Der Herzogin Kant im Wunderland.

“More simply”:

‘Be what you would seem to be’—or if you’d like it put more simply—‘Never imagine yourself not to be otherwise than what it might appear to others that what you were or might have been was not otherwise than what you had been would have appeared to them to be otherwise.’

***

Und herrlich, wie Christian Enzensberger[1]Für den Insel Verlag, Frankfurt am Main 1963.  im folgenden, dem zehnten, Kapitel

“What matters it how far we go?” his scaly friend replied.
“There is another shore, you know, upon the other side.
The further off from England the nearer is to France—
Then turn not pale, beloved snail, but come and join the dance.

übersetzt hat:

“Was macht es denn, wie weit es ist?” versetzt ihr schuppiger Galan,
“Wir kommen auf der drübern Seit’ ja auch an einem Ufer an!
Und je weiter wir hier weg sind, desto näher liegt Peru –
So zittre nicht, geliebte Schneck, und sag mit doch das Tänzchen zu!”

Auf der drübern Seit ist derart genial, daß uns ein Frankreich, das Peru ist, nicht einmal ein Wimpernzucken abringt, es sei denn, weil wir so auflachen müssen — was leider nur dann geschehen kann, wenn wir das englischsprachige Original kennen. Dagegen hat ein Jahr zuvor, 1962, Ingrid Strasser das Stück (“Vollständige Ausgabe”[2]Vollmer Verlag, Wiesbaden – von wegen!) höchst öde stanzelnd so verfalschdeutscht:

“Willst du nicht noch heut mit mir
hin zum andern Ufer gehn?

Gehen!

Zier dich nicht, mein süßer Schneck,
nimm jetzt meinen Arm,
so tanzen wir, so fliegen wir,
ich halte dich ganz warm.”

“Ganz warm“? È ???[3]Sehr kurz ausgestoßenes “Äh”. Das ist nicht einmal “nur” eine Verfälschung, sondern Kindesmißbrauch, allerdings nur, falls die Kleinen lesen oder es vorgelesen bekommen (so daß sich die Eltern mitschuldig machen, indes wohl meist guten Glaubens). Da ich allerdings annehme, daß die Frau längst gestorben ist, sehe ich wider Willen davon ab, ihre Wohnungstür mit Kartoffelbrei zu bewerfen. (Leider ist auch Walt Disney schon tot, wobei man da, allein des Dschungelbuches wegen, nach Hektolitern ankarren müßte und es zweifelhaft ist, ob eine solch Karawane LKWs unbemerkt bliebe.)

***

References

References
1 Für den Insel Verlag, Frankfurt am Main 1963.
2 Vollmer Verlag, Wiesbaden
3 Sehr kurz ausgestoßenes “Äh”.

Ivan Limbakh, St. Petersburg: So mutig, mein russischer Verlag!

[Aus dem Russischen ins Deutsche per → deepl übersetzt.]

Bei Facebook:

limbakh_publishers
Liebe Freunde, wir haben Felix Svetovs Experience of Biography und Zoya Svetovas Innocent in Druck gegeben.

Felix Swetow (1927-2002), Schriftsteller und Dissident, findet in seinem Roman, der in der Sowjetunion verboten war und erst in Paris veröffentlicht wurde, als sein Autor bereits wegen “antisowjetischer Agitation” im Gefängnis saß, einen neuen Weg, über sein Land, die 1920er und 1970er Jahre zu erzählen. Über die Hinrichtung seines Vaters, über seine Kindheit als Sohn eines “Volksfeindes”, über seine Jugend in der Evakuierung, über seine Jugend im “Tauwetter”, über Gottessuche, Dissidenz und Liebe. Vierzig Jahre später schuf seine Tochter, die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Zoya Svetova, ihren eigenen Dokumentarfilm – die Geschichte von unschuldig verurteilten Menschen und ihren Richtern, eine erschreckend anschauliche Darstellung der Gesellschaft und des Justizsystems in Russland.
Diese Werke sind nicht nur durch den Nachnamen, die Verwandtschaft der Autoren, miteinander verbunden. Durch die Darstellung privater Schicksale vor dem Hintergrund einer größeren Geschichte tragen “Die Erfahrung der Biografie” und “Die Unschuldigen” dazu bei, dass wir besser verstehen, wie das Russland der letzten hundert Jahre organisiert ist. Es ist eine faszinierende Lektüre, die von den Abenteuern freier Menschen in einem unfreien Land berichtet und eine Gelegenheit zum Trost bietet. Es ist, als ob die Autoren, Vater und Tochter, sich gegenseitig widerspiegeln und ergänzen, indem sie eine gemeinsame Geschichte erzählen: von der Fähigkeit, sich unter unmenschlichen Regimen zu bewahren und in dunklen Zeiten die Hoffnung nicht zu verlieren.

Vorwort von Philip Dziadko. Cover von Daria Yarzambek.

“Die Zeit verändert Bücher. Die Menschen lesen sie aus ihren Erfahrungen heraus neu. Im Schwarzen Jahr 2022 lesen sich beide Bücher wie heute geschrieben. Und als ein gemeinsames Buch.” Philipp Dziadko

Im Bild: Felix Svetov, Zoya Svetova, Philip Dziadko. Das Feriendorf Otdykh, 1983. Foto aus dem Familienarchiv.

Ich bin stolz darauf, daß Baskakovas Übersetzung bei Limbakh erschien,
auch wenn ich das Buch in meinen Händen nicht halten kann:

 

 

 

 

Хербст Альбан Николай
Корабль-греза

Роман
Пер. с нем., коммент., послесловие Т. А. Баскаковой
ISBN 978-5-89059-473-0
Издательство Ивана Лимбаха, 2022

Ezra Pound, De Aegypto. Zweiter Übersetzungsversuch (nach Versfüßen).


________________________________
De Aegypto, Erster Versuch


[Die Zahl hinter den Versen gibt die jeweilige Silbenzahl an. Wie Sie lesen,
habe ich bereits hier die Metren und Anzahl der Silben zugleich im Auge.
Dennoch wird der noch folgende dritte Übersetzungsversuch beides – sowie
die Wortwahl – noch weitergehend aufeinander abstimmen wollen. Mög-
licher
weise werde ich mich in einem vierten dann, aus klanglichen Gründen,
zu einem Amalgam der Versionen entschließen.]


De Aegypto

I, even I, am he who knoweth the roads (11)
Through the sky, and the wind therefor is my body. (12)

I have beheld the Lady of Life, (9)
I, even I, who fly with the swallows. (10)

Green and gray is her raiment, (7)
Trailing along the wind. (6)

I, even I, am he who knoweth the roads
Through the sky, and the wind therefor is my body.

Manus aminam pinxit, (7)
My pen is my hand (5)

To write the accabtable word … (8)
My mouth the chant the pure singing! (8 /{9})

Who hath the mouth to receive it, (8)
The song of the Lotus of Kumi? (9)

I, even I, am he who knoweth the roads
Through the sky, and the wind therefor is my body.

I am flame that riseth in the sun, (9)
I, even I, who fly with the sparrows. (11)

The moon is upon my forehead, (8)
The winds are under my lips. (7)

The moon is a great pearl in the water of sapphire, (14)
Cool fo my fingers the flowing waters. (10)

I, even I, am he who knoweth the roads
Through the sky, and the wind therefor is my body.

 

Fassung nach Silbenzahl
(mit Versmaß)
Fassung nach Versfüßen
(mit Silbenanzahl)
De Aegypto

I, even I, am he who knoweth the roads (11)
/ – – / – / – / – – /
Through the sky, and the wind therefor is my body. (12)
– – / – – / – / – – / –

I have beheld the Lady of Life, (9)
/ – – / – / – – /
I, even I, who fly with the swallows. (10)
/ – – / – / – – / –

Green and gray is her raiment, (7)
/ – / – – / –
Trailing along the wind. (6)
/ – – / – /

I, even I, am he who knoweth the roads
Through the sky, and the wind therefor is my body.

Manus aminam pinxit,
/- / – – / –
My pen is my hand (5)
– / – – /-

To write the accabtable word … (8)
– / – – / – – /
My mouth the chant the pure singing! (8 / {9})
– / – / – / {-} / –

Who hath the mouth to receive it, (8)
/ – – / – – / –
The song of the Lotus of Kumi? (9)
– / – – / – – / –

I, even I, am he who knoweth the roads
Through the sky, and the wind therefor is my body.

I am flame that riseth in the sun, (9)
/ – / – / – / – /
I, even I, who fly with the sparrows. (11)
/ – – / – / – – / –

The moon is upon my forehead, (8)
– / – – / – / –
The winds are under my lips. (7)
– / – / – – /

The moon is a great | pearl in the water of sapphire, (14)
– / – – / | / – – / – – / – –
Cool to my fingers the flowing waters. (10)
/ – – / – – / – / –

I, even I, am he who knoweth the roads
Through the sky, and the wind therefof is my body.

De Aegypto

/ – – / – / – / – – /
Ich, eben ich, bin der, zu wissen den Weg (11)
– – / – – / – / – – / –
durch die Luft, und der Wind hierfür ist mein Körper. (12)

/ – – / – / – – /
Ich ward des Lebens Lady gewahr, (9)
/ – – / – / – – / –
Ich, eben ich, der fliegt mit den Schwalben. (10)

/ – / – – / –
Grün und grau die Gewandung, (7)
/ – – / – /
weht sie im Wind ihr nach. (6)

Ich, eben ich, bin der, zu wissen den Weg
durch die Luft, und der Wind hierfür ist mein Körper.

/- / – – / –
Manus aminam pinxit, (7)
– / – – /
Mein Stift ist mir Hand (5)

– / – – / – – /
zu schreiben das treffliche Wort … (8)
– / – / – / {-} / –
Mein Mund ist puren Sang{e}s Singen! (8 / {9})

/ – – / – – / –
Wer hat den Mund, zu empfahn sie, (8)
– / – – / – – / –
Des Lotus von Kumi Balladen? (9)

Ich, eben ich, bin der, zu wissen den Weg
durch die Luft, und der Wind hierfür ist mein Körper.

/ – / – {-} / – – /
Flammend steig in {der} Sonne ich auf, (9 /{10})
/ – – / – / – – / –
Ich, eben ich, der fliegt mit den Schwalben. (11)

– / – – / – / –
Der Mond meiner Stirne Krone, (8)
– / – / – – /
Die Lippen salbt mir der Wind. (7)

– / – – / (-) | / – – / – – / – –
Der Mond eine groß(e) Perle saphirner Gewässer (-), (14)
/ – – / – – / – / –
Kühlt meine Finger das fließend Wasser. (10)

Ich, eben ich, bin der, zu wissen den Weg
durch die Luft, und der Wind hierfür ist mein Körper.

(Bislang ungelöste Probleme gibt es, wie Sie sehen, in der sechsten, neunten und elften Strophe, wobei ich in dieser den eigentlich, am Ende des ersten Verses, Daktylos zu einem Trochäus verkürzt und dafür hinter den zweiten Versfuß einen unbetonten Schlag einfügt habe, so daß das Metrum erfüllt bleibt — eigentlich ein ganz hübsches metrisches Spiel. Allerdings habe ich jetzt im Refrain leider den Binnenreim verloren; daran wird noch besonders zu knabbern sein. Zu meinem inneren Protest hat Hesse ihn sowieso ignoriert. Er ist aber notwendig, wenn wir den Liedcharakter dieses Gedichtes wahren möchten.)

***

Eva Hesse hat 1957 folgendermaßen übersetzt:

                       De Aegypto

Ich, ja ich, bin der, der die Straßen kennt, (10)
Die durch den Himmel ziehn und deren Wind mein Leib ist. (13)

Ich sah die Herrin des Lebens, (8)
ich, ja ich, der mit den Schwalben fliegt. (9)

Grün und grau ist ihr Kleid, (6)
Das im Wind nachschleppt. (5)

Ich, ja ich, bin der, der die Straßen kennt,
Die durch den Himmel ziehn und deren Wind mein Leib ist.

Manus animam pinxit, (7)
Meine Hand hält den Griffel (7)

Das willkommene Wort zu schreiben … (9)
Mein Mund dem reinen Gesang! (7)

Wer hat den Mund zu empfahn (7)
Das Lied vom Lotus zu Kumi? (8)

Ich, ja ich, bin der, der die Straßen kennt,
Die durch den Himmel ziehn und deren Wind mein Leib ist.

Ich bin die Flamme, die am Tage aufsteigt, (11)
Ich, ja ich, der mit den Schwalben fliegt. (9)

Auf meiner Stirn steht der Mond, (7)
Unter meinen Lippen die Lüfte. /9)

Der Mond eine Perle in Wassern aus Saphir, (12)
Kühl meinen Fingern das gleitende Wasser. (11)

Ich, ja ich, bin der, der die Straßen kennt,
Die durch den Himmel ziehn und deren Wind mein Leib ist.


________________________________
De Aegypto, Erster Versuch

 

 

 

Ezra Pound, De Aegypto. Erster Übersetzungsversuch (nach Silben).

[Die Zahl hinter den Versen gibt die jeweilige Silbenzahl an.]

De Aegypto

I, even I, am he who knoweth the roads (11)
Through the sky, and the wind therefor is my body. (12)

I have beheld the Lady of Life, (9)
I, even I, who fly with the swallows. (10)

Green and gray is her raiment, (7)
Trailing along the wind. (6)

I, even I, am he who knoweth the roads
Through the sky, and the wind therefor is my body.

Manus aminam pinxit, (7)
My pen is my hand (5)

To write the accabtable word … (8)
My mouth the chant the pure singing! (8 /{9})

Who hath the mouth to receive it, (8)
The song of the Lotus of Kumi? (9)

I, even I, am he who knoweth the roads
Through the sky, and the wind therefor is my body.

I am flame that riseth in the sun, (9)
I, even I, who fly with the sparrows. (11)

The moon is upon my forehead, (8)
The winds are under my lips. (7)

The moon is a great pearl in the water of sapphire, (14)
Cool fo my fingers the flowing waters. (10)

I, even I, am he who knoweth the roads
Through the sky, and the wind therefof is my body.

 

De Aegypto

Ich, eben ich, bin der, der die Wege weiß (11)
Durchs Himmelsmeer, und mein Leib ist hierfür der Wind. (12)

Ich ward des Lebens Lady gewahr, (9)
Ich, eben ich, der fliegt mit den Schwalben. (11)

Grün und grau ist ihr Gewand, (7)
das im Winde nachweht. (6)

Ich, eben ich, bin der, der die Wege weiß (11)
Durchs Himmelsmeer, und mein Leib ist hierfür der Wind. (12)

Manus animam pinxit, (7)
Mein Stift ist die Hand (5)

zu schreiben das treffliche Wort … (8)
Mein Mund puren Singens Gesang! (8)

Wer hat den Mund, es zu empfahn, (8)
Das Lied von dem Lotus von Kumi? (9)

Ich, eben ich, bin der, der die Wege weiß
Durchs Himmelsmeer, und mein Leib ist hierfür der Wind.

Ich bin Flamme, aufgeh’nd im Sonn’ball, (9)
Ich, eben ich, der fliegt mit den Schwalben. (11)

Auf meiner Stirn oben den Mond, (8)
Unter den Lippen den Wind. (7)

Der Mond groß eine Perle in Wassern aus Saphiren, (14)
Kühl an meinen Fingern fließend Wasser. (10)

Ich, eben ich, bin der, der die Wege weiß
Durchs Himmelsmeer, und mein Leib ist hierfür der Wind.

 

***

Eva Hesse hat 1957 folgendermaßen übersetzt:

                       De Aegypto

Ich, ja ich, bin der, der die Straßen kennt, (10)
Die durch den Himmel ziehn und deren Wind mein Leib ist. (13)

Ich sah die Herrin des Lebens, (8)
ich, ja ich, der mit den Schwalben fliegt. (9)

Grün und grau ist ihr Kleid, (6)
Das im Wind nachschleppt. (5)

Ich, ja ich, bin der, der die Straßen kennt,
Die durch den Himmel ziehn und deren Wind mein Leib ist.

Manus animam pinxit, (7)
Meine Hand hält den Griffel (7)

Das willkommene Wort zu schreiben … (9)
Mein Mund dem reinen Gesang! (7)

Wer hat den Mund zu empfahn (7)
Das Lied vom Lotus zu Kumi? (8)

Ich, ja ich, bin der, der die Straßen kennt,
Die durch den Himmel ziehn und deren Wind mein Leib ist.

Ich bin die Flamme, die am Tage aufsteigt, (11)
Ich, ja ich, der mit den Schwalben fliegt. (9)

Auf meiner Stirn steht der Mond, (7)
Unter meinen Lippen die Lüfte. /9)

Der Mond eine Perle in Wassern aus Saphir, (12)
Kühl meinen Fingern das gleitende Wasser. (11)

Ich, ja ich, bin der, der die Straßen kennt,
Die durch den Himmel ziehn und deren Wind mein Leib ist.


Der nächste Schritt (zweiter Versuch) wird nun sein, das Gedicht nach den Versfüßen zu übersetzen, und ein dritter, beide Übersetzungsversuche miteinander zu kombinieren. Dazu kommt ganz sicher noch der Austausch einiger Wörter. Lassen Sie uns, Freundin, sehen.

ANH
[Bei Puccini, Manon Lescaut,                                                                                                                          
Philharmonia Orchestra Covent Garden
Sinopoli]
_________________________________
→ De Aegypto, Zweiter Versuch

АНХ «Корабль-грёза» / ANH “Traumschiff”, Ivan Limbakh Sankt Petersburg. Die Entstehung des Umschlags. Videoinstallation von Ник Теплов / Nick Teplov.

 

Альбана Николая Хербста / Корабль-грёза
[Alban Nikolai Herbst / Traumschiff]
Russisch von Tatiana Baskakova
Ivan Limbakh Verlag, Sankt Petersburg 2022

Videoinstallation: → Nick Teplov

Safran ODER Zwei Tage mit Baskakova. Im für den 12. und 13. August geschriebenen Arbeitsjournal des Sonntags, den 14., zugleich als Tagebuch.

[Arbeitswohnung, 7:58 Uhr
Sommersonntagshitzestille, jetzt bereits am Morgen,
die von hie und da einem vorsichtigen Spatzenzwitschern
akzentuiert wird.]

“Ich habe Ihnen etwas mitgebracht”, sagte sie und zog aus ihrem nicht zu großen Tagesrucksack einen mehrfach mit Lebensmittelfolie, ein schließlich kleines flauschiges Kissen, umwickelten Flacon besten Safrans hervor, als sie bereits im Arbeitsraum stand, Tatiana Baskakova, meine russische Übersetzerin, die jetzt wie ich aufs Erscheinen des russischen Traumschiffs wartet. In Druck sei das Buch schon längst, aber wann es wirklich herauskomme, könne auch sie nicht sagen. Und mochte auch gleich über Argo sprechen, den dritten Andersweltroman, den sie aber als ersten ebenfalls ins Russische übertragen will und vom Verlag auch schon Interesse signalisiert bekommen hat. “Aber ich glaube, daß die Verlegerin erst einmal die Reaktionen aufs Traumschiff abwarten will.” Es sei doch ein allein vom Umfang enormes Buch – ökonomisch ein ziemliches Risiko, in diesen Zeiten zumal. Und, wie Sie mir tagsdrauf – bislang schreibe ich vom Feitagabend – im Pratergarten auf mein neuerliches Bedenken antwortete, ich wisse nicht recht, ob es funktioniere, den dritten Band einer Trilogie als ersten zu veröffentlichen: “Jeder Roman von Ihnen beginnt in der Mitte, und hier reizt mich, daß er ein tatsächliches Ende hat.” Das stärkste Argument, das ich bisher gehört habe, denn in der Tat läßt sich Argo nicht fortsetzen, es sei denn in sehr übertragenem Sinn etwa → durch den Friedrich. Zu dem sie dann ebenfalls einige Fragen hatte, auch, weil sie genauso nochmals zum Traumschiff, vor allem aber Argo und dem Wolpertinger fragte und schließlich, was kein Wunder ist, zu den Briefen nach Triest. Die mich weiter ganz enorm umtreiben. Aber dazu heute nicht.

Es war unsere erste Begegnung, Baskakovas und meine, also die erste physische; bislang haben wir sehr häufig und viele Mails ausgetauscht, teils auch netztelefoniert; eine Nacht lang — Sie erinnern sich, Freundin, gewiß — las Sie mir ihre Übertragung der zwölften Bamberger Elegie vor, der ich, obwohl des Russischen nicht mächtig, sehr gut folgen konnte, denn ich brauchte nur dem Rhythmus zu lauschen, zählte beim Zuhören mit. Die russische Fassung ist in Иностранная литература denn auch erschienen:

 

Ach, es waren noch andere, waren hoffnungsvolle Zeiten, die nun der Krieg zerstört hat. “Ich habe Freundinnen und Freunde, die nicht mehr übersetzen, weil es ihnen in diesem Unglück unmaßgeblich vorkommt. Doch ich selber glaube, die Menschen brauchen jetzt Literatur, brauchen sie sehr”, erklärte sie ihre Position, um gleich darauf zu fragen: “Was glauben Sie, wie lange der Krieg noch währen wird? Ich selber kann nichts tun, als meiner Arbeit nachzugehen.”

Ich hatte ein Abendessen vorbereitet, “soll ich die Kartoffeln schon aufsetzen?” “Lassen Sie uns erst noch sprechen.” Was wir taten, bis sie dann irgendwann sagte, vielleicht jetzt doch das Essen. Sahneheringe in Joghurt mit Apfelstücken, Zwiebeln, vielen, sowieso, teils als dünne Ringe, teils gehäckselt, einer Knoblauchzehe, einigen Scheiben eingelegter Gurken, eine – vorsichtig dosiert – gehackte Chili, Lorbeer, Wacholderbeeren, weißer Pfeffer. Und wir sprachen danach weiter, besonders über meinen literarästhetischen Ansatz, ich erzählte, wie wichtig es mir sein, jede Erzählung zu erden, und sei sie am Ende n o c h so phantastisch, “jeder Stein muß gelegen haben, wohin ich ihn erzähle, ich brauche immer” und legte sie, mich zur Seite beugend, da hin “eine Hand auf dem Boden”. Was ja, na sowieso, stimmt. — Irgendwann rief ich → Helmut Parallalie Schulze in Umbrien an, der übers Netz längst seinerseits Kontakt mit Baskakova hatte, doch ihr die Antwort auf eine Mail schuldig geblieben war, worin sie wegen des Umstandes nachgefragt hatte, daß ein Großteil des Romans in seinem → amerinischen Kaminraum entstanden war. Nun stellte sich heraus, er habe die Mail nie erhalten. Oder sie war sonstwie untergegangen. Noch einmal wurde die Geschichte des → Stotantomale-Kapitels erzählt, das der alten → Silvia Soldi, die drei Jahre nachher auch wirklich verstarb. Ihr nächtlichen Schreien erklärt sich Helmut so: “Sie hatte, glaube ich, Angst vor dem Tod.” Und er habe dann zugesehen, wie die gestorbene Greisin auf einer Bahre aus ihrem Haus in die Kirche getragen worden sei. Hier, über diesen kleinen Platz:

Für mich momentan alles sehr wichtig, weil die Triestbriefe in einem gewissen Sinn ans Traumschiff anschließen, sogar doppelt verankert, sowohl ästhetisch als auch privat, ebenso aber – in der Faktur – den Andersweltlogiken folgen. Und nachdem Helmut und Baskakova das Gespräch langsam beendet, schaltete ich nun noch den Arco-Verleger hinzu, diesmal qua Whatsapp-Video. Was prima war, weil er ihr unbedingt noch Bücher schicken will und dies nach Rußland derzeit nicht fumktioniert, allenfalls auf Umwegen. (Ein paar bekam sie selbstverständlich gleich hier von mir). Und selbstverständlich spielte in deren beider Gespräch, wie zuvor auch schon in meinem und ihrem, der Ausschluß russischer Künstlerinnen und Künstler eine Rolle, daß also allgemein ein Volk-als-‘Ganzes’ verurteilt wird, auch diejenigen Menschen, die Widerstand leisten oder es versuchen. Dieser humanistisch unwürdige Quatsch hat bei uns ja um sich gegriffen, bis hin zum ukrainischen Postulat, nicht mit russischen Künstlerinnen und Künstlern gemeinsam aufzutreten. Es ist dies ein pures Unheil, das imgrunde eine, wenn auch brüchigere und erst einmal persönlich nachvollziehbar, Wiederholung des völkischen Gedankens des, Lars Hartmann, bleichen Lurches ist, seelisch eine geradezu Identifizierung mit dem Feind, “nur” halt gegen ihn gewendet. Banalste Psychologie, die mir als ukrainischem Künstler hochnotpeinlich wäre.

Es ging bis Mitternacht — zuvor muße sie noch ein Bild meiner Schaufensterpuppe knipsen. “Hat sie einen Namen?” “Nein, das käme mir übergriffig vor. Sie wissen doch, kennen Sie jemandes Namen, haben Sie über ihn Macht, oder über sie. Ich aber schätze an dieser Figur ihre auch deutlich gezeigte Distanz, ja sogar Abweisung, die sich schon in der rechten Handhaltung ausdrückt.” Im Geist der Triestbriefe gesprochen, hätte ich auch sagen können, daß sie, diese Puppe, derzeit meine Sídhe sei, wie schon zuvor immer mal wieder, und in diesem, dem Aspekt der geforderten Distanz, der → Liligeia durchaus ähnlich, nur daß sie sehr viel gibt, nicht nur nimmt. Nämlich Inspiration (für die wir allerdings, wie es die Triestbriefe zeigen, existentiell bezahlen).

Ich brachte sie noch zur SBahn-Station Prenzlauer Berg, wartete die Abfahrt der Bahn Richtung Charlottenburg ab und schlenderte durch die glitzernde Nacht wieder heim. Wir waren für den nächsten Nachmittag noch einmal verbredet, diesmal im sommers von mir wie von लक्ष्मी und unserem Sohn geliebten Pratergarten. Beide wollten dazukommen, लक्ष्मी sagte vormittags wegen Halsschmerzen ab, aber → Auxcapri erschien, nicht schon um fünf, doch eine Stunde später, und ich spürte, welche Freude die Begegnung ihm machte. Auch hier wieder – beim guten Praterpils, das ich dort stets mit zweidrei Spritzern Waldmeister mir versetzen lasse – Gespräche zu Argo, zum Traumschiff, zu den Triestbriefen und, als mein Sohn hinzugekommen war, auch über → seine Musik, seine Skepsis momentan. Er drehte ungeniert, wir sind in Berlin, einen Joint, auch ich nahm einen Zug, das Zeug hatte es in sich; ein zweiter hätt mich umgehauen. Na gut, waren ja auch schon zweieinhalb Halbe Bieres gewesen. So daß wir uns gegen acht Uhr dann trennten; Auxcapris machte sich auf den Weg nach daheim, ich brachte Tania noch an die UBahnstation Eberswalder Straße. Dann schritt auch ich, leicht wankend, aber frohen Muts zurück. Um den Helmi saßen die Menschen im Glück, überhaupt waren die Straßen himmlisch geflutet. Und aber zweitausend Kilometer entfernt wird gemordet, geschändet und sonstwie gequält, sich über die knapp tausend der bisherigen Frontlinie walzend. Glaubte ich an Gott, ich müßte stündlich beten.

Indessen s o — pflanz ich meine Apfelbäumchen, ganz wie Baskakova. Zu denen auch Bilder wie dieses gehören:

Ihr, liebste Freundin,
ANH

Das Arbeitsjournal des Montags, den 18. Juli 2022, zwei Tage vor Wien. Darinnen Parmaschinken (ab)schließend eine Rolle spielt. Sowie die glücklichste Zwischenstandsmeldung der Briefe nach Triest. Dazu ein Rätsel nebst Versprechen.

[Arbeitswohnung, 8.58 Uhr
France musique classic plus: Debussy, Cildren’s Corner für Klavier,
William Kapell (historische Aufnahme 1944-25)]
Gestern seit langem, liebste Freundin, wieder Musik gehört, Kopatschinskaja/Currentzis: Tschaikowski Violinkonzert & Fünfte Sinfonie, nämlich, als ich begann, ausdrucken zu lassen. Denn es ist geschafft: Sämtliche dreiunddreißig bisher → schon vorgelegene Briefe in drei Durchgängen durchgearbeitet, teils -gewalkt, also reichlich verändert, nicht nur korrigiert, die Personen konturierter charakterisiert, dazu, nach ein bißchen botanischer Recherche, herausbekommen, was auf der Wiese vor Lenzens Grenzhäuschen so wächst und dabei einiges über den Karst gelernt. Manches hätte ich mir freilich selbst denken können und dachte ich mir auch, aber wollte sichergehen; wobei d a s, also letztres, dann noch einmal gefirmt werden wird, wenn ich – schätungsweise Ende August – selbst vor Ort sein werde, nicht nur in Triest unten, sondern eben auch oben im Karst, wo ich dieses Grenzhäuschen an den Übergang zu Slowenien hinfantasiert habe. Tatsächlich will ich es suchen; es würde mich nämlich nicht wundern, fände ich so eines in der Wirklichkeit. Mit dem südsizilischen Kliff, in “Meere“, war es ja nicht anders; es hat dort an der Costa dell’Ambra sogar genau das Gelb, das ich mir vorgestellt hatte. Jedenfalls werde ich einen Wagen brauchen, besser noch eine Vespa, und hoffe, mir solch eine für einzwei Tage mieten zu können, um droben herumzuknattern damit.
Wie auch immer, ich habe gestern quasi durchgearbeitet und viel zu wenig gegessen. Ich muß da aufpassen, bin leider unter 67 kg gerutscht, aber wenn derart konzentriert, vergesse ich nicht nur auf die Mahlzeiten, sondern sie werden mir lästig, und ich bekomme tatsächlich kaum was runter. Zu trinken aber geht. Also in den täglichen Eiweiß-Fruchttrunk, diesmal statt zwei gleich drei Bananen eingemixt. Das süffelt sich so nebenher so weg. – Aber ich kam insgesamt nicht vom Schreibtisch weg und hatte von diesem für mich wunderbaren Sommer nichts als die Wärme vom Fenster im Nacken – und das mir wichtigste selbstverständlich aberdoch: — das L i c h t ! – Puh, und aber ich war durch. Jetzt ging’s ans Formatieren für den Ausdruck, wozu ich endlich wieder meine Musik hören konnte. Es war der pure Genuß.

Tomas Luis de Victoria, Requiem, 1605

Dann hatte ich Lust, für den Ausdruck ein Titelbild zu basteln, in das ich zwei Hauptmotive des Romans einmontiert habe, das Hemdchen, das die Sídhe Lenz zurückläßt, sowie die Triestiner Venus – die nur leider nicht die ist, die sich nach Lenzens Tod in seinem Grenzhäuschen findet, sondern die bekannte Brunennfigur der Venere di Trieste auf der Piazza Unità, mit der das Paar die andere allerdings anfangs verwechselt. Der Irrtum kommt erst im Museo Revoltella heraus. Wie auch immer, jetzt sieht die Titelseite s o aus:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bastelei hat mir wirklich Freude bereitet, also konnte ich auch wieder was essen, eine Scheibe intalienischen Weißbrots sowie Parmaschinken, den ich, wie eigentlich alle Wurstarten, zwar nicht so richtig mehr vertrage; aber gestern hatte mein fehlender Magen große Einsicht; vielleicht, daß er meine Freude einfach teilte. – Ach so, auch das Motto des Romanes weiß ich jetzt und habe auch das provisorisch zusammengebastelt und auf die Widmungsseite gestellt:

Wer mir sagen kann, um welches Musikstück es sich handelt, und es als erste oder erster hierunter in einen Kommentar schreibt, der oder dem schenke ich nach Erscheinen ein handsigniertes Buch, und zwar mit Jubel.

Gut, nun liegt also mit diesen bislang exakt 300 Seiten – da zweiseitig gedruckt, 150 Blättern – das Typoskript-in-progress gelocht und in den Pappehefter eingefügt vor mir, und ich kann den vierten Durchgang auf Papier beginnen, was noch einmal einen neuen Blick gibt und sicher abermals zu einigen Korrekturen und Einschüben führen wird, die, bevor ich weiterzuschreiben beginnen werde, noch zu übertragen sein werden. Insofern ist meine Zeitplanung vernünftig, erst Ende August nach Triest zu reisen. Und eine ungefähre Vorstellung, wieviel Seiten noch bleiben, habe ich jetzt auch. Wenn sich die bisherigen zweiunddreißig Brief diese dreihundert Seiten teilen, kommen wir auf einen Schnitt von aufgerundet 9,68 pro Brief; dieses mal den sieben noch zu schreibenden Seiten, erhalten wir 67,67 Seiten, mithin ein Gesamtyposkript von an die 370 Seiten. Da bei mir immer sehr viel auf einer steht (im Schnitt etwa 2470 Zeichen), können wir, Freundin, von einem Buch ausgehen, das um die vierhundert Seiten haben wird — kein massiger, doch vernünftiger Roman, der zumal keine aufgeblähte Typengröße braucht, um als solcher zu bestehen.
Was aber nunbesonders schön ist, ist, daß ich diesen vierten Duchgang draußen angehn kann, an der frischen Luft und unter dieser momentan grandiosen Sonne; auch wenn Natur sie anders sieht und anders, leider, sehen muß. Es wär doch so viel Regen nötig! Dennoch, welch ein guter Tag!

 

Ihr ANH
Heinrich Schütz, Musikalische Exequien, swv 279 – 281

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