Es ist ein bittres Flanat der Erotik

Was waren das noch für Zeiten! Du schlendertest über die Jungfernstiege, Ku’dämme, Kös, bummeltest an Straßencafés vorbei, deine Augenlider, an denen Sonnenschleier hingen, halb gesenkt, und überall saßen sie und träumten und wippten mit dem einen schlanken Bein. Dann eine junge Dame, leicht vorgebeugt, schimmernden Modetand im Roßkastanienhaar, den linken Rand eines aufgeschlagenen Taschenbuches streifen mehr, als daß sie es halten, matt lackierte Fingernägel. Und manchmal huscht ein Lächeln über ihre Lippen. Sie schlägt eine Seite um. Du bleibst stehen. Ein neuerliches Lächeln. Da kannst du und willst auch nicht anders, als über deine Scheu ironisch zu steigen und näherzutreten. Schon schaust die junge Dame direkt an. Erstaunt sieht ihrerseits sie hoch. Und bevor sie sich belästigt fühlt – immer sollst du dezent sein, sei aber dennoch direkt! –, eh sie auch nur eine Frage im Blick hat, gestehst du ihr, sie sehe wunderbar aus, wenn sie lese. Und setzt dich. Und sagst: „Ich möchte gern mit Ihnen schlafen.”
Ach, wie sich das geändert hat! Einmal abgesehen davon, daß selten noch auf schöne Bücher schöne Blicke fallen – eher wirken die einstmals eleganten, lässigen Gesten, von denen Seiten umgeblättert wurden, nun hektisch, da die zuckendem Daumen an supergrauen Nintendos, nämlich Game Boys fummeln –, abgesehen hiervon geht die poetische Szene heut so:

Da sitzt solch Ersehnte, und du strengst dich an, den alten Reiz zu halluzinieren, was an sich schon, aber keine scheue Kraft mehr kostet, – trittst also heran – dezent darfst du auch nicht mehr sein, man vernimmt dich sonst nicht –, trittst heran und fragst: „Entschuldigen Sie, haben Sie heute schon Ihren AIDS-Test gemacht?“ Und wenn du es nicht fragst, so denkst du’s und hoffst es bei dir, was allen erotischen Reiz vollkommen desinfizieren muß. Du bist ja nicht naiv und weißt, die Alternative sei mitnichten, wie PIRELLI uns glauben machen wollte, Gummi oder Leben, sondern, denn so will es die Kirche, Erotik oder Rentenalter.
Oder stellen Sie sich folgendes vor: Du sagst: „ Ich möchte gern mit Ihnen schlafen“, sie indessen erwidert, wobei sie noch immer auf ihrem Nintendo herumdrückt: „Okay, haben Sie Gummis dabei?“ Da kommt man sich gleich als Professioneller vor, ja als … ich will es einmal „Kunde“ nennen. Und läßt die Sache lieber schon im Vorhinein fahren, nicht weil einem die Lust fehlte, nein, aus Gründen des Stils. Der Zauber, der seit je darin gelegen hat, Fremdheit, ja Distanz in einer plötzlichen, glühenden Nähe aufzuschmelzen, ist durch Aseptik gebrochen und also durch das, was vor vierzig Jahren „Ehehygiene“ hieß. Die hat sich nunmehr in Beischlafshygiene erfüllt, ist gänzlich zu sich gekommen, nämlich gesellschaftlicher Tatbestand, geradezu Tatsache geworden. Das ist für die Liebe im Wortsinn frustrierend. Frustra heißt vergeblich und frustra esse: „Man hat sich getäuscht“. Seit AIDS uns bedroht, täuscht man sich nur noch.

Kondome waren in den 50er Jahren eine Art schlechter Altmännergeruch (Arno Schmidt etwa schrieb, er benutze selbst beim Onanieren ein Präservativ), als zöge man dem Tier in sich, das es durch Liebeskunst zu schulen gilt, aus Angst vor schlechten Noten eine Plastiktüte über den Kopf. Nur keine Berührung, war die Devise. Unter deren Kuratel bracht’ man es halt hinter sich, und immer mit schlechtem Gewissen. „Ehehygiene“ war der Begriff, der Beschmutzung blocken sollte. In den 70ern vergaß man die Dinger allmählich; zwar wurde Eros nun von der Freikörperkultur attackiert, aber immerhin, mit ihr konnte einer spielen, – und bisweilen wurde ja gespielt. Schließlich „entdeckten“ Frauen ihre Sexualität. Nun warn sie nicht länger nichts als Objekte, sondern zunehmend wurde der Männerkörper interessant, das Maskuline (nicht das Väterliche!) erotisiert. Wenige Jahre zuvor hieß es noch, es komme nicht so sehr darauf an, wie ein Mann aussehe. Diese pfiffigste These des Patriarchats – eine perfide Karrieristenstrategie, sich vor Vergleichen zu schützen – war von den Frauen selbst, von vielen, und mit Nachdruck vertreten. Nun schlug das um, erst spürbar kaum, dann nahezu gewittrig, und plötzlich gab es wieder femmes fatales, „fatale“, das sind „verhängnisvolle“ Frauen, Frauen wie Schicksal. Fatal kommt von Fatum. Doch Schicksal aber für wen?
Diese Frauen – welch Lust, daß es sie gab! – machten den Männern nicht nur die Berufe streitig, nein plötzlich auch den Sex. Wen wundert es da noch, daß es zum AIDS kam? Zurück zum Kondom!, das heißt: Zurück in die Fünfzigerjahre!, ja: Zurück in den Biedermeier!, und also: Zurück in den Kolonialismus! Zurück in die Industrialisierung! Und: Zurück zur Macht! – Was konnte Machtmännern praktischer sein als der Virus? 
Ach, der Wähnungen sind viele!
Eines aber ist sicher, ist Wähnung nicht, sondern ganz offenbar: In Wirklichkeit schützen Kondome nicht oder wenig. Denn der  Virus lebt auch im Blut. Jeder Kuß, bei dem man sich nicht einen Gummi über die Zunge stülpt, bedroht uns am Leben. Die leichteste Wunde im Mund ist schon genug. Und nicht nur im Mund. Was denn hält die Biester davon ab, auch Lymphe und Schweiß zu besiedeln? Ist es eine Frage der Gewürze vielleicht? Des Buketts?
Plötzlich muß einer für die Liebe in Schutzanzüge für Allergiker steigen. Ein sinnlicher Weltkontakt soll nicht mehr sein, seit ihn auch die Frauen wollen. Wen kann noch irritieren, wenn der Statthalter des Patriarchats zu Rom, schon von Berufung kontaktlos und also kriegt er kein AIDS, seine Neue Zeit im Cyberspace gekommen sieht und sich die Männer, wieder ungefährdet im Selbstbild, neuganz dem Business widmen können, von dem das dauernde und lästige Vergleichen der Frauen sie abhielt und was sie sich mit Managermystik à la Gerd Gerken verbrämten. Ja welch ein Geheuchel!

Aber vielleicht ist alles ganz banal, vielleicht war AIDS von LONDON GEFÜHLSECHT in Auftrag gegeben, das Produkt an Äffchen getestet, die man danach, zur Feldforschung und um Spuren zu verwischen, nach Afrika reexportierte. Von wo der Virus aber nun den Großen Teich zurückübersprang, um sich, ganz im Geist des Monotheismus, über arme Schwule herzumachen. Es durchstrich ja einige Zeit lang als Fama die Länder, AIDS sei ein pikantes Problem, sozusagen eine Geißel der Widernatur. Glückwunschtelegramme gingen ein in Rom, das steh’nden Fußes reagierte. Um ein paar Silberlinge wurden Priester ausgeschickt, die, um ihre Schäfchen in die Enthaltsamkeit zu missionieren, märtyrerartig sich jeder Enthaltung enthielten. Man wird sie seligsprechen müssen: Wie dem Barock das Wasser sehr verdächtig wurde, weil in den freien Badehäusern der Renaissance nicht nur recht frei gebadet wurde – gastlichste Häuser der Syphilis –, so heute und endlich erneut das nutzlos vergeudete Sperma. Der Beischlaf habe die Zeugung zu meinen. Drum prüfe, wer sich ewig bindet, seines Partners AIDS-Abtestat.
W
as einen an all dem so weltschmerzig macht, ist ja weniger das Häutchen zwischen Dir und mir, das ließe sich liebeskünstlerisch schon sublimieren, – sondern es sind die Konsequenzen eines kategorischen Erotativs: Daß das Mißtrauen und die Distanz auf keinen Fall und nicht einmal für die Sekunde ihres höchsten Zusammenbruchs noch zusammenbrechen dürfen, was aber wesentliche Vorgaben jeder Verschmelzung ist und zur Gänze Aphrodites conditio sine qua non – und eben der Moment, da der Liebesakt eine religiöse Dimension annimmt und also die innigste Illusion, die wir kennen, sich grundsätzlich nicht mehr einstellen kann. Denn die Funktionalisierung hat nun – HIV HIV HURRA! – auch ihn ergriffen und säkularisiert. Der Beischlaf, dem es eben nicht auf den physiologischen Höhepunkt ankommt – sondern der wird zur gelebten Metapher – hat nunmehr den Charakter eines durchgehenden Selbstbewußtseins, das selbst nicht mehr durchgehen darf. Statt dessen ist Amor, der sich den ethischen Forderungen frech stets entzog, moralisch geworden, und Lust wird zu dem, was ihr widerstrebt: ein gesellschaftlicher Akt, an den sich Verantwortung bindet. Was Jurisprudenz, Religion und Schulausbildung seit Jahrhunderten vergeblich erstrebten, scheint nun AIDS zu gelingen. Auf Übertretung steht nicht Ordnungsstrafe, sondern das Grab. Das Kalkül der militärischen Abschreckung ist in den Kalten Krieg der Geschlechter mutiert.
Die Neue Krankheit, eine eigenwillig libidinäre Form postmoderner Prüderie, ergreift die Gemüter im selben Maß, da sich die Lust der Menschen an ihrer Physiologie, die feucht ist, auf eine Lust an der Elektronik überträgt, die nicht feucht sein darf. Die mechanischen Keuschheitsgürtel des Mittelalters vollenden sich durch Internalisierung. Der auch kirchlichen Hochzeiten wird es mehr und mehr, und schon haben unverheiratete Paare wieder Schwierigkeiten, eine gemeinsame Wohnung zu finden. „Sex ist nicht so wichtig“ wird zum Slogan, und anstelle sich hinanziehen zu lassen, arbeiten sich Zwanzigjährige hoch zu bruttosozialen Trägern von Millionen und Magengeschwüren. Der gefährlichste Begriff der Menschheitsgeschichte – „Reinheit“ –wird neuerlich zur Daseinsmaxime. Schon soll auch die Nation wieder sauber werden. Dieselben Interessen, die die Welt verschmutzen, verklappen und kontaminieren, wollen im gleichen Atemzug die Menschenseele reinigen von jeder Materialität. Das geht präzise zusammen. Das Spielrecht am fremden und am eigenen Körper, das die Pille etablierte – und die Pille für den Mann vielleicht bald gleichberechtigt hätte –, war endlich und total zu bändigen. Erotik ist Anti-Technik, Mißtrauen gegen Technologie so nötig wie gegen das Militär, das sie vorantreibt. AIDS indes kommandiert das Geschlecht in den Stechschritt. Nur ist dagegen so wenig Revolte möglich wie gegen eine Naturgewalt. Der Virus macht die Verhängung einer sexuellen Notstandsgesetzgebung ganz ohne öffentliche Empörung möglich. Mitläufer, wohin man blickt. 

Ach es gibt nichts mehr zu verlieren: Packen wir’s drum an! Noch hört man ja die Klage, es kümmerten die jungen Leute sich nicht genug um die Gefahr. Ist das nicht, als entwickelte die Welt eine Resistenz, die die verantwortungsbewußten und ethischen Würdenträger, die seit je die Welt so schaudern machten, schaudern macht? Wer sich gegen gegen Diktatoren erhebt, riskiert den Tod. Und wer immer meinte, er wäre, im Fall politischer Unterdrückung, mit ziviler Courage gesegnet, sollte nun venerische zeigen.
Ich jedenfalls will weiter über Jungfernstiege steigen und mag es mir nicht nehmen lassen, daß an irgend einer hübschen Treppe eine Schöne, die mich noch nicht kennt, schon ungeduldig meiner harrt – und wenn sie mich ansieht und verdammt noch mal nicht nach diesem Gummiding fragt, dann will ich’s, sofern ich eines bei mir habe, auch benutzen. Fragt sie aber, will ich mich lächelnd ihr verweigern und traurig meines Weges gehn.

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ANH, Mai 1995
Berlin

Toscas rührender, rührender Kuß: Dschungelblätter Jg 1 Nr. 2, Germinal 1985: Anstelle eines Editorials.

[Erschienen in: DSCHUNGELBLÄTTER, Jahrgang 1 Nr. 2
Germinal (21. März bis 29. April) 1985]

 

Ich hatte immer die Idee, das Kino sei heute, was früher die Musik war. Es repräsentiert im vorhinein, es prägt im vorhinein die großen Bewegungen, die im Entstehen begriffen sind. Und insofern zeigt es vorher die Krankheiten an. Es ist ein äußeres Zeichen, das die Dinge da zeigt. Es ist ein wenig anomal. Es ist etwas, das erst passieren wird, ein Einbruch.
Jean-Luc Godard, Einführung in einer wahre Geschichte des Kinos

 

 

 

Und die Zeit selber ist eine Satire, die über jedes zumal freiwillig ins Messer rennende Opfer hämisch sich die Hände reiben möchte, – – zum Opfer, freilich, wird besonders die Leidenschaft im Gewand der Vergeblichkeit, über die herzuziehen ein ganz spezielles Steckenpferd ist der zynischen Vernunft. In Frankfurt feierten ihre spöttischen Stellvertreter nun ein opulentes Stelldichein, – eine Art Berlinale für Miniaturvoyeuristen in Sachen welker Haut.

Bereits im Nivōse gab es die allerallererste, dann (für die Rezensenten) eine allererste und schließlich (25. Pluviōse) die erste deutsche Erstaufführung eines »Dokumentarfilms«, für den die OPER FRANKFURT freilich unter der Voraussetzung herrlichster Vorführort war, als daß der geneigte Betrachter Parkett und ersten Rang gleichfalls für dokumentarisch nahm und ergo die Verunstaltung für das Happening eines Gesamtkunstkonzepts. Um nämlich den Kuß der Tosca nicht zu empfangen, wohl aber sich drüber lustig zu machen (zumal fand er ja nur auf der Leinwand als eine hübsche Einführung in die unbeschwerte Kunst des Alterns statt und wurde im Publikumsraum der unglücklichen Frau Scuderi gewissermaßen zurückgegeben), — darum also war vornehmlich, doch gar nicht vornehm eben jenes Gelichter erschienen, das für die zumindest Frankfurtmainer Kulturvermittlung eine Verantwortung trägt, zu der man es niemals ziehen kann. Der Dschungel zum Beispiel im Rücken saßen vier – wie soll man’s anders nennen? – Charaktere des Hessischen Rundfunks, von denen einer mit dem andren recht ausgefallen ulkte: »Sei doch kein Loebe, Bernd!«, – dem Manne muß das Wortspiel mindest ein ebensolches Vergnügen bereitet haben wie hinterher der Film, der sich ganz zu Anfang aber mit deftigem Brummen gegen seine Prostitution zu erheben versuchte. Jedoch sogleich wurden solch mechanischem Aufruhr mit Gelächter die Leviten gelesen. Da hatten sich längst und in aufgeräumtester Stimmung (schließlich war Karneval, kein venezianischer, nein, sondern der deutsche-ernste-spaßige, der zwischen Schenkelklatschen und Schlachthof odyssiert) die Zuschauer zu amorphem Publikum verklumpt, das von der Rührung stets ins Feixen findet, weil jene nur das Dieses des Gemütes (‘Gesprengt, versenkt wird feste, – doch immer mit Jiemüt). Und wahrlich hätte sich kein hübscherer Faschingsabend einrichten lassen, als jene »Alterchen« es für ihr Publikum ganz ohne Absicht taten, die ihre Leidenschaft allenfalls durch Ironisierung vor der Lächerlichkeit zu schützten versuchten, was sie nun erst erst recht zum Schickeria-Opfer machte. Ein intellektuell gebildetes Publikum hat es gerne so.
Doch hatte bereits Wochen zuvor die bundesdeutsche und bündlerische Presse zum allgemeinen Juchhu! angesetzt – der Film unterwandert noch die letzte Wahrheit der Oper – und Lobeshymnen geradezu gespien, so daß von einem Publikumserfolg des Frankfurter Opernhauses bereits vor der Planung dieser Veranstaltung gesprochen werden muß. Es ist ein Zeichen für sich, daß die meisten hervorragenden Kunstwerke meist eben deswegen hervorragen, weil sich die Rezensenten vorgedrängelt haben, nämlich als Anhänger eben desjenigen Determinismus, den das »Volk« durch sie erst schafft. Um auch die letzten noch, dem gemeinen Geschmack hinderlichen Auswüchse ins Mittelma0 zu modulieren, macht nun die Kulturindustrie nicht nur wieder die Oper zu ihrem neu rehabilitierten Kunstsujet, nein, es sollen ihre Darsteller nicht minder daran glauben, vor allem, wenn sie behindert sind und sich also nicht zur Wehr setzen können. (Den andren wird es aus Lendenstücken des Goldnem Kalbe zum Lutschen vorgesetzt, etwa dem Herrn Kollo). So spannt sich das Netz einer historisch-kulturellen Larmoyanz, in der der Intellektuelle als »verkopft« gebrandmarkt und später mit gelbem Sternchen versehen werden darf, — »es geschieht ihm ja recht, warum hat er kein Gefühl?«. Von Aufruhr bloß kein Wort. Und Jean Amérys wahrer Protest gegen den Skandal des Alterns wird im Sumpf gefühligster Versöhnungen ertränkt. Wer sich nicht infolge seiner vorangeschrittenen Chronogonie als ältlich vermarkten und dem Volk solch einen Spaß dann verhökern will, muß sich halt die Kugel geben.
Da schleppen sich im anderthalb Stunden währenden Film die gebrechlichen Menschen durch ein Haus von Usher und kämpfen tapfer, wie sie’s in ihren Sängerzeiten auf der Bühne taten, gegen ihr Leid an und die Wunderlichkeit, halten die noch klingenden Träume ihres Geistes in den Verfall und manchmal, ja, atmen sie wieder. Das Publikum indes, das sonst zu lachen wohl nichts hat, es lacht.
Frau Scuderi entschützt gerahmte Erinnerungen aus ihrem Lebensschatz und liest uns Herrn Giglis Widmungszeilen vor, was ihre Leidenschaft in beiden, leider, Sinnen verrät. Sie denunziert sie ohne Absicht, arglos wie ein Mädchen wieder. Fürs Publikum ein Gaudio. Was dem Arbeiter das Bierzelt, ist dem intellektuellen Kulturschmock der Film. Schon ist die alte Dame ein komischen Star wider Willen, und gehässig wird ihre Tragik zum postmodernen Rührstück sozialdemokratischer Gartenlauben. Und dann noch … , anstatt sich in acht zu nehmen und so mißtrauisch zu sein, wie es in unsern dynamischn Zeiten alten Leuten anstehen muß … – dann also sagt sie gar, indem sie auf Herrn Verdis Konterfei zeigt: ·»Mir scheint, er hat eben gelächelt …«
Und da unser Publikum wieder? Nun, es lacht erneut. Was soll es sonst auch tun? Daß es Herrn Verdi schließlich nicht selber lächeln sehen, vor allem aber hören nicht kann, was, wenn sie singen, die alten Menschen hören — dies entblößt aller Komik Gemeinheit bis auf die Röhrenknochen. Die nämlich sind’s, was die Abwehr erzeugt und es den Fabriken unsrer kulturellen Bedürfnisprothesen ermöglicht, selbst das verdämmernde Grauen der Greise zur unsrer Unterhaltung umzuschönen. Ach was sind wir da gerührt! Wie glittert der affirmative Kitsch, der Toscas Dolchstoß zu unserm Gummibärchen macht, auf dem die progressive Chuzpe herumkäut.
Am schlimmsten und unerträglichsten aber wird’s, wenn in der vorgeführten Senilität sich all jene Mechanismen decouvrieren, die zwar mit dieser nicht ursächlich zu schaffen haben, nun aber um so leichter auf sie geschoben werden können: Prahlerei etwa. autoritärer Charakter und Mißgunst. Gesellschaftliches Unrecht wird als Gebrechen älter Leutchen abgetan und vorm Denken eingefroren. Gedacht werden darf in Daniel Schmids Tosca eh nicht allzuviel. Nur wird so Tosca Todeskuß, den ein Messer, nicht die Lippenspitze sticht und hier von einer alten, immer noch liebenden, leidenschaftlichen Frau gesungen wird, der nur zum Lieben niemand blieb, aller Verzweiflung und damit seiner Wahrheit bar. Zurück bleibt eine Süßlichkeit, die den eigentlich mutigen und menschlichen Film verschmiert und verklebt: Das in Szene gesetzte Altersheim wird zur Rührungs-Location und drinnen jedes Opfer Brand.

Wie war’s mit der Jagd im tiefen Wald? …
Bruder, die Nacht war so lang und so kalt!
Wie war’s mit der Beute? Besiegt oder tot?
Bruder, noch springt sie im Morgenrot!

Wo bleibt deine Stärke, dein Stolz, deine Lust? …
Bruder, sie schmilzt mir von Flanke und Brust.
Was hetzt dich SO? Was ist deine NOt?
Bruder, ich sterbe, mich hetzt der Tod.·
 
Rudyard Kipling, Tiger – Tiger!
Gesang zur →  Casa Verdi

 

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(ANH zu dieser Zeit.
Nach einer Wolpertinger-Lesung
im Jazzkeller Kleine Bockenheimer Straße)

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