Nun ist das Undenkbare da,

weil es denkbar war:

[Arbeitswohnung, 9.30 Uhr
Kinderrufen: Erste Pause in der nahen Kollwitzschule
Ein Hauch von Sonne, die sich nicht traut, der → Nach-
richten, meine ich, wegen
Erster Latte macchiato und Angst]

Alle Seiten, außer der Ukraine, wo schlichtweg nicht nachgedacht wurde, haben unrecht oder allenfalls teilrecht, jede Seite streicht ihr Recht heraus und ist zugleich doch, eben auch der Westen, in- und miteinander schuldhaft verzahnt. Das “beste” Beispiel bei uns ist dafür Gerhard Schröder, aber “beste” alleine, insofern er das sichtbarste ist. Richtig an Putins entsetzlicher Rede ist, daß die NATO nach Fall der Sowjetunion nachtreten wollte und es getan hat: den noch treten, der schon fiel. Der hellsichtige Profi, vor nahezu zwanzig Jahren, hat es so gesagt; ich hatte es vergessen. Nun steigt der Satz wieder auf.
Wir wissen nicht, keine und keiner von uns, was geschehen wird. Doch weitet der Krieg sich aus, wird Europa ein Schauplatz werden, der kein Showplatz ist, vorbei die Goldenen NEUEN Zwanziger Jahre, vorbei wie fast schon einmal. Es wäre auch ein Krieg dinglicher Macht gegen bis ins sogenannte “Woke” überfeinerte Dekadenz. Zu dem bedrohlicherweise hinzukommt, daß auch China ein dermaßen mächtig gewordenes oder werdendes Rußland zu unterlaufen versuchen wird.

Die Frage aber, die ich mir persönlich stelle, ist eine existentielle. Wenn geschossen werden wird, wo die mir nah sind leben, wie verhalte ich mich? Hier, in Wien oder Frankfurt am Main. Spielt, wer Recht hat, dann eine Rolle? Ließe ich meine Lieben, falls ich das Recht auf der anderen Seite sähe, deshalb umkommen, oder stelle ich mich ihretwegen mit auf die unrechte Seite und kämpfe, so weit ich es vermag, für sie mit? Mein Sohn sagt, weder er noch seine ganze Generation würden sich einziehen lassen, sondern den Waffendienst verweigern und ins Gefängnis gehen. Das wäre eine Hoffnung, allein schon, weil das Strafsystem mit sowas komplett überfordert wäre. Doch die Hoffnung ist naiv, denn es würde Kriegsrecht gelten. Mir gegenüber steht eine russische Familienmutter mit MP im Anschlag. Ihre Kinder sind drei, vier und neun Jahre alt. Die bangen zuhause. Doch sie zielt auf meinen Sohn. Wenn ich eine Waffe habe, werde ich selbstverständlich schießen. Auch wenn sie gar nichts kann für den Krieg. Auch mein Sohn kann für ihn nichts, so wenig wie ich selbst. Doch nicht einmal das werde ich überlegen, überlegen nicht können, es ist keine Zeit. In demselben Augenblick, in dem meine Gedanken ansetzen, ist mein Junge schon tot. Der zweite Schuß der Familienmutter, die zuhause gütig und voll der Liebe ist, streckt mich selber nieder, weil ich nachgedacht habe, anstelle zu handeln. Bei einem russischen Familienvater wäre es das gleiche. Und bei einem russischen Jugendlichen, der von seinem Einsatz vielleicht sogar überzeugt ist und auch nicht nachdenken darf, wer das eigentlich ist, den sein nächster Schuß niederstrecken wird. Es wird, alleine, um zu überleben, immer nur “der Feind” sein. So wie auch für mich.

Vor Jahren habe ich darüber ein von → Robert HP Platz verfaßtes Libretto verfaßt; weil ich eigentlich sprachlos bin — aus Wien schickte mir Elvira M. Gross soeben den Satz: “Ich bin so erschüttert” —, stelle ich es hier ein. (Die erste Fassung stand → schon einmal in Der Dschungel; dies hier ist die letzte Fassung). Die kurze Oper, eher Melodram, wurde im Januar 2005 bei → Éclat in Stuttgart uraufgeführt:

 

L e e r e  M i t t e  : Lilith

Oper von Robert HP Platz
Dichtung von Alban Nikolai Herbst

Die eingerückten Texte werden trocken gesprochen.

Ein Offizier (Oberstleutnant) steht in nachlässig angezogener Uniform an einem Fenster. Der Raum wirkt wie ein Bunker. Es liegen Mörtelbrocken und Steine am Boden. Der Mann ist unrasiert, er scheint übernächtigt zu sein. Hinter ihm auf dem Tisch ein Gewehr und eine Mineralwasserflasche.

Lauscht.
Weil ich schwieg

Steckt sich eine Zigarette an.

Was tu ich jetzt Sie warten
Ich spüre wie sie warten
Warten

Öffnet das Fenster: Verkehrsrauschen (aus HORIZONTE ARCHITEKTUR nehmen, aber mit heftigeren Hup- und Bremsgeräuschen anreichern: Stadt, nicht Land).

Rauschen dieses Rauschen
In mir
Aus mir
Aus Dir Ich spreche
Trag noch Deine Kette immer mal wieder
Sie haben geschossen Es war vorherzusehen
Ich weiß ihr wart nicht da
Wir sind bei Deiner Mutter
Hörst Du das
Sie scheinen näher als meine Haut als mein Kind
Scheinen näher als mein Leben zu sein
Siebenhundertfünfzig Schuß pro Die Frauen Minute
und man sieht nichts sieht gar nichts

Lauscht.

EINWURF SCHLAGZEUGER: Träumen Sie?

Lauscht.

Manchmal frag ich mich
Lichterströme rotweiß darüber dieses
Neongrün ah meine Augen
Zweitausend Menschen allein in diesem Quartier
Zehntausend drüben ein brodelndes
Anderthalb Millionen viereinhalb
Siebenhundertfünfzig Schuß Der
Schatten Der Manta Der Körper ein fliegender blaudunkler Mantel
an den Flossen des Bürgerparks wogen die Häuser Er wendet
Zieht einen Halbkreis ein schwimmendes Flugzeug am Boden
Eine neue Qualität der Bedrohung[1]Schlagzeile aus dem STERN
Teilnehmen müssen, Jana, teilnehmen müssen und
Für unseren Jungen kämpfen mit der falschen Partei
Was wirst Du tun
Ich warte ab
Weil ich schwieg
Immer wieder seh ich das Kind mit nackten Sohlen in den
Siebenhundertfünfzig Scherben
Als Du gingst mit dem andern
Sind so kleine Füße[2]Liedzeile von Bettina Wegener
Ich kam wieder
Aber gingst

Sieht sich um. Dreht sich zurück.
Lauscht.

Das Gewehr ich stürz mich
wer hat geahnt daß nicht d i e
Und haben den Mond umgerührt
Mänaden den Schaum auf den Lippen verrieben
Quer auf den Wangen der Blutstrich
Als Du gingst An den Wänden
Umgestürzt der Tisch die Platte der Marmor
Alles ist ein großer Regreß
Siebenhundertfünfzig Das Rauschen Das Rauschen
Wir sind jetzt nach außen gestülpt Sind die Stadt
Sind Motoren Sind künstliche Arme
Wir haben unsere Nieren den siebenhundertfünfzig
Netzen geschenkt Über mich
Über uns geworfen Die Schulterstütze
Angeklappt Unsichtbar leimig
Ganze Städte gefangen Du gingst
Ich ging Ging schon lange
Hätt Dich bei mir jetzt so gern Dich und den Jungen Ich
Stürzte jetzt nicht so hinaus Wollte bewahren

Lauscht.

EINWURF SCHLAGZEUGER: Sie sollten wirklich gehen. Man wartet auf Sie.

Lacht kurz auf.

Sie nennen uns maschinoid Haben
Recht Haben Begriffen Ich bin
an Die Siebenhundertfünfzig gedockt
An die Begriffe Ich kämpfe

Lauscht.

Fürs Unrecht zur Bekämpfung der lebenden Kräfte
in splittersicheren Westen Unser Feind [3]Zitat aus einer – nicht mehr erreichbaren – Rußlandsite
ist das Leben Mänaden Der Blutstrich
Du gingst
Du gingst Warst längst gegangen Da
Ging ich Du gingst Maschinenopfer
Leise schleicht das die Treppen herauf
Acht Stockwerke Ein guter
Blick Ich höre das Quietschen der Ledersohlen
Nun stehn sie schon draußen vielleicht
Den Lauf an der Schulter Den Finger
Am Abzug auch sie Links und rechts
Der Tür Warten An den Flossen des
Bürgerparks wogen die Häuser Der Manta
Wendet Schwimmt die Treppen herauf

Lauscht.

Ich höre nichts Alles rauscht ruhig
Keine Funken sprühen Kein Feuerwerk Kein
Parlament gesprengt Kein Kaufhaus Alles
Gekehrt unter den metropolen Lichterteppich Den
Klangstoff Das Gewebe nach innen rufender, sich verknorpelnder
Schreie Unter dem fliegenden blaudunklen Mantel des Fischs
Dessen Schatten sie erstickt Du gingst Da brachen die
Frauen aus den Kellern Schwirrten hoch aus der Luft
Schossen wie Wespen herunter Entzündeten Feuer
Drei Wochen glühten sie auf den Dächern
Wir verstanden es nicht Dann
Waren sie fort Waren verschwunden Du gingst
Ich ging, als Du Dich schon abgewandt hattest
Maschinenopfer Ich dachte
Du gehst zu den Frauen
Ich bin zu Deiner Mutter gegangen
Ich wäre gegangen Mit Euch
Jetzt Auf einmal Dein ewiger Dienst
Zu Sternen schau ich führerlos hinan*
In die siebenhundertfünfzig Pupillen des Sturms

Dreht sich zum Schlagzeuger. Mit Kopfnicken zum Fenster:

ZUM SCHLAGZEUGER: Hörn Sie das?
SCHLAGZEUGER: Was?

Winkt ab. Lauscht.

In ihrem Silberlaub und kühlen Strahle[4]Stefan George, Waller im Schnee
Er breitet sich aus und wächst Der Schatten
Faßt schon die Fronten der Häuser mit
Seiner dicken flüssigen Hand
Die ihn umstehn Und er kriecht auf die Dächer
Leckt aus den verloschenen Feuern der Frauen
Die Schlacke Die seinen Mantel nährt Blaudunkel
Fällt er hinten in die verborgene Straße hinunter Über
Die Straße und drüben wieder hinauf Ich muß nur warten
Schon gleitet der Manta aufs nächste Dach
Und sucht
Sucht die Frauen die Wespen die Hüften
Sind mit sich selbst bewaffnet und ihrem Eoé
Das wie Frost ist und die Hähne vereist Die
Kugeln schmelzen im Lauf und tropfen klirrend
Aus der springenden Mündung noch während ich
Ziele siebenhunderfünf-

Bricht ab.

ZUM SCHLAGZEUGER: deutlich ungeduldig. H ö r n Sie das?!
SCHLAGZEUGER insistierend. Sie müssen g e h e n.

Lauscht.

-zigfach eine metallene Pfütze zu
Meinen Stiefeln schon die Kappen verätzt
Man müßte weichen zurückweichen dürfen
Halt! Rufen können Alles bitte Du gingst
Noch einmal von vorne Jana sag meinem Sohn
Sag es ihm selbst Ich werd die Zeit nicht mehr
Haben Sie haben das ganze Treppenhaus besetzt
Ich hör Ihre weichen Mokassins Wieder Da Wieder

Wendet sich um.

ZUM SCHLAGZEUGER unbeherrscht. Ja, hörn Sie das nicht?!

Wendet sich zurück.

Es fließen Geräusche Wie still kann der Lärm sein
Und Lichter zusammen Ein tobender Stummer
Der in der ferne bis zum himmel schwillt*
Einem Himmel wie ausgediente Monitore Blank
Und stumpf warten sie auf nichts mehr als auf
Reflexe die sich kurz ihrer bedienen um den Absprung
Zu finden in den anderen Himmel den
Die Frauen verheißen heruntergefallene Meteoriten
Antikryptone einer wehrhaft gewordenen Rauschen das
Rauschen Hoffnung die Zähne hat und zwischen den
Zähnen fliegend blaudunkel den Manta Er hat längst
Nach dem wiedernächsten Viertel hinübergefaßt Er
Wächst Du gingst Wenn ich nur euch in Sicherheit
Weiß Was weißt du schon? Sag meinem Sohn daß ich
Ihn liebe.

Wendet sich schroff vom Fenster ab.

ZUM SCHLAGZEUGER: Wolln Sie mein Silberlaub haben?

***

Einen, Freundin, anderen Beitrag zu den Geschehen habe ich heute nicht.

ANH

 

References

References
1 Schlagzeile aus dem STERN
2 Liedzeile von Bettina Wegener
3 Zitat aus einer – nicht mehr erreichbaren – Rußlandsite
4 Stefan George, Waller im Schnee

Verschwörung der Gesichter. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 6

 

Buchfassung 1983:

(…)

Mit welchem Satz Laupeyßer von Schulze empfangen worden war, am 16., abends, es war dunkel gewesen bereits und die Räumung der Wohnung vollzogen. Kaum hatte Laupeyßer ge­klingelt – was heißt, er klingelte sicherlich an die fünf Mal, wähnte sich schon umsonst hergekommen, graute sich vor der Rückkehr in seine Wohnung, deren Leere noch keinen Reiz be­saß, weil Laupeyßer, wie zugegeben, feststellte, daß er innerlich sehr gehangen hatte an den nun veräußerten Dingen –, hatte kaum geklingelt also, ich bleibe dabei, beim kaum, – hatte kaum geklingelt, da wurde die Eingangstür schon brüsk aufgerissen, wie jemand die Tür öffnet, der hinausstürzen will, weil er verfolgt wird. Stand Schulze im Eingang, süßlicher Biergeruch entwich ihm und schlug Laupeyßer an. Schulze schien keinen Moment verwirrt, Laupeyßer zu gewahren, erkannte ihn auch sofort wieder.»Die Zeitmine ist geplatzt«, sagte er hastig. »Kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon, schnell!« Zerrte mich an der Schul­terwölbung des Jacketts mit sich in den Treppenflur, zog mich ein Stockwerk hinauf in seine Wohnung, knallte mit großer Heftigkeit die Tür ins Schloß. Dann wankte er mir voran durch den Flur in eines der Zimmer.
»Sie sind also gekommen«, sagte er mit beruhigterer Stimme. »Hören Sie, es ist schrecklich. Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Ich weiß sonst nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.« Wobei er sich mißtrauisch umsah, hinter sich und sogar unter seinen Korbstuhl blickte.
»Aber was … Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, wie … Aber bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Ich bin nicht mehr sicher hier. Sie sind sehr stark geworden plötzlich. Dabei … Dabei hatte ich ge­dacht, ich hätte sie nun fest, sie könnten mir nichts mehr …«
»Aber was denn, Schulze?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter! Sie sind … Es stimmt nicht mehr … Das heißt, jetzt stimmt es schon wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes verschluckte oder murmelte er; schluckte wirklich einmal, zwei­mal.
»Was stimmte nicht mehr? Also erzählen müssen Sie’s mir schon, sonst kann ich ja gleich wieder gehn.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin darin nicht mehr geübt …«
Ich hatte bei Agnes schon die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, aber ich nickte trotzdem. Schulze stand auf, fuhrwerkte in der Küche herum, was ich freilich nicht sehen konnte, nur hörte: ein polternder dicklicher Mensch, den der Alkohol vermutlich bereits in der Motorik behinderte. Wäh­rend seiner Abwesenheit blieb mir Zeit, mich genau umzusehen, bemerkte erstmalig die Ziffern, Zahlen, Kritzeleien, die überall in welligen Linien quer über die Wände gingen. Es roch sehr wider­wärtig. Kaum war ich in die Wohnung gezerrt worden, war es mich käsig und fleischig angeplatzt, wie Verwesendes röche in einem sehr engen Raum. Dabei, höchst eigenartig!: Nirgendwo Staub, kein Spinnengewebe unter der Decke, das Zimmer gesaugt, nicht ein einziger Flusen darauf. Eine pedantische, fast verbissene Hygiene obwaltete.
»Was stimmt denn nun nicht mehr? Sagen Sie schon«, fragte ich, als Schulze zurückgekommen war, der wie ein Störfaktor wirkte, wie ein Fremdkörper, ein Schmutzpartikel inmitten des Scheuerpulverzimmers, das obendrein noch mit weißen Küchenmöbeln und ebenfalls weißen Korbstühlen eingerichtet worden war und gewissermaßen ausgeblichen wirkte. Ich assoziierte sofort alte Knochen, die über Jahre dem Sonnen­schein ausgesetzt sind. »Was stimmt nicht mehr?«
»Es ist schrecklich«, antwortete Schulze, schwieg darauf, biß sich in die Unterlippe, nagte daran, als sammelte er sich, schenkte, aufgeschreckt, den Kaffee in die Tassen, langte nach einer Bierflasche, die mit anderen in einem der geweißten Schleiflackschränke lag: Wie zu hundertfach schienen die Flaschen aufgestapelt darin. »Sie auch’n Bier?« fragte Schulze.
»Nein. Danke … Das heißt, doch, bitte, danke.«
»Es ist schrecklich«, wiederholte Schulze, »Weil nämlich, wie ich heut … heut früh … heute morgen, als ich aufgewacht … Ir­gendwie mußte es aber schon Mittag sein, weil: die Sonne stand hoch, auch … Ich merkte sofort, daß irgendwas sich verändert hatte. Das können Sie mir glauben. Und dann … Ja, die Gesich­ter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die … Und dann wußte ich so­fort, was es war. Sie können sich meinen Schrecken nicht …«
»Was denn?«
»Sie hatten sich bewegt, Herr Falbin, bewegt, hatten ihre Posi­tion verändert, alles durcheinandergebracht, alle Ziffern, al­les …«
»Wie?!«
»Sie hingen plötzlich falsch, Herr Falbin. Sie mußten, während ich schlief, von den Wänden geklettert sein. Wahrscheinlich haben sie getanzt. Und vermutlich müssen sie, ja müssen sie sogar … über meine Bettdecke … Müssen ja drübergekrabbelt sein! Und alles weg, die ganze Ordnung zunichte, alle Auf­zeichnungen vergeblich, an denen ich mich immer orientiert habe. Wissen Sie doch noch? Was ich erzählte? – Nun, das merkte ich doch. Ich kenne meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war auch … verwirrt. Ist schließlich verständlich, oder? Dann hab ich gesehen, daß nichts zu essen mehr da war und bin einkaufen. Und stellen Sie sich vor … als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig«, konstatierte ich.
»Ja!« Schulze sah mich sinnierend an. »Woher wissen Sie das?«
»Dachte ich mir. Ist doch nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?« Ich fand die Situation kurios.
Schulze sah sich zaghaft um, flüsterte: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Aber dann ist doch alles wieder in bester Ordnung«, wich ich aus. »Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehen Sie denn nicht?! Die Gesichter, die … die haben sich außerhalb meines Einflußbe­reichs begeben, die … die sind selbständig geworden, Herr Falbin! Selbständig! Wer weiß, was die noch alles tun werden …!«
»Aber Herr Schulze, das ist doch dumm! Was sollten denn …? – Und Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht mehr die geringste Veränderung?«
Schulze schüttelte den fetten Kopf, strich sich über das vollgraue schmierige Haar.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.«
»Ja«, sagte Schulze leise. »Das … das habe ich auch erst geglaubt, als ich vom Einkaufen zurückgekommen bin. Aber … aber dann …« Er legte den Zeigefinger erneut an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, mal ganz still …« Wir schwiegen, ich lauschte. Von der Küche her sang das be­ständige Surren eines Kühlschranks, es klang wie Schnurren, als schnurrte die Maschine.
»Hören Sie nichts?« fragte Schulze, beließ den Zeigefinger vor den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander. Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie miteinander, plappern durcheinander, lauter haarfeine Stimmen. Gehässige Stimmen. Machen sich lustig. Hecken etwas aus. Sie haben miteinander zu kommunizieren begonnen, haben Kon­takt hergestellt. Ich weiß nicht, was ich tun soll dagegen. Ich bin so hilflos, Herr Falbin. Vielleicht wollen sie ausbrechen. Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre es doch mög­lich, daß sie ausbrächen? Nachts. Oder wenn ich mal die Tür nicht richtig geschlossen habe. Sie handeln im Moment ihren Fluchtplan aus. Sie wollen mich allein lassen. Ich weiß nicht.« Er führte die Bierflasche zum Mund, sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann bliebe ich doch wieder allein, wieder … und … und hätte gar keinen Kontakt mehr, gar keinen Kon…«
»… wenn ich Ihnen helfen kann?« sagte ich hilflos und ebenso leise.
»Ach Herr Falbin, das ist doch ein Witz«, antwortete Schulze.

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)
Kaum hatte Laupeyßer, allerdings insistierend langgezogen, geklingelt, ward auch schon die Tür aufgerissen, die Wohnungstüre, denn unten die des ganzen Hauses hatte, innen den Sturmhaken in die Stahlöse der Gegenplatte eingehängt, offengestanden; vielleicht, daß jemand schnell was wegbringen war und keine Lust auf gleich den Schlüssel hatte. Jedenfalls öffnete André Schulze derart brüsk, daß er mehr wie jemand wirkte, der panisch herausstürzt und nicht nur schauen will, was jemand von ihm will. Zumal er schlimm nach Bier roch. Dennoch schien er keinen Moment lang erstaunt zu sein, Laupeyßer zu sehen, faßte ihn statt dessen am Jackettärmel und zog ihn herein, wozu er ohne Punkt und Komma ausrief: »Die Zeitmine ist hochgegangen! kommen Sie bloß rein! Nun machen Sie schon schnell!« Hinter sich und dem unversehenen Gast knallte die Tür heftig in das Schloß zurück; Schulze schien ihr rückwärts einen Tritt versetzt zu haben.
Er drückte sich an mir vorbei und
wankte durch den Flur ins Wohnzimmer voran. Drin erst beruhigte er sich, sackte in seinen Korbstuhl, neben dem auf dem Boden eine geöffnete Bierflasche stand. Nach der er sofort griff, um sie an den Mund zu setzen.
Er nahm er einen langen, langen
glucksenden Schluck, wischte sich mit dem Unterarm über den Mund und sagte: »Sie sind also gekommen.« Dann sah er sich wie mißtrauisch um, hinter sich sogar, ja lugte unter seinen Sitz. Was durchaus Komik hatte, Laypeyßer auch so wahrnahm, aber nicht wirklich spürte. Statt dessen stieg ein ungefähres Schrecklich in ihm auf, nicht maßlos, nein, doch pochend unbehaglich. Schulze sprach genau das auch wieder aus: »Es ist schrecklich. – Hören Sie! Wir müssen ganz still sein, dürfen nicht auffallen. Sonst weiß ich nicht mehr, was … Ich garantiere für nichts.«
»Was ist denn geschehen?«
»Heute nacht, da … – Still, bloß still!« Er legte einen Finger auf die Lippen, lauschte. »Wir sind hier nicht mehr sicher. Sie haben plötzlich solch ein Leben bekommen! Dabei dachte ich doch, ich hätte sie so festgesetzt, gebannt, daß sie niemandem mehr etwas antun können, sondern für mich da sind.« »Wer hat Leben bekommen?!«
»Die Gesichter, Herr Falbin, die Gesichter doch! Sie sind … Es stimmt nicht mehr, sie stimmen nicht mehr! Das heißt, jetzt ja wieder, aber … aber heute morgen …« Den Rest des Satzes vermurmelte er und schluckte einmal, zweimal.
»Was stimmte nicht an ihnen? Erzählen müssen Sie’s nun schon.«
»O Verzeihung, wirklich. Verzeihen Sie mir … – Sie mögen etwas trinken? Einen Kaffee? Ich habe so selten Gäste. Ich bin in Gästen nicht mehr geübt …«
Ich hatte schon bei Agnes die ganze Zeit Kaffee getrunken, war aufgekratzt, auch fiebrig, nickte aber trotzdem. Schulze stand auf und fuhrwerkte poltrig in der, konnte ich annehmen, Küche herum. So war mir Zeit, mich umzusehen, und entdeckte erstmals all die in welligen Linien auf die Wände geschriebenen Ziffern, Zahlen, Kritzeleien. Der Zusammenhang ist mir unklar, aber sie hoben mir diese widerwärtige Mischung aus Kareishus und Domestos ins Bewußtsein; der Geruch hatte etwas von, unter gelöschtem Kalk, Verwesung. Als hätte ihn Schulze verzweifelt wegzuputzen versucht, doch vergeblich. Dieses Käsige war nicht wegzubekommen. Doch zugleich, das hatte etwas Erschütterndes, war nirgendwo auch nur Staub zu erkennen, geschweige Staubmäuse, weder unter der Zimmerdecke Altweibersommerfäden von Spinnen noch sonstiges Insenktengewirk an den Wänden. Wie auch? Sondern alles war von pedantischer, fast verbissener Hygiene beherrscht.»Was denn stimmte nun nicht mehr? Sagen Sie schon!« hakte ich nach, als Schulze zurückgekommen war und vor allem angesichts des deplazierten ausgeblichen-weißen Küchenschrankes wie eine Kloake wirkte, die Mensch geworden ist. Vor ausgeblichenem Knochenfurnier. »… was war es, das nicht mehr stimmte?«
»Es ist schrecklich.« Er benagte seine Unterlippe, biß sogar sichtlich hinein, aber um sich zu sammeln wohl. Dann, sich aufgeschreckt erinnernd, schenkte er vom Kaffee in die Tassen ein und langte aber nach einer nächsten Bierflasche, die mit vielen anderen in dem Küchenschrank lag, alle aufeinandergestapelt. »Sie auch eins?«
»Nein danke … Das heißt, doch, bitte … – Danke.«
»Es ist schrecklich«, fing er nun endlich zu berichten an. »Weil nämlich, wie ich heute früh aufwache … aber es muß da schon Mittag gewesen sein, die Sonne stand so hoch. Ich war mir aber nicht sicher, merkte eben nur, daß irgendwas nicht stimmt. Etwas war anders. Und dann …« Schwer holte er Luft. Und setzte ächzend fort: „Die Gesichter, hier, sehen Sie? Die Gesichter, die hatten sich – Sie können sich meinen Schrecken nicht vorstellen.«
»Was hatten sie?«
»Bewegt! Fortbewegt, Herr Falbin, hatten sie sich, einfach die Plätze getauscht und alles durcheinandergebracht, mein ganzes Ordnungssystem! Das war jetzt nur noch umsonst.«
»Wie? Ich verstehe nicht ganz.«
»Sie hingen falsch, Herr Falbin, falsch! Als ich geschlafen hatte, mußten sie von den Wänden geklettert sein, zum Beispiel, und haben vielleicht nicht mehr gewußt, wo sie hingehörten. Ich kann mir vorstellen, sie haben vorher getanzt, die ganze Nacht vermutlich durch, bis zur Erschöpfung. Da warn sie wahrscheinlich benommen. Wenn ich mir dann noch vorstelle, wie sie sogar über mein Bett getappt sein könnten oder über mein eines Bein, das ich oft draußen über der Decke lasse, weil mir immer so schnell so warm wird, – wenn ich mir das vorstelle … Aber das darf ich eben nicht, mir sowas vorstellen. Es war so schon schlimm genug, die ganze Ordnung zunichte, alle Aufzeichnungen umsonst, wo ich mich orientieren konnte, wissen Sie ja, hab ich doch bestimmt erzählt. Ich brauche meine Ordnung, können Sie mir abnehmen, wirklich. – Ich also hoch, hab mich angezogen, war derart verwirrt. Ist das nicht verständlich? Weil ich doch gesehen habe, daß zu essen nichts mehr da war, und bin also erst mal zum Einkaufen weg. Aber stellen Sie sich vor, als ich zurückkam, da …«
»… hing alles wieder richtig.«
»Ja! – Woher wissen Sie das?«
»Ist nicht schwer zu erraten, finden Sie nicht?«
Kuriose Situation.
Schulze sah sich zaghaft wieder um, doch flüsterte dabei: »Sie verspotten mich, Herr Falbin. Warum verspotten Sie mich?«
»Ach was! Und sehen Sie, ist doch in allerbester Ordnung nun wieder. Was beunruhigt Sie denn jetzt noch?«
»Das fragen Sie?! Ja, mein Gott, verstehn Sie denn nicht?! Daß sich die Gesichter von den Wänden lösen konnten, heißt doch, sie sind selbständig geworden, selbständig, Herr Falbin! Woher soll ich wissen, was sie als nächstes unternehmen werden?!«
»Sie haben alles überprüft? Alles wie vorher, nicht die geringste Veränderung mehr?«
Er schüttelte den schweren Kopf, strich sich über sein vollgraues wie mit Pomade festgeklebtes Haar. Es war aber Talg.
»Dann haben Sie wahrscheinlich nur geträumt, haben sich ge­täuscht. Mehr nicht.
»Das habe ich auch erst geglaubt, als ich zurück vom Einkaufen war. Aber … aber dann …« Noch einmal legte er den Zeigefinger an die Lippen, machte »Psst!«, streckte mir die Handfläche der Linken entge­gen. »Seien Sie mal still für einen Augenblick, sein Sie mal ganz, ganz still …«
Wir schwiegen, ich lauschte.
Aus der Küche her sang das be­ständige Surren des Kühlschranks herüber. Es klang wie helles Schnurren. Die Maschine hätte nur noch Miau machen müssen.
»Hören Sie denn nichts?« Schulze ließ den Finger an den Lippen dabei. »Sie sprechen miteinander“, flüsterte er. „Es ist schrecklich. Seit heute morgen, seit ich wiedergekommen bin, sprechen sie sich ab, ein andauernd plapperndes, haarfeines Stimmengeschwirr, das ich so durcheinander natürlich nicht verstehen kann, wohl aber, wie gehässig es ist. Sie machen sich über mich lustig, hecken werweißwas aus. Sie haben Kontakt hergestellt. Obwohl es doch gar keinen gibt, keinen geben kann! Was soll ich dagegen denn tun? Ich bin, Herr Falbin, derart hilflos! Sie brechen vielleicht sogar aus! Wenn sie sich jetzt schon bewegen können, dann wäre das doch mög­lich … Nachts. Oder wenn ich mal die Wohnungstür nicht ordentlich zugemacht habe. Davon bin ich nämlich schon fast überzeugt, daß sie grad an ihrem Fluchtplan tüfteln. Direkt vor meinen Ohren, was für ein Hohn!« Er führte die Bierflasche zum Mund, spülte den Schmerz mit hinunter. Wenigstens ein bißchen. Sein Kehlkopf zuckte beim Schlucken. »Und dann … dann werde ich wieder allein sein. Und hätte wirklich keinen Kontakt mehr, zu niemandem, zu niemandem…«
Bevor er auch noch anfinge zu weinen, legte ich alle Wärme, über die ich noch verfügte, in meine Stimme: »Aber ich bin doch da.« Und merkte selber, wie hilflos es klang.
»Ach Herr Falbin«, sagte er, sah mich indessen nicht an, »Sie sind doch nur ein Witz.«
Bis jetzt weiß ich nicht, warum ich da nicht ging.

(…)

Mahesh & Tussaud’s. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 5

 

Buchfassung 1983:

Fast kommt er sich wie einer dieser Krishnajünger vor,

die hier ja auch noch ihr Fett abkriegen müssen mit ihren wal­lenden Jesusbärten und dem schalen Geäug nach irgendwo Jen­seits. Oder die no-future-Typen.

Im Café findet er manchmal noch Ruhe, von den Nachbarsge­sprächen abgesehen. Natürlich, all die Geschwätzigkeit, mit der sie mich einlullen wollen. Aber Laupeyßer hat sich mittlerweile im Weghören geübt. Notgedrungen, sonst platzte mir noch der Kopf. Und auf keinen Fall die Augen schließen: Dann nämlich höre ich’s erst richtig. Nein. Am besten versetze ich mich in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter links. Oder in die geweißte Oberfläche der Kakao-Kanne, die man ebensogut als Kaffeekanne bezeichnen könnte, weil dieselben Gefäße zur Aufnahme verschiedener Ge­tränke dienen. Kaffao. So ungefähr. – Wie eigenartig war es doch, daß er bei Tag noch ausgehen konnte. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hatte, als ginge sie ihn nichts an, als atmeten sie nicht einmal dieselbe Luft, und als gehörte sie nicht längst schon hinein, in seine Näherun­gen. Freilich, die Frage nach der Narbe bliebe eben deswegen dringlich. Zur Versicherung der Realität oder was so … na ja, bekannt: Pappkarton. Zumal er sich sicher war. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten. Ach ja. Ja. Der Hinterkopf. Mein Hinterkopf, der sich vorgestülpt hat, der am Vorstülpen ist. Den Hinterkopf zum Auge machen, zu einem einzigen, weit geöff­neten Auge. Dreiäugigkeit. Und das Hören. Lauschen. Das Füllfederhalterkrabbeln auf dem Marmortischchen. Papierge­kritz. – Saß Laupeyßer also dort vor dem Gußeisengitter der Fenster klotzig wie ein Pappkarton. Und das Jucken am Kinn. Am Vormittag habe ich mir ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wollte ich aber nicht, weil es dazu nun wirklich zu heiß ist. Man muß nicht gleich alles übertreiben. Habe wirklich das Gefühl, zu zer­fließen. Ich bin offenbar ein Madame-Toussaud-Mensch. Und mit jedem der Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Hemd backen und es dunkel färben, löst sich ein Geruchsparti­kel, platzt im Rollen, verströmt sich zu dicklichem Belag wie Luftfilz, hockt mittlerweile allem auf, was ich berühre und darauf in Nasennähe bringe.

Unten warfen sie Laupeyßer schwungvoll auf den Wellblech­boden des hinten geöffneten Lieferwagens, der war grün wie Laupeyßers neu erstandene Socken. Die Friseurin, jene fette Frau mit dem sprödweiß auftoupierten Haar, beinahe sah sie aus wie Frau Schneider, die sie war, schaute mit in die Blaukittel­taschen gestopften Feistfäustchen interessiert zu. Dieser leben­digen Schwammigkeit einmal untern braungestreiften Rock und dann schnuppern in einer Aufwärtsbewegung des Kopfes neben den Titanenschenkeln! Um des Ekels sich zu vergewissern und daß man noch etwas merkt. Seiner leibhaftig werden, er werden, Ekel sein. Der bröselig scharfe Uringeruch an dieser sauren Sphäre, Schlupfort des Widerlichen an sich. Agnes schmeckte anders,

denke ich mir, schmeckte wie B., an der ebendort sich festzusau­gen voll cremiger Lust ist oder – mit ihrem saloppen Begriff – Spaß. – Doch davon weiß Laupeyßer nichts, noch nichts, wird er niemals was wissen, ist für Falbin vorgesehen, wenn Agnes das noch hätte hören können! Vorgesehen von Laupeyßer für Falbin. Nein, für mich! – Die Befreiung also, die über eine selbstgewählte Paranoia läuft? Absurd? Zugegeben. Gebe ich natürlich nicht zu. Interessiert mich nicht. Interessiert ihn schon gar nicht,

(…)

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Maharishi Mahesh Yogi. Fast wie einer der Krishnajünger selbst kommt sich Laupyßer vor,

die hier auch ihr Fett noch abkriegen müssen, schon ihrer wallenden Jesusbärte halber und des schalen Geäugs in Richtung auf ein Diesseits als Jenseits, umgestülpte no-future-Typen,

die, diese nicht, noch jene, ins Wallcafé nicht gehen, so daß er, Laupeyßer, hier manchmal noch zur Ruhe kommt. Nerven tut ihn nur die, aufsteigend von den Nachbartischen, schwirrig den Raum durchflatternden Plapperge­spräche. Wenn er sie, wie er früher getan, als ungefähres Hintergrundrauschen nimmt, wird ihm sofort klar, daß eben das ihn einlullen soll. Genau der Zustand, den er ablehnen muß. Deshalb versucht er, sich in einem Weghören zu üben, das sich auf die Störung konzentriert. Auf keinen Fall jedoch die Augen dazu schließen. Sonst platzt mir noch der Kopf. Statt dessen versetz ich mich am besten in die Krümmung des weißlackierten Heizungsrohres neben dem Gußeisengitter. Die ebenfalls geweißte Oberfläche des Kakaokännchens, das sich auch Kaffeekännchen nennen läßt, weil es der Aufnahme beider Getränkarten dient, eignet sich genauso. Kaffaokännchen.

Wobei schon auffällig ist, daß er überhaupt bei Tag noch ausgehen kann. Auch mit welcher Arglosigkeit er die Bedienung wahrzunehmen gelernt hat, ist Erwähnung wert. Sie scheint ihn nichts mehr anzugehen, ja kaum die gleiche Luft zu atmen, kurz, gar nicht mehr ein Teil seinee Näherungen zun sein. Dennoch bleibt die Frage nach der Narbe dringlich, vielleicht umso mehr. Zur Versicherung der Realität oder was so … – Pappkarton.

Er ist sich aber sicher. Und doch. Wo Männer Zärtlichkeiten.

Liegt immer noch da, die Zeitung. Ach ja, jaja, mein vorgestülpter Hinterkopf. Der ist mir wie Gesicht geworden. Jetzt ihn noch ganz Auge machen, आज्ञाचक्र[1]ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.. Dreiäugig werden, da ich schon ganz Ohr bin. Das Krabbeln der Feder des Füllfederhalters auf dem Papier meines ringgebundnen Notizbuchs. Sogar sein leises Wischen auf dem runden Marmor meines Cafétischs wird laut, eine flache Böenvariante, wenn ich’s ein wenig verschiebe, um bequem wie vorher weiterzuschreiben. So klotzig ist Laupeyßer vor dem Gußeisengitter des Fensters über die Seiten gebeugt. Ein Pappkarton schon selbst. Ich darf nicht dauernd mein Kinn kratzen, hab untern Fingernägeln schon von den Stipschen Bluts die Trauer. Doch gegen die habe ich mir vormittags ein Papageienjackett gekauft. Und Socken; grellgelbe und giftgrüne Frotteesocken. Schals wie Falbin wollt’ ich aber nicht, weil’s für sowas nun wirklich viel zu heiß ist. Man muß nicht alles übertreiben. Ich zerfließe ja schon jetzt. Bin ich ein Mensch Madame Tussauds? Mit jedem Schweißtropfen, derer mir bereits zahllose im Oberhemd backen, wovon es dunkle Flecken kriegt, löst sich eine Zelle, die im Hinabrollen platzt und den Geruch verströmen läßt, einen massiven Filz aus Luft, der mittlerweile als Belag auf allem klebt, was ich berühre und drauf in Nasennähe bringe.

(…)

References

References
1 ARBEITS/LEKTORATSNOTAT: Ajna Chakra, Drittes Auge.

Fast ein Mißbrauch, in jedem Fall Mißbrauchsaffekt. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Beispiel 4,

 

[diesmal kein Textvergleich, sondern wegen der, glaube ich, Intensität der Szene n u r die Neufassung und also ohne den Vergleichstext
im 1983 erschienenen Buch:]

 

(…)

Was ihn aber nicht hinderte, sich neben den Pflanzen erneut auf dem Boden auszustrecken, die Decke über sich zu ziehen und willentlich sich Agnes’ Nähe zu erträumen,

obwohl er die Freundin seit dem Abend des 16. nicht mehr besuchte; vielleicht auch eben deshalb. Er hatte sich ihr da auf unangemessene Weise genähert, sie sich aber erst ihm, so dass er, fast ohne es zu wollen, übergriffig wurde. Jedenfalls kann man es so sehen. Er selbst sah’s später so. Sie hatten auch kaum gesprochen, jedenfalls er war auffallend schweigsam gewesen, indessen ihre Plauderlaune, ein fröhlicher Strom innengerichteter Oberflächlichkeit, erst allmählich in ein allerdings bächleinsprudelndes, doch schließlich versickerndes Murmeln überging. Geschwiegen dann plötzlich, wobei sie ihn ununterbrochen ansah, weil sie vielleicht zum ersten Mal etwas begriff. Er selbst sah sich, weiterschweigend, in den Schoß, die Hände je auf den Oberschenkeln, zwischen ihnen jeweils die hängenden Finger. Da legte sie ihre Hände dazu. Er reagierte erst nicht, schien es gar nicht zu bemerken. Ulf“, sagte sie. So dass ihm die Tränen kamen. Das aber auch ohne Willen. Und sie zog ihn an sich, nur um zu trösten, umarmte ihn,Ulf, ach Ulf“, legte die rechte Hand seinem Hinterkopf auf, wie wenn sie ihn umwölbte, streichelte mit der linken in den Nacken hinab, streichelte wieder hinauf, wußte doch nicht, wie tot er war, der langsam erwachte, doch unklar nur noch Empfindung, nicht mal Gefühl war und nichts begehrte als Verschmelzung. Seine Hände hoben sich selbst an, die Arme legten sich um die andere Taille – schmal, so schmal! –, und um den anderen Rücken, den die Finger zu streicheln begannen, bevor ihrer fünf in Höhe der Nieren unter den hochgerutschten Pullunder strichen und die ganze jetzt geflachte Hand sich mit dem Samt der anderen Haut verband, der vor Wärme nahen. Es spitzten sich seine Lippen. Kamen, als würden sie schnuppern, wie witternd an den anderen Mund und legten sich, gleichsam auslaufend, auf ihn. Der sich da auftat. So sog er Speichel. Und weinte doch weiter, er aber nicht, sondern es. Fuhr ihr tränend über Gesicht, Haar und Hals. Als der Kleine, vom Vater schon lange heimgebracht und im Schlafanzug längst, in das Wohnzimmer hüpfte. Mama, schau was Michi ’ebaut ’at!Er hielt ein Legoauto hoch.
    Sofort stieß Agnes nicht, aber drückte doch stark Laupeyßer von sich. „Wieso schläfst du, Süßer, noch nicht?“ Schon stand sie aufrecht, hatte den Buben vom Teppich gehoben und ihn sich auf Unterarm und Ellbogen gesetzt, eins seiner Ärmchen um ihren Hals, am Ende des andern das festgehaltene Auto. „Komm, mein Schatz, wir gehen jetzt mal wieder ins Bett.“
   Laupeyßer stumpf. So war es aber immer. Für den Kleinen war es schwierig, wenn die Mama nicht auf ihn konzentriert war. Immer wieder dann heischte er Aufmerksamkeit, machte Geräusche, hopste herum, zog am Kleiderärmel.
   “Du, verzeih, ich mach das mal eben. Kann ein bißchen dauern.“
  Weg war sie. Er hörte sie im Kinderzimmer ein leises Gutenachtlied singen. Hätte einfach gehen sollen. Aber er dachte, in ihr zu gesunden. Und auch das nicht er, sondern es. Denn er, wär er nicht wie weggetreten gewesen, hätte klar erkannt, daß es vorbei war, vorbei auch sein mußte, für heute abend jedenfalls. Selbst wenn der Bub jetzt einschlief. Er könnte jederzeit erneut wachwerden. Das hatte eine Mutter wie Agnes, die Mütterlichkeitsmutter, unausgesetzt im Instinkt. Dazu kam mit Recht eine gewisse andere Vorsicht. Für den Kleinen gehörten Papa und Mama noch immer zusammen, sein Wille, sich das Elterneinheitsintrojekt[1]Elterneinheitsintrojekt ist ein aus “Einheitsideal” und “Elternintrojekt” gebildeter Neologismus; bs nach dem Lektorat muß überprüft sein, ob es noch einen anderen, bereits existierenden … Continue reading zu bewahren, war fantasiebegabt genug, um die Trennung der Eltern geradezu ignorieren zu können. Das machte neue Verbindungen heikel. Nicht Freundschaften, nein, aber Innigkeiten mit Fremden. Agnes vermied deshalb Männer in des Buben Daheim; wenn sie sich mit anderen als denen traf, die ihm vertraut waren, dann auswärts. Ihrem Kind einen neuen Mann zugemutet hätte sie erst, wäre sie sicher gewesen, daß die neue Beziehung unverbrüchlich dauerhaft würde. Genau das aber verhinderte es, weil sich die neuen Partner auf eine Distanz gehalten fühlten, die reizvoll vielleicht sexuell war, eine tiefere Bindung aber unterlief. Nun war Agnes nicht nur erschrocken, als der Kleine so plötzlich im Zimmer stand und zum Zeugen ihres – wie er es, ohne das Wort dafür zu haben, aufnehmen mußte – Fremdgehens wurde, sondern sogar schockiert, daß sie selbst es in ihrer beider Zuhause zugelassen hatte, auch wenn es erotisch gar nicht von ihr gemeint war. Wobei sie sich da nicht mehr sicher war. In jedem Fall war eine Fortsetzung jetzt ausgeschlossen, egal, ob Michael schlief.
In anderem Gemüts-, also Gemüthszustand wäre Laupeyßer
all dessen gewärtig gewesen und deshalb, wenn sich seine Erregung anders hätte nicht mildern lassen, tatsächlich gegangen – grußlos, um nicht zu stören, da, den kleinen Jungen zum Schlafen zu bringen, offenbar so langwierig war, und sozusagen auf Zehenspitzen. So aber, noch immer sang’s aus dem Kinderzimmer, indem er den Berührungen nachsann und wie nicht nur im Wortsinn notwendig, sondern selbstverständlich und einander eben wollend die Körper sich ineinanderzufügen begonnen hatten, um wirklich eine Einheit zu werden, wir hätten uns nur noch ausziehen müssen, um endlich, endlich gemeinsam aufwallend ichlos zu werden und ekstatisch am Ende ineinanderzufallen, worauf nichts mehr als der Schlaf folgen kann, tiefer, tiefer Schlaf so aber blieb er sitzen, hing aufsteigenden Erinnerungen nach, was sentimental gewesen wäre, wäre er klar denn gewesen, und umschloß, um die warme Härte zu erhalten, mit der linken Hand, ohne indes sie bewegend, seinen in der Hose gegen den geschlossenen Reißverschluß pochenden Phallus.
   Er erinnerte sich ihrer beider ersten Zeit. Als er noch in hätte er, wenn nicht so trübe, gedacht verlogener Selbstverständlichkeit gearbeitet hatte. Schon da hatte Agnes sich nicht einlassen mögen oder tat es immer nur halb. Auch da schon ihres Kindes wegen. Er hatte anfangs immer nur herkommen dürfen, wenn der Junge mit seinem Papa war, immerhin einmal die Woche, sonnabendsonntags einmal im Monat. Natürlich hatte Laupeyßer das zu nutzen versucht, aber Agnes sich stets sanft entzogen; sie zu verführen, war ihm unmöglich. Doch sie sprachen intensiv, vom ersten Augenblick an. Sie nannte ihn ihren Wahlverwandten. Wiewohl kaum älter, hatte er den Eindruck, eine Art Vater für sie zu sein; den ihren kannte sie kaum. Um den Begriff gebräuchlich zu nehmen (was aber falsch ist), ‚platonisierte‘ sie ihre Beziehung zu ihm. Was ihm selber nur mühsam gelang, eigentlich gar nicht. Um nicht zu verdrängen, berührte er sie bisweilen wie versehentlich an der Schulter, nahm ihre Hand, legte eine eigne auf ihren Schenkel oder streifte ihr zart eine Strähne aus der Stirn. Sie tat dann, als ob sie nichts merke. Bis er’s endlich unterließ.
   Bis soeben. Doch war nicht die unversehene Nähe von ihr ausgegangen? Er hatte stumm nur gesessen und sich in den Schoß gestarrt. Dann saß sie plötzlich wieder da, er hatte ihr Zurückkommen gar nicht bemerkt. Und sie saß nicht nur nah, nein, legte auch die Hand wieder auf. „Verzeihung, ich wollte nicht …“ Was gab es denn zu verzeihen? Spontan sah er auf, zog die Frau schon an sich, suchte ihren Mund und fuhr ihr erneut mit der Rechten unter den Pullunder, jetzt aber vorne. Und zog ihre Hand mit der Linken auf wo sie bis eben nicht hatte gelegen, sondern sein letztes Lebenszentrum umschlossen. Da nun stieß Agnes ihn weg, drückte nicht nur. Aber ohne ein Wort.
   In seinen Schoß konnte er jetzt nicht mehr blicken.
  „Bitte verzeih“, sagte er.
   Sie blieb stumm.
   „Verzeih doch bitte“, flüsterte er.
   Es war nichts zu verzeihen, es war sich bloß, sie wußten es beide, zu trennen. So sehr war etwas zerbrochen. Man hätte flennen können. Doch ihr nur liefen zwei Tränen, er seinerseits trocknete aus. Obwohl er nicht hinsah, sah er ihre Halsschlagader unter der Seidenblumenhaut pulsieren, so daß er sich, innerlich zurückschreckend, doch tatsächlich immer noch erstarrt und um nicht überdies zu vereisen, mit beiden Händen über die Augen fuhr, mehrmals, und schließlich sein hinterköpfiges Antlitz in ihnen vergrub. Und weinte also doch, indessen Salzkristalle oder Sand, ein unsichtbares Granulat, das schmerzte, als es sich durch die Tränenkanäle hindurchrieb.
   Endlich stand er auf, nahm den Mantel und ging, doch ohne den Vorschein von Würde, den selbst Großvater Branske bis an sein Ende bewahrte. Und hatte nicht einmal von dieser Nacht gesprochen, die ihn derart benommen gemacht. Wie gerne hätte er davon erzählt. Nun wird er nie wieder erzählen.

(…)

Beispiel 5
Beispiel 3

References

References
1 Elterneinheitsintrojekt ist ein aus “Einheitsideal” und “Elternintrojekt” gebildeter Neologismus; bs nach dem Lektorat muß überprüft sein, ob es noch einen anderen, bereits existierenden Begriff gibt, der den Sachverhalt beschreibt. Ich hab die Recherche schon angestoßen.
ANH

Elster & Geck. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 3

 

Buchfassung 1983:

Im länglichhoch aufgestreckten Baum gegenüber, einer Pappel – ich sitze vorm Schreibtisch in der Wohnung der verreisten B., weil ich die Blumen verpflegen soll und muß; selbst hierhin hat sich also mein eigenartiges Verhältnis zu Pflanzen schon herum­gesprochen: die Pappel, Pappelpapp, Pappelpappkarton –, ist die durch ein Nestgespinst gebildete Verdickung mir erst aufgefallen, als die Elster kam. Grauenhaft, daß ich beim Auftauchen solcher Vögel sofort an Diebe denken muß: soweit ist man also nicht autonom! Und dann bemerkte ich sogar Leben im Nest, ein bereits verhältnismäßig großes Tier, spitzbeschnäbelt. Auch sowas ist wichtig, man sollte es nicht glauben. Die Stimmung, die sich mitteilt über solcherart Wahrnehmung. Wahr-nehmen. Etwas für wahr nehmen. Solcherart Falschnehmung. – Und in gleicher Richtung, knapp über den Hausdächern, ein wie in Zeit­lupe gleitender Jet: weißriesig, mit einem großen roten Streifen über dem Ruder, das auf dem Maschinenrücken messerartig stakt. Doch mein Bedürfnis, Frankfurt wieder zu verlassen, ist eigen­tümlich gering. Irgend etwas brauche ich, was es nur hier gibt, zu geben scheint. Oder in Paris. Vielleicht rede ich mir da etwas ein. Doch ich habe mich festgesetzt hier und beobachte, beobachte unausgesetzt nach rückwärts, rekonstruiere pedantisch, was nie gewesen ist. Nehme es jetzt erst wahr. Nehme es falsch. Denn er hat sich hier festgesetzt, weil meine Rede von mir – verstehen wir uns da recht! – immer die von Laupeyßer und Falbin ist,

dessen Veränderung umgehend seine Unbeliebtheit im Kollegen­kreis verstärkte, eine nicht mehr nur eingebildete jetzt. Nicht aber, er hätte sich nun nur mehr noch dem Spott und der Ver­achtung seiner Kollegen im Autohaus Schmidt ausgeliefert fühlen müssen, weil er ihnen eine größere Angriffsfläche bot als früher. Eigenartigerweise zeigte sich die Verachtung vielmehr dadurch, daß er akzeptiert zu sein schien und sogar, was Wochen vorher keineswegs auch nur in Betracht gezogen worden wäre, zu Skat- oder Kegelabenden eingeladen wurde. Doch er wußte insgeheim, wie wenig solches besagt. Was nämlich früher Geringschätzung und Hohn gewesen war, schlug nunmehr um in eine sehr bestimmte Form von Aggressivität. Man mußte Falbin beachten jetzt, er war zu einer unübersehbaren Person geworden im Büro, allein schon aufgrund seiner zwar nicht unbedingt modisch zu nennenden, dafür ausgesprochen eigenen Bekleidungsweise: Den Papageienjacketts und dem Schal gesellten sich breitkrempige Hüte zu. Daß er beachtet wurde, weil jeder Blick eines neu eingetretenen Kunden sofort auf Falbin sich zog, – das war mehr als ein Ärgernis. Auch die Not­wendigkeit, umzudenken. –

(…)

 

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)

Im länglichhoch aufgestreckten Baum gegenüber, einer Pappel – ich sitze vorm Schreibtisch in der Wohnung der verreisten B. (Würdest du meine Blumen gießen?“ Den Gefallen tat ich ihr liebend gern; selbst zu ihr, in sie, hat sich also mein intimes Verhältnis zu Pflanzen herum­gesprochen: Pappel, Pappel, Pappkarton) –, ist mir die Verdickung durch das Nestgespinst erst aufgefallen, als die Elster kam. Erst die eine, dann eine zweite. Grauenhaft, daß ich beim Auftauchen solcher Vögel sofort an Diebe denken muß: schon soweit ist man nicht autonom! – Da bemerke ich Leben auch i m Nest. Ein bereits verhältnismäßig großes Küken, vielleicht sogar schon flügge, reißt es infam den Spitzschnabel auf, um weitergefüttert zu werden. Spürn wir dasselbe, wenn wir es sehen? Empfinden auch Sie die Gemeinheit? – Wahrnehmung. Wahr nehmen, für wahr nehmen. Falschnehmung. – In derselben Blickrichtung, höher indes, die Hausdächer knapp quasi streifend, ein gleichsam in Zeitupe gleitender Jet: weißriesig, mit einem großen roten Streifen über dem Ruder, das auf dem hintren Rücken der Maschinen schwertartig aufstakt.
Ich will in Frankfurt erstmal bleiben. Ich brauche etwas, das es nur hier gibt, Oder zu geben scheint. In Paris freilich auch. Ich red mir vielleicht nur etwas ein. Doch festgesetzt hier, kann ich ungestört beobachten. Ich tu es nach rückwärts, unausgesetzt, rekonstruiere etwas, das niemals gewesen, nun aber wird. Daher meine Pedanterie auch in meinen Aufzeichnungen. Nehme wahr, indem ich falschnehme. Denn
Er hat sich hier festgesetzt, weil meine Rede von mir – verstehen wir uns recht! – die von Falbin und Laupeyßer bleibt,

dessen, Falbins, Veränderung ihn leider im Kollegenkreis noch unbeliebter machte; dies war nicht mehr ‚nur eingebildet‘. Bloß daß er jetzt im Autohaus Schmidt keinen weiteren Spott ertragen mußte und auch nicht mehr offen verachtet wurde. Dergleichen hörte aber nur auf, weil seine Angriffsflächen nicht kleiner, doch glatter geworden, glitschiger muß man beinah sagen, waren. Es ward nahezu sofort die Warnung verspürt, daß man drauf ausrutschen würde. Da wichen die Leute lieber zurück, ja luden ihn sogar, was eine Woche vorher nicht mal in Betracht gezogen worden wäre, zu Skat und Bowling ein. Wie wenig allerdings das in Wahrheit zählte, war an einer gewissen Aggressivität zu merken, in die sich der Hohn und die Geringschätzung verwandelt hatten, weil Falbin jetzt beachtet werden mußte. Das wurde als Nötigung empfunden, Allein schon, dauernd dem Anblick dieser grellen Papageienjacketts ausgesetzt zu sein, denen sich nun obendrein farbig karierte Schals zuaddierten und restlos übertrieben breitkrempige Hüte. Gut, die hatte er nur beim Kommen und wenn er wieder ging auf. Trotzdem fiel der Blick jedes Kunden zu allererst auf ihn. Und weil er zunehmend eloquenter geworden, konnte daraus schnell ein Kaufgespräch entstehen. Und entstand. Und wurde mehrfach abgeschlossen. Es war alarmierend. Um Gotteswillen, der Typ zieht an uns noch vorbei! –

(…)

Zungenbisse & Otologie. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 2

[Schreibtisch am 21. Januar abends,
bei Allan Petterssons Violinkonzert No 2
(revidierte Fassung 1977-78)
Isabelle van Keulen, Schwedisches RSO,
Thomas Gausgaard
26. – 27. März 1999, Berwaldhalle Stockholm]

 

 

____________

Buchfassung 1983:

(…)
Als Laupeyßer ging, biß er sich zum neunten Mal heute auf die Zunge. Irgend etwas störte neuerdings an den Zähnen. Es häufte sich und sollte sich noch mehr häufen,

denn das Ursprungsproblem hatte ja nicht in dem Geruch bestanden, der vielmehr erst als eine gewissermaßen Folge der anderen Absonderlichkeiten aufgetreten war. Vermutlich hatte er Laupeyßer schon seit je begleitet und war nur erst jetzt bemerkt worden. So sagte er sich jedenfalls, mutmaßte eine all­mähliche Verfeinerung des Nervensystems, von welcher, sofern ich mich erinnere, die Rede bereits gewesen ist. Erwarten Sie bloß nicht, ich vergewisserte mich, schlüge zurück, läse nach. Ich tue es freilich, aber ich habe keine Lust, mich von Ihnen dazu verpflichten zu lassen. Wenn ich es tue, dann nur, um noch eine gewisse Gliederung zu gewährleisten, als literarischem Pendant zur Konsequenz, die allerdings ebenfalls höchst lächerlich ist. Aber zum Beispiel hörte Laupeyßer besser. Er bemerkte es, als sich die Gespräche an den Nachbartischen seinen Gedanken zu untermischen begannen und sich kaum noch von ihnen trennen ließen, nahezu jedes Zu-Ende-Denken verunmöglichten. Wann immer er sich bemühte, eine seiner Ideen durchzugehen oder gar ein neues Gedankenspiel anzufangen, zerriß der Versuch an den wie geschrienen Konversationen seiner Nachbarn. Auch hierin liegt ein Grund für Laupeyßers Nachtwanderungen, weil dabei so gar keine Stimmen laut wurden außer der eigenen, inneren. Denn die anderen, ob er nun bekannt war mit ihnen oder nicht, drängten sich ihm geradezu auf mit dem, was sie ihre Sorgen nannten. Lächerliche Sorgen! Es war eine Zumutung, wirklich. Dabei sprachen sie ihn – welche Frechheit! – nicht ein­mal direkt an, niemals wandte sich einer seiner Nachbarn an ihn. Sondern sie richteten ihre Augen auf imaginäre Gesprächsteil­nehmer, die zwar körperlich vorhanden, nicht hingegen Adressat der Wortketten waren. Sie alle steigerten das Volumen ihrer Stimmen ausschließlich, weil sie von mir gehört werden wollten. Und das Café saß voll mit diesen aufdringlichen Personen. Aber das Lästige besaß auch Reiz: Ich spürte, wie ich mich solcher heimlichen Kommunikation zuwandte, wie die Laute aus den zahllosen, miteinander verschmolzenen Einheits­mündern mich ansogen und fortbrachten von Falbin und mir. Begonnen hatte es damit eines nachts, in der Nacht nämlich, in welcher ich zu Hause geblieben war und die die beiden Tage des Verkaufs meines Hausstands verband. Da, am Tag, bevor ich den Geruch erstmalig bemerkte, hatte es sich mit großer Kraft angekündigt. Gelauscht allerdings habe ich immer schon gern. Auch im Zug, ja, seit ich zurück war aus Frankfurt. Zum Beispiel habe ich mich in Kneipen noch nie auf meine Freunde konzentrieren können, sondern stets galt mein Interesse dem, was um uns geschah. Die Laute. Die Wortbrocken.

Was könnte sich in Frankfurt abgespielt haben?

Und was hast du getan in Frankfurt? fragte Agnes, zu der sein zweiter Weg nach der morgendlichen Ankunft geführt hatte.
Nichts Besonderes, antwortete er. Ich sagte doch, ich müßte mal raus.
Was gelogen war. Was auch die Folge verschwieg, die Anzeige nämlich, die er vorhin aufgegeben hatte, unmittelbar bevor er ins Café gegangen war.

 

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

(…)
Als Laupeyßer ging, biß er sich zum neunten Mal auf die Zunge,

was eigentlich viel schlimmer war als der Geruch, der, dachte er, ihm möglicherweise schon seit je zueigen war; nur hatte er ihn jetzt erst bemerkt. So jedenfalls beteuerte er es sich, mutmaßte eine Verempfindlichung seines Nervensystems, von welcher, wenn ich richtig liege, die Rede schon war. Erwarten Sie bitte nicht, daß ich die Seiten zurückschlage, um mich zu vergewissern! (Ich tu es freilich doch, hab aber keine Lust, mich von Ihnen drauf verpflichten zu lassen. Wenn ich es also tue, dann allein, um noch eine Ordnung zu gewährleisten, die uns nicht völlig uns verirren läßt. In gewissem – ungewissem? – Sinn entspricht sie der erforderten Konsequenz. Die freilich ist fragwürdig auch, und damit lächerlich.) – Aber zum Beispiel hörte Laupeyßer besser.

Er bemerkte es, als sich die Nachbartischgespräche seinen Gedanken zu untermischen begannen, bis sie sich von ihnen kaum noch trennen ließen und schließlich nahezu jedes eigene Zu-Ende-Denken unmöglich werden ließen. Wenn er dann ein ganz neues Gedankenspiel begann, riß der Vorgang bereits zu Beginn ab. So sehr schrien die übrigen Gäste hinein, was zu inneren Echos über Echos führte. Auch deshalb wohl geisterte, hätte seine Großmutter gesagt, Laupeyßer nur nachts herum. Es bestand dann weniger Gefahr, fremden Stimmen und dem ausgesetzt zu sein, was sie ihre Sorgen nannten. Lachhafte Sorgen! Dabei sprachen sie ihn, diese Leute, nicht einmal direkt an, also die jetzt im Café. Niemals wandte sich einer seiner Tischnachbarn an ihn. Sondern alle richteten ihre Augen auf imaginäre Gesprächsteil­nehmer, weil die tatsächlich präsenten nicht Adressat dieser unabreißbaren Wortketten waren. Sondern das war ich. Sie wollten von Laupeyßer gehört werden. Daß der nicht reagierte, drehte ihre Stimmvolumen erst recht bis übern Anschlag auf.
Das Wallcafé war gespickt mit diesen aufdringlichen Personen. Ich kann aber nicht behaupten, es habe dies nicht auch einen Reiz gehabt. Denn ich spürte, wie sich mein Ohr den Stimmen mehr und mehr zuwandte, weil mich zwar nicht das, was sie konkret sagten, aber ihre pure Lautlichkeit weg von Falbin und mir sog – ein kollektiver Mischklang, legiert aus zahllosen, nicht länger differenzierbaren Mündern. Damit begonnen hatte es in der einen Nacht, in der ich zu Hause geblieben war, weil sie die zwei Verkaufstage meines Hausstands verband. Da, am Tag, bevor ich erstmals den Geruch bemerkte, hatte sich die otologische Sensibilisierung mit alles andrem als einer sensibilisierten, nein, mit fast schon brachialer Kraft angekündigt. Wobei, gelauscht habe ich immer schon gern. Auch im Zug, ja, seit ich aus Frankfurt zurückwar. Zum Beispiel habe ich mich in Kneipen noch nie auf meine Freunde konzentrieren können, sondern stets galt mein Interesse dem, was um uns herum passierte. Die Laute, die selten nur erkennbare Wortbrocken wurden.

Und was hast du in Frankfurt getan? fragte Agnes, zu der nach der morgendlichen Ankunft sein zweiter Weg geführt hatte.
Eigentlich nichts Besonderes, behauptete er. Ich sagte doch, ich mußte mal raus.
Was schwer gelogen war und auch die Folge der Geschehen verschwieg, die Anzeige nämlich, die er, unmittelbar bevor er ins Café gegangen war, aufgegeben hatte.

(…)

Behäbigkeiten & Revolver. Die Verwirrung des Gemüts (1983), Bearbeitung Zweiter Hand für die Neuausgabe bei Elfenbein. Textvergleich 1

 

Buchfassung 1983:

– Und der Revolver? fragte Agnes.
– Richtig, der Revolver:
Nach außen hin war Falbin von einer Gutmütigkeit, die an Be­häbiges grenzte, und kaum imstande – jedenfalls vor der Bahnhofszeit –, jemandem über eine längere Zeitspanne in die Augen zu blicken. Und zweifellos hatte Falbin Angst, anderen wehzutun, wenn auch vielleicht nur, um keine Gegenschläge zu erleiden. Einerlei, diese Angst gab es, und sie begründete seine Friedfertigkeit. Diese hingegen ließ ihn Spötteleien erleiden, gegen die er sich gerade nicht wehren konnte. Ein Zirkel. – Um so erstaunlicher also, daß er sich den Revolver besorgte. Du kennst die Anzeigen auf den letzten Seiten der Regenbogen­presse. Waffenscheinfrei. Er ließ sich einen Revolver schicken, ins Haus, per Nachnahme, Diskretion zugesichert. Vielleicht erinnerte er sich seiner ersten Fantasie dabei, bezüglich der Frau im Leopardenmantel. Vielleicht rechnete er wirklich damit, sie wiederzutreffen, und wollte sich schützen vor ihr. Gleichgültig. Er war jetzt bewaffnet, drei Wochen, nachdem er erstmals irre­gegangen war, die er zugebracht hatte allabendlich auf den Bahn­steigen, vornehmlich dem mit Nummer 6. Letztzeitlich war er dazu übergegangen, die Fahrpläne zu studieren, und es schmei­chelte ihm – wenn er, wieder daheim, in seinem Sessel die letzte Zigarette rauchte –, es schmeichelte ihm das Bewußtsein, da existierte kaum ein Bahnhofswinkel mehr, den er nicht kennte, der ihm nicht nachgerade vertraut gewesen wäre.

 

Neufassung (vor Lektorat), 2022:

– Und der Revolver? fragte Agnes.
– Richtig, der Revolver:

Bevor die Bahnhofszeit begonnen, hatte Falbins Güte wie eine Gutmütigkeit gewirkt, die an Behäbigkeit grenzt, von dieser jedenfalls kaum unterschieden werden kann und wahrscheinlich deshalb nicht gut ankam. Darüber hinaus war es ihm nicht möglich gewesen, jemandem auch nur für fünf Sekunden in die Augen zu blicken, geschweige denn zurückzusehn. Dabei lag dies nur an seiner großen Scheu, anderen nahezutreten, wobei diese aus der eigenen Furcht vor fremden Übergriffen entstanden. So hatte seine Friedfertigkeit einen schiefen Beigeschmack, für den er, denn Schwäche wird gespürt, dann verspottet wurde. Da täuschte er sich nicht. Doch saß im Zirkel fest.
Um so erstaunlicher nun der Revolver.

– Du kennst die Anzeigen auf den letzten Seiten der Regenbogen­presse. Ohne Waffenschein, so werden die Dinger beworben.

Agnes nickte.

Also, er ließ ihn sich per Nachnahme schicken. Diskretion war zugesichert. Wobei er aber drauf bestand, daß die Sendung nicht von dem halbanonymen Händler kam, sondern die Frau im Leopardenmantel habe sie veranlaßt, die sich mit der tatsächlichen Absenderadresse nur maskiert habe. Rechnete er wirklich damit, sie wiederzutreffen, und wollte sich vor den Folgen schützen? Doch das ist quasi Nebensache. Worauf es ankam, war, jetzt bewaffnet zu sein, nämlich gewappnet. Drei Wochen hatte es dafür gebraucht, gerechnet ab dem ersten Fehlgang zum Bahnhof und seinen seither allabendlichen Aufenthalten dort, vornehmlich auf dem Bahnsteig Numero 6, wo er schließlich genauestens die Fahrpläne studierte, Saß er nachher wieder daheim und rauchte in seinem Großvatersessel vorm Schlafengehen die letzte Zigarette, schmeichelte es ihn ungemein, daß er diese Pläne fast schon auswenig wußte und es kaum einen Bahnhofswinkel mehr gab, der ihm nicht nachgerade vertraut gewesen wäre.

 

Beispiel 2

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