Das Weihnachtsproblem: Briefe nach Triest, 49. Wiederaufnahme, Überarbeitung 8 (fünfter Durchgang).

 

[Es gab ein Problem, das ich absurderweise selbst nach drei Durchgängen noch nicht bemerkte, nämlich eines der Datierung. Wenn nämlich sowohl Lars (der Verlassene) als auch der von ihm beauftragte Briefschreiben Kinder haben, kann über das Weihnachtsfest nicht hinwegerzählt werden, als wären beide nicht jeweils familiär gebunden. Genau das habe ich aber in der ersten, in – siehe Link – Der Dschungel eingestellten Version getan und, konzentriert auf nur die Erzählung-selbst, in den drei Durchgängen übersehen. Erst im vierten Duchgang, als ich also die ausgedruckten Seiten durchging, fiel es mir auf, und, weil so weit hinten, erst in Wien. Da konnte nun, was jetzt für den 24. Dezember sowie die folgenden Tage gechrieben war, so nicht bleiben. Ich brauchte einen neuen Übergang, der möglichst auch schon Spuren in die noch zu schreibenden Briefe hineinlegt — wie mir überhaupt nun erst, in intensiven Gesprächen mit meinem Arco-Verleger Christoph Haacker, klar wurde, welche Wendung der Roman fast notwendiger Weise nehmen wird. Dazu schreibe ich hier aber nichts, jedenfalls noch nicht, sondern stelle “einfach” den neuen Übergang ein:]

 

[Anfang des sechsundzwanzigsten Briefs]

Es war Stille, schöne Frau,

1. Januar, donnerstagmorgens 6.15 Uhr
Nach erster Wilder Jagd

seit fast genau zehn Tagen – etwas, das aber nicht an Dir, Sídhe, lag, sondern an den Feierlichkeiten. Sie mögen getrennt sein, Sarah und Lars, doch gegen alle Unbill ha­ben sie selbst in zerstrittensten Zeiten daran gehangen, Larssohn ein Zuhause zu wahren, das eines auch ist. Mein, also Lars’ens, letzter Brief datiert vom 22., ab dem 23. war das Fest vorzubereiten, da ist für anderes nicht Zeit. Und auch ich selbst war durchaus verhindert, Judiths und der Zwillingskinder wegen, die von ihren Elten noch weitergehend abhängig sind, als es der schwer – aber klug – pubertierende Lars­son ist. Ich also auch hatte mich um meine Familie zu kümmern, Du, so weit weg, fielst, verzeih, in den Hintergrund weg. Vielleicht wäre es anders gewesen, hättest Du nur ein einziges Mal reagiert – wobei ich unterdessen denke, daß Du ganz froh drü­ber bist. Hat Dir die Pause die Hoffnung gemacht, es fände mit Lars’ Briefen nun endlich, endlich ein Ende? Doch schau einmal: Wie wundervoll auch immer ein ge­meinsam verbrachtes familiäres Weihnachtsfest auch sein kann, so wenig hält es, ist es vorüber, den Entwicklungen stand, die sich seit den Trennungen – einerseits Lars’ens von Sarah, andererseits Judiths von mir – geradezu notwendigerweise erge­ben haben. Was sich gefirmt hat, wiedergefirmt, ist die Verläßlichkeit für unsre Kin­der – ein Thema, das Dir, Lars weiß es ebenso sicher wie unterdessen auch ich, furchtbar nahgeht, weil als eben ausgeschlossen, ja irreversibel isoliert. Das reicht, eine Übergriffigkeit, selbst in Deine Physiologie. Was er, Lars, verhindern, wogegen er angehen wollte, wenn auch, er weiß es selbst, absolut nicht uneigennützig. Viel­mehr wären zwei Eigennütze zusammengekommen, die etwas gerufen hätten, das nichts mehr wäre gewesen als Nutz, nämlich des Lebens an sich, des Fortlebens nun­mehr. – Das wird sich nun nicht mehr ergeben, auch wenn Lars im stillen immer noch hofft. Glaub mir, ich bin klarer als er, wenigstens in diesem Belang. Nur kann ich nicht so schöne Kunst daraus machen. Texte, Du weißt es, fallen gegen Töne hilf­los ab. Sie sind immer Erklärung, auch wenn sie’s meiden; ein Klang indes ist er selbst.
Aber wirklich, auch ich habe ein paar Stunden lang, vielleicht einige Tage, in denen Lars schwieg, weniger zwar geglaubt als gefürchtet, er stelle seine Berichte fortan ein, die Whatsapp- und Facetime-Gespräche, die Mails und vor allem die mir lästi­gen, weil oft unangemessen frühen Anrufe, was für mich tatsächlich einen kurzen, wehenden Anflug von Freiheit bedeutete, nämlich endlich wieder alleine ich zu sein und nicht dauernd in gleichsam Stellvertretung sprechen zu müssen. Zumal ich mich zunehmend mehr insofern mit Lars identifiziere, als ich seine Gefühle zu Dir allmäh­lich wirklich zu teilen und es deshalb als schmerzhaft zu empfinden beginne, wenn Du weiter schweigst und schweigst. Denn sieh, bin es denn jetzt nicht ich, der Dich de facto … ja, ich muß sagen, stalket? In welche Rolle hat Lars mich gebracht! Er selber, abgesehen von seiner schweren Sehnsucht, die ich ihm nach wie vor glaube, ist fein raus. Aber darüber dachte ich nur nebenbei nach, weil zum einen die ersten Rauhnächte bekanntlich ruhig sind und ich zum zweiten auch direkt nach Weihnach­ten jedesmal gebunden bin, des Geburtstags meiner Zwillingskinder wegen. Ich den­ke mir, Lars hat da nicht stören wollen und vielleicht ja tatsächlich Abstand genom­men. Doch dann der Silverster … – nicht, daß er dieses Jahr besonders laut gewesen wäre, Feuerwerk und Böller wirkten eher verhalten, wenn ich den Krawall, von dem ja auch kaum mehr wer weiß, weshalb er veranstaltet wird, mit dem der vorhergegan­genen Jahre vergleiche. Nur lag eben hierin eine auch von mir arg unterschätzte Ge­fahr. Denn nun war Deine Reiterei zu vernehmen, zu der Dein Volk mit doch gehört, die sonst der Lärm überschallt, und in all dem Blitzen und den Feuerblüten sind die Deinen, doch ohnedies Schemen, fast prinzipiell nicht zu sehen. Indessen nun mach­ten sie sich bemerkbar, jagten durch jeden Tür- und Fensterspalt selbst in die Woh­nungen hinein. Vielleicht nicht Ihr alle, offenbar aber Du und die Lydierin auch; mag sein, sogar die Sharon-Sídhe – nur, daß ich diese auch ohne des Volksglaubens Spu­kereien über Weihnachten aus den Augen verlor. Jedenfalls rief Lars vorhin wieder an, ausgesprochen aufgeregt. Er habe Dich im Fernseher gesehen – im Fernseher, ich bitte Dich! –, in einer italienische Capodanno-Sendung, da habest Du ihm durch die Kamera und also den Bildschirm direkt in die Augen geblickt „… als hätt sie mich erkannt!‟

(…)

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[Bild (→ Wikipedia): Franz von Stuck Die wilde Jagd
Musee d’Orsay Paris 1899
Noten: Franz Liszt Wilde Jagd
(→ Étude d’exécution transcendante No 8
1851/52)

 

Zu online-Lehre, Zoom et aliiaea. Das Arbeits- und Sohnesgeburtstagsjournal des Sonntags, den 30. Januar 2022.

[Arbeitswohnung, 6.54 Uhr
Sofia Gubaidulina, Erstes Streichquartett]

Gestern wieder von morgens um zehn bis spätnachmittags kurz nach fünf mit eigentlich nur einer, nämlich mittags, Pause abermals online den Lehrauftrag der Bamberger Universität gelebt, ja, gelebt, und zwar alle insgesamt achtzehn Studentinnen und Studenten, denn eine, die krankheitshalber bei den ersten Malen nicht dabeisein konnte, stieß hinzu und zeigte sich als ausgesprochen nicht nur hochkundig Feinsinnige, sondern sie war als Schreiberin ebenso talentiert; möglicherweise ist sie mehr als “nur” das. Darüber am Abend mit meinem Arco-Verleger, der mir auch enger Freund ist, bildgewhatsappt, und der im Anschluß an meine Erzählung darum bat, solche Autorinnen und Autoren doch bitte zu vermitteln.
Dazu dürfte es noch ein wenig zu früh sein. Doch auffällig ist, wie keine und keiner in der Konzentration nachläßt; erst nach vier Stunden meldete sich eine Studentin mit der Bitte zu Wort, ob wir nicht eine halbe Stunde Pause machen könnten, sie habe einfach Hunger, und eine zweite mußte unbedingt mit dem Hund hinaus, indes die dritte um eine ganze Stunde bat, da sie, um etwas essen überhaupt zu können, erst etwas zubereiten müsse, sie habe nichts Fertiges zuhaus. Doch pünktlich, fast auf die Minute, fanden sich alle im Zoomraum wieder ein, und dann ging’s in einem Stück die nächsten drei Stunden weiter, so daß ich in der Sitzung Abschlußgespräch gar nicht anders konnte, als den jungen Leuten zu sagen, zwar hörte ich Lehrende, also sozusagen Kolleginnen und Kollegen, klagen noch und noch, wie wenig diese neue Generation mehr belastbar, wie dauernd sie abgelenkt sei und eben allzu sehr, wenn man sich über längere Zeit konzentrieren müsse, und allzu schnell erschöpft, “aber”, sagte ich, “wenn ich mir Sie so anschaue und anhöre, kann ich das nicht bestätigen; im Gegenteil kommen mir diese Klagen nicht nur grundlos vor, nein, sondern die Aussage ist einfach falsch.” Und das meinte und meine ich so. Freilich kann ich mit meiner Gruppe auch einfach nur Glück haben – doch bei achtzehn Leuten allen zugleich? Unwahrscheinlich. (Hinreißend und, ja, fast ehrfurchtgebietend, welche Arbeiten alle je als Hausaugabe vorgelegt haben, für die sie die vergangene Woche Zeit gehabt. Stellen Sie sich, Freundin, vor: nach nur zwei vorhergegangenen Ganztags”sitzungen”!) – Ich vermute bezüglich der geschilderten Klagen, daß, wenn es so ist, wie mir erzählt wird, es weder an einer vermeintlich fehlenden Konzentrationsfähigkeit noch gar dem online-Unterricht liegt, sondern — an den Lehrenden selbst. Sie können in ihrem Fachgebiet noch so gut sein, wenn sie den Stoff nicht auch vermitteln können, sind sie fehlbesetzt. Denn dort wie in der Dichtung gilt: Es darf kompliziert und komplex sein, wie es will, langweilig aber nicht und nie, und unsinnlich schon gar nicht. Besonders in der onlineLehre sind Volten und Ideen erfordert, die das, was die Pandemie uns wegnimmt, nämlich Unmittelkeit, Körpersprache, Gesten, auf der anderen Seite wieder hereinholen. Dazu freilich gehört, daß wir technisch vorbereitet sind und keine Scheu vor den neuen Medien haben, sie schon gar nicht innerlich ablehnen dürfen, nicht einer Generation gegenüber, die wie in warmem Wasser darin schwimmt. Da verliert man schlichtweg an Achtung.
Ich hatte neulich selber eine Art Anschauungsunterricht, wie es eben n i c h t laufen darf. Es war das onlineSeminar eines anderen Dozenten an einer andren Universität. Ich war als Autor hinzugeladen worden. Und dann sah es s o aus: Der Dozent blendet die zu besprechenden Texte ein, die sich die Lernenden sowieso längst hatten aus dem vC (“virtuellem Canpus”) herunterladen und lesen sollen, damit man die Thesen und Analysen in eben dieser Sitzung diskutieren könne. Doch er, der Dozent, las, was er eingeblendet hatte, einfach Satz für Satz noch einmal vor, mit leiser, etwas brüchiger Stimme, machte ein Päuslein, fragte unsicher, ob der Text verstanden wurde, bekam keine Antwort, und las dann einfach weiter vor. Öde Satz für Satz, weiter, lähmend weiter, er sprach ja nicht mal frei, was doch eine Möglichkeit und sogar notwendig gewesen wäre, die Sachverhalte mit anderen Worten umschreiben und ergänzend zu erklären, sie gleichsam atmen zu lassen.
Wohlgemerkt, die Thesen waren und sind sehr gut, auch ausgezeichnet hergeleitet. Nur hilft das nicht gegen Langeweile. Lehre ist auch Show. Und alle heute Lehrenden oder doch die meisten haben schon gechattet, vielleicht sogar sehr oft, so daß sie wissen nicht nur müßten, sondern müssen, welch direkte innere Orte sich da im Kopf entfalten, sogar daß es da wirklich Lieben gibt, bei Leuten, die sich real niemals sahen, schwere Eifersuchten und noch schwereres Sichtrennen, ganz reale Tränen. Es sind genau diese inneren Dynamiken, ist ihre enorme Kraft, die für die onlineLehre fruchtbar gemacht zu werden hat. Aber nein! Statt dessen klagte der Dozent auch noch, daß sein Computersystem zu langsam sei, der Prozessor zu lahm, weil zu alt; man möge das entschuldigen.
Es ist nicht zu entschuldigen. Spätestens nach einem halben Jahr alleiniger Onlinepräsenz und dem Wissen, ja selbst nur der Ahnung, es werde auf unabsehbare Zeit so weitergehen, hat man sich zumindest einen Laptop zu kaufen, der den technischen Erfordernissen genügt, und zwar egal, ob mit eigenem Geld. Denn wer hier selber investiert und die Anschaffung beruflich nutzt, kann sie ganz einfach von der Steuer absetzen, wenn auch möglicherweise als Abschreibung über vier Jahre verteilt. Auf der eigenen technischen Zurückgebliebenheit zu beharren hingegen, ist nicht nur kontraproduktiv, sondern schädigend, sowohl das Lehramt als damit auch die Lernenden. Daß die dann schlichtweg keine Lust haben, ist so nachvollziehbar wie tragisch.
Und nun stellen Sie sich, Freundin, aber vor, daß von den ungefähr dreißig Teilnehmerinnen und Teilnehmern sich nur zwei zeigten, nämlich eine im Video live, die andere wenigstens vermittels eines Fotos; alle anderen blieben hinter hinter den schwarzen Kacheln komplett anonym, außer daß unter diesen jeweils klein die Namen standen. Ich meinerseits hätte mir das nicht gefallen lassen, nicht als Dozent, nicht als Mensch. Es ist nicht nur unhöflich, sondern als Verhalten beleidigend dreist. Das hätte ich so auch gesagt und würde es sagen; in dem Fall ging es nicht, weil ich dem Mann sein Seminar nicht quasi qua hostile merger wegnehmen wollte. Doch tatsächlich gaben immer nur die beiden, die sich zeigten, Antworten oder wendeten etwas ein. Die schwarzen Kacheln blieben bis fast ganz zum Ende mit zwei Ausnahmen stumm, deren eine das Nervende der online-Lehre zur Sprache brachte und wie sehr ihr die körperliche Präsenz fehle, ohne aber, bezeichnenderweise, zu begreifen, daß sie selbst das in der Tat Problem mit ihrer Schwarzkachelanonymität noch ganz besonders verstärkte.
Auch der Dozent kam nicht darauf, sondern stimmte in die Klage mit ein und, quasi, jammerte. Da war nicht die Spur von Autorität. Ich spreche nicht von Autoritärsein,  sondern einer Aura gelebten Wissens, die als Ausstrahlung, Charisma, körperlich im Raum steht und eben auch in einem virtuellen Raum. Genau das nämlich geht. Wenn man nämlich Autorität hat, eine aus gelebtem Leben, sprich lebendiger Erfahrung. Von der, bei Lehrenden, Bildung ein innerlicher Teil ist. Nicht nur deren Inhalt wird gelehrt, sondern rutscht der rutscht eh allein auf der Aura in die Köpfe und, nicht zu vergessen, Herzen. Wobei sich Autorität letztlich nicht planen läßt, sie ‘stellt sich ein’ oder in vielen Fällen nicht. Erst recht läßt sie sich nicht normieren, denn letztlich ist sie immer einzig. Das macht den Alltagsumgang für Betriebe problematisch, zu denen eben auch die Führung einer Universität gehört. Umso nötiger ist sie.
Entsprechend war ich nach dieser Sitzung geradezu wütend, obwohl ich dem Mann, der sich so sehr und klug mit meiner Arbeit beschäftigt hat und für ihre Wahrnehmung möglicherweise mit bedeutend werden könnte, dankbar sein muß und es auch bin. Aber warum hatte er nicht, wenn er ein Mann denn schon ist, die Eier in der Hose, seinen Studentinnen und Studenten zu sagen, er mache diese schwarzen Kacheln nicht mit?; wer sich nicht zeige, bitte, da die Tür. Wenn dann jemand erklärt, mit Gesicht nicht erscheinen zu können, weil daheim das WLan nur schlecht sei usw., ist das immerhin eine Erklärung, die sich verstehen läßt. Nur wird es der Fall nicht bei allen achtundzwanzig gleichzeitig sein. (Auch in meinem Seminar zeigen sich drei nicht im Video, aber mit eben dieser Erklärung, und haben zumindest Fotos eingestellt, abgesehen davon, daß alle rege mitdiskutieren. Man spürt extrem deutlich, wie alle d a sein und sich eben auch sehen wollen.)
Jedenfalls, wenn auch nur ein Drittel aller onlineSeminare so ist wie das geschilderte des Kollegen, ist es, zumal unter den extrem verschulten Zustände heutiger Unis, ein Elend. Was es eben nicht sein muß, wie meine Seminare und diejenigen zeigen, die, mittlerweile ebenso online, Phyllis Kiehl und andere sowie auch ich für die START-Stiftung abhalten.

[Rued Langgaard, Erste Sinfonie]

Zu dem, was ich lehrende Autorität, die hohe Notwendigkeit guter Autorität eben, nenne, gehört aber noch etwas anderes, nämlich sich selbst verletzbar zu machen. Wenn ich die jungen Leute erfolgreich lehren möchte, in diesem Fall eigenes sogar intimes Erleben als Material literarischer Texte zu verwenden und wie man es tut, bzw. tun kann, sie also formal schule, muß ich zeigen, daß ich selbst die Fomen anwenden kann. Ansonsten wär mein Reden hohl. So daß ich ihnen → die gestern in Die Dschungel eingestellte, nicht unheikle Szene hochgeladen, sie vorgetragen und zur Diskussion gestellt habe, selbstverständlich fragte ich erst, ob ihnen das recht sei, da es doch Zeit von ihren eigenen Arbeiten abziehen werde. — Erst jetzt, mithin, ist meine Position fachlich begründet, und vor allem auch sinnlich.  (Eine der jungen Frauen sagte hinterher sogar, sie habe Laupeyßers Hand wie körperlich an der eigenen Taille gespürt … “- wie machen Sie das?” Eine zweite, was mich ganz besonders freute, war gleichsam benommen davon, unversehens den Blick männlichen Erlebens, gerade bei einem so schieflaufenden körperlichen Geschehen, nicht nur eingenommen, sondern empfunden zu haben. Selbstverständlich gab es auch Einwände, wenngleich keine stilistischen, worum es ja gerade geht. Wir arbeiten an den Formen, nicht an der Angemessenheit oder Unangemessenheit von Inhalten und erst recht nicht an “Moral”. Das sollen Philosophen tun, Theologen und Juristen, aber nicht Dichterinnen und Dichter, und auch Dozenten nicht.)

Soviel dazu. Heute ist ein guter Tag.

[9.12 Uhr
Morgentoilette erledigt, im Anzug endlich jetzt.
Langgaard, Dritte Sinfonie.]
Heute ist ein guter Tag. Denn eben jetzt vor zweiundzwanzig Jahren, zwei Stunden und siebzehn Minuten kam mein Sohn zur Welt, und nachdem er gestern mit Freundinnen und Freunden hineingefeiert hat, möchte er zum Geburtstag den quasi traditionellen Familienbrunch diesmal nicht bei der Mama, sondern ausgestattet hier in der Arbeitswohnung vorfinden. Worüber ich mich enorm gefreut habe und immer noch freue, auch wenn ich mir erst nicht sicher war, wie लक्ष्मी es aufnehmen würde; bisher trafen wir uns dafür immer bei ihr in der sozusagen Zwillingswohnung. Meine Güte, die beiden sind jetzt auch schon fünfzehn … Aber sie schien eher erleichtert zu sein, ist in der Klinik extrem belastet zur Zeit, findet für sich selbst nur wenig freie Ruhe. Da ist es objektiv gut, wenn sie nicht auch noch die Vorbereitungen für unsern kleinen Festakt zu erledigen hat und an der Reihe diesmal ergo ich dran bin.
So bleibt für meine Arbeit nur der Vormittag. Besorgt hab ich schon alles, aber der große vollgestellte Mitteltisch muß abgeräumt und dekoriert, Salate müssen zubereitet (das Zwillingsmädel ißt vegan), Obst muß geschnitten werden sowie sind Caprese und die Aufschnittplatten, Käse  & Salume, anzurichten und alles auf dem mit Tellern und Bestecken gedeckten Tisch zu arrangieren (merken Sie, Freundin? auch dies wird zur Etude literarischen Stils; alles, was ich schreibe, hat mindestens eine Übung der Formulierung zu sein); dazu kommen die Kerzen, kommen geschnittene Avocados, in Öl und Knoblauch gegarte Crevettes, selbst Misosuppen stünden, wenn gewünscht, parat. Dazu Säfte für die Jugendlichen, indessen den Erwachsenen vom Gendarmenmarkt ein Sekt gereicht werden wird (eigentlich hatte ich einen Crémant besorgen wollen, aber dann mich umentschieden, weil Adrian Berlin so liebt), wobei die Zwilinge selbstverständlich, so sie denn mögen, ein wenig kosten davon dürfen, imgrunde sogar sollen, ginge es nach mir.
Ich werde später, wenn er eingedeckt, den Tisch fotografieren und das Bild hier nachträglich hinzumontieren. Das wird kurz vor 15 Uhr geschehen, wenn, dem Wunsch meines Sohnes folgend, der, ich sage mal, Empfang beginnen wird – so spät, weil er kalkulierte, daß seine Hineinfeierparty bis in den frühen Morgen währen werde und er also erstmal ausschlafen müsse, vielleicht sogar auf Μορφεύς seinen Kater übertragen; dann müßt’ den Kopfschmerz der, nicht er, und auch die Übelkeit ertragen. Fürtrefflich und, dachte ich, hinreißend witzig gedacht. Ich fand es ja schon klasse, daß der Freundestrupp beschlossen hatte, sich für die Party, wie meine Großmutter es ausgedrpckt hätte, feinzumachen, also in Anzug und Abendkleid zu feiern; Schritt für Schritt tun die jungen Leute ins Erwachsensein, und ohne es zu wollen. Sie wollen’s sogar gar nicht und tun es eben doch – etwas, das ich mit äußersten Vergnügen verfolge. Er selbst hatte, als er nach meinem Seminar gestern auf seinen Caffè hereinschaute, den grauen Lagerfeld schon an, Lagerfeld nebst Weste, darunter dunkles TShirt, in dunklen Sneakers seine Füße. Nur mochte er sich von mir noch passende Hosenträger leihen, weil er die wie ich gern trägt, nur daß es bei mir, der edle Gürtel liebt, andre Gründe hat, die mit der radikalen Gewichtsabnahme → während der akuten Krebszeit nicht nur zusammenhängen.
Jetzt, denke ich, wird der junge Mann tief schlafen, der junge, eigentlich, schon H e r r, als der er gute Chancen haben wird, mit dem Traumgott erfolgreich zu verhandeln, wie gleichberechtigt Aug in Aug; als Jugendlicher-nur würd ihm das nicht gelingen. Man braucht halt auch Respekt.

Doch jetzt, o Freundin, erst einmal ans Werk zurück. Bis, sagen wir, zwölf Uhr. Zwei knappe Stunden also noch Verwirrung.

***

[15.30 Uhr:](Der Blumenstrauß dem Sohn,
die Rose für die Mama)

[ca. 18.30 Uhr:]

 

[Weitere Impressionen]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

***

Ihr, vaterstolz,
ANH

Ein Hodengnom, leider nicht von ANH, im Arbeitsjournal des Sonntags, den 23. Januar 2022. Denn über das glückhafte Lehren.

[Arbeitswohnung, 7.06 Uhr
РазумóвскийIII C-Dur mit dem hinreißend fugierten Prestofinale]
Um zehn nach sechs hoch, nachdem ich gestern im Anschluß an das online-Ganztagsseminar lange noch, doch nicht vom Schreibtisch aus, Musik gehört habe, sondern konzentriert im breiten Musiksessel, der mit den Boxen jeweils die Spitze eines beinahe gleichseitigen Dreiecks bildet, bilden auch muß, damit sich Stereophonie perfekt entfalten kann – nur “nahezu” perfekt, weil die Klangwege der von den Boxen ausgesandten Tonwellen
nicht unabgelenkt sind:

Bei der linken steht der große Mitteltisch im Weg, bei der rechten ein vollgetürmtes Ablagetischchen; außerdem befindet sich nach links Richtung Ofen einigermaßen freier Raum, nach rechts hingegen gleich die Flurtür, die für zwar nicht wirklich starke Klangreflektionen sorgt, aber sie sind zweifellos da. Es ist halt, akustisch, kein trockener, sondern ein Lebens- und Arbeitsraum; klug hat auf diese Art Umstand BOSE seine Technologie gegründet und ausgerichtet; für unterwegs sind diese Lautsprecher deshalb meine Wahl. Hier freilich bleiben ihnen, und andren Marken sowieso, meine ProAcs gebirgshoch überlegen. Will ich indes den “reinen” Klang, nehme ich die STAXes, was ich, aus Rücksichtnahme auf meine Nachbarn, nach 20 Uhr meist ohnedies tue. Gestern allerdings nicht; da hörte ich laut bis zehn – und setze heute morgen fort, wo ich nachts aufgehört habe. Denn eigentlich geht es um op. 132 und speziell, darin, den “Heiligen Dankgesang eines Genesenden an die Gottheit”, dessen lydische Tonart, wie Sie, Freundin, wissen, eine ganz besondere Rolle auch in den leider weiterhin unabgeschlossenen Triestbriefen spielt. Jedenfalls höre ich mich von Beethovens Rasumowski I ff über op. 132 nach 135 nun durch; es wird mich diesen ganzen Sonntag  weiterbegleiten.
Doch seinetwegen, des Briefromanes halber, n i c h t kam ich auf ihn, den Dankgesang. Sondern als ich gestern einer “meiner” Studentinnen zuhörte, die ihren Text von schwerer Genesung und dem schließlichen Glück erzählen ließ, endlich, endlich wieder gehen zu können, fiel mir sofort Beethovens Quartettsatz ein, und ich sagte es auch, ja lud das Stück für alle herunterladbar ins Padlet hoch, in das für alle lesbar die Aufgaben und Übungsarbeiten eingestellt werden – übrigens eine von mir blöderweise nur zögerlich angenommene Empfehlung Phyllis Kiehls; hätte ich auf die kluge Frau vorher gehört, wäre einige Arbeit leichter gewesen. Wie nun auch immer. Bin halt ein Sturkopf. Aber die Erzählung dieser Studentin verströmte geradezu dieselbe Aura wie Beethovens ergeifender Tritus authenticus. Es war frappierend, gleichermaßen beklemmend wie erlösend. Ob nun diese jungen Menschen a u c h mit der Musik nun werden etwas anfangen können, weiß ich freilich nicht. Doch wenn ich lehre, tu ich es immer synkretistisch, beziehe also soviel wie möglich andere “Disziplinen” mit ein und verstreue – was, wenn wir alle Glück haben, ein Säen ist – dauernd Leuchtkapseln innerster Bildungsbeglückung.
Allerdings habe ich bei diesem → Bamberger Lehrauftrag das Privileg nicht nur hinreißend leidenschaftlich engagierter, sondern ebenso talentierter Zuhörerinnen und Zuhörer … – nein, Seminarmitgestalterinnen und -gestalter. Imgrunde muß ich kaum etwas anderes tun, als ihnen Augaben zu stellen, deren einige übrigens nicht unfies sind, aber tatsächlich extrem trainieren. Über die Lösungen, auf die die jungen Leute kommen, kann ich bislang nur staunen. Ich meine, ich lasse sie ihre je schönste Lebenserinnerung auf sozusagen Papier (“in Datei”) bringen, also etwas ihnen wirklich Nahes – das Seminar beschäftigt sich mit autobiografischem Schreiben -, und dann besitze ich die Unverfrorenheit, sie genau dieses Nahe extrem von sich fernzurücken, indem sie es noch einmal erzählen sollen, nun aber als Krimi, als Märchen, dialogisch oder gar im Dialekt sowie mit entweder vulgärem oder sentimentalem Vokabular. Für den poetischen Prozeß ist dergleichen selbstverständlich wichtig, ja unumgehbar, um zu kapieren, daß auch unser Nahstes, wenn wir schreiben und eben auch veröffentlichen wollen, ein pures Material ist, das wir zu behauen, zu feilen, zu schmieden und zu schmirgeln, zu formen also, haben. Was wir hinausgeben, ist nicht mehr unsres, löst sich von uns ab, bis es fremdkristallen dasteht. Sie wissen, Freundin, ich nenne dies den perversen Prozeß, weil in der Kunst eben auch unser Schmerz, selbst der tiefste, nichts als ein Material ist, das, gelingt die Formung, unversehens s c h ö n wird. Und, als aber eben Fremdes, b l e i b t.
Man kann dies lehren, ja. Aber worauf es ankommt, ist, es erleben zu lassen und dies als “Lehrer” schützend zu begleiten, und auch, die Studentinnen und Studenten, wo es Not tut, aufzufangen. Was Paglia über Sexualität schrieb, sie sei kein Spaziergang im Grünen (Wehe, wehe, “Wokeness[1]Nie vergessen! Die andere Seite der Reinheit ist immer — D r e c k.“!), gilt eben auch für die Kunst. Für sie sogar besonders. Nicht nur deshalb hängt beides derart eng aneinander wie, um mit Adorno zu sprechen, Eros und Erkenntnis. Es sind Paare.
(Zur Wokeness noch: Ein Student, der die “vulgäre” Variation sich ausgesucht und hinreißend uncorrect hat Erzählung werden lassen – es war, was wir alle fanden, wie eine Befreiung für ihn, einen Modus zu durchschwimmen, der heutzutage weniger erlaubt ist als er’s jemals gewesen, und insofern jetzt schon Lebenserfahrung; entsprechend lebendig geriet der Text … – also dieser Student brachte unfaßbare Schimpfwörter in die Welt, rundweg Neologismen, allerdings solche, die “schon bei ihrer Erfindung Zitat[2](Günter Steffens)” sind, darunter den, siehe meinen heutigen Titel, Hodengnom. Sowie “Arschkrampen”, “Rollbrettuntermenschen” (für Skateboarder), “Flachpfeifen” sowie “unterentwickelte Lärmdämonen”. Uns liefen die Tränen vor Lachen. Nicht zu fassen, wie sprühend lebendig online-Unterricht sein kann. Ich schrieb es Ihnen → dort schon und werde nun laufend bestätigt.)

[Von Rasumowski III zu op. 74 gewechselt.]

Jedenfalls. Es ist glückhaft, dieses Seminar zu geben. Daß es das ist, habe ich den Studentinnen und Studenten zu danken, denen es nicht einmal etwas ausmacht, wenn wir über eine Stunde überziehen. Was sich in den beiden bisherigen Ganztags-“Sitzungen” geradezu organisch ergab, wollten wir allen entstandenen Texten die Gerechtigkeit und vor allem Sorgfalt widerfahren lassen, die ihnen gebühren. Doch selbstverständlich wären nach den vier Sitzungen Vertiefungen nötig, besonders in Hinsicht auf Stilistik und, folgend, Konstruktion. Mehr als nur ein, und zwar g a n z e s Semester ließe sich damit füllen. — Und ich, ich selber lerne auch. Dafür das beste Indiz, zumal nicht ohne Witz, ist, daß mich der eine Texte dieser Studentin nun auf den Beethovenstreichquartett-Trip gesetzt hat, den ich mir, damit ich bei der weiteren Überarbeitung der Verwirrung nicht zu essen vergesse, soeben mit sechs Dronabinoltropfen angewürzt habe. Deshalb wird irgendwann, erfahrungsgemäß in etwa zwei drei Stunden, meine Zeit ihre abgegrenzten Konturen verlieren und zu einem musikpulsierenden Kontinuum werden, das meine Sätze als Karawanen durchziehen:

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist die Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin[3]Gottfried Keller.
Die Zeit geht nicht

Ihr
ANH

References

References
1 Nie vergessen! Die andere Seite der Reinheit ist immer — D r e c k.
2 (Günter Steffens
3 Gottfried Keller

ANH: “Form und Schönheit”. Die Lesungen und Gespräche des Internationalen DFG-Kollegs am 21. April 2021. Online-Videomitschnitt der Universität Trier.

 

Begrüßung Henrieke Stahl Moderation Ralf Schnell

Das Arbeitsjournal des 2. Novembers 2020. Rückblick: START im virtuellen Raum. Schreibkompetenzen I (2)

[Arbeitswohnung, 8.30 Uhr
György Kurtág, Jelek, Játékok és Üzenetek für Bratsche (1989 – 2oo5)]
Nachher also der Gang zum Chirurgen, der sich den Narbenbruch ansehen will und wahrscheinlich gleich einen OP-Termin anberaumen wird, schon um coronabedingt möglichen Engpässen zuvorzukommen. Den richtigen Schreck aber bekam ich heute früh — seit etwa sechs Uhr sitz ich am Schreibtisch —, als ich von der allgemeinen Ausgangssperre las, die über Österreich verhängt worden ist. Mit mich identifizierendem Entsetzen denke ich an meine Lektorin, meinen Wiener Arco-Verleger und die Innsbrucker Freunde. Als wär es mit dem “Lockdown” hier nicht schon schlimm genug.
Ich werde das Gespür nicht los, mein Instinkt rebelliert geradezu, daß ich eine Normalisierung der Umgangsweisen nicht mehr erleben werde, und zwar, obwohl ich wieder sehr, sehr alt werden will; mein Cardiomeß’chen im iPhone prognostizierte gestern 93, was immerhin drei Jahre mehr als die Lebensspanne Sean Connerys wären, der gestern, las ich ebenfalls vorhin, starb. Vielmehr sagt mein Instinkt, daß wir uns alle zu Monaden werden foemen müssen, die nur noch ohne Körper kommunizieren, und wenn wir unsre Gesichter sehen, werden wir nie sicher sein können, daß sie nicht elektronisch hergestellt worden sind oder sogar tatsächlich einem Roboter, einer Roboterin zugehören (einem programmierten “Arbeiter” also, einer programmierten “Arbeiterin”). Oder wir sind nur dann sicher, wenn etwas Störendes hinzutritt — wie an diesem Wochenende immer und immer wieder, wenn den Teilnehmerinnen und Teilnehmern meines Seminars das Netz zusammenbrach, oft vor allem deswegen, weil ja daheim gearbeitet wurde, wo wochenends aber alle Familienmitglieder zugegen sind, vor allem in Coronazeiten, und alle gehen zugleich ins Netz, und sei es nur, um zu streamen. Oder es wird in den Nachbarzimmern derart laut gesprochen und auch telefoniert, daß es die Seminararbeit extrem stört. In der Tat hatten wir mit so etwas sehr zu kämpfen; da half es auch wenig, irgendwann drauf zu verzichten, sich anzusehen, indem man die (viel Netzkapazität ziehende) Videofunktion ausschaltete. Aber selbst mit dem Ton hatten wir oft Schwierigkeiten. Hinzu kam eine gewisse Scheu der Seminaristinnen und Seminaristen vor den Laptops; sie mögen, war mein Eindruck, ihr Smartphone alle lieber — nur daß sich darauf nicht wirklich gut Texte verfassen lassen. In einem Fall gingen wir da den Umweg über die Email, das heißt, gesprochen wurde im iPad parallel, so daß ich hier in der Arbeitswohnung mit drei Bildschirmen beschäftigt war und mich durchaus an meine Brokerzeit erinnert fühlte, in der ich immer mal wieder mit vier Telefonen zugleich balancierte … keine Ahnung mehr, wo und wie ich sie zum Sprechen unters Kinn und zwischen Wange und Schulter eingeklemmt habe. Irgendwie ging es, muß ja gegangen sein, so.
Dennoch, bei all diesen Unbillen, kamen einige bemerkenswerte Texte heraus, und wären nicht die dauernden technischen Schwierigkeiten gewesen, ich hätte allmählich großen Spaß an dieser Art des Lehrens bekommen— einfach, weil ich hier am eigenen Schreibtisch, meinem sowohl realen wie virtuelle  Cockpit also, unmittelbar auf alle nur denkbaren Medien zurückgreifen und sie übermitteln kann, etwas, das in realen, ich sage einmal: Klassenzimmern nicht einmal denkbar ist, schon aus Gründen des Urheberrechts. Jedenfalls hatte ich unterm Strich den Eindruck, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien denn doch recht zufrieden und sogar darüber ein wenig überrascht gewesen, wie gut solch ein Seminar auch virtuell läuft. So kam es dann auch zu diesem Abschluß-Gruppenfoto noch:

***

So, muß mich für den Arzttermin fertig machen.

START im virtuellen Raum | Schreibkompetenzen I (1) | Schreiben und seltsame Musik

30. Oktober bis 1. November 2020

 

 

 

Musiken:
Imrat Khan, Raag (live 2001)
Giacinto Scelsi, Aion (1961)
Anahit, Poema lirico
sul nome di Venere
(1965)

Parisienne, Peirani,Schaerer, Wollny, “Katerchen” live (2017)

 

 

 

Testversuche (1)
Technik & Talente
Über drei Bildschirme

 


Aufgabenstellungen:

Schreiben mit und ohne Musiken im Kopf nach Ideen & Bildern | Spontane Wortketten (Synonyme) | Thema: Fremdheit (was ist das?)

Das (bisher) wohl spannendste Ergebnis: Zwei Muttersprachen haben.

___________________________
Fortsetzung und Abschluß: gleich  9.

 

 

 

Das Wiener Lektoratsjournal. Am Dienstag, den 22. Mai 2018.

Verlagshaus Arco, Schreibtisch gegenüber dem Verleger, 19.04 Uhr
Boris Blacher, Erstes Klavierkonzert (1947)]

Gestern intensives Lektorat – wobei meine Lektorin diesmal kaum etwas beanstandet, aber w e n n, dann fällt sofort das gesamte Gedicht und wird ausgesondert. Ich habe bewußt nicht gezählt, doch dürften es bislang acht oder neun gewesen sein. Nur daß etwas “ganz in Ordnung” ist, reicht nicht. Ähnlich werden wir auch bei den Gesammelten Erzählungen für Septime Frühjahr 2019 vorgehen, die also nicht den Anspruch der Vollständigkeit haben werden, sondern eine jede soll enormen Zug haben; nette Dahingeschriebenheiten fallen bei Elvira durch, ebenso wie übrigens Erklärungen, die ich bisweilen eingebaut habe, wenn ich davon ausgehe, daß bestimmte Hintergründe nicht bekannt sind. Das leidige Bildungsthema. Sie hat für sowas keinen Sinn; jeder könne nachschlagen, Bildungsinhalte sind schneller abrufbar als sie es jemals zuvor waren, selbst bei ausgesprochen speziellen Sachverhalten.
Sie ist streng, meine Lektorin, und ich selbst habe es bei mir noch nie zuvor erlebt, auf Einwände derart zu hören; während unserer ganzen bisherigen Zusammenarbeit – sei es beim Traumschiff, sei es bei der Aeolia oder jetzt dem Ungeheuer Muse – wogte in mir nicht ein einziges Mal auch nur die Spur des mir eigenen und mir also ziemlich bekannten Trotzes. Es ist gerade für einen wie mich ein riesiges Glück, solch eine Autorität gefunden zu haben. Nicht einmal nachher, wenn ich, wie heute,  die bereits erledigte Arbeit durchsehe, regt sich Widerstand. Allerdings speichere ich die gefallenen Gedichte in einem neuen Ordner ab, um sie vielleicht später noch einmal zu bearbeiten, nicht freilich mehr für den neuen Gedichtband, sondern für irgend einen späteren. Aber auch nur sehr vielleicht.
Und dann gibt es noch Gedichte, denen zwar Elviras Wohlgefallen gilt, die ihr aber für speziell dieses Buch nicht zu passen scheinen. Solche Texte haben wir provisorisch beiseitegelegt. Wenn es – was eine der Hauptarbeiten dieser Woche sein wird – um die An- und Zuordnung der Gedichte innerhalb des Bandes gehen wird, kann es nämlich sein, daß sich manche von jenen als Kippstellen oder Übergänge gut eignen. Das ist derzeit noch nicht zu sagen; in diesem Fall wird auch der Verleger dazu etwas zu sagen haben.

So verbrachte ich den heutigen Tag erst einmal mit der Übertragung der Lektoratskorrekturen; bei zwei Gedichten brauche ich einen Einfall, der mir noch nicht recht zurhand sein wollte. Doch dafür kann auch die umbrische Zeit bei Parallalie, ab dem Sonnabend, gutsein – der Flug nach Rom geht am Freitagmittag.

Schon zog es mich h i n a u s: laufen, laufen, im P r a t e r laufen! Und tatsächlich: Welch ein Laufgrund! Kaum zu erzählen, wie schön er ist… kilometerlang über Wald- und auf Pferdepfaden… rasend weich unter den Füßen –  der Erinnerung nach der überhaupt schönste Laufgrund, den ich kenne. Dazu meine neuen Barfußlaufschuh: als hätten sie gejubelt vor Glück!
Und fast gleich zu Anfang kreuzte eine enorm große Blindschleiche meinen Weg, wunderschön in ihrem eleganten Bronzeglanz; seit Jahrzehnten hatte ich keine mehr zu Gesicht bekommen, geschweige denn ein solches Exemplar.
13,3 Kilometer lief ich einfach durch, hätte auch noch weiter laufen können, aber hatte mich verfranst und ging dann, mit Googlemaps Hilfe, die knapp vier Kilometer hierher zurück. So will ich am Donnerstag, wenn ich Zeit für das nächste Training habe, die gesamte Strecke durchlaufen.

[Blacher, Hamlet – Poema sinfonico (1940)]

Morgen der Tag ist terminlich zu gefüllt, um mir Sportzeit nehmen zu können, – aber gut gefüllt. Unter anderem werde ich Ilse Dick treffen, die stilistisch so großartige Peixoto-Übersetzerin – eine Begegnung, auf die ich enorm gespannt bin.  Den Klang ihres wirklich ausgesuchten Deutschs im Ohr, war ich, als wir vorhin telefonierten, impulshaft amüsiert, ja hätte fast aufgelacht, weil sie, wenn sie spricht, es eben als Wienerin tut. Klar, logo, wie denn sonst? Außerdem mag ich das Weanerische ja sehr. Und dennoch.  Daß es spontane Irritationen gibt, deren Substanz der pure H u m o r ist, war mir, scheint mir, neu.
Ich habe ein Traumschiff für sie dabei. Vielleicht ist mein Gefallen an ihrer Sprache nicht  nur einseitig; vielleicht, daß sie auch meine Arbeit mag – also Elviras und meine. Denn schon das Traumschiff ist ohne diese begnadete Lektorin nicht einmal denkbar.

Mein Verleger schläft momentan. Es ging lange gestern nacht, zudem ich selbst da fast ungehemmt Wein in mir hineinkippte, obendrein Mirabellengeist – den ich heute morgen ziemlich spürte. Auch seinetwegen war zu laufen geradezu wichtig: “Siehst du, jetzt hat er” (wieder) “ein g u t e s Gewissen.” So hieß es uns Lenor in meinem fünfzehnten Jahr.

Ah, und eben kommt er aus seinem Zimmer… “Ich brauch ‘n Kaffee…”: also schlurft sein Bariton.
Wahrscheinlich werden wir nachher schon mal die bearbeiteten Gedichte durchsehen – und haben auch noch weitere Projekte im Sinn. Zu, Freundin, denen indessen jetzt noch nichts.

Sein Sie mir gegrüßt:
von Ihrem ANH

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