HEUTE ABEND IN BERLIN. Argo.Anderswelt. BERLINER PREMIERE. 4. Oktober 2010.


ARGO. ANDERSWELT.
Erste Öffentliche Präsentation.
In Lesungen und Gesprächen.
Mit Christoph Jürgensen und ANH.
Begrüßung durch Ernest Wichner.



>>>> Literaturhaus Fasanenstraße,
Berlin Charlottenburg.

Fasanenstraße 23.
10719 Berlin.
20 Uhr.

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Der junge Literaturwissenschaftler >>>> Christoph Jürgensen, derzeit Akademischer Rat an der Bergischen Universität Wuppertal, ist besonders durch seine Arbeiten zu Arno Schmidt und zur Literatur des Sturm & Drangs bekannt geworden, beschäftigt sich mit Modernisierungsstrategien der Gegenwartsliteratur, gilt als ein Kenner der Pop-Bewegungen und hat auch einige Aufsätze zum Werk Alban Nikolai Herbsts publiziert. Im gemeinsamen Gespräch werden die Eigenheiten, Absichten und Hintergründe des neuen Romans spielerisch diskutiert werden, aber auch seine Stellung nicht nur als Abschlußband der Anderswelt-Trilogie, sondern auch innerhalb des gesamten Werks. Welche Rolle spielt die antik-klassische Folie, auf der sich einige Geschehen abspielen, und die Verwandlung von Trivialmythen; welche Funktion haben die realen Personen, die durch die Prosa spazieren, und welche die durchgehenden Rhythmisierungen der Sätze, auch: inwieweit ist der Roman politisch gemeint? Gerade dazu wird die Übertragung von 9/11 auf ein deutsches Szenario, mit der Argo.Anderswelt eingeleitet wird, ebenfalls eine Rolle spielen. Zugleich wird die “klassische” Form der Lesung durchbrochen werden, indem auch provozierende Fragen mitten in sie hinein gestellt werden können und der Autor spontan mit anderen Romanstellen antworten kann. So daß sich auch die herkömmliche Trennung von Literatur und Kritik unterlaufen lassen könnte.

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HEUTE ABEND. ZUM LETZTEN MAL IN DIESER SPIELZEIT. DER ROSENKAVALIER. Mit – phänomenal! – Magdalena Kožená als Octavian. Von Richard Strauss, den Simon Rattle dirigiert.

Staatsoper Berlin im Schillertheater.
18 Uhr.
>>>> Restkarten.

Manchmal bedeuten Neuaufnahmen sehr alter Produktionen Reifungsprozesse; bisweilen greifen sie sogar – wenn auch vor allem in den Details – in die frühen Konzeptionen-selbst ein. Des Werkes eigenes Inneres bemächtigt sich seiner fremdinszenierten Interpretation. Mir scheint, hier ist dies in einem besonderen Maß geschehen. Dazu gehört ebenso, daß sich die junge Sophie, als Innenwendung ihres Widerstands gegen das rigide Verheiratetwerden, mit der Schere selbst in der Innenhand bohrt, wie daß sich die beiden jungen Menschen, über die da die Liebe fällt, gleichzeitig an der silbernen Rose stechen, und gleichzeitig lutschen sie an den Daumen ihre kleinen Wunden aus, die sie doch woanders – ja, empfangen haben, muß ich schreiben. Das ist eine in ihrer Feinheit ungeheure Szene, die Briegers politisch zeitbedingte Interpretation plötzlich in geradezu ein Ewiges transzendiert. Es geschieht ja uns allen oder ist uns geschehen, wenn uns >>>> des Furchtbaren tiefst beglückender Pfeil trifft. Daß es hier nicht allein beim Blick der >>>> Anagnorisis bleibt, sondern konkretisiert wird, rückt die Personen ins für immer Menschliche. Das ist ein hochparadoxer Vorgang, weil Konkretisierung zur Verallgemeinerung führt, wie sich zugleich der Abstaktionsvorgang, den sie bedeutet, vollkommen persönlich macht. Das, in der Tat, habe ich in keinem meiner bisherigen Rosenkavaliere gesehen. Wobei ich geneigt bin, die Idee für >>>> Magdalena Koženás zu halten, die das Wunder hinbekommt, aus einer Hosenrolle tatsächlich einen Mann von siebzehn Jahren zu machen, und zwar mit sämtlichen testosteronalen Überschüssen, die so ein junger Mensch hat, allem Pathos, aller Innigkeit, aller Unabgeklärtheit des lebenstürmenden Drangs. Wenn sich dann dieser junge Mann, der doch in Wirlichkeit eine Frau von unterdessen 38 Jahren ist, zur Zofe Mariandl verkleidet, bleibt sie ein in einen kokotten Backfisch verkleideter Siebzehnjähriger, der zwar teils vom eigenen Witz belustigt, mehr aber, sichtlich, genervt ist. Koženás gestaltete Unmittelbarkeit fängt aber schon zu Beginn des ersten Aktes an, wenn sich Octavian nach der gemeinsamen Nacht, am Boden ausstreckt und in seinen Zehen die erlebte Lust – sie war aus Wollust und zartester, fast scheuer Verliebtheit gewoben – immer noch nachzuckt. Dieses zusammen mit ihrer stimmlich grandiosen Präsenz macht Koženás Octavian zum zweiten Wunder, das mich diese Inszenierung in all ihren vergangenen Jahren hat erleben lassen.
ANH
(aus der noch in Arbeit befindlichen Rezension der Aufführung vom 21. Dezember).