Opern, doch Käse und Brot noch vorher.

[Arbeitswohnung, 9.48 Uhr[
War schon draußen, italienisches Brot und Käse besorgen, der bereits “läuft”. Wobei es solchen, der wirklich bereit ist, noch nicht gab; nun werden die Ziege und der Chaource noch etwas lagern müssen, selbstverständlich nicht im Kühlschrank. — So früh bin ich schon hinaus, weil ich auf eine eingeschriebene Sendung warte, mit der ab elf zu rechnen ist. Ich habe einfach keine Lust, am Montag in der Postfiliale schlangezustehen.

Die Tage sind voller Chapelle. Erst einmal Elvira M. Gross´sämtliche Lektoratseinwände bearbeitet und sozusagen abgehakt; aber jetzt gehe ich noch einmal komplett durch die Erzählung, zweiphasig, erst – nämlich momentan – am Screen, danach erneut im Ausdruck auf dem Papier. Schon jetzt ergeben sich in der Darstellung fast Erdrutsche, und nicht nur stilistisch. Wichtig war auch, das Pfingstwunder noch einmal deutlich zu, sozusagen, erden.
Ein Beispiel, bisherige Fassung:

„Lassen Sie uns still sein, zweidrei Sätze lang still“, sagte ich auf Japanisch und sah das von den Päonienblättern geformte Wort.Wir schwiegen.
Dann sagte er auf Aramäisch und sah doch, wie ich, immer nur ins Kirchenschiff: „Sie sind spä­ter gekommen als sonst. Sie waren an Pfingsten nicht da. Ich war so traurig. Jeden Morgen, seit dreißig Tagen, habe ich nach Ihnen geschaut. Seit ich die Gabe verlor. Erst jetzt, bei Ihnen, habe ich sie wieder.“
„Ich bin erst seit neun Tagen in Paris“, erklärte ich auf Englisch.
„Es tut weh“, das nun in Russisch, „wenn sich einem Menschen die Zunge zerteilt, jede Stunde und Minute mehr. Ich habe gedacht, jetzt werde ich geprüft, aber ich wußte nicht, weshalb. Ich esse gern, das stimmt, ich trinke sehr gerne, aber das wissen Sie längst.“
Ja, das wußte ich. Ich wußte ebenfalls, auf welche Weise er Frauen bewunderte, die schön sind.
„Ist das nicht reinen Herzens a u c h?“ fragte er spanisch. „Ist es denn nicht dafür gemacht? – O bitte“, nun wieder französisch, „verzeihn Sie, daß ich derart zweifle! Wen sonst soll ich’s fragen, der mir antworten kann?“ Er seufzte.
Ich wußte, welches Anliegen er hatte. Aber ich drängte ihn nicht. Es war ihm schon erfüllt.
Ganz begriff er das aber noch nicht.

Und in der nunmehrigen Fassung, allerdings auch das erst einstweilen:

„Lassen Sie uns still sein, zweidrei Sätze lang still“, sagte ich, und zwar auf Japanisch. Dabei sah ich die herabgefallenen Blütenblätter der Päonie vor mir und hörte das Wort, zu dem sie sich auf dem kleinen Küchentisch der Nonchalante angeordnet hatten. Vor allem aber hörte ich das Rauschen einer kräftigen Brise, als erfüllte sie das ganze Haus. Auch der Priester schien es zu hören und flüsterte etwas. „Feuerworte“, verstand ich, „paroles de feu“ – als er aber, obwohl er doch nur leer, ganz wie ich, durchs Kirchenschiff schaute, mich direkt wieder ansprach, und jetzt auf Aramäisch: „Sie sind spä­ter gekommen als sonst. Sie waren an Pfingsten nicht da. Ich war so traurig. Jeden Morgen, seit dreißig Tagen, habe ich nach Ihnen geschaut. Seit ich die Gabe verlor. Erst jetzt, bei Ihnen, habe ich sie wieder.“„Ich bin grade mal neun Tage in Paris“, erklärte ich auf Englisch.
„Es tut weh“, das nun er auf Russisch, „wenn sich einem Menschen die Zunge zerteilt, jede Stunde und Minute mehr. Ich habe gedacht, jetzt werde ich geprüft, aber ich wußte nicht, weshalb. Ich esse gern, das stimmt, ich trinke sehr gerne, aber das wissen Sie längst.“
Ja, das wußte ich. Ich wußte ebenfalls, auf welche Weise er Frauen bewunderte, die schön sind.
„Ist das nicht reinen Herzens a u c h?“ fragte er, wieder auf Spanisch. „Ist es denn nicht dafür gemacht? – O bitte“, nun wieder auf Französisch, „verzeihn Sie, daß ich derart zweifle! Wen sonst soll ich’s fragen, der mir antworten kann?“ Er seufzte.
Ich kannte sein Anliegen. Aber ich drängte ihn nicht. Es war ihm schon erfüllt.Ganz begriff er es aber noch nicht.

Dazu nämlich Apostelgeschichte (Lukas, frz. “Luc”, 2, 2):

Und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel wie eines gewaltigen Windes und erfüllte das ganze Haus, da sie saßen.
(Luther)

Sowie in der französischen Bibelübersetzung (Actes des Apôtres 2,6):

Alors leur apparurent des langues qu’on aurait dites de feu, qui se partageaient, et il s’en posa une sur chacun d’eux.

Oder ich habe jetzt in die Verwandlungsszene zu Beginn der vorhergehenden “Orgie” Ovid eingebaut.
Vorher also:

Nur war dieser Kopf eine Kippfigur. Hielt ich eine der Kar­ten nämlich schräg, wurde aus dem Reptil ein Apfel, der ein kurzes gespaltenes Stielchen hatte. Als ich das merkte, war ich vom Cocktail aber schon ziemlich hinüber. Nicht nur von dem, sondern auch von den nächsten. Hähne und Schwänze, schwirrte es mir durch den Kopf … – welch eine Begriffs-Aphroditik! Noch schwerer schienen indes die beiden Heilpflanzen auf mich einzuwirken, als die mir Edith, die sich gleich wieder entzog, erst BettyB zugeführt hatte und indirekt dann, weil die bei ihr war, La Lune.

Und jetzt:

Nur war dieser Kopf eine Kippfigur. Hielt ich eine der Kar­ten nämlich schräg, wurde aus dem Reptil ein Apfel, der ein kurzes gespaltenes Stielchen hatte. Als ich das merkte, war ich vom Cocktail aber schon ziemlich hinüber. Cocktails, schwirrte mir durch den Kopf, Schwänze von Hähnen, die Federn erst wie schlanke, rankende Pflanzenblätter gespreizt, indes sich ihre Enden weiter und weiter auseinanderfächerten und zu einem bunten schlängenden Blattwerk wurden, aus dem hier und dort Edith lugte, doch irre schnell – und mit geschmeidigem Bast umzieht sich der schwellende Busen – aufs neue überwuchert, grünend erwachsen zu Laub die Haare, zu Ästen die Arme, bis aus dem wipfelverdecketen Antlitz ein völlig andres heraussah … verdammt, BettyBs! – und daneben, war diese nächste, genauso umgekehrte Daphne nicht La Lune?

Nämlich:

Wie sie kaum es erfleht, faßt starrende Lähmng die Glieder,
und mit geschmeidigem Bast umzieht sich der schwellende Busen.
Grünend erwachsen zu Laub die Haare, zu Ästen die Arme;
fest hängt, jüngst noch flink, ihr Fuß an trägem Gewurzel!
(…)
Paean hatte geendet. Der Lorbeer nickte mit jungen
Zweigen dazu und schien wie ein Haupt zu bewegen den Wipfel.

Ovid, Daphne. Dtsch. v. Reinhart Suchier

 

*

Ansonsten sind noch zwei Musikkritiken zu schreiben, einmal zur Tango Night von Jazz at Berlin Philharmonic, zum anderen über die Premiere von Massenets “Don Quichotte” an der Deutschen Oper. Ich finde nur, der Chapelle wegen, gerade nicht rein. Wobei, daß ich mit beidem nicht direkt-aktuell bin, insofern nicht schlimm ist, als Faustkultur, mein Auftraggeber, ohnedies immer ein paar Tage braucht, bis ein Text dort erscheint.

Bestens zufrieden bin ich hingegen mit meinem Sport; nahezu sämtliche Ziele, die ich anfang April bei der Wiederaufnahme hatte, sind erreicht; jetzt geht es eigentlich nur noch darum, Fitness und Werte zu halten. Ich fühle mich in meinem Körper wieder komplett wohl, etwas, das mich nicht nur hochgestimmt sein läßt, sondern auch – für meine Temperamentsverhältnisse – ungewöhnlich ruhig. Es macht mir nicht mal was aus, oder nur wenig, daß in Deutschland nach wie vor so gut wie keine Rezensionen zu dem ersten Erzählband erschienen sind und daß es wahrscheinlich so bleiben wird. Ich finde es sogar nicht ganz ohne Komik. Wie ich gestern meinem Elfenbeinverleger sagte, wir trafen uns auf ein Plauderstündchen im Sigismondo: “Was soll’s schon? Die Bücher sind da, und irgendwann wird’s auch allgemein registriert sein. Jetzt mache ich mich deshalb nicht mehr verrückt” – wobei ich der Wahrheit zu Ehren hinzufügte, daß meine, sagen wir, Abgeklärtheit nicht zuletzt mit meiner Contessa zu tun habe, die mir mit ihren Aufträgen meine ökonomischen Sorgen fast gänzlich genommen hat. Überdies wissen Sie ja, liebe Freundin, von meinen Hochzeitsreden und welche Freude es mir bereitet, mir dieses neue Berufsfeld, als zusätzliches, aufzuschließen. Ich meine, wenn dann noch die hellen Anzüge passen …

[12.15 Uhr]
Soeben ein Anruf Marius Felix Langes, mit dem ich für morgen zu einer Aufführung seiner Kinderoper “Schneewittchen” in Leipzig verabredet war; wir wollten zusammen hinfahren. Nun ist er wegen der Urauführung eines nächsten Oper verhindert, Salzburger Festpiele dieses Jahres, und auch mir selbst ist es eng geworden, weil sich gestern Cristoforo Arco angekündigt hat. Den ich halt gerne sähe, abgesehen von der drängenden Arbeit. Nun sind wir, Lange und ich, für Salzburg verabredet; vielleicht, daß ich Evira überreden kann, mitzukommen. Denn ich muß für unser Endlektorat ohnedies in der Zeit nach Wien.

Gut, wenn ich dies gleich eingestellt haben werde, geht’s auf die Laufpiste. Danach Chapelle ff und abends ein Treffen mit einer Freundin im Pratergarten, dem das Wetter so wohlgesonnen ist wie ihr und mir.

Herzlich,
ANH

Liliana Ahmetis Warum ich kein Model geworden bin in vierzehn Partien und einem Epilog.


Nunmehr als eBook erschienen:


Die Kommentare zur Erstveröffentlichung blieben erhalten und lassen sich über >>>> diese Verlinkungen weiterhin aufrufen.

ANH, 26.4.

Dritter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 3).

Sag, Geliebte,

Arbeitswohnung, den 21. November 2014
9. 21 Uhr,
kann man das sagen, daß wir niemals den Tristan bekommen hätten, hätten Wesendonck und Wagner ihre Liebe ausleben können? Daß also das Kunstwerk, ein höchstes, von der Versagung ausgehen muß, notwendigerweise, weil die gesamte Energie, die es schafft und dann ausströmt, sich andernfalls in der Wirklichkeit verströmt hätte, eben verströmt wurde, sich entropisch für jede spätere Zeit verlierend? Vielleicht werden ja deshalb die auf Dauer gerichteten Institutionen, etwa der Ehe, aber auch jede andere Art intensiver Beziehung, irgendwann schal, uns, unter unsren doch immer noch greifenden, wohl auch greifen wollenden Händen. Schließlich befriedet es sich zu einem, sagen wir, sentimentalen, sagen wir, beruhigten Einverständnis? Ich habe keine Ahnung.
„Greifen wollenden“, „wollenden“ – Du hast das Wollen „kindlich“ genannt, dachtest, glaube ich, an aufgestampfte Füßchen, nicht an das Eiserne, das sich durchsetzt; es setzt sich schließlich auch die Befriedung durch, eine Art Aussöhnung, die an Höhen und Tiefen so lange geschmirgelt hat, bis sie zu Handschmeichlern geworden sind, an denen die altgewordenen Seelen der Paare sich wärmen. Und stirbt der eine Partner, stirbt ihm der andre sofort hinterher. Alleine dann kann ich sie glauben.
Oh, Du Elbin, was habe ich gestern wieder getrunken! offenbar; ich weiß nicht einmal mehr, wann ich vor lauter Trinken ins Bett ging, und verfehle nun dauernd die Tasten: Schriebe ich mit dem Füller oder dem von mir bevorzugten Bleistift, entstünden sich schlängelnde Zeile. Man kann aber meine Schrift ja ohnedies nicht lesen, oder nur wenige können es; interessanterweise kann es mein Sohn, kann‘s fast auf Anhieb immer („Anhieb“, schon wieder: was für ein Wort! auf etwas schlagen.) Auch das aber war ich stets geneigt, für ein Symbolisches zu nehmen.- Oh, der Raki! Auf den lief es gestern beim Maghrebiner hinaus, spät und immer später abends, bis Amélie mehrmals wiederholte, sie wolle ein Kind von mir. Und ich verneinte, schon fast grausam. Woraufhin sie bat, „aber wenigstens bei der Geburt sind Sie dabei“. Dazu sagte ich Ja, aber auch: Nur wenn der Vater es nicht will. „Wer soll dieser Vater schon sein?“ fragte sie, so daß wir abermals über mythische Kinder sprachen, die ich, Geliebte, als jene verstehe, die gewollt sind, ohne daß irgendwer nach Grund und Zeit gefragt hat. Wie wir uns ansahn und wußten. Im bürgerlichen Sinn „paßt“ dann gar nichts, keinerlei Planung ist im Spiel. „Merkt das später ein Kind?“ „Es sind die“, sagte ich, „die zeitlebens einen Weihnachtsbaum über dem Kopf haben. Daran merken sie es, an ihrer inneren Sicherheit. Die anderen merken es nicht, nicht, was ihnen fehlt. Sie haben ja keinen Vergleich, und die Lust, daß sie leben, ist immer noch sehr viel größer, als das Leid wäre, lebten sie nicht. Glücklich, sehr glücklich können deshalb auch sie sein und werden, selbstverständlich.“ – Mythische Kinder: Wenn beide Eltern, ohne auf die „richtigen“ Umstände zu sehen, wollten und konnten und taten. Es gibt nie ein „richtig“ und „falsch“, nur den Moment. Er liegt bereits im ersten Ansehn. Wir wissen und folgen. Alles übrige ist Abwehr.
Ich sei ein, hat mir die Freundin geschrieben, Verunglückter; schon vor mehr als zwei Jahrzehnten, da sie mir zum ersten Mal begegnet, sei das zu sehen gewesen; da war mir ein eigenes Kind noch nicht auf dem Schirm. Und sie legte, in einem zweiten Brief, nach: „Du aber warst, als ich Dich kennenlernte, schon ein Gezeichneter.“ Nein, ich selbst bin keines, nicht ein mythisches Kind. Doch wurde, indem ich Dich ansah, zu einem, nicht wirklich Kind, nein, – aber die fehlende Seite, des mythischen Vaters, hatte sich um es ergänzt. Nun ist es wieder abgeschlagen, abgeschält, wie man Schichten von etwas, mit einem Messer, von einer Fläche schneidet. Es fehlt nicht ein Arm, nicht ein Bein, das ließe sich verschmerzen, sondern es fehlt ein Teil dieses Arms, dieses Beines, des Bauches, von fast jedem Organ fehlen mehrere Streifen, doch eben nur so viel, daß der Körper weiterhin gut funktioniert. Nun schreib ich die fehlenden Streifen wieder hinzu: die Fleischlappen der Selbsterfindung. Ich war und bin ein Meister darin. Ohne das ist all meine Dichtung nicht zu verstehen.
Gibst mir Dein Ohr? – Welches? – Das linke.
Zart mit der Zunge den Dämmchen nachfahren, langsam, aber so tief es hineingeht. Chakras.
Dies sind die Möglichkeiten, die Lenz zum ersten Mal erlebt. Symbolische Berührungen, die zugleich völlig konkret sind. Ich schrieb Dir von >>>> Don Juan de Marco, seine Zungengeste zwischen dem Zeige- und dem Mittelfinger der Frau bis zur Wurzel. Erinnerst Du Dich? Nein, ich habe den Brief noch immer nicht wiedergelesen, keinen der Briefe. Wenn er, der junge wahnhafte Mensch, sie erreicht, zuckt sie, die Frau, wie bei intimster Berührung, doch o h n e das „wie“ – ich weiß ja, weiß, Du hast eine Aversion gegen die, in der Sprache, Vergleiche. Denn tatsächlich, es ist. Er, der Vergleich, abstrahiert. Was bedeutet, daß er diskriminiert. Jeder. Vielmehr hat Don Juan in vollkommener Öffentlichkeit, doch ohne, daß irgend jemand verpeint war, die Clitoris liebkost. Wie, sag mir, Du meine Sehnsucht, soll ich Lenz dies beibringen? Wie kann es kommen, daß er‘s plötzlich weiß? Was hat da in ihm so viele Jahre geschlafen? Denn als eine Knospe muß es in ihm schon gewartet haben. Der Blick als ein Kuß auf die Lippen Schneewittchens – was um so seltsamer ist, weil er ja Mann ist, sich jedenfalls für einen hält: mit all dem nach außen entfalteten Protz. Und nun, unter diesem Blick, nicht so klein, nein, falsches Wort, sondern gewordener Wer. Und welch ein Rauschgift, d a ß es Rauschgift! wenn der Entzug folgt. Denn das tut er, er folgt, er beschließt unausweichlich, und am Ende bleibt Lenz umfassend allein. Er hätte sich vorher nicht vorstellen können, daß es solch eine Einsamkeit g i b t. Daß ein Mensch halbiert sein kann und dennoch weiterlebt. Ich schrieb es schon gestern: ein Freitod schließt sich aus. „Nicht entsagen, sondern sich ergeben“, schrieb mir die Freundin. Ich lese die beiden Briefe wieder und wieder. Vielleicht wird Lenz es dann können, sich ergeben. Das wird uns unterscheiden, ich kann es n i c h t. Will es auch nicht. Lieber „fallen“ – ehrenhaft (verzeih das militärisch-krieghafte, konservative Wort; es paßt). Lenz ist eine Figur: an ihm also kann ich es zulassen lassen, vielleicht auch einfach nur „ausprobieren“. Vieles, das ich niederschrieb, wurde später wahr. Das ist, Du Schöne, ein bißchen unheimlich; Positivisten würden von self-fulfilling prophecies sprechen. Wir norden uns ein, vielleicht, wir Dichter.
Ach, gib‘s mir noch einmal, das andere aber. – Bitte? – Dein Ohr.

Noch duftet das Hemdchen, aber der Duft wird schon schwach. Ich weiß nicht, wie ihn halten, bewahren. Jetzt muß ich das Leben verraten, indem ich ihn schaffe als eine Idee, Dich als die meine. Woraus die Lydierin wird, nicht aber Du wirst. Der große Liebesroman als Bezeugung der Verunglücktheit – schon>>>> Meere ist das gewesen. (Gib es mir, gib‘s mir. Irene hat Zärtlichkeiten dort nie gemocht.) Ist es so, also, daß aus der Erfüllung Romane nie kommen, nur aus der Versagung? Weil die gelebte, durchgelebte Freude und Lust die Energien v e r s t r ö m e n, die, so, gespeichert werden gar nicht mehr können? Weil für ein anderes kein Raum ist als für das Nu? So daß wir, lesen wir ihn, den Liebesroman, i m m e r verunglückten Boden betreten? Und wenn >>>> ein solches Gedicht gelingt, bedeutet das schon in Wahrheit das Ende? Schrieb ich, indem ich Verse auf Dich schrieb, selbst unser Ende herbei? Weil ich – gelästert habe, entweiht? Denn sind es nicht eben diese Gedichte gewesen, derethalber, unversehens für uns beide, Du vor die Wahl gestellt wurdest, die gegen mich ausfiel? Abermals: Struktur der Tragödie. Nicht ohne Komik, wenn man es aus der Distanz betrachtet. „Du minnst um mich – ein einziges Lied“: Ich höre den Ton Deiner, als sie das aussprach, Stimme. Und zuckte schon da. Du weißt, wie sofort ich versuchte, die in der Minne schwingende Entsagung hinwegzuargumentieren. Indem Du es sagtest, war sie indes schon gesetzt. Wir mögen ahnen, spüren, ja, doch wissen tun wir so etwas immer erst nachher.
Genau dieser Bruch wird eine Schlüsselstelle im Roman sein, sein Scharnier geradezu, an dem er sich zuklappt. Umgekehrtes SichErkennen, erinner Dich,>>>> Ἀναγνώρισις: das Erkennen nun wieder verlieren

— noch aber flüstr‘ ich Dein Ohr in Dein Ohr, hauche: der Lydierin unterstes Offen, darüber der leicht gespaltene, feuchte, hellrot pulsierende Kern.

Alban
(Ich werd‘ jetzt schwimmen gehen.)

*

(14.45 Uhr,
Tippett, A Midsummer Marriage.)

So bin ich Minnesänger nun geworden. Wurde es mit dem Verzicht, erst da wohl. Ich sing der Welt meine Lieb‘ – ihr, nicht Dir, die Du vielleicht den Klang nimmst, den meine Liebkosungen haben, nicht aber sie länger selbst. Nun werden sie Preisen: Ich preise Dein Ohr, um das ich mich, so klein denn doch geworden, lege; preise unter Deinen Lidern die feinen Fältchen, in die sich, ungewöhnlich zart für sie, zärtlich, ja, die Zeit schon eingezeichnet hat; preise die je halbe Pfeilform Deiner Zehenbögen und die Kehre, in die sich leicht ihre äußeren Nagelflachs biegen. Ich preise Deine Schlüsselbeine und ihre Mulde inmitten, preise Deinen schmalen Bauch und links und rechts die Beckenschaufeln, die der Haut ihre federnde Spannung verleihen, und die Ballhalbs Deiner Hinterbacken, zu denen sich Arsch gar nicht sagen läßt, so gerundet sind sie, derart Skulptur, so gar nicht weiblich eigentlich, jungenhaft eher, ohne den je waagrechten Einschnitt nämlich zwischen ihnen und den Schenkeln. Wie ich in Dein Ohr versinke, sinke ich auch ins sich verengende Gesäßtal – und wieder reichen die Wörter nicht hin.
So schwamm ich meine anderthalb Stunden, beileibe nicht der schnellste Schwimmer, aber der, der es am längsten blieb. Es war angenehm, nicht nur, weil ich unentwegt formulierte, sondern zugleich spüren konnte und dieses Spüren sehr genoß, wie meine Bewegungen die an den harten Trainingstagen oft unnatürlich vereinzelt beanspruchten Muskeln entspannten, gleichsam ihre Fasern zurechtmodellierten, ganz so, wie jemand ein Bettzeug glattstreicht, nachdem es ausgeschüttelt und wieder gelegt worden ist. Schwimmen ist, um doch einmal einen der von mir gemiedenen US-Amerikanismen zu verwenden,Bodyshaping. Es paßt, dieses Wort, weil es auf eine feine, dabei nicht ungrausame Weise auf das Messer anspielt, von dem ich oben schrieb. Der Körper wird geschält, das Wasser schnitzt ihn zurecht. Man kann das spüren, ähnlich einer Übung in Selbsthypnosetechnik: konzentriere dich auf das Fließen deines Bluts, beginnend beim Herzen bis zu den Füßen hinunter und auf der anderen Körperseite wieder herauf. Darin Geübte, Geliebte, empfinden in beinah jeder Ader tatsächlich das Fließen, in beinah jeder Vene.
Ich störte die Schnellschwimmer, einer drängte mich dauernd weg, meine Melancholie weg, von der sich seine Sprints gebremst fühlten. Später sah ich ihn mir unter der Dusche an, dachte, wozu mag der Bauch ihm dienen? aus seinem völlig überwachsenen, buschigen dunklen Schamhaar hing lang, wie ein Zipfelmützenschlauch, die Vorhaut heraus. Unübereingestimmt die ganze Erscheinung. Ein sehr leichter Ekel überkam mich, der zudem von sich selbst und von mir distanziert war.
Beobachtungen also wieder, anstelle daß ich weiterpreise. „Glaubst du vielleicht, glaubt ein Verstecktes in dir nicht doch, in irgend einem Winkel“, hat mich die Löwin gefragt, „mit diesen Briefen sie wiederzugewinnen?“ „Nein“, habe ich geantwortet, „eher wird das Gegenteil geschehen: immer noch weitere Entfernung. Wobei ich nicht einmal weiß, ob sie sie liest. Doch so benutzt zu werden, wird sie als Übergriff erleben, auch wenn niemand weiß oder nur die ohnedies Eingeweihten wissen, wer sie ist. Zum anderen, indem ich sie umerfinde, erhöhe ich sie dermaßen, daß kein lebender Mensch ihr, der nun zur Lydierin werdenden, entsprechen kann, selbst wenn er wollte. Dies ist nicht einzuholen, auch von ihr nicht.“
Es sei denn.
Es sei denn, was?
Ich umkreise, Herz, den Begriff „Erleuchtung“. Immer und immer wieder, in unserem UnsAngesehenHaben. Da ist für gar nichts andres Raum, weil er derart weit ist, daß ich mich winzig fühle. Also stell ihn Dir vor, den vor allem der Repräsentation dienenden, kalte Macht atmenden Geschäftssaal, in dem die beiden, Lenz und die Lydierin, einander erstmals begegnen. Die eine Wandseite ist durchgezogenes hohes Fenster, das in die Wüste blicken läßt. Denn Lydien (ich bestehe auf dem „d“) hat eine solche. (Sitara Lenz? die Lydierin Sitara?) Wälder hat Lydien aber auch, und Gebirge mit Schnee. Wir wollten, Innigste, doch bald schon in den Berg steigen, gemeinsam, ich muß das wieder möglich machen. Ich wollte uns das Brot am Gipfel brechen, hatte mir das ausbedungen: als weitere Liebkosung, die sich an die Nährung lehnt. Deshalb wird Lydien ein genau so wenig mögliches Land sein, wie wir Wir geworden sind, das Wir uns bleiben konnte.
Unter unseren Füße ist ein leidlich blauer Teppichboden ausgelegt. Inmitten darauf, viele silberne Messingbeine, die geschwungene Doppelbank des Konferenztischs aus hellem lasierten Holz. Einander gegenüber die Parteien, die Vertrag schließen wollen. Auf Messingstühlen mit schwarzen Sitz- und Rückenpolstern. Vor den Parteien sind die Verträge ausgelegt, je in schwarzen, nun aufgeklappten Ledermappen. Selbstverständlich wird auf Englisch verhandelt, in diesem orientalischen Englisch, das die Wachsamkeit müde machen kann wie Weihrauch.
Lenz ist nervös, aber darf das nicht zeigen, weiß es, lächelt in gespielter, nicht unüberheblicher Laxheit. Da tritt die Lydierin herein, ihm im Rücken. Dennoch spürt er sie, sofort. Sie geht um den Tisch herum, setzt sich ihm genau gegenüber. Er hebt den Blick, sie den ihren in seinen. Der Konferenzsaal fällt von ihnen beiden weg, die hohen langen Scheiben fallen, selbst der Tisch fällt. Es fallen die Stühle. Der Boden versinkt. Daß die beiden nicht mit versinken, liegt an ihrem Blicken, es hält sie ineinander fest. Die Verhandlung wird nun automatisch geführt; imgrunde weiß er nicht, was er sagt. Es sagt aus ihm, wie man auf Fragen Antwort gibt, die man nicht gehört hat; man antwortet aus Konvention.
So der Beginn. Nachher konnte Lenz sich nicht erinnern, ob sie blondes oder dunkles Haar gehabt hat. Schon eine Stunde später nicht mehr, als er allein in sein Hotel zurückgekehrt war. Er nahm sich vor, darauf zu achten, ganz besonders zu achten, wenn sie einander zum zweiten Mal begegnen würden. Am Abend, auf dem Empfang in der Botschaft. (Kurz nach der Verhandlung, als sie auf den Abschluß alle angestoßen hatten, war ihr ein Glas zu Boden gefallen und zersprungen. Er hatte die Scherben aufgesammelt. Es gibt davon ein Bild. Ich lege es Dir bei. Die Lydierin selbst, ausgerechnet, hat es – mit seinem iPhone! – aufgenommen. Wie ging das? Hat er es ihr gegeben? Weshalb? Doch deshalb scheint es mir nun, im nachhinein, so, als wäre unsere ganze Geschichte, Ersehnte, darin schon enthalten:

)

Zweiter Brief nach Triest. (Briefe nach Triest, 2)

20Arbeitswohnung, den 20. November 2014.
7.25 Uhr. Krähenrufe.
Sich aufgrauender, imgrunde nachtgebliebener Himmel.

Innigste,

magst Du es glauben? Da hielt Dich gestern jemand >>>> nicht für real. Wie recht er hatte! Ich gab ihm klare Antwort. Überhaupt folgt in diesem Kommentarbaum ein Fuß, der wütend aufstößt, auf den anderen, womit sich die wieder einmal moralischen Angriffe auf mich inszenieren. Da dürftest Du gar nicht real sein, weil Du sonst mit diskriminiert würdest, obwohl Du mit meinem Mir gar nichts mehr zu tun hast. Und diese Kleinheit immer, wenn es um Sexualität geht, dieses klebrig Geheimlichhaltenwollen..! Schwanz, wirklich „Schwanz“ – als etwas Ordinäres! Es kreuzten sich Sprachebenen, ja du mei! (Vielleicht ist dieses grad das Geheimnis des Gedichts, daß sie es tun. Liegen wir beieinander, dann kreuzen wir uns und unsere, was sag ich?, Sphären wäre nun wirklich kitschig… also nein: „Flüsse“ vielleicht, reale und imaginäre und die der Gefühle.) – Dann legte der Zweifelnde nach und >>>> forderte „Erkennbarkeit“ ein, verlangte „Dokumente“. Und wie schon einmal, bei >>>> Verbeen, wurde ich der „Fälschung“ bezichtigt, und nachher immer mal wieder. Wissen die Menschen wirklich nicht, was das ist, Literatur?
Aber auch Du hast mir ja oft widersprochen, zärtlich aber, gewiß, also wissend. Das wird nun, ich dachte es gestern bereits, ein großes Problem dieser Briefe werden, daß sie nicht wirkliche Antwort bekommen, auf die ich meinerseits reagieren könnte. Deshalb sind schon sie tatsächlich Roman. Ich könnte solche Antworten selbstverständlich erfinden, wobei es sich verböte, auf Deine Briefe zurückzugreifen. Das ist das nächste Problem. Doch das Buch, das ich schreiben möchte, soll ja Briefroman gar nicht werden; diese Briefe nach Triest dienen deshalb nicht nur dazu, mich in eine andere hineinzuschreiben, als Du warst, sondern in einen anderen auch; es wird schließlich nicht m e i n Gefühl mehr sein, das sich im Buch entfaltet.
Ein schwieriger Prozeß, weil er eine Absage an die Realität ist. Eine Freundin schrieb mir gestern einen langen guten Brief. Darin hielt sie mir meine eigene Überzeugung entgegen, quasi, daß ich sie verriete: nämlich n i c h t mich zu beteiligen, an den, sagen wir, bürgerlichen Sublimationsprozessen. Ich verriete mich selbst: so interpretierte ich den Tenor. Der Brief war gegen Ende nicht mehr klar, so genau er zuvor analysierte. „Ach, ich drücke mich nicht aus, wie ich wollte“, schrieb sie auch selbst, diese Freundin.

Ich erwache und hebe mein Gesicht aus dem Hemdchen, Deinem, heb‘s aus Deinem Duft. Und mag gar nicht aufstehen, weil sie, die Nähe, bleibt im Träumen. Wer aufsteht, verläßt sie. Oft habe ich gedacht, wie glücklich Strafgefangene sein müssen, die endlich schlafen dürfen; daß es für sie in jeder Nacht Entkommen gibt. So leben sie hin durch jeden Tag, jahrzehntelang mitunter, auf jedes Tages Nacht. Gefängnisse sind, so betrachtet, ein realisierter Novalis.
Nun, ich bin ein Tagmensch, war es, härter, weicher: bin‘s vielleicht gewesen. Ich hebe mein Gesicht aus dem Duft und mag den Tag nicht mehr. Aber entsinne mich eines Films, Fersehfilms, glaub ich (ich seh gleich mal nach), mit Heinz Bennent – ah, da ist er: >>>> Nasrin oder Die Kunst zu träumen. Mit Evelyn Opela. Als ich ihn sah, war ich noch ein ganz junger Mensch, siebzehn Jahre alt. Das Stück hat mich ungemein beeinflußt. Einem Mann, so viel weiß ich noch, kommt die Frau abhanden; wie, weiß ich nicht mehr, Trennung oder Tod. Und nun fantasiert er sie sich so konkret, daß er nichts mehr tut, als mit ihr zusammenzusein. Er wird für die Realität dabei handlungsunfähig, irre, könnte man sagen und sagen auch die, die um ihn herum sind. In sich selbst aber ist alles da, die Frau, der Ort, die Luft. Was den Film, daran erinnere ich mich, so bemerkenswert machte, war, daß er aus der Sicht dieses Mannes gedreht worden ist. Die Filmrealität ist die seine und die faktische der Außenwelt eine Schimäre. Damals entschied ich, glaube ich, mich (und kann von „entscheiden“ nicht eigentlich schreiben) für die Phantastische Literatur.
Evelyn Opela allerdings, in meiner Erinnerung, kommt mir für eine Sìdhe zu grob vor, ihr Gesicht ist zu gemein, um für die Feinheit einzustehen, die Deine Züge haben. Nie sah ich solch eine Lippenkrone. Du weißt es, wie ich Dich wie ein Wunder ansah, das mir begegnet war, doch als unentwegtes Wunder, mir in die Augen gelegt, die wie Hände offenblieben. So sahst Du aber auch mich an. Nun, es hat nicht genügt. Aber im Roman soll‘s genügen. Ich stelle mir vor, wie viel Freiheit er verströmen wird. Ein Roman kann das tun, er ist nicht an Gründe gebunden.
Ich erhebe mich aus Deinem Duft, sehe zur Uhr, stelle fest, schon wieder zu spät für einen Arbeiter wie mich. Arbeiter: Daher habe ich meine Hände. Das sind keine Hände, sagtest Du, eines Intellektuellen. Nein, sagte ich, es sind Bauernhände. Wie gut, sagtest Du. (Hast Du‘s gesagt? Ist auch dieses bereits eine Erfindung? – Was war, was ist, was wird, schon geht es durcheinander.)
Ich erhebe mich aus Deinem Duft. Der Satz ist ganz konkret zu nehmen, darf im Buch nicht fehlen.

Gestern nacht, Du Nahste, versagte plötzlich mein DSL. „Überprüfen Sie die Verbindung zwischen Telefonbuchse und EasyBox.“ Ich tat es mehrere Male. Eigentlich, früher, wäre ich da nervös geworden, hätte übers Ifönchen bei Vodafone angerufen, nachgefragt, mich nach links und rechts geärgert. Nun war das unversehens egal, ich ließ es laufen, gehen, vor sich hin versagen; mir war „Nasrin“ eingefallen. Als es noch darum ging, daß ich von der Mutter meines Sohnes vielleicht noch ein, so wünschte ich, Töchterchen bekäme (aber ein zweiter Junge wäre auch recht gewesen), habe ich den Namen als einen möglichen vorgeschlagen; sie mochte ihn nicht. So dominant bin ich, daß ich sofort nachgab. Es kam zu dem Kind doch auch nicht, zu keinem mehr. „Was willst du?! Du hast doch eins und w a s für eines!“ Und dennoch, dennoch. Dieses Sehnen. Ich wollte nur noch in den Duft. Was interessierte mich DSL? – Heute morgen funktionierte alles wieder. Ich hatte, als ich mich erhob aus dem Duft, ergeben, tatsächlich ergeben, gedacht, nun ja, ich hab ja noch den Stick. Und fing schon im Kopf diesen Brief an.

(8.26 Uhr.)
Verzeih die Unterbrechung. Bin für den zweiten Latte macchiato kurz an die Pavoni. Noch immer keine Klärung mit dem Vertrag für das Hörstück, aber CD-Rohling und Stick für die fertige Produktion wurden mir bereits geschickt; insofern bin ich ruhig, nur nervös, weil kein Geld fließt. Wenn ich so fließe. Als लक्ष्मी und ich gestern abend auf dieser ziemlich peinlichen Ausstellung waren und nebeneinandersaßen, sagte ihre Freundin: „Wie ein altes Ehepaar.“ Sie, लक्ष्मी, hatte mich nur in den Arm genommen und wissend angesehen; die Freundin blubberte vor plappernden Aufgeregtheiten; fast wäre ich gegangen, weil ich derzeit Oberfläche nicht aushalten kann. Selbst aus der Türkei kam eine SMS: „Mußte oft an dich denken in dieser Woche.“ Und mein bester Freund, mit dem ich schon seit Wochen keinen Kontakt mehr habe, rief an: „Ich habe das Gefühl, daß ich mich um dich kümmern muß.“ Sehr kühl entgegnete ich, fast fühllos, ich wolle kein Treffen, müsse für mich allein sein. – Ich ertrage jetzt keine Form der, worin er Meister ist, Rationalität. Sondern lebe Nasrin.
Ich rauche zu viel, viel zu viel. Und betrinke mich ständig, jeden Abend. Doch das muß Dich nicht sorgen: dagegen halte ich streng den Sport. Zwei Tage hintereinander hartes Kraft- und Konditionstraining, den dritten Tag anderthalb Stunden schwimmen: so der Rhythmus. Für alles, auf das es ankommt im Leben, ist unser Körper der Schlüssel. Auch Du, wenn Du unglücklich bist, läufst Kilometer um Kilometer. So die Löwin, die ebenfalls furchtbar unglücklich ist. Gestern nacht versuchte ich, sie zu fangen. Und bin, für mich das fast Erstaunlichste, komplett asexuell; hab gestern durch Pornos, einigermaßen harte, gesurft. Es wollte sich nichts tun. Wenn ich wollte, höchstens zwei Anrufe genügten, hätte ich Frauen hier. Auch diesbezüglich bin ich ja privilegiert. Aber mein Schwanz mag nicht, ennuyé, was einen Überdruß meint, an dessen Grund Vergeblichkeit liegt. In Nasrin dringt nur ein, wer selbst die Hand an sich legt. Ich meine den Schwanz. Manchmal denke ich, er erigiert nicht mehr, weil es kein Kind mehr geben wird. Diese Tür, zu ihm hinein, hat sich geschlossen. Da brauche ich Sexualität nicht mehr, fast ein bißchen höhnisch hat sich Frau Venus abgewendet, durchaus mit Verachtung. Also das Luftgespinst der Nasrin.
Tatsächlich, auch darüber denke ich ständig nach, ist letztlich selbst der Eros, nicht nur die pure Sexualität, für mich mit Fortpflanzung assoziiert, tatsächlich scheine ich da nicht trennen zu können. „Dass keine Frau deine werden kann, die nicht Mutter deines Kindes ist. Nicht s o. Dahin hast Du das Mythische gewandelt und ihm so ein Leben gegeben.“ Das schrieb mir die Freundin gestern auch. Ich fürchte, daß sie recht hat.
Wozu dann noch, aber, meine Achtung vor dem Körper, mein um ihn Besorgtsein?
Ich weiß es nicht. Autoerotik ist nicht die Antwort, selbst dann nicht, wenn zurecht die Löwin sagte: „Männer irren sich, wenn sie meinen, es spiele irgend eine Rolle, wie sie aussehen. Wir Frauen lieben, wenn wir es tun, ganz unabhängig davon.“ Was die exemplarische Häßlichkeit der großen Liebhaber erklärt, D‘Annunzios etwa, auch Casanovas: sie spielt keine Rolle. Ich müßte mich also nicht mühen. Wozu mühe ich mich? Eitelkeit, ja, galoppierende, meinetwegen; doch für wen?
Vielleicht, weil ein Etwas in mir nach wie vor nicht aufgeben will. Weil ich keiner bin – das Etwas in mir keines ist – , das sich jemals ergeben wird. Es müßte denn eine Krankheit kommen. Dann würde ich über den Tod nachdenken.
Ich denke aber auch jetzt über ihn nach, wieder, obwohl der Sterberoman schon geschrieben. Was wäre sein organischer Zeitpunkt? Wenn ich nicht mehr zeugen könnte. Keine Sorge, bitte. Ich habe einen Sohn, da verbietet sich ein Freitod ganz von alleine. Und es sind noch Bücher zu schreiben, auch das steht geradezu autoritär dagegen – ich meine, mit großer, vollkommen unsentimentalerm geradezu gegebener Autorität.Zarte, warum, wem, Du in mich hinein Verwunschene, schreibe ich das? So öffentlich zumal? – Ich schreibe an die Möglichkeiten. Bin ich‘s denn, der schreibt? Sicher ist nur, daß Lenz kein junger Mann mehr sein kann. Er sollte sogar ein bißchen zynisch sein, sagen wir, abgeklärt, distanziert. Wenn ihn die Erleuchtung mit aller Gewalt überfällt, ihn restlos aus seiner gesicherten Bahn wirft. Was ihn auszeichnen wird, ist, daß er das zuläßt, sich – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – n i c h t sichert, indem er eben nicht dem status quo den Vorrang für seine Entscheidungen gibt. Damit der Roman nicht kitschig wird, muß er, Lenz, daran scheitern. Aber die Art seines Scheiterns, der Weg dahin, muß von einer solchen Lust prall sein, einem Begehren und Erhalten und einer Bereitschaft, sich zu opfern, sich und alles um ihn herum, daß es das Scheitern weit übertrifft. Einfach weiterzuleben wie bisher, muß ihm noch im Moment des Scheiterns, wenn das Beil fällt und uns sein Kopf, dessen Mund aber noch spricht, vor die Füße rollt, zu karg vorkommen, zu öde, zu dörr, als nicht sogar dieses, das Scheitern, vollständig zu bejahen: Ich habe gelebt!Ein Hohelied gegen das Reale, Vernünftige, Pragmatische. Und die Lydierin scheibt ihm: „Du minnst um mich“ – was nach herkömmlicher Meinung, nicht nach tatsächlichem Geschehen den Verzicht schon einschließt. Auch davon haben wir gesprochen. Du kennst das Bild, Türmerin und Sänger, und sie zieht ihn rapunzelrapunzel hoch. Tatest Du nicht. Doch sie wird es tun: im Roman.
Ich könnte ihn, Lenz, einen Banker sein, das hätte Witz, gewesen sein lassen, schließlich, und die Frau überstrahlt jede Zahl. Alles gibt er auf, die gesamte Karriere, für sie. Fällt. Fällt immer tiefer. Aber sie, sie i s t ihm. Es kommt auf andres nicht an. Und das wichtigste fast: Sie bekommen ein Kind. Ich kenne mich aus im Bankerwesen, Wesen des Brokers, war schließlich selber mal einer. Das, lacht auf, „Brokerwesen“. Oswald Kolle fällt mir ein. – Der Lydierin reicht ein einziger Blick, um es ganz vom Tisch zu wischen. Es zerstäubt, zerrieselt unter ihrem Blick. Dies wär die Utopie. Jedenfalls darf er kein Künstler sein, überhaupt kein, was für ein Wort!, Schöngeist. Sondern Pragmatiker, als solcher, notwendigerweise, Ironiker, wenn es um Seele geht. Nur die Fakten zählen. Und zählen nach dem ersten Blick n i c h t mehr. Werden n i e mehr zählen. Die beiden leben >>>> in Lydien fortan, nicht mit „b“, nein, das „d“ steht da schon richtig. Vielleicht beginnt auch alles mit einer Reise dorthin; er muß einen Kunden besuchen, dessen, sagen wir, Sekretärin den Raum betritt, stehenbleibt, ihn ansieht, und er sieht sie an. Und begreift. Alles, was war, fällt von ihm ab.
Es könnte komplizierter sein: Lenz ist verheiratet, seit Jahren. Da fällt auch seine Ehe von ihm ab. In der Realität wird es dann unschön; meine Bücher haben noch nie zu einfachen Lösungen tendiert. Er will auch erst, der Broker in ihm, nur eine Affaire, nebenher, wie er schon zahllose hatte. Immer, wenn er Fremdheit brauchte, also sein Schwanz. Das läßt die Lydierin aber nicht zu. Und imgrunde weiß er es selbst, vom ersten Anblick an. Die Frau muß gar nichts sagen. Ihre pure Existenz – daß sie ist –, läßt es nicht zu. Also ist er verloren. Keine seiner Lebens-, sagen wir,-techniken funktioniert mehr. Alles ausgehebelt, niedergeschmirgelt. Er wird in seiner Alltagspraxiswelt zum Störfall.
Leidenschaft, nicht aber sexuelle Obsession. Das wird diesen Roman von >>>> Meere unterscheiden. Der Mann wird geradezu, was Fichte nie war, wieder jugendlich: liebt als Jugendlicher wieder. So, Hohe Frau, stell ich‘s mir vor. Und daß ihn, mich, heute eine SMS erreicht: „Lust, auf dem Karst spazierenzugehen? Ich hätte morgen Zeit, so gegen 15 Uhr.“ Oder ein kleines Café in der Via San Michele. Gibt es da eines? Weiß ich nicht mehr, doch kann nachschaun. Du weißt es besser, lebst schließlich dort. Wo sie abermals nichts anderes tun werden als sich anzusehn. Gut, sie trinken, aber nur aus Rücksicht auf den Padrone, Tee und Kaffee. Gehn dann wieder auseinander. Er fliegt sogar eigens hin, aus Berlin oder von wo immer er lebt. Und beide wissen.

So erhob ich mich aus dem Duft meiner >>>> Almapuppe. Wußtest Du, daß er, Kokoschka, sie sogar in Fiaker gesetzt hat und ganz durch Wien kutschieren ließ, sogar mehrmals? Man kann ihn deshalb einen kleinen Mann kaum nennen. Ich lege Dir von dieser Puppe ein Bild Kokoschkas bei. Die m e i n e wird der Roman sein. Das erspart mir den kläglichen, entsetzlich trockenen Versuch, mit ihr zu schlafen. Für Ersatzobjekte taugen Romane nicht wirklich, zumal ich darin nicht meine und also nicht unsre Geschichte erzähle. Die ist das Treibmittel nur. Das schönste Lied auf >>>> Mathilde Wesendonck ist so betitelt, „Im Treibhaus“. Tristans Kernzelle, Isoldes Urbild (König Marke ist Frau Wesendoncks Mann, pikanter- und schlimmerweise Wagners Mäzen). Es hat also hier seinen Grund, ausgerechnet auf sie, die Wesendonck, zu kommen. Du kennst ihn.

Alban

P.S.: Es ist geschickt, kommt mir jedenfalls (noch?) so vor, daß er, nicht sie verheiratet ist. Aber natürlich hat sie schon einen Partner, als sie ihn trifft. Eine Frau wie die Lydierin ist selbstverständlich nicht allein. Das ergibt sich notwendigerweise, denn b e i d e sind nicht mehr zwanzig. Dennoch muß er sehr viel älter als sie sein. Sonst wäre, wie sein Leben zerbricht, zu marginal.

(17.46 Uhr.
Espresso.)

Getrieben, Schönste, Sport getrieben. Sonst aber wieder nichts, oder nur kaum etwas. Beim Gewichtestemmen fiel mir ein neues >>>> Paralipomonenon ein, das ich aber erst noch feilen muß, bevor ich es einstelle. Morgen wirst Du es lesen und, ich weiß das schon jetzt, gewaltig widersprechen. Und auch die Freundin, die mir gestern schon schrieb, widersprach noch einmal; wir seien nicht einig, weil ich doch immer noch das Werk wolle. Vielleicht wollen müsse. – Ja, ich muß. Sie nennt mich einen Gezeichneten, von viel früher her, als Du mir erschienst, ja von einem Früher, in dem es Dich noch gar nicht gegeben. Ich definierte mich daraus und kehrte es um, später noch einmal, als mein Sohn geboren war und die Trennung über mich kam. Man kann das als Wiederholung eines Muster sehen. Das ich dann aber durchbrach, wie ich das alte Muster durchbrach, indem ich mich ganz neu, bis in den Namen, definierte. Bereits das war eine, in gutem Sinn, Perversion: Umkehrung. Und Kunst wurde. Die Freundin, Innigste, meint nun, ich müsse diese Briefe an Dich als das verstehe, was sie sind: Briefe. Und nicht als etwas, das Roman wird.
Für mich steht dahinter eine, allerdings sehr menschliche, Ergebung; wozu paßt, daß diese Freundin gläubig ist. Ich bin das nicht oder in völlig anderem, eben heidnischem Sinn..„Ich sehe Sie als Mutter“, hat mir Amélie gesagt, meine kluge Prostituiertenfreundin, mit der ich nachher, um neun, wieder essen gehen werde, um Neues aus dem Bordell zu erfahren. So asexuell, Sìdhe, wie ich derzeit bin, werde ich mich als Ratgeber besonders gut eignen in meiner kompletten Vorurteilslosigkeit. Zum „Augleich“ gibt es Fisch, beim von mir so genannten Maghrebiner. (Lach nicht, Sìdhe! Er ist zwar Türke in Wahrheit, aber ich schrieb schon in einem vorherigen PP, bei noch keinem Mann derart sinnliche Hände gesehen zu haben; das krieg ich halt besser mit Nordafrika zusammen. Die meinen sind Schaufeln für Kohle dagegen, allenfalls für Torf; aber den sticht man und braucht darum Spaten.) Noch sei mir, so seinerzeit die Freundin über die >>>> Sizilische Reise, der Umgang mit den Müttern verwehrt geblieben. Das mag sich jetzt geändert haben. Morgen werde ich darauf eingehen, denn was ich d o ch geschafft habe heute, war, bereits den Anfang der dritten Briefes zu skizzieren.

Und jetzt an die Schändung der Lukretia; da warst Du bei mir, und beide haben wir nachher den Kopf geschüttelt, fast ein bißchen verärgert. Vielleicht habe ich deshalb solche Schwierigkeiten mit der Kritik, also sie zu schreiben, weil das, dem sie gilt, geschah, als es noch Uns gab. Ich müßte mich erinnern, nun an Verlorenheit – was ich des Romanes wegen nicht will. Denn in der Tat, liebe Freundin, davon, vom Werk, laß ich nicht ab. Es gilt, eine Welt zu erschaffen, nicht, sich in sie einzufügen, wie sie ist.

*

“Ein Silberturm ist die Welt”. Die Novelle als Phantasmagorie. Von Dietmar Hillebrandt.

[erschienen als → amazon-Rezension
am 2. April 2012; hier wiederholt
wegen der revidierten Fassung der
“Fenster von Sainte Chapelle” in
ner-
halb der → Gesamtausgabe der Er-

zählungen, Band 2, “Wölfinnen”]

 

 

Jedes Buch lässt uns immer wieder durch ein anderes Fenster auf die Welt blicken. In diesem ist es das Fenster eines schreibenden Mannes, der nach Paris reist. Frankfurt und Heidelberg sind die Orte vor seinem Abflug nach Paris und bis zu den fünf Sternen auf Seite 9 war ich zum Einstieg gekommen und hätte spontan auch fünf für diese Ouvertüre vergeben. Für die Nähe, die das erzählerische Ich zum Autoren-Ich zulässt und für das Spiel auf der Klaviatur der ganz eigenen Sprache, so improvisiert und gerade deshalb poetisch. In Heidelberg wird ein Ereignis beschrieben, bei dem eine Asiatin, um auf ihr Lädchen aufmerksam zu machen, eine Blume für die Ordnungskräfte zu weit in eine Parklücke stellt. Es ist unschwer in diesem Bild die Verletzbarkeit des reisenden Schriftsteller-Erzählers zu erkennen, der sich in der Ignoranz durch den Kulturbetrieb und einer anonymen Staatsmacht oder Obrigkeit spiegelt. Wir nehmen unmittelbar teil an den Gedanken des Schriftstellers, die ständig getränkt sind mit Referenzen an seine eigene Literaturrezeption von literarischen Größen wie Joyce und Proust. Da wird ganz nebenbei über die unterschiedliche Reaktion auf den Vortrag einer sexuell freizügigen Stelle bei Joyce durch Eva Demski gegenüber der des Schriftstellers selbst sinniert und von seiner Vorliebe für dieses Helios-Kapitel, aus dem das Zitat stammt. Ein gelungener Leseabend, an dem Eva Demski nach ihm las, ist ihm in Erinnerung geblieben.

Amüsiert, manchmal sogar ergriffen, fühlte ich mich ob des Erfindungsreichtums des Erzähler-Ichs, der so unmittelbar jeden Eindruck sublimiert und in die Sphäre der Kunst zu schicken weiß. Der Paristrip wird eigentlich zur Frage nach dem Gott oder Teufel in uns allen. Ein umstrittenes Werk des Schriftstellers, “Meere”, soll ins Französische übersetzt werden, aber er erhält gleichzeitig einen mysteriösen Auftrag zu einem Buch von einer Madame “Le Duchesse”, von dem es nur ein Exemplar für diese ominöse Zwittergestalt selbst geben soll. Hinter diesem Drahtzieher im Hintergrund könnten sich Gott oder der Teufel persönlich, aber auch Anklänge an bekannte literarische Figuren wie der Baron de Charlus aus Prousts “Recherche” oder die Herzogin von Guermantes verstecken. Begleitet wird dieses fleischgewordene Mysterium von einem dienstbaren Geist in lederner Kluft, der Jenny Michel heißt, aber gleichzeitig auch das Potential zum Erzengel Michael oder dem Luftgeist Ariel hat. Parzival im Labyrinth der Gestalten auf der Suche nach dem Gral, der sich immer nur wieder als der Mensch selbst zwischen Gut und Böse herausstellt. Körperlichkeit wird in der Sexualität selbstbewusst ausgelebt, um sich anschließend um so entspannter der eigenen Kunst widmen zu können. Irgendwie paart sich die Dominanz im Spiel des Sexuellen mit der künstlerischen Demut, Sensibilität und Verletzbarkeit. Letztlich steckt in jedem Menschen auch ein gefallener Engel. Wie beiläufig wird grandios vom Religiösen erzählt, das eine kleine Geschichte enthält, in der Touristen die Kirche als Ort der Andacht und Hoffnung mit ihrer permanenten Fotografiererei entweihen. Nur “wenn die Menschen draußen sind, ist drinnen Gott”, wird ein französischer Film zitiert. Ein schönes Bild, das deckungsgleich auch für die “Trolle”(verbal marodierende Kommentatoren) im Weblog des Schriftstellers gelten könnte.

Die Erzählung durchbricht beinahe in Echtzeit mediale und personale Grenzen, denn die Kommentatoren im Blog, mit denen der Erzähler in ständigem Kontakt steht, sind hinter ihren Pseudonymen manchmal erkennbar und werden so Teil dieser erzählten Anderswelt. Zwischen den Personen besteht ein hierarchisches Machtgefüge und multiple Abhängigkeiten. Das Restaurant Silberturm, “Tour d’argent” werden die folgenden Abschnitte genannt, verweist auf das Abhängigkeitsverhältnis von Verleger und Autor, der ständig unter dem Druck steht, sein Werk versilbern zu müssen.
Die Phantastik in der Novelle ist sogar was ihren eigenen Text angeht immer intertextuell, denn von den Kommentatoren in seinem Weblog werden Pfingstrosen (Päonien) als narrative Unstimmigkeit angeprangert, weil sie bereits in Deutschland kurz vor dem Abflug auf einem anderen Tisch standen und nicht, wie von ihm berichtet jetzt in seiner Unterkunft “La Nonchalante”. Der Schriftsteller beklagt nun einen geknackten Code, bei dem es sich eben nicht um den der Eingangstür zu seiner Wohnung handelt, sondern den der Imagination und Erzählweise des Erzählers selbst. Sofort wird mit der Transponierung in eine Opferrolle begonnen und das Bild eines Mannes evoziert, der geschlagen, verletzt und ausgeraubt vom Luftgeist Jenny verarztet werden muss. Den Code nicht zu besitzen, bedeutet auch mit dem Verlust seiner Identität bedroht zu werden. Ohne Identität ist man aber selbst in der Fiktion ein nicht oder nur schlecht wahrgenommener Niemand.

Der Schriftsteller flüchtet sich in seiner Phantasie auf ein Schiff, das Prada heißt oder wo man Prada trägt. Die Touristen an beiden Ufern der Seine erscheinen ihm wie Ströme von Joyceschen Rindern. Der Ich-Erzähler verleiht sich im Folgenden eine gewisse räumliche aber auch zeitliche Omnipräsenz. Es ist ihm egal, wo er sich gerade befindet, ob auf dem Pradakahn, in seiner nonchalanten Unterkunft, im Restaurant Silberturm mit “Le Duchesse”, auf einer Technoparty, immer hypostasiert er seine eigenen Eindrücke, richtet seinen Blick auf sich selbst und seine innere Imaginationswand. Das Narrative malt Bilder und Personen der Außenwelt zu seinem ganz eigenen Panoptikum. Ein wenig stiegen mir beim Prada-Boot Vergleiche mit einer Fahrt über den Styx in den Kopf, von dessen Planken sich der Schriftsteller mit einem beherzten Sprung aus seinen Lenden heraus vor dem Tod retten will. Die griechische Mythologie klang schon beim Rekurs auf Joyce an. Alles wird schillernde Metapher und in den Teppich der poetischen Sprache gewebt. Ein Prozess, an dem der Leser so unmittelbar wie möglich, durch Einbeziehung des Weblogs als Personen- und Ereignisfundus, teilnehmen soll.

Mit der Engelsgestalt Jenny bricht der Erzähler nun zur Sainte Chapelle auf. Seine exklusive Besichtigung allerdings erlebt der Ich-Erzähler aufgewühlt und rebellierend. Gegen jede sich monotheistisch patriarchal gebärende Religion lehnt er sich auf und sieht bereits in dem ihn empfangenden Mönch einen Zuhälter. Die Französische Revolution wird nicht nur als Sturm auf die Bastille, sondern als Befreiung von der Knechtschaft unter der Kirche und dem Gottesbild heraufbeschworen. Das Erzähler-Ich begreift sich selbst als “G e i s t des Aufstands”, der Gott als Vaterfigur und den Sakralbau als “Ställe Pädophiler”, als “herrlich verlogenen Bau” anprangert.
Es ist ein Feuerwerk der Imagination, das in der “Sainte Chapelle”, sowohl auf den Seiten der Schilderung des Kirchenbesuchs, als auch im ganzen Buch überhaupt abgebrannt wird. Das sprachliche Niveau halte ich für außerordentlich hoch und sprachgewaltig, was der Phantastik eine ganz eigene Ausprägung gibt. Die Einbeziehung des Weblogs darüber hinaus ist ein schriftstellerisches Wagnis.

Dann werden die Kommentatoren des Weblogs selbst zu teilnehmenden Personen einer Frivolitätenparty im Technoclub “Le paradis de Pantin”, eine Art Nachtclub in einem Pariser Vorort. Manchmal weiß man beim Lesen gar nicht mehr, ob man sich in einer Kirche oder in einer Szene aus Stanley Kubriks letztem Film “Eyes Wide Shut” im Schloß Somerton auf einem orgiastischen Maskenball befindet, der sich lediglich im Kopf des Erzählers abspielt. Das orgiastische Fest in der psychedelischen Techno-Disco und Halbschattenwelt gerät zu einer an Hieronymus Boschs “Garten der Lüste” erinnernden Gemälde, wobei die Abrechnung mit Gott oder der blinden Religiosität der Menschen zum Aufruf für die Freiheit in der Schöpfung wird. Das Paradies ist die Akzeptanz der Menschen untereinander über jede geschlechtliche Differenz hinweg und das Schöpferische im Menschen seine Freiheit schlechthin. Indem sich das “Ich” in dem künstlerischen und schöpferischen Prozess aufzulösen beginnt, reflektiert es sich selbst als ein Wesen, in dem Gott und Teufel zugleich angelegt ist. Sie sind von ihm selbst geschaffene Allegorien in seinem inneren Kampf um das Menschsein.

Neben dieses Fest in der Techno-Disco wird kontrastiv eine Begegnung höchst seltsamer Art in der “Sainte Chapelle” gestellt. Man könnte sagen Gott selbst trifft sich mit seinem verlassenen Sohn, wobei der Sohn nicht Jesus ist, sondern das Alter Ego aller Menschen, falls es so etwas überhaupt gibt. Es ist eine wirklich fein gestrickte “Göttliche Komödie” anderer Art. Das immer wieder allegorisch auftauchende Erzengelpersonal, vier an der Zahl, ist leicht zu dechiffrieren. Das Zimmermädchen Raffaela als den gleichnamigen Erzengel, wie auch “Jenny Michel” als Erzengel Michael oder der Absender der Vertragsemail für den neuen Roman des Erzählers Herbst am Schluss, der mit “Gabrielle U. Riel” unterzeichnet ist. Im Grunde werden alle Figuren Teil des Erzähler-Ichs und der Erzählstoff reißt dieses Ich ständig mit fort. Die Erzählung sprengt das altbekannte Genre der “Phantastischen Literatur”, ist darin nicht vollständig kategorisiert. Es ist vielmehr eine einzigartige und sehr avancierte Spielart autobiographischen Schreibens, die Elemente des Phantastischen zwar aufgreift, aber nicht zuletzt in der Einbeziehung virtueller Kommunikationsplattformen wie das Weblog im Internet modern und innovativ wirkt.

Ich-Auflösung bei gleichzeitigem totalen Hineinfallenlassen in die Ich-Imagination. Während die Orgie naturgemäß etwas Blasphemisches hat, gerät die Morgenröte danach zu einer Art doppelten Katharsis zwischen Dichter und Gott, der sich in einem multilingualem Priester materialisiert. Bei aller Religionskritik wird er als das erkannt, was auch er ist, ein mit den Projektionen der Menschen Beladener. Der “Code” ist in Wahrheit nicht zu knacken, er bleibt das, was über das “was die Welt im Innersten zusammenhält” hinaus will, der Impuls, der das Leben selbst ausmacht. Das geforderte Buch will der Schriftsteller nur dann schreiben, wenn Gott auf seine Rache- und Erzengel verzichtet, wenn Religion nicht gleichzeitig Gewalt implizieren würde.

Es handelt sich zweifelsfrei um eine phantasmagorische Novelle. Die konstituierenden traditionellen Elemente sehe ich mehrfach erfüllt. Die einzige Begebenheit ist die Reise, eine Rahmenhandlung ergibt sich durch den gleichen Standort zu Beginn und am Ende in Form von Berlin. Das durch den gesamten Text laufende Dingsymbol dürften die Pfingstrosen sein, deren abfallende Blätter eine äußere Erscheinungsform des Codes sein könnten. Der offene Schluss besteht darin, dass der Schriftsteller den von ihm geforderten Roman bei einem zweiten Besuch in Paris erst noch schreiben wird. Auf diesen Roman müsste die ganze literarische Welt eigentlich gespannt sein. Aber auch durch diese kleine Novelle ist der Himmel und die Erde nicht leerer, sondern reicher und voller geworden. Es ist allerdings immer auch der Himmel in uns selbst, der nach Freiheit verlangt, und ohne die er keiner ist.

Wie alle Leser, kann auch ich nur durch mein Fenster der Sainte Chapelle blicken. Manchmal sehe ich auf das blaue Meer an der Küste der Normandie oder der Bretagne, vielleicht sogar bis nach Berlin, das auch am Meer liegen könnte. Doch der erste Schritt wird immer sein, sich für eine Weile selbst zu vergessen, damit wir hinter unserem eigenen Spiegelbild den erschöpften Engel auf einem Friedhof in Rom sehen, der wir alle sind. Alban Nikolai Herbst hat ihn gesehen.

***

NOTA:
Wir, die Fiktionäre Der Dschungel, haben versucht, den Autor des vorstehenden, wie wir finden großartigen Textes, Herrn Dietmar Hillebrandt, zu erreichen, um die Erlaubnis für diesen Beitrag einzuholen, aber fanden, da es im Netz einige Dietmar Hillebrandts gibt, nicht einmal eine diesen bestimmten Dietmar Hillebrandt erreichbare Adresse. Wir bitten gegebenenfalls um Entschuldigung und würden den Text bei einem urheberechtlichen oder sonstigen Einwand sofort wieder herausnehmen. Mag sein, und wir hoffen es, daß er durch Suchmaschineneintrag auf die jetzige Dschungelveröffentlichung aufmerksam und so oder so reagieren wird.

Für Herbst & Deters Fiktionäre:
Kritiker, 20. Februar 2022

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