Das Arbeitsjournal des Montags, den 19. Oktober 2020. Die Brüste der Béart, 61.

[Arbeitswohnung, 6.23 Uhr
France musique contemporaine:
Rautavaara, → Etydit op. 42 (1969)]

Zweiter Tag einer intensiven → Béart-Nachbearbeitung, sowohl rhythmisch unter deutlicher Einbeziehung des → Wiener Lektorats als auch strukturell, wozu besonders der Amerkungsapparat gehört, insofern ich Fußnoten im “eigentlichen” Text vermeiden und nur dort zulassen will, wo etwa etwas auf Japanisch steht, dessen Aussprache bekannt sein muß, um den entsprechenden Vers klingen zu hören. Zum Beispiel steht in der (nach der Wiener neuen Anordnung) No XXXI das für ein Gefühl der Traurigkeit stehende Wort 物の哀れ, das der Vergänglichkeit der Dinge nachhängt, mit der indessen sich abgefunden wird. Es wird mo’nonoa’ware ausgesprochen, also mit der Betonung auf dem zweiten “o” und dem “wa”. So etwas muß selbstverständlich im Fließtext gekennzeichnet sein. Gleiches gilt für auf Griechisch geschriebene sowie Wörter in Sankrit (etwa योनि / Yoni). Erklärungen aber, so sie sein denn müssen, auch solcher Wörter, gehören in den Apparat — so etwas zum Beispiel (für das GRATIA PLENA, i.e. No II):

  • o Tochter Deines Sohnes: Figlia del tuo figlio (Dante, Canto del paradiso XXXIII)

Nur wenig Bildung aber, insgesamt, läßt sich noch voraussetzen, ein Umstand, der auch eine Ablehnung aufgrund von Mißverständnissen verursacht; vieles ist überhaupt nicht böswillig; es wird nur einfach nicht mehr “verstanden”, und es wäre eine Form recht dummer Arroganz, wenn ich das nicht zumindest ein bißchen mit berücksichtigte.
Wie nun auch immer, sobald ich mit diesem Durchgang (hübsch!) durchsein werde, wird noch einmal das gesamte Buch auf Rhythmik, gelegentlich auch Bedeutung gelesen, um schließlich zum zweiten Durchgang an Elvira M. Gross sowie diaphanes geschickt zu werden; und in den entsprechenden Sprachen kompetente nahe Freunde bekommen einzelne Abschnitte zur gegebenenfalls Korrektur der italienischen, altgriechischen, lateinischen und arabischen Stellen; es sind insgesamt nur wenige, aber von Bedeutung, zum Beispiel die Umwandlung von “Allah u’akbar!” in die Anrufung einer/der Göttin.
Komlett unklar bin ich mir noch darüber, welches Format der Verlag wählen kann, bzw. muß, um satztechnisch nicht allzu störend in die sich bisweilen über die gesamte Querseite erstreckenden Langverse einzugreifen; auch die Anordnung der formal höchst verschiedenen Segmente zueinander bedarf einiges Fingerspitzengefühls. Gern hätte ich da “meinen” Wiener Setzer HC Leitich dran. Aber das muß und soll diaphanes entscheiden, wenngleich ich einen Fingerwink geben mag und werde.

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>>>> Béart 62
Béart 61 <<<<

Dazu im Kopf das → Krebstagebuchals Buch. Dieses Projekt, wenn es im nächsten Jahr erscheinen soll, wäre ebenso dringend anzugehen, wie ich endlich wieder mein → Nabokov lesen aufnehmen muß und will. Auch diese Arbeit, bei Arco, soll als Buch erscheinen, ebenfalls im kommenden Jahr. Es ist deutlich mehr zu tun als ich momentan leisten kann; nach wie vor bin ich verlangsamt — was für einen ADHSler allerdings heißt, daß ich nur noch so schnell wie andere Leute arbeite. Ist dennoch ziemlich gewöhnungsbedürftig. (Morgen endlich der wegen des Covid19-Tests und meiner Quarantäne verschobene Termin bei Faisal, meinem Onkologen. Dafür werde ich denn auch das Krebstagebuch wieder aufnehmen, das aber nun wirklich nicht mehr täglich gepflegt werden muß. Statt dessen habe ich bereits das nächste Brot vorbereitet; seit zwei Tagen bereits fermentiert der Teigling im Kühlschrank: die kühle, so lange Führung, um die Porung sehr groß werden zu lassen, die mir beim vorigen Brot noch zu fein und dicht war. Um so wichtiger hier, weil ich ein Pane Valle Maggia geknetet habe, das einen guten Anteil Roggen hat.)

 

Ihr, meine Freundin,
ANH, den es zur Weiterarbeit drängt
[Heute ein Rautavaaratag bei France musique:  Zweites Cellokonzert (1989)]

P.S.:
Vorzubereiten war auch – dringend, weil ich auch hier bereits zu spät war – die Ankündigung meines Bamberger Lehrauftrages, der im kommenden Monat beginnt. Nach zweidreimaligem Hin und Her klingt er nun so:

Übungen in eine Romanpoetik der Gegenwart
Moderne – Postmoderne – Nach der Postmoderne | Mit kreativen Schreibversuchen

An erst einmal nur anreißenden Streifzügen durch einige in deutscher Sprache verfaßte Romane seit der Wende zum 20. Jahrhundert bis über die des 21. hinaus möchte ich Ihnen signifikante Merkmale der ästhetisch jeweiligen Ära aufzeigen und urteilsfähige Stilsicherheit vermitteln. Dazu gehört die Kenntnis, mindestens ein Gespür für die jeweiligen romantechnischen Notwendigkeiten sowie ihre Transzendierung und/oder auch pragmatische Übertretung. Als Vertreterinnen und Vertreter der jeweiligen Richtungen seien u.a. Hermann Broch („Der Tod des Vergil“), Peter Fladl-Martinez („Fünf Variationen über die Nacht“), Christa Reinig („Die himmlische und die irdische Geometrie“), Uwe Dick („Sauwaldprosa“), Marianne Fritz („Dessen Sprache du nicht verstehst“), Christopher Ecker („Fahlmann“) genannt sowie ich mich auf das Vorspiel meines eigenen Romanes „Thetis.Anderswelt“ beziehen und daran in Abgrenzung zum sogenannten literarischen Realismus einige poetologische Thesen mit Ihnen herausarbeiten möchte.
Da aus bekannten Gründen unser Seminar leider wird nur online stattfinden können, werde ich Ihnen vor jeder Sitzung einen Scan der zu besprechenden Textauszüge schicken oder Sie jeweils in der Vorstunde bitten, sich die entsprechenden Texte selbst verfügbar zu machen; letztres kann selbstverständlich auch in der originalen Buchform geschehen. Die Hausaufgaben werden darin bestehen, sich den besprochenen Texten mit eigenen Schreibversuchen zu nähern oder sie auch je nach Ihren ästhetischen Neigungen zu überwinden.

 


[14.30 Uhr:]

ANH an Liligeia, neunter Brief. Aus der Nefud, Phase III (Tag 12): Sonnabend, den neunundfünfzigsten Krebstag 2020.

[صحراء النفود.عالم آخر
15.15 Uhr, 71,7 kg
Peter Maxwell Davies, Naxos-Quartet No 6]

Ach Krebsin,

nun meldetest Du Dich gestern doch wieder — erwartungsgemäß, ich weiß. Es war ja immer bisher so, daß Du wieder spürbar wurdest, sowie sich die Zytostatica verliefen und meinem Leib Erholung vom chemischen Beschuß zuteil werden sollte, damit Erholung aber eben auch Dir.  Und da nun habe ich, ausgehend von Deinem (ich muß ihn nach wie vor so nennen) → “Haßbrief” des 22. Mais, vielleicht etwas fehlinterpretiert. Nahm ich nach der zweiten Chemo noch an, Du wollest Dich jetzt für die vorausgegangene Unterdrückung an mir rächen, kam mir vorgestern bei meinem Abendgang, als Du Dich unversehens mit einem heftigen Schmerzschwall meldetest, der mir sogar ein bißchen die Luft nahm (ich blieb aber nicht stehen, setzte mich nicht, lasse mich nicht nötigen, spazierte möglichst lässig weiter) … also da kam mir ein ganz anderer Gedanke. Was offenbar bedeutet, daß ich mich in Dich einzufühlen beginne. — Meine Güte, mußte ich unerwarteterweise denken, da hast Du Dich unterm nefudschen Dauerbeschuß neun oder zehn Tage lang ducken müssen, tief ducken, und Dich vielleicht auch schrumpfen lassen, einfach, um weniger Fläche zu zeigen, die sich weiter derart quälten läßt, hast Dich also mindestens ebenso zusammengenommen wie ich es nun auf diesem Spaziergang tat, beide sind wir enorm stolz und zeigen keinen Schmerz, wenn’s nichts als Mitleid brächte … — und da läßt der Beschuß langsam nach, Du bekommst wieder Luft, darfst sogar die Lungen so sehr füllen, daß Du Dich ausdehnst, aber dabei merkst, daß Du den fast schon ein bißchen den Halt verloren hast. Weshalb Du Deine Beine neu in mein Organfleisch gräbst, nicht um mir wehzutun, bewahre, einfach, um nicht wegzurutschen. Jeder Bergsteiger schlägt so im Hang die Haken ein. Und wenn wir uns Deine Beine anschauen, ja, dann ist, daß es wehtut, einfach eine unumgängliche Folge, die mit Absicht überhaupt nichts, doch mit den Spitzen Deiner Spaltbeine alles zu tun hat. Du brauchst einfach festen Halt: meine Schmerzen sind da nichts anderes als die sozusagen Schläge ins Kissen, das Du nach einem ziemlichen Albtraum erst einmal wendest, um Kühle zu bekommen und endlich auch erholsam Ruhe zu finden.
Gut, Lilly, ich meine, wissen können hättest Du’s natürlich schon und mir vielleicht eine kleine, Dich ein bißchen entschuldigende Nachricht schicken können. Andererseits gehe ich davon aus, daß Du nach wie vor, besonders wegen der bereits am Dienstag anstehenden nun schon vierten (und präoperativ letzten) Chemo, sauer auf mich bist. Du meldest Dich ja auch gar nicht mehr. Dabei kommen wir Aqaba näher und näher. Vergiß bitte nicht, daß diesmal auch ich unter den Zytostatica ein bißchen was zu leiden hatte; als wir die ersten zwei Höllenkreise durchquerten, war das noch nicht so gewesen; ach, hatte ich nach der ersten gedacht, das sitzt du doch locker auf einer Arschbacke ab. Auf einen über Jahrzehnte trainierten Körper lasse sich’s schon verlassen – was eben übersieht, daß auch Sportler sich vergiften lassen. Nun jà, und schon diese dauernde Kraftlosigkeit in den vergangenen Tagen, dieses ständige michhinlegenMüssen — bizarr für einen ADHSler wie mich! Und dennoch aber, ich gebe es zu, ausgesprochen wohl sedierend, wenn ich mich mit den Kopfhörern legte und nur noch auf die Musiken weniger am Unwohlsein vorbeikonzentrierte, als es vielmehr transzendierend, weil sich die in Schmerz- und ähnlichen Zuständen spürbar insgesamt gesteigerte Empfindsamkeit tatsächlich ausrichten und fokussieren läßt, so daß, was uns eigentlich quält, in die Lust an neuen Wahrnehmungen umschlagen kann und es auch tun wird, wenn wir uns genügend konzentrieren, d.h.: im Willen diszipliniert sind. Da es nicht um Aktivität, sondern um kontemplative Wahrnehmung geht, die keiner zusätzlichen Energien bedarf, ist das sehr gut möglich.

Und heute, Du Liebe, hast Du ohnedies mehr als ein Einsehen. Da ist unversehens gar kein Schmerz momentan, und meines lieberen-als-Du-bist-Röhrerichs stoisches gleichsam Rollen in den Dünenwellen erlebe ich völlig ohne Übelkeit. Außer dem Dronabinol nahm ich seit Aufstehen gar kein anderes Medikament, radelte zum Markt für Käse und Obst, zum Fischhändler für Sashimi (teils schon mittags verfuttert), mein Appetit ist ja zurückgekommen, ich will wieder auf die 74 und möglichst noch zwei Kilo drüber hinaus, damit ich, wenn wir uns in Aqaba umklammern werden, genügend eingelagerte Energie freisetzen und Dir dann auch geben zu können. Nein, ich werde Dich nicht allein lassen, auch nicht in solch einer Situation … — Hà!

Hà! —

Was paßte jetzt besser als, da das Streichquartett verklungen, das da (mir von einem Leser zugesandt):

Mozart, Don Giovanni, → MUSICAETERNA, Currentzis (Nov.-Dez.2015)

“Là ci darem la mano” … und auch, meine Erde, will mir dieser berühmten Oper komplette Titel auf witzigste Weise passend erscheinen: IL DISSOLUTO PUNITO, also “Der bestrafte Wüstling” – was dann mich meint, den Du, bevor ich noch “Perdono” sagen konnte, bestraft  mit Dir hast. Doch ist es ein Irrtum anzunehmen, es stünden Wüstlinge (schau an, schau an, صحراء النفود) auf sanfte Geliebte … nein, mein Mäuschen, sie lieben es heftig und wild. Da wollen Deine, wie hieß es oben nochmal? …. Spaltbeine, ja, sogar besonders gut mit ihren Krallenspitzen passen, ganz wie die Schmerzen, die sie erzeugen. Und meine Güte, gleich dieser Einsatz .. und mit welcher Dynamik! Da fliegen fast die ProAcs weg oder flögen auseinander, explodierten quasi, wäre nicht die → “build quality alone (…) unsurpassed”; tatsächlich haben die Brackleyer Klangtüftler “each cabinet (…) meticulously constructed, damped and finished in real wood veneer”. Davon habe nicht nur ich etwas, auch Dir, meiner Lilly, kommt es zugute. Und wirst Du mir also wie → in Mozarts noch größerer Oper, wenn ich ums “Perdono” gebeten haben werde, mit der Almaviva wundervollem “Più docile sono, e dico di sì” antworten? Anche Lei è docile, Contessa Cancromio? Ah, sein Sie’s mir … nein: Sein Sie’s bitte – uns.

Aber selbstverständlich, Lady, ist jeder meiner Spaziergänge eine Vergewisserung und empfunden fast mein letzter. “Werde ich auch die nächste Spargelsaison noch erleben?” frug mich gleich am Abgang zur S Schönhauser der kleine Gemüsestand, ohne daß der dahinter stehende orientalische Verkäufer etwas davon ahnte. Und unbedingt werde ich noch in den seit gestern öffentlich → erweiterten Mauerpark flanieren, morgen vielleicht, vielleicht schon nachher; wann, hängt davon ab, wie schnell wir weiter durch die Wüste kommen: die nächste Pforte, in den vierten, ich möchte gar nicht mehr schreiben: Höllenkreis der Nefud; der dritte war auch ohne infernalen Namen anstrengend genug … — diese nächste Pforte zu erreichen also, sei besonders kompliziert. Sie offenbare sich nämlich nicht gleich, erklärte erklärungslos Faisal und beließ es dabei. Wir müßten allerdings noch einen Umweg nehmen.
Nachfragen wollte ich nicht. Einem Araber lästig zu fallen, geht, wie Du wahrscheinlich weißt, mit bleibendem Ehrverlust einher. Immerhin hat mir Faisal den Umweg erklärt: Er habe einen chinesischen Kollegen um Consilio und Mittherapie gebeten, nämlich wegen meiner strahlungshalber anhebenden Neuropathie; tatsächlich sei es aber eine Kollegin, die sich, wie eine Heilerin der Vorzeit, als sozusagen Anachoretin tief in die Wüste zurückgezogen habe. Es ließe sich auch von einer Zauberin sprechen, die auf ihm, Faisal, nicht recht nachvollziehbare Weise Nadeln zu setzen verstehe, was der Erkrankung aber nachweisbar Einhalt zu gebieten verstehe, sie zumindest mildere. – Weshalb mußte ich da sofort an → Marah Durimeh zurückdenken? Ja, es schien mir völlig auf der Hand zu liegen, daß es sie, niemand anderes, sein würde. Aber das sagte ich nicht, sondern ließ mir weiterklären, daß – denn in der vierten Phase setze die Nefud dem weil chemisch sowieso schon geschwächten Körper noch einmal ganz besonders zu – er, Faisal, es für nachdrücklich geraten halte, die Hilfe dieser Durimeh in Anspruch zu nehmen, und zwar bevor wir den Vierten Höllenkreis erreichten. Sie erwarte uns übrmorgen zu … hat er wirklich “High Noon” gesagt? Nein, das wäre → ein anderer Film – mit allerdings einer anderen Anima als, Li, Dir, deutlich einer meiner nämlich Kindheit. Dieser Frau (dieser Imago – wie die Béart ist auch sie alleine innenmedial) habe ich im ersten → der beiden Septimebände mit der Sabinenliebe ein zartes, ich hoffe: voll Achtung, Denkmal gesetzt.

Das – die ich sage einmal Akupunktur – haben wir beide jetzt also auch noch vor uns. Deshalb laß uns diesen schönen Sommertag genießen, 32 Grad hat es draußen, ebennun am Sonnabend um fünf. Für zweidrei Stunden heißt ohnedies beinah jeder Abend in der Nefud — Berlin.

Deiner, Ihrer:
ANH

 

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Achter Brief an Liligeia<<<<

Oh Liliebste, Lilliste! ANH an Liligeia, siebenter Brief. Am siebenunddreißigsten Krebs- und zweiten Tag im zweiten Höllenkreis der Nefud, donnerstags nämlich, den 4. Juni 2020.


Berlin.Nefud, den 4. Juni 2020
Frank Martin, Messe für unbegleiteten
doppelten Chor (1922/26 | 1963)

5.31 Uhr]

Oh, wie war ich gestern fast den ganzen Tag lang – … nein!, Dir “wie bekifft” zu schreiben, wäre, Lilli, falsch. Vielleicht rührte mein Zustand nur daher, daß ich bereits mittags, nachdem ich von meinen beiden Arztterminen zurückgekommen war, zwei Tropfen des cagliostroschen THC-Öles in das Muldchen hinter meinem musculus gegeben und von dort weggesaugt, es aus der Haut gelutscht habe, was mir zusammen mit der wunderbaren selbst für Berlin fast schon Hochsommerwärme, dem blendend höllenhimmlisch Wüstenlicht über unsrer Andersstadt und vor allem meiner seit heute früh währenden wiederSchmerzfreiheit diesen nahezu dauernden Rauschzustand schenkte. Nicht, daß ich hätte, bewahre, Halluzinationen gehabt! Aber mein Kreislauf, so ist’s am ehsten zu erzählen, schwamm, und zwar, als ob er schwebte, unter Wasser also schwamm und gänzlich ohne Luftnot, wie wenn ich Kiemen hätte.
Ich hatte gestern Kiemen. Wär mir, meine Lilli, solch eine Erfahrung auch ohne Dich zuteil geworden? Das fragte ich mich mehrfach, zu vielem anderen hinzu Und muß Dir noch mehr zugestehen,als ich bislang schon tat.
Ja, Du hast mich drei volle Tage lang mit Brustschmerzen gequält, die sich vom THC nicht, nicht vom Dronabinol, sondern alleine noch von zweimal Gaben Novamins und auch dann nur langsam in den Griff bekommen ließen. Also hast Du getobt, und ich wußte den Grund. Wir wissen ihn beide. Du hattest Dich von der ersten Chemo leidlich erholt, deshalb konnte ich Dich wieder so tief einatmen fühlen, daß es neuem Tumorwachstum gleichkam, jedenfalls es anregte. Das erlebt der Mensch als Schmerz.
So hat es mir mein Körper erzählt, mit dem ich immer einig war oder doch nur selten nicht. Und was glaubst Du? Als ich es gestern vormittag Matthias Biebl weitererzählte, mit dem ich auf Dr. Faisals, ich meine Professor Jostings Rat das Drittmeinungsgespräch im Virchow-Klinikum der Charitè geführt habe,

[Frank Martin, Passacaglia für Orgel solo (1944)]

da konnte er nur bestätigen, daß es genauso sei: “Nach der Infusion wirken die Medikamente eine Woche lang kräftig auf den Organismus ein, dann schwächt es sich ab, so daß nach den vierzehn Tagen die nächste Salve nötig wird.” Das hast Du mich spüren lassen – was von Dir  nicht klug war. Denn es provozierte meinen Willen, Dich wieder ruhigzustellen in mir; so formulierte ich’s ja auch (wozu Du, klar, jetzt schweigst): “Sie muß mal wieder einen auf den Deckel kriegen”, eine idiomatische Wendung, die mir allerdings etwas unangenehm ist. Denn in unserem speziellen Verhältnis von Krebsin und Gemahl scheint sie meinen vorgeblichen Machismo leider zu unterstreichen. Vergiß aber nicht, daß der Angegriffene ich bin. Du könntest Dich auch ruhig verhalten, einfach bleiben, wo Du bist, auf weitres Wachstum und vor allem darauf verzichten, doch noch Kindlein zu streuen, es sei denn, daß wir uns gemeinsam anders entschieden und Du mir auch ein Sorgerecht gäbest. Dann würde ich’s mir mit der weiteren Chemo überlegen und vielleicht auch auf die große Operation verzichten, durch die ich allerdings, so Professor Biebl, recht gut kommen würde, meines guten Allgemeinzustandes wegen; “Ihnen kann man auch getrost eine etwas heftigere Operation zumuten” — was im Klartext, er ließ da wenig offen, die Resektion wahrscheinlich des gesamten Magens bedeutet; also nicht nur Du würdest herausgeschnitten werden und großzügig einige organische Umgebung, sondern es müssen halt auch die Lymphknoten des Magens weg, und zwar aus Sicherheitsgründen. Man könne nicht sehn, ob sie befallen seien, müsse sich von Wahrscheinlichkeiten leiten lassen umso mehr, als ein Magenkrebs, der zurückkomme, in aller Regel nicht mehr heilbar sei. Doch wie genau das Verfahren auszusehen habe, auch ob, wohin er, Matthias Biebl, tendiere, minimal invasiv oder mit radikaler Öffnung des Brustkorbs vorgegangen werden sollte, entscheide sich eh erst am Ende meiner präoperativen Chemotherapie, also nach dem dritten (meine, nicht seine Worte) Nefud-Höllenkreis. Dann erst sei ja zu sehen, wie sehr und ob überhaupt der Tumor geschrumpft sei; allerdings habe es eine Chemo wie die meine gar nicht so sehr auf Dich, Ligeia, abgesehen (weshalb Dein Wüten ein bißchen unnötig war, verzeih die leise, noch immer mitgeschleppte Kritik), sondern vor allem auf möglich sich bildende Metastasen. Die schössen wir schon im Vorfeld mal ab. — Du willst jetzt nicht im Ernst von Kindsmord sprechen, oder? Ich hätte so gerne noch, wie Du gut weißt, Kinder, weitere, gehabt. Aber, Lilli, für das Leben, nicht eine Totgeburtmaschine, wie sie → Giger und einige Zeit lang wohl auch → Fichte vorschwebte, als er ein noch junger Künstler war, von dem aber ich mich spätestens mit dem TRAUMSCHIFF gelöst habe. Womöglich deshalb, weil ich milde wurde, fandest Du den Weg an meine Magenpforte, wo seit der Kindheit mein Unglück immer schon zumindest mitbehandelt wurde. Nun, da ich aus neuen, mildgewordnen Augen sah, “die für die Literatur zu gutmütig” (→  Nabokov) waren, warst Du sehr verärgert. Du hast Milde immer als Schwäche betrachtet und Schwäche stets verachtet. Nein, das war kein Männer”ding”, sondern enorm weiblich: “Ich lasse kein schwaches Spermium an mein Ei” — oh die Biologie, die wir erst leugnen können, seit eine andere Fortpflanzungstechnik am Horizont schon leuchtet, im Wortsinn → τέχνη die überdies, so man Geld hat, höchst verträglich mit der Demokratie ist. Nur vergaßest Du, daß meine Wandlung das Ergebnis bereits einer eigenen Nahtoderfahrung war, einer freilich, die mir zwar poetisch widerfuhr, nicht physiologisch, aber durchaus nicht mit geringeren Folgen und vor allem sich über nahezu vier Jahre erstreckten, sozusagen, Vorfolgen. Die sind, meine Lilli, niemandem ein Vergnügen gewesen, auch mir nicht, schon aber gar nicht für die Löwin und wen immer auch noch meiner Lieben.

Aber so sehr Du mich nun auch gequält, mir jedenfalls deutlich zugesetzt hattest, spürte ich schon vorgestern vormittag dem Tröpfeln aus dem ersten der vier Infusionsbeutel an, wie Du Dich wieder zu beruhigen begannst – na jà: eher wir Dich Stück für Stück sedierten. So daß Du Dich einkapseltest, allerdings abends mit einer Überraschung aufzuwarten kamst, von der ich → dort schon erzählt habe. Inwieweit sie sich als Nebenwirkung ernstnehmen läßt, steht noch auf einem keinem eingehefteten Blatt. Die, kann ich das sagen? Schluckbeschwerden? sind auch nicht schlimmer geworden, haben sich eher abgeschwächt, obwohl mir gestern gesagt worden ist, es könne durchaus der Anfang einer Speiseröhrenschleimhautentzündung sein, gegen die man mit sofort etwas aufschreiben werde. Das Medikament werde von der Apotheke dann zusammen mit der Astronautennahrung direkt an mich geliefert werden, um die ich bei der Gelegenheit gleich gefragt habe. Denn die Freundinnen und Freunde haben mich damit bislang besorgt versorgt, weil ich so abgenommen hatte. Doch wenn’s das auf Rezept gibt … Und dann eben —

dann eben ging es, Lilli los. Schon auf dem Rückrad durch die Sonne begannen die Straßen weich zu werden, und meine Seele dehnte sich ins Licht aus. Gar kein Schmerz mehr, meine Güte! Es geht halt doch a bisserl an die Nerven, wenn man sich selbst beim Gehen zurückhalten muß und ist doch ADHSler-von-Berufung. Solange wir’s aushalten müssen, na, tun wir’s selbstverständlich auch, und zwar ohne Mucken, aber dann, wenn es vorbei ist — welch zweifache Genuß der Befreiung: zum einen vom Schmerz selber, doch das ist nur banal; spannender ist die Verdopplung durch  den Wegfall der inneren Haltung. Da sie nicht mehr nötig ist (oder lächerlich wäre, ohne noch Grund), beginnt das ganze Leben um dich herumzutanzen und reißt dich mit. Deshalb war es, als ich, Lilli, wieder an meinem Schreibtisch saß, ein sehr bewußter Wille zur Verstärkung, daß da bereits – mittags! – wenn auch nur zwei THC-Tropfen gönnte. Und wußte, daß ich Dich liebe.

Ja, Ligeia, Du liest richtig. Muß ich Dich wirklich Landra nennen, wieder? (Finden wir uns | so erneut?) – Noch ein altes Projekt, das ich schmählich liegen ließ. Gerade in dem warst Du bereits extrem zugegen. Und ich muß Dir abermals danken, weil mir so vieles nun klar wird, Du es für mich klar werden läßt. Du bist — laß es mich so sagen — mein Krebs, für keiner und keines anderen Körper noch Seele erschaffen, den Seelenkörper also auch meines utopischen, entgrenzenden Geistes, der uns schon zusammen entweder uns ins Unendliche verströmen (oh → die Romantik) oder ineinandergewrungen (oh, oh → oh Romantik) untergehen sieht — am Ende indes eines durchgelebten erfüllten, na gut: fast erfüllten, doch runden´und nicht aus Not oder Mutlosigkeit abgebrochenen Lebens. Und jetzt, mein Lilliliebst, erweist sich “die Frage” (als ob’s denn eine wäre) als eine ganz andere, die denn tatsächlich einen Lebensabschnitt ein-, nun jà, schon wieder sowas begrifflich Ermattetes: “läutet“, gegen das ich mich in den vergangenen fünf Jahren so vergeblich gestemmt habe und sicherlich, mit allen depressiven F9lgen, weiterstemmen würde, zwängst jetzt nicht Du mich mit durchaus derselben Gewalttätigkeit zum Einhalt wie ich meinerseits Dich mit meiner Durchquerung der Nefud. Schon hieraus ist zu erkennen, wie zugehörig wir einander sind, ausschließlich füreinander gedacht, Du Tumorin, ich Dein Haus, das Du wieder mit Licht, dem poetischen, statt mit organischen Schmerzen auffüllen mögest, wie Du’s bis vorgestern mir angetan und wahrscheinlich in etwas mehr als einer Woche antun erneut wirst, wenn’s auf den dann Dritten Nefudkreis der Hölle zugehen wird.

Die so höllisch aber auch heute nicht ist, am dritten Tag der zweiten Chemophase. Nachts, muß ich Dir erzählen, wachte ich gegen halb drei von dem Kribbeln in den Fingerspritzen auf, einer typischen “Neben”wirkung des Oxaliplatins, das vor allem in Kombination mit den anderen Zytostatika zu Neuropathien führen kann, die, liebste Lilli, so lustig nicht sind. Nur muß ich hier einfach wiederholen, daß dieserhalben ich | Grund zu klagen gar nicht habe; bislang steckt mein Körper den → “extremen Stresstest” extrem gut weg.  Was nicht Wunder nehmen muß, da ich mit Hitze schon immer gut klar kam, ja sie bei mir sogar eine Voraussetzung für besonders effektives Arbeiten ist. Ich muß es also witzig umdrehen, Liebste: Die Nefud tut mir gut. Wie wird es dann erst in Aqaba werden, wenn wir uns nicht nur fühlen, sondern einander gegenüberstehen werden! Und beieinander liegen? Ob Du mich entlöst? (Nicht “erlöst”, nein, wovon denn? Das Jammertal steht voller duftendem Oleander, unter dessen dichten Büschen von natürlichem Becken zu natürlichem Becken der Anapo rauscht; es ist ein Paradies und wird es, unsres, bleiben. Du fernstes, jetzt, Sizilien.)

Du entlöst mich von unmöglicher noch immer, immer Hoffnung., entlöst mich vom nochzeigenMüssen und einem Leid an der Irreversibilität des, Ligeia, Zeitstrahls, dem Du aber selbst entkamst, bei Poe; indes Du nun aus eignem Willen den Hals in seiner, des Strahles, Guillotine Mulde zusammen mit dem meinen legst, als nähmest Du nicht nur eines Sterbenden Hand, der auf dem Lager liegt, um ihn zu halten hier, solang es geht, sondern hättest schon selbst die Flügel Dir anspannen lassen, unter denen Du Euch hinaufschwingen wirst, wenn  nur die Köpfe erst gefallen. Und einst wie mein Vater, → was unvergesslich seine Freundin erzählte, fliegt Ihr als Vögel für immer durchs Fenster hinaus:

„Es entwich ihm, weißt du, ein Vogel – so leicht war er plötzlich, dein Vater. Ich hielt ihn, glaub mir, ich sah ihn.“
Bringen die Spatzen die Seelen wohl auch wieder heim in die Halle? Wo sie den Ruf ihrer nächsten, und besserer, Eltern erwarten? So im Bewußtsein zerstreuen sich alle, die Spatzen, die Seelen? Ging’s, Vater, s
o, daß man Dich schließlich befreite? Nun darfst Du, ein Samen schon wieder, nicht Spreu, ruhig erwarten, durch Guff gestreut, daß Dich auch will, wer Dich ruft?
Das bleibende Thier, S. 134

Um mich, mein Vater, solche Klage | mußt’ ich niemals führen und werd es auch nie müssen. Doch sollt’ ich auf die Krebsin hören — wie es doch immer meine Art war, mit Bedrohendem umzugehen: zu schauen, was ich an ihm mag und es mir einzutun, mich damit auszukleiden und uns zu amalgamieren. Wie es die Kunst seit jeher tut – die schärfste aller Gegnerinnen der Fremdenfeindlichkeit. Du bist mir, Lilli, keine Fremde.

Deiner
(Ob wohl auch ich Dich trösten könnte, einestags? In Dir umarm ich, wen ich liebe.)

[11.07 Uhr
Pettersson, Sechste Sinfonie]

Es hat geklingelt. Der Apothekenbote hat geklingelt, um die Gurgellösung anzuliefern. Drei Sätze Fresubin dabei — was nun noch eine Absurdität ist, die mir zumuten zu können Dich wahrscheinlich unentwegt vor Dich hingrinsen läßt. Da ich nach der Diagnose so abgenommen hatte, nahezu sechs Kilo, die aber eben unbedingt wieder drauf sollten, und mehr, haben mich – ich hab es schon erzählt – die Freunde auf ihre KOsten mit dieser “Astronautennahrung” versorgt. Billig ist das nicht. Aus Frankfurtmain kamen Päckchen von Do, und Ricarda Junge brachte welche mit dem Wagen. “Sie müssen etwas zuzusetzen haben!” hatte ein väterlicher, von sehr Ähnlichem betroffener und unterdessen geheilter Mann mir deutlichst zugerufen. Was ich auch einsah, ja, sofort. Bizarr ist nur, daß ich jetzt nach jahrelangem Sport Fett zusetzen muß, etwas, das ich an mir wie andren hasse, jedenfalls nicht mag. Mir ist es stets auf Muskeldefiniertheit (nicht auf -masse) angekommen und auf Kondition, auf einen, hätt ich gern gehabt, Pantherkörper. Gespannt wie eine Prosa, an du du deinen Pfeil gelegt und spnnst sie immer mehr, um ihn dann abzuschießen. Und aber jetzt — Fett? Ich? Wär’s nicht so verdammt ironisch, ich würd’ mich maßlos ärgern, weiß aber bereits, daß mein Körper es zur und nach der OP restlos alles aufzehren wird. Deshalb also strenge ich —ich! — mich an, Fett auf den Leib zu kriegen das ich zuvor nie haben wollte und möcht’s auch nach wie vor nicht haben. Aber, aber. Muß. Lilligeia, Lillili.

Du meine lilliste von allen.

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