Hermann Hesses “Ravenna”. Kleine Poetiken (8).

 

Ich bin auch in Ravenna gewesen,
Ist eine kleine tote Stadt,
Die Kirchen und viel Ruinen hat,
Man kann davon in den Büchern lesen.

Du gehst hindurch und schaust dich um,
Die Straßen sind so trüb und naß,
Und sind so tausendjährig stumm,
Und überall wächst Moos und Gras.

Das ist wie alte Lieder sind –
Man hört sie an und keiner lacht,
Und jeder lauscht und jeder sinnt
Hernach daran bis in die Nacht.

Ich lernte Ravenna zweimal kennen, einmal im Nebel, davor aber über ein Lied, das wie ein altes aber nicht alt ist, weshalb ich seinen Text für Kitsch hielt wie vieles von diesem Dichter. Ich ahnte nur, daß er sich in dem Lied wie dieses sich in der Stadt er­füllte, als hätten die drei Strophen ihre Vertonung beschworen und wären im Klang zu sich gekommen. Als ich in strahlendem Sonnenschein von Venedig aus die La­gune und durchs PoDelta südwärts fuhr, die Stimmen Hunderter Touristen im Ohr, dachte ich aber nicht daran, sondern an venezianische Gesänge, an Vivaldi, Sinopoli, und röhrend rasten die italienischen macchine in atemberaubenden Überholmanövern an mir vorbei. Es wurde immer heißer, ich schwitzte – doch als ich den Reno überfuhr und mich etwas landeinwärts hielt, trübte sich die Luft Meter um Meter ein, und vor den Toren Ravennas stand der Nebel. Es wurde, selbst bei geöffneter Scheibe, still. In ei­ner Art stummen Erschreckens gewahrte ich, als wären sie von dichterer Luft gefil­tert, Fahrradklingeln. Das ist für Italien, das ja nicht grundlos als lärmend gilt, mehr als nur ungewöhnlich.
Ich parkte den Wagen, stieg aus, und es war eine kühle Feuchte, was mich empfing. Kühl und feucht war die Stiftskirche Dantes, kühl und feucht schimmerte die Pflaste­rung der Gassen, auf denen die Schritte der wenigen Fußgänger tatsächlich hallten. Unmittelbar war mir bewußt, eine andere Welt betreten, alle Gegenwart hinter gelas­sen zu haben – oder vor mir – gleichviel. Die schweren, ihrer Fresken und jeglichen Zierats ledigen Mauern standen wie eine steingewordene Ewigkeit da, hoben sich um mich auf, und die paar Treppen untern Altar hinab schimmerte grünlich ein See, dessen Spiegel mit der Kryptadecke spielte, – und so fern war, allem Kirchenstaat zum Trotz, das Christentum, so mittelalterlich-heidnisch atmete es wieder. Und gleichgültig, wo ich dann später auch noch stand, sann und leise spazierte, überall wehten die Töne dieses Liedes von Othmar Schoeck auf die Worte Hermann Hesses, wehten aus jeder Pforte, von jedem Grabmal stiegen sie auf, und selbst, als einmal, geisterhaft, ein Autobus auf der Piazza hielt und einen Trupp Touristen entließ – aus der geöffneten Tür flatterte momentlang Italopop -, wurde dieses Stückchen Moderne sofort vom Nebel ein­gesponnen, ummantelt sowie chromatisch verkapselt und — schwieg:

Othmar Schoeck, Ravenna von Hermann Hesse
Dietrich Fischer-Dieskau, Karl Engel

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Kleine Poetiken 7

 

Franz Mon. 6. Mai 1926 – 7. April 2022.

Danke.

 

 

 

 

 

 


Will Smiths Ohrfeife. Eine Fußnote zu Krieg & Correctness.

Jemand, nennen wir ihn, weil eine komplett marginale, ja peinliche Erscheinung, Olli Patterer[1]Sprücheklopfer, tätigt über die Krankheit der anwesenden Ehefau eines Filmstars, nennen wir ihn Be Intheright, eine nicht nur unangemessene, sondern die Genzen der Geschmacklosigkeit noch in besonderem Sumpf auslotende, sogenannt witzige, die Gemeinte aber, die ohnedies leidet, geradezu diffamierende Bemerkung – worauf der Ehemann der Verhöhnten aufspringt und dem Patterer eine knappe, in keiner Weise schmerzhafte, ihn aber zu Recht demütigende Ohrfeige verpaßt, wenn auch, schade, nicht mit Handschuh – in der (auch Geistes-)Aristokatie die deutliche Auforderung zum Duell. Doch dies zu verstehen, fehlt es ja mittlerweile sowohl an Bildung wie dem nötigen inneren Stolz. Statt dessen toben Entrüstungsstürme, in deren Folge Mr. Intheright sich leider entschuldigt.
Die Boulevardpresse ist heute → voll davon. Derweil werde flächendeckend Zivilisten zu Tode bombardiert.
Denn nu’ ging’s erst los. Gewalt sei nicht erlaubt, dürfe nie ein Mittel sein. Undsoweiter. Hier war sie aber weit eher symbolisch, als daß sie physisch geschädigt hätte. Der Ehemann sprang für seine in diesem Moment ganz sicher erschütterte, wenn nicht tief verletzte Ehefrau – ein Umstand, der sie, und zwar ganz unabhängig vom Geschlecht, momentan handlungsunfähig gemacht haben dürfte – sofort in den Ring. Da Ehepartner, zumal wenn sie sich lieben, füreinander schutzbefohlen sind, war Mr. Intheright in absolutem, wie sein Name es schon sagt, Recht, nicht in jurisischem vielleicht, aber unbedingt moralisch. Hier sind ethische Fragen gar nicht zu berücksichtigen; erst recht hat da Correctness nichts zu suchen. Doch statt das zu sehen, wird plözlich wieder vom “männlich Toxischen” gesprochen, und zwar ziemlich von wahrscheinlich denselben Leuten, die gar nicht schnell genug in den Krieg kommen können, zumindest danach rufen, militärisch in ihn einzugreifen und die ersten eigenen Kinder zerfetzt oder zerstrahlt krepieren zu sehen,
Dies ist tatsächlich dekadent. Und forden obendrein, die diffamierte Frau hätte sich schon selber wehren können. Aha, und woher wissen die es sagen das? Könnte sie nicht extrem schockiert gewesen sein und damit gar nicht handlungsfähig? Oder hätte sie zu dem erkrankten Haar auch noch den Hals, ihn zu verhöhnen, dem miesen Patterer hinhalten sollen? Und später, heimlich, nur noch die ganze Nacht hindurch geweint?

Mr. Intheright, für Ihre Reaktion danke ich Ihnen von Herz und Geist und auch Geschlecht. Und nenne deshalb Ihren Namen – Will Smith -, derweil der des anderen auf alle Zeit vergessen bleiben möge. (Nur für Ihre Entschuldigung genier’ ich mich ein bißchen).

[Ich möchte an die Geschiche eines nahen Manager-Freundes erinnern, der über Jahre um seine an Krebs erkrankte Frau gekämpft hat; alles, was er nur an Mitteln hatte, sei es die seelische Durchhaltekraft, sei es sein finanzielles Wohlbefinden, opferte er auf, um einen Spezialisten nach dem anderen zu konsultieren – Spezialistinnen selbstverständlich auch. Schließlich verloren sie beide den Kampf, und die Geliebte starb.
Rund ein Jahr später, als er sich ein wenig berappelt hatte, traf er sich, um sein Unternehmen wieder auf die Beine zu bringen und Möglichkeiten zu sondieren, mit einem ehemaligen Geschäftspartner. Dabei erzählte er von seinem jahrlangen Einsatz für die geliebe Frau und daß er quasi alles verloren habe. Darauf hin der Geschäfts-,nun jà,-“partner” nun wohl n i c h t mehr: “Das war aber eine s c h l e c h t e Investition.” – Im Nu war mein Freund aufgesprungen und hatte zugeschlagen, als Kampfsportler gezielt auf den Punkt. Der nicht mehr Geschäftspartner brach auf der Stelle zusammen. Als er aus dem Krankenhaus wieder entlassen wurde, stellte er Strafanzeige gegen meinen Freund, derenthalber er, dieser, auch belangt wurde: Einige Zeit als Bewährung ausgesetzt und achthundert DM Strafe. “D a s,” so bemerkte er lakonisch etwas später zu mir, “war eine gute Investition.”

Will Smiths’ war es in gleichem Maß. Ich habe ihn nie für einen großen Schauspieler gehalten. Doch ist er nun ein großer Mann. Und also schützt er die Familie.]

 

 

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Bei Schostakovitch, Preludes & Fugues op.87
Keith Jarrett

References

References
1 Sprücheklopfer

Dieses ist zurückzuweisen, und zwar scharf. Der Ukraine Außenminister Dmytro Kuleba an Deutschland.

Wobei deutlich zu spüren ist, aus welcher Panik hier gesprochen wird, einer berechtigten Panik, die den Vorwurf selbst als Drohung entschuldigen mag:

Entweder wird Deutschland eine führende Nation
bei der Unterstützung der Ukraine und im Kampf
gegen das russische Böse. Oder Deutschland be-
kommt eine neue historische Schuld für verlore-
ne Leben und zerstörte Städte.

Dabei ist schon die Wendung “das russische Böse” nationalistisch infam, ja verheerend. Dieser Angriffskrieg gründet nicht auf einem russischen, sondern, wenn, dann dem putinschen Bösen[1]Von einem “Bösen” zu sprechen, ist selbst schon — zumal semireligiöse, also Glaubens- — Ideologie, die alles durchsteicht, was uns verstehen lassen könnte, um ein weiteres solches … Continue reading – und seiner Vasallen. Die deutsche Regierung sollte sich, bei allem Verständnis, gegen solche Töne verwahren. Erstens macht sich kein Land historisch schuldig, wenn es in einen Krieg nicht eintritt, den zwei andere Länder führen, und schon gar nicht, zweitens, wenn es dies nicht tut, um seine eigene Bevölkerung – und Bevökerungen sehr vieler anderer Länder – vor einem gleichen Schicksal zu bewahren, das jetzt die ukrainische Bevölkerung trägt. Und nicht nur vor einem gleichen, sondern einem, das außer bislang in Hieroshima und Nagasaki noch keine tragen mußte auf der Welt, und deren Folge- und Folge- und Folgegenerationen sowie die gesamte Fauna und Flora der, im Fall des Falles, halben bis dreiviertel Welt.

Worum es geht, ist klar, wobei auch hier Kukebas aggressiver Ton mehr als unangemessen ist:

Es mag Ihnen so scheinen, als hätten Sie bereits
eine Heldentat vollbracht, indem Sie eine Rei-
he wichtiger Entscheidungen getroffen haben.
Gebt uns mehr Waffen, damit wir uns verteidi-
gen können. Helft uns, unseren Himmel zu
schützen. Helft dabei, dass man uns Kampf-
flugzeuge zur Verfügung stellt. Gebt uns
stärkere Panzer, Flug- und Raketenabwehrwaffen.

Es ist uns Deutschen darum aber schon seit langem nicht mehr getan, “Heldentaten” zu vollbringen; diese Terminologie wird in diesem Land aus guten, eben historischen Gründen Göttinseidank abgelehnt. Das kann Kuleba seelisch vielleicht nicht verstehen und darf es, aus Notwehr, in der jetzigen Situation seines Landes wahrscheinlich auch nicht. Aber eine deutsche Zurückhaltung indirekt mit den Schrecken des deutschen Nationalsozialismus auch nur in Verbindung zu bringen, ist nicht nur grob stillos, sondern eine geschichtsrevisionistische Ungeheuerlichkeit. Die jetzige Bundesrepublik Deutschland hat diesen Angriffskrieg, anders als Hitlers Drittes Reich den seinen, nicht begonnen. Und schon meine Generation, ich bin siebenundsechzig, hat mit dessen – faktisch – nichts zu tun, erst recht nicht haben es die folgenden Generationen bis zu der meiner Kinder. Und eben weil wir dennoch für die deutsche Geschichte nicht wegen einer Erbschuld, die gibt es nicht, sondern aus freiem Willen die Verantwortung übernommen haben, lehnen wir die Terminologien von “Helden” ab, sowie des Ruhms oder gar einer “Ehre” des Vater- sowie Mutterlands.

In Friedenszeiten jedenfalls hätte Kuleba für diesen seinen Aufruf eine deutliche Watschn verdient, und zwar mit dem Handschuh. Auch, ihm vor die Füße zu spucken, wäre angebracht, ihm, nicht den leidenden und kämpfenden Ukrainerinen und Ukrainern. Im übrigen gilt, à propos Schuld, das, was ich → d o r t schrieb.

Миру Україні,
ANH

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[Zitatquelle:

Claudia Thaler in → ZEIT online Ukraine-Liveblog, 9. 3. 2022, 13.48 Uhr]

References

References
1 Von einem “Bösen” zu sprechen, ist selbst schon — zumal semireligiöse, also Glaubens- — Ideologie, die alles durchsteicht, was uns verstehen lassen könnte, um ein weiteres solches Unheil überhaupt verhindern; die Terminologie schreit mit Schaumvor dem Mund.

Nachlektorat: Wolpertinger oder Das Blau, Elfenbeins Berliner Neuausgabe. Vom Verleger. An den Verleger.

Weil indes der beharrlich die Augen geschlossen hielt und sich auch sonst nicht aus seiner Schlafstellung löste, kam der Lauscher um die Ahnung nicht herum, der Fette sei vermöge, durch die zugeklappten Lider zu schau­en.
Wolpertinger oder Das Blau, dielmann 1993 (Erstausgabe), S. 97

 

 

Lieber Alban,
ich habe noch mal recherchiert, es geht um diesen Satz:
„… kam der Lauscher um die Ahnung nicht herum, der Fette sei vermöge, durch die zugeklappten Lider zu schauen.“

Es findet sich kein Hinweis bei Adelung, keiner bei Grimm, keiner im Duden, der diese Konstruktion im Sinne von „sei in der Lage“, „sei fähig“ nachweist, dann müsste „vermöge“ ein Adjektiv sein. Es gibt nicht einmal einen einzigen Internettreffer in dieser Konstruktion, zumindest finde ich keinen. Ich habe gesucht: „Ich bin vermöge“, „er ist vermöge“ usw.: nichts.
Das sagen Adelung und Grimm:
Ich denke nach wie vor, Deine Formulierung ist falsch (was ja immer bloß eine Meinung ist). Vor allem aber stolpert man beim Lesen. Besser und richtig ist: „… der Fette vermöge durch die zugeklappten Lider zu schauen“. Aber natürlich lasse ich’s so stehen, wenn du selbst nach dieser Argumentation dabei bleiben willst. (Will halt nichts unversucht lassen …)
Herzlichst
Dein Ingo
Guten Morgen, lieber Ingo,
hab Dank für die ausführliche Argumentation, und ich würde mich ihr beugen, habe aber zugleich das Gefühl einer durchgestrichenen Evidenz: Wenn meine Formung auch tatsächlich durch nichts gedeckt zu sein scheint, ist mir “er sei vermöge” doch geradezu als unmittelbare und so bleibende Stanzung im Sprachblut, daß ich den Satz noch dreißig Jahre später fast emblemhaft in der Erinnerung habe — so, wie Günther Steffens einmal schrieb, es gebe Sätze, die seien bereits bei ihrer Erfindung Zitat. – Verstehst Du? Etwas tatsächlich Falsches möchte ich aber nicht stehen lassen. Insofern: Habe ich ein bißchen Zeit, um über eine Alternative nachzudenken, die für mich eine ähnliche Kraft besitzt? Sowohl “er sei fähig” wie “er vermöge” — hier, weil aktivisch, indes “er sei vermöge” etwas von einer verliehenen Gabe hat; genau dieser Gaben-Charakter ist mir wichtig ((Wer vergab das Vermögen??? Ecco!) — sind mir zu banal/profan, sie gehen an dem sozusagen transzendenten Mitwirken komplett vorbei. Schriebe ich statt dessen aber “habe die Gabe”, wäre ich für mein Empfinden wieder zu deutlich, zu eindeutig, zu wenig ambivalent – gerade bei einer Figur wie Dr. Lipom.
In den sich erhobenen Sonntag nach einer etwas schwierigen Nacht ohne Magen:
Dein Alban

 

[Die Berliner Neuausgabe des Elfenbein-Verlages wird im November 2020 herauskommen. Vorbestellungen dort.]
 


Podcast
“Ich trage einen großen s c h l i m m e n Namen.”
Die Ribbentrop-Verfluchung
ANH im Gespräch mit Manuela Reichart. SWR2 Matinee.

Auf dieses erst jetzt, in des Senders Onlinepräsenz, abermals gewählte “große” hatte ich vor Jahren, als mich bereits eine ihrerzeit mächtige Kritikerin um einen Beitrag dazu bat, sie abschlägig beschieden und scharf hinzugefügt (was meiner Unbeliebtheit ganz gewiß noch Futter gab): “Auf solch eine Idee kann nur eine Österreicherin kommen.”
Wie auch immer, bei der nunmehrigen Einladung ging es um eben n i c h t den “großen”, sondern um belastete und belastende Namen – und dazu mich öffentlich zu äußern, war und ist es sicher an der Zeit.
Hier >>>> der Podcast:

 

 

 

 

 

 

 

Freilich nicht ohne Witz, daß die Onlineredaktion des SWRs ein Foto von mir (“von mir“? echt?) ausgesucht hat, das gewiß dreißig Jahre alt ist, wenn nicht älter. Oh Göttin, welch ein Jungchen, mußt’ ich eben denken.
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ANH, 8.11 UHr
David Ramirer, elegy

Zur „Islamfrage“. Das Arbeitsjournal des Freitags, den 27. April 2018. Darinnen auch Zur Diffamierung. Mit Andreas Steffens, Ulrich Becher ff, der Toleranz im andalusischen Kalifat vor Isabella, sowie der MDU und einer Erwähnung Federicos am Rande.

[Arbeitswohnung, 6.48 Uhr
Jarrett, live in Wien 2016]

Es ist s c h o n interessant, wie persönlich manche Leute andere diffamieren wollen, in diesem Fall mich. Daß ich in dem strittigen Beitrag sehr bewußt nicht genannt habe, um wen es geht, spielt für sie keine Rolle. Wenn ich denselben Menschen in anderem Zusammenhang verteidige, gar lobe – nein, Freundin, ich verlinke dies nicht, sondern bleibe diskret -, wird selbstverständlich genauso draufgeschlagen, dann sogar auf ihn wie jetzt auf Bruno Lampe. Die “Dynamik” ist also typisch. Kanaillen wie dieser Kommentator nehmen, um mich zu treffen, jederandernfrau und -manns Verletzung kältestschnäuzig als Kollateralschaden hin. Es ist nicht falsch, wenn Die Dschungel dies dokumentiert.
Dabei ist schon der Hauptvorwurf, ich ließe andere Meinungen nicht “zu”, restlos absurd. Ich habe gar nicht die Macht, sie zu unterdrücken oder gar zu verbieten, und täte es auch dann nicht, hätte ich sie – wovor mich die Musen bewahren mögen! Das heißt aber nicht, daß ich nicht hier – auf immerhin meiner eigenen Webpräsenz – keine Positionen verträte. Ja, ich vertrete sie, vertrete sie mit aller, wie ich gestern in einer Antwort schrieb, Leidenschaftlichkeit, die mir eigen, und vertrete sie mit Argumenten. Ich gebe Beispiele, analysiere; nichts davon wird aufgenommen. Sondern als Gegenmeinung höre ich fast nur geschmackliche Wertungen, ohne daß sie ihrerseits zumindest beispielhaft begründet würden. Es stimmt, eine “einfache” Leserin, ein “einfacher” Leser kann ihre/seine “Meinung” haben, etwas kann ihr oder ihm einfach nicht gefallen, das geht auch mir oft so; hingegen für ein öffentliches Urteil reicht das nicht. Dabei “darf” ich durchaus schreiben, daß mir etwas gefällt oder nicht, auch öffentlich, aber dann müssen auch Gegen„meinungen“ inkauf genommen werden, möglicherweise substantiiertere. An genau solchen Stellen schwenken Leute wie der oben indes auf Diffamierung um.

Es wird zunehmend schwer, gegen den Mainstrom zu schwimmen; die Konsensgesellschaft nimmt die Form einer Zwangsgemeinde an; sie wird – auf “soziale” Weise – totalitär. Nichts kann, in einer Massengesellschaft, der Politik gelegener kommen als ein solcher Pop, wie ja auch nichts der Kulturindustrie gelegener kam und kommt. Unbehagen an solchen Zeitläuften wird, wenn es sich ausdrückt, nach ganz rechts oder ganz links gedrängt oder für das einzelner Verwirrter erklärt, im übrigen weiter konsumistiert. Und die jeweiligen Ingroups komprimieren sich nach Art einer, sagen wir, gegenderten Männerbündlerei. Imgrunde nix Neues unter sei’s der Sonne, sei es dem Regen. Präzises Hinsehn ist nicht erwünscht.

Etwa beim Islam. Selbstverständlich haben wir mit ihm ein Problem, nämlich schon dort, wie sich jetzt nicht mehr unterdrücken läßt, wo er den tradierten, schon Kindern eingeimpften Antimosaismus – ich lehne das Wort “Antisemitismus” ab, weil schon dieses unscharf ist: auch Araber sind Semiten – in unsere Gesellschaft, nun jà, „zurück“?trägt. Und jetzt stellen Sie sich einmal, Freundin, vor, was es bedeuten würde, kämen kluge islamische Führer auf die Idee, eine “MDU” (statt CDU) zu gründen, eine Muslimisch Deutsche Partei und träten mit ihr zur Wahl an. Möglicherweise hätten wir recht schnell auch sie und nicht nur die AfD im Bundestag sitzen, die gesetzgebende Hauptvertretung der Nation. Da “sei nun zwar vor” das dogmatisch-islamische Einheitsverständnis von Religion und Staat; dennoch wäre solch ein Schachzug von gefährlichster Raffinesse – wobei wir daran zu denken nicht vergessen dürfen, daß, wie ganz zurecht auch Becher schreibt … ach schade! ich finde die Stelle nicht wieder, habe sie leider nicht angestrichen, jetzt fast dreimal das halbe Buch durchgeblättert … egal! — daß im Spanien, genauer: Andalusien des Zehnten Jahrhunderts Moslems, Juden und Christen gemeinsam eine Kultur entwickelten, deren, aber den Begriff gab es noch nicht, Toleranz fürs Mittelalter, namentlich das christliche, einzigartig war, aber rund 500 Jahre später durch Isabella von Kastilien und ihre, ja, Inquisitoren  nahezu komplett vernichtet wurde. Eine christliche Ausnahme stellte Federico II dar, über den ich vielleicht doch noch meinen Roman schreiben werde, zumal auf ihn, Friedrich, auch Becher – der mir unterdessen fast unheimlich nahe – hinweist  (die Stelle h a b ich mir angestrichen, klar): ” … mit Riesenabstand die bedeutendste deutsche Kaiserfigur der Historie …”.

 

In der Tat hat Andreas Steffens recht, wenn er auf der Trennung von Religion und Staat auch gegenüber dem Christentum beharrt:

Was ist Toleranz? Sie ist Menschlichkeit überhaupt (Voltaire, Toleranz, 724). Ihre Wirklichkeit liegt jenseits aller religiösen Unterschiede. Begründbar ist sie nicht m i t, sondern g e g e n Religion.
Schärfer noch: Das Thema des >Nathan< ist die Gefährdung der Humanität durch Religion. Das einzige Sicherungsmittel dagegen ist die strikte Privatisierung des Glaubens, die Trennung von Macht und Religion, Staat und Kirche. Die individuelle Freiheit z u m Glauben beruht auf der Freiheit des Staates, der sie garantiert, v o m Glauben. Nur eine weltanschaulich neutrale Ausübung staatlicher Macht schützt sie vor der in jeder Macht lauernden Verlockung zur Unmenschlichkeit.

Steffens, Es genügt nicht, ein Mensch zu sein (Typoskript)

Mithin haben an staatlichen Orten – Schulen, Regierungsgebäuden usw. – auch christliche Insignien nichts zu suchen. Die sogenannte Kopftuchdebatte hätte sich, würde sie wahrhaftig geführt, auch gegen das Kreuz zu richten, auch gegen die Kipa oder sonstige – im öffentlichen Dienst getragene – religiösen Zeichen, weil sie nämlich i m m e r, so oder so, religionsautoritär indoktrinieren. Das haben Muslima und Moslems, die in der offenen Gesellschaft mitleben und in Deutschland bleiben wollen, ebenso zu akzeptieren wie Christen und Juden, und sie haben die Gleichstellung der Geschlechter insbesondere in der schulischen Ausbildung zu akzeptieren, ebenso wie Ehen, die sie führen, auch weltlich geschlossen werden müssen, ansonsten sie ohne rechtliche Grundlage sind. Ein Staatsakt vor dem Standesamt ist Geflohenen genauso zumutbar wie allen anderen Bürgerinnen und Bürgern; im übrigen schützt er besonders die Kinder, in diesem Fall mit Nachdruck die Mädchen – es hatte ja guten Grund, die Schulpflicht einzuführen, weil eben nicht alle Eltern in erster Linie das Wohl all ihrer Nachkömmlinge im Auge haben. N i c h t hinnehmbar sind in die offene Gesellschaft eingekapselte Parallelgesellschaften, in denen wider Verfassung und allgemeines (allmendes!) Bürger- wie Strafrecht die Scharia waltet, andernfalls wir auch Mafia„recht“ zulassen müßten oder die Beschneidung von Frauen und und und.
Was ansonsten gelebt und geglaubt wird, ist jedem selbst überlassen. Ich meinerseits tendiere zu dem, was Becher einen “atheistischen Pantheismus” nennt (Murmeljagd, 401), wobei das Wort “Atheist” insofern problematisch ist, als so die römischen Urchristen bezeichnet wurden. Aber die Vorstellung gefällt mir, daß in jedem Baum ein Geistwesen lebt, quasi als seine Seele, und manchmal sehe ich so eines auch, oder höre es doch, und daß wir uns bei jedem Tier, das wir, um zu essen, töten, entschuldigen müssen, anstelle “bis zu den Waden in verendenden Hühnern zu stehen”. Der Paganismus bringt uns etwas zurück, das wir vor allem durch die Monotheismen verloren haben: die Achtung vor dem Geschöpf und, was wahrscheinlich nur Menschen aufbringen, erfinden nämlich können, die Liebe zu ihm – ein Schöpfungsakt ganz selbst und darum einer der Kunst. Hier hatte Beuys einmal recht. Dennoch gehört auch mein Heidentum nicht in ein öffentliches Amt und schon gar nicht in die Lehre.

Ihr ANH

P.S.: Noch etwas zweites geht in mir um, ein Aufsatz Wolf Singers zur Willensfreiheit. Ich werde morgen auf ihn eingehn.

P.P.S., 15.25 Uhr: Was wir nicht in der Hand haben.
[Kaikhoshru Sorabji, Opus clavicembalisticum]

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