Profanierung als reaktionäres Machtmittel. Von Pasolini.

Einer der typischen Gemeinplätze linker Intellektueller ist z.B. der Wille, das Leben zu „entheiligen“ und zu „entsentimentalisieren“ (erfinden wir mal dieses Wort). Bei den progressiven Intellektuellen der älteren Generation erklärt sich das aus der einfachen Tatsache, daß sie in einer klerikal-faschistischen Gesellschaft aufgewachsen sind, die falsche Sakralität und falsche Gefühle gepredigt hat, weshalb eine solche Reaktion völlig berechtigt war. Heute dagegen operiert die neue Macht nicht mehr mit jener falschen Sakralität des Lebens und jenen ganz verlogenen Gefühlen. Im Gegenteil, sie ist die erste, die all das loswerden will, einschließlich aller dazugehörigen Institutionen (z.B. Heer und Kirche). Die Polemik der progressiven Intellektuellen ist daher nur noch ein ewiges Wiederkäuen uralter Aufklärungsideen, als wäre die Aufklärung ganz von selbst eine Wissenschaft geworden. Eine unnütze Polemik also. Oder, anders gesagt, eine im Sinne der Macht.
Sei dir also bewußt, daß ich dich als Lehrer – da besteht nicht der geringste Zweifel – zwar zu allen nur möglichen Entheiligungen geradezu zwingen werde, zur Respektlosigkeit vor jedem institutionalisierten Gefühl. Daß das wahre Anliegen meiner Lehre jedoch darin bestehen wird, dir die Angst vor Sakralität und vor all jenen Gefühlen zu nehmen, die der konsumistische Laizismus den Menschen geraubt und sie dadurch in häßliche und dumme, Götzen anbetende Roboter verwandelt hat.
Pier Paolo Pasolini, Gennarello-Brief vom 13. März 1975.

[Erschienen in Freibeuter, Vierteljahresschrift für Kultur und Politik.
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1980.
Deutsch von Agathe Haag.]


pasolinis bashing des arbeitsbegriffs. super. einfach super.

accattone: ‘aschenputtel hat nen schuh verloren, deinen bringt die feuerwehr zurück.’

beckett lässt grüßen. und dass gehen eben nicht flanieren ist. you ve got stinkfood, babe, auch zappa scheint durch.

pasolini im gepräch mit ezra pound (schreibheft 69):
“Sie sagen, Ihre Dichtung ist aus Dingen gebaut, die intelligente Menschen zueinander sagen. Gewiß folgen die Dinge, die unter intelligenten Menschen gesagt werden, einer ziemlich zwanglosen Kurve. Tatsächlich kommen sie sehr zufällig daher, mit einigen Höhepunkten und anderen Momenten, die grau sind.”

comizi d’amore

die waschfrau bringt die babys in der handtasche als blüte mit. häh?
worauf geht das zurück? oder ist das eine art privatlegende?
wie ich lange zeit dachte, dass ermkes kamp einfach ein synonym für friedhof sei, wenn es hieß, wenn der sowieso so weiter säuft, liegt der bald auf ermkes kamp. kam mir nie in den sinn, dass ermke nicht jedem friedhofspächter weltweit geläufig sei.
ich fand im gastmahl die italiener eigentlich wenig gehemmt in der auskunftsfreude, die bereitschaft, auskunft zu geben, war da, und auch die erkenntnis, dass vieles im argen liege, nur genau drüber nachdenken, was genau und womit sex und liebe zusammenhängt, hat man eben noch nicht wollen. erschreckend allerdings, die totale homophobie. sehr dämlich, pasolinis frage nach der anständigkeit, und warum die fabrikarbeiterinnen nicht lieber als nutten arbeiten wollten, die ja viel mehr geld verdienten. allerdings auch dämlich die antworten. was sich zu bedingen scheint. die nutten, die er dann interviewte, liefern die eigentliche antwort ihres so einträglichen lebens in diesem italien von 1963 durch bloße präsens. die ventilieren nun nicht gerade ein sorgen befreites lustvolles leben. wie auch.

%d Bloggern gefällt das: