“Ein bißchen schaurig ist das s c h o n.” Das Gänsehautjournal des Sonntags, den 27. November 2022.

[Medikamentenversuch Pregabalin → Fünfter Tag]

 

[Arbeitswohnung, 11.44 Uhr
France Musique Classique plus:
Richard Strauss, Letzte Lieder (Jessey Norman)]
Gestern mit dem achtundzwanzigsten Triestbrief tatsächlich fertig geworden und dabei sogar, nach → diesem vermeintlichen Ende einen guten Übergang für den neunundzwanzigsten, also letzten Brief des Romanes hinbekommen. Sehr erleichternd. Also werde ich heute damit zu tun haben, den Brief korrekturzulesen, vielleicht auch noch die eine und/oder andere Änderung, bzw. Schärfung der Szenen einzufügen und ihn dann für den Typoskriptband auszudrucken und drin abzuheften. Daß ich bereits dazu kommen werde, den neunundzwanzigsten Brief zu beginnen, glaube ich hingegen nicht, schon weil ich, da wir solch ein sonniges Wetter haben, gerne einen ausgebigen Spaziergang machen möchte. Womit ich nicht lange warten sollte. Es wird doch in dieser Jahreszeit stets so übel schnell dunkel, und ich brauche Licht.

Außerdem an einer nächsten Ergänzung der zweiten Tattooerweiterung gefriemelt, erst mit Filzer, dann, weil der nicht hielt, mit schwarzem Nagellack – was beides aber viel zu dicke Striche ergibt. Denken Sie sich sie feiner, sehr viel feiner, liebste Freundin, so, wie die Realisierung am Hals. Jedenfalls sagte gestern abend auf Broßmanns wunderbarem Fest jemand mir übrigens ausgesprochen Sympathisches, schon, weil er einerseits hochintelligent nicht nur wirkte, andererseits aber selbst sehr hell – und sportlich-elegant dazu, mit berückendem Lachen: “Das ist aber nun ein Statement!” Zu sehen war selbstverständlich nicht das Tattoo insgesamt, sondern nur mein auf die Oberseite der rechten Hand mit zumal linkisch mit links aufgetragener Entwurfsversuch.
Tatsächlich emfand ich für Tattos Hände stets als Tabu. Doch war mir schleichend klargeworden, daß ich auch dieses würde brechen müssen, wenn ich es denn mit der Selbstermächtigung über meine Versehrung ernstmeinen wolle. Zumal auch dies wieder in den Triestroman hineinspielt und möglicherweise in ihm selbst noch Thema werden wird, ganz sicher aber in meiner nun fest eingeplanten Yōsei/Horu-Shi-Novelle. Ein kleiner Ärger allerdings, daß es keine wasserfesten Hautfarben gibt, die sich mit einem Stift auftragen lassen und zumindest die Haltbarkeit von Henna haben. Sonst würde ich erst einmal damit operieren und schauen, wie ich in, sagen wir, einzwei Monaten zu diesem Wechsel meines Geschmacksempfindens stehe. Aber so nehme ich das Risiko halt an, hat auch was von einem Rausch, der allerdings dem einer Selbstüberhebung eher gleicht als nur jener der -ermächtigung. Was ich mit ausgesprochenem Interesse, sozusagen gehobener Augenbraue, beobachte. Doch ist ja auch dieser Komplex stets in meiner Dichtung zugegen. Die sowas von “neben der Zeit” liegt! Nicht “gegen” sie, nein, nur neben, im Wortsinn, ein ganz eigener paralleler Zeitverlaufsstrang, von dem ich freilich weiß, daß er nicht ohne Wurzeln, sondern Fortführung vorheriger simultaner Nebenstränge der poetischen Ästhtik ist, die es – neben – ebenfalls waren. Erzählt indes, in den Feuilletons, wird fast immer nur der Hauptstrang (“Mainstream”); anscheinend Abseitiges – das später einmal, wie Kafka und Kleist, das zentrale “Narrativ” der Literaturgeschichtsschreibung zur Ästhetik werden könnte – wird umso seltener auch nur besprochen, desto querer (nicht “queerer”!) es zur allgemeinen Gutmeinung steht. Insofern muß es mich, auch wenn es mich sehr wurmt, nicht wundern, daß etwa die Béarts in den “offiziellen” Feuilletons nicht vorkommen, abgesehen von → Carsten Ottes SWR-Besprechung selbstverständlich. Dabei w e i ß ich von Rezensionen, die schon geschrieben und längst abgegeben worden sind, die aber ganz offenbar von den Reaktionschefs und -innen zurückgehalten werden. Es zeigt dies die journalistische unterdessen nicht nur noch “Tendenz”, nicht bloß tendenziös zu schreiben, sondern auch bewußt zu verschweigen, und wiederum mit anderem, das die Zustimmung eines vorgestellten Publikums zu garantieren scheint, also mit schlichtweg der Masse zu laufen, selbst wenn sie gar keine ist, sondern nur aus einigen wenigen besteht, aber aus lauten, sozusagen “moralischen” Schreihälsen, die die Meinungshoheit okkupierten. So daß es nicht einmal mehr theoretisch um Objektivität, sondern darum geht, sich den Mehrheiten, der “Quote”, anzudienern. Na gut, solln sie. Ich weiß, an was ich arbeite, und weiß auch, warum. Auf jeden Fall bleibe ich frei von grobem ideologischen Unfug. Mitunter komme ich mir wie ein Warner unter all den Intellektuellen vorm Ersten Weltkrieg vor (auch Thomas Mann war dabei), die sich jubelnd darum drängelten, MItmorden und Mitgemordetwerden zu dürfen. Ein bißchen schaurig ist es s c h o n, daß sich offenbar so gar nichts in den Psychodynamiken ändert.

Ihr, Begehrte,
ANH

[France Musique Contemporaine:
Jana Kmitova, Gesichtsstudien für Orchester (2017)]

Ach so, falls Sie noch ein so ausgefallenes wie edles Weihnachtsgeschenkt brauchen: Diaphanes’ Sonderausgaben des Béart-Gedichtzyklus ist jetzt erhältlich. Näheres → dort.

Werner Osts gedacht. Am Freitag, den 25. November 2022, statt eines Arbeitsjournales geschrieben.

Werner Ost, verstorben vor zwei Tagen in Frankfurt am Main.


Ich sah ihn zuletzt schwer erkrankt auf der → Buchmessenpräsentation der edition Faust im Papageno, Frankfurt am Main. Einen wirklich persönlichen Kontakt hatten wir nie, sahen uns zwar zuweilen, doch zu einem intensiven Austausch von Ideen, Haltungen, Poetiken kam es nicht. Doch dies beiseite. Denn schon, als er noch die edle Zeitschrift BÜCHNER herausgab, nahm er kleinere Arbeiten von mir darin mit auf.

Meine besondere Hochachtung aber galt ihm als dem, mit seiner Gefährtin Ulla Bayerl, hochklugen Gründer und Herausgeber des – unterdessen wahrscheinlich das bedeutendste des deuschen Sprachraums – enorm qualitativen Online-Kultur&Kunstmagazins Faust Kultur, dessen, um ein Modewort zu verwenden, das seinerzeit noch nicht in dem banalen Schwang war, Diversität alles in den Schatten stellt, was dergleichen sonst im Internet sich finden läßt. Heute kann es aufs leichteste mit den gedruckten Feuilletons von FAZ bis ZEIT nicht nur konkurrieren, sondern überflügelt sie. Was auch damit zusammenhängt, daß Werner Ost offenbar seiner Plattform den Generationenwechsel mindestens insofern zunutze gemacht hat, als er bedeutende Denkerinnen und Denker auch der älteren Generationen um sich versammelt hat und ihnen ein Podium gab, das ihnen die Zeitläuft’ hatten entzogen. So klingen deren Stimmen weiterhin und sorgen auch für eine, im guten Sinn, konservative Kontinuität, anstelle hinter jedem ausgepupsten Hype sofort einherzuhecheln, um ihn dann auch noch einzuatmen.

Auch davor, daß Ost es eben nicht tat — nie mittat —, verbeuge ich mich.

ANH
25. November 2022

Yōseis Tätowierkunst im Arbeitsjournal des Dienstags, den 21. November 2022, worin die Triskele | radikal zum Rhizom geworden und damit — literarisch a u c h.

[Arbeitswohnung, 6.43 Uhr
Erste Morgenpfeife, Latte macchiato
Kaija Saariaho, Nymphea]
Es gibt Komponistinnen und Komponisten, die ihre musikalischen Themen vollendet melodisch schon haben, bevor sie ihre Verarbeitung, die “Arbeit am Material” (Adorno), beginnen, und solche, die sie während dieser Arbeit erst finden. Ich hörte viel Rautavaara, nun die von mir fast geliebte Saariaho; er gehört in die erste, nun jà, “Kategorie”, sie gewiß in die zweite. Ganz wie ich selbst, der ich, wenn ich ein Buch beginne, zwar eine Idee verfolge, nie aber wirklich weiß, wohin sie mich führt. Dieses ergibt sich erst aus dem Schreibprozeß. Wie abermals n u n, da die zweite Erweiterung meines → Bioport-Tattoos gestern abgeschlossen wurde. Es hat jetzt, wie ich Phyllis Kiehl in Whatsapp schrieb, genau dies Organische, das mir vorgeschwebt war, als ich das Abenteuer ohne schon zu ahnen anfing, das es zugleich ein literarisches würde, und zwar sogar doppelt gebunden.
Vielleicht wäre aber absehbar gewesen, daß ich dieses Erleben in einen poetischen Text einbinden würde, in w e l c h e n, aber sicher nicht. Ich hatte ja bloß die Idee, daß eines Morgens auf Yōseis Rücken ein Symbol erscheint — es sollte anfangs → ein Drache, Ryū, sein, was ich indes, weil es Klischee gewesen wäre, sehr schnell verwarf —, von dem sie selbst gar nichts spürt; dort hinten sieht sie es freilich auch nicht. Aber ihr neuer Freund, beim gemeinsamen Aufwachen, bemerkt es, übrigens nicht auf dem Rücken, sondern inmitten ihres schmalen Nackens.

Ich mag nicht, wie mein Sohn es ausdrücken würde, “spoilern”; doch es ist ein Tattoo. Nur daß sie das Symbol, eine wie bei mir linksläufige Triskele, niemals hat stechen lassen. Und etwas geschieht mit ihm, weil das Ding nämlich lebt. Was in den Griff bekommen werden muß. Imgrunde mein Thema: Wie ermächtige ich mich dessen, was mir geschieht, und drehe also ein Geschehen, dem gegenüber ich eigentlich hilflos bin, weil ich objektiv keinen Einfluß auf es habe, so herum, daß es mein eigener Wille gestaltet. Hier sehe ich stets den künstlerischen Prozeß. So wird denn Yōsei eine Tätowiererin werden, und zwar eine meisterliche und daher radikale Künstlerin ihres Fachs. Auch dies dann wieder aus dem Leben genommen; wenn ich sie, Yōsei, bei der Arbeit beschreibe, beschreibe ich, was ich an → Elena beobachten darf.
Die zweite Bindung des thematischen Motivs ergibt sich daraus, → daß ich neulich begriff, eigentlich gehöre der Prozeß, mich, eben von dem Bioport ausgehend, tätowieren zu lassen, in das → Krebstagebuch, allerdings in seine Fortsetzung nach der noch nicht geschriebenen Klimax, für die ich erst nach Aqaba muß, um den “Spielort” der “Enteinigung”, also der OP, zu finden. Für die Reise dorthin fehlt mir noch das Geld (allerdings die Flüge dorthin → sind erschwinglich); ein guter symbolischer Zeitpunkt wäre im Februar mein Geburtstag. Nur hält mich noch mein, sagen wir, Aberglaube davon ab, mich zu verhalten, wie ich es eigentlich täte – mit dem vitalistischen Schlachtruf “Sei’s drum!” Vielleicht nämlich sollte ich warten, bis medizinisch objektiv gesagt werden kann, daß ich “geheilt” sei, bis also nach dem fünften Jahr. (Meine nächste Kontrolluntersuchung findet am 6. Dezember statt). – Wie aber nun auch immer, läßt sich dieses Tattoo-Projekt auch als eine Verbeugung vor → Liligeia verstehen, die ich als – bislang – Unterlegene e h r e. MIr ist das wichtig. Hatte ich aber s i e schon, also den Krebs, in mein literarisches Werk integriert — selbst unvollendet, gehört das Krebstagebuch bereits, wenn auch nur in Der Dschungel publiziert, zu meiner Literatur[1]Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben. —, so nun auch den, den sie “befiel”, – meinen Körper. Es ist dies eine unabdingbare Logik meiner Poetik. Was nämlich die Realitätskraft der Fiktionen anbelangt, bekommt das gesamte Unternehmen mit einem Mal sogar fiskalische Valenz, indem ich die Kosten des Tattoos von der Steuer werde absetzen können. Diese Volte ist eben nicht nur ein Schelmenstreich (ein bißchen freilich auch), sondern vor allem eine nächste Nagelprobe auf die Wirklichkeitsvalenz von Dichtung, und nicht nur der meinen. Die von mir längst nicht mehr nur projektierte Ästhetische Theorie ist, soweit nicht Praxis, durchaus normativen Charakters – allerdings im Bezug auf ihre historische Zeit. Spätere Entwicklungen der Künste (und also der Gesellschaften sowie der Naturen[2]Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich … Continue reading, in die sie eingebettet sind) werden sie relativieren.
Wiederum aber die rhizomatische Form des Tattos entspricht sogar insgesamt den auch anderweitig immer wieder attestierten prozessualen Strukturen meiner insbesondere Romane, die ich somit fortsetze auf Haut.

*** (Unterbrochen, um zu duschen usw.) ***
 

[Sophia Gubaidulina, София Асгатовна (Sonnengesang)]
Gestern kam die endgültige Zusage zur Graphik Novel; tatsächlich → der Zilts wird es werden. Nur über den Vorschuß ist noch zu verhandeln. Woran ich eigentlich gedacht hatte, was ich mir gewünscht hatte, wird wahrscheinlich zu erreichen nicht sein. Aber vielleicht doch noch genug, um mir einzwei Monate durchzufinanzieren.  Es wird doch einige Arbeit zu leisten sein, um die lange Erzählung auf Pavlenkos zeichnerische Bedürfnisse auszurichten. Gut, liebste Freundin,wir werden sehen. Mich drängt es erst einmal in die Briefe nach Triest zurück. Sie stehen ja ziemlich kurz vor dem Abschluß ihrer ersten Fassung. den ich sehr, sehr gerne noch im Dezember sehen möchte. Es wäre ein feiner Beginn für 2023. Das meiste dann wird nur noch konzentrierte Fleißarbeit sein; vor allem wird gestrichen werden müssen, aber klug. Manches, was in der Ersten Fasung jetzt steht [3]Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand., kann so nicht mehr bleiben; viel zu viele Angaben sind ungenau oder sogar unmöglich. Doch um das zu beheben, braucht es fast durchweg nur kleine Verrückungen; und einiges kann oder muß sogar ganz weg. Die Geschichte hat sich – siehe oben – geschrieben, jetzt ist die Fassung anzugleichen.

Ach so! Gestern sehr spät am Abend der plötzliche Impuls, wieder mit dem Sport anzufangen. Er hängt wohl mit meinem begonnenen alkoholfreien Monat zusammen. Wirklich wieder riesige Lust … nein, nicht zu joggen, meine 15-km-Läufe “kosten” zu viele Kalorien, die krieg ich in den Körper nicht rein. Aber neu mit leichtem Krafttraining zu beginnen, erstmal an den Slings. Zu Anfang nicht mehr als jeden Tag eine halbe Stunde, danach dann weitersehen. “Sicherheitshalber” schaute ich aber im Netz wegen des Tattoos nach. Also, ich soll noch bis zur Abheilung warten. Gut, dann hoffe ich mal, daß der Impuls bis dahin so lockend mir erhalten bleibt. Aber mir gefiel einfach nicht, daß unter dem Bizeps die Haut hängt, was mir auf Foto mit der Tattooergänzung aufiel. Wie mein, nun gut, “verkaterter” Zustand des Wochenendes war auch dies ein mir von meinem Körper, den ich achte, als “Jetzt paß aber endlich mal auf, versammt!” zugefunktes Signal. Und wie immer, wenn er mir etwas sagt, höre ich darauf. Nicht bei den Menschen, nur bei meinem Körper.

Ihr, Allerverehrteste, wie immer
ANH

References

References
1 Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben.
2 Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich auch subjektiv ändern, ist momentan ausgesprochen gut an mir selbst zu beobachten, der doch über Jahrzehnte ein Gegner von Tattoos gewesen.
3 Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand.

Hinreißende Darstellung dessen, was meine Prosadichtung versucht: André Vollmer, Kiel 2016.

Im Netz gefunden:

Frei herunterladbar → d o r t . [Dazu, offenbar eine Vorarbeit, → dieses in der Gestalt einer da noch – was sich der Wissenschaftler untersagt – wertenden Rezension aus demselben Jahr.]

***

Im vollen Bewusstsein ihrer prinzipiellen Unvermittelbarkeit: Ackroyd, Murakami, Herbst. Bei Judith Leiß.

Wenn man jene Maßstäbe anlegt, die sich aus der Kenntnis traditioneller Utopien ableiten lassen, lesen sich heterotopische Romane wie Peter Ackroyds The Plato Papers, Alban Nikolai Herbsts Thetis. Anderswelt oder Murakami Harukis Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt eher wie eine verspielte, apolitische Parodie auf die Konventionen des utopischen Romans denn als Beitrag zu gesellschaftlich relevanten Fragestellungen. Es läge dann nahe, die Heterotopie als ein Genre zu betrachten, das nurmehr den utopischen Roman zum Gegenstand hat, nicht aber die Frage nach der guten Gesellschaft. Befragt man besagte Werke jedoch auf ihre strukturellen Eigenschaften und deren utopische Funktion, gelangt man zu dem Ergebnis, dass es sich hier keineswegs um bloße MetaUtopien ohne gesellschaftskritisches Potential handelt. Denn indem die Gegenüberstellung zweier sozialer Ordnungen in Heterotopien als Widerstreit realisiert wird, lenken sie die Aufmerksamkeit von der Frage nach der ›guten‹, also gerechten Gesellschaft hin zur Frage nach den Möglichkeitsbedingungen von Gerechtigkeit. Die LeserInnen heterotopischer Romane können die Erfahrung machen, dass der Konflikt zwischen W1 und W2 angesichts der grundlegenden Ungleichartigkeit der beiden Welten ein gerechtes, universal gültiges Werturteil unmöglich macht. Diese Erfahrung wiederum kann zu der Erkenntnis führen, daß keine inhaltlich definierte Gesellschaftsordnung für alle Mitglieder einer Gesellschaft zugleich ideal sein kann. Entsprechend disponierte LeserInnen können durch die Lektüre von Heterotopien zu dem Schluss kommen, dass somit jeder Gesellschaftsentwurf, der absolute Gerechtigkeit verspricht, angesichts des unvermeidlichen Widerstreits der Interessen und Weltanschauungen scheitern muss. Heterotopien beantworten die alte Frage nach der guten Gesellschaft also gerade dadurch, dass sie die implizite oder explizite Bestimmung eines inhaltlich definierten Gesellschaftsideals ostentativ verweigern. Durch diese Verweigerung postulieren sie eine lediglich formal bestimmbare gesellschaftliche Vision – nämlich die Vision einer radikalpluralistischen Gesellschaft, in welcher Konflikte zwischen inkommensurablen Positionen nicht gewaltsam aufgelöst werden, sondern, ganz wie es Lyotard in Der Widerstreit fordert, im vollen Bewusstsein ihrer prinzipiellen Unvermittelbarkeit ausgehalten werden.
In: → MÖGLICHKEITSDENKEN. Utopie und Dystopie in der Gegenwart,
hrsg.v. Wilhelm Vosskamp, Günter Blamberger u. Martin Roussel, München 2013

Das Triskelentattoo ODER Zur Körpergestaltung als poetisch-fiktionalem Akt der Selbstermächtigung. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 5., und Sonntag, den 6. November 2022.

[Arbeitswohnung, 9.51 Uhr
Brötzmann, Gana, Drake: The Catch of a Ghost (live, 4.11.22)]
Von früh auf hatte ich ein Problem mit “der”, also meiner, Identität; es begann schon als Kind in einer Familie, deren einer Teil mich, was ich nicht mochte, “Axel”, deren anderer “Alexander” mich nannte, was Jugendfreunde lange beibehielten, auch als ich längst schon “Alban” und der Alexander mir völlig fremd geworden war. Diese Umbenennung in “Alban Nikolai Herbst” spielt indessen eine ganz besondere Rolle, und zwar gerade, weil nicht nur mein Nachname “betroffen” war[1]Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.; im übrigen wurde der Künstlername, nachdem im Paß eingetragen, zum Umgangsnamen in meiner gesamten Lebenswelt. Die Geschichte und Notwendigkeit, aus der sich die Umbenennung begab, sind bekannt; seit der “Verwirrung” läuft der Identitätswechsel als die Geschichte eines falschen Passes durch die Romane[2]In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der … Continue reading und bemächtigt sich – literarisch – erst nach 2003 mit “Meere” auch des Geburtsnamens wieder – faktisch allerdings mit der Geburt meines Sohnes im Ende Januar 2000. Ein Künstlername läßt sich familiär ja auch dann nicht weitergeben, wenn man jahrezehntelang sämtliche Verträge mit ihm unterzeichnet hat und so auch vom Finanzamt geführt wird. Ein paar Jahre lang hatte ich sogar zwei Steuernummern, bis ich – ebenfalls erst nach Geburt meines Sohnes – diesen Umstand aufdeckte und seitdem, indem die Nummern zusammengelegt wurden, meine Bescheide auf beide Namen zugleich, nämlich auf je demselben Bescheidformular, ausgestellt werden. Was ich Ihnen, liebste Freundin, damit nur deutlich machen möchte, ist, daß mein Verhältnis zu mir selbst nie ein “einfach empfundenes”, sondern immer das zu einer Figur gewesen ist, einer, naheliegenderweise, literarischen. Genau deshalb begann ich, meine Erzählungen mit etwas anzureichern, was um einiges später dann “Autorfiktion” genannt worden und heutzutage ziemlich en vogue ist, ohne daß nun meine Arbeiten in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung fänden; die Leute sind halt Sozialdemokraten. Im Literaturbetrieb kam es damals als Manierismus an und wurde, war mein Eindruck stets, als eine meiner Überspanntheiten wahrgenommen und keineswegs als das existentielle Projekt, als das es sich notgedrungenermaßen vorantrieb. Die in meinen Büchern auftauchenden “Alban Herbst”s, aber auch Kalkreuths sind, so gesehen, zwar nicht mit mir identisch, zu einem Teil aber doch – der indes sich fast immer anders verhält, als ich selbst es tat und tut. Benjamin Stein, in seinem Aufsatz für text+kritik, stellt das sehr angemessen dar. Wobei aber auch das |“Ich”-selbst-als-Figur| auf |“mich”-als-(Alltags)Realität| wie auf eine Figur schaut. Mein Verhältnis zu mir ist mithin das gleichberechtigter Spiegelbilder, die aber je verzerrt sind. Um eine eineindeutig gefühlte Identität zu haben, muß Ich – jedes dieser Ichs – sich erschaffen. Es ist ein künstlerischer Prozeß — so, wie der gesamte Beitrag-selbst, den Sie, Freundin, hier lesen, ein wenn auch nur kleiner Abschnitt eines Romans ist. Daher auch vor Jahren meine, bei der Mama meines Sohnes große Empörung auslösende Erklärung, auch mein Sohn sei Teil meines literarischen Werks. Und er ist es, nämlich insofern sein Leben nicht nur die Gestaltung der Figur Alban Nikolai Herbst wesentlich mitbestimmt, sondern umgekehrt erst die Wiederhereinname Alexander v. Ribbentrops – und beide jedenfalls zeitweise aufeinanderlegen zu können – bewirkt hat. Selbst die unbedingte Kraft meines Vatertums speist sich aus der Abwesenheit des eigenen Vaters, nimmt sie quasi an sich selbst zu Gegenwart zurück; dieser mein Vater mußte aber ebenfalls, da er lange abwesend war, sich vorgestellt – also selbst er eine literarische Figur werden. Die eigentlich eher ernüchternde “wirkliche” Begegnung mit ihm, als ich siebzehn war[3]Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war., vermochte die Figur nicht zu löschen, sondern hat die Fiktion später sogar noch verstärkt; kurz, der in meinen Texten gestaltete “innere Vater” ist in mir nach wie vor stärker präsent als der objektiv-real gewesene, der, um es anders auszudrücken, mögliche Vater. Ein leider schrecklich ausgehendes Jahr lang lebten wir zusammen in seinem Bramstedter Riedhaus, danach sahen wir uns nur noch sporadisch und bald so gut wie gar nicht mehr. Nach seinem Tod allerdings wurde er mir auf eine fast dingliche Weise präsent, wie er es nicht einmal in unserem gemeinsamen Jahr gewesen war. Da hatte das Kind noch den Beschützer und das Vorbild gesucht; in unseren wenigen späteren Begegnungen hatte ich selbst die Beschützerrolle eingenommen, war selber Vater, lange bevor ich es wirklich wurde, geworden.

Wer unter solch prekären Identitätsbedingungen lebt, kommt also nicht umhin, seine Identitäten selbst herzustellen, d.h. sich zu einer literarischen Figur zu formen, auf die sich (selbst)nachweisbar zeigen läßt; es ist dies, glaube ich, weniger Narzissmus als gerade Antinarzissmus, auch wenn es ohne Egomanie (und einige innere Widersprüche) nie ganz abgeht, Doch das Ich ist die Basis unseres Handelns; dieses, nicht, wie wir fühlen, ist auf es angewiesen, sofern wir denkend handeln und nicht nur impulsiv. Nur aber selbstdenkendes, eigenentschiedenes Handeln kann ein moralisches sein, weil jedes andere determiniert ist. Und moralische, im weiteren Sinn ethische Fragen trieben mich schon sehr früh schon. Was Wunder, bei meiner Familiengeschichte![4]



Wobei ich ein sicheres Ich immer nur fühlte, hörte ich Musik; in ihr legten und legen sich bis heute meine teils zerrissenen Identitäten widerspruchsfrei ineinander; erst in ihr werde ich Eins, indes in der Literatur ihre Uneinigkeit der Motor ist, zusammen mit den moralischen Fragen, deren mögliche Antworten ich allerdings deshalb bewußt ausspare[5]So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt., weil nie sicher ist, welches meiner Ichs die Antworten gibt.

Doch ich brauche, um überhaupt handeln zu können (was auch bedeutet: Positionen einzunehmen), eine Form. Früh war es die der Abgrenzung; schon mit fünfzehn trug ich Anzug und Krawatte, 1970 also, als meine Generation Anzug und Krawatte ablegte (Studentinnen und Studenten hatten einander zuvor noch gesiezt); ich wollte nicht nur nicht, sondern konnte es mir seelisch nicht leisten, Teil des Stromes zu werden, der heute “Mainstream” genannt wird und längst etwas anderes meint, als von den jungen Leuten damals eingefordert wurde. Doch ich spürte bereits, worauf es hinauslaufen würde. Und grenzte mich halt ab. Mein Körper wurde Distinktionsmerkmal, erst einmal nur durch die Kleidung, später auch der Leib-selber qua Formung durch Sport. Mithin ist dieses sich mit Augenschein legitimierende, also – extrem wichtig, weil es Handlungsfähigkeit definiert – sich nun zeigen könnende Ich durch und durch Kunst.

Nun war ich, so sehr mein Geist in strudligen Wirbeln, körperlich jahrzehntelang privilegiert; obwohl ich ziemlich unmäßig lebte, schlemmend, können Sie sagen, blieb meine Physis völlig intakt. Also begann ich, diesen Körper auch bewußt zu, wie es in Bodybuilderkreisen heißt, “definieren”, möglichst alle Muskel und ihr Zusammenspiel auch bewußt zu formen, und zwar zunehmend konturiert – nicht, sie aufzublasen, sondern so, daß die Bewegungsabläufe gleichsam tanzten. Stellen Sie sich einen sich bewegenden Panther vor. So war mein Ideal. Nicht etwa Nashorn und Flußpferd. Aber zum Beispiel ein Otter, Fischotter, um es, das Ideal, etwas (wenn auch nur scheinbar) weniger martialisch zu beschreiben. Es hat dies, ich weiß, etwas Anorektisches, indem mir jegliches sichtbare Fett unerträglich war und heute immer noch ist. Zugleich aber, und das ist eben nicht anorektisch, war mir der Körper die tiefste Nähe zu mir; ich hätte ihn durch nichts schädigen wollen, also sagen wir “kosmetisch”. Tätowierung, Piercing und dergleichen waren mir entsetzlich; noch THETIS geht mit dergleichen scharf abwertend um[6]Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr. Im → “Flirren im Sprachraum” (2000), einem meiner ersten poetologischen Texte, formulierte ich:

Die Materialisierung eines Subjekts ist sein Körper. Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was mit dem Subjekt geschah: Tattoo, Branding, Piercing, die KÖRPERWELTEN genannte ästhetisch/ästhetizistische Aufbereitung von Leichen und Leichenteilen, AIDS und Body Art, der Einzug des Sadomasochismus in den Chic. (…) Wenn wir den zur Bedeutungslosigkeit reduzierten Körper noch spüren wollen, fügen wir ihm Verwundungen bei, die obendrein der Werbevorstellung von Schönheit und Glätte zu widerstehen versuchen. Piercing Branding Mutilation sind letzte aufbegehrende Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.

Ich hingegen inszenierte den gesunden Körper, einen, der sich eben nicht verloren hatte, und tat dies als Ergänzung  meines Widerstandes gegen die den Geist befallene Entfremdung, die zugleich als existierende aber unbedingt gedacht werden mußte und deren Ursachen – anders als die politische Rechte und dogmatische Religionen zu glauben scheinen und jedenfalls versuchen, uns glauben zu machen – sich nicht durch revisionistische Haltungen zurücknehmen lassen. Sie sind in der Welt und haben sie unumkehrbar geformt; es ist an uns, sie so zu integrieren – zu pervertieren also –, daß ihre Prozesse nun für uns Menschen, nicht gegen uns laufen und die Welt insgesamt. Ich weigerte mich, meinem Körper auch noch eigentätig zuzufügen, was schon dem Geist zugefügt worden war. Und konnte es,. weil ich so gesund war. Um es kurz zu machen: Selbstbeigefügte Körperwunden sah ich nicht nur als Affirmation (was eine Form der Integration durchaus sein kann), sondern vor allem als Verdopplung; auch hier wieder verstand und empfand ich, was geschah, mit künstlerischem Blick, einem, der Redundanz strikt ablehnt. Ich löse ein Unheil nicht auf, indem ich es verbreitere.

Doch ist dies nun | alles anders für mich. Ich habe keinen “heilen” Körper mehr, sondern einen durch Krebs und OP versehrten; die Inszenierung eines aus sich selbst heraus gegen die feindlichen Prozesse gesunden Körpers l ä ß t sich nicht fortsetzen – rein pragmatisch schon nicht. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, auf die acht Mahlzeiten täglich zu kommen, die ich zu mir nehmen soll, um nicht immer dünner zu werden. Immerhin schaffe ich sechs und halte so mein Gewicht. Das ist völlig in Ordnung und kein Grund, mich irgend zu beklagen. Im Gegenteil, blieb ja am Leben und genieße es sehr, Aber Sport kann ich nicht mehr treiben, weil ich nicht wüßte, woher die dann noch zusätzlich nötigen Kalorien bekommen. Rechnen Sie, Freundin, selbst. Mein Tagesbedarf liegt – wie bei den meisten Menschen – zwischen 2000 und 2400 kCal; triebe ich Sport wie vor dem Krebs, müßte ich weitere, mindestens, 1000 kCal zu mir nehmen; oft waren es 1500, die ich hinzufuttern mußte. Keine Chance mehr, also, auch wenn es mir guttun würde, wenigstens wieder zu joggen. Was nun aber bedeutet, mich über die Versehrung des Körpers nicht einmal mehr täuschen zu können, wozu ich allerdings sowieso nicht tendiere. Und war ich noch vor dreivier Jahren ein entschiedener Gegner von Piercings und Tattoos, hat sich meine Perspektive nunmehr gedreht. Jetzt gilt es, den versehrten Körper zu inszenieren, doch aus genau den Gründen, die ich oben für meinen gesunden ausgeführt habe. Sie können es, Freundin, auch so ausdrücken, daß sich die allgemeine Versehrung – nicht die “nur” schon drohende, sondern sich längst vollziehende Klimakatastrophe wie neuerlich der Krieg in Europa (der erste, an dem ich nicht mehr vorbeizusehen vermochte, war das Völkerschlachten auf dem Balkan, auf das ich noch “nur” mit einem Buch, nämlich THETIS, reagierte) und zuvor die allgemein um sich greifende, früh von mir als patriachal organisiert begriffene Entkörperlichung der Welt (etwa die Verschiebung unserer Wirklichkeitswahrnehmung von der tatsächlichen Realitäts- in eine zunehmend allein medial vermittelte und schließlich medial gewordene)[7]das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace  – … – daß sich diese allgemeine, nämlich Welt-Versehrung durch den Krebs und seine Folgen nunmehr auch meines vormals so gesunden Körpers bemächtigte. So daß ich mich nun ihrer, der Versehrung, selbstermächtigen, meinen künstlerischen Ansatz erneut auf meinen Körper übertragen muß. Auch damit nehme ich, und abermals gegen den Mainstreamstrich, → eine weitere Bewegung der Kunstmoderne wieder auf; Selbstermächtigung war jedenfalls von Anfang an eine meiner künstlerischen Hauptmotivationen. Mit anderen Worten, ich kann die Versehrung selbst nicht rückgängig machen, aber sie meinem Gestaltungswillen unterwerfen – ein Vorgang, der sich abermals weigert, etwas zu affirmieren, das ich für ungut halte. Vielmehr drehe ich auch hier den Schaden in ein lustvolles Überhöhungserleben herum. Pervertere also auch dies.

Los ging es mit dem mir nach der Magenresektion von der Chemo verbliebenen, von mir nach Cronenberg[8]eXistenZ, 1998 so benannten “Bioport”; pragmatischerweise heißt das implantierte Ding, über das die Medikamente zugeführt werden, um die Venen zu schonen, eigentlich nur “Portkatheter”. Die mir bekannten Krebspatienten haben es sich alle spätens drei Jahre nach der OP, wenn sie medizinisch als geheilt galten, wieder herausoperieren lassen; ich aber wollte die Spur bewahren und will es noch. Die nach und nach je nach Befähigung der Heilhaut ohnehin fast verschwindende und jedenfalls bei Männern wir mir von der nachgewachsenen Brust- und Bauchbehaarung ziemlich schnell verdeckte bauchquere Narbe leistet das nicht. Der mir eingepflanzten Bioport aber sehr wohl. Nicht bloß aber, weil er irgendwie immer ein bißchen gestört hat und stört, sondern prinzipiell wollte und will ich, daß mein Körper ihn in sich integriert, ihn im Wortsinn vereinnahmt. Nur: Wie?
Lange darüber nachdenken mußte ich nicht. Die Lösung war wie so oft, deutlich hervorzuheben, nicht zu verstecken, was es zu integrieren, wessen es sich zu selbstermächtigen gilt; Betonung statt Verdeckung, klares VorAugenFühren und nicht Verdrängung. Der Krebs ist ein Teil meiner Geschichte, er[9]oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia” hat auch als überwundener ein Recht auf gezeigte Anwesenheit, welche Ansicht wiederum meiner künstlerischen Position entspricht, daß jedem Kunstwerk als Teil seiner selbst seine Entstehungsgeschichte eingeschrieben sein muß, die wiederum notwendigerweise ein Teil der allgemeinen Geschichte und sozusagen ein wenn auch kleiner Reflex ihrer ist; für meine Ästhetik aber eben nicht “Reflex”, also unmittelbares, nicht willentlich gesteuertes, sondern hochbewußt mitgestaltetes Reagens. — Wie, also, hebe ich hervor? Der Idee einer Integration des medizinischen Artefaktes in die natürliche Organik meines Körpers bezog sich – wie viele, wenn nicht die meisten meiner Texte[10]Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert – von Anfang an auf die von Kipling rasend sinnlich beschriebene Zurückeroberung verlassener Dörfer, für die Waldstücke gerodet worden waren, durch die neu in sie hineinwachsende, was von überwuchernden Schlingpflanzen vorbereitet wurde, wiedererstehende Dschungel. Dies leiblich darzustellen, ließ imgrunde nur eine graphische Lösung zu; sollte sie dauerhaft sein, also ein Tattoo. Indem ich diesen Gedanken zuließ, fiel mein Tabu. Insofern ich aber den Prozeß darstellen wollte, mußte und muß es selbst prozessual werden, mithin work in progress, etwas, das seine prinzipielle Unabschließbarkeit schon im Begriff trägt.
Der “Kern” ist eine Triskele, deren mythische Bedeutung mir nahe ist, die allerdings unbedingt linksläufig, das heißt “weiblich”, sein muß, weil die patriarchale Rechtsläufigkeit zunehmend oft von Rechtsnationalisten vereinnahmt wurde und wird, denen das Motiv als Ersatz für das schon ebenso mißbrauchte, was sich aber nicht mehr rückgängig machen läßt, Svastikakreuz dient. Das Zentrum dieser Triskele füllt aber nicht, wie das sizilische Wappen, ein Medusenkopf, sondern das Shaktidreieck. Also entwarf ich folgendes:

Die erste Realisierung ging dann, dieses Deiecks bezüglich, etwas daneben, insofern es nicht, wie ich doch wollte, auf einer seiner Spitzen steht, sondern einer seiner Seiten:

Da wäre, wußte ich sofort, nachzuarbeiten, möglicherweise durch Überstechung mit einer anderen Farbe. Das ist bislang noch nicht gelöst, vielleicht auch nicht nötig, weil ohnedies nun Pflanzenranken hinzugekommen sind, die, wie die Triskele den Bioport vereinnahmt, nun die Tristkele vereinnahmen; das Symbol selbst war mir noch zu hervorgehoben symbolisch, vor allem nicht organisch genug, auch wenn es bereits → Kommentare dazu gab:

D a ß es zu symbolisch war, spürte ich, als ich das Tattoo erstmals sozusagen öffentlich trug, nämlich in Badehose → auf dem Lungomare Benedetto Croce, Barcola/Trieste. Bislang war mein gesamtes Vorhaben ein objektiv rein privates gewesen und sozusagen publiziert nur in den Beiträgen dazu im Netz, Facebook, Instagram, Twitter; im großen und ganzen ließ es sich als Kunstprojekt bislang nur als Netzkunst verstehen. Jetzt wurde es quasi dinglich. “Das ist noch nur aufgepappt”, dachte ich, fühlte mich zwar einerseits wohl, weil es so gar nicht aufzufallen schien (es waren sehr viele Menschen sonnen- und meeresbadend zugegen), andererseits aber ganz offenbar die gemeinte Radikalität verfehlte, weil es immer noch dekorativ wirkte statt essentiell. Weshalb ich mich – der Gedanke selbst war aber, siehe oben, längst schon da – sofort nach meiner Rückkehr (ein fast bis zum Schluß sehr schönes, dann aber dumm oder, je nach Perspektive, → sehr traurig ausgegangenes Wien hatte noch dazwischen gelegen) sofort an den nächsten Entwurf setzte, die “Erweiterung 1” — dies noch auf Papier:

Ich schickte die Zeichnung an Elena, also an meine Tattookünstlerin, und fügte eine detaillierte Beschreibung meiner Absichten bei. Nur wenige Tage später war sie dann gestochen, nämlich so (das Bild entstand direkt nach der Applikation, deshalb die Rötung der Haut):

Und nach der Ausheilung (die bei mit nach wie vor enorm schnell geht):

Immer noch, wieder nur im Netz, kam mir das abermals “noch zu gut” an. Bei meinem Besuch in Frankfurt brachte Phyllis Kiehl, die es real sehen wollte und zu sehen bekam, auf den Punkt: “Das Schöne ist, daß es gar nicht aussieht wie ein Tattoo, sondern vielmehr nach einer Malerei.” Das war zweifelsfrei ein Kompliment, insofern sich mein Projekt schon einmal von der Tattoomode abhob; ich habe ja nicht vor, sie als solche mitzumachen, auch wenn ich einzugestehen nicht umhin kann, daß mir auch der Gedanke gefällt, unversehens einen erweiterten Zugang zur jungen Generation, besonders der meines Sohnes, bekommen zu haben. Sie immerhin wird maßgeblich entscheiden, ob mein Werk Bestand haben wird oder nicht. Der im großen und ganzen höchst spießige deutsche Literaturbetrieb hat da fast keine Stimme, auch wenn seine Vertreterinnen und Vertreter das sehr verständlicherweise völlig anders sehen und ergo zu verhindern suchen. In jedem Fall hatte und habe ich eines schon erreicht, etwas, das bereits 2003, nämlich → durch Fichte, erstmalig anklang: — so, wie für mich die Verbindung zur Musik lebenslang Grundlage meiner Literatur gewesen war und nach wie vor ist, nun auch eine zur Bildenden Kunst hergestellt zu haben. Mit meinem eigenen Körper als Schnittstelle. Noch aber wirkte und wirkt es nicht als organischer Prozeß, sondern eben wie Malerei; das rein dekorative Moment hat sich bislang erhalten. “… zu perfekt, um natürlichen Ursprungs zu sein”, wie es vier Absätze hierdrüber Hel Mi in seinem von mir verlinkten Kommentar geschrieben hat. Sein darauf folgendes “Es ist schaurig schön, mit der Betonung auf schön” braucht eine dringende Betonung auf schaurig.

Daran sitze ich jetzt und zeichne die weiteren Entwürfe jeweils mit farbigen Eddings direkt auf die Haut (was einige Übung braucht). Der erste der “Ergänzung 2” sah so aus:


Und der zweite

bekam denn auch gleich eine eigentlich so auch gewünschte Reaktion:

Wobei Frau von Steglitz diametral entgegensetzt zu Hel Mi denkt und empfindet. Ich meinerseits bin überzeugt davon, in dem Tattoo beides miteinander vereinbaren zu müssen und antwortete entsprechend:


Der letzte Stand der “Dinge” sieht nunmehr folgendermaßen aus, heute früh (am unterdessen Sonntag) auf die Haut gezeichnet:

Noch bin ich mir unsicher, w i e weit sich die Zeichnung ausbreiten soll; was ich anfangs überhaupt nicht im Sinn gehabt hatte, rückt als Möglichkeit spürbar näher: daß schließlich der gesamte Körper überwachsen werden könnte, abgesehen vom Kopf und den Händen, die für mich, jedenfalls noch, tabu sind. Wobei ich mir sehr klar darüber bin, daß ich die Wirkungsweise des Krebses, nämlich zu metastasieren, gleichsam übernehme, aber hier als ein geradezu Bann-Bild, so, wie wir an Kirchenfassaden immer wieder Dämonenfiguren sehen, die dort eben gebannte sind. Ritusalisierung und Kunst wachsen ineinander auseinander hervor. Mein Unternehmen ist, so gesehen, religiös. Aber auch das gehört zur Genese der Kunst selbst in ihren nichttheistischen Ausprägungen, die allerdings bei mir deutlicher pagane als christliche oder sonstwie monotheistische sind. Doch das ist alles andre als neu. Und ich erinnre mich sehr wohl, wie erotisiert ich von Jadzia Dax war, in Frankfurtmain, vor mehr als vierzig Jahren, glaub ich, schon. Ich war in sie sogar verliebt. Und stellen sie sich vor, sie senkte den Kopf, höbe hinten das Haar und Sie sähen, auch Sie, liebste Freundin, ihren Nacken und wie die Spuren hinab den Rücken fließen … —

Was mich, unabhängig davon, daß ich die Realisierung dieser zweiten Tattoo-Erweiterung momentan gar nicht bezahlen könnte – mein Projekt ist teuer, und in diesem Kunstbetrieb wäre es bizarr, davon auszugehen, ich könne für seine Realisierung Kunstfördermittel bekommen – … was mich ein Problem ansprechen läßt, das bislang keines war. Selbstverständlich, da – außer im Netz und dort nur vermittels meiner Fotodokumentationen – bislang ich alleine es bin, der das Tattoo sieht, lasse ich es vorerst nur dort anbringen, wo ich es eben sehen kann. Von einer Erweiterung über etwa den Rücken hätte ich gar nichts, aber eben auch niemand sonst. Vor dem Krebs wäre das anders gewesen, es hätte noch und wieder Liebespartnerinnen gegeben, und sei es für One Night Stands. Diese Möglichkeit hat mir die Chemo zerschossen. Ich habe früher meinen Körper ja nicht nur für mich selbst geformt, sondern immer auch letztlich für Frauen. Was übrigens ein Unsinns-, weil Irrtumsmotiv war. Denn allem zufolge, was “meine” Frauen mir je erzählt und wie sie sich verhalten haben, schätzen sie zwar wohlgeformte Männerkörper sehr wohl; doch sind die nicht das, was sie bindet, ja es sext sie zwar an, aber fast durchweg “konsequenz”los. Sie binden sich aufgrund völlig anderer Kriterien, anders als Männer, jedenfalls die meisten, als in jedem Fall ich. Mich kann die Schönheit einer Frau abhängig machen, fast gänzlich in Absehung von ihrem Charakter. Gegenüber einer (nach meinen Kriterien, klar:) schönen Frau bin ich sozusagen verloren, auch wenn’s mir gelingt, es nicht zu zeigen. Spüren tun sie es dennoch. Mein Impuls ist geradezu sofort Er- und meinetwegen Überhöhung, Anbetung letztlich; das ist nur deshalb nicht peinlich oder gar peinigend, weil ich dominant bin. Da wiederum für mich zur weiblichen Schönheit immer auch eine Spur, und gerne mehr als nur das, Aggressivität gehört, wird meine Dominanz komplett ausgeglichen und niemals übergriffig; es sei denn, etwa im BDSM-Spiel, ich werde drum gebeten. Dann übernehme ich die Führung, zugleich Verantwortung. “Übernahm” ist heute aber das richtige Wort. Es war so und wird, wie ich spüre, niemals mehr sein. Mein Alter kommt hinzu – nà sowieso, angesichts meiner deutlichen Neigung zu noch deutlicher jüngeren Frauen (als junger Mann hatte ich sie zu entschieden älteren). Und aber selbst wenn! Welcher neuen Liebe könnte ich die starken Frauen  meines Lebens zumuten, die alle, auch wenn die Beziehungen zerbrachen, immer noch gegenwärtig sind und es bleiben werden? Meistens sind wir Freunde geworden, die Frauen also auch real – und innnig – alle noch zugegen. Nein nein, ich werde alleine bleiben. Und aber als lächerliche Figur am Rand eines Szeneclubs stehen, Insomnia, Kitkat? egal, ich war da früher ja oft, – das tu ich mir sicher auch dann nicht an, wenn es die Gelegenheit wäre, das rhizome Tattoo nun zu zeigen. Also weshalb auf dem, um beim Beispiel zu bleiben, Rücken? “Zu wissen, daß es Platin ist”? Auch darüber bin ich lange hinaus. Vielleicht aber —

— vielleicht, weil man das vollendete Kunstwerk – wegmauert[11]Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu. Weil es in Saïs steht, dort zu stehen hat und von dem Schleier verdeckt sein muß[12]Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, So fanden ihn am andern Tag die Priester Am Fußgestell der … Continue reading, auch vor dem, der es schuf oder zu erschaffen veranlaßt hat, — mir? (Ich war’s nicht allein, → Liligeia war es mit mir; auch sie eine meiner mir bleibenden Frauen, die imaginären und “wahren” sind alle vermischt, Jadzia Dax gehört genauso hinzu, mag sie’s auch nicht wissen — aber nicht viele | wissen es nicht).

Ihr, meine Freundin,
ANH, 6. November, 13.03 Uhr
[Vincent Peirani, → Living Being II: Night Walker]

 

References

References
1 Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.
2 In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der Anfang einer großangelegten Mystifikation sei? — eine Fährte, der danach aber niemand gefolgt ist.
3 Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war.
4

5 So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt.
6 Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr.
7 das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace
8 eXistenZ, 1998
9 oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia”
10 Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert
11 Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu
12 Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais

Das vor allem für Nicolas Borns “Die Fälschung” geschriebene Arbeitsjournal des Sonntags, den 2., auf Montag, den 3. Oktober 2022, darinnen auch das Tattoo fortgesetzt und ein Brief an die Herausgeber und Beitragenden der text+kritik-Ausgabe Nr. 236 geschrieben worden ist.

Dauerndes Seriengucken ist Flucht nicht vor der Einsamkeit,
nein, sondern vor dem letztlich Alleinsein, dem wir aber ja
doch nicht entkommen.
Notat 2.10.22, spätabends

[2. Oktober, Arbeitswohnung, 12.36 Uhr
Martinů, Julietta]
Um sechs hoch, um halb sieben am Schreibtisch, Nachrichten gelesen, dann – weil unterdessen alle Beiträge des → text+kritik-Heftes gelesen – den wirklich fälligen Dankesbrief an die Herausgeber und Beitragenden dieser für meine Arbeit und mich so ehrenvollen Ausgabe geschrieben, jeweils auch ein wenig zu den je einzelnen Beiträgen – was insgesamt genauso lange gedauert hat wie Lionel Roggs Orgelinterpretation der bachschen Kunst der Fuge. So daß ich dann Zeit für das Morgenmüsli und danach Rasur und Toilette hatte. Kritischer Blick in den Spiegel, weil gestern mein Bioport-Tattoo weitergestochen wurde, sich aber unter dem transparenten Schutzpflaster besonders die braune Farbe verschmiert hatte und ich nun unsicher war, ob nicht etwas schiefgegangen sei. Denn das Tattoo ist extrem fein gearbeitet (rechts ein unmittelbar nach dem Stechen von Elena geknipstes Foto). Es wäre zu schade, wenn hier was schiefgegangen wäre. Doch nach dem Duschen sah es schon sehr viel besser aus; das Pflaster läßt Flüssigkeit austreten, aber keine hinein. Viel des Verschmierten war nun schon fort, offenbar überschüssige Farbe. Genau werde ich es aber erst am Dienstag sehen, wenn ich die Pflaster – vorsichtig, vorsichtig – abgezogen haben werde.

Doch zum heute Eigentlichen. Ich hatte Ihnen, Freundin, ja geschrieben, einen Schlußstrich unter die allabendliche Serienguckerei zu ziehen und, wenn ich meine Arbeit beiseitegelegt hätte, nur noch zu lesen, was etwa bis Mitternacht bedeutet und manchmal auch noch eine halbe Stunde länger geht – denn ich habe es tatsächlich bislang so gehalten. Nur der Freitagabend fiel heraus, weil ich wegen text+kritik so fahrig war, daß mein Freund Broßmann herüberkam, um zu sprechen und sich zusammen mit mir die Kante zu geben. Das gelang derart umfassend, daß ich gestern komplett verwirrt erst um neun erwachte und den Tag für die Arbeit eigentlich knicken konnte; aber mittags war eh der tätowierte Termin, der viel mehr Zeit in Anspruch nahm, als ich gerechnet hatte. Nahezu dreieinhalb Stunden habe ich im Studio gesessen, bzw. irgendwann eben auch gelegen.
Wie auch immer, die Lektüreabende. — Interessant, daß der ziemlich suchthafte Impuls, zum Abendessen Filme zu gucken, bereits jetzt schon fast völlig weg und durch die Vorfreude auf das jeweilige Buch suspendiert wurde, was von Nicolas Borns, ich schrieb auch das schon, Die Fälschung durch ihre hinreißende Faktur noch einmal verstärkt worden ist. Sie wirkt umso mächtiger, als Laschens, eines Kriegsberichterstatters, Geschichte auf schmerzhafte Weise in unsere unmittelbare Gegenwart des Ukrainekrieges paßt. Allerdings muß ich etwas richtigstellen. Ich schrieb, Christopher Ecker habe mir das Buch geschickt, weil ich die Unterschrift der ihm beigelegten Karte als “Christopher” identifizierte. Umgehend mailte Ecker mir, nein, er sei das nicht gewesen; aber nun müsse er das Buch wohl unbedingt lesen. Muß er, ja. Aber gut, ich nochmal an die Entzifferei:

Und nun, tatsächlich, kam ich drauf. Verdammteins-j a !: Christoforo, der Freundesname meines Arco-Verlegers. Ihm auch sieht solch eine Zusendung ähnlich. Und habe dieses von ihm mir zugereichte Buch so lange schmählich in einem Haufen vor sich hintrocknen lassen wie sehr, sehr viele andere. Jetzt war die Lektüre fast eine Erleuchtung, Entdeckung indes in jedem Fall, auch wenn die Konjunktive oft nicht stimmen (häufig das falsche als sei statt richtig als wäre usw.) und mich auf die Dauer die ständigen Nachstellungen nervten. Nur wenige der vielen, vielen Beispiele[1]Seitenzahlen sämtlicher Zitate nach der Lizenzausgabe der Deutschen Buchgemeinschaft, C.A.Koch’s Verlag Nachf., Berlin-Darmstadt-Wien o.D.:

Er lag dann nackt auf dem Bett, hatte den Reisewecker aufgezogen, dessen Ticken anschwoll und wieder abflaute zusammen mit dem Säuseln der Klimaanlage.
S.21

Weshalb nicht eleganter “Er lag dann nackt auf dem Bett, hatte den Reisewecker aufgezogen, dessen Ticken anschwoll und zusammen mit dem Säuseln der Klimaanlage wieder abflaute” ?

Ebenso:

(…) als hätten sie [die Wörter] über Nacht ihren Nutzen verloren, seien [wären] ausgeschieden worden aus dem Verständigungskreislauf.
S. 128

Nein! Sondern “als wären sie über Nacht aus dem Verständigungskreislauf ausgeschieden worden”.

Oder:

… weil gerade dann der Film Stichwörter lieferte, die peinlich genau zutrafen auf die eigene Situation.
(S.296)

Stünde dort “… weil gerade dann der Film Stichwörter lieferte, die peinlich genau auf die eigene Situation zutrafen” wäre der Satz flüssiger, fließender — Papier nicht, sondern Leben.

Und fast noch deutlicher hier:

(…) nur die indirekte Beleuchtung, die sich unverträglich mischte mit dem verbraucht wirkenden Licht von draußen.
S. 301

Welch ein Satz hingegen erklänge, höben wir die Nachstellung auf! “(…) nur die indirekte Beleuchtung, die sich unverträglich mit dem verbraucht wirkenden Licht von draußen mischte” .

Freilich ließe sich an solchen Stellen denken, der Autor wolle durchführen, was er ganz am Anfang über Laschens Stil insgesamt sagt:

Es war so, als ob er in dem bisher Geschriebenen herumkletterte. Wenn er wieder unten war, hängte er rasch noch einen Satz [- hier eben einen Satzteil -] an.
S.15

Aber nicht Laschen schreibt diese Sätze – dann wäre es legitime Rollensprache -, sondern der Autor. Und es geschieht zu häufig, scheint mir stilistische Laxheit zu sein, ein vorübergehendes Nachlassen der formulierenden Konzentration. Satzteile nachzustellen ist poetisch eben nur dann sinnvoll, wenn etwas besonders betont werden soll. Ist hier aber seltenst der Fall. Und also nehmen diese Nachstellungen den Sätzen ihre Spannkraft – die mögliche Spannkraft. Bei einem ansonsten derart brillanten Autor wird mir zur leichten Qual, was ich bei anderen mit Achselzucken akzeptierte. Um Ihnen, Freundin, vielleicht noch etwas deutlicher zu akzentuieren, was ich meine, hier drei Stellen, an denen die Nachstellung tatsächlich Funktion hat:

Er winkte sich selbst zu von einer anderen Seite.
S. 121
Er konnte gut leiden an unverständlicher Grausamkeit.

S. 187
Er umgab sich und seinen Tod mit einigem Getöse, wenn er überhaupt starb, denn danach sah es nicht aus. Solche, an denen Laschen ein paar kritische Anwandlungen abließ, waren aus dem Stadtbild verschwunden, waren längst abgereist nach London, Paris oder nach Zypern.
S. 127

Abgesehen von dem bizarren, semantisch – ohne daß ein Rätsel da wäre – rätselhaften Idiom “an jemandem Anwandlungen ablassen”, steht die Nachstellung hier komplett richtig, weil sie das Wegwerfende betont, ein “eigentlich egal, wohin”. Nervig aber ist dann wieder sowas:

Oder es konnte auch eine sinnlose und zwecklose Verabredung sein mit jedermann.
S. 127

“Sinnlos” und “zwecklos” i s t bereits eine Redundanz, wozu dann auch noch “mit jedermann”? Um es begütigend zu sagen, hat hier die Lektorin oder der Lektor nicht aufgepaßt, ist schlampig, also ebenfalls unkonzentriert gewesen. Ärgerlich.

Doch ich will ja keinen Verriß, sondern eines solchen Gegenteil schreiben. Auch an sehr guten Büchern, die sogar hohe Literatur sind (den Unterschied zwischen beidem werde ich in einem nächsten Beitrag erläutern) müssen wir, Freundin, den einen und/oder anderen Durchhänger schlichtweg hinnehmen; bei lebenden Autorinnen und Autoren bleibt da die Hoffnung auf eine revidierte zweite Auflage. Außerdem gibt es etwa bei Hans Henny Jahnn ganz entsetzliche Sätze, ohne daß die Strahlkraft seiner Bücher Einbußen hätte; für Thomas Manns bildungsbürgerliches Hochgeschwurbel gilt dasselbe. Und als allererstes erkennen wir ein Kunstwerk an seiner motivischen Konstruktion, bei Born etwa des bereits auf S. 25 eingeführten Messers,

er würde es ständig tragen müssen, an die Wade geschnallt, auch eine lästige Vorstellung,

das sehr viel später eine bedeutsame Rolle spielt. Es gehört zum Geschick der Faktur, das selbst ich es längst vergessen hatte, als es plötzlich zentral wurde. Wobei das eigentliche Thema dieses Romans nicht der libanesische Bürgerkrieg “an sich” ist, sondern daß die Berichterstattung über ihn eine auf die Leserschaft zugefeilte, weil prima rezipierbare Parallelwelt quasi erfindet – eben die Fälschung, die dem Buch seinen Titel gibt. Und die stupende Aktualität, an der auch ein heutiger, fast fünfzig Jahre späterer Journalist verzweifeln müßte, warnt uns gleichsam vor der Berichterstattung über den Ukrainekrieg. Zeitungen wollen verkaufen. Daß “daneben” –  eigentlich nämlich darüber – Laschens Beziehungen sogar dann in die Brüche gehen, wenn sie weiterbestehen, ist von Born besonders raffiniert in das Buch eingeschoben; die zweite Ebene des Privaten wird zum Reflex der ersten, des Öffentlichen, scheinbar Faktischen, und umgekehrt. Nahezu alles ist aufeinander bezogen und voneinander abhängig, insbesondere die Sichtweisen auf etwas, hier sogar den – bisweilen schockierend – erzählten Krieg. Und da dann kommt es zu, ich muß es so schreiben, großen Sätzen (was auch so zu sein hat, wenn Born sich auf S. 20 auf Nabokovs Ada bezieht; damit liegt die Meßlatte extrem hoch):

Einen kleinen Mann in grauem Kaftan sahen sie mit ausgebreiteten Armen vor dem Haus stehen und klagen. Es war ein Foto, schon bevor Hoffmann die Kamera hob. [S. 56] – (…) nein, es war vielmehr die Ahnungslosigkeit gewesen, die Verständnislosigkeit in ihren Gesichtern, das Nichtglaubenkönnen [,] aus der Unsterblichkeit so bald und sogleich herausgerissen zu werden. (…) Wäre Hoffmann [der Laschen begleitende Kriegsfotograf] ängstlich, würden die Bilder ängstlich sein; es sollten aber nicht ängstliche Bilder sein, sondern solche zum Kopfschütteln und besseren Bescheidwissen, dreckige Bilder in sauberen Zimmern anzusehen. [S. 57] Nicht, daß nicht Meinung erwünscht wäre, aber sie muß erst einmal blanke Oberfläche geworden sein. Dann darf sie sich äußern, blasend und spuckend in eigener Sache, die längst eine Sache aller ist, entschärft und stillgelegt. [S. 65] Er fühlte sich stark werden, und es war nicht die dumme männliche Kraft, es war eher Auslieferung. [S. 87] Er schrieb weiter, damit es draußen endgültig geschehen war, was er schrieb. [S. 90] Alle drei Männer waren von einer ins Süßliche veredelten, parfümierten Gefährlichkeit. [S. 100] (…) es beschwichtigte ihn der eigene Kopf, in dem ein Leerraum des Nichthandelns war, ein gelähmter Kern, eine Ferne von allen Ereignissen. [S. 121] Mich aufstellen lassen in Brigaden, letzten Aufgeboten. Und das nicht für einen Sieg, für eine Gerechtigkeit, sondern nur dafür, daß die Grammatik wiederkehrt, daß nur dieser verfluchte Zustand zu Ende geht, in dem die Tatsachen das Besondere sind, aber das Besondere leer ist und das Wichtige heraus ist aus dem Wichtigen. [S. 129] Etwas, das hatten sie gemeinsam, hatte sie aus einer Menge herausgepflückt, eine Gewalt, die immer die gleiche war, in Prag, in Vietnam, in Chile oder hier [in der Ukraine], und die so menschlich war, ebenso menschlich [Komma gestrichen, ANH] wie die Freude an einem langen heiteren Friedenstag. [S. 146] (…) schiefrig-fette Erde (…) [S. 147] Laschen war von dem Anblick niedergeschlagen, so [,] als hätte man ihm eine Illusion, die er längst nicht mehr hatte, in diesem Moment erst genommen. [S. 151] [Über Kriegstote:] Das Wasser war klar und stäubte über steilem Gefälle rosafarben auf. [S. 170] Die Brust- und Kopfbehaarung sah aus wie angeklebt, der Ausdruck in den Gesichtern war erstorben, zurückgenommen, so, als hätten sie im letzten Moment noch etwas für sich behalten wollen, an das nun niemand mehr herankam. [S. 176] Recht und Unrecht rotierten als Begriff so schnell, daß sie ununterscheidbar waren, Recht und Unrecht waren bis zur Unkenntlichkeit vertauscht worden, gab es nicht, schien es nie gegeben zu haben. Nur Räume und Zeiten sollten siegen über Räume und Zeiten, eine Behauptung sollte die andere besiegen, eine Geschichte die andere. [S. 185] Und welche erstaunlichen Bestimmungen steckten erst in diesem Hoffmann, welch eine triumphale Neutralität des Blicks durch den Sucher, solch eine brutale Zivilisiertheit? [S. 186] Viele Orte verschmelzen manchmal zu einem einzigen, an dem sich dann das Geschehen krümmt zu einem verwunschenen Symbol [ANH: “an dem sich dann das Geschehen zu einem verwunschenen Symbol krümmt”], das fortan in der Erinnerung schwer und alp[b]traumhaft einen festen Platz hat. [S. 190] Nur keine Besinnung aufkommen lassen, lieber und besser den schnellen, alles schnell abführenden [!] Meinungsstil schreiben, auf den Leser zu, damit die Schrecken nicht zu lange frei sich auswirken, sondern gebunden in der Sprache zu Sprache werden. Jeder Satz von brutaler Sachlichkeit, jeder Inhalt, auch der genaueste, eine völlig Anonymität. [S. 193] (…) das Gesicht konzentriert schön (…) [S. 202] (…) nur eine hohle Ungewißheit ging langsam in Magenschmerzen über; es war ein Kneifen wie von einem zahnlosen Tier. [S. 209] Die säuselnden Geschosse bedeuteten den Tod, aber sie bedeuteten ihn nur. [S. 210] Sie wußte alles, was ihren Angehörigen geschehen war, hob aber das Gesicht, so daß es ein Antlitz war, vor Entschlossenheit, das weder zu glauben noch zu verstehen. [S. 220] (…) die Temperatur der Flasche an der Wange prüfen. [S. 221] Leer, attrappenhaft, ja, wie eine Reihe von Fußmatten lagen die Tage vor ihm (…) [S. 228] (…) und vielleicht war der Gedanke nicht nur sentimental, sondern auch ein Bestandteil der Fälschung, des angeblichen Gewissens und seiner Erforschung! [S. 230] (…) es ging alles weiter, das knapp gewordene Brot wurde dennoch in ausreichender Menge beschafft, Feuer gemacht überall, Essen so rasch und gut als möglich darauf gekocht, viele setzten sich immerfort miteinander zu Tisch, gingen miteinander zu Bett. Es war das notorisch menschheitsgeschichtliche Weitermachen, der “Normalbetrieb” unter krassesten Bedingungen, wie er aus den Konzentrationslagern berichtet worden ist, wie er das Leben der Stadt London während der großen Pest (Defoe) bestimmt hat. Es ist in allen langfristigen Katastrophen vom “Normalbetrieb” des Lebens berichtet worden. Das Erstatten von Bericht ist jederzeit so selbstverständlich wie der Normalbetrieb. (…) Und alles sollte berichtet werden, erst dann war es endgültige Vernichtung, und darauf konnte alles erneut sich ereignen, besser, weil gewußter, geplanter und berichteter. [S. 241] Er fühlte auf der Stirn die feinen Schweißtropfen kalt werden (…) [S. 243] Der Wind stand dauernd dünn und kalt auf seinem Gesicht. [S. 245] Vielleicht sind die pathetischen Wörter hier die genauesten. [S. 261] Sie hatten die Schuhe ausgezogen und schauten in eine Ferne, die es nicht gab und die so leer, so umfassend leer war wie ihre Augen [ANH: “es waren”], in denen das Weiße die Iris und selbst die Pupille überzog. [S. 268][S. 275] Die Kinder allerdings warfen kleine urtümliche Schatten auf seine pure Gegenwart. [S. 277] Es gibt keine unmögliche Konstellation, die nicht schon Wirklichkeit gewesen wäre. [S. 287] Aber auch das ließ ihn schon beinahe kalt, auch darauf würde er mit einem verrutschten Lächeln antworten. [S. 288] (…) und der Text ihm erschien als poröse, wabenartige, geraffte und gekürzte Wirklichkeit, als die Wirklichkeit, und das, was wirklich geschah oder geschehen war, war die Illusion davon. [S. 295] Wenn sie jetzt gesprochen hätten, wäre es aus Verlegenheit geschehen, so schwiegen sie verlegen. [S. 310]

Und absolut großartig, wie Born ab S. 271 Todesangst orchestriert, aber daraus zitiere ich nichts, weil es eine Dynamik verriete, die ich oben angedeutet habe, ohne daß Sie es jetzt entschlüsseln können. Was so sein muß, weil Sie es selbst erleben sollen, unvorbereitet lesend erleben — nämlich dieses Buch.

Bestellen

***

So. – Eigentlich habe ich auch zu heute noch etwas schreiben wollen, diesen Text aber eben erst fertiggestellt, den ich gestern begann, und ich denke, er ist lang genug, um Sie zufriedenstellend zu beschäftigen, derweil ich selbst mich endlich wieder den Triestbriefen zuwenden möchte. Wozu ich nach dieser Lektüre endlich wieder Lust habe, auch wenn schon eine nächste begonnen ist. Doch über die werde ich in den kommenden Tagen berichten, Christian Berkels “Ada”.

Ihr, immer noch im Morgenmantel,
ANH
3. Oktober 2022, 10.55 Uhr

References

References
1 Seitenzahlen sämtlicher Zitate nach der Lizenzausgabe der Deutschen Buchgemeinschaft, C.A.Koch’s Verlag Nachf., Berlin-Darmstadt-Wien o.D.
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