Melusine Walser (11). Arbeitsnotat zur Konstruktion des Romans.

Einiges wird mir jetzt sehr klar; etwa, daß ich den Text unverbunden erzählen sollte, wie ein Patchwork, vielstimmig, vielperspektivisch in einzelnen miteinander collagierten Szenen, und oft wird unklar bleiben, w e r erzählt; manche Erzähler tauchen nur einmal auf, manche gestalten öfter eine Passage, deren es auch manche in Ich-Form geben wird.
G a n z wichtig: Melusine Walser selbst wird nie beschrieben, sie darf keine Physiognomie bekommen; Kleidung wird beschrieben, vielleicht ein Schmuck, den sie trägt. Sonst aber nichts, weder Haarfarbe noch Figur (deshalb hab ich eben >>>> hier geändert), so daß die Gestaltung ihres Körpers rein der Leserimagination und damit als Spiegelung seiner Begehren seinen Begehren überlassen bleibt. Insofern hat sie etwas konkret-Geisterhaftes, wie Bilder, die wir sehen, aber nicht fixieren können, Gegenwarten, die wir spüren, aber wir können sie nicht nachweisen; die nur wir spüren; machen wir andere darauf aufmerksam, schütteln die irritiert den Kopf. Zugleich stellt sich dadurch eine enorme Nähe her. Deshalb muß ich aufpassen, daß nicht etwa die Vorstellung Raum greifen kann, die Walser sei eine Einbildung der jeweiligen Erzählfigur; nein, die Frau wird von allen gesehen; aber w a s sie jeweils sehen, bleibt ausgespart. Wenn das gelingt, ist das deshalb hübsch, weil die Walser ja Passagen hat, in denen sie selbst erzählt, also auch konkrete Biografie hat; und dort, wo sie sie ungefähr hält (zum Beispiel bezüglich allem, was mit >>>> ihrer frühen Kindheit zu tun hat), muß ungewiß bleiben, ob sie tatsächlich nicht genau weiß und nur ahnt, oder ob sie absichtlich verschweigt. Überhaupt muß, wer über sie und/oder von ihr liest, das Gefühl bekommen, es herrsche da immer eine Absicht. Die Walser darf niemals als verloren erscheinen, sondern immer so, als hätte sie ausgesprochen klare Intentionen und auch Ziele. Sie ist kein Opfer, das ist enorm wichtig im Auge zu behalten. Gleichzeitig muß ich ihr Seele geben, zu der auch Mitleid gehört, das sie fühlt; ohne aber, daß sie -und zwar aus bewußter Entscheidung – diesem gefühlten Mitleid nachgeben würde. Sie weiß, was die Maus spürt, wenn die Katze mit ihr spielt, und es tut ihr weh; aber sie spielt geradezu dagegen an, entschieden, mit ihr weiter.
Gleichzeitig, bei allem Ephemeren, muß die Frau Identität bekommen; das hat der Text zu leisten. Sie darf n i c h t Märchenfigur sein, auf gar keinen Fall. Sie handelt unmoralisch, weil Unmoral die einzige Verhaltensweise ist, in der Gesellschaft, in der sie lebt, mit Lebensgenuß durchzukommen. Aber sie handelt auf eine Weise unmoralisch, die nie justiziabel ist. Sie würde keinen Mann töten, aber sie wäre, wenn freilich auch unbeweisbar, Schuld an seinem Selbstmord. Zugleich muß sie sehr klar sein, sie wird niemals heucheln.
Im Gegensatz zu ihr werden die anderen handelnden Personen oft sehr genau beschrieben, körperlich, sozial usw. Teils beschreiben sie sich selbst, erklären sich auch, in Briefen, gegenüber dem angenommenen Interviewer. Auch das ist wichtig: MW erklärt sich nicht, sie entschuldigt auch nichts. Sie ist einfach da, geradezu wie ungeworden, wie ein Feuer da ist, wie eine Flut kommt, wie man einen Berggifel sieht; d.h. es dürfen bei ihr die psychologischen Erklärungsversuche, die ein Leser vornimmt, nicht greifen.

Zu Geographie: Es werden immer wieder ortbare Handlungsräume genannt (Bayern und Augsburg, sowie Logroño zu Anfang), aber sie scheinen sich zu widersprechen: Mal spielt eine Szene in der Normandie, mal in Rom, mal in, sagen wir, Belgrad. Die Orte werden aber nie genannt; nur aus den Beschreibungen und Nebenbemerkungen werden sie deutlich, aus Straßennamen, Plakaten oder wegen der Namen der Mithandelnden etwa, die, wenn sie dieser Frau begegnen, so gut wie alle zu Gehandelten werden.

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Katzen und Kanarienvögel. Melusine Walser (10). Entwurf einer Szene.

„Finden Sie es nicht eigenartig, daß wir, wann immer wir von dem Tier in uns sprechen, nie ein Lamm meinen, nie einen Kanarienvogel, nie eine Ente – sondern immer den Wolf?“
Es war dies der erste Satz, den sie an ihn, einen neben ihr Stehenden, ihr völlig Unbekannten richtete. Dies selbst war eine wölfische Handlung, doch zugleich mit solcher Süße vorgetragen, daß er unmittelbar spürte, gerissen worden zu sein. Und als hätte sie seine Empfindung gespürt, setzte sie, zwar unverbindlich auflachend, hintennach: „Aber wenngleich Wölfe in Matriarchaten leben, ziehe ich Katzen vor.“
Er hielt den Blick nicht. Sie reichte ihm ihr Glas, in dem eine feine Neige schwappte. „Sind Sie so lieb und bringen mir ein neues? Ah, Moment bitte, da ist jemand, den ich unbedingt begrüßen muß!“ – Drehte sich weg und, völlig anstrengungslos, wie ohne Erdbindung, verschwand sie in der Menge. Mit ihrem und seinem Glas in der Hand blieb er zurück.

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Melusine Walser (9). Alternativer Romananfang.

Geschichten wie meine können nicht bei armen Leuten beginnen. Deshalb entstamme ich einem begüterten, vielleicht sogar reichen Elternhaus. Wobei Sie nicht vergessen dürfen, daß zur Zeit meiner Geburt Krieg war. Was unser heutiges Leben beobachtet und schützt, war deshalb ganz außer Kraft. Wahrscheinlich wuchs ich in der Kleinkindheit auch völlig abgelegen auf. Anders ist es nicht zu erklären, daß ich mich weder an Schüsse noch gar Bomberangriffe erinnere. Meine ersten Erinnerungen sind dennoch, friedvolle aber, Geräusche, nicht etwa Düfte, wie das bei anderen Menschen der Fall ist. Ich erinnere mich an Pferdegetrappel, an das Schreien von Kühen, an ein Quietschen wie von ledernem Zaumzeug. Ich erinnere mich auch an – seltene – unrund klopfende Autogeräusche. Ich erinnere mich, daß mit den Autogeräuschen das Gefühl von Händen verbunden ist. Ich spüre, wann immer ich ein altes Auto, einen Oldtimer, höre, diese Hände noch immer. Ich erinnere mich nicht an Schmerzen und nicht an Angst.
Mit all dem ist kein Licht verbunden. Die hellen Erinnerungen meiner Kindheit beginnen etwa mit meinem fünften Lebensjahr. Ich habe das Gefühl, daß meine Eltern, die ich seitdem meine Eltern nenne, nicht meine Eltern waren. Dafür gibt es keinen objektiven Grund. Nur den, daß sie immer bestritten, jemals auf dem Land gelebt zu haben. Meine Geburtsurkunde gibt auch tatsächlich Augsburg an. Ich bin einmal nach Augsburg gefahren. Es gab nicht das geringste Moment eines Wiedererkennens. Ich habe auf meiner Suche Bayern durchfahren. Es gab Moment des Widererkennens. Nahe den Alpen. Meine Eltern haben bestritten, jemals dort gelebt zu haben.
Ich glaube, daß ich im Alter von fünf Jahren weggeben worden bin. Ich wuchs nicht allein auf. Es waren viele Kinder um mich, denn ich erinnere mich an das Lachen vieler Kinder. Ich glaube, daß all diese Kinder ebenfalls nicht von ihren Eltern stammten. Ich glaube, daß all diese Kinder als Säuglinge auf den Landsitz kamen. Ich erinnere mich an eine Amme. Ich sage Amme zu ihr, weil ich keinen deutlicheren Begriff für sie habe. Sie war Wärme und Fleisch, sie war Duft und Nähe. Ich würde sie wiedererkennen. Könnte ich zeichnen, ich würde sie zeichnen.
Ich glaube, daß ich als Säugling und Waise auf diesen Landsitz gebracht worden bin. Vielleicht bin ich meinen wirklichen Eltern weggenommen worden. Sie sehen, welch ein schwarzes Haar ich habe. Sie sehen ja, welch Haar ich habe. Vielleicht bin ich von meinen Eltern freiwillig weggeben worden, vielleicht für Geld. Es war Krieg. Es war Not. Ich glaube, daß ich mit fünf ein zweites Mal nach Augsburg weggegeben worden bin. Nach dem Krieg und in den frühsten Kinderjahren, während des Krieges, für mein späteres Leben vorbereitet. Noch scheue ich mich, den Begriff Erziehung zu verwenden. Das kam erst später. Ich glaube, daß meine Geburtsurkunde gefälscht ist. Da die eigentlichen Unterlagen in den Bomberangriffen verbrannt sind, läßt sich nichts mehr nachweisen.

Nein, ich habe einen genetischen Test nie gewollt. Ich liebe meine Eltern, von denen ich meine, daß sie nicht meine Eltern sind. Meine Mutter lebt noch, das ist richtig. Ja, sie lebt seit zwanzig Jahren in Meran. Ich habe sie auf all das nie angesprochen und werde das auch niemals tun. Ich habe das Bedürfnis, sie, da sie so alt ist, zu schützen. Sie ist auf erbarmenwürdige Weise hilflos. Aber ich möchte erzählen. Ich möchte nicht mehr warten.

>>>> MW 11
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Es wieder in Gang setzen. <<<<<

Beeindruckender Satz. Und sowieso: von einer F r a u. Melusine Walser. (7).

Es schmerzt immer noch unerträglich, keinen Sex zu haben. Nicht irgendwelchen Sex, sondern r i c h t i g e n Sex.
[„Ich glaube, ich möchte mit Ihnen kommunizieren, aber ich bin nicht sicher.“]

>>>> MW 9
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“Nie wieder vögeln”, dachte er, nachdem ihm der Arzt gesagt hatte, er werde in wenigen Wochen seine Beine nicht mehr bewegen können. Melusine Walser. (5).

Und er wußte, dies war ein Grund für den Freitod. Deshalb rief er mich an. Wir hatten uns nämlich vor Jahrzehnten ein Versprechen gegeben.





>>>> MW 6
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