Hinreißende Darstellung dessen, was meine Prosadichtung versucht: André Vollmer, Kiel 2016.

Im Netz gefunden:

Frei herunterladbar → d o r t . [Dazu, offenbar eine Vorarbeit, → dieses in der Gestalt einer da noch – was sich der Wissenschaftler untersagt – wertenden Rezension aus demselben Jahr.]

***

DIE DSCHUNGEL FÜR SMARTPHONE- & SAFARINUTZER: Neue URL. (Anstelle eines Arbeitsjournals).

Liebe & weniger liebe Leserinnen und Leser,

seit einiger Zeit läßt sich Die Dschungel auf Smartphones nicht mehr oder nur kaum noch lesen. Einstweilen nutzen Sie deshalb für Ihre Mobiltelefone bitte den folgenden Link (und bookmarken ihn am besten):

https://t1p.de/Dschungel-Anderswelt

Von der sich dann öffnenden Dschungelsite läßt es sich auch auf den Smartphones bequem navigieren. (In irgendeinem der nun schon nach mehreren Tausend zählenden Beiträge steckt, wahrscheinlich in der Überschrift, ein Bug, der es für Smartphones nahezu unmöglich macht, die eigentliche Startsite aufzurufen (von Laptop und Standcomputer aus funktioniert es hingegen, braucht aber sehr lange, um zu laden); nur diese Startsite ist auch betroffen. Der Hintergrund ist, daß, wenn Sie die Startsite (dschungel-anderswelt.de) aufrufen, stets s ä m t l i c h e Beiträge, also diese vielen tausend, aufgerufen werden – was den Arbeitsspeicher eines Smartphones schlichtweg überfordert. Soviel wissen die Fiktionäre unterdessen, fanden aber eben den Fehler noch nicht, und ich selbst habe wegen der Triestbrief-Romanarbeit — ich könnte momentan von morgens bis abends einfach nur durchschreiben, so sehr sprießen die Ideen — nicht die Zeit, ihn tage-, möglicherweise wochenlang zu suchen, und schon gar nicht die Lust. Mein Masochismus hat auch ohne dies deutliche Grenzen.)

ANH, Berlin
7.46 Uhr

Ob sie sich wohl traut? ODER: Zur erschröcklichen Masturbation.

Eigentlich darf mir “Frau Walls” nun aus urheberrechtlichen Gründen noch eine anwaltliche Abmahnung hinterherschicken:

 

Stephanie Walls <no-reply@myecommerce.biz>
Mo, 31.08.2020 08:51

Schönen Tag.

Wer bin ich?
Ich bin ein professioneller Pentester und habe Ihr System infiziert, als Sie eine Website für Erwachsene besucht haben … Ich habe Ihre Aktivität seit mehr als 1 Monat überprüft.

Worüber rede ich?
Mit meiner Malware kann ich auf Ihr System zugreifen. Es ist ein Multiplattform-Virus mit verstecktem VNC. Es funktioniert unter iOS, Android, Windows und MacOS.
Es ist verschlüsselt, so dass Ihr AV es nicht erkennen kann. Ich reinige seine Signaturen jeden Tag.

Was habe ich?
Ich könnte Ihre Kamera einschalten und alle Ihre Protokolle speichern. Ich habe alle Ihre Kontakte, Social-Media-Daten und Chats mit Ihren Freunden, Kollegen usw. Ich habe Informationen gesammelt, die Ihren Ruf ruinieren können. Ich habe ein Video mit deiner Masturbation und dem Video, das du gesehen hast. Es ist schrecklich…

Was will ich?
Ich werde diese Aufzeichnung veröffentlichen und Ihr Leben wird zerstört, wenn Sie nicht 1000 Dollar mit Bitcoins bezahlen. Verwenden Sie diese Bitcoin-Adresse: 17WtQmssRUWXURa1eRLqmDv3BF8WR52acr

Wie kannst du mich bezahlen?
Verwenden Sie Google, um zu erfahren, wie Sie Bitcoins kaufen und ausgeben.

Was sind meine Regeln?
Ich habe 3 Regeln
Wenn Sie diese Nachricht teilen, wird Ihr Ruf ruiniert.
Wenn Sie nicht bezahlen, wird Ihr Ruf ruiniert.
Wenn Sie versuchen, mich auszutricksen, wird Ihr Ruf ruiniert.
Ich gebe Ihnen ab diesem Moment nicht mehr als 50 Stunden Zeit, um den Deal abzuschließen. Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit. Ich kann nicht aufgespürt werden und niemand kann dir helfen, also denke nicht, dass dir jemand helfen kann, wenn du dich beschwerst.

So rührend kenntnislos allerdings, daß man schon Mitleid haben möchte, wenn jemand damit droht, ausgerechnet noch meinen Ruf zu ruinieren, der ich mich genieren schon lang nimmer muß. Wenn also selbst Erpresser nicht mehr recherchieren, wie tief sind wir da alle gesunken! Fast bin ich aus Mitleid geneigt, ein Bakschisch von achtzig Cents anzuweisen. Dafür läßt sich hie und dort schon eine Flasche Sternburg ergattern.

Das Leben als einen Roman betrachten (15): Krebstag 2.

[Angela Puxi, Isle of Fire]

Irgendwann ging mir die Numerierung der 2013 begonnen Serie von Überlegungen verloren, also ging nicht verloren, sondern ich vergaß – oder es war dem Antisystematiker in mir “über” –, die Texte mit Zahlen zu versehen. Was ich in anderen Fällen strikt aber weitertat. Und irgendwann war, das Leben als Roman zu verstehen, derart mit den Journalen und andren Rubriken (“Kapiteln”) verschmolzen, daß es sich eh erübrigte. Nun allerdings, in der neuen Situation, bedaure ich es, weil es die Suche nach den einzelnen Beiträgen einigermaßen mühsam macht. Mehr als für mich selbst allerdings wird es für andere später mal ein Problem sein, so es solche, andere also als mich geben wird, die DIE DSCHUNGEL durchstöbern.
Insofern hätte ich solche Numerierung jetzt gerne wieder. Das letztgezählt-ausgewiesene Stück trug die symbolisch enorme Nummer 13, auf die noch die nur im Text-selbst, nicht schon in der Überschrift, genannte → 14 folgte. Alles weitere zum Thema ist nur noch, wenn überhaupt, mit “ff”, “fff” usw. zugeordnet oder gar nicht. Dennoch wähle ich jetzt, indem ich die Serie wieder aufnehme, die Anschlußnummer 15.

Daß ich sie wieder aufnehme, ist eine poetische Notwendigkeit des ARBEIT UND STRUKTUR–Charakters meiner Poetik, doch daß ich mich auf Herrndorf und, freilich gelinder, auch Schlingensief beziehe, ein Gebot der poetischen Redlichkeit. Niemand von uns schreibt geschichtslos; das gilt in diesem Fall auch dann, wenn ich seinerzeit weder jenes noch dessen Aufzeichnungen mitgelesen habe, was bei Herrndorf daran liegt, daß ich ihn als Romancier für schwer überschätzt und gegen sein berühmtes, doch, seien wir ehrlich, reichlich schlichtes TSCHICK mit allem sowohl stilistischen wie kompositorischem Recht Kjærstads viel zu wenig rezipiertes ICH BIN DIE WALKER BRÜDER gehalten habe, worin moderne Jugendsprache eben nicht imitiert, sondern auf eine Weise erfunden wird, die sogar meinen damals noch jungenhaften Sohn, nachdem ich ihm draus vorgelesen (er hatte sich über die von der Schule geforderte Tschick-Lektüre aufgeregt, weil da “jemand so tut, als spräche er wie wir”) … also, nachdem ich ihm dreivier Seiten Kjærstad vorgelesen, ausrief: “Ja, genau! So sprechen wir!” Was nicht stimmte. Kjærstads Buch ist eine komplette Kunstsprache, aber eben poetisch von solchem Geschick gesetzt, daß sich noch Jungens und Mädchen in vierzig Jahren werden damit identifizieren können, auch wenn deren Jugendslang längst ein völlig anderer. Dabei geht es nicht nur um “in”ne Begriffe wie “ätzend” für “gräßlich”, “geil” für “klasse” (in meiner eigenen Jungenzeit sagten wir “toff”) usw., also Wörter, die so schnell veralten und ersetzt werden, daß wir dabei zusehen können, sondern vor allem um Rhythmik und also Satzbau.
Das spielt seit ARBEIT UND STRUKTUR aber keine Rolle mehr. ARBEIT UND STRUKTUR dürfte, weil “plötzlich” Existenz direkt angesehen und erlebt und eben mitgeschrieben wurde, dasjenige sein, was von Herrndorf bleiben wird – und nun mit tatsächlichem Recht und wahrscheinlich über Schlingensief hinaus, der freilich, wie Phyllis Kiehl gestern anmerkte, “auch kein Schriftsteller” war.  Deshalb muß der von mir sonst gemiedene Herrndorf hier für mich bedeutsam sein — abgesehen davon, daß mich die von ihm frei gewählte Todesart – was sie nämlich an auch moralischen Vorüberlegungen implizierte – beeindruckt hat, vergleichbar nur noch mit Gunter Sachsens, der seinen Schritt zudem mit einem Satz versah, der von mir stammen könnte (nunmehr würde der meine von ihm stammen):

Der Verlust der geistigen Kontrolle über mein Leben wäre ein würdeloser Zustand, dem ich mich entschlossen habe, entschieden entgegenzutreten.

Beider Todes,ich schreib mal,technik allerdings, sich zu erschießen nämlich, wäre meine nur Zweitoption, abgesehen davon, daß es dem schwerreichen Sachs ein leichtes gewesen sein wird, sich eine Feuerwaffe zu besorgen, während es sich meiner Kenntnis entzieht, woher Herrndorf die seine bekam. Aber selbst angenommen, er hat sie auf dem Schwarzmarkt besorgt oder übers Dark Net, wird die Anschaffung immer noch einiges Geld gekostet haben. Über das meinerseits ich nicht verfüge. Herrndorf bezog deutlich höhere Tantiemen allein in einem Monat als ich in einem Jahrzehnt.

Das Leben als Roman betrachten, nunmehr mit drinnen dem Krebs. Möglicherweise ist solch eine Sichtweise nur Autorinnen und Autoren möglich, jedenfalls Künstlern, die es für ihr Werk ohnedies, nämlich notwendigerweise, gewöhnt sind, sich in fiktionalen Zusammenhängen zu sehen, ohne aber, wie seit je für mich wichtig, nur Beobachter und gleichsam Protokollanten zu sein – eine oft gängige Autorenhaltung, wie sie besonders Genazino kultiviert hat. Für mich und meine Poetik ein absolutes No-go. Sie wissen, Geliebte, wie wichtig es mir mein Leben lang war, zugleich immer mitten drin zu sein und es zu durchrauschen, zu durchleiden, mich durch es, sagen wir, durchzufuttern. Auszuschöpfen, was nur geht. Undistanziert, eben.  Aber allein der Umstand, daß wir uns irgendwann an den Schreibtisch setzen – oder wo immer wir arbeiten mögen; manche am liebsten (für mich gleichfalls unvorstellbar, doch immerhin mir ziemlich sympathisch) im Bett (oh dahingegossen, Autorinnen, auf dem Divan!)–, führt zu einer fast simultanen Spaltung ins Subjekt des Anschauens wie Angeschautwerdens. Nur in den Momenten des Glücks fällt beides zusammen, siehe Borges → dort, Das Glück ist schön für sich. Deshalb entzieht es sich der Kunst.
Anschaun indessen ist aktive Gestaltung, Angeschautwerden heißt auch: geführt sein, wenn es angeschaut wird, nämlich vom Anschauenden. Er macht sich, insofern er zu einem Teil immer die Figuren selbst sein muß, die er schafft (und die nur dadurch zu Personen werden), zum Objekt seines Gestaltens. Ich sehe einen Dichter kurz nach seinen sogenannten Besten Jahren vor mir, den der Krebs erwischt. Wie würde ich an seiner Stelle damit umgehen, wenn es das Thema eines Romans oder auch nur einer kürzeren Erzählung ist und er tatsächlich wär nicht ich “selbst”, sondern, eben, Figur? (Hier spielt jetzt die Frage der Intention eines Textes hinein, also die der Autorin/des Autors persönlich. Will er eine Botschaft vermitteln, die er schon mitbringt und die also von der Ästhetik selbst nicht abhängt, sondern diese wird nach jener gewählt und auf sie draufgestülpt, oder wird sich “die Botschaft”, wenn überhaupt, aus der Bewegung der Erzählung erst ergeben? Was wiederum bedeutete, daß diese Botschaft auch etwas sein kann, das den persönlichen Meinungen des Autors/der Autorin sogar widerspricht.) — Wie dem auch sei: Vermag die Romanperson durch ihre Haltung ihr Schicksal zumindest mitzuformen?
Daß dem so sei, ist die Hoffnung, die jedem ich schreibe es bewußt emphatisch – wahren Erzählen inneliegt.

Dies gilt nun auch für den Krebs. Das Leben als einen Roman zu betrachten, bedeutet Selbstermächtigung und möglicherweise die Initiation eines Selbstheilungsprozesses. Zwar gibt es darauf keine Gewähr, sondern alles andere als das, aber als Möglichkeit mitbestimmt sie das Geschehen auch außerhalb des fiktionalen Raums, nämlich in der Alltagsrealität. Die Haltung meines Ichs als einer Figur überträgt sich auf mein Ich als realer Person. Es ist wie mit den, im monotheistischen Verstand, Namen:

(…) außer du lehrtest mich zuvor den wahrhaften und unverstellten Namen Gottes, kraft dessen du auffährst, wenn du ihn aussprichst [Unterstreichung von mir, ANH].
Th. Mann, Joseph und seine Brüder, I,99

Denn, so eine Seite vorher (ich habe die Stelle schon oft in DER DSCHUNGEL zitiert):

Auch die Tiere schämen sich und kneifen den Schwanz ein, weil wir sie wissen und über ihren Namen befehlen und die brüllende Gegenwart ihres Einzeltums entkräften, indem wir ihn ihr entgegenhalten [Unterstreichung von mir, ANH].

Setzen wir hier an die Stelle der Tiere den Krebs, so wird Ihnen, Freundin, die beschworne Dynamik sofort klar:

Wäre er nur gekommen mit Fauchen und gehässiger Nase, lang schleichenden Trittes, so hätte er mir doch den Sinn nicht geraubt mit seinem Schrecken und mich nicht erbleichen lassen vor seinem Rätsel. [Unterstreichung von mir, ANH].

Sich den Sinn nicht rauben lassen, auch dann nicht, wenn der Löwe, der in der Erzählung gemeint ist, den, der seinen Namen weiß, dennoch reißen kann und auffrißt. Es ist dieses, was ich mit “Haltung” meine und gemeint immer so habe — auch wenn, wie Phyllis mir gestern erklärte, nachdem ich ihr von meinem Staunen, ja meiner Ergriffenheit über all die teils öffentlichen, teils privaten Nachrichten und Zuschriften erzählt hatte, die ich aufs gestrige Journal hin bekam … tatsächlich habe ich in meinem Leben niemals zuvor auch nur entfernt solche, ja, Wogen des Respekts erfahren und der Zustimmung zu meiner poetischen Arbeit … — die mir also erklärte: “Die Leute haben deine Äußerungen immer für Attitude gehalten und begreifen erst jetzt, daß es eine wirklich existentielle Haltung war, die auch dann noch hielt und hält, wenn du schwer bedroht bist. Daher jetzt die vielen Äußerungen von Respekt.”
Wobei, ob sie halten tatsächlich werden, genau jetzt in der Prüfung steht. Der Krebs und mein Umgang mit ihm wird zur Nagelprobe poetischer Wahrhaftigkeit. Genau nun dieses führt in das Leben als Roman zurück, das Leben, als Roman begriffen. So wird die alte Beitragsserie aus der inneren Dynamik DER DSCHUNGEL reaktiviert, ohne daß ich das wollte. Wer, Geliebte, wollte schon Krebs? Ein Narr, ein Idiot! Doch die Geschichte schreibt sich selbst, und ich, ihr Autor, muß nun zeigen, ob ich mit ihr und ihrer Hauptfigur standhalten kann. Die erfundene Person läuft ihrem Erfinder vorweg.

Nun gedankenspielen Sie noch folgendes mit:
Ob wir zuversichtlich oder verzagt sind, bestimmt unsere Reaktionen auf das, was uns begegnet und auf uns einwirkt, ob bedrohend oder nicht. Was Handlung von uns verlangt. Jemand Ängstliches wird sich anders verhalten als jemand voll Mut. So bestimmt denn das Innen das Außen und — schafft Realität, somit neue Wirklichkeit, also das, was wirkt (und weiterwirken wird).
Ich schreibe hier keinen Mystizismus, vertrete keine künstlerische Esoterik, sondern erkenne einen, quasi, Naturprozeß, zumindest eine ihn leitende Dynamik. Darum liegt hierin, in ihr, – oder kann darin liegen – die Kraft der Religionen (deren, aber das ist ein anderes Thema, Glaube immer an Riten gebunden ist; in der Kunst sind die Riten die Form). Ich halte es für enorm wichtig, das zu verstehen.  Es ist völlig unwichtig, ob es den EInen GOtt gibt. Allein, ihn sich vorzustellen und zu glauben, führt dazu, daß etwa von Bach die Matthäuspassion entstand, die ihrerseits, und da landen wir in der nüchternsten, meßbaren Ökonomie, zahllose Mitwirkende, in diesem Falle Musikerinnen und Musiker, faktisch ernährt. Was sich im Bruttosozialprodukt niederschlägt. Denken Sie nur: Die GOtt genannte Fiktion ein signifikanter Posten des pekuniären Volksvermögen!

Das Leben als Roman begreifen. Den Krebs als Motiv einer, vielleicht der letzten, Dschungelerzählung.

[Poetologie]


>>>> Das Leben als Roman 16
Das Leben als Roman 14 <<<<

Als vierundzwanzigstes Coronajournal eine bedenkliche Beobachtung. Am Montagmorgen, den 27. April 2020. Und quasi zur — er- und gelebten — Theorie des Literarischen Weblogs, ff.

[Arbeitswohnung, 7.04 Uhr]
Über dem neununddreißigsten Nabokovlesen saß ich intensiv schon paar Stunden, kam, nach anfänglicher Weile, die es brauchte, Geliebte, einen guten Einstieg zu finden (die “Materie” und meine poetische Vorgehensweise sind hier recht komplex), auch gut voran. Zugleich war mir klar, daß ich am selben Tag nicht fertig würde. Und dennoch. Zwar, als der Freund anrief, um zu fragen, ob ich “nachher” auf einen Absacker zu ihm hinüberkommen möge, was mich erst sehr freut, sagte ich ihm spontan zu. Doch dann, da der Zeitpunkt gekommen war, wieder ab. Wobei ich mich für dies mein unentschlossenes Hin und her selbstverständlich entschuldigte: “Bitte hab Verständnis”.
Mit einem Mal nämlich war mir drückend bewußt geworden, wie unser Treffen ausgehen würde. Ich würde erneut zu klagen beginnen, wie neulich im Gespräch mit der Freundin (ja, es geht mir nach und nach): über die nun schon seit Jahrzehnten nichtrücknehmbar-verfahrene Situation meines nicht akzeptierten Stands, über die schlechten Buchverkäufe, die absichtsvolle Ignoranz der Betriebler, die Gegnerschaften, die schon Feindschaften sind, die lebenslange Randständigkeit, den zunehmend, fast körperlich spürbar, enge gewordenen  Zeithorizont, der meinem Werk und mir noch verbleibt; daß ich niemals auch nur gefragt worden bin, ob ich Mitglied einer der Akademien werden wolle, ob in Darmstadt, ob in Berlin – was sehr viel geringeren, als ich es bin, doch angepaßten Autorinnen und Autoren, solchen mit Stallgeruch, nahezu zwangsläufig angetragen wird – , ja nicht einmal, ob ich in dieser und/oder jener Jury mein poetisches Wissen mit einbringen wolle; daß ich auch zu größeren literarischen Symposien nicht eingeladen werde, selbst oder erst recht dann nicht, wenn solche Gastmähler sich mit den meiner Poetik “ureigenen” Themen beschäftigen werden (Literatur und Internet, poetische Kybernetik, “Realismus” und und und); daß ich schon gar nicht mehr öffentlich wirksame Anerkennung für meine Bücher bekommen und irgendwann, vielleicht schon bald, sterben werde, ohne daß irgendetwas von dem bleibt, was ich in vierzig Jahren vorgelegt habe und weiter noch vorlegen will. Abermals hörte wieder die Vertraute weinen, vor lauter Hilflosigkeit, weil ja auch sie nichts drehen kann, und erlebte erneut, wie sie das Gespräch, eben vor Hilflosigkeit, abbrach, abbrechen mußte, weil sie meine Depression mit nach unten zog. Und daß es schließlich allen so ergehen wird, die mir zu nah sind.
Ich würde mich, wußte ich, wenn ich denn drüben zu sprechen begänne, in diese Verzweiflung wieder erst richtig hineinreden und ihr einen Raum zugestehen, der niemandem und erst recht nicht meiner Arbeit hilft, die mir indes, wenn ich in ihr bin, große, große Ruhe gibt — wenn ich für mich allein, alleine mit ihr, bin. Wenn ich Nabokovs Sätzen folge, ihnen nachlausche, ihren Umfang begreife, so, wie seinen ausgefeilten, auf die gesamte Poetik eines Romans bezogene Harmonie, das Lächeln, immer wieder, in ihr, und ihr Einverständiges, darin Gutes, dabei gleichzeitiger Klarheit über was minder und was hoch. Inklusive der Irrtümer, die auch er, Nabokov, beging. Wie wir es halt alle hier und dort tun. Und die Schönheit! — Und wenn ich müde werde in der Arbeit, die Konzentration nach acht, zehn, zwölf Stunden nachläßt und wieder  das Persönliche hochsteigt, so daß sein Graues nicht mehr von dieser Schönheit überstrahlt wird, einfach weil halt am Ende eines Tages die Sonne untergeht und die Nacht kommt, aus der doch die Schönheit der Morgensonne immer wieder aufsteigt — wenn also die Erschöpfung sich meldet, in der auch der Seele Immunsystem sich erschöpft hat, so daß man vielleicht zu trinken begönne, dann schaue ich halt einen Film, bis mich rein physiologisch die Müdigkeit zu Bett bringt. Ich ziehe mich aus, putz dann nicht einmal mehr meine Zähne, kann ich morgen früh dann tun und noch drei-/viermal über den Tag, sondern ziehe die Decken vom Lager, entkleide auch es, bis auf das Bettzeug, und mit einem inneren Jubel, der nicht einmal nur gedacht, sondern tatsächlich ausgerufen wird: “Ins Traumreich, ins Traumreich!” leg ich mich hin und schlüpfe in meinen Kokon. Drin bett’ ich den Kopf in das Kissen, doch an der Luft, möglichst kühler, muß er bleiben, und strecke die Füße lang, lang aus, weil ich nicht mag, wenn die Zehen irgendetwas dann noch berühren, vielmehr da nur noch Freiheit sein soll, und ich falle binnen wahrscheinlich Sekunden hinab ins Andere Reich: Ich bin so schnell im Schlaf, daß ich’s nicht merke, also erst dann, wenn ich wieder erwache, meist momentan gegen sechs, spätestens halb sieben. Einen Wecker stelle ich schon lange nicht mehr.
Jemand hat bei mir geschlafen. Noch wenn ich mich aufgerichtet habe — was immer sehr schnell geht, weil’s mich an den Schreibtisch zieht —, spüre ich den Abdruck Ihres edlen Haupts auf der Brust.

So bin ich mit Ihnen, der Imaginären, allein, deren Wirklichkeit aus der Distanz meiner Ansprache, aus diesem “Sie”, klingt, das, hier geschrieben, Sie anspricht und mich beruhigt, mich sanft hält, ja unverzweifelt einverstanden, beinah, Geliebte, mit allem. Zeilen wie diese hier sind mein Vademecum. (Dennoch müßte ich dringend zu rauchen aufhören, wenn ich, was ich noch vorhabe, auch fertigbringen will.) — Aber, was mir nicht  nur gestern halbnachts, als ich dem Freund absagte, auffiel, sondern jetzt wieder und erneut auffällt, während ich nun schreibe: – daß ich mich, um bei mir zu bleiben und dem Unglück nicht die Hand noch von mir selbst aus zu reichen, von meinen Nahsten nun fernhalten muß. (Bei ferneren Bekannten ist es anders; mit denen spreche ich aber auch nicht über das, was mir eigentlich wichtig; den Smalltalk beherrsche ich souverän nach wie vor. Deshalb kann mit Ferneren ich ohne jede Depressionsnot parlieren. Und auch mit meinen Kommentatorinnen und Kommentatoren läßt sich’s gut, auch über Inneres, “sprechen”, indem sie in DER DSCHUNGEL ganz wie Figuren sind aus Romanen, also wie selber wie Literatur.)

Da hatte ich diesen Gedanken: Ist dieser eigenwillige Umstand vielleicht eine Verarbeitungsform, mit der mein Unbewußtes auf Corona zumindest mitreagiert, indem es die, ob nun vermeintlich oder tatsächlich, “hygienische” Notwendigkeit (Schutzmasken tragen, keine Berührung, ja die räumliche Anderthalb- bis Zweimeterdistanz, möglichst wenig die Wohnung verlassen) ins seelisch innere im Wortsinn verkehrt? Das wäre ziemlich infam. Aus der gleichzeitig erzwungenen wie als angemessen eingesehenen Entkörperung würde ein gewollter Prozeß. Dieser Befund, in der Tat, alarmierte.

Selbstverständlich kann ich mich irren. Es steht ja auch objektiv Ungutes an, das mich nervös macht. Heute mittag Vorbesprechung wegen der anstehenden erst Magen-, dann Darmspiegelung. Mein Bauch ist noch durchaus nicht in Ordnung. Und nächste Woche erst die Vorbesprechung zum Nachlasern der Augen, dann Kontrolltermin bei der Angiologin, um die Gefäße der Beine zu checken und auch das Herz, das seit einzwei Wochen ebenfalls muckt. Immer mal wieder ein nicht schöner Stich. Der mögliche Befund ist ganz offen. – Dazu die Magen- und Darmspiegelungen selbst, die in diesen nächsten zwei Wochen dann folgen, alles dicht aufeinander, wovor ich mich schon deshalb fürchte, weil ich zum einen Hilflosigkeit nicht aushalte und mich deshalb zum anderen Betäubungen zu verweigern pflege und lieber den Schmerz aushalte, als mich wehrlos darzubieten – was ich aber ja sowieso tun muß. Dagegen, wenn ich bewußt bleibe und alles mitverfolgen kann, habe ich zumindest die Illusion der Kontrolle. Immerhin kenne ich, diesbezüglich, keine Probleme der Scham; dazu bin ich zu körperlich. (Sie glauben nicht, wie sehr’s mich jetzt, hier, zu schreiben beruhigt!)

Ach, in diese helle, wie sie aus dem Horizont steigt, Morgenröte des Romanes und also zu ADA zurück!

Nachdem auch sie ihr Frühstück beendete hatte, lauerte er er ihr, vollgestopft mit süßer Butter, am Treppenabsatz auf. Sie hatten einen einzigen Augenblick, um die Dinge zu planen, alles lag, historisch gesprochen, in der Morgenröte des Romans, der immer noch in den Händen von Pfarrhausdamen und französischen Akademiemitgliedern lag, daher waren solche Augenblicke kostbar. Sie stand und kratzte ihr erhobenes Knie. Sie kamen überein, vor dem Lunch spazierenzugehen und ein abgeschiedenes Plätzchen zu suchen. Sie mußte eine Übersetzung für Mlle Larivière zu Ende bringen. Sie zeigte ihm ihre Kladde. François Coppée? Ja.

Ihr Sturz ist langsam. Der Holzfäller
Weiß vor dem Aufschlag in der Flut
Die Eiche an dem Kupferblattwerk,
Den Ahorn an dem Blatt aus Blut.

Leur chute est lente“, sagte Van, “on peut les suivre du regard en reconnaussant – der umschreibende Gestus von ‘-fäller’ und ‘Flut’ ist selbstverständlich reiner Lowden (zweitrangiger Dichter und Übersetzer, 1815 – 1895). Die erste Hälfte der Strophe zu verraten, um die zweite zu retten, das sieht jenem russischen Edelmann gleich, der seinen Kutscher den Wölfen zum Fraße vorwarf und dann selber vom Schlitten fiel.”
“Ich finde dich grausam und dumm,” sagt Ada.
Nabokov, Ada oder Das Verlangen, 158
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Ihr ANH

Das fünfzehnte Corona-, leider zugleich ein Abmahnjournal, nämlich am Gründonnerstag, den 9. April 2020, geschrieben. Mit Elinor Frey.

[Arbeitswohnung, 9.55 Uhr
Mécénat Musica: Elinor Frey, La Voce del Violoncello]

(Zum Video siehe unten das Postscriptum)

Seltsame Zeiten. Frühling und doch immer weiter Beklemmung – sie interessanterweise nur, solange ich am Schreibtisch, also drinnen sitze. Geh ich hinaus, fällt sie fast durchweg von mir ab. Was daran liegt, daß Corona auf den Straßen und in den Parks kaum, sehr allerdings in den Supermärkten zu spüren ist. Draußen flanieren die vor allem jungen Menschen locker und vor allem sehr freundlich; gestern spätnachmittags spazierte ich in den Thälmannpark, um von der Sonne etwas zu haben, mich zu setzen und die ersten fünfzig Seiten von Nabokovs Bastardzeichen zu lesen, aus denen dann siebzig wurden – allerdings die letzten zwanzig Seiten bereits wieder drinnen, weil mich von meinem Steinsims inmitten der Wiese und blühenden Kirschbäume ein Paar vertrieb, das mit einem riesigen Ghettoblaster erschien, ein paar Meter von mir Platz nahm und die Lautstärke so sehr aufdrehte, daß ich mich nicht mehr konzentrieren konnte. Beschallungen dieser Art werden mir zunehmend unangenehm. Ich empfinde sie als sehr harten Übergriff, zumal dann, wenn die Musik von pochenden Bässen so dauerhaft wie stereotyp vorangeschlagen wird – etwas, das ich seit je als das akustische Pendant zum Stechschritt empfunden habe.
Ich war aber nicht geneigt zu protestieren, wie ich es in solchen Fällen zu tun pflege, wollte einfach nicht die gute Stimmung der anderen, auf der Hangwiese sitzenden Menschen verderben. Unterdessen ziehe ich mich in solchen Fällen lieber leise zurück. Außerdem will ich nicht zu denen gehören, die Corona nutzen, um ihr inneres Kaposein zu befriedigen – wovon >>>> dort zu lesen ist:

Und offensichtlich übertreiben es auch viele Menschen, die gerne andere überwachen, anschwärzen oder verpetzen. „Längst nicht alle Hinweise haben einen polizeilichen Einsatz zur Folge“, erklärte die Polizei.
Berliner Morgenpost, 9.4.20

Mit Verlaub, ich finde sowas widerlich. Andererseits, mein persönlicher Eindruck ist nicht, daß es tatsächlich viele Fälle sind; so reagieren eher die, denen der autoritäre Charakter seit je ein inneres Bedürfnis war, die noch geprägt von diktatorischen Systemen sind, bei denen sie gerne mitmachen wollen, weil sie das unbedingte Bedürfnis nach eigener Machtausübung haben – ein Spiegel ihrer tatsächlichen Schwäche. Kapos halt.

Hinzu kommt, daß mir nach wie vor mein Magen zusetzt; gestern abend war es erstmals so, daß ich nach dem Essen keine Schmerzen hatte, aber es ist ein ständiges Knurren, Knötern, ja Rauschen in meinem Inneren. Zudem rief eines Laborbefunds wegen, der sie offenbar alarmiert hat, meine Hausärztin an. So komme ich um die Spiegelungen nun wirklich nicht mehr herum. Sie war deutlich erleichtert, als ich ihr sagen konnte, beim Gestroenterologen bereits einen nahen Termin zu haben, ebenso bei meiner Angiologin.
Nervös macht mich alledies aber nur, weil’s auf Corona eben noch draufkommt und ich vor allem das neu aufgenommene Lauftraining wieder abbrechen mußte, jedenfalls in den letzten drei Tagen. Denn mir war zu flau; ich wollte ich nicht abermals riskieren, daß mir hernach der Kreislauf in die Knie sackt. – Aber heute geht’s besser, nachher werde ich wieder laufen, gegen Abend wahrscheinlich, damit, sollte der Kreislauf dann doch motzen, er es erst am Abend tut, wenn meine Arbeitszeit ohnedies vorbei ist.

Gut ist, daß meine Nabokovlesen-Reihe derart fein >>>> weiterläuft, auch wenn ich beobachte, daß, sowie ich einen etwas komplexeren Text in Die Dschungel stelle, die Zugriffszahlen sofort deutlich zurückgehn; andererseits werden meine nach und nach eingestellten poetologischen Essays >>>> aufs neue diskutiert. So entwickelt sich gerade in diesen Coronazeiten das Literarische Weblog wieder zum Zentrum meiner poetischen Arbeit, auch wenn ich gestern, ein bißchen frustriert, meiner Lektorin schrieb, daß ich

was “neues Erfinden” anbelangt, momentan ausgesprochen gehemmt

sei, und ich käme

in die richtigen Tonlagen nicht rein, Corona schlägt mir sehr aufs Gemüt, verstärkt aber nur, was vorher schon war. Es ist so ein starkes Gefühl von “nicht gehört werden”, dem die schlechten Buchverkäufe völlig entsprechen. Ein irgendwie dauerndes “Danebenliegen”, obwohl man mitten im Zentrum steht und es ausdrückt. Nur daß es niemand hören will, oder kaum jemand. So fängt auch die eigentlich ganz charmante Ghostwritingarbeit an, belastend zu werden: so, als täte man Unfug, wo poetisch Drängendes darzustellen ist, das aber eben kaum jemand will. Mithin bleibt Die Dschungel als tiefstes Zentrum meiner Arbeit, und sie muß gerundet werden – auch wenn ich da wieder, so mein Gefühl, auf andere Weise allein stehe, weil viele derer, auch mir Nahste, die meine poetische Arbeit schätzen, so sehr am Buch hängen, daß sie Die Dschungel nicht verfolgen, oft fast ignorieren.

Daß das auch für meine Verlage gilt, ist besonders schmerzhaft.

Und die es nicht tun, haben in den wenigsten Fällen mit Poetik zu tun oder lesen, wenn sie lesen, “leichte” Romane. Das ist eine blöde Zwickmühle. Anders als Hettche, der mal zu den Vorläufern der literarischen Netzdenker gehörte, habe ich an der Dichtung im Netz festgehalten und glaube zutiefst, daß ich recht damit habe. Corona wird dafür ein übriges, fast, denke ich manchmal jetzt, endgültig Weichenstellendes haben. Und die Autoren, die es nun immer mehr mit mir denken, tauchen in den Diskussionen nur dann auf und werden nur dann zur öffentlichen Stimme gebeten, wenn sie ohnedies schon, im “normalen” Buchmarkt, gehypt oder sonstwie mainstream sind.

Das ist alles sehr unschön. Dabei, wenn jemand einerseits an der auch tradierten Poetik über die junge Moderne hinaus und am poetischen Stil festgehalten und ihn weiterentwickelt hat und zugleich sich des Internets bewußt war, bin da eigentlich nur ich. Jedenfalls im deutschen Sprachraum (andere Sprachen überschaue ich nicht).

Noch etwas Weiteres, Enttäuschendes, belastet mich:
Ich hatte für meinen kleinen >>>> Nachruf auf Ror Wolf aus Schöfflings Trauerrundschreiben eine Foto übernommen, von dem ich annahm, es gehöre zum Fundus des Verlags. Ein paar Tage später ging die Abmahnung einer Hamburger Anwaltskanzlei bei mir ein, die nicht nur, was nachvollziehbar, die Entfernung des Bildes verlangte, sondern auch Schadensersatz forderte. Wie im Beitrag zu sehen, nahm ich es sofort heraus, kommentierte das auch, teilte es mit Link der Kanzlei mit und gab ihr meine finanzielle Situation bekannt, annehmend, man werde jetzt kollegial einlenken.
Gestern erhielt ich die Antwort. Sie ist nicht schön, auch wenn mir ein vergleichsweise niedriges Ratenzahlungsangebot unterbreitet wurde – das für meine derzeitige Situation nur immer noch zu hoch ist. – Ich habe gleich zurückgeschrieben, auch meiner Enttäuschung darin Ausdruck verliehen, aber zugleich deutlich gemacht, daß ich mich weder schuldig fühlte, da ich das Foto irrtümlich übernommen hätte, noch irgendeinen Anlaß sähe, mich jetzt klein zu machen.
Es wäre sicherlich „klüger“ gewesen, mich aufs Bitten zu verlegen – aber, Freundin, Sie wissen, daß ich auf keinen Fall meinen Stolz brechen lassen und irgend zu Kreuze oder somstwohin kriechen werde. Dazu besteht keinerlei und schon gar nicht ein poetischer Anlaß, zumal Ror Wolf selbst, den ich ja kannte, den Vorgang ekelhaft gefunden hätte.
Jetzt sehn wir mal, wie es ausgehen wird. Im schlimmsten Fall läuft es auf ein gerichtliches Mahnverfahren, dann auf Pfändungsversuch und dergleichen hinaus, mit den in meinem ökonomischen Fall „klassischen“, höchst unangenehmen Folgen, die aber immer noch besser sind, als daß man sich in seiner Haltung beugen läßt.
Übrigens hätte ich nicht übel Lust, den Schriftsatzwechsel in Die Dschungel zu stellen, also auch deutlich zu machen, wer der Abmahnsteller, bzw., die Abmahnstellerin ist, man würde nur den Kopf schütteln – aber dieses Faß mach ich nun nicht auch noch auf, auch wenn ich es für ziemlich unerträglich halte, daß die auf-jeden-Preis-Geldverdienerei selbst in Coronazeiten munter weitergeht, ohne darauf zu achten, wen man hier eigentlich zur Kasse fordert. Auch erinnert das an die Welle von Abmahnungen, die wegen der selbst hergestellten Atemmasken losgetreten wurde, weil Schutzmaske ein geschützer Warenbegriff ist. Als käme es auf so etwas jetzt noch an. Dieser widerwärtige Wille, aus allem, auch aus der Not, Kapital zu schlagen.

Besonders ärgerlich an dem Vorfall ist, daß auch er nicht gerade motiviert, mich wieder auf meine eigentliche, die poetische Arbeit zu konzentrieren.

*

So ziehen die Tage, Geliebte, dahin. Wie ein zäher lehmiger Fluß. Obwohl die Sonne so sehr scheint. Obwohl die Knospen treiben. Obwohl alles, was ich sehe, ins Leben weiterdrängt. Von dem ich zugleich auf seltsame Weise Abschied nehme. Indem sich die Körper isolieren müssen, ist es für mich, als wäre die Zeit meiner Dichtung vorbei und damit die meines Selbsts. Für mich waren Eros & Poetik stets eine Einheit, in jede Fall aufs innigste verbunden, eines ohne das andre nicht möglich.
Zugleich ist mir bewußt, daß diese Wahrnehmung eine innere, meine seelische, ist, der objektive Realität vielleicht gar nicht entspricht oder nur sehr wenig. Denn daß am Ende jeder Katastrophe – ja, auch einer „Apokalypse“ – ein neuer Anfang steht, dessen bin ich völlig inne. Es ist „nur“ nicht heraus, ob man ihn selbst noch erlebt.
Sicher ist, daß wir noch sehr, sehr lange mit der Isolation werden leben müssen. Auf sehr einfache, ein wenig ungelenke, doch deshalb angenehm unshowhafte Weise hat es Mai Thi Nguyen-Kim erklärt:

Ihr ANH

P.S.:
Zu oben, Elinor Freys wunderbaren Cellovideos, schreibt Mécénat Musica:
Fascinée par les origines du violoncelle et par la démarche créative de la musique nouvelle, Elinor Frey joue aussi bien sur des instruments modernes que d’époque. Parmi les distinctions d’Élinor, notons la nomination au prix Juno pour le meilleur CD classique solo ou en musique de chambre, et un prix Opus pour le CD québécois de l’année en musique ancienne. La musique qui suit provient de son premier CD baroque, La Voce del Violoncello, qui a reçu de grands éloges pour « son érudition consciencieuse et sa brillante superposition d’ambiances et de tempos » (Toronto Star) et pour sa « grâce musicale sincère et réfléchie » (Strings).

Das zwölfte Coronojournal. Am Donnerstag, den 2. April 2020. Darinnen ein paar Worte zur Geschichte der Dschungelblätter und ihrem Editorial.

[Arbeitswohnung, 8.30 Uhr]
Zu Aprilscherzen gab es in diesem Jahr offenbar wenig Anlaß, auch wenn ich hätte, daß tatsächlich, vor allem so schnell, die 5000 Euro Soforthilfe II auf meinem Konto waren, für so etwas halten können. — War’s nicht, das Geld ist konkret.
Zugleich wieder meine, so muß ich es nennen, Gewissensbisse. Denn auch das Geld vom Jobcenter war gekommen, daß ich da dann sogleich, wie → dort angekündigt, zurücküberwies, auch wenn mir einige Freunde –und → auch Leserinnen – rieten, es nicht zu tun, weil doch völlig Verschiedenes abgedeckt würde. Es so lässig zu halten, hätte mir aber der Gefühl gegeben, ein sozusagen Coronagewinnler zu sein. Ein widerlicher Gedanke. Entsprechend verfaßte ich dann auch eine Mail, in der ich dem Jobcenter die Rücküberweisung mitteilte, die Bankbestätigung als PDF mit angelegt, sowie, weiterer Hilfe einstweilen nicht zu bedürfen. Wie wir nun weiter verfahren würden? Es muß ja über die Hilfezeit nun abgerechnet werden.
Mit einer baldigen Antwort rechne ich nicht; die Reaktionen auf meine verschiedenen Schreiben haben eh meistens lange gebraucht, bis sie kamen, im Schnitt an die jeweils drei Wochen, und jetzt wird die Situation für Behörden noch sehr viel schwieriger sein. Die geradezu unmittelbare Überweisung der Soforthilfe II kommt mir eh wie ein Wunder vor, das ich nach wie vor fast nicht glauben kann, nur glauben halt auch nicht muß, sondern nur hinschauen und sehen.

Weiterhin nutze ich diese Tage, nun sind es schon zwei Wochen, denen, wovon ich überzeugt bin, noch viele weitere folgen werden, mit Nachdruck für DIE DSCHUNGEL. Den Béarts fehlt weiterhin mein hymnischer Atem. Ich muß ihren  Ton gegen die Realität quasi durchsetzen. Dabei kam gestern eine nicht nur beruhigende, sondern den Gedichtzyklus auch ehrende Nachricht des Verlags:

(…) diese Krise wird vorbeigehen, sodass ich selbstverständlich grundsätzlich an unserer Publikation festhalte. Es ist aber wichtig, ein gutes Umfeld zu haben. Du hast also noch etwas Zeit. Wie wäre es mit Abgabe Ende Mai? Das Wichtigste ist doch, dass die Textsammlung bestmöglich gerät und zuallererst Du damit durch bist. Alles weitere werden wir dann in Angriff nehmen. (Sobald ich einen Moment habe, schreibe ich auch Deiner Lektorin etc.) Also alles aufgeschoben, nicht aufgehoben, denn das Konvolut ist großartig!

Ende Mai läßt mir in der Tat Luft.

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[… abgebrochen wegen Ärztinbesuchs und weiterer u. a. Wartetermine
sowie besorgungenhalber … Alles weitere deshalb morgen …]

Aber dieses doch noch:

Das gestern eingestellte, 1985 geschriebene und jetzt nachträglich → “Kampfansage” betitelte Editorial ist für meine auch poetische Arbeit von eminenter Bedeutung, sowie um zu erklären, weshalb mein Ruf in der Literaturszene so schlecht ist und blieb. Bezeichnend ist auch, daß die meist hohen Zugriffszahlen DER DSCHUNGEL bei solchen Texten schlagartig und signifikant in den Keller gehen, von gestern  auf heute ein Minus von derzeit (16.16 Uhr) 37 %. Das entspricht zu gegenwärtigen Zeitpunkt nahezu zweihundert Aufrufen weniger und macht mich durchaus nervös, weil es zu nötigen scheint, meine Themenwahl allgemein, mithin “poppig” zu halten. Es ist tatsächlich nicht leicht, dem zu widerstehen.
Ich schrieb dieses Editorial und gründete somit die DSCHUNGELBLÄTTER, nachdem ich seit Erscheinen meines ersten Romans, 1983, auf das deutlichste mitbekommen hatte, wie “der Betrieb” funktioniert(e),— nämlich von irgendeinem anderen in keiner Weise verschieden. Seine Antriebskräfte waren –und sind’s nach wie vor – Eitelkeit, Pfründe, Corps”geist” und quasiMitgliedschaften in Meinungsmacht- sowie politischen Zirkeln, nicht etwa die tatsächliche, geschweige angestrebte Kunst. So naiv, oder idealistisch, war ich gewesen, mir in der Dichtung etwas zu erhoffen, das ich de facto niemals gehabt: eine Familie Gleichgesonnen- und gesinnter, kurz: Heimat. Ich war seit Kindheit ein Augestoßener gewesen, ein von erst auch Erzieherinnen, dann Lehrern unisono mit den Schul”kameraden” verlachte, und ziemlich verhöhnte Spinner, der im übrigen zu weich war, um sich zu wehren, wenn man ihn verprügelte. Alle zwei Tage bezog ich solche Prügel. Das Schlimmste war der Gruppensport, der gefürchtete und deshalb verhaßte Fußball voran, weil er den Mob aus den Kindern holte und hämischst grölen ließ. Nur in den Büchern, die ich las, aus den Musiken, die ich hörte, versprach sich etwas anderes. Hier waren Außenseiter nicht selten Helden. Dies hat gewiß meine Berufswahl zumindest mitbestimmt. Dann aber kam die Realität. Nur waren die Hörner, die sie mir zeigte, überdies noch banal.
Damals hielt unter den sogenannten Intellektuellen die noch sogenanntere Linke den Daumen auf das, was für gut galt, oder es waren Kulturreaktionäre wie Marcel Reich-Ranicki, dessen Hohelied heute nach gesungen wird, Jahre nach seinem Tod, anstelle zu begreifen, erstens wie widerlich er sein konnte (offenbar aber nicht im Privaten) und zweitens welch unheilvolle Rolle er damit für die moderne Dichtung spielte, unter anderem maßgeblich in der schlimmen Gruppe 47., die für Paul Celan nichts als bestialisches Gelächter übrig hatte. Und ich erinnere an Ingeborg Bachmann, die er schlimmer als nur mies beschied, was ihn aber nicht davon abhielt, sich direkt nach ihrem Tod zum Sprecher der Bachmann-Preis-Jury aufzuschwingen — ein fast beispiellos stilloser Akt, zu dem indessen die Literaturschickeria — meine Wissens komplett — schwieg. Mit solchen, ich sag mal, Infamien war er freilich nicht allein, er fiel nur ganz besonders auf, und so hackte die eine Krähe nicht in der anderen Augen.
Ich selbst allerdings, das wußte ich nach einigen Kritiken schon, wäre nicht einmal entfernt wie Frau Bachmanns immerhin genannt, wäre wie einige dem Betrieb unliebsame Kollegen schlichtweg verschwiegen worden; andere hatten Reich-Ranicki und Konsorten mit Fußtritten aus der Gegenwart getreten. Mich trat man gerade, damalige “Autoritäten” wie Ulrich Greiner, Wolfram Schütte, ein paar Jahre nachher auch Iris Radisch, gefolgt von Thomas Steinfeld. Alle sie halfen nicht der Dichtung, noch helfen sie ihr jetzt. Sondern sie kochen ihre Machtsuppen und füttern sich selber und nur sich damit. Dagegen war ein Pflock einzuschlagen, in einen Boden allerdings, meinte ich, der sechsundachtzig Jahre zuvor, und zwar über mehr als ein Viertelsäkulum, von Karl Kraus vorgepflügt worden war.  Selbstverständlich bezieht sich → darauf, daß ich mich den Herausgeber nenne, also namentlich im Text gar nicht auftrete, den ich deshalb auch nicht mit “ANH” signierte. Und selbstverständlich nahm ich Kraus’sens Stilmittel auf, vermittels deren er Kritiken seinerseits kritisierte. Ich werde hier in der Folge immer mal wieder ein Beispiel aus den DSCHUNGELBLÄTTERN einstellen und habe nun dafür eine eigene Rubrik angelegt.

Nun war das Wien des Fin de Siècle und der Secession aber nicht Frankfurt am Main, schon gar nicht der nachherigen Achtzigerjahre, und es wäre illusorische gewesen, meine zehnmal jährlich erscheinenden Heftchen an den Kiosk zu bringen, damit jeder hinrennt, um zu gucken, ob diesmal er genannt ist, oder sie. Außerdem, was in der Wiener Stadt gelang, weil sie eben ein ganz interner Stadtkosmos war, konnte in einem föderalistischen Deutschland kaum reüssieren. Auch das wußte ich. Der einzig gangbare Weg war deshalb das Abonnement. Tatsächlich ließ es die DSCHUNGELBLÄTTER fast fünf ganz Jahrgänge lang gut existieren, Ich gab sie erst auf, als ich in Italien lebte, wo mir die monatliche Schau der deutschen “literarischen” Szene schnell obsolet wurde.
Übrigens stand ich mit meinem Unternehmen durchaus nicht allein. Auch Uwe Nettelbeck gab ein Periodikum heraus, das sich der FACKEL verpflichtet hatte und mindestens so unbequem war wie das meine, allerdings in politischen, nicht ästhetischen Hinsichten. Selbstverständlich hatte ich es selbst abonniert und bewahre die Ausgaben bis heute:

Nun war der fünfzehn Jahre ältere Nettelbeck mit gegenüber deutlich im Vorteil, insofern er kein Noname wie ich war, heißt: Man fühlte sich gedrängt, auf seine höchst bösen Kommentare zumindest zu reagieren, hingegen die DSCHUNGELBLÄTTER genauso wenig in die Feuilletons kamen wie viele meiner Bücher. Was mich nun ganz besonders in Harnisch brachte — so sehr, daß ich, als ich nach MEEREs Erscheinen im Vollzug des Buchprozesses — der mir ein Sprechverbot auferlegen wollte — fast genau wieder dort anknüpfte, wo ich mit ihnen aufgehört hatte. Sie merken es, Freundin, leicht → am Ton, den ich 2003/2004 wieder anschlug, vierzehn Jahre später. Insofern gehören die DSCHUNGELBLÄTTER zu DER DSCHUNGEL.ANDERSWELT direkten Vorgeschichte:

Ihr ANH

 

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