Yōseis Tätowierkunst im Arbeitsjournal des Dienstags, den 21. November 2022, worin die Triskele | radikal zum Rhizom geworden und damit — literarisch a u c h.

[Arbeitswohnung, 6.43 Uhr
Erste Morgenpfeife, Latte macchiato
Kaija Saariaho, Nymphea]
Es gibt Komponistinnen und Komponisten, die ihre musikalischen Themen vollendet melodisch schon haben, bevor sie ihre Verarbeitung, die “Arbeit am Material” (Adorno), beginnen, und solche, die sie während dieser Arbeit erst finden. Ich hörte viel Rautavaara, nun die von mir fast geliebte Saariaho; er gehört in die erste, nun jà, “Kategorie”, sie gewiß in die zweite. Ganz wie ich selbst, der ich, wenn ich ein Buch beginne, zwar eine Idee verfolge, nie aber wirklich weiß, wohin sie mich führt. Dieses ergibt sich erst aus dem Schreibprozeß. Wie abermals n u n, da die zweite Erweiterung meines → Bioport-Tattoos gestern abgeschlossen wurde. Es hat jetzt, wie ich Phyllis Kiehl in Whatsapp schrieb, genau dies Organische, das mir vorgeschwebt war, als ich das Abenteuer ohne schon zu ahnen anfing, das es zugleich ein literarisches würde, und zwar sogar doppelt gebunden.
Vielleicht wäre aber absehbar gewesen, daß ich dieses Erleben in einen poetischen Text einbinden würde, in w e l c h e n, aber sicher nicht. Ich hatte ja bloß die Idee, daß eines Morgens auf Yōseis Rücken ein Symbol erscheint — es sollte anfangs → ein Drache, Ryū, sein, was ich indes, weil es Klischee gewesen wäre, sehr schnell verwarf —, von dem sie selbst gar nichts spürt; dort hinten sieht sie es freilich auch nicht. Aber ihr neuer Freund, beim gemeinsamen Aufwachen, bemerkt es, übrigens nicht auf dem Rücken, sondern inmitten ihres schmalen Nackens.

Ich mag nicht, wie mein Sohn es ausdrücken würde, “spoilern”; doch es ist ein Tattoo. Nur daß sie das Symbol, eine wie bei mir linksläufige Triskele, niemals hat stechen lassen. Und etwas geschieht mit ihm, weil das Ding nämlich lebt. Was in den Griff bekommen werden muß. Imgrunde mein Thema: Wie ermächtige ich mich dessen, was mir geschieht, und drehe also ein Geschehen, dem gegenüber ich eigentlich hilflos bin, weil ich objektiv keinen Einfluß auf es habe, so herum, daß es mein eigener Wille gestaltet. Hier sehe ich stets den künstlerischen Prozeß. So wird denn Yōsei eine Tätowiererin werden, und zwar eine meisterliche und daher radikale Künstlerin ihres Fachs. Auch dies dann wieder aus dem Leben genommen; wenn ich sie, Yōsei, bei der Arbeit beschreibe, beschreibe ich, was ich an → Elena beobachten darf.
Die zweite Bindung des thematischen Motivs ergibt sich daraus, → daß ich neulich begriff, eigentlich gehöre der Prozeß, mich, eben von dem Bioport ausgehend, tätowieren zu lassen, in das → Krebstagebuch, allerdings in seine Fortsetzung nach der noch nicht geschriebenen Klimax, für die ich erst nach Aqaba muß, um den “Spielort” der “Enteinigung”, also der OP, zu finden. Für die Reise dorthin fehlt mir noch das Geld (allerdings die Flüge dorthin → sind erschwinglich); ein guter symbolischer Zeitpunkt wäre im Februar mein Geburtstag. Nur hält mich noch mein, sagen wir, Aberglaube davon ab, mich zu verhalten, wie ich es eigentlich täte – mit dem vitalistischen Schlachtruf “Sei’s drum!” Vielleicht nämlich sollte ich warten, bis medizinisch objektiv gesagt werden kann, daß ich “geheilt” sei, bis also nach dem fünften Jahr. (Meine nächste Kontrolluntersuchung findet am 6. Dezember statt). – Wie aber nun auch immer, läßt sich dieses Tattoo-Projekt auch als eine Verbeugung vor → Liligeia verstehen, die ich als – bislang – Unterlegene e h r e. MIr ist das wichtig. Hatte ich aber s i e schon, also den Krebs, in mein literarisches Werk integriert — selbst unvollendet, gehört das Krebstagebuch bereits, wenn auch nur in Der Dschungel publiziert, zu meiner Literatur[1]Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben. —, so nun auch den, den sie “befiel”, – meinen Körper. Es ist dies eine unabdingbare Logik meiner Poetik. Was nämlich die Realitätskraft der Fiktionen anbelangt, bekommt das gesamte Unternehmen mit einem Mal sogar fiskalische Valenz, indem ich die Kosten des Tattoos von der Steuer werde absetzen können. Diese Volte ist eben nicht nur ein Schelmenstreich (ein bißchen freilich auch), sondern vor allem eine nächste Nagelprobe auf die Wirklichkeitsvalenz von Dichtung, und nicht nur der meinen. Die von mir längst nicht mehr nur projektierte Ästhetische Theorie ist, soweit nicht Praxis, durchaus normativen Charakters – allerdings im Bezug auf ihre historische Zeit. Spätere Entwicklungen der Künste (und also der Gesellschaften sowie der Naturen[2]Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich … Continue reading, in die sie eingebettet sind) werden sie relativieren.
Wiederum aber die rhizomatische Form des Tattos entspricht sogar insgesamt den auch anderweitig immer wieder attestierten prozessualen Strukturen meiner insbesondere Romane, die ich somit fortsetze auf Haut.

*** (Unterbrochen, um zu duschen usw.) ***
 

[Sophia Gubaidulina, София Асгатовна (Sonnengesang)]
Gestern kam die endgültige Zusage zur Graphik Novel; tatsächlich → der Zilts wird es werden. Nur über den Vorschuß ist noch zu verhandeln. Woran ich eigentlich gedacht hatte, was ich mir gewünscht hatte, wird wahrscheinlich zu erreichen nicht sein. Aber vielleicht doch noch genug, um mir einzwei Monate durchzufinanzieren.  Es wird doch einige Arbeit zu leisten sein, um die lange Erzählung auf Pavlenkos zeichnerische Bedürfnisse auszurichten. Gut, liebste Freundin,wir werden sehen. Mich drängt es erst einmal in die Briefe nach Triest zurück. Sie stehen ja ziemlich kurz vor dem Abschluß ihrer ersten Fassung. den ich sehr, sehr gerne noch im Dezember sehen möchte. Es wäre ein feiner Beginn für 2023. Das meiste dann wird nur noch konzentrierte Fleißarbeit sein; vor allem wird gestrichen werden müssen, aber klug. Manches, was in der Ersten Fasung jetzt steht [3]Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand., kann so nicht mehr bleiben; viel zu viele Angaben sind ungenau oder sogar unmöglich. Doch um das zu beheben, braucht es fast durchweg nur kleine Verrückungen; und einiges kann oder muß sogar ganz weg. Die Geschichte hat sich – siehe oben – geschrieben, jetzt ist die Fassung anzugleichen.

Ach so! Gestern sehr spät am Abend der plötzliche Impuls, wieder mit dem Sport anzufangen. Er hängt wohl mit meinem begonnenen alkoholfreien Monat zusammen. Wirklich wieder riesige Lust … nein, nicht zu joggen, meine 15-km-Läufe “kosten” zu viele Kalorien, die krieg ich in den Körper nicht rein. Aber neu mit leichtem Krafttraining zu beginnen, erstmal an den Slings. Zu Anfang nicht mehr als jeden Tag eine halbe Stunde, danach dann weitersehen. “Sicherheitshalber” schaute ich aber im Netz wegen des Tattoos nach. Also, ich soll noch bis zur Abheilung warten. Gut, dann hoffe ich mal, daß der Impuls bis dahin so lockend mir erhalten bleibt. Aber mir gefiel einfach nicht, daß unter dem Bizeps die Haut hängt, was mir auf Foto mit der Tattooergänzung aufiel. Wie mein, nun gut, “verkaterter” Zustand des Wochenendes war auch dies ein mir von meinem Körper, den ich achte, als “Jetzt paß aber endlich mal auf, versammt!” zugefunktes Signal. Und wie immer, wenn er mir etwas sagt, höre ich darauf. Nicht bei den Menschen, nur bei meinem Körper.

Ihr, Allerverehrteste, wie immer
ANH

References

References
1 Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben.
2 Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich auch subjektiv ändern, ist momentan ausgesprochen gut an mir selbst zu beobachten, der doch über Jahrzehnte ein Gegner von Tattoos gewesen.
3 Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand.

Hinreißende Darstellung dessen, was meine Prosadichtung versucht: André Vollmer, Kiel 2016.

Im Netz gefunden:

Frei herunterladbar → d o r t . [Dazu, offenbar eine Vorarbeit, → dieses in der Gestalt einer da noch – was sich der Wissenschaftler untersagt – wertenden Rezension aus demselben Jahr.]

***

Im vollen Bewusstsein ihrer prinzipiellen Unvermittelbarkeit: Ackroyd, Murakami, Herbst. Bei Judith Leiß.

Wenn man jene Maßstäbe anlegt, die sich aus der Kenntnis traditioneller Utopien ableiten lassen, lesen sich heterotopische Romane wie Peter Ackroyds The Plato Papers, Alban Nikolai Herbsts Thetis. Anderswelt oder Murakami Harukis Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt eher wie eine verspielte, apolitische Parodie auf die Konventionen des utopischen Romans denn als Beitrag zu gesellschaftlich relevanten Fragestellungen. Es läge dann nahe, die Heterotopie als ein Genre zu betrachten, das nurmehr den utopischen Roman zum Gegenstand hat, nicht aber die Frage nach der guten Gesellschaft. Befragt man besagte Werke jedoch auf ihre strukturellen Eigenschaften und deren utopische Funktion, gelangt man zu dem Ergebnis, dass es sich hier keineswegs um bloße MetaUtopien ohne gesellschaftskritisches Potential handelt. Denn indem die Gegenüberstellung zweier sozialer Ordnungen in Heterotopien als Widerstreit realisiert wird, lenken sie die Aufmerksamkeit von der Frage nach der ›guten‹, also gerechten Gesellschaft hin zur Frage nach den Möglichkeitsbedingungen von Gerechtigkeit. Die LeserInnen heterotopischer Romane können die Erfahrung machen, dass der Konflikt zwischen W1 und W2 angesichts der grundlegenden Ungleichartigkeit der beiden Welten ein gerechtes, universal gültiges Werturteil unmöglich macht. Diese Erfahrung wiederum kann zu der Erkenntnis führen, daß keine inhaltlich definierte Gesellschaftsordnung für alle Mitglieder einer Gesellschaft zugleich ideal sein kann. Entsprechend disponierte LeserInnen können durch die Lektüre von Heterotopien zu dem Schluss kommen, dass somit jeder Gesellschaftsentwurf, der absolute Gerechtigkeit verspricht, angesichts des unvermeidlichen Widerstreits der Interessen und Weltanschauungen scheitern muss. Heterotopien beantworten die alte Frage nach der guten Gesellschaft also gerade dadurch, dass sie die implizite oder explizite Bestimmung eines inhaltlich definierten Gesellschaftsideals ostentativ verweigern. Durch diese Verweigerung postulieren sie eine lediglich formal bestimmbare gesellschaftliche Vision – nämlich die Vision einer radikalpluralistischen Gesellschaft, in welcher Konflikte zwischen inkommensurablen Positionen nicht gewaltsam aufgelöst werden, sondern, ganz wie es Lyotard in Der Widerstreit fordert, im vollen Bewusstsein ihrer prinzipiellen Unvermittelbarkeit ausgehalten werden.
In: → MÖGLICHKEITSDENKEN. Utopie und Dystopie in der Gegenwart,
hrsg.v. Wilhelm Vosskamp, Günter Blamberger u. Martin Roussel, München 2013

Es ist da! TEXT+KRITIK Nr. 236, Alban Nikolai Herbst.

edition text+kritik im Richard Boorberg Verlag, München 2022
Mit Beiträgen von
Hans Richard Brittnacher, Jost Eickmeyer, Christoph Jürgensen, Renate Giacomuzzi,
Phyllis Kiehl, Wilhelm Kühlmann, Albert Meier, Benjamin Stein
sowie ANH
Broschur, 93 S., 24 €
ISBN 978-3-96707-698-1
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Beinahe crashten Realität und Fiktion, doch Figur wie Person sind zu gute Fahrerinnen ODER Moto Guzzi V7 gegen Peugeot 504 auf dem Karst. Danach die erste Begegnung der Sídhe mit dem Lenz der Lydierin und daß er lange, lange nicht spricht. (Was er aber statt dessen tut). Briefe nach Triest 57, Neuschriften (6).

 

[Aus dem sechsunddreißigsten Brief:]

(…)

Dabei ist die direkte Luftlinie von Triest nach dem jetzt ebenfalls Kriegsschauplatz Odessa (meine Güte, „Schauplatz‟!) exakt die Nordgrenze des Balkans, auf dem der letzte und extrem barbarische Krieg Europas stattgefunden hat, dieser völkerschlachtende Bruderkrieg im da schon historisch gewordenen Jugoslawien. Was ich erwähne, weil es soeben zu einer zweiten Begegnung kommt, von der ich aber noch nicht weiß, ob sie – und wenn, welche – Bedeutung haben wird. Die Lydierin ist nämlich bereits sieben Kilometer weiter in die Ortschaft Basovizza hinein und von der ss14 abgebogen rechts, als ihr – zu den Seiten der zum Naturpark führenden einspurigen Straße buschhaft dichtstehende, doch hohe Schwarzkiefern und Zedern – Deine türkise V7 entgegenrast, die aber noch nicht zu sehen ist, doch dann aber plötzlich – … Du, im Geschwindigkeitsrausch hochkonzentriert, weit vorgebeugt, so daß Ihr in der weiten, ihrer Schmale wegen dennoch problematischen Kurve einfach nur Glück habt, nicht aufeinanderzuprallen. Denn die Lydierin rast ja genauso; Ihr habt nicht wenig gemeinsam, segensreicherweise genauso die virtuose Technik des Fahrstils. Typisch auch, daß keine von Euch hupt, Ihr guckt Euch kurz nur an, Bruchteile einer Sekunde, Du kannst durchs Visier und die Frontscheibe des Peugeot sehr gut sehen, die Lydierin durch Dein Visier aber kaum, schon habt Ihr Euch je zur Seite gerissen, die Seitenstreifen keine dreißig Zentimeter Waldboden Sand zwischen der weißen durchgezogenen Fahrbahnmarkierung und dem Busch- und Baumbestand, ein Eschenzweig peitscht Dir quer übern Helm, die rechte Seite des Wagens wird bleibend von einem fürchterlich ratschenden Ast einer Flaumeiche bleibend tätowiert … schon habt Ihr, Du das Lenkrad, die Lydierin den Lenker, zurück nach links gedreht und gelenkt und rast mit selbem Tempo weiter, die Lydierin in den Park, Du willst zurück nach Triest. So daß ich fragen einfach muß, mich selbst, denn Du wirst weiterhin Antwort nicht geben, was Du da oben gewollt hast – und mir ein ungeheurer Verdacht kommt. Hast Du vielleicht doch all meine, ich meine Lars’ens, Briefe gelesen, wußtest deshalb von Lenz – mal abgesehen davon, daß Eure Zeitungen bisweilen voll von ihm und der Mauer waren – weshalb Du ihn, vielleicht sogar schon vor Deiner Scheidung, auf einer Deiner Touren suchen gefahren bist, vielleicht sogar mehrfach? Meine Angaben waren doch nur ungenau, Grenzhäuschen, Karst, das konnte ganz von Lazaretto im Osten bis westlich hoch nach Rupa reichen.1 Du tipptest aber gleich auf Rosandra. Und fandest das Haus. Selbstverständlich verrietest Du nicht, wer Du warst; der zurückgezogene Mann hätte damit sowieso nichts anfangen können, ahnt von Lars und mir doch nichts. Aber jetzt wird klar, weshalb die Venere di Trieste – nochmals: nein! nicht die Brunnenfigur – Deine Körperformen, ja selbst Dein Gesicht hat. Und Lenzens Augen, sofort, als Du, die Moto Guzzi neben der Wiese auf ihren Ständer gehoben und den abgenommenen Helm einfach auf den Sitz gestellt und neben ihn die Handschuh gelegt, über den Sandweg herankamst, fingen bereits leicht zu brennen an, als knirschten Deine Schritte sich drin ein. – Du wolltest deutlich bleiben, sonst hättest Du nicht auch noch den Nierengurt gelöst und die schwere Jacke ausgezogen. Daß Du genauso stauntest wie er, verrietest Du nicht. Auch konntest Du an diesem Eremiten, als den Du ihn sofort empfandest, nicht die geringste Ähnlichkeit mit Lars erkennen, anders als mit mir, den Du aber nur von Fotografien her kennst. Es schwirrn ja genügend herum. Nur daß ich nicht entfernt so gebräunt bin.
Er hatte sinnend auf den drei Stufen gesessen, vor denen er später gefunden wurde; nun erhob er sich langsam. Dieses faltendurchfurchte, wittrungsgegerbte Männergesicht! „Sie also sind dieser Künstler … Il tedesco, nicht wahr?‟ Er zeigte nicht mal mimisch den Willen einer Antwort. „Ah, da ist auch die Mauer.‟ Die zweite war wahrscheinlich noch nicht einmal begonnen. Aber einer der in Arbeit befindlichen Steine lag dem Mann zu Füßen, noch Feldwacke eher als bereits Venus; daneben Meißel und Hammer. – Du standest vor ihm, er stand vor Dir. Immer noch ohne ein Wort wandte er sich um – genauso langsam, wie er aufgestanden war – und nahm die drei Stufen ins Haus hinein. Du hörtest etwas klirren, Glas, schien es, an Glas, dann leise ein Klätscheln, und er kam wieder heraus, ein Glas kühlen Wassers in der Hand, das er Dir reichte. Du nahmst es lächelnd entgegen. O dieses Lächeln! Nein, nicht die Spur eines Flirts, des Mannes Innenwelt viel zu entfernt. Doch spürtest Du, ein Teil von ihr zu sein, angekommen irgendwie, ohne daß es gefährlich war. Also ja, Du warst wohl noch verheiratet. Einem nächsten Lars hättst Du sofort den Rücken gekehrt, selbst noch vier oder fünf Jahre später. – Er setzte sich auf die Stufe zurück, nahm den Wackerstein auf, drehte ihn in den Händen, was Kraft kostete. Die Adern traten auf den Handrücken vor. So also doch noch ein wenig Erotik, die wahrscheinlich aber nicht er spürte, sondern alleine Du. Das Wort „alleine‟ trifft es genau. Weshalb s i e der Grund nicht war, aus dem Du weiterhin dableiben wolltest. Er hob sein Gesicht wieder an, sah Dich an, sah dann den Stein wieder an. Wieder Dich, dann den Stein, wieder Dich. Legte ihn zurück auf die Erde, hob eine Hand, bedeutend, Du mögest so stehenbleiben. Erhob sich erneut, schritt erneut in das Haus, kam erneut zurück, nun mit einem Zeichenblock und einem Stumpf Kohle, Dir abermals bedeutend, daß Du stehenbleiben mögest, so, genauso wie jetzt, und nicht Dich bewegen. Du tatest ihm den Willen. Er fing an zu skizzieren. Doch nach einer halben Stunde schlief Dir das rechte Bein ein. „Entschuldigen Sie, aber es wäre schön, bekäm ich ein Glas Wein.‟ Da mußte er lachen, skizzierte indes weiter. „Mein Bein ist eingeschlafen.‟ Er lachte erneut, nun aber leiser. Dann seufzte er kurz, sah Dir in die Augen, seufzte ein zweites Mal und legte den Block mit der Kohle zu Hammer und Meißel. „Na gut‟, war das erste, was er sprach.

(…)

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1 Hier eventuell ein „allerdings‟ einfügen: daß man vom Grenzhäuschen eine Stunde wandern muß, um von oben nach unten aufs Meer zu schauen, über Triest hinweg. Das geht befriedigend nur an wenigen Stellen.

DIE DSCHUNGEL FÜR SMARTPHONE- & SAFARINUTZER: Neue URL. (Anstelle eines Arbeitsjournals).

Liebe & weniger liebe Leserinnen und Leser,

seit einiger Zeit läßt sich Die Dschungel auf Smartphones nicht mehr oder nur kaum noch lesen. Einstweilen nutzen Sie deshalb für Ihre Mobiltelefone bitte den folgenden Link (und bookmarken ihn am besten):

https://t1p.de/Dschungel-Anderswelt

Von der sich dann öffnenden Dschungelsite läßt es sich auch auf den Smartphones bequem navigieren. (In irgendeinem der nun schon nach mehreren Tausend zählenden Beiträge steckt, wahrscheinlich in der Überschrift, ein Bug, der es für Smartphones nahezu unmöglich macht, die eigentliche Startsite aufzurufen (von Laptop und Standcomputer aus funktioniert es hingegen, braucht aber sehr lange, um zu laden); nur diese Startsite ist auch betroffen. Der Hintergrund ist, daß, wenn Sie die Startsite (dschungel-anderswelt.de) aufrufen, stets s ä m t l i c h e Beiträge, also diese vielen tausend, aufgerufen werden – was den Arbeitsspeicher eines Smartphones schlichtweg überfordert. Soviel wissen die Fiktionäre unterdessen, fanden aber eben den Fehler noch nicht, und ich selbst habe wegen der Triestbrief-Romanarbeit — ich könnte momentan von morgens bis abends einfach nur durchschreiben, so sehr sprießen die Ideen — nicht die Zeit, ihn tage-, möglicherweise wochenlang zu suchen, und schon gar nicht die Lust. Mein Masochismus hat auch ohne dies deutliche Grenzen.)

ANH, Berlin
7.46 Uhr

Das Arbeits- und Triestjournal des Sonntags, den 7. August 2022. Briefe nach Triest 54: Weitere Konstruktionspläne.

[Arbeitswohnung, 11. 16 Uhr
Britten, Cello Symphony]
Um zehn nach sechs hoch, seit zehn nach halb sieben am Schreibtisch und sogleich an die Triestbriefe. Erstmal wiederlesen, was gestern entstand, paar Korekturen usw., dann erst durch de Zeitungen geschaut, um acht Johhurt mit frischen Johannisbeeren, die Göttinseidsank preiswert geworden sind, Rasur, Bad, ankleiden, Krawatte binden und auf Instagram meine Krawattenserie weiterspielen, erneut an den Roman. Über eine Idee mußte ich nachdenken, weshalb gleich zweie aus ihr wurden, die ich zwar jetzt ausführen kann, aber sie müssen bereits sehr viel weiter vorn im Text angelegt werden. Also in der Notatdatei vermerkt, die in den Ordner “Triest MATERIALIEN” ebenso gehört wie Personen- und Charakterlisten, Spielorte, Fahrt- und Gehzeiten von einem Ort zum andern usw. Geoglemaps&Earth erweisen sich als große Hilfen, doch müssen alle von dort hergenommenen Angaben selbstverständlich verifiziert, die Orte also besucht und in eignen Augenschein genommen werden.
Ich bin jetzt voll in der Konstruktionsphase, der umso mehr Zeit zu geben ist, als die Personen und teils auch Räume im Roman teilweise ineinander verschleifen; was ich also stilistisch tue, wiederholt sich im Raum, ebenso, wie mitten im Satz ein Gesicht von einem anderen überblendet werden kann, um vielleicht auf einen noch dritten überzugehen und dann wieder zurück. Hier steht nun wirklich alles im Licht der Möglichkeitenpoetik (die ein Aspekt des kybernetischen Realismus ist); dennoch soll der Text selber dokumentarisch noch da wirken, wo er der Phantastischen Literatur zugehört. Wobei es mir gestern riesige Schwierigkeiten bereitet hat, den Ukrainekrieg in die Erzählung mit hineinzunehmen. Ich erzählte, liebste Freundin, Ihnen schon, daß dies unumgänglich für mich ist. Zwar schreibe ich in einem zuweilen Elfen-, doch niemals Elfenbeinturm.
Und neue Listen waren anzulegen, etwa der Wohnorte:

Dann mir die Gehzeiten ausrechnen lassen und mit in die Grafiken kopiert. Was mir jetzt noch fehlt, sind Ergänzungen zur Personenliste, die darüber hinausgehen sollten, ob jemand blond oder dunkel-, bzw. rothaarig wie Yōsei ist — eine meiner, spüre ich, bislang schönsten Findungen. Von ihr habe ich aber auch das konkreteste Bild vor Augen, während mir Lars’ens und Geralds noch zu sehr verschwimmen; das gilt nicht für Sarah, aber ebenso für Judith. Deshalb will ich mir heute Urbilder suchen — etwa soll der späte Lenz wie Ezra Pound ohne Bart aussehen, die Lydierin ein bißchen wie Daliah Lavi (die ich als Jungendlicher angeschwärmt habe), und Wiebke gebe ich vielleicht Marie Ntschotschi Versini, allerdings mit hellem Haar, indes der Briefautor tatsächlich meine Physiognomie haben soll, doch andere Lebensumstände als ich. Die Aufspaltungen, die er mit der Sídhe poetisch vornimmt, wiederholen sich auf der realen Ebene auch mit den anderen Personen, sogar mit ihm selbst. Die Fiktion strahlt auf die Wirklichkeit aus. Für das Romanverfahren der Triestbriefe ist dies fundamental. Sie mögen in ihrer Anlage, auch im — wenngleich melancholischeren — Stil an “Meere” und “Traumschiff” erinnern, greifen indes radikal auf die Verfahren zurück, die von der “Verwirrung des Gemüthsüber “Wolpertinger oder Das Blau” in die “Anderswelt“-Bücher geführt haben, schließen an sie also an (und probieren indirekt schon einmal aus, was mir den Friedrichroman stilistisch ermöglichen könnte)[1]Jeder Roman ist die Vorarbeitung zu einem nächsten, keiner bleibt geschichtslos..

Soweit meine Überlegungen und Ansätze von heute. Aber bitte, Freundin, nageln Sie mich nicht fest; es kann sich noch sehr viel ändern von der hoffentlich bald fertiggestellten Ersten zur Zweiten Fassung, der nach meiner Erfahrung auch noch eine dritte folgen wird, nachdem allen ein sogenannte Rohling vorausgegangen war, als den Sie bezüglich der Triestbriefe die vom 19. 11. 2014 bis zum 20. 1. 2015 erschienenen → ersten Veröffentlichungen in Der Dschungel ansehen können. Schon jetzt sind die Unterschiede nicht nur stilistisch extrem.

So, weiter.
ANH

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Triestbriefe 53 <<<<<
[Britten, Sinfonia da Requiem]

References

References
1 Jeder Roman ist die Vorarbeitung zu einem nächsten, keiner bleibt geschichtslos.
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