Das Dritte Tor. Aus der Nefud, Phase III, Tag 1. Fortsetzung des Krebstagebuchs aus der Wüste, Krebstag 48.

10.30 Uhr:

محطة التميمي

bevor wir uns an die Lektoratsarbeit machten. Zwischenzeitlich hat sich diaphanes wieder gemeldet; Michael Heitz, der Verleger, halte ganz unbedingt an unserer Buchidee fest:

Geplant hatte ich die Publikation ja in einer Reihe besonders gefertigter Ausgaben, limitiert und in besonderer Auswahl, à part von Markt und dessen Oberflächlichkeit. (…) Aber (…) ich denke mittlerweile, dass wir diese Publikation auch regulär anzeigen sollten. Das Projekt war und ist eng verbunden mit Paris, einer gewissen frz. Tradition bibliophiler Ausgaben von Dichtung und meinen Bemühungen, andere Kanäle und Orte für Literatur als Kunstform zu suchen.

Also muß das lektoratsfähige Typoskript in Wien und Zürich spätestens dann liegen, wenn ich Aqaba erreicht haben werde und Lis und meine Trennung & Vereinigung von uns vollzogen werden wird, und von den Chirurginnen, Chirurgen – in also nicht mehr ganz einem Monat.

 

 

 

Moment … Kanüle ….

Wüstenklänge, Wüstendonner: Aus dem hohen Felsen ein Fensterkonzert (aus der Nefud, Phase II,8: Tag 14). Der Ritt sodann auf محطة التميمي بالرديفه. Am Montag, den 15. Juni 2020.

 

[صحراء النفود.عالم آخر
Mittagslager, 13.05 Uhr]

 

Ich war genervt gestern abend, ich geb es zu; die Tumorin hatte mich ziemlich am Wickel. Dann aber standen wir da und schauten hoch — “wie gebannt”, so würde in Kitschromanen formuliert und da wohl weiterhin so stehen .. schauten vor der Duncker 67 direkt auf den fensterdurchbrochenen Granitberg; zum Ersten Hinterhof der 68  geht’s aber unten gleich links; wiederum daneben waren auf die Straße Tische und Stühle vor die Kleine Kneipe gestellt, auf denen eine Gruppe Handwerker Platz genommen hatte, die sich gänzlich unmuslimisch vollauffen ließ (unsizilianisch übrigens auch), und einer von denen grölte dermaßen und von sich selber dauerbegeistert, daß ich in Gedanken bereits meinen Krummsäbel wetze. Es ist ein großer Vorteil an dieser Nefud, daß ich töten kann, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen. Und diesen Handwerker, primitiv, dumm und möchthaltgerne “Alpha”macho, wollte ich in der Tat lange nicht mehr leben lassen. Schon, weil er die anwesenden, aber auch vorüberflanierende Frauen mit “Muschi” ansprach: bei besoffenen Arschlöchern wie diesem bin ich für die Todesstrafe und darf es, als nunmehr selbst vom Jenseits Bedrohter, auch sein. Außerdem muß ich eh nichts andres tun, als mein Bezugssystem zu wechseln.
Noch freilich stand ich vorm Haus meiner Arbeitswohnung, von wo aus momentan weder Röhrerich zu sehen war, noch waren’s seine Haremsdamen; noch aber auch war Faisal in der Nähe, um von ibn Gamael zu schweigen. Und ich, ich trug schwarzen Anzug, tiefdunkelblaue Weste zu dunkelblauem Hemd nebst gelber Krawatte, war für die Wüstenhitze eigentlich viel zu warm angezogen. Doch wär ich in der Thobe noch mehr aufgefallen. Und es macht mir ja auch Freude, mich zu kleiden: Ich ehre Lilli so. Woher hätte ich allerdings wissen können, daß der besoffene Krakeeler nicht etwa wirklich ein Handwerker – ein Dachdecker, der Tracht nach –, sondern in der Anderswelt niemand andres als ausgerechnet Bassam war, der Lächler, dem ich → vor zwei Wochen das Leben gerettet habe? Nein, er lächelte auch jetzt noch nicht, aber, eben, grölte, und da ich, wie gleich zu Anfang erzählt, schmerzhalber genervt war …

Doch erst einmal das Konzert, in dem, wenn Sie genau hinlauschen, auch die Stimmen der Wüstengeister zu vernehmen sind, in dieser Aufnahme hier von Sek. 26 bis 35. Sie müssen aber wirklich ganz genau hinhören, während Sie sich, am besten mit geschlossenen Augen, die Landschaft beschauen, weil sie auch Ihnen, Freundin, sonst den Atem nimmt:

So also saßen und standen wir draußen vor der Bergfront, gestört nur von bisweilen passierenden Kraftwagen sowie von Bassam, dem Gröler … — was mir endlich zuviel wurde, so daß ich die Thobe beiseiteschlug und das kurze Mondschwert griff, das drunter in der Lederscheide baumelt. — “Sie sind dermaßen dumm!” sagte ich, als ich an Bassam herangetreten war, der es noch für einen Scherz hielt, für einen schlechten immerhin, und aber dennoch aufstand, wie wenn er sich prügeln mit mir wollte. Er schwankte aber nur und sabberte mich an.
“Wer Leben schenkt, darf es auch nehmen”, wiederholte ich und holte aus.
Man glaubt nicht, wie leicht sich vom Rumpf ein Kopf trennen läßt. Ich tat es mit allem Geschick und aller Energie, die Liligeia mir gegeben. Oh Liligäa, meine Muse! Wer täglich mit jemandem von solcher Grausamkeit umgehen muß, bekommt bald selbst ein dickes Fell.
Der Kopf des Idioten knallte nicht, sondern klatschte auf das Dunkerpflaster, wobei der Typ selber, als ob er sich auch noch für Störtebeker hielt, an seinen Leuten vorbei wie ein rot aus dem Hals fontänendes  Piratenhendl zur Stargarder lief, vielleicht um, wenn auch zu spät, die Polizei zu rufen, weil er sich sicher sein konnte, da auf ähnliche Intelligenzen zu treffen, jedenfalls im nicht gehobenen Dienst. Dennoch war mir klar, mich aus dem Straßenstaub machen zu müssen, und zwar schnell. Weshalb ich das Ende des Konzertes nicht mehr abwarten durfte, statt dessen die nächste Lappenschleuse nahm.
Schon saß ich neben Faisal vor dem Zelt; wir hatten unser letztes Lager vor der nächsten Relaisstation genau unter dem Konzertberg aufgeschlagen. “Haben Sie die Stimmen der Geister gehört?” fragte er, sah aber in den funkelnden Sternhimmel hoch.
“Geister?”
“Manchmal rufen die Dschinns nach dem Krebs. Dann haben sie Partei genommen.”
“Und wessen?”
“Wenn sie nach der Krebsin rufen, dann die Ihre. Lassen Sie’s uns hoffen. — Aber ich denke, wir sollten weiterreiten, sonst kommen wir heute abend nicht rechtzeitig an. Sie müssen morgen früh ausgeruht sein.”

So sind wir denn wieder auf dem Weg, nunmehr zum dritten Höllentor der Wüste.

Ihr ANH

Die Nefud lebt: Donner und Lavendelregen. Dazu das Unterwüstenschiff. Aus der Nefud, Phase II (7, Tag 12). Sonnabend, der 13. Juni 2020. Krebstagebuch, fünfundvierzigster Tag.

[صحراء النفود. عالم آخر, Morgenlager, 7.53 Uhr
Peter Maxwell Davies, Streichquartett (2015)
73,6 kg]

Da brach dann das Gewitter los. Es hagelte sogar – Körner von Taubeneigröße! Und in Sekunden, so weit ich sehen konnte, verschlammte die Wüste zu einem sich ganz gewiß über den Horizont ins Weltall hinabstürzenden, wenn auch untiefen See, aus dem sich die jetzt strömungsumzischten Granit- und Sandsteinfelsen des uns allezeit begleitenden Gebirges wie die Trutzmauern der Burgen Ymirs erhoben, aus dessen zerstückeltem Körper bekanntlich die Welt komponiert worden ist – wobei Midgard langsam zerfällt, weil es aus meinen Augenbrauen entstand, die mir jetzt auszufallen beginnen, quasi “pünktlich”: – “nach etwa vier Wochen”, hatte Faisal angekündigt, direkt bevor wir in die Nefud eingeritten sind. “Eine Strahlungsfolge”, vor allem, ließ er indirekt einfließen, seit die USA nicht nur, wie bekannt, im heimatlichen  Nevada (“Nicht in den Lichtblitz schauen!”), sondern auch hier eine ganze Reihe selbstverständlich inoffizieller Atombombenversuche, habe durchführen lassen. Eine Bemerkung, deren Wahrheitsgehalt ich allerdings auch dann zu bezweifeln wage, wenn Jordanien de facto dem wirtschaftsimperialistischen Westen der verläßlichste arabische Partner sein sollte. Auch wir Deutschen haben da ja Truppen im Land.

Übrigens, Aqaba — Berlin. Machbar, nur billig würd’ es nicht:

Wie auch immer, der Tag hatte mich gebeutelt, Li also, nicht er. Wie schon am Ende des ersten Höllenkreises gingen auch jetzt die Brustschmerzen wieder los. Sie stehen horizontal auf dem Sonnengeflecht, als ob sie links das Herz und rechts die Brust durchstießen, sich aber nicht bewegen, sondern stille, fast wie in Habacht, begutachten, wie ich mich verhalte.

Ich verhalt mich gar nicht, muß einfach meinen Sitz auf Röhrerich behalten. Was schwierig ist, wenn man sich ständig krümmt. Und da in solchem Zustand weder das Dronabinol noch die THC-Tropfen helfen, nehme ich ich halt doch vom Novamin. Auch hier schlagen besonders die Tropfen sehr schnell an, und man kann zur Tagesordnung übergehen. Lästig ist sonst nur noch, bei jedem Schnäuzen, das dauernde Nasenbluten sowie weiter unten, nämlich hinten das, ebenfalls eine Folge der Wüstenstrahlung, Jucken. “Nicht schlimm, nur, das ist das Wort, lästig“, wie ich’s gegenüber Faisal abtat. Aber Röhrerich schwankt ganz im Gleichtrott meiner Stoik —

— als dieses KRACH!!!en losging, ein Riesenknall, der gleichsam die Sonne ausknipste, im Bruchteil einer Zehntelsekunde, alles war schwarz, alles schrie durcheinander, auch die Träger und Dromedare schrien, die Scouts, unser Kaffeekoch, und die Sintflut donnerte, donnerte, donnerte!! auf uns herunter. Keine Sünde hatte jetzt noch Chancen, die Kamele steckten, sogar Rih, die Köpfe in den Sand, was, dachte ich, wir Menschen hätten besser ebenfalls getan, nur daß wir unsere Nasen, die natürlich auch nicht schlitzförmig sind, weder gegen den Sand verschließen können, noch vermögen sie,  den Wasserdampf der ausgeatmeten Luft zur Kühlung von Blut, Augen und Gehirn wieder aufzunehmen. Das haben uns diese Wüstenwunder sehr weit voraus. und läßt uns darüber hinwegsehen, daß sie sich bisweilen wie Vögel Strauße verhalten (allerdings bin ich mir unsicher, ob sie dieses vielleicht nur in Anwesenheit ihrer Menschen tun, vielleicht, um sie zu beruhigen; zumindest Röhrerich hat eine deutlich pädagogische Ader). Jedenfalls riß mich eine auf mich herabgestürzte Wassersäule, die an beiden Flanken Rihs ablaufen wollte, aber nicht -“lief”, sondern -“stürzte”, aus dem Sattel, wobei sich mein Leib nicht entscheiden konnte, ob nach links hinabstürzen oder nach rechts, so daß es mich erstmal fast entzweiquetschte, bevor mich durch heftiges Schütteln Röhrerich endlich erlöste und ich zwischen seinen Schwielensohlen in den kochenden Sand knallte. Es war nämlich nicht etwa kühler geworden, die Nefud brodelte. Als auch noch der Boden aufbrach und … tatsächlich,  nicht zu fassen, Faisal konnt mich grade noch wegreißen, andernfalls ich in den Malstudel gestürzt und in die Tiefe teils geschleudert, teils gezerrt worden wäre, die sich gurgelnd unter dem zu unserem Entsetzen auftauchenden monströsen Untersandboot auftat. Was einerseits an meine geliebte Orion erinnerte, aber andererseits halt in der Wüste sich zutrug, so daß meine Liebe zur Raumfahrt mit einem sozusagen Pompeji kollidierte, das wir nun hinterlassen würden, Faisal, ibn Gamael, die Scouts, des Kaffeekoches kurz unsere Bedienstetinnen. Würde ich, schoß es mir durch den Kopf, jetzt überhaupt noch die nächste Relaistation, محطة التميمي بالرديفه , erreichen? Oder hatte unsere Nefuddurchquerung tatsächlich ein ungewolltes Ende erreicht? Ah, ich spürte Liligeia jubilieren! Sie trat gleich noch mal nach … stach nach, muß ich es nennen, das war alles nicht sehr schön und ging wie einer jener diamantbewehrten Schneckenbohrer in meine Organik, wie sie sich “quasi reibungslos in den Sand der” hier nun nicht innerasiatischen, sondern eben saudiarabischen Wüste gruben, “die Tiefenruder bewegten sich geschmeidig und vergößern den Tauchwinkel”, der jetzt, beim Aufstieg an die Oberfläche, deutlich kleiner wurde, aber genau deshalb die Fliehkräfte des Sandes geradezu anpeitschte. “Ein auf einer nahegelegenen Düne stehender Beobachter hätte, vielleicht erfüllt von abergläubischem Entsetzen, sehen können, wie das Boot gemächlich” aus der “lichtlose(n) Welt dort unten” auftauchte und schließlich hälftig, und als würde es mächtig schnaufen, auf dem Sand flach liegen blieb, “wobei sich dort, wo das Heckruder gewesen war, nur ein flüchtiger Staubwirbel erhob”. Wozu Inspektor Clouseau (als Dr. Nemo Seltsam) später, der uns mehr oder minder gewaltsam hatte an Bord hatte bringen lassen, folgende Erklärung abgab, derweil der ziemlich mißtrauische Ned Land (in der Rolle unsres Kaffeekochs), Peter Lorre (als Lars ibn Gamael), Faisal (Professor Annorax) sowie James Mason als ich selbst mit  ihm am Tisch der Nautilus saßen und Wüstenwürmer probierten, deren Aroma sich durchaus mit Muscheln vergleichen ließe, wären sie Fleischmassen nicht derart gewaltig (dennoch: “Sandmuscheln, ja, gibt es auch”) … — also die folgende Erklärung:

“Bei den”, begann Dr. Seltsam, “nächtlichen Ritten auf seinem Kamel hatte Lindsay Noseworth herausgefunden, daß er es nun tatsächlich genoß, allein zu sein, dem unablässigen Chaos der alltäglichen Deckwache enthoben – das Blickfeld sternengetränkt. Vierdimensionalität in reinster Form, mehr Sterne, als er je gesehen hatte, doch wer hatte schon die Zeit gehabt, sie zu betrachten, da so viele kleine Aufgaben die Auen auf die Banalitäten des Alltags zwangen. Um ehrlich zu sein, hatte er nach und nach Zweifel am praktischen Nutzen des Sternenlichts entwickelt. Er hatte in letzter Zeit große historische Schlachten studiert und versucht herauszufinden, wie die Lichtverhältnisse während er Gefechte gewesen sein mochten, und schließlich hatte ihn sogar der Verdacht beschlichen, das Licht sei möglicherweise eine geheime Domäne der Geschichte – die Frage war ja nicht nur, wie es ein Schlachtfeld oder eine gegnerische Flotte beleuchtet hatte, sondern auch, wie es während einer entscheidenden Staatsratssitzung durch ein bestimmtes Fenster gebrochen worden war, welchen Eindruck es, ausgehend von der jenseits eines bedeutenden Flusses versinkenden Sonne, erweckt hatte oder welchen ganz besonderen Schimmer es auf dem Haar einer in politischer Hinsicht gefährlichen Ehefrau, deren ich zu entledigen man entschlossen war, erzeugt und dadurch die Exekution verzögert hatte.”

(Peter Sellers bediente sich der Übertragungen Dirk van Gunsterens und
Nikolaus Stingls — die selbstverständlich hier genannt werden müssen.)

“Oh wie incorrect!” rief ich aus, aber mehr, um davon abzulenken, wie entscheidend mir die Dominante der Geschichte auch für unsere Nefuddurchquerung zu sein schien. Denn klar war mir, daß wir so schnell wie möglich aus dem Untersandboot wieder hinauskommen mußten; irgendetwas an Dr. Seltsam war seltsam, er hatte so einen Tick mit dem Arm. Und vor allem, da war es wieder (“Ach … Verd ..!” entrang sich sogar Faisal), war es wieder, das fatale Wort, das ich, auf Anweisung der Ärzte, nicht aussprechen, ja nicht einmal lautlos artikulieren durfte.

RRRUMMMMS !!!!

“Ein Rohbruch! Sandeinbruch!”

Bloß weg.

Draußen röhrte Röhrerich, und seine Gefährten röhrten mit ihm. Ich sah Peter Sellers zerfließen, er wurde selbst rein Sand. Nur daß Peter Lorre jetzt den Gamael aufgab, sich Lars’ Gesicht vom Gesicht zog, es war eine hauchdünne, hauchenge Maske, seinen Ausweis hervorholt, Bundesnachrichtendienst, Wir beobachten Sie seit langem, Kommen Sie unauffällig mit, meine Güte, also jetzt doch noch (dabei saß ich ganz gewiß nicht in Professor Jostings Infusionszimmer und → sah auf die Geheimdienstgebäude hinaus; meine dritte Chemo steht “real” für den kommenden Dienstag erst an) … doch nochmals

RRRUMMMMS !!!! Krkrrrrrrrrrrrrrrrrrrk !!!

Prkztzkrrrrssss (!)

und laaaaangsam tat sich die Wüste unter dem Schiff wieder auf, stülpte die Lippen suckelnd des Sandstroms, der sich schon wieder zu drehen begann, um das Unterwüstenboot und schluckte es, derweil wir Freunde losgespritzt und durch die Bullaugen waren, hinaus, weil die Matrosen sie zum Lüften noch offengelassen hatten. So konnten wir, derweil das Ungeheuer versank, uns retten —

— na gut, mich rettete eher wohl Faisal; ich war wegen der Schmerzen, in denen Liligeia ganz begeistert tobte, denn doch etwas behindert und wußte dann auch gar nicht, als ich wieder zu mir kam, ob das WüstenUntersandBoot nicht eher eine THC-bedingte Halluzination, allenfalls eine hochgespülte Erinnerung gewesen war. Tatsache allerdings war nun etwas anderes, nämlich hatte dieser gewaltige Regen aufgehört und die Wüste sich beinah wieder ausgetrocknet, in allerdings lavendelnder Pracht. Die Blüten überzogen das gesamte, gleichsam auferstandene Wadi:

Doch damit nicht genug. Nachdem ich die Schmerztabletten geschluckt und sie zu wirken begonnen hatten, machten wir uns auf den Weg zum, so hat “Gebirg der Wüstensänge”, den wir, heißt es, heute gegen abend erreichen werden und wo es, auf der Dunckerstraße, ein “Fensterkonzert geben soll”: von den geöffneten Scheiben des ersten Stockwerks des Haus Nr. 67 auf uns, die Kamele und alles Lavendel hinab. Ich werde die Klänge, denke ich, mitschneiden.
Jetzt aber müssen wir eilen.

ANH
(bislang schmerzfrei, heute)

 

 

| Eine kleine Auszeit von der Wüste |
Maxwell Davies’ Strathclyde Concertos im Krebstagebuch des Donnerstags, den 11. Juni 2020 (Tag 43/Chemo[2} Tag 10).

[Arbeitswohnung, 14.18 Uhr; morgens 74,1 kg
Peter Maxwell Davies, → Strathclyde Concerto No 2]

Etwas schwieriger Tag heute, die Tumorin meldet sich quasi unentwegt, seit ich wegen der Chemophase II zum Kontrolltermin losgezogen bin – da, um halb neun Uhr morgens, noch ohne irgendein Medikament. Denn die Nacht war gut, Dronabinol nehme ich meist eh erst gegen Mittag. Was ich spüre ist, daß die Wirkung der Zytolastica nachläßt, Li also wieder Raum zum Atmen bekommt, den sie sich weit ausstreckend nicht nur leidlich nutzt. Also ausnahmsweise wieder dreißig Tropfen Novamin eingenommen. Um unabgelenkt weiterarbeiten zu können. Allerdings höre ich mich derzeit so sehr in Maxwell Davies ein, der, wenn auch sechzehn Jahre älter, an mir insofern vorbeigestorben ist, weil ich mit seiner Musik zwar durchaus in Berührung kam, erstmals mit einer fehlgepreßten Salomé-Vinyl (die Spuren sind auf den Platten falsch, ziemlicher Seltenheitswert), die mich auch kurzzeitig interessierte; dann fand ich aber nicht wirklich hinein. Das ist jetzt völlig anders, interessanterweise nach einem, sagen wir, → Umweg über Hakola, den ich in der Anderswelt → parallel zum ersten Höllenkreis der Nefud ging. Besonders angetan haben es mir unterdessen die Strathclyde Concerti; ich hör meist mit den STAX →auf den Ohren.
Jedenfalls hilft die Musik durchaus mehr als irgendeines der Medikamente — abgesehen allenfalls von Cagliostros THC-Öl, dem ich mich tagsüber nicht so gerne aussetze, weil ich nicht dauerbekifft sein will. Was ich in den ersten Tagen der Chemo II ja durchaus war. Sie werden → es gelesen haben.
Die Werte heute bei der Kontrolle erneut in Ordnung; der ständigen Blutschneuzerei soll ich stoisch mit Bepanthen begegnen; es seien tatsächlich nur, als Folge der Chemo, ausgetrocknete Schleimhäute. Und bitte das Dexamethason nur je die beiden Tage nach neuen Infusionen einnehmen. Ansonsten immer wieder auf den Körper hören, sich auch tagsüber mal langlegen, wenn die Müdigkeit kommt oder das wenn auch nur chemisch bewirktes, also faktisch nicht wirklich geerdetes Angestrengtsein, Doch dann zu liegen und mit den Kopfhörern Neue Musik zu hören, hat etwas fast Erlösendes: etwas zwischen höchst konzentrierter Meditation und einem Schwebezustand des ganzen Körpers, physisch, ja! … nicht nur imaginiert eso-religiös. Dann zieht es mich aber doch wieder an den Schreibtisch zurück.

Dieses Mal was Josting gar nicht Faisal. Der chirurgische Eingriff werde kein Spaziergang werden, auch nicht für einen wie mich. (Ich hatte von Matthias Biebls Satz erzählt, mir könne man auch eine heftigere Operation zumuten). “Bitte unterschätzen Sie die Gefahr nicht. Die Sterblichkeit bei dem Eingriff liegt, ganz unabhängig vom Krebs, bei immer noch über vier Prozent. Und auch sonst kann gerade diese OP böse Nebenwirkungen haben, die Infektionsgefahr ist enorm. Doch wenn sie die ersten vierfünf Tage überstehen, können Sie davon ausgehen, bereits im August wieder zuhause zu sein.” “Ah, dann könnte ich vielleicht doch noch in diesem Sommer nach Italien…” “Wohin?” – So daß ich von → Parallalie erzählte, den Projekten mit dem Übersetzerfreund … und als der Arzt nun hörte, wir hätten → Joyce übersetzt, geriet er fast wie neulich bei Schostakovitsch aus dem Häuschen, habe soeben den ULYSSES zuende gelesen, ja, etwas gebraucht, das schon, aber … Welch ein Buch! Und: “1904, das müssen Sie sich mal vorstellen!” Ich dachte sofort, weil er auch noch → den mir unsäglichen David Foster Wallace erwähnte, daß ich ihm zum nächsten Mal unbedingt einen WOLPERTINGER mitbringen muß, über das ich gerade wieder → derart schöne Sätze lesen durfte (ich hätte sie gerne auch → dort stehen; so eitel, sie selbst da hinzusetzen, bin ich aber denn doch nicht).
Wobei uns dieses Gespräch zumindest insofern wieder verfaisalte, als wir auf dem Navi nun doch schon, für kommenden Dienstag, das diesmal in einen, so heißt es, Tankstellenkomplex integrierte Relais fest einprogrammieren konnten: محطة التميمي بالرديفه . Allerdings liegt diese Station einigermaßen ortsnah an einer langen, von Lastwagen durchdonnerten Wüstenstraße, die wir nach den Infusionen ganz sicher schnell hinter uns lassen werden, weil sie das, ich schreibe einmal, Aqaba-Projekt insofern gefährdet, als sie in den Mischer unsrer Heldenreise entschieden zuviel an pragmatischer Realität hineinschütten wird. Doch wird uns die Pforte des Dritten Höllenkreises ohnedies aus dem Jordanien nur-der-Gegenwart jäten, sowie wir eingeritten sein werden in ihn.

Zurück, fand ich im Briefkasten die erste Zuzahlungsrechnung der Apotheke meines Ontologen:

Für die erste Chemophase also 87,24 EUR; alle vier Sitzungen werden mich allein bei den Medikamenten auf knapp 400 Euro kommen lassen; ein Viertel meines monatlichen Lebensunterhalts, dazu noch die Krankenhauszuzahlungen sowie die Zuzahlungen für von der Hausärztin verschriebene Arzneien, etwa das Dronabinol. Es ist wirklich dringend, die Befreiung durchzusetzen, sonst mach ich irgendwann die Grätsche. Schon coronahalber hab ich ja zur Zeit überhaupt keine Einnahmen.

Ah, immerhin hat jetzt das Schmerzmittel gewirkt, so daß ich ruhig weiterarbeiten kann. Auf jeden Fall muß ich mit dem Finale → der Béarts weiterkommen. Aber daß ich heute früh meine in den Suchmaschinen nicht mehr verlinkte → Besprechung von Pynchons GEGEN DEN TAG eingestellt habe, geschrieben 2008 für den Freitag, hat selbstverständlich mit den Wüstenschiffen zu tun, die mich derzeit so umgeben, und eben Pynchons hinreißender Erfindung des → Unterwüstenbootes. Wäre es nicht grandios, wenn unsre kleine Karawane solch einem, wenn es auftaucht, begegnet? “Mr Nemo, I presume?” Ich wünschte mir ein Bild Röhrerichs, wie er am Bug → der Nautilus rastet, auf der ich sitze, etwa so, um mein liebes Dromedar endlich zu entlasten:

In diesem Sinn reagierte ich dann auch wieder auf meines Dr. Faisals Warnung:  “Sehen Sie, ich bin in ein Abenteuer aufgebrochen, das eben nicht nur Film ist, sondern es ist Realität, wie wenn ein Messemer den Mt. Everest besteigt: auch da ist der Ausgang niemals gewiß – etwas, das für jede richtige Expedition gilt. Auf eine solche hab ich mich mit meinem Krebs begeben. Sehen Sie’s mir deshalb bitte nach, daß ich ein 4-prozentiges Sterberisiko da nicht ganz für voll nehmen kann; zumal ist die Gefahr eines tödlichen Unfalls alleine im Berliner Straßenverkehr täglich sehr viel größer, und vor allem, mein geehrter Wüstenfreund, will doch niemand unter uns in einer rosa Fernsehshow verdämmern, anstelle wild zu sein — zu leben, ja, so mein ich’s, auf der Welt!”

Wieder in der Arbeitswohnung, mußte ich mich aber dann doch noch einmal hinlegen, so seltsam hatte mir die kleine Fahrradtour zugesetzt – stärker, deutlich stärker als irgendein Geschwanke meines Rihs. Doch ich konnte, wir erzählt, meine Kopfhörer nehmen und endlich, endlich zu verstehen beginnen, welch poetisches Blut diesen britischen Komponisten durchströmt hat. Es gibt Musiken, die öffnen ihre Sesams uns sofort – manchen von uns, enigen hingegen nie, und einigInnen –, indessen Andrer Türen wir erobern müssen. Nun wird mir Peter Maxwell Davies’ Lebenswerk zu einer Farbe meiner um Li geführten Heldenreise. Daß auch er ein Krebsleiden hatte, an dem er vor etwas mehr als zwei Jahren starb, im allerdings da bereits vergleichsweise hohen Alter von 81, mag unsere lyrische Nähe ein bißchen unterstreichen, die er mir nun posthum geschenkt, der ich nicht nur, doch deshalb auch noch lebe:

Welch Privileg, oh Freundinnen und Freunde, noch in meinen Jahren erhöhen und weiter erhöhen zu können und also es zu – dürfen:

Wie aus der wolkenzerrissenen Nacht die Sonne, Anahit also, heraufsteigt, doch drehn wir uns drunter (alle die schlummernden Dächer, die rotgelb darunter erwachen, den Wipfeln des Hainpar­kes bei) – wisse, mein Sohn, um die Astronomie. Die innere Astro­nomie kenn aber auch, die von Menschen dem Menschen ge­machte, und sieh ihn, meine Junge, den Sonnengang, weiter als Inkarnation heller Göttinnen an. Sie sind das Nahe und nicht die Mechanik. Profanes ist‘s nie. Aufladung ist das Geheimnis: be­wußte Verklärung. Uns rettet nur beides zugleich: Wissenschaft und unser Traum.
Das bleibende Thier,
Zweite Bamberger Elegie

ANH

[Peter Maxwell Davies, Strathclyde Concerto No 3]

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