“Zeitenwende”. An einen Redakteur.

 

(…)

haben Sie großen Dank für Ihren Brief vom 28. Juli, tatsächlich Brief, dergleichen hier kaum noch eingeht, von <lacht> Rechnungen und Mahnungen einmal abgesehen. Ein gutes Gefühl, so etwas einmal wieder öffnen zu dürfen – und dann noch eine solch ehrenvolle Einladung. Die ich gerne annehme, auch wenn ich die in diesen Wochen so oft ausgerufene „Zeitenwende‟, daß sich von einem Herbeibeschwören sprechen ließe, viel früher diagnostiziert habe, nämlich für spätestens die Neunzigerjahre. Was danach gekommen ist, scheint mir einer fast strikten, sagen wir, Geschichtslogik zu folgen, wobei auch hier davon abgesehen, nämlich ausgeklammert werden muß, daß es sich bei solchen Diagnosen um reichlich europa-, bzw. westzentralistische Perspektiven handelt. Den, um Sie zu zitieren, „Beginn eines neuen Zeitalter‟, einer gar „neuen Ära in der Menschheitsgeschichte‟ kann ich etwa für Afrika, weite Areale Asiens, aber auch Südamerika nicht sehen. Und daß sich geopolitisch Hegemonien verschieben, kommt mir mitsamt allen Brutalitäten wie geradezu eine ihrer, der Menschheitsgeschichte, Konstanten vor. Eine Zeitenwende jetzt hätte stattgefunden, wäre die in den vergangenen Wochen so häufig geschmähte und sogar beschuldigte Friedensbewegung weltweit erfolgreich gewesen, der ich zeitweise – wenn auch höchst, wie meine Bücher zeigen, skeptisch – zugehörig war und innerlich verpflichtet bleibe.

(…)

Ukraine-Dialoge XVI: Vor Ausweitung der Kriegszone. ANH || Sofia Ahrendt-Dérous zur nationalen Massenpsychologie. Email-Wechsel.

Sonnabend, 30. April 2022, 13.23 Uhr

Sofia Ahrendt-Dérous[1]*(Name und Orte auf Wunsch geändert)
(…)
Für den Auftritt werde ich Stärkeres brauchen als Rotwein:
Zum 77. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges wünschte die deutsch-russische Gesellschaft Gelsheim ein Symposium mit Fotoausstellung, Vorträgen, Lesungen und Konzerten. Beteiligt werden sollten russische, weißrussische und ukrainische Künstlerinnen und Künstler, und ich wurde beauftragt, einen solchen Abend musikalisch zu gestalten, weil meine Kontakte zur jeweiligen Diaspora, jedenfalls der russischen und ukrainischen, ziemlich bekannt sind. Die Konzerte sollen alle im Barocksaal stattfinden. Nun wollte ich neben selbstverständlich Antikriegsliedern noch etwas sehr Besonderes auf die Bühne bringen, und meine Wahl – die begeistert angenommen wurde – fiel auf Hornungs Arrangement der Lieder eines fahrenden Gesellen für Klavier und Cello. Ich weiß nicht, ob Sie es kennen. Jedenfalls habe ich einige ukrainische Pianisten angerufen, alle hellauf begeistert, wollten unbedingt spielen – bis sie vernahmen, dass der Cellist Russe sei. Für kein Geld der Welt waren sie ab da zu bewegen, die Bühne zu betreten. Auch nicht nach der Information, dass der Mann seit Jahrzehnten hier in Offenbach lebt und nichts mit Putin am Hut hat.
Aber sie werden mich eh mit faulen Eiern bewerfen. Die Gesellschaft rief mich täglich an, erst „Balance russisch – ukrainisch“ dann „ähm vielleicht doch besser nichts Russisches“. Seit Kurzem: „Hätten Sie auch moldawische Musiker?“ Jetzt hoffen sie, irgendwie des Endes des Zweiten Weltkrieges gedenken zu können, ohne Russland zu erwähnen. Außerdem fürchte ich, daß schon für sich Anti-Kriegs-Lieder in einer Woche bereits zu heikel sein könnten, weil natürlich Politiker aufkreuzen und sprechen werden. Es lebe der Weltfrieden. Ob dieser gelingt, wenn Menschen nur noch auf ihre Nationalität, damit ihren Geburtsort und ihre Eltern reduziert werden, anstatt sie für ihre Handlungen und Meinungen verantwortlich zu machen, sei dahingestellt.

ANH
Oh, was habe ich mit diesem Problem zu kämpfen – also publizistisch. Hier grassiert eine fast völkische Stimmung, die vom ukrainischen, wirklich fürchterlichen Nationalismus noch angefeuert wird, für den der Ukraine Außen Kuleba eine ganz besonders gräßliche Stimme ist. Es erinnert an den Anfang des Ersten Weltkriegs inkl dem “Erbfeind Frankreich”, was bei uns jetzt wieder aufkocht. Hat halt „nur“ die Nation gewechselt. In nicht wenigen Fällen ist das auch künstlerisch von hohem Unheil, etwa, wenn Sie sich die → Invektiven gegen Currentzis anschauen (Netrebko und Giergiew sind anders gelagerte Fälle, in der Tat, da bin auch ich für den Ausschluß).
Der beste Freund meines Sohnes ist russischer Herkunft, seine Familie emigrierte vor rund zehn Jahren hierher; seit einem Jahr haben alle die deutsche Staatsbürgerschaft. Hilft aber nichts, der junge Mann wird heftig gemobbt. Das ist etwas, das meine russische Übersetzerin Baskakova → schon vor knapp zwei Monaten befürchtete. Ich hatte ihr ihre Ängste ausreden wollen, weil ich wirklich nicht geglaubt habe, daß so etwas geschehen könne. Und habe mich geirrt.

Es ist einfach nur grauslich. Im Juni wird → meine erste Übersetzung auf Russisch in Sankt Petersburg erscheinen, der Roman “Traumschiff”. Ein Bekannter fragte mich, was ich denn nun machen würde. “Na, das Buch annoncieren”, erwiderte ich. Und er: “Laß das sein! Man wird Dich sonst einen Putinfreund nennen.”

Sonntag, 1. Mai 2022, 9.48 Uhr

Sofia Ahrendt-Dérous
… erstaunlich, wie austauschbar der damalige Fanatismus mit der Moral unserer Zeit ist. Mittlerweile denke ich, dass Politiker, die moralisch argumentieren, eine Bankrotterklärung abgeben. Ein hohes Über-Ich macht immun gegen gute Argumente. Und genau das ist m.E. der Grund, weshalb moralische Argumente bevorzugt werden. Dagegen würden dieselben Staaten auf der Kritikliste stehen (China zu allererst, natürlich auch Russland…), würde man sie nicht unter moralischen Gesichtspunkten, sondern unter Risiko-Nutzen/Preis-Leistung, Folgen für uns beurteilen. Aber so ehrlich, zuzugeben, dass immer abgewogen wird, auch die Moral, ist niemand. Solange die Moral dazu dient, Kritiker mundtot zu machen. Es tut mir unfassbar leid für Menschen wie den Freund Ihres Sohnes, genau wie für zahlreiche russische Künstler.

Machen Sie das mit Ihrem Buch! Ganz im klassischen Sinne erzieht gute Literatur den Menschen doch zum Besseren.

ANH
Hoffen wir’s. Aber lesen Sie mal → das (im Anhang), heute in der NZZ.

Sofia Ahrendt-Dérous
Die Verfasserin tut, was sie selbst kritisiert: Sie wechselt geschmeidig zwischen Moral und Schuld und rationaler Analyse. Wie es argumentativ passt. Aus der Annahme „Jeder ist potenziell schuldig“ (denn das ist Tolstois eigentliche Aussage) folgt nicht automatisch ein “russischer Humanismus“, der konsequent in hemmungsloser Täterschaft mündet. Jeder Psychologe würde bestätigen, dass ein Betrachten des eigenen Täterpotenzials die notwendige Bedingung ist für Transformation desselben. Niemals die Tabuisierung und Verdrängung.
Soweit der erste Schritt. Ob weitere und welche Schritte aus der Erkenntnis folgen, dazu hätte derjenige die Wahl, der sich bewusst mit seinen Abgründen auseinandersetzt. Mit dem Phänomen und den Bedingungen dafür, dass Menschen um den ganzen Erdball zu Kriegsverbrechen fähig sind, sogar ohne dass sie vorher Tolstoi lesen, haben sich etliche Forscher beschäftigt. Mir haben Theologen erklärt, dass aus den Texten der Johannes-Passion eine „direkte Blutspur nach Auschwitz führt“, weshalb man sie umschreiben müsste. Gerade Werke von hoher Qualität eignen sich hervorragend für Missbrauch, eben weil sie so wirkungsvoll sind.”

P.S.: Tolstoi bemitleidet Natascha in „Krieg und Frieden“ in keiner Weise mit vollem Herzen.

ANH
Ihre Argumentation paßt exakt auf meinen Instinkt. Auch in diesem Text wird ein “russisches Böses”-an-sich konstruiert und damit ein Strich durch eine gesamte Kultur gemacht, fett in rot oder schwarz.
Das Allertollste: Weil Juli Zeh, die ich politisch wichtig, aber poetisch extrem überschätzt finde, → Habermas’ Offenen Brief an Scholz mit erstunterzeichnet hat, hat jetzt ein Kollege gefordert,sie aus dem PEN auszuschließen, weil sie gegen die Charta verstoße. [Habermas hat g e g e n die Lieferungen schwerer Waffen argumentiert und, was wohl der Stein des “Anstoßes” ist, postuliert, daß die “zweite Grenzlinie (…) das Maß an Zerstörung und menschlichem Leid unter der ukrainischen Zivilbevölkerung” sei. “Selbst der berechtigte Widerstand gegen einen Aggressor steht dazu irgendwann in einem unerträglichen Missverhältnis.” Und moralphilosophisch erklärt er die Ansicht für falsch, “dass die Entscheidung über die moralische Verantwortbarkeit der weiteren „Kosten“ an Menschenleben unter der ukrainischen Zivilbevölkerung ausschließlich in die Zuständigkeit ihrer Regierung falle. Moralisch verbindliche Normen sind universaler Natur.”]
Jetzt hat das halbe sowieso schon kriegstaumelnde Deutschland auch noch Schaum vor dem Mund.

Sofia Ahrendt-Dérous
Dann sind die Kollegen gefragt, sich dagegen zu wehren. Sie können es sicher besser formulieren als Tischler, Maler oder Eiskunstläufer. Diese Diskussion hätte unser Land schon längst gebraucht. Wenn man einen kulturellen Unterschied finden möchte, liegt er möglicher Weise im – grob gesagt – „Hinschauen zum Bösen, als Teil des Selbst ein stückweit Akzeptieren“ (was der Autor vorschnell als „russischen Humanismus bezeichnet, denn er überspringt die Wahlmöglichkeit, mit der Erkenntnis umzugehen) versus  „mit voller Moral deckeln“. Das Christliche Gut-Böse steigerte sich spätestens nach Ende WK II in Deutschland zur ewigen Schuld. Die interessanter Weise genauso wenig Wahlmöglichkeit lässt.
Die Moral führt zu einer Abspaltung, welche – ich bleibe dabei – in Tabuisierung endet und somit ein sehr starkes weil verdrängtes Täterpotenzial trägt. Dagegen steht die Möglichkeit, im Bewussten sämtliche Hemmungen fallen zu lassen. Unterm Strich: Bewusstes Tätertum gegen unbewusstes. Fragen Sie mal einen Psychologen, welches die größere Wucht hat.

ANH
Im Krieg wird unbewußtes Tätertum (ich nenne es einmal “Täterpotential”) i m m e r zu bewußtem und deshalb dann zu, aus sozusagen psychischer Notwehr gewolltem – eine Dynamik, die umso leichter in Gang zu bringen ist, als der Gegner (“Feind”, ecco) als nur-böse gilt, und je weniger Bildung die einzelne Soldatenperson hat, wobei “Bildung” vor allem Differenzierungsvermögen bedeutet. In psychologischen Massenzuständen – strukturell erst einmal egal, ob während eines Raves, eines Fußballspiels im Stadion oder in der, sei es gefühlten, sei es tatsächlichen Kriegssituation – heben sich auch entwickelte Differenzierungsvermögen mehr und mehr auf, bisweilen sogar unmittelbar. Sofern man diesen Massenrauschzustand nämlich w i l l. Wer Massenzustände scheut oder gar fürchtet, ist da eher gefeit.

References

References
1 *(Name und Orte auf Wunsch geändert

Ukraine-Dialoge XI: Einschätzungen aus Rußland. Autor und Übersetzerin zu de Zayas und Baud sowie ein Beitrag Olga Martynovas. Tatiana Baskakova | ANH (3).

Sonnabend, 12. März 2022, 8.01 Uhr

ANH
Ich denke jeden Tag, quasi dauernd, an Sie. Hier ein Artikel der Neuen Zürcher Zeitung von heute früh.

A.

11.52 Uhr

Baskakova
Danke, Albano,

ich fühle Ihr Nah-Sein und Ihre Erreichbarkeit! Auch Olga Martynova schrieb mir und schickte ihren → Artikel.
(…)
Herzlich, Tania

Dienstag, 15. März 2022, 11.08 Uhr

ANH
Liebe Tania, da ich in Der Dschungel erst später darauf eingehen werden – und noch nicht weiß, wie – schicke ich Ihnen hier zwei PDFs[1]Interview Baud, → Interview de Zayas, die, glaube ich, jede und jeder kennen sollte, um Hintergründe des furchtbaren Kriegs zu verstehen, die Sie auch gerne weiterverteilen dürfen.. Sie sind in dieser Schweizer online-Zeitung erschienen. – Über einen Leser, mit dem ich korrespondiere, kam ich auf diese Dastellungen. Besonders die eine ist ausgesprochen akribisch. Beide Autoren waren bei der UNO beschäftigt, einer sogar bei der NATO. Beide sind Wissenschaftler, Forscher.
In der Hoffnung, daß es Ihnen nach wie vor einigermaßen gut geht, bleibe ich in unverbrüchlicher Freundschaft
Ihr Albano

12.20 Uhr

ANH
Postskiptum: Wegen Baud müssen wir aber auch vorsichtig sein. Ich schicke Ihnen hier noch die deutsche Übersetzung der französischen Wikipedia über ihn. Also seine Bewertungen kritisch sehen; wichtig sind aber die Fakten (also Daten).
A.

18.15 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

das Interview mit Jacques Baud scheint mir höchst tendenziös und unglaubwürdig. Z.B.: «Ja, in unseren Medien wird es so dargestellt, dass die Russen alles zerstören würden, aber das stimmt offensichtlich nicht». Ich sah schon Unmengen von Photos mit den zerstörten Städten, getöteten Kinder, Strömen von Flüchtlingen. Ich ruf täglich zweimal meinen nahen Freund in Kiev an und frage ihn, ob in der Nacht Bombardierungen waren (in Kiev war es bis jetzt relativ ruhig.). Ich las ein Tagebuch von meiner Bekannten, einer ukrainischen Übersetzerin (auf Deutsch publiziert), die in einem kleinen Städchen in der Naehe von Kiev wohnte und die vor zwei Tagen gezwungen war, wegen der Bombardierungen diesen Ort zu verlassen.
Über die Krim (in 2014) hatte Putin am Anfang gesagt, es seien dort keine russische Soldaten gewesen, um aber später zu erklären, daß — doch — die Armee dort benützt wurde. Ich kenne auch persönlich die Leute, die nach 2014 die Krim verlassen haben und in die Ukraine gingen.
S. 14: «Daraufhin hat Putin einen Artikel geschrieben, indem er die historische Entstehung der Ukraine erklärt. Er hat kritisiert, daß man zwischen Ukrainern und Russen unterscheidet usw. …Ich habe den Artikel gelesen, er ist absolut sinnvoll». Das ist Unsinn. Es sind verschiedene Völker mit verschiedenen Sprachen. Die ukrainische Kultur wurde in den Dreißiger Jahren fast völlig eliminiert. Daher stammen diese — unrechten — Maßnahmen gegen die russische Sprache in der heutigen Ukraine. Mariupol, Charkiw, Cherson sind Städte mit russischsprachiger Bevölkerung, dort protestieren die Leute jetzt gegen Putin.
Ich selbst war in der Ukraine in 2014, ganz kurz vor dem Krieg (dann noch in 2015, 2018). Damals gab es dort (in Kiev) gar keinen Haß gegen Russen, ich hatte einen Leseabend dort, las auf Russischen, man fragte mich etwas auf Ukrainisch oder auf Russisch, egal, ich verstand die Menschen, antwortete aber auf Russisch, es war ganz normal. Ein Teil von Russland werden wollte aber niemand. Die Rechtsextremisten allerdings existieren dort, gewiss. Ihre politische Wirkung aber ist nichtig. Sie werden sich jetzt, nach dem Krieg, verstärken, denke ich.
Und der Artikel von Dr. Alfred de Zayas? Ich verstehe sehr gut seine und Ihre Sorge: der Atom-Krieg darf nicht beginnen. Das Problem ist, dass die Ukrainer nicht bereit sind, das Opfer dafür zu werden, ihre Verwandten und Kinder zu verlieren. Und wer bin ich, um ihnen etwas zu raten oder nur diese Erlösungs-Variante zu propagieren, zu publizieren? Eine Bürgerin eines Staates, der ihr ganzes Leben zerstörte und jetzt noch zerstört?
Mir geht es gut genug, und ich schätze Ihre Freundschaft sehr und die Möglichkeit, mit Ihnen ganz offen zu sprechen,
Ihre Tania

18.29 Uhr

ANH
Liebe Tania,
ja, ich finde Bauds Wertungen und Persektiven ganz wie Sie hoch problematsísch, habe das eben in Der Dschungel auch geschrieben.
Und was Sie erzählen, glaube ich sofort. Interessant an Bauds Text sind aber die – hierzulande nahezu unbekannten – Fakten der Daten usw. Seine Sicht auf Putin ist selbstverständlich ebenfalls problematisch; nur hat bisher die Abläufe noch niemand so deutlich herausgearbeitet. Das heißt, alles wegstreichen, was bei Baud Ideologie, Parteinahme, auch Verschweigen ist und immer nur das lesen, was reine Information ist. In d i e s e m Sinn ist der Text wichtig.
(Ich muß immer wieder an meinen Stiefvater, einen Völkerrechtsjuristen, denken, der als eingefleischter CDU-Mann immer nur linke Zeitungen las, und zwar mit dem Argument: “Da merke ich, wo ich betrogen werde; bei meinen eigenen Leuten aber nicht.” Er bildete sich seine politische Meinung fast ausschließlich über die ihm kenntlichen Fehler des Gegners. In d i e s e m Sinn habe ich auf Bauds Text hingewiesen. Übrigens ist, aber das werden Sie in meinem Beitrag verlinkt finden, auch der englische → Guardian hier kritisch. – Worum es im Westen geht, ist, daß man auch sehen muß, Mitschuld an dem Krieg zu tragen, nämlich über die NATO und übers aktive Wegsehen. Bei Putins gräßlichem Tschetschenienkrieg hat niemand Sanktionen verhängt, obwohl da nachweislich Völkermord stattfand. Sondern irgendwie war er dem Westen ganz recht; es ging ja u.a. gegen Islami.
Doch ganz unabhängig davon, deshalb mein letzter Absatz, und wer immer Schuld und Mitschuld hat – daß dies alles auf dem Rücken der jetzt furchtbar leidenden ukrainischen Bevölkerung ausgetragen wird sowie auf dem der Russinen und Russen, die sich gegen Putin stellen, ist nicht zu ertragen. Die nationalistischen und teils revisionistischen Äußerungen Kulebas sind es aber auch nicht. Wann immer nach “Ruhm” gerufen wird – nach “Sieg”, nach “Helden” -, ist etwas ganz, ganz schlimm.)
Ihr Alban

18.37 Uhr

Baskakova
Lieber Albano,

falls Sie es nützlich finden, könnten Sie meinen Brief — mit meinem Namen — veröffentlichen. Nur mit einer Bemerkung, daß es ein Privatbrief, geschrieben vor der Publikation, war (weil Sie selbst schreiben, Sie glauben diesem Interview nicht gänzlich, — meine Antwort würde sonst überflüssig).
Und ja, ich verstehe, was Sie mit Mitschuld des Westens meinen, das Interview selbst aber scheint mir nicht sehr original — es ist die übliche Argumentation von Putin selbst.
Ihre Tania

ANH
Das finde ich ganz, ganz großartig. Aber nicht als Kommentar, sondern als Fortsetzung auch unseres Ukraine-Dialoges, wovon es ja schon zwei Stücke gibt. Das wäre dann der dritte, und er bezöge sich auf den heutigen Beitrag. So wird auch zugleich der Erkennnisprozeß-selbst prozessual thematisiert, was, wie wohl kaum jemand so gut weiß wie Sie und Elvira, meinem poetologischen Ansatz insgesamt entspricht.
Und, selbstverständlich: Wenn ich den Beitrag fertiggebaut habe, schicke ich ihn Ihnen zur, wenn nötig, Korrektur oder auch für Ergänzungen. Vor allem will ich Ihnen ja auf keinen Fall schaden; Sie können einfach besser als ich abschätzen, was erscheinen darf und was nicht.
Einverstanden?

Baskakova
Ich bin einverstanden, dann warte ich auf den Entwurf.

Tania

Mittwoch, 16. März 2022, 22.25 Uhr

Baskakova [unkorrigierte Umlaute nach Email]
Lieber Albano,

Mit dem Text der Publikation ist (fast) alles gut. Nur Umlaute habe ich hinzugefuegt (in E-Mails kann ich sie nicht benuetzen). Und ein Datum korregiert.
Ich schicke Ihnen einige meine Photos. Wenn Sie moechten, koennen Sie sie einmontieren.
Herzlich, Tania

_____________________________________
[Bilder von oben nach unten:

1 Ein Haus in Kiev, Jaroslawiw Wal 15-b, dekoriert mit vergrö-ßerten alten Photos.
2 Baskakova mit dem ukrainischen Übersetzer aus dem Deutschen → Mark Belorusez. (Ukrainisch-Belorussisch-Russischer Übersetzerworkshop „Günther Aichs Mädchen aus Viterbo“, organisiert durch die Goethe-Institute in Kiew und Minsk, Kiew 13-15.6.2015 / Minsk 18.-20.11.2015.
3 Kiev, 3.7.2018. Zwei junge Schauspielerinnen lesen aus Jewhenija Bjelorussez‘ → Glückliche Fälle. (Ins Deutsche übersetzt von Claudia Dathe, Matthes & Seitz, Berlin, 2019)
4 Plakat (Ausschnitt) der Ankündigung zu Tatiana Baskakovas Vorstellung ihrer russischen Übersetzung des Romanes Hundsnächte von Reinhard Jirgl, Kiew 2008.]

References

Ukraine-Dialoge VIII: Russophobie, Reichstag, Aufrüstung, neue deutsche Gesinnungsschnüffelei & DiEM25. Schelmenzunft | ANH. (1)

 

Lieber ANH,

(…) einen gleichermaßen → aufmerksamen Blick in Putins wie in Habecks Gesicht hätte ich mir von Ihnen gewünscht, statt dessen: Gergiev (na ja) und Netrebko (sowieso überschätzt) – das von Ihnen? Sie haben Lindner gewählt und machen es auch noch öffentlich? → Putin erschießen? Haben Sie je einen von den Bushs, Clinton oder Obama erschießen lassen wollen, und, wenn ja, warum steht davon nichts in den Dschungeln?
Was jetzt an Russophobie hochkommt, in der FAZ schreibt Kohler von Putin als Sauron und den Russen als Orks, erschreckt Sie das nicht? Was jetzt auf einmal möglich ist, den Rüstungsetat von 1 auf 2 Prozent des BIP zu erhöhen – das klingt so niedlich, aber das sind fast 20 Prozent des gesamten Bundeshaushalts! – und 100 Milliarden zusätzlich, mit einem Achselzucken? Dazu LNG-Terminals für Frackinns-Gas…
Anyway, man nimmt sich selber politisch zu wichtig. Was ich noch anmerken möchte, ist der Hinweis auf → Ihre Bemerkung, dass „das Reichstagsgebäude“ technisch zu irgendetwas nicht in der Lage gewesen ist… Warum diese Bezeichnung und nicht schlicht „der Bundestag“? Was bricht sich da Bahn? (…) wie sagte schon Hans Wollschläger über Helmut Thielicke: „Ein Professor muß nach seinen Worten beurteilt werden – das sind seine Taten“ (oder so ziemlich ähnlich).
Zuviel Rotwein, aber ich schicke diese E-Mail trotzdem.

Ihr Schelmenzunft

***

Lieber Schelmenzunft,

der Wein macht Sie mir besonders sympathisch; auch ich fange abends zu trinken an, manchmal morgens noch Restalkohol. Und verzeihen Sie, daß ich jetzt erst antworte (auch für die eingegangene Büchersendung habe ich mich noch zu bedanken), aber vorgestern und gestern war ich wegen der Ukraine und Putin in heftige Auseinandersetzungen eingebunden und darin, es dann auch >>>> in Die Dschungel hinüberzukopieren, damit es nicht versinkt, sondern jederzeit zugreifbar ist.. Es braucht dies alles sehr viel Kraft, auch, weil sich mir wichtige Menschen (…) jetzt von mir “entfreundet” haben. Ich täte so etwas nie, weil ich der Überzeugung bin, daß erwachsen zu sein in allererster Linie bedeutet, Ambivalenzen auszuhalten und mit ihnen zu leben. Auch und besonders unter Freunden.
Egal.
Ich möchte mich jetzt zu Ihren, im weitesten Sinn, Vorhaltungen äußern. Allgemein erst mal: Daß ich gegenüber der NATO, vor allem aber den USA äußerst kritisch bin, zieht sich durch Die Dschungel seit Beginn; daß da immer wieder Menschen- und auch Kriegsrechtsbrüche zu verzeichnen waren, ebenso – um von Guantánamo zu schweigen. Also in der Hinsicht können Sie mir kaum Vorwürfe machen.

Doch im einzelnen:
1. Einen gleichermaßen aufmerksamen Blick in Putins wie in Habecks Gesicht hätte ich mir von Ihnen gewünscht. | Den habe ich getan.#2. Sie haben Lindner gewählt und machen das auch noch öffentlich? | Ja, weshalb nicht? Ich stehe zu meinen Entscheidungen. Die Grünen waren, obwohl ich jahrelang für sie votierte, nicht mehr wählbar, seit sie meine Sprache zerstören. Spätestens mit der, ich sag mal, Genderisierung mußte ich da raus, auch mit der Leugnung des Geschlechts und der Meinungshoheitsübernahme eines klitzekleinen Bevölkerungsanteils über den gesamten anderen. Es ist dies versucht diktatorisch und wird gegen den Willen der meisten legislativ durchgesetzt, also aufoktroyiert. Kurz: Nicht wählbar. Ebensowenig die SPD, dies schon spätestens seit Schröder. Aber, wie der Grünen auch, ist der SPD Kulturverständnis für das meine verheerend, das avantgardistische und jedenfalls komplexe Formen will, nicht Pop. Als Schriftsteller wäre ich, wählte ich denn rein nach Eigeninteresse (was eigentlich Sinn demokratischer Wahlen ist), besser bei der CDU aufgehoben. Da krieg ich, vor allem mit Merz, meinen Stift aber nicht hin, auch nicht wegen ihrer außenpolitischen Positionen. Bleibt nur die FDP. (Einige Zeit lang habe ich die Piraten gewählt, aber das war ein stets verschossenes Stimmen.) Eine tatsächliche Alternative wäre DiEM25, wenn dieses Bündnis Partei denn schon wäre. – Wegen Grün und FDP haben mein Sohn und ich eine heftige Diskussion geführt, der grün gewählt hat. Es war eine g u t e Diskussion. Er hat verstanden, daß es mir darum ging und geht, mich nicht in meinen eigenen Entscheidungen eingrenzen lassen zu wollen – was die Grünen permanent versuchen, also nicht nur, lacht, bei mir, sondern allgemein. Auf jede Form administrativer Menschenführung reagiere ich mit Widerstand, egal, ob von rechts, links oder aus der Mitte. Denken Sie bitte dran, daß ich von Landauer und Mühsam herkomme. Außerdem hat, aus meiner Sicht, die FDP das entschieden größere Reifebildungspotential.
3. Putin erschießen? Haben Sie je einen von den Bushs, Clinton oder Obama erschießen lassen wollen, und, wenn ja, warum steht davon nichts in den Dschungeln? | Das ist, um’s mit Wagner zu sagen, ein andres. Bei denen, so entsetzlich sie mir teils auch sind, handelt es sich um gewählte Repräsentanten, deren Entscheidungen immer von Kongressen usw. abhängig sind. Es sind k e i n e Autokraten, geschweige Diktatoren, die allein persönlich über den Einsatz von Atomwaffen entscheiden können. Hier besteht ein ontologischer Unterschied. Putin ist persönlich eine verheerende Weltgefahr. Weder Obama noch gar die beiden furchtbaren Bushs waren das je, geschweige daß bei denen von der Drohung mit dem Einsatz atomarer Waffen die Rede gewesen wäre, wahrscheinlich nicht mal der Gedanke. Jedenfalls ist mir anderes nicht bekannt. Indessen Putin droht damit.
4. Was jetzt an Russophobie hochkommt, in der FAZ schreibt Kohler von Putin als Sauron und den Russen als Orks, erschreckt Sie das nicht? | Na, weshalb habe ich wohl derart für → diese PEN-Presseerklärung gekämpft? (…)

5. Was jetzt auf einmal möglich ist, den Rüstungsetat von 1 auf 2 Prozent des BIP zu erhöhen – das klingt so niedlich, aber das sind fast 20 Prozent des gesamten Bundeshaushalts! – und 100 Milliarden zusätzlich, mit einem Achselzucken? Dazu LNG-Terminals für Frackinns-Gas… | Völlig klar, mir schaudert’s da auch. Aber ich teile in der Hinsicht Macrons Perspektive: Es könnte – angesichts des zunehmenden Engagements der USA im Südostpazifik – ein Schritt hin auf ein stehendes Europäisches Heer sein und vielleicht eine Art NATO ohne die USA als “Führungs”macht, was mir eh seit langem stinkt. Ich will ein wirklich Vereintes Europa, zu dem aber auch die Verteidigung gehört. Die Welt ist, wie wir nun wieder wissen, kein friedlicher Ort. (Wir haben es – angesichts all der dauernden Kriege um uns herum, auch des fundamentalistischen Jihad-Islams – auch vorher gewußt, nur immer verdrängt. Was allerdings auch seine guten Seiten hatte, bloß daß Freud recht hat: Das Verdrängte kehrt immer wieder zurück und meist an Stellen, wo wir es gar nicht erwarten.)
6. Was ich noch anmerken möchte, ist der Hinweis auf Ihre Bemerkung, dass „das Reichstagsgebäude“ technisch zu irgendetwas nicht in der Lage gewesen ist… Warum diese Bezeichnung und nicht schlicht „der Bundestag“? Was bricht sich da Bahn? | Ganz einfach, weil der Bundestag eine politische Institution ist, sozusagen eine – demokratietragende – Fiktion. Das Reichstagsgebäude hingegen ist ein Objekt, keine Idee. Und technische Ausstattungen sind ebenfalls nicht Ideen, sondern Objekte.

Ihr ANH

***

Lieber ANH,

(…) „Reichstagsgebäude“ ohne „ehemaliges“ ist für mich ein sprachlicher Missgriff, genauso wie das verniedlichende „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (‚Seien Sie doch mal ein bisschen menschlich‘) statt des korrekten „Verbrechen gegen die Menschheit“.

Ihr Schelmenzunft

 

***

Lieber Schelmenzunft,

ad 1) “Verbrechen gegen die Menschheit” klingt mir zu groß-abstrakt, indes “gegen die Menschlichkeit” in unser je eigenes Inneres geht, um auch nicht zu vergessen, daß Putin und Konsorten zur Menschheit sehr wohl dazugehören, allerdings nicht zur Menschlichkeit. Von dieser – also sie in emphantischen Sinn – sind sie ausgenommen. Daher meine Formulierung.
Ad 2) “Reichstagsgebäude” ist der exakte historische Begriff und bezieht sich nicht etwa auf die Hitlerjahre., sondern sowohl auf die Zeit des Kaiserreiches als auch die der Weimarer Republik. Dieses zu ignorieren, wäre – aus welchem historisch-moralischem Grund auch immer – Geschichtsklitterei. Aber auch im, ich sage mal, Volksmund wird kurz vom “Reichstag” gesprochen, ohne daß dies eine Sympathiebekundung für rechtsnationale Bewegungen wäre. Von mir ist dergleichen nun auch wirklich nicht zu erwarten.
Doch dies beiseite. Ich muß dringend einen Text nicht nur zur zu erwartenden, sondern bereits, siehe
Kestings Artikel[1]Schelmenzunft selbst schickte → ihn mir. (der sonst so kluge Mann wird immer dümmer) in vollen Gange, aber noch Anlauf nehmenden Gesinnungsprüferei russischer Künstler schreiben. Solange sie sich nicht expressis verbis hinter Putins Vernichtungsfeldzug stellen und werblich mit ihm auf Bildern posieren, hat niemand ein Recht, von ihnen irgendwelche Stellungnahmen zu fordern. Genauso schlecht könnte man – und zwar egal aus welchen Herkunftsländern –  Intendanten, Künstler etc. zu bekennen auffordern, wie sie zur AfD oder dem ultralinken Flügel der Linken stehen. Und wie haben sie zu den völkerrechtswidrigen Attacken der, z.B., USA gestanden, und wie stehen zahllose Künstlerinnen und Künstler, besonders des Klassikbereiches, zu dem Uigurenunrecht Chinas und überhaupt zu Peking? – Wir bekommen es hier mit einer ausgesprochen unguten politischen Schnüffelei der vermeintlich Guten zu tun, die nicht nur am “Höhe”punkt in einem schließlich um sich greifenden Denunziantenwesen à la Dogenvenedig finden wird.
Currentzis’s etwa kriegt’s jetzt zunehmend ab, etwa auch dort. Da wirkt so etwas wie die böse rechtspolitische “Achse des [Un]Guten”.

Ihr ANH

References

References
1 Schelmenzunft selbst schickte → ihn mir.

Ukraine-Dialoge VII. Chat: A.Esch|ANH (1). Ein noch vor dreizehn Tagen nicht denkbares Gespräch.

Montag, 7. März 2022, 13,55

A.Esch
Habe die Pressemitteilung des PEN ebenfalls schon auf FB verlinkt.

ANH
Ich werde sie erst nach der vom → internationalen literaturfestival berlin ausgerufenen Kundgebung einstellen, wohin ich gehen werde. Meine FB-Annoncierung sollte noch so lange frei stehen. Ebenso in Der Dschungel. Na, da eh. – Kurze Nachricht von Baskakova. Sie kann mit VPN immer noch weiter, auch auf FB, kommunizieren. Ich frage jeden Morgen eigens nach.

A.Esch
Das ist gut, wenn sie via VPN noch rauskann. Wünsche eine gute Kundgebung.

ANH
Sie schreibt soeben (ich habe ihr die Presseerklärung sofort geschickt), einige ihrer engsten Freunde hätten sich verabschiedet, weil sie — in die Emigration aufzubrechen versuchen.

A.Esch
Hoffentlich gelingt es ihnen. Nawalny könnte vom Ausland auch sehr viel mehr bewirken. Er hätte nicht zurückgehen dürfen. – Lesenswert: Die-Thukydides-Falle

AMH
Lese ich gleich, muß nur erst was anderes fertigmachen. Ich wollte Dich übrigens fürs neue Arbeitsjournal bei FB markieren, ging aber leider nicht. Steht jedenfalls jetzt drin. (Bin noch etwas benommen.)

A.Esch
Wir sind vermutlich entfreundet. Ich schaue gleich mal nach. Vermutlich seit der Zeit, da Du gesperrt warst und ich nicht zu Dir verlinken konnte. Außerdem sehe ich, dass mein Konto seit gestern eingeschränkt ist. Ich hatte einen Witz gemacht, in dem das Wort ›Idioten‹ vorkam. (Bebel-Dschungel gelesen.)

ANH
(Danke.) Das mit der Einschränkung des Kontos ist bizarr.

A.Esch
Ja, Dein Bebelplatz-Bericht hat mich wieder auf Julias gestrige Frage »Was wird passieren?« zurückgeworfen und auf den Umstand, dass ich weinen musste, weil ich keine Antwort wusste bzw. nur eine, die mit dem Schlimmsten rechnet.

ANH
Ich versuche, die Tränen Sätze werden zu lassen. (Ich bin aber auch allein, also lebe allein. Mit लक्ष्मी zwar gesprochen, aber sie weint ebenfalls sofort, wird dann sauer, versucht wegzudenken, weil sie ja doch nichts tun kann. Ebenso die Elve, die nur noch fassungslos ist. Dafür jeden Tag lange Whatsapp-Videogespräche mit Christoph, Arco.)

A.Esch
Der Witz lautete: »Die meisten Männer sind Idioten. Anfangs finden die Frauen das gräßlich. Mit der Zeit gewöhnen sie sich daran.«

ANH
Was für ein harmloser Witz!

A.Esch
Tja, was soll man machen. – Ich habe einen Brief an meine Tochter geschrieben. Habe gefragt, wie es ihr mit dem Krieg usw. geht. Vor allem eingedenk des Umstandes, dass sie genau vor 36 Jahren zur Tschernobyl-Katastrophe geboren wurde und wir damals so viel Angst um sie hatten. Sie antwortet mir nicht mal darauf. Also allein, mehr oder weniger, sind wir alle.
Hab Bebelplatz in mein FB-Profil übernommen. Wird sicher wieder einige Kontakte kosten.

ANH
Ist meine Erzählung wirklich so provokant? – Jetzt höre ich endlich d o c h mal wieder Musik, zum ersten Mal seit Kriegsausbruch. Aber → Brittens War Requiem, jetzt ganz:

A.Esch
Nein, ist sie nicht. Die ganze Veranstaltung ist für mich leider so, dass ich das erwartet habe. Auch vor allem Biermann. Ich wollte auch nichts daran kritisieren. Aber es ist so: 1. Man sieht ja sehr deutlich, was für Beiträge geliket werden und welche gar nicht. Und 2. findet seit Kriegsbeginn ein ständiger Abfluss meiner Kontakte statt. Allein 13 von gestern auf heute. (Bei mir schweigt die Musik eigentlich nur, wenn ich sehr krank bin. Ich scheine also seit Monatsbeginn sehr krank zu sein.)

ANH
Auch Dich, leider, trifft so der Krieg, lieber Esch.

A.Esch
Ich würde sofort das Land verlassen, wenn ich nicht körperlich behindert wäre.

ANH
So hat auch लक्ष्मी es gesagt, also ohne die Behinderung, aber für sich und die Kinder. Sie könnten sicherlich zu लक्ष्मीs Tante und Cousine nach Agra, wo die beiden am → College lehren. Mein Sohn wird für sich selbst entscheiden und ich werde mich sehr wahrscheinlich an seiner Entscheidung ausrichten. Doch im Fall des Kriegsrechts – der junge Mann würde dann wehrpflichtig – dürfte seine Ausreise sehr schwierig werden, meine weniger. Und also bliebe ich hier. – Hätten wir vor einem Jahr gedacht, einmal ernsthaft solche Gespräche führen zu müssen?

A.Esch
Natürlich nicht. – Ich ginge nach Brasilien. Kontakte habe ich da, Portugiesisch hatte ich schon mal so weit gelernt, dass ich es wieder aufnehmen könnte. Aber ist sowieso alles Quatsch. Julia ginge niemals mit. Sie meint, sie könne das Haus nicht verlassen. Wir sind ja inzwischen Immobilienbesitzer, Eigentumswohnung plus großes Haus. Da geht sie nicht raus, alles hat der Vater gebaut, den kann sie nicht verlassen.

ANH
Lebt ihr Vater noch?

A.Esch
Ebe net. (Nein.)

ANH
Dann ist die Argumentation unklug. Im Falle eines Atomkriegs wäre das Haus sowieso verloren. Das ist den Tod nicht wert – und was für einer …

A.Esch
Klar. Zumal uns das gegenwärtig noch sehr beweglich machen würde. Wenn man das jetzt beides verkaufen würden, dann hätten wir etwa eine Millionen freies Kapital, damit könnten wir überall hin. Und ich würde das auch bedenkenlos tun, aber wenn Du nur an einer Krücke mit 10.Zentimeter-Schritten gehen kannst, dann gelten Deine Argumente nicht viel.

ANH
Es wäre dennoch zu machen, wenn auch unter Schwierigkeiten. Aber Ihr wäret zu zweit, da ist das hinzubekommen. Noch.

A.Esch
Ein zweites Mal eine Bibliothek von etwa 25.000 Bänden verlieren. Naja, ich würde es wagen. Julia keinesfalls. Habe nicht mal gültige Reisedokumente. Die müssen wir uns mal zuerst besorgen.

ANH
Dann zögert nicht, so daß Ihr’s, falls es losgehen sollte, wenigstens dann versuchen könntet. Ich werde, was meine Familie betrifft, jedenfalls drauf drängen, daß alle sich, soweit nicht schon da, die entsprechenden Pässe besorgen. (Was Indien anbelangt, wäre es auch nicht schlecht, sich schon einmal um drei Monate gültige Visa zu kümmern.)

A.Esch
Julia sagte eben, sie würde mich nach Irland bringen. Da habe ich einen Freund. Sie will aber zurück ins Haus. Wahnsinn. – Hast Du den → Kommentar von Eva-Maria Spoetta gelesen? Die ist ein Kontakt von Dir und voll auf der “Völkermord an den Russen”-Schiene.
(Schreibe gerade meinem Freund in Irland, um mal vorzufühlen.)

ANH
Ja, ich antworte gerade (Spoetta). Und: gut (Irland).

A.Esch
Mal sehen, was Arnold sagt. Schönes Haus, dreißig Meter bis zum Atlantik. Zwischen da und den Lofoten nur Wasser. — |
Oh, schon Antwort:
“Hi Esch, ja, das sind beschissene Zeiten. Irland ist ja EU-Land und Du kannst jederzeit Deinen Wohnsitz hierher verlegen. Die Wohnungen sind in Irland etwas teurer als in D. und leistbar nur auf dem Land. Zum Glück sind die Deutschen in diesem Land sehr hoch angesehen und geachtet. Die Lebensmittel sind im Preis vergleichbar mit Germany – nur der Alkohol ist sehr teuer!!! Gruß Arnold”
Übrigens sind wir nicht die Einzigen, die solche Fluchtfantasien haben. Eine chilenische Freundin, die hier lebt, schrieb gerade meiner Frau: “Wenn es so weit kommt, dass wir wegmüssen, dann holen wir Euch ab und fahren in einer ersten Etappe nach Avignon (dort lebt ihr Vater) und von dort aus nach Santiago. Das Haus ist sehr groß, dort können wir alle leben.” Es rührt mich total, obwohl es so schrecklich ist.

ANH
Ein noch vor kurzem undenkbares Gespräch.

Ukraine-Dialoge V: Brief – und nunmehr Offener – an Deniz Yücel, den Präsidenten des deutschen PENs.

[Als ersten Nachtrag → zu gestern.]

Lieber Deniz,

bin grad dauernd, auch und gerade in Der Dschungel, mit dem Ukrainekrieg beschäftigt, wie Du ganz sicher auch. Dabei → korrespondiere ich mit meiner russischen Übersetzerin → Tatjana Baskakova; die vorgestern ihre Befürchtung zum Ausdruck brachte, sie wie ihre russischen Kolleginnen und Kollegen sowie die russischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller insgesamt würden für Putins und seiner Oligarchenkumpane Invasion mit in Sippen- und Schuldhaft kommen. Ich selbst und einige Kommentatoren redeten ihr das aus. Erfolgreich hofften wir.
Gestern dann kam das Chaos. Anstatt jetzt hier nochmal alles durchzukauen, schicke ich → den Link.

Es kann nicht angehen, daß pauschal russische Künstlerinnen und Künstler, die sich gegen den Krieg unter hoher Gefahr teils öffentlich wenden – wie Baskakova jetzt eben auch -, dafür mit Isolation, Ausladungen und anderem, was sogar ihre Existenz bedrohen kann, bestraft werden dürfen. Es ist, finde ich, die Aufgabe auch des deutschen PENs, da zu intervenieren. Worum ich Dich, als deutschen PEN-Präsidenten, hiermit sehr bitte.

Von Herzen und grad permanent in Anspannung (so daß Du es sogar durchs Internet schlagen bis zu Dir wirst hören können),

Dein Alban

Gäbe es Gott, schriebe ich jetzt, daß er die Ukraine schützen möge. Geht leider nicht. Aber die Göttinnen, d i e können es. Da es sie gibt.

_________________
Berlin, den 2. März 2022
19.37 Uhr

***

_______________________________________________
[Abends noch und dann nachts kamen erste Antworten herein,
die ich aber zurückhalten möchte, bis definitiv ein Ergebnis vorliegt.
Insofern ist dieser Ukraine-‘Dialog’ noch ein bißchen einseitig – in-
des, vorübergehend.

ANH, 3. März, 8.10 Uhr]

[D i e → a u c h?]

Ukraine-Dialoge III: Email Tatjana Baskakova/ANH (Übersetzerin und Autor 1)

[Siehe auch → Offener Brief an den Präsi-
denten des deutschen PENs
, Deniz Yücel]

[Zu Tatiana Baskakova:
Татьяна Баскакова
Facebook]

 

 

An Tatjana Baskakova, 1. März 2022, 11.32 Uhr

Liebe Tania,
eben habe ich für Sie ein Bücherpaket zusammengestellt, da erfahre ich, daß zu den Sanktionen wegen der Ukraine-Invasion seit heute auch gehört, daß die Post >>>> keine Sendungen mehr nach Rußland annimmt, bzw. überhaupt verschickt. Nun trifft es auch die Zivilen. Ich habe solch eine Angst, wie muß es da erst Ihnen ergehen? Quasi Tag und Nacht denke und denke ich und schreibe über gar nichts anderes mehr.
Ich denke an Sie und die Ihren.
A.

Татьяна Баскакова, 12.15 вечера

Lieber Albano,
danke! Wir mussen warten, es bleibt nichts anderes.
Es ist sehr schlimm, dass jetzt alle Verbindungen zwischen den Menschen kaputt gemacht werden. Was wir machen koennen — diese private Beziehungen trotz allem zu behalten. Jetzt sind alle Russen in der Situation, die Sie so gut aus eigener Erfahrung kennen: alle sind – vermeintlich – a priori schuldig. Ich bin nicht bereit das zu akzeptieren.
Aber: Ihre Briefe, Ihr Buechergeschenk, sogar das nicht abgeschickte, Ihre Werke ueberhaupt sind eine Unterstuetzung fuer mich.
Sehr herzlich, Ihre Tania

An Tatjana Baskakova, 12.24 Uhr

Es ist doch auch in gar keiner Weise wahr. Die Russinnen und Russen sind zu großem Teil absolut unschuldig, und viele wehren sich sogar – und heftig – gegen diesen Krieg, und zwar unter Inkaufnahme großer Risiken, möglicherweise auch in Lebensgefahr. Das sehe ich hier genau und sehen auch die meisten Menschen und Regierungen Europas so. W a s mich aufregt, ist hier die Begeisterung, auch und gerade in den Zeitungen, über die neue Aufrüstung der deutschen Bundeswehr, und wie plötzlich fast gejubelt wird, weil die, die den Frieden wollten, “gescheitert” seien. Daß wir gegen Regierungen wie Putins wehrhaft sein und unbedingt der Ukraine, ja, auch Waffenhilfe leisten müssen, steht auf einem anderen Blatt, ist aber eher ein Grund zu riesiger Trauer als zu Jubel.
Und wir werden uns nicht trennen lassen, das kann ich mit Gewißheit sagen; wir werden unsere Kontakte halten und pflegen und sie wahrscheinlich für noch wertvoller erachten als ohnedies schon. Zudem ist, liebe Tania, Rußland zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch Europa und Europa ohne Rußland kulturell gar nicht zu denken, von Tschaikowski bis Schnittke und Gubaidulina, Tolstoj, Dostojewski über Nabokov bis Sorokin, Malewitsch bis … – Hunderte Namen und Menschen. Kulturell sind wir alle, alle verwoben.
Ich denke, ich darf das im Namen der europäischen Intellektuellen sagen, daß wir genau wissen, die Machtclique um Putin will zwar auch die ukrainischen Menschen unterdrücken, nämlich jetzt durch diesen widerlichen Krieg, aber er unterdrückt auch das russische Volk, und zwar schon lange, lange, lange. Daß er ein Menschenschlächter größten Stils ist, wissen wir spätestens seit Tschetschenien. Und so stehe ich selbstverständlich an Ihrer und der Ihren Seite. Bitte grüßen Sie, wo Sie können, von mir.
A.

P.S.:
Ich würde – wie ich es grad laufend mit den >>>> “Ukraine-Dialogen” mache – gern diesen Briefwechsel in Die Dschungel stellen. Wäre Ihnen das recht? Oder gerieten Sie dadurch in Gefahr? (Ich könnte es auch anonymisiert tun). Geben Sie bitte kurz Bescheid.

Татьяна Баскакова, 12.54 вечера

ja, publizieren Sie das, und wenn schon, dann, bitte, mit meinem Vor- und Nachnamen. Ich sehe jetzt in Facebook, diese «Schuld»-Frage ist sehr schwierig fuer viele Russen.
Vielleicht dann (falls Sie nichts dagegen haben) publiziere auch ich diesen Text, auf Russisch.

An Tatjana Baskakova, 13.41 Uhr

Das merke ich gerade, wie wichtig es für die Ihren ist. Bitte machen Sie sich alle klar, daß Sie n i c h t von  dem Balkon eines Nobelhotels herab auf einem großen Platz gefragt worden sind: “Wollt ihr den totalen Krieg?” und nicht einmal untotal “Wollt ihr den Krieg?” – und daß da schon gar niemand die Hand ausgestreckt und irre vor Machtrausch gebrüllt hat, nämlich unisono alle: “Jaaaaaaa!”

Das ist der Unterschied.

Es ist ein dimensionaler, existentieller, ja ontologischer. Die Deutschen, während des Krieges und danach, hatten allen Grund, sich schuldig zu fühlen. Sie waren es durchweg, außer denen, die Widerstand leisteten und in der Regel ins Lager kamen, um meistens darin umzukommen. Die Russinnen und Russin jetzt sind es nicht – außer den wenigen, die das Morden mitbetreiben. Nicht einmal die einberufenen Soldaten sind es – wobei ich meinerseits mich nicht einsetzen l i e ß e, sondern verweigerte oder desertierte. Aber das ist wohlfeil gesagt, ich fühle nur so, aber weiß es nicht, weiß lediglich, daß ich Befehle fast prinzipiell nicht befolge. (Übrigens war das der tatsächliche Grund, weshalb ich den Wehrdienst – damals gab es ihn noch als Pflicht und wird es wahrscheinlich nun bald wieder geben) – verweigert habe, und nicht, weil ich Pazifist war oder bin. Für einen wirklichen Pazifisten bin ich nicht naiv genug.)

Und deutlich noch einmal: Die russische Bevölkerung hat keine Schuld an dem Krieg – bis auf ganz wenige, die an ihm verdienen; aber die andern alle müssen ihn auch noch bezahlen, teils sogar mit dem Leben, einige mit Haft, vielleicht Verschleppung, alle aber bitter mit Not. Schuld tragen, und zwar genauso wie Putin, – neben einer durchaus auch Mitschuld des Westens – allein noch Oligarchen – und die, wegen der sie schmerzenden Sanktionen, fangen grade an, sich zu drehen, langsam aber und einer nach dem andren. Wenn Putin da nicht aufpaßt, erwischt es ihn von – ich meine das im Wortsinn – hinten. Denn diese Leute haben Macht.

Ihr Albano

***

[Siehe auch → Offener Brief an den Präsi-
denten des deutschen PENs
, Deniz Yücel]

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