Das Arbeitsjournal des Sonntags, den 9. Oktober 2022. Darinnen von Christian Berkels “Ada” erzählt, doch auch an Aléa Torik von Claus Heck erinnert wird und sowieso das Ich ungeklärtest Rolle spielt.

[Arbeitswohnung, 7. 21 Uhr
Eine kleine Barmusik:
Jarrett & Haden, Jasmin, 2007]

Wie ich morgens ab etwa halb sieben/sieben am Schreibtisch sitze; noch ist es gegen halb acht Uhr hell, was ich, vor mich hin auf Schreibtisch und den Laptop guckend, gar nicht recht bemerke und eben erst auf dem selbstgeknipsten Foto erkenne, einem “Selfie”, hach! Immer erst die “Standardseiten” öffnen, Dschungel, Outlook, URL-Kürzer, Twitter, Facebook, Insta, dann kurz wetter.de, dieses durch DIE ZEIT- liveMeldungen zum Ukrainekrieg überblendet und in Outlook den TAGESSPIEGEL-Checkpoint sowie vor allem die NZZ gelesen. Meist ist dann schon eine Stunde herum, exakt die Zeit, die mein Dolito – für den ich nach wochenlangem, nun jà, “Ringen” endlich auch wieder die Elektroden bekomme (kompliziert: zugeschickt von MTR) – braucht, um der Polyneuropathie den Stinkefinger zu zeigen. Nun die Tagesplanung ins Auge fassen, bespreche ich den Berkel jetzt schon? Ich meine, wenn ich das bei jedem Buch tät, das ich lese, käme ich aus dem Rezensieren gar nicht mehr heraus, und für originäre Eigenarbeit bliebe kaum ein Raum. Zumal meine Dschungelarbeit ja niemals bezahlt wird. Sie ist für meine Literatur zentral, das Finanzamt indes müßt’ sie als Hobby bewerten. Ich werde also wählen müssen, auch wenn mir etwas, wie Berkels “Ada”, trotz einiger Einwände letztlich gut gefällt. Hier tritt ins Recht, muß es treten, was ich dort als Unterschied zwischen einem “guten Buch” und einem, das Kunst ist, angedeutet habe; bei Berkel besonders spürbar, vor allem, wenn auf seinen Roman einer in meinen Lektüren folgt, d e r es ist. Diesmal war es → Dieckmanns ungleich schmaleres, umso intensiveres Buch. Da fällt auf eine sehr schön erzählte Geschichte, die aber erst in der Woodstock-Klimax auch stilistisch interessant wird, denn doch ein Schatten, und ich mag mich nicht mehr mit Nachdruck – wie es einst hieß (als “Querdenker” Querdenker noch waren:) – “engagieren”. Der Gerechtigkeit halber will ich aber betonen, ja, es lohnt sich, ist eine, eben, “gute Lektüre”, fein und mit Empathie erzählt und, schätze ich, für die allermeisten Leserinnen und Leser zugänglicher, weil “man” eben auch einen Plot bekommt, dessen Konstruktion durchaus nicht ohne Mut ist, insofern Berkel aus der Sicht einer Frau erzählt, die in dem Roman ungebrochen “Ich” sagt. Sowas hat nicht nur meine Sympathie, sondern auch poetische Achtung; es wäre schofel, schriebe ich Ihnen, liebste Freundin, nicht zumindest dieses. Meines Erachtens stimmt die von Berkel eingenommene weibliche Perspektive nur ganz selten nicht, doch zum Beispiel da frappierend, wo er von seiner Heldin erster Menstruation erzählt. Wobei, welcher Mann will denn wissen können, daß sie da stimmt? Also vorsichtig formuliert! “Sie scheint mir selbst da zu stimmen”, vermittelt diesen Eindruck. Ob, können nur Frauen entscheiden. Wie gut so etwas “funktionieren” aber kann, hat ihrerzeit Aléa Torik bewiesen — und erinnern Sie sich, Freundin, welch einen Aufschrei es gab, als die literaturbetriebspfiffige, nun, meinetwegen, “Täuschung” aufflog, anstelle daß ganz im Gegenteil die Achtung vor Toriks Erfinder → Claus Heck nun erst richtig, nämlich zurecht, zur Blüte wäre gekommen. Welch Früchte, wenn anderseitig mitbestäubt, hätten da noch getragen werden können! Doch heute, nach seinen zwei als Buch veröffentlichten Romanen[1]„Das Geräusch des Werdens“, Osburg Verlag Berlin 2012, ISBN 978-3-940731-75-3 / Aléas Ich“, Osburg Verlag Hamburg 2013, ISBN 978-3-95510-004-9, hör ich von ihm gar nichts mehr. Auch wenn wir uns aus anderen Gründen schwer uneins waren, so daß es sich sogar von “zerstritten sein” sprechen ließe, bedaure ich das sehr. Nicht einmal Toriks Website → gibt es mehr. Es kommt mir als eine schlimme Frühfolge des identitären Moralquatsches vor, der die Künste derzeit mies, doch dauerinsistent traktiert, und aus Vorsicht machen die Leute mit, wie man sich 33 besser aufs Maul schlug, als Angemessenes auch angemessen auszusprechen.
Doch zurück zu Berkel. Was mich nun allerdings, und weiterhin, sehr irritiert, ist, daß es nicht einmal eine Anspielung auf Nabokovs Jahrhundertroman gibt, der den Namen Ada doch ein- für allemal ebenso gebunden hat wie Thomas Mann jeden Zauberberg der Welt. Hier reagiere ich unwillig; ich kann auch Berge, Meere und Giganten als Romantitel nicht noch einmal wählen, ebenso wenig wie The Handmail’s Tail. Selbst, schriebe jemand nochmal ein Die Schatzinsel, um von Treasure Island zu schweigen, wäre es ein Übergriff. Hier hat dieser doch sehr kluge Mann einfach nicht nachgedacht, und/oder der Verlag hat sich auf etwas draufgesetzt, um daran zu schmarotzen. Wobei ich aber bleibe, ist, es ist ein  gutes Buch, wenn auch — was möglich gewesen wäre, wenn wir (in gleichsam der Apotheose[2]Ein Wort, in dem sich zu der gesamten Woodstockerzählung, doch überhaupt Berkels Darstellungen der Endsiebziger Studentenproteste sowie der darauf antwortenden im Wortsinn Staatsgewalt — — — … Continue reading) die folgenden Sätze lesen — kein großes:

Neben ihm tauchen German und Mercedes auf. In ihren stummen Gesichtern liegt etwas Flehendes. Berlin wird zu Buenos Aires[3]Wie in – s c h o n irre – Thetis., zum Kloster in La Falda, ich kann sprechen, singe argentinische Volkslieder, galoppiere mit den Gauchos auf meinem Pferd Piedras über die weiten Wiesen hinter den Rinderherden, meine Brüste verwandeln sich in kleine Orangen, draußen singt Joan Baez, ihre Stimme zittert durch die Luft, schert sich nicht um den Regen, erzählt von ihrem Mann, der als Wehrdienstverweigerer im Gefängnis sitzt, fröhlich winkend betritt er die Bühne, ihre gemeinsame Energie verwandelt den Mond in kleine Sonnen, die über uns kreisen, Arme mit Feuerzeugen überall, ein Lichtermeer flammt durch das ganze Tal, jemand schreit, das Feuer würde den Regen vertreiben, Joans Gesicht leuchtet rot, blau und grün, in ihrem Bauch sehe ich ihr Baby im Fruchtwasser schwimmen, langsam löse ich mich aus meinem Körper, folge meiner Hülle, die aus dem Zelt heraustritt und hinter der Bühne zu einem kleinen See geht, hellichter Tag, kein Regen, die Sonne heiß über mir, nackte Menschen im Wasser, ich werfe meine Kleider ab, gleite hinab, von seidenweichen Armen umfangen, Grün schimmert in anderem Grün, ich sehe jeden Tropfen, Millionen, Abermillionen winziger Tropfen, Atome, die gegeneinander stoßen, ich tanze übers Wasser, ein hüpfendes Korkboot auf hoher See, über mir der Himmel schwarz und kalt, von Blitzen durchbohrt, Licht in farbigem Bogen über die Erde gespannt, singende Fische fliegen durch die Luft, Entenflügel schlagen auf das Wasser [Komma gestrichen, ANH] wie Michael Shrieve auf sein Schlagzeug —
S. 388/389
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— lesen Sie selber, Freundin, weiter. Aber hier gelingt Berkel tatsächlich hohe Literatur, doch eben erst gegen Ende des Buches. Wobei es große Sätze auch vorher immer schon gab, nur stets allzu vordringlich der Plot als Botschaft war inkl. mittlerweile eingeschliffener Deutschfehler, etwa das “ich erinnere etwas”. Nein! Ich erinnere mich a n etwas. “Erinnern” im Deutschen ist reflexiv, Erinnern als quasi Neuerschaffen ein Anglizismus, der unsere eigene Sprache aufs infamste entstellt, etwas zwar, das wir auch nicht-infam, nämlich in künstlerische Pfiffigkeit, als einen sozusagen Neologismus formen könnten, der aber nicht Allgemeingebrauch werden darf, weil sonst die Differenz verloren geht, die den künstlerischen Kniff erst ermöglicht. In diesem Fall ist der Allgemeingebrauch längst geworden.
Wie ich aber überhaupt auf Berkel kam? Er liegt ja nun, auch wenn Daniel Kehlmann als sein Herold auftritt[4]“Wenn einer wieder einmal jemand fragt, wo es denn bleibt, das lebensgesättigte, große Epos über Deutsche Geschichte, dann ist von jetzt an die Antwort: Hier ist es, Christian Berkel hat es … Continue reading, nicht eben im Zentrum der gegenwärtigen Literaturszene. –Nun jà, ich mochte ihn → als Fernsehermittler so sehr – nicht zuletzt wegen seiner sinnlichen Art, auf Frauen zuzu- und mit ihnen umzugehen[5]Wobei dies auch einfach nur Rolle sein kann. Was mein Instinkt indes nicht glaubt. –, daß ich mich schnell identifizierte, aber mehr noch auf eine nicht nur gewisse Ähnlichkeit, physiologisch, hingewiesen wurde, die wir beide hätten. Das fütterte mein nun auch geschmeicheltes Identifizieren diätetisch noch. Wobei, daß Berkel als Fernsehschauspieler recht bekannt ist, ganz sicher ein Grund dafür mit ist, daß er mit diesem Buch zum zweiten Mal einen SPIEGEL-Bestseller so zielgenau landete, daß einer wie ich nur träumen davon kann, wenn er es, derart zu träumen, denn täte. Jedenfalls war ich aus rein persönlichen Gründen neugierig geworden. Und hab es nicht bereut. Das Buch ist Unterhaltungs- (aber keine (!!!) Trivial-)literatur, ja, aber als solche erfüllt sie das Diktum von ich-weiß-es-leider-nicht-mehr,-doch-werde-es-finden-und nachtragen, daß Unterhaltungsliteratur immer die beste sein müsse, anders als die Kunst, der ein Absturz durchaus mal erlaubt, vielleicht sogar notwendig sei.

[Jarrett: Bach, Französische Suiten]

Wie nun auch immer, ich mag noch zu Dieckmann eine Kleinigkeit nachtragen. Nämlich hatte ich ihr den Link auf meine Besprechung zugeschickt, und sie hat nächstentags geantwortet. Was ich nur erzähle, weil in ihrem Brief ein Absatz steht, der meine rezensierenden Intentionen sehr genau erspürt:

Nein, ich werde jetzt nicht etwa Ihre Rezension rezensieren (…). Zumal es keine Rezension ist; von wegen „zensieren“, von wegen „re“! Es ist ja nicht einmal Kritik im guten herkömmlichen Sinn (die als Institution mittlerweile endgültig tot ist). Guantánamo, die Temps des cerises – ich weiß ja längst um Ihre Freiheit auch auf diesem Gebiet und darum, dass Ihr Schreiben über das – nein, eher vom – Schreiben Anderer ein poetologisches UND ein Herzensgespräch führt.

Es ist dies, was ich wirklich meine: Eine Rezension ohne zugleich argumentierte Poetologie und subjektiv Herz ist notwendigerweise blind oder aber stumpf — was noch viel schlimmer ist. Am schlimmsten aber, sie ist manipulativ. Wir hingegen wollen, und müssen es, erwägen.

Meine Güte, ich werd schon wieder viel zu lang. Doch – meine Güte! – die Zugriffszahlen explodieren weiter, schon jetzt (9.56 Uhr) nahe an 3000, wobei sichtbar quer durch die letzten Jahre gecrawlt wird, und zwar bis 2003 zurück. Nur deshalb, übrigens, kam ich wieder auf Aléa Torik. Denn → dieser Beitrag von 2010 wird grad laufend aufgerufen, wie es überhaupt vor allem den, ich schreibe mal, sexuell konnotierten ergeht. Bereitet sich da die “erotical correctness” auf eine militärische Spezialoperation vor? Ein bißchem mulmig ist mir s c h o n. Aber egal, ich hatte noch von gestern erzählen mögen, weil लक्ष्मी nämlich Geburtstag hatte, den sie aber für sich alleine begehen wollte, erstmal, so daß sie mich, als ich anrief, “auf morgen” vertröstete, also auf heute; dann aber kam sie, wo sie hineinwollte, nicht hinein und rief mich wieder nun ihrerseits an. So daß wir denn d o c h zusammenkamen, unser Sohn, die Zwillingsjugendlichen, eine Freundin und ein Freund sowie noch sie und ich. Mein Geschenk lag eh bereit, ich brauche nur noch eine Rose (daß ich ihr jedes Jahr so viele Rosen schenkte, wie sie alt geworden, also jung geblieben war, hatte sie mir im letzten Jahr untersagt; in diesem hätte es meine Finanzen auch gesprengt – ohne mich aber hätte abhalten können, es – wär nicht ihr Protest gewesen – dennoch zu tun). So daß ich jedenfalls erst spät nach 22 Uhr wieder am Schreibtisch saß, um meine Abendlektüre vorzunehmen – ein seltsames, auch heikles Buch diesmal, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es sich überhaupt einordnen läßt, was ich vielleicht auch gar nicht tun sollte, zumal es selbst für meine “Verhältnisse” extrem provozierend, inhaltlich nämlich, dabei aber stiltechnisch von außerordentlichem Interesse ist und ich doch zugleich w e i ß, es würde heute auf keinen Fall mehr gedruckt werden, und wenn, gäbe es Shitstorms, wie wir sie selbst gegenwärtig kaum je erlebt haben. — Aber ich will mehr noch nicht erzählen. Denn schreiben werde ich ganz sicher drüber. Will mich nun aber – sowie ich dieses Journal korrekturgelesen haben werde – meiner eigentlichen Arbeit wieder zuwenden. Es wird Zeit, daß es mit den Triestbriefen weitergeht.

Ihr, liebste Freundin,
ANH
10.10 Uhr

References

References
1 „Das Geräusch des Werdens“, Osburg Verlag Berlin 2012, ISBN 978-3-940731-75-3 / Aléas Ich“, Osburg Verlag Hamburg 2013, ISBN 978-3-95510-004-9
2 Ein Wort, in dem sich zu der gesamten Woodstockerzählung, doch überhaupt Berkels Darstellungen der Endsiebziger Studentenproteste sowie der darauf antwortenden im Wortsinn Staatsgewalt — — — die → APO versteckt.
3 Wie in – s c h o n irre – Thetis.
4 “Wenn einer wieder einmal jemand fragt, wo es denn bleibt, das lebensgesättigte, große Epos über Deutsche Geschichte, dann ist von jetzt an die Antwort: Hier ist es, Christian Berkel hat es geschrieben. Dieser Mann ist kein schreibender Schauspieler. Er ist Schriftsteller durch und durch. Und was für einer.” (Zit.n.Verlags-Annoncement für Berkels Erstling, Der Apfelbaum)
5 Wobei dies auch einfach nur Rolle sein kann. Was mein Instinkt indes nicht glaubt.

Aus Beth-al-Sâm, Fortsetzung mit Nono. Arbeitsjournal. Freitag, der 16. April 2010. Mit dem Ursprung der Welt.

6.15 Uhr:
[>>>> Nono: Come una ola di fuerza y luz.]

Silbern glänzten die Weiden
und dunkel vor Wärme das Holz
Wir gossen die Milch in die Wannen
zum Blut

Erinnerung an >>>> Beth-al-Sâm, Bruchstücke: wie Tatzen aber weich, niemand schrie, keiner wurde vergewaltigt, alles war Hingabe, ohne Erlösung schließlich: dennoch. >>>> Ophelia Abeler schreibt mir zu den Auszügen aus ARGO: „Meine Herrn, das ist ja mal ein Werk! Meine Lieblingspassage ist die Beschreibung Brems, seine Lebens- und Wohnsituation, die Geschichte, wie er zu seinem Beinamen “Gelbes Messer” kam.
Die Frage ist, wie man das alles, zumal das Science-Fiction-artige Szenario mitsamt seinen Charakteren, Orten und Gesetzen dem Leser unbekannt ist, verständlich machen kann – die Länge würde passen! Eine Legende? Eine Zusammenfassung des bisher geschehenen in groben Zügen? Ab- oder zugeneigt, Du?” – Zugeneigt. Logisch. Sowieso: „na logo, statt logisch”, wie >>>> Aikmeyer in Heidelberg spottete, allerdings auf den zunehmend bildungslosen Ereignishorizont der „Neuen Deutschen Universität” gemünzt.

Um kurz vor sechs auf, Latte macchiato, Morgenpfeife und eine Erektion, die den deutlichen Character eines Vektors hatte: mathematische Erregung. Wille. Man kann sich damit recht gut konzentrieren, wenn man den Vektor verschiebt. Klar, man könnte das eine Sublimation nennen; das ist es aber nicht. Sublimation moderiert, genau darum geht es (mir/meinen Arbeiten) nicht: k e i n e Beruhigung. Deshalb heute morgen >>>> der Nono. Erst wollte ich K.A.Hartmann hören, aber dachte dann, wenn ich das mit den Eingangszeilen dieses Arbeitsjournal kombiniere, kommt eine falsche, eine unbedingt zu meidende Assoziation dabei heraus.

Der Tagesablauf ist noch unklar; es ist einiges Administrative zu erledigen, vor allem sind Rechnungen zu schreiben. Dann wird es ganz sicher wieder >>>> um Hettche und den FREITAG gehen, also durchaus um FAZ ./. DSCHUNGEL via FREITAG, was nicht ganz ohne Witz ist, weil ich ja selbst bisweilen für die FAZ schreibe, wenn auch vor allem über Musik. Ich muß meinen diesbezüglichen Dschungeltext noch ein wenig modifizieren, er muß mit der verstreichenden Zeit gehen. Ans Cello will ich. Und „zwischendurch” muß Zeit für Beth-al-Sâm sein. Nachts telefonierte ich noch einige Zeit mit der Löwin, d a rüber und über anderes, das in Zusammenhang mit Netzpoetiken steht. Ich will auch wegen der BAMBERGER ELEGIEN telefonieren, nein, besser noch: im Verlag vorbeischaun und beim anderen Verlag wenigstens anrufen.

An Vergil habe ich für das Gelage, das durch die Nacht ging, mich aber schließlich am Flughafen Rheinmain erwachen ließ, keine direkte Erinnerung mehr. An Šahrzād aber sehr wohl, und an شجرة حبة, sowie an die Dienerinnen, die uns den Tee brachten. Vergil, spüre ich, beobachtete; ich m u ß das kursiv schreiben, damit sämtliche Ober- und Untertöne dieses Wortes Klang werden können; an sich ist es kein Wort, das kursiviert werden müßte. „Sie haben”, sagte Šahrzād, „von dem Kuchen genommen, den ich Ihnen gereicht habe. Sie können ihn nicht mehr ausspeien, nachdem Sie geschluckt haben. Sie müssen jetzt verdauen. Es war Ihre eigene Wahl.” Ich verstand sie erst nicht. „Wenn einer bestimmte Übertretungen begonnen hat, kann er nicht aufhören, ohne sich einem Leiden auszusetzen, das letztlich körperlich ist. Übertretungen sind, wenn sie Erfahrung wurden, irreversibel. Es sei denn, er gründet eine Religion.” „Sie sprechen verrätselt”, sagte ich. Sie tat eine fürstliche Handbewegung: so knapp hat damals Arafat dem sich neben ihm ständig herabbeugenden christlichen Lakaien gewunken: schweige! der aussah wie ein KP-Funktionär. Ein Einflüsterer war das gewesen. 2001 in Ramallah, wohin ich tatsächlich wegen eines freilich ganz anderen Artikels im FREITAG eingeladen worden war; woraus dann für den Deutschlandfunk mein Jerusalem-Hörstück entstanden ist (wer mag, kann es als CD >>>> über das fiktionäre Kontaktformular bestellen, 10 Euro bitte plus Porto). Die Wannen wurden gebracht. „Lassen Sie sich baden”, sagte Šahrzād, „ich will Ihnen zusehen.” Da stand Vergil noch bei ihr und sah furchtbar wie Arafats christlicher Ratgeber aus. Es war eine Prüfung, das Bad war eine Prüfung. Ich erinnere mich ihrer wahrscheinlich nur der Morgenerektion halber wieder: irgendwie war das Bad Nobilitierung. Šahrzād selber, selbstverständlich, blieb unerreichbar, unberührbar, aber jede der anwesenden Frauen symbolisierte sie, symbolisierte sie körperlich. In diesem Moment, jetzt, hier am Schreibtisch, verstehe ich, in welchem Umfang sie „körperlich” meinte.

Aber zurück zum FREITAG. Ich bin wieder hier, das muß ich mir klarmachen. Mein Sohn, die Zwillingskindlein, लक, auch >>>> Aléa Torik. Und >>>> Melusine. Die Arbeitswohnung sieht aus wie Sau. Ich fange an, völlig zu verstehen, was Šahrzād mit „verdauen” gemeint hat. Der Fünfte Zwischenbefund zur Kleinen Theorie des Literarischen Bloggens ist liegengeblieben. Die Skizzen zur Polyamorie sind liegengeblieben. Leute, ich brauche den zweiten Latte macchiato. Die Erzählung Der Dschungel geht weiter.7.57 Uhr:
„Alles, was dich antreibt”, sagte شجرة حبة, „ist Sexualität – ob deinen Geist, ob deine Beweglichkeit, selbst, ob du kochst. Und wenn du Musik hörst, dann sowieso.” Sie hat recht. „Alles ist für dich ein Ausdruck von Eros. Du darfst nicht den Fehler begehen anzunehmen, daß das auch bei jedem anderen so ist. Das führte auf allein Seiten, auch deiner, zu Mißverständnissen und Fehlurteilen.” Wahrscheinlich hat sie recht. Selbst Zerstörungen, Erdbeben, Kriege, das Meer, die Wüste, die Dschungel erlebe ich in allererste Linie als sexuelle Erscheinungen, erst danach kommen politische und soziale Überlegungen: sie sind für mich wie Rationalisierungen, die die eigentlich wirkenden Kräfte verschleiern.

9.37 Uhr:
Sò. Jetzt steht auch >>>> die Originalfassung meiner Polemik in Der Dschungel, allerdings als Kommentar. Auch Zintzen hat begonnen, die Geschehen zu dokumentieren, >>>> wobei sie auch FAZ-Kommentare erfaßt. Ich bin sehr gespannt, ob >>>> Johannes Auer sich ebenfalls melden wird.

13.35 Uhr:
[Vor dem Mittagsschlaf nach den Wegen.]Post: Das Finanzamt stundet einstweilen einen Betrag, das Belegexemplar >>>> vom Freitag kam an, die Visacard möchte ihren Betrag, Tammen schickt mir Besprechungen des >>>> Horenbandes und >>>> Martin v. Arndt hat mir seinen Roman >>>> „Der Tod ist ein Postmann mit Hut” eingetütet. Ich darf nicht vergessen, ihm im Gegenzug, so ist es verabredet, eines meiner Bücher zu schicken; er wünschte sich „In New York”, aber ich habe, sah ich gerade, kein Exemplar mehr außer dem eigenen für mich in meiner Bücherbordreihe. Nun steht >>>> dieser Roman aber ja online, so daß Arndt es vielleicht verschmerzen und sich etwas anderes aussuchen mag.

Auf dem Fahrrad ging mir >>>> Sumuzes Kommentar durch den Kopf, vor allem eine Stelle in ihm, auf die ich hier und nicht in dem Hettche-Beitrag eingehen will; dort gehörte meine Replik nicht hin, führte zu weit vom Thema ab:Sie lieben den Gestus des Risikos, das macht sie oft amüsant und spannend, aber auch sie müssen Miete zahlen und ihre Kinder in die Schule schicken.Das finde ich ein bißchen allerhand („sie” ist nicht großgeschrieben, sondern meint „die Künstler”), denn auch ich habe Kinder zu versorgen, ohne daß ich mich korrumpiere. Dieses nicht zu tun, ist sogar Pflicht des Vorbilds. Ja, das Leben wird dadurch ein wenig weniger leicht, das ist wahr. Aber es geht doch im Kunstbetrieb nicht darum, wie unter der Securitate, daß man selbst oder die Familie tatsächlich an Leib und Leben bedroht wäre; es geht doch wirklich nur um ein bißchen mehr oder weniger Einkünfte. Sich deretwegen korrumpieren zu lassen, ist, schaut man sich andere Länder an, nicht nur peinlich, sondern geradezu ekelhaft. Daß bei tatsächlicher Lebensbedrohung manche Werte disponibel werden, rein aus Notwehr, stelle ich nicht in Abrede – wohl aber innerhalb einer Gesellschaft, in der niemand wirklich umkommen kann. Mitläuferei h i e r ist durch nichts, durch gar nichts zu entschuldigen. Und jetzt lege ich mich schlafen.

21.30 Uhr:
[>>>> Bar am Lützowplatz. Straßenterrasse.]Warten auf den Profi. Ich hab den Laptop mitgenommen, um die Hettchediskussion in Der Dschungel im Auge zu behalten: die Trolls sind wieder unterwegs. Vorher Am Terrarim bei der Familie gewesen, zu Abend gegessen, mein Sohn kam von einem Fest; >>>> Susanne Schleyer, mit der ich mich nachmittags traf, gab mir eine Serie Fotos, die sie mit meinem Jungen wie jedes Jahr, seit er zwei Jahre alt ist, im Oktober aufgenommen hat: sie stellt eine Reihe zusammen dreier gleichaltriger Kinder, die ihre Entwicklng bis zur Volljährigkeit begleitet. Spannendes Unternehmen, mein Bub ist eh eine Rampensau. Morgen, à propos, ist er bei einem Filmcasting dabei; das war nicht meine Idee. Aber ich werde ihn begleiten und bin gespannt.
>>>> D a war viel los, aber unterm Strich bestätigt sich gegen meine Meinung seine Vorausschau, es werde letztlich alles beim Alten bleiben; jedenfalls bestätigt sie sich vorübergehend&einstweilen: man muß nur mal auf der FAZ-Site schauen. >>>> Dafür melden sich beim Freitag die alten Widersacher, mit denen ohnedies zu rechnen war, wieder: Stulli ist Hadie, für den ich eine Haßnummer bin; keine Ahnung, welches Mädel ich ihm mal ausgespannt habe oder ob er nur für sich selbst aus der Ostherkunft eine innere Ethnie gemacht hat. Immerhin mäßigt er sich im Freitag, während er hier stets ordinär herumblökt.

1.12 Uhr (17.4.):
[Arbeitswohnung.]
„Was w i l l >>>> der denn?” rief der Profi aus, als er kam und hatte gerade des Stumpfrichters Kommentar gelesen. „Das ist doch ein ganz großartiger Romananfang! Da wollte ich sofort weiterlesen!”
Einen Talisker noch, bin soeben heimgekommen, auch etwas essen sollte ich noch. شجرة حبة war nicht erreichbar, ich versuchte es gegen Mitternacht. Vorher über eine Frau Dadu, eine Sudanesin, gesprochen, die dem Profi die Sehnsucht verdreht; schließlich kam seine Geliebte in die Bar, wir sprachen über Heilkunde & Literatur, auch über >>>> Dietmar Sievers und seine Haßnummer(n), sogar die Löwin kam, aber nur am Rande, diskretionshalber, vor. Ich hatte zwei Ideen für die Paralipomena, vergaß sie dann aber wieder im bißchen Alkohol, den wir nahmen. „Du kriegst noch Geld von mir, ich weiß”, sagte ich. Zum Profi. Er kriegt sogar noch v i e l Geld von mir, ich würde das nie bestreiten. Visionen sind teuer, und wenn man sie selbst nicht bezahlen kann, aber ihnen konsequent nachjagt, zahlen andere die Rechnung. Das ist in Ordnung, aber sie müssen wissen, daß man es ernst meint und die anderen nicht ausnutzt.
Ich versuch’s nochmal bei der Löwin, dann geh ich schlafen. Beth-al-Sâm ist weit weg. Aber da.

Das Foto steht drin.

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