Werner Osts gedacht. Am Freitag, den 25. November 2022, statt eines Arbeitsjournales geschrieben.

Werner Ost, verstorben vor zwei Tagen in Frankfurt am Main.


Ich sah ihn zuletzt schwer erkrankt auf der → Buchmessenpräsentation der edition Faust im Papageno, Frankfurt am Main. Einen wirklich persönlichen Kontakt hatten wir nie, sahen uns zwar zuweilen, doch zu einem intensiven Austausch von Ideen, Haltungen, Poetiken kam es nicht. Doch dies beiseite. Denn schon, als er noch die edle Zeitschrift BÜCHNER herausgab, nahm er kleinere Arbeiten von mir darin mit auf.

Meine besondere Hochachtung aber galt ihm als dem, mit seiner Gefährtin Ulla Bayerl, hochklugen Gründer und Herausgeber des – unterdessen wahrscheinlich das bedeutendste des deuschen Sprachraums – enorm qualitativen Online-Kultur&Kunstmagazins Faust Kultur, dessen, um ein Modewort zu verwenden, das seinerzeit noch nicht in dem banalen Schwang war, Diversität alles in den Schatten stellt, was dergleichen sonst im Internet sich finden läßt. Heute kann es aufs leichteste mit den gedruckten Feuilletons von FAZ bis ZEIT nicht nur konkurrieren, sondern überflügelt sie. Was auch damit zusammenhängt, daß Werner Ost offenbar seiner Plattform den Generationenwechsel mindestens insofern zunutze gemacht hat, als er bedeutende Denkerinnen und Denker auch der älteren Generationen um sich versammelt hat und ihnen ein Podium gab, das ihnen die Zeitläuft’ hatten entzogen. So klingen deren Stimmen weiterhin und sorgen auch für eine, im guten Sinn, konservative Kontinuität, anstelle hinter jedem ausgepupsten Hype sofort einherzuhecheln, um ihn dann auch noch einzuatmen.

Auch davor, daß Ost es eben nicht tat — nie mittat —, verbeuge ich mich.

ANH
25. November 2022

“Les lys du jardin sont flétris”: Die Dame Apollinaires. Kleine Poetiken (7).

 

La Dame

Toc toc Il a fermé sa porte
Les lys du jardin sont flétris
Quel est donc ce mort qu’on emporte

Tu viens de toquer à sa porte
Et trotte trotte trotte
Trotte la petite souris

Die Dame

Tock tock Er hat geschlossen seine Tür
Die Lilien des Gartens sind verblüht
Wer ist, den man tot trägt herfür

Du klopftest doch grad noch an seine Tür
Und husch husch husch
Die kleine Maus entflieht

Ach sie kam und wollte ihn sehen, nur wieder sehen, ihre späte Liebe vielleicht, vielleicht ihre Jugendliebe, oh die Gärten, in denen sie saßen! Beieinander vielleicht auf einer Bank, die wie in die Buchsbaumhecke hineingeschnitten, von der Buchsbaumhecke überwachsen war, einer Laube Gartenséparée, kann sein, hinterm Heim, kann sein, hinterm Haus seiner Eltern, und sein Bubenduft mischte sich so herrlich mit dem herben Geruch von Holz und Erde und Blättern – jedenfalls muß sie jetzt, im Alter, immer wieder daran denken. Sie weiß ja auch nicht, ob er, dieser Alte, wirklich der Junge von früher ist, aber das Lächeln, dieses sein Lächeln! Ach, es ist das gleiche, also will sie, daß es dasselbe ist. Sie hat es schon gewollt, als er zum ersten Mal in den Speisesaal kam. „Saal“ ist dafür ein übertriebenes Wort, aber die Pfleger nennen den Raum so, in dem die Holztische stehn und Stühle mit hellblauen Plastiklehnen, auf denen nehmen sie alle Platz, bevor der nette Zivi aus einem tiefen silbernen Suppenkessel, der herangerollt wird, ihnen den Schlag in die Teller tut, und sie löffeln den Eintopf heraus. Der Pfeffergeruch. Drei Moosröschen auf jedem Tisch. Ihrem Nachbarn rinnt ein Speichelfaden aus dem Mund und haftet ihm am Kinn, allezeit, während er ißt. Ja, sie sieht das sehr wohl. Aber auch sie hat ein Zittern in den Händen, man kann beim Essen nicht ständig in den Spiegel sehn. Sie weiß es, ja, doch was soll sie tun? Deshalb denkt sie darüber nicht nach, sondern lächelt gegen den gar nicht schlimmen, aber lästigen Schmerz im Kreuz an. Im Garten ist das alles immer so anders gewesen, als er hereintritt, tapperig und ein wenig verwirrt, aber lächelnd… es ist dieses Lächeln, oh sie hat es so viele Jahre nicht mehr gesehen, der Bub war ja fort irgendwann, es hat keinen Abschied gegeben, und sie hatte ihn über die Jahrzehnte vergessen… War damals nicht Krieg? Es muß Krieg gewesen sein damals. Ach er hat sich gar nicht verändert! Plötzlich fällt er ihr alles wieder ein, wie hieß er nur? Michel oder Pierre oder Jürgen, der Name ist einerlei. Der Pfleger führt ihn am rechten Arm langsam durch den Raum, sie kann den Blick von Pierre nicht lassen. Und wirklich, ihr genau gegenüber, der Platz, er ist frei, aber noch andere Plätze gibt es, neulich ist Madame Helvet gegangen, dann ging Madame Goltz, dann Monsieur Verdère, sie gehen alle eine nach dem anderen und machen dabei nur sehr selten Lärm. Noch selten sagt wer Lebwohl; morgens, plötzlich, im Speisesaal, bleibt wieder ein Platz frei. Sie könnte sich fragen, ob man vorher etwas spürt, ob man es ahnt, aber sie möchte es sich nicht fragen, und sie weiß, es fragt sich das niemand. Da nimmt der Junge Platz, ja, ihr gegenüber, der Pfleger schiebt ihm den Stuhl zurecht. Ach wie er aufsieht! Ach wie er lächelt! Sie wagt es und lächelt zurück. Und nachmittags gehen sie zusammen in den Garten, einen kleinen Park, da ist diese Laube, die Buchsbaumhecke, und sie weiß erst jetzt, daß schon damals der Garten nach Abschied roch, nach einem herben süßen duftenden Abschied. Doch sie waren so jung, sie hielten den Duft für Verheißung, und das war er damals ja auch. Heute ist er Erinnerung. Da nimmt der Junge zum ersten Mal ihre Hand. So sitzen sie und schweigen. Und am nächsten Tag sitzen sie da wieder und schweigen, und wieder hält er ihre Hand. So sitzen sie über Wochen, und dann kommt der Herbst.
Sie ist unruhig. Sein Lächeln. Seine Hand. Sein Lächeln. Sie schaltet die Nachttischlampe an. Irgendetwas sitzt in den Bommeln, die vom Netz hängen, das über den Schirm geworfen ist. Irgendetwas klingelt in ihnen. Sie haben noch niemals geklingelt. Sie schaut zur Uhr, es ist halb eins in der Nacht. Oh, sie möchte zu ihm. Und sie erhebt sich, es ist nicht mehr leicht, sich aus dem schweren Bettzeug aufzurichten. Aber sie spürt, daß es sein muß, und sie schafft es, schafft es wieder einmal allein. Noch ist sie zu stolz, um zu schellen. Sie zittert in die Puschen, sie zittert sich in den Morgenmantel und tritt auf den Gang. Irgend etwas ist geschehen. Sie geht zu seiner Tür. Das hat sie noch niemals getan. Einen ganzen Stock höher. Sie klopft. Sie klopft noch einmal, er gibt keine Antwort. Sie hört Geräusche von draußen, von unten, eine Autotür vielleicht, es gibt Licht auf dem Hof.
Sie schlurft zum Fenster. Es ist ein weißer Wagen mit menschenlanger Ladefläche. Ein Sanitäter steht dort vor den Doppeltüren und raucht. Zwei weitere Sanitäter erscheinen, die die Bahre tragen. Louis, der netteste der Pfleger, ist bei ihnen und begleitet die Bahre, bis sie in dem Auto verschwunden ist. Leise werden die Wagentüren geschlossen. Die Männer sprechen miteinander wie stumm, ein Nicken, der eine Sanitäter tritt die Zigarette aus auf dem Kies. Der nette Louis unterzeichnet auf einem Clipboard ein Papier.
Sie dreht sich zurück, sie will den Wagen nicht fortfahren sehen. Sie klopft noch einmal an dieser Tür. Sie bleibt verschlossen, alles bleibt still. Nur etwas Kleines drängt sich unterm Spalt hervor, drängt sich hervor und rennt und flitzt, den ganzen Gang flitzt es huschhuschhusch entlang und verschwindet, sie weiß es, im Himmel. Ach! Nun hat sie auch ihm nicht Lebwohl sagen können. Doch sie weiß, er hat gewartet auf sie, hat auf ihr Klopfen gewartet, dann sich auf das Mäuschen geschwungen, um sie noch einmal, im Verschwinden, huschhuschhusch zu sehn.

Meine Damen und Herren, voilà: Guillaume Apollinaire! Als der Dichter, dessen kleines Gedicht „La Dame“ sich in der Sammlung „Alcool“ findet, 1918 starb, war der Einfluß, den er auf seine Zeitgenossen hatte, kaum zu ermessen. Aber sogar noch 1953 schrieb René Char: „Jeden Tag fährt Guillaume Apollinaire fort, für uns, unerschöpfbar, in dem hermetischen Block, der Paris ist, königliche Straßen zu brechen, wo die Frauen und die Männer Frauen und Männer mit transparentem Herzen sind.“ Oder alte Herren. Oder alte Damen. Manche Lilien verblühen nicht.

La Dame

Toc toc Il a fermé sa porte
Les lys du jardin sont flétris
Quel est donc ce mort qu’on emporte

Tu viens de toquer à sa porte
Et trotte trotte trotte
Trotte la petite souris

Die Dame

Tock tock Er hat geschlossen seine Tür
Die Lilien des Gartens sind verblüht
Wer ist, den man tot trägt herfür

Du klopftest doch grad noch an seine Tür
Und husch husch husch
Die kleine Maus entflieht

Kleine Poetiken 6 <<<<

Über erheblich jüngres Gestein ODER Die Geschichten fließen. Jan Kjærstad zur, indes nicht nur, Poetik der Romane.

 

 

 

Die Geschichten fließen voneinander fort und aufeinander zu. Nicht zufällig hat bei der Weiterentwicklung der klassischen literarischen Form xiãoshuō sowie bei der eher erkenntnis-theoretischen gùshi wén der Einfluß gewisser geologischer Formen eine Rolle gespielt. Genau wie die Erde befinden sich auch die großen Erzählungen in langsamer Veränderung, und besonders nach den erschütternden Erfahrungen in Zusammenhang mit Punkt Y war es natürlich, nach narrativen Parallelen in geologischen Prozessen zu suchen. So wurde zu zeigen versucht, wie Geschichten — und insbesondere Familiengeschichten — sich erheben und wieder einbrechen, sich verschieben und kollidieren, gespalten und wieder zusammengeschweißt werden. Auch auf der erzählerischen Ebene können Verwerfungen und Rißbildungen entstehen, auch Berichte können kräftig verformt und gefaltet werden. So, wie wir von Sedimentgestein sprechen, laäßt sich auch von sedimentierten Geschichten sprechen etc. Alles das ist übrigens in Überseinstimmung mit der bereits erwähnten Vorstellung der jiãoshī de mìngyùn zu sehen, einem Verständnis für die Verflechtung von Schicksalen.

… vergleichbar, wie die geologisch beeinflußte Erzähltheorie uns lehrt hat, einer älteren Felsschicht, die sich über erheblich jüngeres Gestein geschoben hat.

Jan Kjærstad, FEMINA ERECTA, 346 & 446
Dtsch. v. Bernhard Strobel

 

 

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Neu auf Intellectures.de: “Vom Schreiben besessen”. Thomas Hummitzsch zu ANHplusWerk.

 

[Der aus Anlaß des langen, → in VOLLTEXT abgedruckten Gespräches
noch einmal
neu gefaßte und ergänzte Artikel aus TIP Berlin
vom Februar 2019]

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Dito bei >>>>

“Kunst ist nicht relativ.” Statt eines Arbeitsjournales ein paar poetologische Anmerkung zum Krebstagebuch und zur Nefud. Mittwoch, den 3. Juni 2020: Krebstag 36, Chemo II/2.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Allan Pettersson, Erstes Streicherkonzert]
[Vorschlafs nach quer liegenden Brustschmerzen 30
Tr Novamin plus 3 THC. Mit knappen Zweistunden-Unterbrechungen bis fünf durchgeschlafen und
– ab-
gesehen von einer sehr leichten Übelkeit, die an

eine kosmisch-persönliche Hintergrundstrahlung er-
innert – beschwerdefrei aufgestanden. In die Morgens-arbeitsklamotten, Latte macchiato, Schreibtisch.]

Erster Tag nach den → Chemo-II-Infusionen. Schon auf während der letzten zwanzig Minuten des knapp einstündigen Spaziergangs in die Praxis hat Li mich zu quälen begonnen, ein stegender, nach links und recht querer Schmerz, der nicht nur das Herz sich melden läßt (das aber de facto gar nicht betroffen ist), sondern auch das Gefühl vernittelt, daß man bald schon nicht mehr atmen könne. Es ist dies Einbildung, der Körper interpretiert lediglich sein ungewohnt schnelles Erschöpftsein — von einem Spaziergang, ich bitt’ Sie! kaum vier Kilometer sind es hin … Oh werde Liligeia deshalb schreiben, wollte es eigentlich eben schon tun, doch wäre der Brief nicht rechtzeitig fertig, um vor meinem heutigen Aufbruch, in zweieinhalb Stunden nämlich, bereits gelesen werden zu können. Auch Sie bekämen ihn frühestens am Nachmittag zu lesen, muß und will aber in dieser metaphorisch wüsten Zeit für eine kontinuierliche Leserinnenschaft sorgen, weil nur gelegentlich hier StöberndInnen die Anschlüsse entgehen müßten, die zum Verständnis, vor allem aber dem viel wichtigeren mitfließenden Fühlen notwendig sind. Es geht um eine poetische Komplexität, die sich mit der Komplexheit der Welt so auszubalancieren versteht, daß diese beiden Kinder auch Freude an der Wippe haben. — Wie dem nun sei, auf jeden Fall muß ich um Viertel vor neun aufs Rad, um ins Virchowklinikum der Charité zu radeln und mir dort auf Faisals, ich meines Onkologen Jostings, Rat hin Matthias Biebles Zweitmeinung einzuholen, wobei es mir eigentlich nur darum zu tun ist, mich für eine bestimmte Operationspraxis zu entscheiden, nachdem ich je Vor- und Nachteile abgewägt habe. Allerdings ist mir klar, daß darüber imgrunde erst gesprochen werden kann, wenn die letzte CT vorliegt, wie also wissen, ob Li sich operationswillig gezeigt hat … na gut, “willig” ist ein sicher nicht angemessenes Wort; imgrunde nötige ich sie. Jedenfalls werde ich ab Viertel vor neun erstmal weg sein; nach Professor Biebl muß ich auch noch zu Josting, um die Pumpe abzugeben, die ich seit gestern wieder am Körper trage, damit zur Tränkung Lillifees das Mittel nach und nach in ihn geträufelt werden kann.

Poetologisch also diese Anmerkung:
Was mich ein wenig schmerzt, ist, daß ich mit einem Prinzip brechen muß, das, abgesehen vom sehr bewußten und als Abwesenheit konstruierten “Fall Buenos Aires”, meine Arbeit grundlegend mitbestimmt hat: nämlich, egal, wie phantastisch des fertige Gebilde anmuten möge oder auch sei, nur von Orten zu erzählen, die ich tatsächlich gesegen, erlebt, in denen ich getrunken, gegessen, geliebt, mich vielleicht geprügelt habe, gleichviel. Ich muß mich mit ihm real ausgetauscht haben. Bevor wir etwas schreiben, sollten wir mit einer Hand die Erde berühren, am besten mit ihrer ganzen Fläche.
Dies werd ich nun nicht tun könnne, dort — in Aqaba, auf das doch alles hinauszulaufen scheint. In Aqaba wird die große Krebs-Operation stattfinden; gleichgültig, ob das Klinikum Sana oder Charité heißen wird oder gar MHH; auf metaphorischer Ebene wird es in Aqaba die Große Vereinigung geben, auch wenn es eine chirurgische Trennung sein wird; das gestern → dort eingeschleuste Venusbergmotiv macht es nur allzu deutlich. Vergessen Sie, Freundin, nie daß das erotische → Verschmelzungsmotiv ein Übergangsbereich vom Leben in den Tod ist, (“romantisches”) Todesmotiv eben auch.

Normalerweise jedenfalls suchte ich mir jetzt sofort einen Flug heraus, buchte ihn und recherchierter in der Stadt dreivier Tage lang nach den möglichen Spielorten udn dem, der es dann wirklich wird. Erst dann kann ich micht auf meine poetische Wahrheit verlassen. Nur, jetzt ist mir genau dies nicht möglich, zum einen der ja doch weiterhin laufenden Reieeinschränkungen coronahalber, zum anderen weil ich es nicht riskieren mag, irgendwelcher nicht vorhersehbaren Verzögerungen wegen die Chemotherapie unterbrechen zu müssen. Auch wäre schon zu wenig Zeit für eine Planung unter schlichten Alltagsbedinungen. Denn die OP soll ja nun schon im Juli stattfinden.
Gut, falls aus diesem Tagebuch ein tatsächliches, also materielles Buch entstehen sollte (Anfragen erreichten mich schon), was ich allerdings vom Ergebnis der Therapie abhängig machen will, werde ich die Reise nachholen könndieen, um daraufhin den Text insgesamt zu modifizieren, schon weil sich auch im Fall der FENSTER VON SAINTE CHAPELLE gezeigt hat, daß ein ästhetisch angemessener Übergang von Netz- zu Buchliteratur solcher Eingriffe dringend bedarf. Es ist nicht egal, in welchem Medium was und wie erscheint.

Weiters.
Metaphorik und “Realität” müssen im Krebstagebuch gleichwertig nebeneinander herlaufen, also die Fiktion der Metapher und die Fiktion der Realität; sie können und sollen austauschbar werden (nicht zu verwechseln mit der Realität-“selber” und der der Fiktion, die Geschichte, in die jene überführt wird – wobei diese, die Geschichte, so wenig voraussetzungslos ist wie der Krebs; beide haben lang zurückreichende Ursachsverläufe. Deshalb erzählte ich einen Film nach und erfinde keinen neuen). – In jedem Fall müssen die Ebenen der Erzählung nebeneinander gleichberechtigt dastehen, die Chemo als Wüstendurchquerung, die Briefe an die Krebsin und ihre Nachtbillets an mich, die bisweiligen nicht-verwandelnden – herkömmlichen, quasi – Arbeitsjournale. Jedes dieser Elemente soll von selber Wahrhaftskraft, “Wahrhaftigkeit”, sein (also die Illusion eines inneren tatsächlichen Geschehens auslösen, etwa, als sähen wir uns einen Spielfilm an); darüber hinaus sollen und müssen sie möglichst organisch ineinander übergehen können, ohne harte Schnitte: kein Cutup, sondern Modulation (Musik also, wie bei mir quasi immer; bildl.: Collagetechnik der unsichtbaren Klebung). Und indem ich die Chemotherapie – wie die, nun jà, Erkrankung (ich habe meine Zweifel; es könnte der Anfang einer Art Gesundung sein, die mir noch bis vor kurzem spinnefremd gewesen) – als ein Abenteuer begreife, muß ich eben auch begriffen haben, was ein Abenteuer ist: nämlich vor Hunger auf das Leben (eine Freundin schrieb mir zurecht von ihrer “Gier”) bewußt ein Risiko einzugehen, das den eigenen Tod mit einschließt. Genau das ist meine Ausgangssituation seit der Diagnose. Von ihr aus ein Abenteuer zu gestalten, das mit, nicht gegen den Tumor agiert, es zumindest unternimmt, weist mit Würde von sich, daß man ein Opfer sei. Wir sind es, Opfer, nicht; es sei denn, daß wir’s wollen. Was es leider, häufig, gibt.

Doch dazu, zum “Opfer”, schreibe ich Liligeia getrennt. Jetzt muß erst einmal wieder aufgesessen werden. Vor uns liegt der zweite Höllenkreis der Nefud, von dem zumindest soviel bekannt ist, daß er sehr viel heißer noch als der erste sei und Wasser noch viel seltener. Bis zum Abend müssen wir es auf den Paß der جبال الدم, “chiwal’odammi“, geschafft haben: Wir würden “des Blutgebirges” sagen, ein Name, bei dem einem schon ein bißchen mau zumute werden dann. Davon indessen später erst mehr.

Ach so, seit der Chemo gestern ein seltsames Kratzen im Hals, wann immer ich seither was trinke. Nur dann – nicht beim Essen, also Schlucken. Als rieben sich mit hoher Geschwindigkeit aufgebrochene, so sehr kleine Körner, daß ihre Minischeite nur um so spitzer sind, an miner inneren Speiseröhre. Seltsam. Wäre eine “Nebenwirkung”, von der ich noch nirgens gelesen habe. Nachher abklären. Jetzt aber erst einmal dieses durchkorrigieren, dann einstellen, mich umziehen und ab aufs Rad: nämlich zugleich mit den Gefährten in der Nefud. Simultanität ist ein poetisches Grundgesetz; deshalb hat ihre, der Dichtung, Wahrheit immer etwas Zeitloses an sich. Kunst ist nicht relativ.

ANH

Vergleiche. Von Nabokov. Nabokov lesen, 37.

 

Wir sagen von einer Sache, sie sei wie irgendeine andere, wenn wir doch etwas zu beschreiben begehren, das im Grunde mit nichts auf der Welt vergleichbar ist. Gewisse Vorstellungen sind uns vom Zeitbegriff so verfälscht worden, daß wir schließlich an das tatsächliche Vorhandensein eines dauernd sich verschiebenden hellen Bruchs (des Punktes der Wahrnehmung) glauben, des Bruchs zwischen unserer retrospektiven Ewigkeit, die wir nicht zurückrufen, und der prospektiven Ewigkeit, von der wir nichts wissen können.
Vladimir Nabokov, Das Bastardzeichen
Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

[Poetologie]


Siehe auch → dort.

>>>> Nabokov lesen 38
Nabokov lesen 36 <<<<

Nabokov lesen, 31
EXKURS II
Poetik der Nichtmoral,

derzufolge, wie Borges erklärt, ein Dichter unmoralisch werden müsse, der sich von seiner Autobiographie lösen will. Nur dann könne für die Öffentlichkeit (Sie mithin, meine Leserin) der Trennprozeß von Werk und Prozeß eingeleitet werden.
Schon für die junge Moderne war es freilich fraglich, ob diese Trennung denn wünschenswert sei und nicht sogar unzeitgemäß. Ich füge hinzu, es sei das Eigene (Autobiographische) dergestalt nicht nur zu erhalten, sondern künstlerisch in Bewegung zu setzen, daß es das eines Anderen werde, eines, das nur in der Kunst existent ist, so daß es sich mit ihren Rezipienten verbinden kann, ohne daß in ihrer Gesamtheit die persönlichen Erinnerungen und oft nur unbewußte Prägung der Künstlerin und des Künstlers, also die je individuelle Werdung, ebenso mit übernommen werden müßten, ja: auch nur könnten. Denn das Abgebildete (Geschilderte, Gesungene, Gemalte, Musik sowieso) ist immer nur BILD: Ceci ne pas une pipe — doch Pfeife mehr, in diesem Sinn, als jede einzelne “wirkliche”. Zugleich, weil eben abstrakt, viel weniger. Dieses, die Gleichzeitigkeit des Mehren und des Wenigers, ist zu gestalten und vorher wohl zu denken. Die sinnliche Abstraktion — eben das ist Kunst und also auch die Dichtung — überträgt den Eindruck der Pfeife, den die Rezipienten mit je ihrer Pfeifenerfahrung verbinden, einer, die die Urheberin und der Urheber des Bildes gar nicht haben konnten, als ihr Werk geschaffen wurde. Genauso geschieht es auch der individuellen, im Kunstwerk übermittelten persönlichen Erfahrung, etwa der, die Nabokov vielen seiner Figuren mitgibt auch dann, wen sie sich eklatant von ihm selbst unterscheiden, ja er sie sogar ablehnt oder sonstwie nicht mag. Die individuelle  Autorenerfahrung, die allerpersönlichste Erinnerung, amalgamiert mit allgemeiner (die es so wenig gibt, wie das, was das Kunstwerk gestaltet; gerade das “allgemein” ist abstrakt, nämlich die Summe aller möglichen Leserinnen- und Lesererfahrungen, die Rezipienten in ihre Lektüre schon mitbringen).

Ein Weiteres ist der Unterschied von “unmoralischem” und nichtmoralischem Schreiben; letztres sagt nur, daß Moral für Kunst kein Kriterium ist — und sein auch nicht dürfe —, indessen das erstre meint, es sei moralische Übertretung im Kunstwerk intendiert. Nur ist selbst Intention ästhetisch schon heikel, alleine deshalb, weil sie auf einen Zweck außerhalb der Form schaut.  Unmoralisch zu schreiben, wäre eben moralisch; es setzte die Unmoral gegen die Moral ab, die ihm dann zur Folie würde, was diese geradezu zur Voraussetzung des Kunstwerkes machte. Hingegen darf sie schlicht keine Rolle spielen — eine Auffassung, die Nabokovs entspricht. An Romane, Erzählungen, Bilder moralische Kategorien anzulegen, verfehlt die Literatur.

Interessanter aber ist Borges’ Schönheitsbegründung, die aus seiner poetischen Verweigerung des Postulats resultiert, Kunst habe gesellschaftliche oder Aufgaben sonstiger Art zu erfüllen, solche, die jenseits der äthetischen lägen: Wenn es etwas Verbindliches gebe, dann die Verwandlung von Unglück in Schönheit. Das Glück hingegen bedürfe ihrer nicht, es sei schon schön für sich — etwas, worüber niemand hinausgelangen könne. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Verschönerung (“Erhöhung”) des Glücks will Schönheit noch schön übermalen. Das Ergebnis ist seine Reduktion, nämlich — Kitsch.

[Bild ©: → Wikipedia]

Indem wir glauben, etwas noch schöner machen zu können, wird es kleiner, als es ist, und also wird es erniedrigt. Was göttlich war, wird banal.

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[Poetologie]

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