Werkseinstellungen: Alban Nikolai Herbst. Eine Art Werkschau, geführt von Elvira M. Gross. Mit ihr und ANH. Literaturforum im Mousonturm, Frankfurt am Main, 17. Oktober 2022.


Es wird eine Art Tour de force durch meine Arbeiten seit 1981 werden, doch in lockerem Gespräch, mit darin eingebetteten, jeweils nur kurzen Vortragsabschnitten, eventuell sogar multimedial — sofern wir, was mir erst → seit gestern als Idee im Kopf steht, sowohl DIE DSCHUNGEL als auch die Gedichtvideos mit hineinnehmen. Allerdings will und muß ich darüber mit meiner Lektorin erst noch sprechen — und mit dem Leiter des Forums, Björn Jager, der ja das Equipment zur Verfügung stellen müßte (Overheadprojektor, Lautsprecher samt Kabelage).
Lassen Sie sich, Freundin, überraschen. Und bitte mich überraschen Sie durch zahlreiches Erscheinen (wobei Ihr zahlloses Erscheinen n o c h überraschender wäre).


Marianne Fritz am Wannsee, Literarisches Colloquium Berlin, 13. Oktober 2022, 19 Uhr.

 

Ich werde selbstverständlich da sein. Marianne Fritz war eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen Literatur, Die Sterne der Romani und Dessen Sprache du nicht verstehst sind Zwillingsgipfel der deutschsprachigen Romandichtung. Und die Performer des heutigen Abends pflegen seit Jahren ihr Erbe — eingedenk nämlich Homers, es brauche jeder Held seinen Sänger;und Heldinnen, so kläre ich ihn auf, nicht minder. (Wenn ich denn  ‘überhaupt von “Helden” schreibe, dann allein von solchen.]

ANH


 

 

 

 

 

 

 

 

[Höre auch → ANH, Und also es geschah. (flac)]

 

 

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Katia Ditzler, Performance statt Lesung. Lettrétage Berlin, 4. Oktober 2022. Einige sympathisierende Anmerkungen.


 

 

 

[France musique contemporaine:
Isabelle Fraisse, Quatuor á corde No 3 (Da dämmert eine stille Freude in mir)]
Mein Ifönchen blinkte auf: In einer Stunde Lesung (so hatte ich’s notiert: Ditzler Veteranenstraße 21), eine halbe Stunde Spaziergang von hier. Ich war eh noch nicht an der Luft gewesen. – Was mich eigentlich gereizt hatte, die Veranstaltung in meinen Terminkalender einzutragen, weiß ich nicht mehr genau, aber glaube, es hatte etwas mit dem → Ton der Ankündigung zu tun. Auch interessierte mich, was “aggressive und abgründige Weiblichkeit” sei, und auch der proklamierten “Dreistigkeit” mochte ich mich von Herzen gerne ausliefern. Außerdem war ich noch nie in der Lettrétage gewesen, kannte nur Gemunkel über Namen, etwa Tom Bresemanns. Und das “Ankerinstitut für die freie Literaturszene Berlins” hatte neues Quartier in einem Gebäudekomplex bezogen, den ich aus den Achtzigern gut kannte, als auf dem Prenzlauer Berg und in Mitte alles noch ein Abenteuer war — und was für eines d o r t!  Ich erinnere mich, im ACUD sogar ein- oder zweimal selbst gelesen zu haben. Kurz, ich liebte diesen Ort, wie ich nach wie vor das AUSLAND liebe, den – also jenen – ich mit zunehmender Gentrifizierung aber auch deshalb nach und nach vergaß, weil meine damaligen Ansprechpartner sich mehr und mehr im Literaturhaus Fasanenstraße, im LCB und im heutigen Haus für Poesie fanden, das seinerzeit noch Literaturwerkstatt hieß und in einer Villa am Pankower Majakowskiring untergebracht war, dem ehemaligen Clubhaus des DDR-Schriftstellerverbands. Einerseits stand mein Stern, nach der FAZ-Eloge auf den Wolpertinger, relativ hoch, sank mit Thetis schnell aber wieder, um nicht zu sagen, er stürzte kurzerhand ab, zumal ich nicht mit den Kratzfüßen scharrte, wo so etwas erwartet wurde; Göttin, ich hatte sowas doch auch nicht! Andererseits zahlten die genannten “bürgerlichen” Häuser für Auftritt Honorare — was nicht hieß, ich hätte nicht hier und da trotzdem weiterhin “gegen Hut” gelesen. Doch wahrscheinlich galt ich der freien Szene unterdessen als allzu etabliert, und so verloren wir uns gegenseitig aus den Augen, vom AUSLAND einmal abgesehen. Aber das logiert hier ja gleich zweieinhalb Straßen weiter. Wobei Sie wissen, Freundin, daß ich mich längst auch an den anderen Orten eher rar gemacht habe, weil ich auch den Etablierten, und unterdessen wohl gerade ihnen, als Unhold gelte und dort ständig in einer Abwehrhaltung, bzw. der sofortigen Bereitschaft herumsteh oder -sitze, unmittelbar aus einer konzilianten Defensive in meinerseits die Attacke hinüberzuwechseln, eine Befindlichkeit, die keiner Seite angenehm ist, auch nicht der der “anderen”, und Dynamiken befördert, die gleichfalls niemand will. Nun hat sich das mit dem Erscheinen → der t+k-Ausgabe grundlegend geändert. Ich muß meine Position nicht länger permanent “beweisen”, diesem langjährigen Grundgefühl, imgrunde, als Autor, nicht für voll oder als eine Bizarrerie des Betriebs genommen zu werden, über die man sich dann hinter vorgehaltener Hand den Mund zerreißt oder bei dessen Auftreten sich eine, ich sage mal, gerühmte Gegenwartslyrikerin vor aller Publikumsaugen die Ohren zuhalten darf, ohne daß ihr jemand in den Arsch tritt oder sie doch angemessen des Hauses verweist.
Nein, das ist vorbei. Und also kann ich mich, genauso dachte ich gestern abend, auch in meiner gewohnten Aufmachung, diesmal sogar mit Gehstock, getrost auf den Weg machen, um zu schauen, was aus dem einst geliebten, damals der Subversion verschriebenen (Sub)Kulturzentrum geworden ist und wie es von einer jungen Autorin bespielt wird, die die Jahrtausendwende mit all ihren vorherigen Umbrüchen kaum schon bewußt erlebt haben kann. Zumal erschien sie mir als eine Repräsentantin all jener, die die “edle” Holzvertäflung der etablierten Häuser mit allem Recht scheue und neue Wirkstätten erschloß — was ich selbst gern getan hätte, tun aber schon deshalb nicht konnte, weil ich nicht einmal mit meiner eigenen Generation die kulturellen Vorlieben teile, sondern durch und durch von Kunst geprägt bin, dem Gegenteil des Pops. Schon als Jugendlicher und junger Erwachsener war ich in, wie Clubs damals noch hießen, “Diskos” fast durchweg beklommen, hielt die sogenannte Musik kaum aus, nicht selten wurde mir ihretwegen sogar übel; aber hin ging ich eben doch, einfach, um Mädchen da kennenzulernen. Was übrigens nie geklappt hat, hätt ich mir selbst denken können, wenn ich da miesepetrig rumsteh und absolut nicht kapiere, was die andern so berauscht, sondern immer nur tiefstes Fremdsein erlebe. Wirklich kennenlernen tat ich Frauen woanders, aber auch erst später. Oder eben in künstlerischem Zusammenhang. Aber daß, dies schon vor Jahren, junge Autorinnen und Autoren unvermittelt begannen, nachts um eins in den nun Clubs genannten Stätten Lyrik vorzutragen, fand ich von Anfang an hinreißend und war bei einigen solcher Auftritte auch zugegen. Hier klopfte doch das Herz dieser neuen Generation, was hätte da näher gelegen? Daß ich nicht dazugehörte, Göttin, war ja nix Neues; ich tat es – ecco – auch anderswo nicht.

Der frühe, doch bereits schwerdunkle Abend war, als ich aufbrach, lauer als erwartet; spätetestens nach dem Mauerpark begann ich, unter dem Hut zu schwitzen und trug ihn seither in der linken Hand, während ich dem Arkonaplatz zustrebte und dabei, wie ich bald merkte, absurd kreuz und quer ging; ich hatte einen neuen, mir noch nicht bekannten Weg suchen wollen, was auch gelang, doch halt mit Umwegen. Dennoch kam ich immer noch zu früh an, alleine schon, weil ich, wie sich herausstellte, statt 20 Uhr 19.30 eingetragen hatte. Entsprechend leer war es auch noch; ein kleines bißchen lief Ditzer wie aufgescheucht umher, wurde später, aber noch vor ihrer Performance, denn auch mehrmals gefragt, ob sie Lampenfieber habe. Was sie mit leicht nervösem Lachen verneinte, also aufs eulenspiegelndste bejahte. Mir gefiel das sehr gut, zumal es erstens einen langen Tresen mit Barhockern gab und ich den mir empfohlenen Silvaner trinken konnte – einen Franken, nicht etwa Bayern, um das ein- für allemal festzuhalten -; ja sogar Pfeife rauchen durfte ich, auch im Raum. Plötzlich war ich zwar weiterhin Fremdkörper, aber einer, der sich rundum zuhause fühlt. Und bevor die ersten Zuschauerinnen und Zuschauer eintrudelten – mit gutberlinisch anderthalb akademischen Vierteln -, schritt ich auch auf den quasi rund um den Innenhof führenden Raucherbalkon und war entzückt, daß die Sanierung dem architektionischen Ensemble gar nichts Böses getan, die alte Phantastik sogar noch erhöht hatte:

Nix von gecleanter Glätte also, in der die Spatzen verenden, weil für Nest und Ei kein Raum mehr ist, und Fledermaus ein Fremdwort wird; ich paßte in meinem Armani mit Lagerfeldkrawatte (Elredgeknoten) bestens da hinein, weil es betont(e), was an Berlin nach wie vor berauscht, aber im doch eher kleinbürgerlichen Literaturbetrieb nach wie vor nicht begriffen ist: daß es komplett wurscht ist, ob die Menschen im Bademantel Brötchen kaufen gehen oder Straußenfedern auf dem Kopf tragen, weil sie die Notaufnahme konsultieren, oder ihr gesamter Körper eine Tattooshow in russischer Hängung ist usw.; es kommt doch nur darauf an, ob es zu den Menschen paßt und sie ihr Erscheinungsbild eben nicht irgendwelchen fremdbestimmten Normen angepaßt haben, die ihnen selbst gar nicht entsprechen, also daß zum Beispiel ein Autor, um als solcher anerkannt zu sein, schlatscherig herumlaufen muß, weil er sonst als eitel gilt und Dichter, die es seien, dies bekanntlich nie, aber echt nie, sogar nie-nie-nie-nie sind. Dichter sind bescheiden, am besten gebeugt und unter den Fingernägeln die Trauer, nur dann ist ihrer Arbeit zu trauen. In deutschen, selbstverständlich, den moralischen Landen an sich. Das kann zum Beispiel der Süden nicht verstehen. Wahrscheinlich, weil er keinen Kant hatte. Muß man ihm nachsehen also, diesem Ausland. Egal. Die ersten Leute sind gekommen.
Nicht zu den Publikumsgästen, sondern irgendwie zum Haus gehörte, ich war wirklich becirct, einer der schönsten Transmenschen, den ich je gesehen. Er fiel mir erst auf, als ich das sehr edle Fellfutter ihrer langen Jacke sah, meinen Blick zu ihrem Gesicht hob, das mich komplett faszinierte, und dann aber seine Männerstimme mit einem Beiklang von Rauch sprach, was zu der Rauchware irritierend gut paßte. Ich konnte nicht anders, als diesem Menschen, dieser Menschin, später genau das zu sagen: “Sie sind einer der schönsten Transmenschen, die ich je gesehen habe.” Nur fürchte ich, mein Satz kam als Kompliment nicht recht an, hat vielleicht sogar verstimmt, weil ich den Umstand überhaupt aussprach. Doch gehört er eben genau zu dem, was ich an dieser Stadt derart schätze: daß die Identitäten nie festgelegte sind und selbst, wo sie es sind, durch anderer Identitäten zwar nicht aufgehoben werden, aber zusätzliche Farben erhalten. So daß alles, alles leuchtet, selbst durchs Berliner Novembergrau, das bekanntlich volle sechs Monate währt. – Gerne, übrigens, hätte ich ein Foto von der, in griechischem Sinn, geradezu klassischen Schönheit dieser Person gemacht, aber zu fragen, ob ich es dürfe, traute ich mich denn doch nicht, auch wenn es zum Titel des Abends und Gedichtbands gepaßt hätte: “Lieder der Dreistigkeit”.

Unterdessen waren genügend Menschen beisammen, um den Abend beginnen zu lassen. Wobei es nicht nur “irgendwie” mehr wie ein Freundestreffen war, bei dem alle schon ungefähr wissen, was auf sie zukommt, und daß sie es goutieren werden. Was bedeutet, es muß mit der Vorbereitung nicht allzu genau genommen werden, Fehler werden, weil man sich warm ist, mit Wärme beantwortet, indes Kunst, wie zu betonen ich nie müde werden werde, Kälte braucht, sowohl der Inszenierung als auch der Schöpfungsaktes selber, eine geradezu undemokratische Pedanz (weshalb Künstler, kommen sie zu politischer Macht, grauslich werden können). Wie auch immer, wir sollten die Stühle an den Wandrändern stapeln und uns dann im Kreis aufstellen. Normalerweise bin ich bei sowas empfindlich, oft verlasse ich die Veranstaltung sogar, ertrage ja schon nicht, wenn auf die Aufforderung “jetzt alle mitklatschen!” mitgeklatscht tatsächlich wird, anstelle sich zu (ver)weigern. Hier aber war es anders. Ich erinnerte mich an den Kitkatclub, als er noch nicht, damals in der Nostizstraße, Kiddydisco war. Da hatte dergleichen zu tatsächlichen Entgrenzungserlebnissen führen können, von denen ein bißchen was in mein “Die Fenster der Sainte Chapelle” eingegangen ist (grundlegend überarbeitet in “Wölfinnen”, Erzählungen II). Ich wollte nun “einfach” die aggressive und abgründige Weiblichkeit auch erleben, die obendrein als dreist angekündigt war. Da haut ein Mann nicht ab.

Flirrend leuchtete als erstes die Videoinstallation auf:

Hinter der ein Vorhang für den geschützten Umkleidebereich, aus dem nun – in eine Mischung aus Eurythmielehrerin, die aber im Alter ihrer Schülerinnen ist, und Vestalin gewandet – Ditzler mit ein bißchen rituellem Spielzeug hervorkam. Dazu paßte die allzu glatte psychedelische Musik, die das Video strukturierte; jedenfalls wurde der kleine Saal der Lettrétage quasi ein (selbst)ironisch aufgeladener Sakralraum. Mit einem so witziger- wie absurderweise Brotmesser wurden nun einzelne von uns ange-, ich schreibe mal, –schwebt und sowohl beflüstert als auch irgendwie aufgefordert, etwas mit dem Messer anzufangen, das streng genommen hätte Opferwerkzeug werden können, aber es ließ sich ja wohl nur Brot damit schneiden, auch wenn die Vestalin immer mal wieder ihre Handfläche gegen die Spitze der Dreiachtelwaffe drückte. Als später ich “drankam”, drehte ich sie um und streichelte mit dem stumpfen Heft der im Video mehrmals die “Goddess” anrufenden, nun gut, Priesterin. Die sich unterdessen die Augen verbunden und durch den Raum nach Eleven und Novizinnen topfzuschlagen begonnen hatte. Unterm Video als Subtitles liefen nach wie vor die englischen Übersetzungen der rezitierten Verse mit, doch die Performance machte es eigentlich  nicht möglich, sie einen nach dem anderen zu lesen und zumindest von daher zu verstehen, worum es ging. Ich hätte ja doch gerne Zusammenhänge zwischen Aufführung und Text entweder erkannt oder interpretierend hergestellt. Wir sollten jede und jeder, muß ich noch erzählen, den Duft eines geöffneten Flaconchens schnuppern; als ich später fragte, was den Geruch verströmte, hieß es nüchtern “Opium” – indes war offenbar das grauslich übersüßte → Toilettenwasser gemeint.
Schließlich wurde noch – nachdem für die eine und oder andere rituelle Handlung vor dem Podium auch immer mal wieder gekniet worden war – das Sakrament gespendet, allerdings der und von der Ditzer selbst, indem sie ein Schälchen voll ich weiß nicht, ob gefärbter Reismelde (Quinoa) oder noch feinren Couscous’es über sich selbst auskippte und nach Ende der, Verzeihung, “Show” noch einen Drittelabend damit zu tun hatte, das Haar von dieser Art einer Begegnung mit dem Gott, hier der Göttin, wieder zu befreien. Auch eine Spielart der Säkularisierung, dachte ich.
Es gab den freundlichsten Applaus.
Vorher, bevor die Aufführung losgegangen war, war mit Katia Ditzler ein von Tom Bresemann recht klug geführtes Gespräch geführt worden, die in ihrem Buchdebut auch ihren, wahrscheinlich, zweiten Vornamen Sophia führt; mag sein, um eine Weisheit zu betonen, die völlig unschlicht Pfiffigkeit ist. Etwa trägt Barbara C. Walkers nach wie vor – neben Gisela von Frankenbergs Kulturvergleichendem Lexikon – rein fachlich unerreichtes mythologisches Lexikon den esoterischen Titel “Das geheime Wissen der Frauen” — der (!), als wüßte auch nur ein  Brüchelteilchen aller Frauen, was das grandiose Buch zu vermitteln erst versucht. Jedenfalls behauptete Ditzler, etwas verkürzt wiedergegeben, “nur” Literatur sei langweilig, worauf Bresemann – als selber Autor zumindest projektierter Bücher – nicht weniger pfiffig fragte, weshalb denn dann ausgerechnet ein Buch. Worauf wiederum Ditzler weniger eine wirkliche Antwort hatte, als daß es ihr, Buchautorin zu sein, nicht so sehr zu schmeicheltn schien als ihr vor allem gutzutun. Und neckisch verwies sie, als Neuerung, auf den QR-Code, den man, um im Netz zu den Videoperfomances zu gelangen, nur mit dem Smartphone scannen müsse. Was Neuerung eben nicht ist; vielmehr hält es diaphanes in den → Magazinen schon lange genauso. Eine aber charmante Form der Unbedarftheit ward nicht nur hier spürbar, letztlich nichts als – aber gern, wenn gemerkt, und dann eifrig abgelegte – Kenntnislosigkeit, die eben auch die Performance selber anbelangt. Wo Dreistigkeit auf den Fahnen steht sowie weibliche Abgründe angerufen werden, möcht ich dann schon mehr sehen (und selber riskieren), als Übertretungen, die keine sind, sondern ein vorsichtig, gelegentlich den Kitsch streifendes Fragen, ob man denn auch dürfe, und frau. Es soll doch keiner verletzt in ihrer und seiner Empfindlichkeit werden …
So ähnlich merkte ich manches auch an, zog mich aber schnell wieder ins Schweigen zurück, weil ich ungern den Eindruck revitalisierte, ich risse Diskussionen immer an mich. Da lautet dann nämlich der Vorwurf: Egomanie – was gesagt wird, spielt keine Rolle. Soziales “Wohlverhalten”: Bescheidenheit vor Erkenntnisgewinn.
Doch im persönlichen Gespräch war es anders; Ditzler sogar selbst kam auf mich zu. “Tut mir leid”, sagte ich, “wenn ich manchmal etwas hart argumentiere.” “Aber nein doch! Das ist völlig in Ordnung.” Und wir plauderten ungefähr über das, was ich hierüber schon angemerkt habe. Unumwunden gestand sie zu, daß sie die Tonspur nicht wirklich gut abgemischt habe, und als ich fragte, wo denn heute abend die Dreistigkeit gewesen sei, hielt sie meinem Einwand das Brotmesser entgegen, das ja doch deutlich eine gewisse Gewalt und Gewalttätigkeit symbolisiere. “Weshalb dann aber nicht ein richtiges Messer?” “Ich nehme halt einfach, was grade da ist.” Und weshalb, noch einmal, sei nur-Literatur langweilig? Ich machte momentan, da ich mich den Serien und Filmen entzöge, eine völlig gegenteilige Erfahrung; die innere Eigenbebilderung des Gelesenen werde von einer äußeren Bebilderung wenn nicht zer-, so doch zumindest gestört, in jedem Fall unterlaufen. Es war insgesamt an den Reaktionen des Publikums aber deutlich zu spüren, daß gerade diese Außenbebilderung, zumal multimedial, einem Bedürfnis entgegenkommt. So daß Ditzler vermutlich auf dem völlig richtigen Weg ist, ich aber auf einem aus Holz steh. Nicht ganz, sowohl in den Hörstücken als besonders auch in meiner → Videoserie habe ich ja selbst mit anderen Darstellungs-, bzw. Interpretationsformen zu experimentieren begonnen:

Ich sprach noch einmal, nun konkret, frühere Performanceformen an, etwa Bodyart, Nitschs Mysterien, Vostells, den ich ja kannte, Environments und Happenings, denen nicht selten Übergriffigkeiten nicht nur eigneten, sondern die sie notwendig machten — Übertretungen eben, die sich auch nicht gleich wieder verharmlosen ließen, sondern ihr vermeintlich Skandalöses auch lange, nachdem sie geschehen, behielten, weil sie eben in uns eingreifen, uns nicht in Ruhe lassen, sondern fordern, und sei es zum Protest. Wenn man mit Dreistigkeit schon posiere – sie ist immer Übertritt –, müsse künstlerisch doch zumindest versucht werden, Grenzen auszureizen. Jemanden stören – was die Gestörten als Verletzung empfinden – werden wir sowieso fast stets, sofern wir aus dem vermeinlichen Wohlverhalten und also dem Schutzraum für alle heraustreten; treten wir aber nicht heraus, entsteht keine Kunst. Ob es dann Kunst i s t, nun jà, ist dann immer noch eine andere Frage, eine, die wahrscheinlich wir selbst werden niemals beantworten können.

So ging, nach immerhin vier Gläsern Wein, der Abend für mich allmählich zuende — auch wenn es die reizvolle Möglichkeit gab, in zwei zur allgemeinen Verfügung bereitgelegten VR-Brillen (Ganzgesichtsaufsätzen eher) Ditzlers Videoinstallationen als 360o-Projektionen zu betrachten. Wovon ich besser abließ, weil ich zu gut weiß, wie ich dann abhebe. Das mochte ich weder mir noch jemandem anderes zumuten. Und spazierte durch die nun endgültig Nacht | fröhlich denkend heim.

ANH, 20.14 Uhr
[Gebhard Ullmann TRAD CORROSION, mit Andreas Wilbers und Phil Haynes (1996)]

P.S.:
Ditzers Verlag, ELIF, hat mir die Zusendung ihres Gedichtbands schon angekündigt;
also wird es hier wahrscheinlich einen Nachtrag geben.

“Was ist mit Der Dschungel los?” fragt das abendliche Arbeitsjournal des Montags, den 26. September 2022, nicht aber, ohne von einem sehr schönen Abend für Katharina Schultens zu erzählen.

[Arbeitswohnung, 15.57 Uhr
Tschaikowski, Streicherserenade C-Dur op. 48
nach Brittens Simple Symphony, die danach noch
einmal gespielt werden wird (Denon-PCM|Digital-
Vinyl (1983)]
Unversehens kippt nicht nur etwas, sondern gleich ein ganzer Schwall klatscht auf, um weiter und, hoffe ich, immer weiter zu fließen — und das, obwohl text+kritik noch immer nicht erschienen ist, weiterhin nur → vorbestellt werden kann. Aber es i s t ja noch September. Aber daß der Schwall ein Wasserfall ist, ließ mich dennoch erstaunen, zumal, wenn er nach oben stürzt. “Was ist mit Der Dschungel los?” fragt’ es ausrufend in mir. Also daß es in manchen Monaten  einen vereinzelten Tag irrer Explosionen der Zugriffszahlen gibt, kenn ich ja mittlerweile, aber — vier Tage in Folge?

Vor dem und bis zum Donnerstag (22.) dümpelte die Statistik bei täglichen um die 150 Zugriffe mit seltenen Ausschlägen hoch bis 300 vor sch hin, aber dann – Freitag, 23., 12.926 / Sonnabend, 24., 11.737 / Sonntag, 25., 8.965 und heute, Montag, 26., sind wir bereits jetzt, um 16.12 Uhr, bei 9.565. Einen Grund kann ich nicht finden, nicht durch Interpretation der Refferer-usw.-Angaben, nicht im Netz. S e h r seltsam.

Bin noch immer nicht in der Arbeit drin, jedenfalls nicht richtig, und stand pünktlich um zwölf dann auch noch vor der “aus technischen Gründen” geschlossenen Praxis des Ärzteteams meiner Angiologin. Dabei hatte ich einen Termin, hab ihn, historisch gesehen, immer noch. Ich hoffe, daß ich jetzt nicht abermals sechs Wochen warten muß. Auch wenn es eine Kontrolluntersuchung ist, also nichts vorliegt, was gerichtet werden müßte, sondern nur die Halsschlagader untersucht. Na gut, schwang ich mich eben wieder aufs Rad, um von Moabit zurück in die Prenzlauer Berge zu fahren, nicht aber gleich in die Arbeitswohnung, sondern einfach geradeaus bis zur Kulturbrauerei, dort in den großen Hof und zum Haus für Poesie, wo ich gestern die Gedichte Manfred Hausmanns liegen gelassen hatte, von denen ich eines – kombiniert mit Daniela Danz und Ezra Pound – vorgetragen hatte, wie eben alle oder jede und jeder taten, die/der mochte. Einzige “Bedingung” war, daß es keine eigenen Gedichte sein sollten. Was ich sehr nachvollziehbar finde; so bleiben die Eitelkeiten in den Grenzen (auch die meinen, selbstverständlich).


(Auf dem Foto Hendrik Jackson – zu bereits s e h r vorgeschrittener Stunde. Deshalb die leeren Stühle; sie waren zuvor alles besetzt.)

Katharina Schultens, die neue Leiterin der gestern gut gefüllten Hauses, saß die ganze Zeit über gleich mit auf dem gewissermaßen Podium der Vorträge und nahm sie wie tatsächliche Geschenke auch entgegen. Es gab bei niemandem irgendein Konkurrenzgebaren, eher war es tatsächlich das Zusammenkommen einer stattlichen Anzahl Gleichgesinnter, pars inter pares; ihre Vorbehalte hatten sie an der an sich dafür zu kleinen Garderobe abgegeben. Aber gut, die junge, sie versorgende Dame mußte halt stopfen, bis sie selbst fast keinen Platz mehr hinter dem Tresen hatte; als ich sie zuletzt sah, schauten nur ihr Kopf sowie das obere Drittel ihres wunderbar sehnigen Halses aus dem Verstauten heraus. Wenigstens mußte sie, um atmen können, den Hinterkopf nicht in den Nacken legen. — Nicht wenige Handschläge waren im Saal eine komplett neue Erscheinung vielleicht nicht für die Welt, doch in jedem Fall Berlin. Und es fühlte sich auch fast komplett an, als ich die in Haltung und Erscheinung entzückende Ginka Steinwachs wiedersah, mit ihren kurz vor achtzig Jahren unterdessen eine alte Dame, deren Rankheit fast schon an Durchsichtigkeit grenzt. Lange bevor es den Open Mike gab, gehörte sie zu den Aktionskünstlerinnen der literischen Welt – ich könnte auch schreiben, sie sei einmal berühmt gewesen. Paulus Böhmer, sie und ich galten in meiner Frankfurtmainer Zeit als so etwas wie Girods Trio Infernal der Dichterszene. (Die es aber nicht gab, also diese “Szene”, dort; insofern war dies “gelten” ziemlich sinnlos.) – Sie, Steinwachs, habe sich einige Jahre zurückgezogen, erzählte sie mir; nun aber sei sie wieder wütend geworden. – Wie es Paulus Böhmer gehe? Von seinem Tod wußte sie noch nichts, kurz traten ihr die Tränen in die Augen, eine sehr feine, weil sie zugleich so flach war, von Ginka nicht bemerkte schaffte es auf die Haut überm rechten Wangenknochen. Dann hatte Frau Steinwachs sich wieder gefaßt: Sie mochte es nicht, daß einige von ihren Smartphones vortrugen, in denen sie die Gedichte gespeichert hatte. Ich begütigte: “Ja, Ginka, kommt es denn auf das Übertragungsmedium oder auf das an, was wir hören?” In diesem → Essay von 2014 habe ich eigens dazu geschrieben; hier genügte ein warm-ironisches Lächeln, um eines auch in ihr Gesicht zu locken.
Manchmal tatsächlich ergreifend an den vorgetragenen Texten waren oft gar nicht diese selbst, sondern die Verbundheit mit ihnen, die einige Rezendiere hier offenbarten, so daß der kleine Veranstaltungssaal etwas wie ein Frei- und Schutzraum wurde, in dem sich die durchaus spürbare Prima inter pates immer mal wieder mit einem eigenen Beitrag meldete; um die Honneurs zu geben, waren Vertreterinnen des Literaturhauses sowie der Akademie, und zwar ihrerseits mit Beiträgen, gekommen, mehr als eine Geste. Umso schmerzlicher vermißte ich Florian Höllerer vom LCB. Ohnedies waren einige Menschen nicht da, mit denen ich fest gerechnet hätte – hätt’ ich denn gerechnet. Doch Unbehagen hatte ich allein einer spürbaren Dominanz des Englischen wegen, an der ich selbst mit dem im Original vorgetragenen Pound freilich Anteil trug, wenn auch eben nicht an der US-amerikanischen Spielart. (Ich fand aber nicht nur, daß hier der Klang ganz besonders wichtig ist, sondern finde auch die Übersetzung scheiße. Vielleicht, daß ich es selbst zu übertragen versuche?) – Wobei ich mit dem häufigen Englisch in der Lyrik ganz zufrieden wäre, erklänge das Französische, Italienische, Spanische ebenso und/oder Norwegisch, Schwedisch, Polnisch usw. Aber davon wurden die meisten jungen Lyrikerinnen und Lyriker eben nicht geprägt, besonders dann nicht, wenn sie, wie der Mehrzahl (an)getan, durch den Pop geprägt sind. Andererseits erreichen sie so aber eine Flüssigkeit des mündlichen Ausdrucks in dieser anderen Sprache, an den ich selbst mein Leblang nicht heranreichen werde.
Und unversehens hatte ich meinen ersten Auftrag, nämlich in der Reihe → Lieder und Dichter mitzuwirken, wahrscheinlich im zweiten Halbjahr des kommenden Jahres. Nun freut mich dieser, ich schreibe einmal, “Auftrag” ganz besonders, weil meine geradezu leidenschaftlichen Nähen zur vor allem europäischen Kunstmusik doch eigentlich bekannt sind und sich nun jemand daran erinnert hat. Ich weiß sogar, welchen Liedzyklus ich mir wünsche … – Nein, ich werde zwischen zweien wählen müssen. Darüber schreibe ich aber erst, wenn es soweit ist. Viel bedeutsamer ist etwas anderes. “Eigentlich müßten Sie doch in → Lyrikline aufgenommen werden”, sagte unvermittelt in unserem Gespräch einer der programmgestaltenden Mitarbeiter des Hauses. Es ist etwas, das ich mir schon sehr lange gewünscht habe, was mich aber bisweilen auch wütend gemacht hat, weil ich mich übergangen fühlte, bewußt übergangen. Und mit einem Mal ist nicht alles, aber doch Entscheidendes anders, Türen tun sich auf. Für mich in diesem Fall sogar noch schöner, weil das Haus für Poesie ja keine zehn Gehminuten von der Arbeitswohnung weg ist. “Ich denke so an”, sagte er weiter, “zehn Gedichte”. Was klasse ist, weil ich nun aus jedem Gedichtband ein Gedicht heraussuchen kann, aus dem Ungeheuer Muse werden es wohl zwei, ebenso aus den Béarts.
Durchaus nicht nur freudetrunken gelangte ich dann irgendwann auch heim und scheine mir dann noch den Tatort reingezogen zu haben, wovon ich aber nichts mehr weiß oder nur eine insofern dumpfe Ahnung habe, weil, als ich erwachte, an meinem Bett Murot stand, bzw. schwebte sein blickverwirrtes Gesicht blickverwirrt noch viel mehr und verpuffte erst, als ich begreifend erschrak, verschlafen zu haben. Meine Güte, acht statt sechs! Für mich bedeutet das ja immer, der ganze Tag fällt hinweg, also für ernsthafte Arbeit. Dazu dieser auch noch geplatzte Ärztintermin. So komme ich immerhin, liebste Freundin, dazu, wieder Arbeitsjournal zu schreiben, worin halt von der eigentlichen Arbeit sich heute nichts berichten läßt. Aber über Freude. Und toll war, übrigens, Sabine Scho wiederzusehen und diesmal auch – zu hören.

                 Ihr

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(Nun, um 20.10 Uhr, hat Die Dschungel bereits 11.146 Zugriffe. Ich fass’ es nicht.)

Heute, 8.5.22, in Berlin: Buchpräsentation Die Brüste der Béart. ESPACE DIAPHANES, Berlin. Mit Elvira M. Gross, Michael Heitz und ANH.


als PDF (zum Herunterladen)

Ein Abend Pause von dem Krieg – hier. Das Nichtarbeitsjournal des Freitags, den 25. März 2022. Mit Endre Kukorelly im Collegium Hungaricum, Berlin. Dazu von Hummel der ungeklärte Wein.

[Arbeitswohnung, 6.51 Uhr
Der Amselhahn, in Ferne eine Krähe]

Daß ausgerechnet enge hochgebildete und sensible intellektuelle Freundinnen und Freunde für den Kriegseintritt sind und also den Atomkrieg riskieren wollen, macht mich zunehmend ratlos (“Wir werden dann schon sehen, wie weit Putin geht …”). Dazu hier noch einmal Christopher Daases → ungemein wichtige Einlassung in der FAZ. Im Gegensatz dazu scheinen diese Menschen zu meinen, wer gegen einen Kriegseintritt sei, wolle allein | sich sein oder ihr wohlstandsluxuriöses Befinden nicht stören lassen oder gar, so ja → neulich schon Keuschnig, die Opfer interessierten sie nicht. Es ist schon infam. Was psychodynamisch in diesen Leuten zu wirken scheint, habe ich ebendort gemutmaßt und mag es nicht wiederholen. Nur, daß der – berechtigte – moralische Druck für sie unaushaltbar ist, offenbar, möchte ich noch einmal betonen. Soeben heute früh las ich erneut solch eine Stellungnahme und zitiere sie ohne die – weibliche – Quelle anzugeben; es geht mir nicht darum, Menschen bloßzustellen, ich achte sie weiter; ihre Haltung hier indes finde ich nicht nur falsch, sondern extrem gefährlich:

Sich aber so gegen einen Präsidenten zu stemmen, der vorpreschen mag, damit aber eben auch ein absolutes Bekenntnis für die Kolleginnen und Kollegen der Ukraine ausspricht, dem ich vollkommen beipflichte, ist unerträgliche, ständige Selbstbeschäftigung. (…)
Und sich auf eine Charta des Friedens zu berufen … ist auch schnell sich berufen auf ein Stillhalten und Frieden schaffen unter allen Umständen und das ist dann wieder mit Regimen umgehen, die unerträgliche Verbrechen begehen eben genau gegen diese Freiheiten, die wir so hoch halten, ist wieder Dissidenten “kreiieren”, aufnehmen in PEN Appartements rund um den Globus, weil sie um Leib und Leben fürchten, gerade so noch mit dem Geist davongekommen sind.

So beginne ich also doch erneut mit dem Krieg und wollte doch von einer inneren imaginären Gefechtspause schreiben. Jedenfalls ist mir zu bekunden wichtig, daß solche Stimmen meine ganze Symathie haben, auch wenn ich ihr, der Stimmen, Gegner bin – in diesem einen Bereich. Einen Atomkrieg zu riskieren, fügte der bereits wirkenden Schuld – daß wir den Verbrechen wie hilflos zusehen müssen (bereits sie zu dulden, ist Schuld) – eine noch grenzenlos umfassendere zu, nämlich, sollte die Ukrainekatastrophe sich in einen solchen ausweiten. Sie würde, diese unsere Schuld, zu einer nicht “nur” an Millionen, sondern auch an der Zukunft zahlloser Generationen werden. Wir hätten dann, wie Putin es für Rußland tut, gesagt: Wenn die Ukraine untergeht, sollen alle andern – “alle” meint den Großteil der Welt – mit untergehen. Daß ausgerechnet Intellektuelle das nicht begreifen, ist es, was mich, schriebe ich nicht täglich dagegen an, einfach nur verstummen ließe.

Probehalber formulierte ich gestern:

In diesen Krieg einzugreifen, ist moralisch absolut geboten,
doch ethisch ein Verbrechen.
[1]Ethik ist → die wissenschaftliche Lehre der Moral.

Es ist mit blutendem Herzen nicht leicht, moralisch auch zu denken, ist sogar s o schwer, daß Menschen sich, die es tun, selbst als kalt empfinden, nicht nur von andren so empfunden werden. Doch auch das ist auszuhalten, ebenso wie die Erkenntnis, daß der Satz, Angst sei ein schlechter Ratgeber, falsch ist. Das Tier, das Angst hat, flieht. Tut es das nicht, wird es gerissen. Die Angst (präzise wäre “die Furcht”) vor dem Atomkrieg ist nicht “nur” berechtigt, sondern erhält unsere Art, auch dann, wenn sie, wie gegenwärtig, einer widerwärtigen Erpressung dient. Daß mit Erpressern nicht verhandelt werden dürfe, nimmt inkauf, daß alle in das Höllenfeuer kommen.

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Selbstverständlich war das, aber eben nur “am Rande”, auch gestern abend im Collegium Hungaricum ein Thema, wo → Endre Kukorelly seinen auf Deutsch bei Arco erschienenen Roman → “Elfental oder Über die Geheimnisse des Herzens” vorstellte und vorstellen ließ. Ich war dabei, nachmittags bereits war mein Verleger Haacker mit einem Übersetzerfeund, → Eberhard Schreiber, zum Vorweintrunk vorbeigekommen, dann aber allein, also zu zweit, zum Hungaricum aufgebrochen, weil ich das Fahrrad nehmen wollte. Was ich halt auch tat.
Aus Kukorellys Roman hatte ich ihn schon → auf der Buch Wien lesen hören; anders als gestern war seine → Übersetzerin Zádor dort lediglich als Dolmetscherin der Gespräche aufgetreten; da hatte ich sie nicht sonderlich gemocht. Gestern, da sie nun selbst aus ihren Übersetzungen – teils in einem wunderbar getakteten Wechsel mit dem Verleger  – las, änderte sich das komplett; nachher standen wir plaudernd draußen und rauchten. Drinnen  floß noch der Wein. Denn  es ist ein, ich schreibe mal, Clou dieser neuen, “Literarische Weinlese” genannten Veranstaltungsreihe, daß Präsentationen von Büchern mit jeweils der eines Winzers verbunden werden, der dazu auch ausschenkt. Hier nun war es der Rechtsanwalt Horst Hummel, der in Ungarn sein Weingut “biodynamisch” betreibt. Seine Erläuterungen waren ein wenig, bezogen dabei auf Planck, esoterisch und hätten mich wohl lächeln lassen, wäre der Wein nicht so gut. Das jedenfalls läßt sich sagen, daß die Anthroposophie, auch wenn sie zwecks Düngung zu halbjahrs vergrabenen, dann wieder gehobenen Kuhhörnern greift, den Gärungsprozessen nicht schadet. Besonders der erdbeerfarbene Pétnat tat “es” mir an.
Unterm Strich war ich erstaunt, wie gut diese Kombination aus Weinverkostung und literarischem Vortrag funktioniert, vor allem wenn die Lesung ähnlich “spritzig” sowohl moderiert als auch gehalten wird. Haacker hat ein ungemeines Talent, die andernorts oft eher mühsamen Interviewparts solch einer Präsentation im Wortsinn spritzig zu halten, schon weil seine Fragekultur ausgesprochen gezielt und auch scharf sein kann. Und Kukorelly ist eine Erscheinung – was sich in seinem Text widerspiegelt und in der Art, Themen zu verklammern. Da ich das Buch außer der vorgelesenen Passagen, wenigen also, noch nicht kenne, möchte ich hier nur den ersten und den letzten Absatz zitieren:

A.a. Ich träume nicht von meinem Vater. So oft denke ich gar nicht an ihn, so oft fällt er mir gar nicht ein, und wenn ich aus irgendeinem Grund doch an ihn denke, erinnere ich mich nicht richtig. Die Erinnerung wendet sich weg, bewegt sich fort, geht weite, sondert sich ab. Sondert sich nicht ab. Mir fallen allerlei merkwürdige und langweilige Dinge ein, ebenso merkwürdige und langweilige nicht, mag sein, daß es einfach so ist.

Und vierhundertneunundsiebzig Seiten später:

Jedenfalls ist er gespeichert, und das bleibt auch so, mein Vater ist gespeichert, das ist alles. Er fällt mir nicht ein. Ich habe ihn so gespeichert, daß er mir nicht einfällt, und wenn er mir doch einfällt, dann schleicht er sich langsam von dort weg. Langsam weg, auf andere, verzweifeltere Dinge zu.

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Gegen 23 Uhr radelte ich heim. Nun zurück an die Arbeit, Freundin. Da ich mich anders nicht konzentrieren kann, werde ich wohl eine Lexotanil schlucken, besser erstmal nur eine halbe. Sonst hindert mich der Krieg ein nächstes Mal daran fertigzustellen, was fertigzustellen unbedingt ist – weniger meinet-selbst als andrer Menschen wegen.

Ihr ANH

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1 Ethik ist → die wissenschaftliche Lehre der Moral.
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