Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 10. Juli 2022. “Verwirrung des Gemüths”, ein neues Musiktheater vielleicht (Musiktheaterinstallations-Performance), die Triestbriefe, text+kritik sowie АНХс “Корабль-греза”, darinnen die furchtbare Ambivalenz. Sowie ein bißchen Einsamkeit.

 

Heute ab 17.05, swr2 lesenswert:
Carsten Otte über ANH, Die Brüste
der Béart. Dort anhören.

[Arbeitswohnung, 7.19 Uhr
Wind, Kühle]

Gestern die von meiner Lektorin bearbeitete, mit vielen, bisweilen hinreißenden Anmerkungen und Vorschlägen versehene und hergemailte zweite Tranche der Neuausgabe des in nunmehr erster Fassung 1983 ersterschienenen Romans Die Verwirrung des Gemüths bis in den späten Abend in quasi einem Rutsch durchgesehen und korrigiert, 215 von insgesamt 396 Typoskriptseiten, es war wie eine Art Rausch. Die 181 Seiten davor hatte ich ja bereits vor drei Wochen fertigbekommen. Heute vormittag nun noch einmal ein “Kontroll-Scoll”, um zu sehen, ob ich etwas übersehen habe; danach geht die Datei an Elvira zurück, und am 19. werde ich für fünfsechs Tage nach Wien fahren, um mit ihr das Schlußlektorat persönlich durchzuführen. Am 27. muß das satzfertige Typoskript im Verlag liegen, um rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse als Buch dazusein.

Verwirrung, Lektoratsbeispiel
Elvira M. Gross

Parallel lief in den vergangenen Tagen ein anderes umfangreiches Projekt an, um dessen Zuschlag sich – es handelt sich um die Ausschreibung dreier deutscher Bühnenhäuser – mein Komponistenfreund Robert HP Platz, die Bildende Künstlerin Sandra Schlipkoeter, der Videokünstler Christoph Brech, der Regisseur Oliver Kloeter und ich unter, grad jetzt in der Antragsphase, als quasi Controllerin enorm stützender Mitwirkung Sabine Krasemanns als Team bewerben. Im weitesten Sinn handelt es sich um Musiktheater, wobei es eine Mischform aus Performance und Installation werden dürfte, die allerdings steng gebaut sind, doch auch weiten Raum für Improvisation bieten. Nachdem sich unsere, vor allem Platz’ und meine, Anfangspläne mit den Konditionen der Ausschreibung nicht  decken ließen, was Krasemann schnell herausfand, mußten wir quasi alles umwerfen, und in einer Spontanaktion schrieb ich ein völlig neues Konzept, war dann nervös, wie es ankäme, aber es lief – für mich eine erstaunliche neue Erfahrung – bestens. Jetzt mußte festgeklopft werden, mußten einzelne Szenenentwürfe her usw. Und gestern abend hat Krasemann das gesamte Ding hinausgeschickt. All das lief über Zoom und eine von ihr eingerichtete Whatsappgruppe, in der wir auch jetzt immer noch mal plaudern. Jedenfalls müssen wir nun warten; im September soll entschieden werden. Bekommen wir den Zuschlag, geht es gleich in die Vollen; ich selbst muß ans Libretto – präzise die Libretti -, Platz quasi parallel komponieren (wir werden für Komposition und Dichtung enger zusammenarbeiten als je); dann werden die Treffen des Teams stattfinden, noch in diesem Jahr, wir müssen vor allem die Häuser sehen, die Bühnen, die sonstigen Räume. Uraufführung haben wir für den Sommerbeginn 2024 avisiert. Insgesamt, wenn es klappt, wird das, schöne Frau, ein “riesen Ding”.
Also jedenfalls das kostete ebenfalls Zeit, einige. Jetzt steht für mich ein kleiner Radiotext an, der nicht nur angegeben, sondern auch eingesprochen sein muß, bevor ich in den Zug nach Wien steige. So richtig einen Einfall habe ich noch nicht, zwar schon anderthalb Seiten halt auch eher hingeworfen als geschrieben, aber sie sind mir zu trocken, zu theoretisch, um Leben im Klang entfalten zu können und dann noch eine “Botschaft” zu enthalten und zu vermitteln, die wiederum selbst mir allerdings klar. Wieder einmal wird es um Ambivalenzen gehen, allerdings diesmal der Verschlingung von Leben und Tod.

Und der Triest-Briefroman ist nun zum zweiten Mal soweit durchgesehen und korrigiert, umgeschrieben, ergänzt, wie er bereits als Text vorliegt; wie ich Ihnen, Freundin, schon erzählte, sind noch sieben Briefe zu schreiben. Wobei ich leider gegen Ende des zweiten Durchgang eine – n i c h t “leider” – ziemlich wichtige Idee hatte, die nun noch einen dritten Durchgang erforderlich macht, um nämlich die “Hauptperson”, von der erzählt wird, noch deutlicher konturiert von dem Ich-Erzähler abzusetzen, der mir mit dem anderen manchmal noch z u sehr verschmilzt. So daß mir klar wurde, beide müßten verschiedene Berufe haben; der des Erzählers ist klar, indes es sich zwar bei der Hauptperson angeboten hätte, auch sie wieder zu einem Bildenden Künstler zu machen, doch in der Tat, das wäre nun entschieden zu nahe an → Meere. Was also nun? Die Lösung war die naheliegendste aller. Aber gerade sie braucht Fleisch und Klang. Das ist ihr im dritten Durchgang zu geben, mit dem ich vielleicht heute schon anfangen kann, wenn die Verwirrungs-Fahnen fertig und hinaussein werden und ich vielleicht auch schon einen annehmbaren Entwurf für den Rundfunkbeitrag habe.

Ach ja, außerdem waren die Fahnen meiner eigenen – allerdings nicht langen – Textbeiträge durchzusehen, für die ich von der Redaktion des im September zu meinem bisherigen Gesamtwerk erscheinenden text+kritik-Bands gebeten worden bin; ist ja schon einiges her, weil Corona das Erscheinen um ein ganzes Jahr verschoben hat.  Nun wird es aber definitiv herauskommen, und zwar bereits im September. Ich mußte und wollte deshalb auch unbedingt noch etwas hinzusetzen, bzw. einmontieren und hoffe nun, daß meine “Lösung” funktioniert. Was es ist, dazu schreib ich hier nicht. — U n d: Es sind böse Zeiten dafür, leider, aber meine großartige russische Übersetzerin, Tatiana Baskakova, hat mir die Umschlagentwürfe der russischen Ausgabe des Traumschiffs geschickt, die noch im August da sein soll, gebundenes Hardcover, sehr schön gesetzt (ich habe eine PDF der Druckfahnen, die ich allerdings nicht lesen kann, klar), mit einem ausgesprochen langen Nachwort Baskakovas, tatsächlich einem Anmerkungsapparat und sogar Auszügen aus den Seereiseberichten Der Dschungel, die teils Grundlage des Romantextes wurden. Von den Umschlagentwürfen gefallen mir zwei, diese:

K e i n schönes Gefühl, sich einerseits rasend darüber zu freuen, und zum anderen, sich freuen gar nicht mehr zu können, weil dieser entsetzliche Krieg währt und, wie es aussieht, in absehbarer Zeit auch nicht zuende sein, sondern sogar zu befürchten ist, daß er sich ausweiten wird, auch zu uns und über ganz Europa. Da erscheint solch Übersetzung als derart marginal – was sie aber bei der Hingabe nicht ist, mit der Baskakova übertragen hat, und ihrer Genauigkeit. Und aber das Thema selbst des Romans bleibt ja, wird Menschheitsthema immer sein, völlig gleichgültig, welcher Nation jemand angehört. Ich hatte Tania auch geschrieben, wie ambivalent dies alles nun für mich sei und daß die Menschen sowohl in der Ukraine als auch in Rußland doch ganz andere Sorgen hätten, und schwere Nöte, um an einem übersetzten deutschen Buch Interesse haben zu können. Sie indes schrieb mir zurück, gerade jetzt, in diesen Zeiten, sei Literatur für manche Menschen wesentlich, sie halte sie am Leben. Es wäre für mich, oder sollte es prinzpiell sein, einfach, diese Sicht zu übernehmen, die ich auch für begründet halte. Nur b i n ich kein einfacher Mensch.

Ihr
ANH

P.S.:
Immer mal wieder leichte Anfälle von, nein, liebste Freundin, nicht Einsamkeit, aber einem Gefühl von Alleinsein, innerer, quasi, Emigration. Ich hab es im Griff, doch ein bißchen tut es schon weh.

***

[20.49 Uhr]
Ich fasse es selbst nicht: den Rundfunktext für Gutenbergs Welt in einem Rutsch geschrieben, dann durchgearbeitet und bereits die Erste Fassung erstellt, die soeben an Manuela Reichart hinaus ist. Morgens hatte ich noch Zweifel, ob mir die zündende Idee käme, die zwar, als Idee, aber nur schmauchend, gestern schon da war, aber halt ohne jeden Zug. Unversehens wurde es anders — was eine über Jahre erlebte Erfahrung bestätigt, die aber nicht mehr in meinem Körpergedächtnis war, — daß nämlich, wenn man einfach stur weiterarbeitet, irgendwann der Punkt kommt, an dem das Gehirn geradezu automatisch loslegt und mir die Finger führt. Dann braucht es später nur noch den dramaturgisch strukturierende Konstruktionsblick, schon ist das Ding fertig, und zwar mit Ideen und Thesen, die s i c h  e r s c h r i e b e n. Das Selbst als autonomes Subjekt ist gar nicht gefragt.
Die sonderbare Ambivalenz heißt nun mein Text, von dem ich selbstverständlich nicht verrate, wer mein literarischer “Held” ist. Das sollten Sie, Freundin, dann hören.

Nomen fatum est? fragt es im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 19. Februar 2022, das auch ein bißchenTagebuch ist.

[Arbeitswohnung, 6.46 Uhr
France musique contemporaine:
Théo Mérigau, “Hoquetus Animalis” pour orgue
Erster Latte macchiato]
Auf seit Punkt 6, Orangen ausgepreßt (hab ich mir seit knapp zwei Monaten angewöhnt), den Latte machiato bereitet, Pfeifen gewechselt und geputzt, beginne ich den Tag mal wieder mit einem Arbeitsjournal; lange Jahre war es ja Usus, bis, hm, bis Corona kam? Ah, neue Nachrichten in meiner Warnapp … oh, der vierzehn Tage lang rot angezeigte Alarm, ich sei mit mindestens drei positiv getesteten Leuten mehr als eine Viertelstunde beisammengewesen und hätte demzufolge erhöhtes Ansteckungsrisiko, ist in die grüne Entwarnung übergegangen; beunruhigt war ich aber nie, schon weil ich jeden, bisweilen auch nur zweiten Tag den Antigentest mein Naseninnres kitzeln lasse; an der Stargarder 74 kennen die Mädchen und Jungens mich schon, die da ein feines Geld verdienen. Auch mein Sohn jobbt unterdessen in einer Teststation, weil der Stundenlohn so gut ist.

Neben der weiteren Überarbeitung der Verwirrung, wovon es morgen in Der Dschungel das mittlerweile achte Beispiel geben wird, und einiger Korrespondenz sowie neuerdings wieder mehr Prosa zur Musik übertrage ich täglich ein bis zwei Notate aus dem nunmehr alten Notizbücherl hierher; da ich jeweils unter dem Datum datiere, an dem die entspechende Augzeichnung niedergeschrieben wurde, werden Sie sie, Freundin, nie gleich sehen, sondern unter → NOTATE nachsuchen müssen, momentan noch im April 2018 — eine Mühe, der sich, wenn überhaupt jemand, nur wenige meiner Leserinnen und Leser unterziehen werden. Aber darauf kommt es nicht an; soweit ich dort Skizziertes nicht mehr werde umsetzen können, mag es als Teil des Nachlasses gelten. Ich selbst finde diese Beiträge übers ins Suchfeld eingegebene abgekürzte Wort “faks.” schnell wieder, weil es sonst nirgendwo vorkommt, jedenfalls bislang. (Gleich bei der ersten zu übertragenden Eintragung konnte ich meine Handschrift nicht vollständig lesen. Also fotografierte ich sie ab und stellte  → dort das Foto als quasi-Faksimile ein.)

(Ich muß mal die Musiksparte wechseln; in “Contemporaine” wird mir heute morgen zu viel gequasselt. Schade. Aber gut, nunmehr Telemanns “Wer ist der, der von Edom kömmt”; auf Musiken des Barocks läßt mein Geist sich ähnlich gut wiegen; sie umhüllen das Imaginationsvermögen, ohne es zu stören, mit einer gleichsam Sonne aus Zuversicht. Was heute morgen, da erneut der Sturm tobt und der Amselhahn nicht singt, dem ich so gerne lausche in Früh, auch ziemlich nötig ist. Neue Musik hingegen stimmt mich meditativ.)

Aber was ich erzählen will
(es ist mir,
dem es noch letzte Woche passiert ist, daß eine Kassiererin ihm “Junger Mann, kommSe mal hierhin!” zurief, und so immer mal wieder auch in anderen Zusammenhängen mit anderen Menschen geschah,
zum allerersten Mal widerfahren)
:

PENNY, später Mittag, gestern. Stehen sich zwei Herren gegenüber, beide mit Einkaufswagen, und der Durchgang ist eng. Jeder mag dem anderen den Vortritt, bzw,. die Vorfahrt lassen, mehrmals bedeutet der eine, bedeutet der andere, je mit leichter Verbeugung. Sagt der andere, er mag um die vierzig sein, zu mir: “Nein, Sie. Sie sind der sehr viel Ältere, ich bin der Jüngere, und also kann ich warten.”

Das war dann doch schon ein Erlebnis. Ich trug ja nun FFP2, da ist man eigentlich nie richtig zu erkennen. Lag es an meiner Körperhaltung? Stand es mir in den Augen?
Wie Sie, Freundin, lesen, beschäftigt es mich bis jetzt. Dennoch, nach dem Krebs: Unenttäuscht sein (auch dieses ein, aber neues, Notat). Es hat uns aus der Zeit katapultiert. Dann fiel mir ein möglicher neuer Roman ein (als ob ich neben den teils schon begonnenen, teils fast fertigen Typoskripten und längst beschlossenen Projekten für so etwas Zeit hätte!):

Der Nazi und die Jüdin

Idee, ein wirklich “gläubiger” Nazioffizier verliebt sich in eine Jüdin, es überfällt ihn, eine Allegorie hat sich in ihn gestürzt. Ihr geht es ebenso. Beide sind restlos hilflos. Sie gehört in eine Gruppe zu Deportierender. Beide sind nicht nur verliebt, sondern lieben. So kommen sie gewissermaßen aus Haß zueinander. Keine Ahnung, wie das endet. Ob er überhaupt begreift, begreifen kann. Vielleicht versuchen sie zu flüchten, er, der ihr hilft, sie, die die Ihren nicht zurücklassen will, sich schuldig machen würde, obwohl alle Schuld auf seiner Seite und der aller seiner Mitnazis ist, und auf der der, ob aus Überzeugung oder Fucht, Mitläufer, also des quasi gesamten sich für “Arier” haltenden Übermenschenvolkes, vom Universitätsprofessor bis zum Arbeiter hinunter.
Aufgezeichnet vielleicht von dem – ohne seine Eltern aufgewachsenen – Sohn der beiden, dessen Vater sich selbst gerichtet und dessen den Völkermördern entkommene Mutter das Kind gleich nach seiner Geburt weggegeben hat und nach Israel emigriert ist und die er, der Sohn, erst recherchieren mußte. Mit ihm ein Treffen lehnt sie ab. So muß er sich alles, so muß er die Wahrheit erfinden.

Eine ähnlich solche Geschiche hat meines Wissens bislang nur Pynchon erzählt: die Liebe des Nazioffiziers zu dem jüdischen Jungen Gottfried (gleich z w e i Tabus!) in Gravitys Rainbow, wobei es dort nur dieser ist, sich für den anderen zu opfern, und es im Cockpit der Rakete “00000” dann auch tut.
Drauf gekommen bin ich aber sicherlich wegen der Verwirrungs-Überarbeitung, denn die Auseinandersetzung des Hauptprotagonisten Laupeyßer mit der Nazivergangenheit nicht nur seiner Vorfahren, sondern fast durchweg aller auch nur leicht älteren Mitbürger ist ein Kernthema des Buches, wie auch seine, Laupeyßers – ein junger Mann von, zum Zeitpunkt, da er seine Aufzeichnungen beginnt, kaum vierundzwanzig – rasende Unfähigkeit, mit alldem klarzukommen. Sie wird ihn dazu bringen, sich völlig verschwinden zu lassen: Er und eine Spiegelfigur lösen sich in einem Dritten auf, der allein es, auszubrechen nämlich, vermag.

[NACHTRAG, 22. Februar:
Siehe hierzu auch ausführlich → d o r t .]

***

Noch etwas beschäftigt mich, ein fast unheimlicher Zusammenhang, der mir aber erst vor fünf Tagen klar wurde.

Daß mein Sohn neben dem Zeugnis seiner indischen Vorfahren den Namen Adrian bekam, ist selbstverständlich → Leverkühns Verdienst, auch wenn ich damals schon wußte, welch eine Bürde er, der Name, bedeuten könne. Aber man sieht ein Feuer und faßt rein. Es sollte nur bewußt geschehen.
Leverkühn war Komponist. Nun ist auch Adrian einer.
Da lief’s mir, Freundin, s c h o n über den Rücken, als das mir gegenwärtig wurde. Nomen fatum est.

Haben Sie einen guten Tag.
ANH

“Gender” als Macht und Machtmißbrauch. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 29. Juni 2019. Dazu Federico II und Kleist.

[Arbeitswohnung, 11.05 Uhr]

Erst, vorgestern, ein grandioser Abend bei Krøhan Bress, acht Herren, die sich gelegentlich zum Austausch treffen, oft ist eine Künstlerin, ist ein Künstler dabei, ich selbst war’s nun schon mehrfach auf Dr. Nos Initiative. – Ob ich etwas vortragen möge? Mir sei freigestellt, was.
Doch nahm der tropisch warme Abend, noch bevor wir zu den Zigarren griffen, eine hinreißende Wendung, weil nämlich Ulrich Paulig erzählte, und zwar derart farbig und solch in märchenhaftem Sinn Wunderbares, daß ich an seinen Lippen geradezu klebte. Nahezu jedes seiner Motive ergäbe eine Phantastische Erzählung – ja, “phantastisch” großgeschrieben als nämlich literarische Kategorie. Da paßte dann später, sehr spät erst las ich, “Der Gräfenberg-Club” präzis. Was Herr Paulig erzählte, möchte ich hier nicht wiedergeben, weil es eben seine Erzählungen sind, wenngleich ich sie gerne notierte und in meine Formen umwandeln würde. Vielleicht wird dies noch geschehen, wir werden uns ganz sicher wiedertreffen. Nur aber so viel d o c h, daß er, der unikate Spielplätze erfindet und auch baut, die Beschaffenheit eines Bodens durch seine Fußsohlen erspürt. Was, wie Sie, liebste Freundin, auf der Website seines Unternehmens sehen können, zu konkreten Ergebnissen führt. Und er sprach von Heilwäldern, für die es zwar ein Amt gibt, nicht aber Kenntnis, was sie denn seien, jedenfalls keine, die sich konzis definieren ließe.
Es lag nahe, daß meinerseits ich erzählte, keine Geschichte schreiben zu können, ohne den Ort wirklich zu kennen, an dem sie spielt – und zwar gleichgültig, ob es sich meinerseits um eine schließlich Phantastische Literatur handelt. (Manchmal bin ich zu denken geneigt, überhaupt nur diese für eine wahrhaft Realistische zu halten). Jedenfalls tat sich unserer Herrenrunde aus, abgesehen von mir, durchweg Unternehmern eine Welt auf, die keiner von uns so erwartet hätte. Da ward es denn auch später “als erlaubt”; normalerweise schließt das Whisky & Cigar – Contor um 22 Uhr. Es war fast elf, als wir uns trennten.

Übrigens wurde auch d o r t dann über mein Friedrich-II-Projekt gesprochen (na jà, noch ist es wohl eher poetisches Träumen), das mich neuerdings wieder beschäftigt. Nämlich hat mir Cristoforo Arco einen Band “auf Dauer geliehen”, der, von Klaus J. Heinisch ins Deutsche übersetzt, den Briefverkehr des Staufers und u m ihn versammelt – eine hinreißende Lektüre! — “Auch” wiederum, weil meine Romanidee erneut gestern abend zum Thema wurde, als sich Uwe Schütte, Jost Aikmaier und ich vorm AloisS zum Essen trafen, sowie zu Augustiner und Wein. Auch da ging es lange, und ich hatte, als wir aufbrachen, eine derartige Schlagseite, daß ich heute früh nicht joggen konnte, und mittags, ja selbst noch am Abend werde ich es der Hitze wegen nicht können, bzw. sollte ich’s klugerweise auch nicht.
Die Idee, der Romanansatz aber steht mir vor Augen wie seit langem nicht mehr. Nur daß ich überhaupt nicht weiß, wie sich das Unternehmen wird finanzieren lassen. Dennoch fängt es an zu drängen. Nichts wäre – von erfüllter Geschlechtsliebe abgesehen – schöner, als brächte ich vor meinem Tod noch diese europäische Utopie zu Buch. Wobei ich, um nicht in eine neuerliche, sagen wir, Idealisierung einer Führerfigur zu geraten, Friedrichs Gotteskaisergnadentum, also das mittelalterliche Sendungsbewußtsein dieses “Schreckens und Staunens der Welt”, mit demokratischen Überzeugungen und Rechtsnormen irgendwie verbinden können muß, und will. Hingegen der Toleranzgedanke in Friedrich längst angelegt, wenn auch nicht gedacht, bzw. so geformt ist, daß sich daraus ein politisch modernes Gesellschaftsverständnis ergibt. Ich erinnere an die in Horst Sterns auch poetisch grandiosem Roman erzählte Episode, in der Friedrich einen Falken tötet, weil dieser einen Adler gerissen hat – für mittelalterliches Rechtsempfinden ein nicht tragbarer Übergriff. Andererseits, wie nah dieser Friedrich mir ist, zeigt das folgende Zitat aus Sterns Roman:

Erst die männliche Wollust des sprachlichen Nachschaffens körperlicher Ekstasen hebt die Leiber vom schweißnassen Laken und macht aus einer bloßen Bettgenossin eine Bewegerin des Geistes. (…) Zwar ist es leicht, Maul und Penis damit zum Speicheln zu bringen, aber schwer, damit die Seele zu rühren.
S.76

Dies steht bei Stern unmittelbar, bevor er Friedrich eine nahezu expressionistische Prosa an seine geliebte Bianca Lancia schreiben läßt:

Der schreilösende Stoß in die Mitte flehend aufgehobener Schenkel und der Rückzug gegen den Willen sich saugend anschmiegender Lippen. Das Kalkül der Lustbereitung im Ungewissen von Frequenz und Tiefe des Eindringens. Das rasende Verlangen nach Füllung. Der schmerzhafte Drang nach Entleerung. Der stumm schreiende Mund. Das peitschende Haar. Die flatternden Lider. Die fleckige Rötung von Schultern und Hals, Hände um Brüste. Die Gier nach Bedeckung der eigenen mit des anderen Haut. Der Sturz in Arme. Das Erschrecken der Kerzen. Das Klirren von Glas.
S.76

Achten Sie, Freundin, hier auf den Übergang von lebender zu unbelebter Materie, die das Leben indes reflektiert. — Es waren solche Sentenzen, die mich, nachdem ich schon lange mit der Idee meines eigenen Friedrichromans umgegangen war, von ihm dann schließlich Abstand nehmen ließ. Ich wäre mir anders blasphemisch vorgekommen.
Dies hat sich aber nun verändert, seit ich einen tatsächlich-eigenen Ansatz fand,

FRIEDRICH.ANDERSWELT,

um es kurz zu fassen.
Nur, ich schrieb es eben schon: Selbst wenn ich mich durchringen könnte, die Arbeit anzugehen, wüßte … nein, weiß ich nicht, wie ich die lange Zeit finanzieren kann, die sie bedeuten würde. Unter zehn, wenn nicht fünfzehn Jahren würde ich kaum fertig werden – dann wäre ich knapp achtzig. Dieser Roman wäre nicht nur ein komplett ungedeckter Scheck auf die Zukunft, sondern geradezu etwas, das sie bewußt ignoriert. Bezöge ich aus meinen bisherigen Büchern nennenswerte Einkünfte, wäre es etwas anderes; aber auch, würde mein Werk nicht öffentlich so ignoriert, wie es der Fall ist. Also werde ich eben auch nicht mit Fördergeldern rechnen können, seien es Literaturpreise, seien es Projektmittel. Die einzige Sicherheit wäre eine Mäzenin oder ein Mäzen, meinethalben auch mehrere Personen dieses kunsterfüllten Schlages. Doch wer stellt sich einem Unhold zur Seite oder gar, baut ihm das Floß, auf dem er übersetzen kann? — Auch das kam an den vorm AloisS auf der Straße aufgebauten Tischen zur Sprache; die andern interessierten es wenig. “Sei doch ehrlich, du mußt das Ding schreiben, weißt es selbst am besten.” Was sollte ich tun, außer zu lächeln, drittels geschmeichelt, doch zweidrittel skeptisch.

Allerdings lag es weiter plaudernd nahe, sozusagen plaudernah, abermals aufs “Gendern” zu kommen und uns bewußt zu machen, daß es dabei weder um Wahrheit noch gar Gerechtigkeit der Geschlechter geht, sondern schlichtweg um Macht. Es ist ein diktatorisches Meinungsinstrument, das auch, siehe #metoo, nicht vor der Zerstörung des Rechtsstaats zurückschreckt. Zu denunzieren reicht völlig, um jemanden Unliebsamen eines Amtes entheben zu lassen; ein juristisches Verfahren ist nicht mehr nötig. Es reicht auch, um z.B. Literaturpreise nicht mehr an Unliebsame vergeben zu lassen, einerlei, ob deren Dichtung Dichtung wirklich ist. Es zählt fast nur noch Gesinnung. Sie braucht nur die nötige “Quote”, unter die sich dann jeder beugt, “jeder” bewußt mit “r” geschrieben von mir. “Die” Männer s o l l e n Angst haben und haben sie denn auch, etwa um ihr Fortkommen, ihre Karriere usw. Also schweigen sie oder machen gar mit, knien vor jedem neuen Tabu, das nicht einmal “die” Frauen aufgestellt, sondern bestimmte, numerisch sogar kaum signifikante Gruppen von Frauen mit so definiertem wie rücksichtslosem Machtinteresse. Wie im >>>> Fall Flaßpähler scheut sich frau da auch nicht, die eigenen Geschlechtsgenossinnen an den Pranger zu stellen, wenn sie sich gegen dieses Machtkalkül wenden.
Dabei löst die “Genderei” jegliches historische Bewußtsein aus den Angeln und schleift es hernach bis auf die Grundmauern nieder, Hand in Abrißbirne mit der “Correctness”. Etwa der Fall Kleist. Ein Dozent nimmt mit seinen Studentinnen und Studenten “Die Verlobung in St. Domingo” durch, jedenfalls hat er es vor – nur daß die Novelle gleich im ersten Satz von einem N e g e r spricht. Das bewirkte in den Zuhörendinnen (Zuhörenden und Zuhörendinnen) nahezu sofortigen Aufruhr: Der Begriff müsse gestrichen und durch einen anderen, politisch correcten ersetzt werden. Wann die Novelle geschrieben wurde, spielt gar keine Rolle, alles, alles | ist immer Jetzt.

Daß unter solchen Auspizien gerade meine Literatur für unerträglich und abzuschaffen gilt, muß, so betrachtet, niemanden mehr wundern – allenfalls die wenigen “Elitären”, denen es auf Formung und poetische Bewegung weiterhin ankommt. Haben sie das Pech, Männer zu sein, werden ihre Argumente eh als pro domo abgetan; sind es Frauen, wird ihnen libidinöse Bindung an mich unterstellt oder gar Schulterschluß mit “den Unterdrückern” (das Wort “Unterdrückerinnen” kommt interessanterweise ebenso wenig vor, wie daß verlangt wird, correct von “Mörderinnen und Mördern” zu sprechen oder gar von “MörderInnen”). — Du mußt nur die Laufrichtung ändern, sagte die Katze und fraß sie.

Nur wenige noch trauen sich, Einspruch zu erheben. Die unter ihnen, die selbst keine Macht haben, etwa populäre oder institutionelle, gehen dabei unter, egal, wie gut oder schlecht ihre Argumente sind. In der Meinungsdiktatur spielen sachliche Argumente überhaupt keine Rolle, ja sind sogar hinderlich. Es handelt sich um Konsensdiktatur, ohne daß sie aber tatsächlich auf Übereinstimmung fußte. Dieses, schulterschlüssig mit der “Quote”, ist das Instrument der Lenkung in der heutigen Massengesellschaft und zugleich ein Garant für Konsum.
Es haben uns, wohlgemerkt, nicht die Rechten dieses eingebrockt, die dennoch mit ganz denselben Mitteln operieren. Imgrunde sind Phänomene wie die AfD, Le Pen in Frankreich, insgesamt Europas “neues” nationalistisches bis sogar rassistisches “Denken” ein S p i e g e l der sich selbst suggestiv-verdinglichten Linken.
Tatsächlich brandet ein Glaubenskrieg, hinter dem konkrete Machtinteressen stehen, wie sie hinter jedem vorherigen standen. Die Abwehr des Islams ist nur ein Symptom, das den eigentlichen verdeckt und verdecken auch soll, nämlich den um die Meinungsherrschaft innerhalb der westlichen Welt. Die grauenvolle Bilderstürmerei des sogenannten IS findet als “Correctness” in Wahrheit innerhalb der eigenen Kultur und Kunstgeschichte statt – dort, wo sie am empfindlichsten zu treffen ist: in der Sprache. Dafür ist Herrn Manfred Roths “Kritik” an meinen “Wanderern” ein zwar nettes, aber nicht einmal Detailchen, sondern – allenfalls – ein “schmückendes” Indiz.

Aber, liebste Freundin, w i r lassen uns n i c h t beugen:
ANH

______________________
>>>> FA.E1

Melusine Walser (17). Arbeitsnotat: Landras Augen.

Den Roman nicht chronologisch durcherzählen, sondern er muß erzählt sein so, daß jede Leserin/jeder Leser ein höchstpersönliches Innenbild Frau Walsers bekommt, die ich ja kenne (selbstverständlich heißt sie anders); es ist nach den bösen Erfahrungen mit >>>> MEERE ganz unbedingt darauf zu achten, daß keinerlei Ähnlichkeit mit dem „Urbild” entsteht. Zwar weiß Frau Walser um mein Projekt und heißt es sogar, gewissermaßen, sehr gut, da sie aber im öffentlichen Leben steht, wenn auch immer in einer zweiten Reihe noch hinter dem Schatten, sollte vor allem ihrer Mäzene wegen vermieden werden, daß jemand auf sie aufmerksam wird. Denn ihre (erotische) Macht lebt von der Tarnung.
Deshalb kam ich gestern auf die Idee, den Roman aus Splittern zusammenzusetzen, zu denen auch diese gehören, die in Der Dschungel zu finden sind. Es wird die Vorstellung untermauern, daß die Figur Figur i s t. Ich werde also mischen: sowohl die Tonbandprotokolle (die noch zu übertragen sind) als auch die Briefe, die mir Frau Walser schrieb, dazu >>>> die Briefe von und an MelusineB (ist es ein Zufall, daß eine Melusine sich meldete? daß ausgerechnet jetzt meine „Undine”-Komödie ihre Uraufführung erlebt? >>>> daß eine andere, eine Undine, gleichfalls in Der Dschungel erscheint?), aber auch Notate zum Geschlechterverhältnis/Geschlechterkampf usw. Ich bin mir übrigens sicher, daß noch mehr >>>> Wasserfrauen erscheinen werden, allein, weil mein Projekt sie r u f t; s i e, letztlich, werden es sein, die meinen Roman schreiben. Dabei wird der Eindruck des Authentischen, den ich anstrebe und den ich in ähnlicher Weise bislang nur >>>> bei Moravia perfektioniert fand, davon abhängen, wie ich das Buch collagiere, zumal ich in die Figur der „wirklichen” Melusine Erfahrungen/Erlebnisse mit ganz anderen Frauen projezieren will, die aber mit Frau Walser in Hinsicht auf die erotischen, sagen wir mal Raffinessen einiges gemein haben. So wird („soll”, selbstverständlich) Melusine Walser dann unbestimmt, aber spürbar vibrieren: ein Leuchten, das von ihr ausgeht, dem man sich so wenig entziehen kann, wie es all jene Männer können, die sie süchtig gemacht hat und die bis heute um so mehr an ihrer Leine zappeln, als sie vermeinen, dominant zu sein und deshalb das Spiel zu bestimmen. Die Unbestimmtheit wiederum erlaubt es mir, eine mythische Grundschicht unter alles zu legen, die ebenfalls nicht direkt erzählt werden soll; die Anspielungen werden alleine dann klarwerden, wenn sich die Leser allezeit den Namen Melusines bewußthalten, der ein Gattung bezeichnet. Das wird, stelle ich mir vor, auch der konkreten biografischen Erzählung – der Entwicklung also – eine ganz ähnliche Unbestimmtheit geben. Die entspricht dem Wasser.Wie ich den Roman beginnen werde, weiß ich noch nicht, ganz sicher aber nicht mit seinem (mit MWs) biografischen Anfang. Wir brauchen vielleicht eine Party. Plötzlich steht Frau Walser da. Es wäre dafür gut, spielte abermals i c h mit und erzählte als Ich. Das war an einem Augusttag eines derart heißen Sommers, daß mich die ständigen Regenschauer völlig verrückt machten: man wurde komplett naß von ihnen, aber die Nässe verdampfte immer sofort, wir konnten dabei zusehen. Schließlich der parkähnliche Garten am Stechlinsee, die alten Weiden, deren Geäst selber hinabzufließen schien, seine Arme und Finger glitzten wie Fischhaut. Darinnen spielten die Kinder der Gäste. Es waren Lampioons an aufgespannte Leinen gehängt. Immer wieder mußten wir in die Villa, weil es abermals schüttete, dann schon wieder verdampfte, glühend, kann man sagen, fast. Ich ging durch ostdeutsche Tropen, ich war auf Jagd. Gernot hatte mich Dr. Beschmat vorgestellt, „der Schriftsteller Herbst… Heinrich Beschmat”, die Rechte vom einen zum anderen weisend, den Jüngeren, mich, dem Älteren und wegen seiner für diese Zeit ungewöhnlichen Haltung im Investitionsskandal gemiedenen Bankier, der gar kein Interesse an mir zu haben schien. Weshalb auch? Er gab mir nicht die Hand. Erst, als ich Frau Walser entdeckt hatte und sie sich tatsächlich auf ein Gespräch mit mir einließ, ließ auch er sich ein. Sie war, dachte ich damals, seine Geliebte. Das erfaßte die Wirklichkeit aber nur halb.

>>>> Melusine Walser 18
Melusine Walser 16 <<<<

Geheimnisse. Berliner Häuser für Erzählungen.

Man täusche sich nicht: ohne die umher r e n o v i e r t en Häuser bezeichneten diese n i c h t-renovierten nur Elend. Ihr Geheimnis entsteht aus der Differenz. So, wie edle Mode besonders vor abgerissenen Fassaden zur Geltung kommt – eine Beobachtung, die nichts Zynisches hat, sondern etwas Wesentliches erfaßt. Solange Berlin noch nicht-renovierte Häuser inmitten lauter hochgechicter hat, solange die Fassade nicht perfekt ist, bleibt die Stadt lebenswert. Danach wird man sie fliehen müssen wie alles, das unfruchtbar wurde. Unfruchtbarkeit steckt nämlich an und w i l l anstecken, sofern sie nicht an sich leidet. In diesem Sinn auch >>>> Marcus Braun: „Ich werde in Berlin bleiben, bis es keine Baukräne mehr gibt.“Das Reine, rein-Gewordene, ist lebensfeindlich.

[Poetologie]
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