Das Covid19-Jetzthatesendlichauchmichmalerwischt-Journal des Dienstags, den 23. August 2022. Am Schluß noch ein Tattoo.

[Arbeitswohnung, 15.50 Uhr] “Ein  gutes Pferd springt knapp.”

Zumindest der Vormittag verlief geradezu restlos anders geplant. Zwar, liebste Freundin, kam ich schon ein wenig an den siebenunddreißigsten Brief, aber dann war etwas abzuholen, was ich bereits am Freitag hätte tun sollen. Und weil ich seit gestern, schon während der Rückfahrt im Flixtrain, ein mit leichtem Reizhusten verbundenes dauerndes Kribbeln im Hals gespürt hatte, was ich erst einmal auf sehr wahrscheinlich zuviel Raucherei während der Kasseler Gespräche zurückführte, und außerdem meine Nase lief – Wasser bloß, wie pures Wasser –, doch gestern abend bereits mich mein Instinkt, auf den eigentlich immer Verlaß ist, wissen ließ, hier sei vielleicht doch etwas nicht recht in der Ordnung — und nachdem heute morgen dieser Reizhusten fast zwar vorüber, doch mir nach einem, im Schlaf, extrem wüsten Traum seltsam schummerig blieb und ich überdies das Gefühl hatte, mein Atmen sei leicht eingeschränkt — setzte ich mich aufs Rad und fuhr zum Antigen-Test, imgrunde aber unbesorgt. Es war etwas früher als sonst, daß ich fürs Phosüppchen weiterfuhr, eines auch bestellte und, als ich den Inhalt des etwa halben Schälchens verzehrt, das Testergebnis im iPhone erhielt. Voilà:

 

 

 

 

Erstmal zurück in die Wohnung, was ich abholen wollte, jetzt noch abzuholen, hätte die  Verkäuferinnen gefährdet. Hm, hatte ich genügend eingekauft gestern? Zu Penny kann ich erst auch nicht mehr. Überhaupt, wie mich verhalten? Quarantäne ist klar. Aber PCR-Text? — Sofort लक्ष्मी angerufen, die sich auskennt; sie nahm mal wieder nicht ab. Ihr eine Whatsapp-Nachricht geschrieben. Dann meinen Sohn angerufen, der das Procedere schon durchgemacht hat. Nahm ebenfalls nicht ab. Gut, also nochmal Ricarda, die auch genügend Erfahrungen hat. Denn die Praxis meine Hausärztin hatte nur bis 12 Uhr geöffnet und öffnet erst wieder morgen früh um acht. Sie, Ricarda, half auch sofort. Der mir geschickte Link sah eindeutig vor, es habe möglichst unmittelbar ein PCR-Schnelltest zu folgen; es gibt auch eine Liste anerkannter Teststellen. Davon hatten die meisten geschlossen … doch halt, nahbei, gleich bei der Kulturbrauerei, Knaackstraße 86. – Und wieder aufs Rad.
War komplett unkompliziert; wegen meines Attests, zum Vulnerablenkreis zu gehören, kostete es auch nichts. Rachen- und Hinternasenabstrich, der, letztrer, mir eigenartigerweise sehr viel weniger unangenenehm vorkam als die ewige Kitzelei durch die Antigentests und als ich, vor allem, in der Erinnerung hatte. Schon interessant, wie sich die Wahrnehmung verschiebt. Und sowieso, insgesamt bin ich ganz einverstanden. Es wär doch komplett irre, wenn einer wie ich, der alles einmal erlebt haben will, nun ausgerechnet unter Corona unberührt durchgleiten würde. Ich will aus diesem Leben doch nicht “unschuldig” gehen, bin ich denn ein Kind? Und klar, wer derart motzt, der kriegt es halt auch ab. Bezeichnend wiederum, daß es mich dann erwischt, wenn die Inzidenzen schrumpfen, grad mal 173,2 heute früh in Berlin. Ich fahr mal wieder ‘ne Sondernummer; meine Pop- und Mainstreamallergie bestimmt sogar mein Krankheitsleben.
Nein, ich bin nicht mal nervös, hätt nur nicht gerne ‘ne Lungenentzündung. Eine Erfahrung reicht, die muß ich nicht konfirmieren. Das einzige, was mich, aber nicht wirklich sehr, bedenklich stimmt, ist, daß es bis zu meiner Reise nach Triest fast exakt vierzehn Tage hin sind – also eben die Zeitspanne, nach der man erst als genesen gilt. Sofern ich mich kann vorher nicht freitesten lassen. (Exakt sind es bis zur gebuchten Abfahrt nur dreizehneinhalb; aber da würde ich mich ein Auge zudrücken lassen). Und etwas ärgerlich ist, daß ich mir den in Triest reservierten 125er Piaggioroller hier schon mal mieten wollte, um mit dem Geschößlein (95 km/h in der Spitze) vertraut zu sein, wenn es in den Karst geht. Ob das nun noch klappt? Nun jà, meine Freundin, das heutige Motto lasen Sie oben; lesen Sie’s einfach noch einmal. Und dieser Woche, überdies, wollte ich das Tattoo endlich angehn, das meinen Chemo-Bioport[1]Ich nenne das Ding nach so nach → Cronenbergs eXistenZ von 1999; tatsächlich ist es ein einoperierter Port, durch den die Chemo-Medikamente dem Körper zugeführt wurden, um nicht die Venen … Continue reading , den ich nicht habe wieder rausnehmen lassen, graphisch geradezu – wie ich mir vorstelle – pflanzlich mit meinem Brustkorb verwachsen lassen soll, ganz so, wie sich die Dschungel ein verlassenes Dorf zurückholt. So nun indessen wird es wohl erstmal bei meinem Probeversuch mit diesem Klebetattoo bleiben:

 

 

 

(Ich habe es aus zwei Klebtattoos kombiniert, weil mir nur eines zu symmetrisch gewesen wäre; Grundlage ist eine linksläufige Triskele, die ich allerdings gerne erstens noch sehr viel pflanzlicher hätte und zweitens selbstverständlich in Grün, nicht schwarz. Erstaunlich allerdings, daß die vermittels Wasser applizierte Farbe bereits seit fast fünf Tagen hält, ohne daß auch nur die Spur eines Erblassens zu erkennen wäre.)

Ihr ANH

References

References
1 Ich nenne das Ding nach so nach → Cronenbergs eXistenZ von 1999; tatsächlich ist es ein einoperierter Port, durch den die Chemo-Medikamente dem Körper zugeführt wurden, um nicht die Venen verhärten zu lassen.

MISANDRIE. Ein selten gehörtes Wort. Walter Hollstein zu Verlust und Zerstörung der Männlichkeit. Heute in der NZZ.

 

Daß erst ein Krieg kommen mußte, um das Ungeheure zu begreifen, das sich moralisch für gut hält und aber eine von Minderheiten sozial diktierte Zwangsumerziehung ist, die sich auf Ideologien von “Gender” stützt. Wer sagt, er sei “gerne Mann”, wird längst deklassiert und ausgegrenzt, sprich: radikal gemobbt, zumal wenn er (oder sie) auf einem Unterschied der Gechlechter beharrt, der biologisch fundiert sei[1]Es kann einen – in diesem Fall sind es meist Männer – Literaturpreise kosten, ja sogar davon ausschließen, zu mit öffentlichen (!!) Geldern finanzierten Veranstaltungen eingeladen zu … Continue reading. Spricht wer es aus, ist er (oder sie) “Biologist”[2]βίος” – Bios – heißt “Leben”; Biologisten sind also Lebenskundler. Siehe unten, Postscriptum No 1..

Es gibt eine Männlichkeit jenseits von Putins Peinlichkeiten, und diese gilt es wieder zu anerkennen. Denn Aggressoren kann man nicht mit Friedensliebe bekehren, und für die Freiheit des eigenen Gemeinwesens muss man auch einstehen. Und zwar mit Entschiedenheit – und also auch mit den harten Qualitäten der traditionellen Männlichkeit. Andernfalls werden Männer à la Putin bald überall die Vormacht erringen.
Walter Hollstein

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Dort in der NZZ.[3]Als PDF → d a.

P.S.: βίος” – Bios – heißt “Leben”; Biologisten sind also Lebenskundler. Vom Leben soll keine Kunde mehr sein. | P.P.S.: Wohlgemerkt, ich halte den Begriff Misandrie für ein Korrektiv, verwende ihn nicht ideologisch, sondern g e g e n Idiologie.
ANH, 8.41 Uhr

References

References
1 Es kann einen – in diesem Fall sind es meist Männer – Literaturpreise kosten, ja sogar davon ausschließen, zu mit öffentlichen (!!) Geldern finanzierten Veranstaltungen eingeladen zu werden.
2 βίος” – Bios – heißt “Leben”; Biologisten sind also Lebenskundler. Siehe unten, Postscriptum No 1.
3 Als PDF → d a.

Traurigkeit & Protest. Dunckerstraße 68, Quergebäude, 10437 Berlin.

vorher | nachher
vorher | nachher

Vorgestern noch schrieb ich von meiner Beglückung. Mittags hatte ich einen Termin, kam abends zurück, sah nach “meinem” Wilden Wein, und er war – weg. Es ging als Messer durch mich durch, ich konnte es nicht glauben, war erst starr, lief dann hinunter, um die hintere Fassade insgesamt anzusehen. Die gesamte unterdessen schon Hausdrittelfassade war “gereinigt” worden, der Wilde Wein weggerissen, spurlos, als wär er nie gewesen. Nur am – jemandem anderes gehörenden – Nachbarhaus war der wundervoll enorme Bewuchs enthalten; die Grenze zwischen beiden Fassaden wie mit dem Lineal der Völkerbundsmandatler in der Wüste gezogen: Links von mir das Leben, rechts von mir ein Tod durch vermeintloche Hygienisierung.
Ich schlief schlecht, sehr schlecht. Und rief gestern morgen sofort bei der → Hausverwaltung an. Dort zeigte sich der freundliche Herr selber betroffen, vor allem auch, als ich von der natürlichen Wärmedämmung sprach und daß solch eine Begrünung die Energiekosten enorm senken könne. “Ich verstehe Sie ja, aber was soll ich machen? Es war die Anweisung des Hauseigentümers.” “Können Sie mir sagen, wer das ist?” “Verzeihen, aber das darf ich.” “Gut, denn bekomme ich’s über das Grundbuchamt raus. Haben Sie erst einmal Dank.” Und anstelle, wie ich es wollte, zu arbeiten, schrieb ich einen Brief an meine Nachbarn und hing ihn mitsamt → diesem Artikel[1]Hier auch → als PDF. dreifach aus, jeweils an einen Durchgang zu “meinem” Gebäude, zum zweiten Hinterhaus sowie dem Hauptgebäude.

Eine Reaktion freilich gab es noch nicht; ich meinerseits werde jetzt mal die Auskunft des Grundbuchamtes einholen. Habeck ruft auf, es zähle jede Kilowattstunde, und der Hauseigentümer läßt eine natürliche Wärmeschutzdämmung vernichten – was übrigens, also diese Vernichtungsaktion, ebenfalls Energie gekostet hat, um vom Arbeitslohn einmal zu schweigen (der selbstverständlich auf die Mieter umgelegt werden wird).

ANH, 10.21 Uhr

References

References
1 Hier auch → als PDF.

Auch “die Nation” ein Blutritual. Von Barabara Ehrenreich einiges mehr. Mit einer Vor- und Nachbemerkung zum Ukraine-Krieg.

[Abgesehen von der Verantwortungslosigkeit-überhaupt,
einen atomaren Krieg auch nur zu riskieren, wozu nun
leider auch “mein” von mir überaus geschätzter PEN-Prä-
sident Deniz Yücel – auch noch mit , → wie Oliver Jungen
berichtet, “Donnersatz” – quasi aufgerufen hat, und dem
Umstand, daß ich es sogar in einem konventionellen Krieg
scharf ablehnen würde, an der quasi Seite von nationalras-
sistischen sowie einem monströs untoten NS-Regime auch
nur nahestehenden → Söldnerhorden
wie dem Regiment
Asow zu kämpfen, ist auch etwas
anderes, ein BASALES,
zu be
denken und vor allem erst einmal in den Blick zu neh-
men – etwas, das für die westlichen Staa
ten ganz genauso
gilt, aber für Putins imaginär-mythisches, geradezu messia-
nisch aufgeladenes Rußland in noch ganz besonderem Maß,
insofern er – → angekündigterweise – den Opfer-, nämlich
Märtyrertod im Vollzug eines quasi Arma(!)ggedons[1]Harmagedon (auch Harmageddon, Armageddon oder Har-Magedon, griechisch Ἁρμαγεδών) bezeichnet in der Offenbarung des Johannes den Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht im „Krieg des … Continue reading inkauf
zu nehmen bereit zu sein scheint, den Untergang, mithin, der
Welt insgesamt, in jedem Fall eines Großteils ihrer Menschen:]

“Nationen wurzeln nicht in festen blutsmäßigen Ahnenreihen, sondern sind recht willkürliche Ansammlungen, die wie Rußland oder Jugoslawien durch die Wechselfälle der Politik und des Krieges ständig neu geformt und umgebildet werden. (…) Nationen sind (…) keine natürlichen, sondern “imaginäre Gemeinschaften” (…). ‘Von Anfang an war das Prinzip des Nationalismus sowohl theoretisch als auch praktisch nahezu unauflöslich mit der Vorstellung von Krieg verknüpft.'[2]Michael Howard, → The Lessons of History (…) Wie in Kapitel 5 dargelegt, könnte die natürliche Selektion viele Jahrtausende lang diejenigen Menschen oder Hominiden begünstigt haben, die sich ganz besonders für die Rituale kollektiver Verteidigung begeisterten, weil sie sie (…) als lustvoll und errgend empfanden. (…) Nationalismusgefühle erleben aber nicht nur Soldaten in einer Armee, sondern auch – und oft sogar intensiver – Zivilisten, denen überhaupt keine wirkliche Gefahr droht und die nie militärisch gedrillt wurden oder kämpfen mußten. (…)
Die Marseillaise war die erste Nationalhymne im Marschrhythmus; andere Staaten zogen nach und fingen ebenfalls an, ihre Hymnen in ähnlich ansteckendem, kämpferischem Rhythmus zu singen.[3]Etwas, das dem gemeinsamen Parole-Skandieren auf Demonstrationen entspricht, → etwa “Überflugverbot” Überflugverbot!” Die Funktion der Medien ist dabei → die gefühlsmäßige Einbeziehung: genau wie das Exerzieren bewirkt, daß Männer zur gleichen Zeit gleiche Bewegungen ausführen, können die Medien bei einer großen Zahl von Zivilisten zur gleichen Zeit gleiche oder ähnliche Gefühle mobilisieren. [Hervorh. von mir, ANH] Und wenn sehr viele Menschen merken, daß sie zur gleichen Zeit das Gleiche fühlen (vielleicht nur deshalb, weil die Medien ihnen von vornherein sagen, was alle anderen angeblich empfinden), erleben auch sie das Hochgefühl des Soldaten, Teil eines größeren Ganzen zu sein. (…)  Das Hochgefühl, das jeder Patriot beim Anblick der Nationalflagge[4]Wie jetzt bei dem der ukrainischen! Deshalb betont Selinskyj in seinen rhetorischen Ansprachen immer wieder ein gemeinsames, gedachtes Europa: Stehe die Ukraine im Krieg mit Rußland, so stünden wir … Continue reading empfindet, ist unter anderem der Stolz auf die gedachte Ahnenreihe, die jetzt alle Bürger gemeinsam haben: “Die vor uns kamen”, heißt es dann und “diejenigen, die ihr Leben dafür gaben, daß …” (…) Nicht weniger anthropomorph sind Formulierungen, in denen ein Staat “trauert” oder “gedenkt”, “etwas aufs Spiel setzt” oder “wagt”. (…) Selbst der unphilosophischste Patriot versteht unter der Nation etwas “Lebendiges”, zumindest in dem Sinne, daß sie auch nach ihm “weiterleben” wird[5]– etwas, das momentan in vielen der ukrainischen – zivilen – Kämpferinnen und Kämpfer bis in ihren Tod hinein zu wirken scheint. Wobei nicht vergessen werden darf, daß es, von … Continue reading. Das erklärt die Bereitwilligkeit des Patrioten, ja seinen Wunsch, fürs Vaterland zu sterben. Wenn  die Nation unsterblich und er ein Teil von ihr ist, hat er an dieser Unsterblichkeit teil, wenn er sein Leben im Kampf fürs Vaterland verliert. (…)
Der Staat existiert als eine Art ‘Organismus’ nur durch die emotionale Einheit seiner Bürger, und nichts zementiert diese Einheit besser als der Krieg. [Hervorh. von mir, ANH] Wie Hegel darlegte[6]G.W.F. Hegel, → Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1820, erschlafen die Staaten im Frieden, weil die Bürger sich dann mit ihren individuellen Angelegenheiten befassen (…). Auf einer archaischeren Vorstellungsebene wird der als Organismus gedachte Nationalstaat über- oder untermenschlich; er wird zu einem ‘Geschöpf’, welches laut Hegel auf Blut angewiesen ist, um sein Leben zu erhalten, und zwar auf das Blut lebender Menschen. In dieser Auffassung vom Staat erkennen wir eine weitere Variation des ursprünglichen Feindes und ersten Gottes des Menschen – der Raubtiers. (…) Raubtiere spielen eine prominente Rolle auf den Fahnen, Wappen und weniger formellen Symbolen, die die einzelnen Staaten sich wählen. Die Vereinigten Staaten, Deutschland, Mexiko, Polen und Spanien haben den Adler, Großbritannien, Finnland Kenia, die Niederlande, Norwegen und der Iran den Löwen, Ägypten den Falken, Rußland den Bären.[7]Für die Ukraine ist es ein zum Trysub stilisierter → Gerfalke. Wenn wir in dem ‘größeren Ganzen’ aufgehen, das Nationalstaat, Volk und Vaterland repräsentieren, werden wir selbst zu dem, was unsere Spezies seit Urzeiten am meisten fürchtet und am leidenschaftlichsten werden möchte.”
Ehrenreich, → S. 238 – 247

Von hier aus auch nur | ist zu erklären, weshalb bei uns im Westen nun immer wieder zu lesen ist, kapituliere die Ukraine, habe der gesamte Westen verloren – und gehe sogar unter. Solche Positionen – wiewohl komplett unsinnig, sind sie offenbar ernstgemeint und werden geglaubt – lassen sich nur durch eben diese mythische Identifikation erklären – oder aber durch bewußte politische Rhetorik im Sinne manipulativer Einflußnahme. Als Grund für den Eingriff der NATO und damit Eintritt in den Krieg gegen Rußland ist es extrem manipulativ, insofern allein aufs Unbewußte der Bürgerinnen und Bürger gerichtet, das im Sinn der ehrenreichschen Ausführungen in Bewegung (“in Marsch”) gesetzt werden und davon abgehalten werden soll nachzudenken.

____________________
ANH, Berlin

Abeitswohnung, 6.30 – 9 Uhr

References

References
1 Harmagedon (auch Harmageddon, Armageddon oder Har-Magedon, griechisch Ἁρμαγεδών) bezeichnet in der Offenbarung des Johannes den Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht im „Krieg des großen Tages Gottes, des Allmächtigen“. Im erweiterten Sinn bezeichnet der Begriff in der Theologie den eschatologischen Entscheidungskampf. Säkular wird er für sehr große, alles zerstörende Katastrophen überhaupt verwendet.  (→ Wikipedia)
2 Michael Howard, → The Lessons of History
3 Etwas, das dem gemeinsamen Parole-Skandieren auf Demonstrationen entspricht, → etwa “Überflugverbot” Überflugverbot!”
4 Wie jetzt bei dem der ukrainischen! Deshalb betont Selinskyj in seinen rhetorischen Ansprachen immer wieder ein gemeinsames, gedachtes Europa: Stehe die Ukraine im Krieg mit Rußland, so stünden wir es auch. Was de facto falsch ist, aber wirkt.
5 – etwas, das momentan in vielen der ukrainischen – zivilen – Kämpferinnen und Kämpfer bis in ihren Tod hinein zu wirken scheint. Wobei nicht vergessen werden darf, daß es, von wenigen Ausnahmen abgesehen, ukrainischen Männern über 18 nicht erlaubt ist, sich vor dem Krieg in Schutz zu begeben, also aus dem Land zu fliehen.
6 G.W.F. Hegel, → Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1820
7 Für die Ukraine ist es ein zum Trysub stilisierter → Gerfalke.

Ukraine-Dialoge VIII: Russophobie, Reichstag, Aufrüstung, neue deutsche Gesinnungsschnüffelei & DiEM25. Schelmenzunft | ANH. (1)

 

Lieber ANH,

(…) einen gleichermaßen → aufmerksamen Blick in Putins wie in Habecks Gesicht hätte ich mir von Ihnen gewünscht, statt dessen: Gergiev (na ja) und Netrebko (sowieso überschätzt) – das von Ihnen? Sie haben Lindner gewählt und machen es auch noch öffentlich? → Putin erschießen? Haben Sie je einen von den Bushs, Clinton oder Obama erschießen lassen wollen, und, wenn ja, warum steht davon nichts in den Dschungeln?
Was jetzt an Russophobie hochkommt, in der FAZ schreibt Kohler von Putin als Sauron und den Russen als Orks, erschreckt Sie das nicht? Was jetzt auf einmal möglich ist, den Rüstungsetat von 1 auf 2 Prozent des BIP zu erhöhen – das klingt so niedlich, aber das sind fast 20 Prozent des gesamten Bundeshaushalts! – und 100 Milliarden zusätzlich, mit einem Achselzucken? Dazu LNG-Terminals für Frackinns-Gas…
Anyway, man nimmt sich selber politisch zu wichtig. Was ich noch anmerken möchte, ist der Hinweis auf → Ihre Bemerkung, dass „das Reichstagsgebäude“ technisch zu irgendetwas nicht in der Lage gewesen ist… Warum diese Bezeichnung und nicht schlicht „der Bundestag“? Was bricht sich da Bahn? (…) wie sagte schon Hans Wollschläger über Helmut Thielicke: „Ein Professor muß nach seinen Worten beurteilt werden – das sind seine Taten“ (oder so ziemlich ähnlich).
Zuviel Rotwein, aber ich schicke diese E-Mail trotzdem.

Ihr Schelmenzunft

***

Lieber Schelmenzunft,

der Wein macht Sie mir besonders sympathisch; auch ich fange abends zu trinken an, manchmal morgens noch Restalkohol. Und verzeihen Sie, daß ich jetzt erst antworte (auch für die eingegangene Büchersendung habe ich mich noch zu bedanken), aber vorgestern und gestern war ich wegen der Ukraine und Putin in heftige Auseinandersetzungen eingebunden und darin, es dann auch >>>> in Die Dschungel hinüberzukopieren, damit es nicht versinkt, sondern jederzeit zugreifbar ist.. Es braucht dies alles sehr viel Kraft, auch, weil sich mir wichtige Menschen (…) jetzt von mir “entfreundet” haben. Ich täte so etwas nie, weil ich der Überzeugung bin, daß erwachsen zu sein in allererster Linie bedeutet, Ambivalenzen auszuhalten und mit ihnen zu leben. Auch und besonders unter Freunden.
Egal.
Ich möchte mich jetzt zu Ihren, im weitesten Sinn, Vorhaltungen äußern. Allgemein erst mal: Daß ich gegenüber der NATO, vor allem aber den USA äußerst kritisch bin, zieht sich durch Die Dschungel seit Beginn; daß da immer wieder Menschen- und auch Kriegsrechtsbrüche zu verzeichnen waren, ebenso – um von Guantánamo zu schweigen. Also in der Hinsicht können Sie mir kaum Vorwürfe machen.

Doch im einzelnen:
1. Einen gleichermaßen aufmerksamen Blick in Putins wie in Habecks Gesicht hätte ich mir von Ihnen gewünscht. | Den habe ich getan.#2. Sie haben Lindner gewählt und machen das auch noch öffentlich? | Ja, weshalb nicht? Ich stehe zu meinen Entscheidungen. Die Grünen waren, obwohl ich jahrelang für sie votierte, nicht mehr wählbar, seit sie meine Sprache zerstören. Spätestens mit der, ich sag mal, Genderisierung mußte ich da raus, auch mit der Leugnung des Geschlechts und der Meinungshoheitsübernahme eines klitzekleinen Bevölkerungsanteils über den gesamten anderen. Es ist dies versucht diktatorisch und wird gegen den Willen der meisten legislativ durchgesetzt, also aufoktroyiert. Kurz: Nicht wählbar. Ebensowenig die SPD, dies schon spätestens seit Schröder. Aber, wie der Grünen auch, ist der SPD Kulturverständnis für das meine verheerend, das avantgardistische und jedenfalls komplexe Formen will, nicht Pop. Als Schriftsteller wäre ich, wählte ich denn rein nach Eigeninteresse (was eigentlich Sinn demokratischer Wahlen ist), besser bei der CDU aufgehoben. Da krieg ich, vor allem mit Merz, meinen Stift aber nicht hin, auch nicht wegen ihrer außenpolitischen Positionen. Bleibt nur die FDP. (Einige Zeit lang habe ich die Piraten gewählt, aber das war ein stets verschossenes Stimmen.) Eine tatsächliche Alternative wäre DiEM25, wenn dieses Bündnis Partei denn schon wäre. – Wegen Grün und FDP haben mein Sohn und ich eine heftige Diskussion geführt, der grün gewählt hat. Es war eine g u t e Diskussion. Er hat verstanden, daß es mir darum ging und geht, mich nicht in meinen eigenen Entscheidungen eingrenzen lassen zu wollen – was die Grünen permanent versuchen, also nicht nur, lacht, bei mir, sondern allgemein. Auf jede Form administrativer Menschenführung reagiere ich mit Widerstand, egal, ob von rechts, links oder aus der Mitte. Denken Sie bitte dran, daß ich von Landauer und Mühsam herkomme. Außerdem hat, aus meiner Sicht, die FDP das entschieden größere Reifebildungspotential.
3. Putin erschießen? Haben Sie je einen von den Bushs, Clinton oder Obama erschießen lassen wollen, und, wenn ja, warum steht davon nichts in den Dschungeln? | Das ist, um’s mit Wagner zu sagen, ein andres. Bei denen, so entsetzlich sie mir teils auch sind, handelt es sich um gewählte Repräsentanten, deren Entscheidungen immer von Kongressen usw. abhängig sind. Es sind k e i n e Autokraten, geschweige Diktatoren, die allein persönlich über den Einsatz von Atomwaffen entscheiden können. Hier besteht ein ontologischer Unterschied. Putin ist persönlich eine verheerende Weltgefahr. Weder Obama noch gar die beiden furchtbaren Bushs waren das je, geschweige daß bei denen von der Drohung mit dem Einsatz atomarer Waffen die Rede gewesen wäre, wahrscheinlich nicht mal der Gedanke. Jedenfalls ist mir anderes nicht bekannt. Indessen Putin droht damit.
4. Was jetzt an Russophobie hochkommt, in der FAZ schreibt Kohler von Putin als Sauron und den Russen als Orks, erschreckt Sie das nicht? | Na, weshalb habe ich wohl derart für → diese PEN-Presseerklärung gekämpft? (…)

5. Was jetzt auf einmal möglich ist, den Rüstungsetat von 1 auf 2 Prozent des BIP zu erhöhen – das klingt so niedlich, aber das sind fast 20 Prozent des gesamten Bundeshaushalts! – und 100 Milliarden zusätzlich, mit einem Achselzucken? Dazu LNG-Terminals für Frackinns-Gas… | Völlig klar, mir schaudert’s da auch. Aber ich teile in der Hinsicht Macrons Perspektive: Es könnte – angesichts des zunehmenden Engagements der USA im Südostpazifik – ein Schritt hin auf ein stehendes Europäisches Heer sein und vielleicht eine Art NATO ohne die USA als “Führungs”macht, was mir eh seit langem stinkt. Ich will ein wirklich Vereintes Europa, zu dem aber auch die Verteidigung gehört. Die Welt ist, wie wir nun wieder wissen, kein friedlicher Ort. (Wir haben es – angesichts all der dauernden Kriege um uns herum, auch des fundamentalistischen Jihad-Islams – auch vorher gewußt, nur immer verdrängt. Was allerdings auch seine guten Seiten hatte, bloß daß Freud recht hat: Das Verdrängte kehrt immer wieder zurück und meist an Stellen, wo wir es gar nicht erwarten.)
6. Was ich noch anmerken möchte, ist der Hinweis auf Ihre Bemerkung, dass „das Reichstagsgebäude“ technisch zu irgendetwas nicht in der Lage gewesen ist… Warum diese Bezeichnung und nicht schlicht „der Bundestag“? Was bricht sich da Bahn? | Ganz einfach, weil der Bundestag eine politische Institution ist, sozusagen eine – demokratietragende – Fiktion. Das Reichstagsgebäude hingegen ist ein Objekt, keine Idee. Und technische Ausstattungen sind ebenfalls nicht Ideen, sondern Objekte.

Ihr ANH

***

Lieber ANH,

(…) „Reichstagsgebäude“ ohne „ehemaliges“ ist für mich ein sprachlicher Missgriff, genauso wie das verniedlichende „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ (‚Seien Sie doch mal ein bisschen menschlich‘) statt des korrekten „Verbrechen gegen die Menschheit“.

Ihr Schelmenzunft

 

***

Lieber Schelmenzunft,

ad 1) “Verbrechen gegen die Menschheit” klingt mir zu groß-abstrakt, indes “gegen die Menschlichkeit” in unser je eigenes Inneres geht, um auch nicht zu vergessen, daß Putin und Konsorten zur Menschheit sehr wohl dazugehören, allerdings nicht zur Menschlichkeit. Von dieser – also sie in emphantischen Sinn – sind sie ausgenommen. Daher meine Formulierung.
Ad 2) “Reichstagsgebäude” ist der exakte historische Begriff und bezieht sich nicht etwa auf die Hitlerjahre., sondern sowohl auf die Zeit des Kaiserreiches als auch die der Weimarer Republik. Dieses zu ignorieren, wäre – aus welchem historisch-moralischem Grund auch immer – Geschichtsklitterei. Aber auch im, ich sage mal, Volksmund wird kurz vom “Reichstag” gesprochen, ohne daß dies eine Sympathiebekundung für rechtsnationale Bewegungen wäre. Von mir ist dergleichen nun auch wirklich nicht zu erwarten.
Doch dies beiseite. Ich muß dringend einen Text nicht nur zur zu erwartenden, sondern bereits, siehe
Kestings Artikel[1]Schelmenzunft selbst schickte → ihn mir. (der sonst so kluge Mann wird immer dümmer) in vollen Gange, aber noch Anlauf nehmenden Gesinnungsprüferei russischer Künstler schreiben. Solange sie sich nicht expressis verbis hinter Putins Vernichtungsfeldzug stellen und werblich mit ihm auf Bildern posieren, hat niemand ein Recht, von ihnen irgendwelche Stellungnahmen zu fordern. Genauso schlecht könnte man – und zwar egal aus welchen Herkunftsländern –  Intendanten, Künstler etc. zu bekennen auffordern, wie sie zur AfD oder dem ultralinken Flügel der Linken stehen. Und wie haben sie zu den völkerrechtswidrigen Attacken der, z.B., USA gestanden, und wie stehen zahllose Künstlerinnen und Künstler, besonders des Klassikbereiches, zu dem Uigurenunrecht Chinas und überhaupt zu Peking? – Wir bekommen es hier mit einer ausgesprochen unguten politischen Schnüffelei der vermeintlich Guten zu tun, die nicht nur am “Höhe”punkt in einem schließlich um sich greifenden Denunziantenwesen à la Dogenvenedig finden wird.
Currentzis’s etwa kriegt’s jetzt zunehmend ab, etwa auch dort. Da wirkt so etwas wie die böse rechtspolitische “Achse des [Un]Guten”.

Ihr ANH

References

References
1 Schelmenzunft selbst schickte → ihn mir.

Dieses ist zurückzuweisen, und zwar scharf. Der Ukraine Außenminister Dmytro Kuleba an Deutschland.

Wobei deutlich zu spüren ist, aus welcher Panik hier gesprochen wird, einer berechtigten Panik, die den Vorwurf selbst als Drohung entschuldigen mag:

Entweder wird Deutschland eine führende Nation
bei der Unterstützung der Ukraine und im Kampf
gegen das russische Böse. Oder Deutschland be-
kommt eine neue historische Schuld für verlore-
ne Leben und zerstörte Städte.

Dabei ist schon die Wendung “das russische Böse” nationalistisch infam, ja verheerend. Dieser Angriffskrieg gründet nicht auf einem russischen, sondern, wenn, dann dem putinschen Bösen[1]Von einem “Bösen” zu sprechen, ist selbst schon — zumal semireligiöse, also Glaubens- — Ideologie, die alles durchsteicht, was uns verstehen lassen könnte, um ein weiteres solches … Continue reading – und seiner Vasallen. Die deutsche Regierung sollte sich, bei allem Verständnis, gegen solche Töne verwahren. Erstens macht sich kein Land historisch schuldig, wenn es in einen Krieg nicht eintritt, den zwei andere Länder führen, und schon gar nicht, zweitens, wenn es dies nicht tut, um seine eigene Bevölkerung – und Bevökerungen sehr vieler anderer Länder – vor einem gleichen Schicksal zu bewahren, das jetzt die ukrainische Bevölkerung trägt. Und nicht nur vor einem gleichen, sondern einem, das außer bislang in Hieroshima und Nagasaki noch keine tragen mußte auf der Welt, und deren Folge- und Folge- und Folgegenerationen sowie die gesamte Fauna und Flora der, im Fall des Falles, halben bis dreiviertel Welt.

Worum es geht, ist klar, wobei auch hier Kukebas aggressiver Ton mehr als unangemessen ist:

Es mag Ihnen so scheinen, als hätten Sie bereits
eine Heldentat vollbracht, indem Sie eine Rei-
he wichtiger Entscheidungen getroffen haben.
Gebt uns mehr Waffen, damit wir uns verteidi-
gen können. Helft uns, unseren Himmel zu
schützen. Helft dabei, dass man uns Kampf-
flugzeuge zur Verfügung stellt. Gebt uns
stärkere Panzer, Flug- und Raketenabwehrwaffen.

Es ist uns Deutschen darum aber schon seit langem nicht mehr getan, “Heldentaten” zu vollbringen; diese Terminologie wird in diesem Land aus guten, eben historischen Gründen Göttinseidank abgelehnt. Das kann Kuleba seelisch vielleicht nicht verstehen und darf es, aus Notwehr, in der jetzigen Situation seines Landes wahrscheinlich auch nicht. Aber eine deutsche Zurückhaltung indirekt mit den Schrecken des deutschen Nationalsozialismus auch nur in Verbindung zu bringen, ist nicht nur grob stillos, sondern eine geschichtsrevisionistische Ungeheuerlichkeit. Die jetzige Bundesrepublik Deutschland hat diesen Angriffskrieg, anders als Hitlers Drittes Reich den seinen, nicht begonnen. Und schon meine Generation, ich bin siebenundsechzig, hat mit dessen – faktisch – nichts zu tun, erst recht nicht haben es die folgenden Generationen bis zu der meiner Kinder. Und eben weil wir dennoch für die deutsche Geschichte nicht wegen einer Erbschuld, die gibt es nicht, sondern aus freiem Willen die Verantwortung übernommen haben, lehnen wir die Terminologien von “Helden” ab, sowie des Ruhms oder gar einer “Ehre” des Vater- sowie Mutterlands.

In Friedenszeiten jedenfalls hätte Kuleba für diesen seinen Aufruf eine deutliche Watschn verdient, und zwar mit dem Handschuh. Auch, ihm vor die Füße zu spucken, wäre angebracht, ihm, nicht den leidenden und kämpfenden Ukrainerinen und Ukrainern. Im übrigen gilt, à propos Schuld, das, was ich → d o r t schrieb.

Миру Україні,
ANH

_________
[Zitatquelle:

Claudia Thaler in → ZEIT online Ukraine-Liveblog, 9. 3. 2022, 13.48 Uhr]

References

References
1 Von einem “Bösen” zu sprechen, ist selbst schon — zumal semireligiöse, also Glaubens- — Ideologie, die alles durchsteicht, was uns verstehen lassen könnte, um ein weiteres solches Unheil überhaupt verhindern; die Terminologie schreit mit Schaumvor dem Mund.
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