Das Triskelentattoo ODER Zur Körpergestaltung als poetisch-fiktionalem Akt der Selbstermächtigung. Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 5., und Sonntag, den 6. November 2022.

[Arbeitswohnung, 9.51 Uhr
Brötzmann, Gana, Drake: The Catch of a Ghost (live, 4.11.22)]
Von früh auf hatte ich ein Problem mit “der”, also meiner, Identität; es begann schon als Kind in einer Familie, deren einer Teil mich, was ich nicht mochte, “Axel”, deren anderer “Alexander” mich nannte, was Jugendfreunde lange beibehielten, auch als ich längst schon “Alban” und der Alexander mir völlig fremd geworden war. Diese Umbenennung in “Alban Nikolai Herbst” spielt indessen eine ganz besondere Rolle, und zwar gerade, weil nicht nur mein Nachname “betroffen” war[1]Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.; im übrigen wurde der Künstlername, nachdem im Paß eingetragen, zum Umgangsnamen in meiner gesamten Lebenswelt. Die Geschichte und Notwendigkeit, aus der sich die Umbenennung begab, sind bekannt; seit der “Verwirrung” läuft der Identitätswechsel als die Geschichte eines falschen Passes durch die Romane[2]In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der … Continue reading und bemächtigt sich – literarisch – erst nach 2003 mit “Meere” auch des Geburtsnamens wieder – faktisch allerdings mit der Geburt meines Sohnes im Ende Januar 2000. Ein Künstlername läßt sich familiär ja auch dann nicht weitergeben, wenn man jahrezehntelang sämtliche Verträge mit ihm unterzeichnet hat und so auch vom Finanzamt geführt wird. Ein paar Jahre lang hatte ich sogar zwei Steuernummern, bis ich – ebenfalls erst nach Geburt meines Sohnes – diesen Umstand aufdeckte und seitdem, indem die Nummern zusammengelegt wurden, meine Bescheide auf beide Namen zugleich, nämlich auf je demselben Bescheidformular, ausgestellt werden. Was ich Ihnen, liebste Freundin, damit nur deutlich machen möchte, ist, daß mein Verhältnis zu mir selbst nie ein “einfach empfundenes”, sondern immer das zu einer Figur gewesen ist, einer, naheliegenderweise, literarischen. Genau deshalb begann ich, meine Erzählungen mit etwas anzureichern, was um einiges später dann “Autorfiktion” genannt worden und heutzutage ziemlich en vogue ist, ohne daß nun meine Arbeiten in diesem Zusammenhang besondere Erwähnung fänden; die Leute sind halt Sozialdemokraten. Im Literaturbetrieb kam es damals als Manierismus an und wurde, war mein Eindruck stets, als eine meiner Überspanntheiten wahrgenommen und keineswegs als das existentielle Projekt, als das es sich notgedrungenermaßen vorantrieb. Die in meinen Büchern auftauchenden “Alban Herbst”s, aber auch Kalkreuths sind, so gesehen, zwar nicht mit mir identisch, zu einem Teil aber doch – der indes sich fast immer anders verhält, als ich selbst es tat und tut. Benjamin Stein, in seinem Aufsatz für text+kritik, stellt das sehr angemessen dar. Wobei aber auch das |“Ich”-selbst-als-Figur| auf |“mich”-als-(Alltags)Realität| wie auf eine Figur schaut. Mein Verhältnis zu mir ist mithin das gleichberechtigter Spiegelbilder, die aber je verzerrt sind. Um eine eineindeutig gefühlte Identität zu haben, muß Ich – jedes dieser Ichs – sich erschaffen. Es ist ein künstlerischer Prozeß — so, wie der gesamte Beitrag-selbst, den Sie, Freundin, hier lesen, ein wenn auch nur kleiner Abschnitt eines Romans ist. Daher auch vor Jahren meine, bei der Mama meines Sohnes große Empörung auslösende Erklärung, auch mein Sohn sei Teil meines literarischen Werks. Und er ist es, nämlich insofern sein Leben nicht nur die Gestaltung der Figur Alban Nikolai Herbst wesentlich mitbestimmt, sondern umgekehrt erst die Wiederhereinname Alexander v. Ribbentrops – und beide jedenfalls zeitweise aufeinanderlegen zu können – bewirkt hat. Selbst die unbedingte Kraft meines Vatertums speist sich aus der Abwesenheit des eigenen Vaters, nimmt sie quasi an sich selbst zu Gegenwart zurück; dieser mein Vater mußte aber ebenfalls, da er lange abwesend war, sich vorgestellt – also selbst er eine literarische Figur werden. Die eigentlich eher ernüchternde “wirkliche” Begegnung mit ihm, als ich siebzehn war[3]Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war., vermochte die Figur nicht zu löschen, sondern hat die Fiktion später sogar noch verstärkt; kurz, der in meinen Texten gestaltete “innere Vater” ist in mir nach wie vor stärker präsent als der objektiv-real gewesene, der, um es anders auszudrücken, mögliche Vater. Ein leider schrecklich ausgehendes Jahr lang lebten wir zusammen in seinem Bramstedter Riedhaus, danach sahen wir uns nur noch sporadisch und bald so gut wie gar nicht mehr. Nach seinem Tod allerdings wurde er mir auf eine fast dingliche Weise präsent, wie er es nicht einmal in unserem gemeinsamen Jahr gewesen war. Da hatte das Kind noch den Beschützer und das Vorbild gesucht; in unseren wenigen späteren Begegnungen hatte ich selbst die Beschützerrolle eingenommen, war selber Vater, lange bevor ich es wirklich wurde, geworden.

Wer unter solch prekären Identitätsbedingungen lebt, kommt also nicht umhin, seine Identitäten selbst herzustellen, d.h. sich zu einer literarischen Figur zu formen, auf die sich (selbst)nachweisbar zeigen läßt; es ist dies, glaube ich, weniger Narzissmus als gerade Antinarzissmus, auch wenn es ohne Egomanie (und einige innere Widersprüche) nie ganz abgeht, Doch das Ich ist die Basis unseres Handelns; dieses, nicht, wie wir fühlen, ist auf es angewiesen, sofern wir denkend handeln und nicht nur impulsiv. Nur aber selbstdenkendes, eigenentschiedenes Handeln kann ein moralisches sein, weil jedes andere determiniert ist. Und moralische, im weiteren Sinn ethische Fragen trieben mich schon sehr früh schon. Was Wunder, bei meiner Familiengeschichte![4]



Wobei ich ein sicheres Ich immer nur fühlte, hörte ich Musik; in ihr legten und legen sich bis heute meine teils zerrissenen Identitäten widerspruchsfrei ineinander; erst in ihr werde ich Eins, indes in der Literatur ihre Uneinigkeit der Motor ist, zusammen mit den moralischen Fragen, deren mögliche Antworten ich allerdings deshalb bewußt ausspare[5]So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt., weil nie sicher ist, welches meiner Ichs die Antworten gibt.

Doch ich brauche, um überhaupt handeln zu können (was auch bedeutet: Positionen einzunehmen), eine Form. Früh war es die der Abgrenzung; schon mit fünfzehn trug ich Anzug und Krawatte, 1970 also, als meine Generation Anzug und Krawatte ablegte (Studentinnen und Studenten hatten einander zuvor noch gesiezt); ich wollte nicht nur nicht, sondern konnte es mir seelisch nicht leisten, Teil des Stromes zu werden, der heute “Mainstream” genannt wird und längst etwas anderes meint, als von den jungen Leuten damals eingefordert wurde. Doch ich spürte bereits, worauf es hinauslaufen würde. Und grenzte mich halt ab. Mein Körper wurde Distinktionsmerkmal, erst einmal nur durch die Kleidung, später auch der Leib-selber qua Formung durch Sport. Mithin ist dieses sich mit Augenschein legitimierende, also – extrem wichtig, weil es Handlungsfähigkeit definiert – sich nun zeigen könnende Ich durch und durch Kunst.

Nun war ich, so sehr mein Geist in strudligen Wirbeln, körperlich jahrzehntelang privilegiert; obwohl ich ziemlich unmäßig lebte, schlemmend, können Sie sagen, blieb meine Physis völlig intakt. Also begann ich, diesen Körper auch bewußt zu, wie es in Bodybuilderkreisen heißt, “definieren”, möglichst alle Muskel und ihr Zusammenspiel auch bewußt zu formen, und zwar zunehmend konturiert – nicht, sie aufzublasen, sondern so, daß die Bewegungsabläufe gleichsam tanzten. Stellen Sie sich einen sich bewegenden Panther vor. So war mein Ideal. Nicht etwa Nashorn und Flußpferd. Aber zum Beispiel ein Otter, Fischotter, um es, das Ideal, etwas (wenn auch nur scheinbar) weniger martialisch zu beschreiben. Es hat dies, ich weiß, etwas Anorektisches, indem mir jegliches sichtbare Fett unerträglich war und heute immer noch ist. Zugleich aber, und das ist eben nicht anorektisch, war mir der Körper die tiefste Nähe zu mir; ich hätte ihn durch nichts schädigen wollen, also sagen wir “kosmetisch”. Tätowierung, Piercing und dergleichen waren mir entsetzlich; noch THETIS geht mit dergleichen scharf abwertend um[6]Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr. Im → “Flirren im Sprachraum” (2000), einem meiner ersten poetologischen Texte, formulierte ich:

Die Materialisierung eines Subjekts ist sein Körper. Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was mit dem Subjekt geschah: Tattoo, Branding, Piercing, die KÖRPERWELTEN genannte ästhetisch/ästhetizistische Aufbereitung von Leichen und Leichenteilen, AIDS und Body Art, der Einzug des Sadomasochismus in den Chic. (…) Wenn wir den zur Bedeutungslosigkeit reduzierten Körper noch spüren wollen, fügen wir ihm Verwundungen bei, die obendrein der Werbevorstellung von Schönheit und Glätte zu widerstehen versuchen. Piercing Branding Mutilation sind letzte aufbegehrende Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.

Ich hingegen inszenierte den gesunden Körper, einen, der sich eben nicht verloren hatte, und tat dies als Ergänzung  meines Widerstandes gegen die den Geist befallene Entfremdung, die zugleich als existierende aber unbedingt gedacht werden mußte und deren Ursachen – anders als die politische Rechte und dogmatische Religionen zu glauben scheinen und jedenfalls versuchen, uns glauben zu machen – sich nicht durch revisionistische Haltungen zurücknehmen lassen. Sie sind in der Welt und haben sie unumkehrbar geformt; es ist an uns, sie so zu integrieren – zu pervertieren also –, daß ihre Prozesse nun für uns Menschen, nicht gegen uns laufen und die Welt insgesamt. Ich weigerte mich, meinem Körper auch noch eigentätig zuzufügen, was schon dem Geist zugefügt worden war. Und konnte es,. weil ich so gesund war. Um es kurz zu machen: Selbstbeigefügte Körperwunden sah ich nicht nur als Affirmation (was eine Form der Integration durchaus sein kann), sondern vor allem als Verdopplung; auch hier wieder verstand und empfand ich, was geschah, mit künstlerischem Blick, einem, der Redundanz strikt ablehnt. Ich löse ein Unheil nicht auf, indem ich es verbreitere.

Doch ist dies nun | alles anders für mich. Ich habe keinen “heilen” Körper mehr, sondern einen durch Krebs und OP versehrten; die Inszenierung eines aus sich selbst heraus gegen die feindlichen Prozesse gesunden Körpers l ä ß t sich nicht fortsetzen – rein pragmatisch schon nicht. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, auf die acht Mahlzeiten täglich zu kommen, die ich zu mir nehmen soll, um nicht immer dünner zu werden. Immerhin schaffe ich sechs und halte so mein Gewicht. Das ist völlig in Ordnung und kein Grund, mich irgend zu beklagen. Im Gegenteil, blieb ja am Leben und genieße es sehr, Aber Sport kann ich nicht mehr treiben, weil ich nicht wüßte, woher die dann noch zusätzlich nötigen Kalorien bekommen. Rechnen Sie, Freundin, selbst. Mein Tagesbedarf liegt – wie bei den meisten Menschen – zwischen 2000 und 2400 kCal; triebe ich Sport wie vor dem Krebs, müßte ich weitere, mindestens, 1000 kCal zu mir nehmen; oft waren es 1500, die ich hinzufuttern mußte. Keine Chance mehr, also, auch wenn es mir guttun würde, wenigstens wieder zu joggen. Was nun aber bedeutet, mich über die Versehrung des Körpers nicht einmal mehr täuschen zu können, wozu ich allerdings sowieso nicht tendiere. Und war ich noch vor dreivier Jahren ein entschiedener Gegner von Piercings und Tattoos, hat sich meine Perspektive nunmehr gedreht. Jetzt gilt es, den versehrten Körper zu inszenieren, doch aus genau den Gründen, die ich oben für meinen gesunden ausgeführt habe. Sie können es, Freundin, auch so ausdrücken, daß sich die allgemeine Versehrung – nicht die “nur” schon drohende, sondern sich längst vollziehende Klimakatastrophe wie neuerlich der Krieg in Europa (der erste, an dem ich nicht mehr vorbeizusehen vermochte, war das Völkerschlachten auf dem Balkan, auf das ich noch “nur” mit einem Buch, nämlich THETIS, reagierte) und zuvor die allgemein um sich greifende, früh von mir als patriachal organisiert begriffene Entkörperlichung der Welt (etwa die Verschiebung unserer Wirklichkeitswahrnehmung von der tatsächlichen Realitäts- in eine zunehmend allein medial vermittelte und schließlich medial gewordene)[7]das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace  – … – daß sich diese allgemeine, nämlich Welt-Versehrung durch den Krebs und seine Folgen nunmehr auch meines vormals so gesunden Körpers bemächtigte. So daß ich mich nun ihrer, der Versehrung, selbstermächtigen, meinen künstlerischen Ansatz erneut auf meinen Körper übertragen muß. Auch damit nehme ich, und abermals gegen den Mainstreamstrich, → eine weitere Bewegung der Kunstmoderne wieder auf; Selbstermächtigung war jedenfalls von Anfang an eine meiner künstlerischen Hauptmotivationen. Mit anderen Worten, ich kann die Versehrung selbst nicht rückgängig machen, aber sie meinem Gestaltungswillen unterwerfen – ein Vorgang, der sich abermals weigert, etwas zu affirmieren, das ich für ungut halte. Vielmehr drehe ich auch hier den Schaden in ein lustvolles Überhöhungserleben herum. Pervertere also auch dies.

Los ging es mit dem mir nach der Magenresektion von der Chemo verbliebenen, von mir nach Cronenberg[8]eXistenZ, 1998 so benannten “Bioport”; pragmatischerweise heißt das implantierte Ding, über das die Medikamente zugeführt werden, um die Venen zu schonen, eigentlich nur “Portkatheter”. Die mir bekannten Krebspatienten haben es sich alle spätens drei Jahre nach der OP, wenn sie medizinisch als geheilt galten, wieder herausoperieren lassen; ich aber wollte die Spur bewahren und will es noch. Die nach und nach je nach Befähigung der Heilhaut ohnehin fast verschwindende und jedenfalls bei Männern wir mir von der nachgewachsenen Brust- und Bauchbehaarung ziemlich schnell verdeckte bauchquere Narbe leistet das nicht. Der mir eingepflanzten Bioport aber sehr wohl. Nicht bloß aber, weil er irgendwie immer ein bißchen gestört hat und stört, sondern prinzipiell wollte und will ich, daß mein Körper ihn in sich integriert, ihn im Wortsinn vereinnahmt. Nur: Wie?
Lange darüber nachdenken mußte ich nicht. Die Lösung war wie so oft, deutlich hervorzuheben, nicht zu verstecken, was es zu integrieren, wessen es sich zu selbstermächtigen gilt; Betonung statt Verdeckung, klares VorAugenFühren und nicht Verdrängung. Der Krebs ist ein Teil meiner Geschichte, er[9]oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia” hat auch als überwundener ein Recht auf gezeigte Anwesenheit, welche Ansicht wiederum meiner künstlerischen Position entspricht, daß jedem Kunstwerk als Teil seiner selbst seine Entstehungsgeschichte eingeschrieben sein muß, die wiederum notwendigerweise ein Teil der allgemeinen Geschichte und sozusagen ein wenn auch kleiner Reflex ihrer ist; für meine Ästhetik aber eben nicht “Reflex”, also unmittelbares, nicht willentlich gesteuertes, sondern hochbewußt mitgestaltetes Reagens. — Wie, also, hebe ich hervor? Der Idee einer Integration des medizinischen Artefaktes in die natürliche Organik meines Körpers bezog sich – wie viele, wenn nicht die meisten meiner Texte[10]Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert – von Anfang an auf die von Kipling rasend sinnlich beschriebene Zurückeroberung verlassener Dörfer, für die Waldstücke gerodet worden waren, durch die neu in sie hineinwachsende, was von überwuchernden Schlingpflanzen vorbereitet wurde, wiedererstehende Dschungel. Dies leiblich darzustellen, ließ imgrunde nur eine graphische Lösung zu; sollte sie dauerhaft sein, also ein Tattoo. Indem ich diesen Gedanken zuließ, fiel mein Tabu. Insofern ich aber den Prozeß darstellen wollte, mußte und muß es selbst prozessual werden, mithin work in progress, etwas, das seine prinzipielle Unabschließbarkeit schon im Begriff trägt.
Der “Kern” ist eine Triskele, deren mythische Bedeutung mir nahe ist, die allerdings unbedingt linksläufig, das heißt “weiblich”, sein muß, weil die patriarchale Rechtsläufigkeit zunehmend oft von Rechtsnationalisten vereinnahmt wurde und wird, denen das Motiv als Ersatz für das schon ebenso mißbrauchte, was sich aber nicht mehr rückgängig machen läßt, Svastikakreuz dient. Das Zentrum dieser Triskele füllt aber nicht, wie das sizilische Wappen, ein Medusenkopf, sondern das Shaktidreieck. Also entwarf ich folgendes:

Die erste Realisierung ging dann, dieses Deiecks bezüglich, etwas daneben, insofern es nicht, wie ich doch wollte, auf einer seiner Spitzen steht, sondern einer seiner Seiten:

Da wäre, wußte ich sofort, nachzuarbeiten, möglicherweise durch Überstechung mit einer anderen Farbe. Das ist bislang noch nicht gelöst, vielleicht auch nicht nötig, weil ohnedies nun Pflanzenranken hinzugekommen sind, die, wie die Triskele den Bioport vereinnahmt, nun die Tristkele vereinnahmen; das Symbol selbst war mir noch zu hervorgehoben symbolisch, vor allem nicht organisch genug, auch wenn es bereits → Kommentare dazu gab:

D a ß es zu symbolisch war, spürte ich, als ich das Tattoo erstmals sozusagen öffentlich trug, nämlich in Badehose → auf dem Lungomare Benedetto Croce, Barcola/Trieste. Bislang war mein gesamtes Vorhaben ein objektiv rein privates gewesen und sozusagen publiziert nur in den Beiträgen dazu im Netz, Facebook, Instagram, Twitter; im großen und ganzen ließ es sich als Kunstprojekt bislang nur als Netzkunst verstehen. Jetzt wurde es quasi dinglich. “Das ist noch nur aufgepappt”, dachte ich, fühlte mich zwar einerseits wohl, weil es so gar nicht aufzufallen schien (es waren sehr viele Menschen sonnen- und meeresbadend zugegen), andererseits aber ganz offenbar die gemeinte Radikalität verfehlte, weil es immer noch dekorativ wirkte statt essentiell. Weshalb ich mich – der Gedanke selbst war aber, siehe oben, längst schon da – sofort nach meiner Rückkehr (ein fast bis zum Schluß sehr schönes, dann aber dumm oder, je nach Perspektive, → sehr traurig ausgegangenes Wien hatte noch dazwischen gelegen) sofort an den nächsten Entwurf setzte, die “Erweiterung 1” — dies noch auf Papier:

Ich schickte die Zeichnung an Elena, also an meine Tattookünstlerin, und fügte eine detaillierte Beschreibung meiner Absichten bei. Nur wenige Tage später war sie dann gestochen, nämlich so (das Bild entstand direkt nach der Applikation, deshalb die Rötung der Haut):

Und nach der Ausheilung (die bei mit nach wie vor enorm schnell geht):

Immer noch, wieder nur im Netz, kam mir das abermals “noch zu gut” an. Bei meinem Besuch in Frankfurt brachte Phyllis Kiehl, die es real sehen wollte und zu sehen bekam, auf den Punkt: “Das Schöne ist, daß es gar nicht aussieht wie ein Tattoo, sondern vielmehr nach einer Malerei.” Das war zweifelsfrei ein Kompliment, insofern sich mein Projekt schon einmal von der Tattoomode abhob; ich habe ja nicht vor, sie als solche mitzumachen, auch wenn ich einzugestehen nicht umhin kann, daß mir auch der Gedanke gefällt, unversehens einen erweiterten Zugang zur jungen Generation, besonders der meines Sohnes, bekommen zu haben. Sie immerhin wird maßgeblich entscheiden, ob mein Werk Bestand haben wird oder nicht. Der im großen und ganzen höchst spießige deutsche Literaturbetrieb hat da fast keine Stimme, auch wenn seine Vertreterinnen und Vertreter das sehr verständlicherweise völlig anders sehen und ergo zu verhindern suchen. In jedem Fall hatte und habe ich eines schon erreicht, etwas, das bereits 2003, nämlich → durch Fichte, erstmalig anklang: — so, wie für mich die Verbindung zur Musik lebenslang Grundlage meiner Literatur gewesen war und nach wie vor ist, nun auch eine zur Bildenden Kunst hergestellt zu haben. Mit meinem eigenen Körper als Schnittstelle. Noch aber wirkte und wirkt es nicht als organischer Prozeß, sondern eben wie Malerei; das rein dekorative Moment hat sich bislang erhalten. “… zu perfekt, um natürlichen Ursprungs zu sein”, wie es vier Absätze hierdrüber Hel Mi in seinem von mir verlinkten Kommentar geschrieben hat. Sein darauf folgendes “Es ist schaurig schön, mit der Betonung auf schön” braucht eine dringende Betonung auf schaurig.

Daran sitze ich jetzt und zeichne die weiteren Entwürfe jeweils mit farbigen Eddings direkt auf die Haut (was einige Übung braucht). Der erste der “Ergänzung 2” sah so aus:


Und der zweite

bekam denn auch gleich eine eigentlich so auch gewünschte Reaktion:

Wobei Frau von Steglitz diametral entgegensetzt zu Hel Mi denkt und empfindet. Ich meinerseits bin überzeugt davon, in dem Tattoo beides miteinander vereinbaren zu müssen und antwortete entsprechend:


Der letzte Stand der “Dinge” sieht nunmehr folgendermaßen aus, heute früh (am unterdessen Sonntag) auf die Haut gezeichnet:

Noch bin ich mir unsicher, w i e weit sich die Zeichnung ausbreiten soll; was ich anfangs überhaupt nicht im Sinn gehabt hatte, rückt als Möglichkeit spürbar näher: daß schließlich der gesamte Körper überwachsen werden könnte, abgesehen vom Kopf und den Händen, die für mich, jedenfalls noch, tabu sind. Wobei ich mir sehr klar darüber bin, daß ich die Wirkungsweise des Krebses, nämlich zu metastasieren, gleichsam übernehme, aber hier als ein geradezu Bann-Bild, so, wie wir an Kirchenfassaden immer wieder Dämonenfiguren sehen, die dort eben gebannte sind. Ritusalisierung und Kunst wachsen ineinander auseinander hervor. Mein Unternehmen ist, so gesehen, religiös. Aber auch das gehört zur Genese der Kunst selbst in ihren nichttheistischen Ausprägungen, die allerdings bei mir deutlicher pagane als christliche oder sonstwie monotheistische sind. Doch das ist alles andre als neu. Und ich erinnre mich sehr wohl, wie erotisiert ich von Jadzia Dax war, in Frankfurtmain, vor mehr als vierzig Jahren, glaub ich, schon. Ich war in sie sogar verliebt. Und stellen sie sich vor, sie senkte den Kopf, höbe hinten das Haar und Sie sähen, auch Sie, liebste Freundin, ihren Nacken und wie die Spuren hinab den Rücken fließen … —

Was mich, unabhängig davon, daß ich die Realisierung dieser zweiten Tattoo-Erweiterung momentan gar nicht bezahlen könnte – mein Projekt ist teuer, und in diesem Kunstbetrieb wäre es bizarr, davon auszugehen, ich könne für seine Realisierung Kunstfördermittel bekommen – … was mich ein Problem ansprechen läßt, das bislang keines war. Selbstverständlich, da – außer im Netz und dort nur vermittels meiner Fotodokumentationen – bislang ich alleine es bin, der das Tattoo sieht, lasse ich es vorerst nur dort anbringen, wo ich es eben sehen kann. Von einer Erweiterung über etwa den Rücken hätte ich gar nichts, aber eben auch niemand sonst. Vor dem Krebs wäre das anders gewesen, es hätte noch und wieder Liebespartnerinnen gegeben, und sei es für One Night Stands. Diese Möglichkeit hat mir die Chemo zerschossen. Ich habe früher meinen Körper ja nicht nur für mich selbst geformt, sondern immer auch letztlich für Frauen. Was übrigens ein Unsinns-, weil Irrtumsmotiv war. Denn allem zufolge, was “meine” Frauen mir je erzählt und wie sie sich verhalten haben, schätzen sie zwar wohlgeformte Männerkörper sehr wohl; doch sind die nicht das, was sie bindet, ja es sext sie zwar an, aber fast durchweg “konsequenz”los. Sie binden sich aufgrund völlig anderer Kriterien, anders als Männer, jedenfalls die meisten, als in jedem Fall ich. Mich kann die Schönheit einer Frau abhängig machen, fast gänzlich in Absehung von ihrem Charakter. Gegenüber einer (nach meinen Kriterien, klar:) schönen Frau bin ich sozusagen verloren, auch wenn’s mir gelingt, es nicht zu zeigen. Spüren tun sie es dennoch. Mein Impuls ist geradezu sofort Er- und meinetwegen Überhöhung, Anbetung letztlich; das ist nur deshalb nicht peinlich oder gar peinigend, weil ich dominant bin. Da wiederum für mich zur weiblichen Schönheit immer auch eine Spur, und gerne mehr als nur das, Aggressivität gehört, wird meine Dominanz komplett ausgeglichen und niemals übergriffig; es sei denn, etwa im BDSM-Spiel, ich werde drum gebeten. Dann übernehme ich die Führung, zugleich Verantwortung. “Übernahm” ist heute aber das richtige Wort. Es war so und wird, wie ich spüre, niemals mehr sein. Mein Alter kommt hinzu – nà sowieso, angesichts meiner deutlichen Neigung zu noch deutlicher jüngeren Frauen (als junger Mann hatte ich sie zu entschieden älteren). Und aber selbst wenn! Welcher neuen Liebe könnte ich die starken Frauen  meines Lebens zumuten, die alle, auch wenn die Beziehungen zerbrachen, immer noch gegenwärtig sind und es bleiben werden? Meistens sind wir Freunde geworden, die Frauen also auch real – und innnig – alle noch zugegen. Nein nein, ich werde alleine bleiben. Und aber als lächerliche Figur am Rand eines Szeneclubs stehen, Insomnia, Kitkat? egal, ich war da früher ja oft, – das tu ich mir sicher auch dann nicht an, wenn es die Gelegenheit wäre, das rhizome Tattoo nun zu zeigen. Also weshalb auf dem, um beim Beispiel zu bleiben, Rücken? “Zu wissen, daß es Platin ist”? Auch darüber bin ich lange hinaus. Vielleicht aber —

— vielleicht, weil man das vollendete Kunstwerk – wegmauert[11]Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu. Weil es in Saïs steht, dort zu stehen hat und von dem Schleier verdeckt sein muß[12]Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt. Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier? Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich, So fanden ihn am andern Tag die Priester Am Fußgestell der … Continue reading, auch vor dem, der es schuf oder zu erschaffen veranlaßt hat, — mir? (Ich war’s nicht allein, → Liligeia war es mit mir; auch sie eine meiner mir bleibenden Frauen, die imaginären und “wahren” sind alle vermischt, Jadzia Dax gehört genauso hinzu, mag sie’s auch nicht wissen — aber nicht viele | wissen es nicht).

Ihr, meine Freundin,
ANH, 6. November, 13.03 Uhr
[Vincent Peirani, → Living Being II: Night Walker]

 

References

References
1 Interessanterweise ist mir heute der Ribbentrop wieder nähergerück, wahrscheinlich meines Sohnes schon wegen; der Alexander blieb aber fremd.
2 In einer ersten Besprechung des 1983 erschienenen Buches war es Heiko Postma, genau auf dieses Motiv des Identitätswechsels aufmerksam gemacht zu haben; ob dies, fragt seine Rezension, eventuell der Anfang einer großangelegten Mystifikation sei? — eine Fährte, der danach aber niemand gefolgt ist.
3 Aus meinem Leben verschwunden war er, als ich vier war.
4

5 So daß es in meinen Texten so gut wie niemals eindeutig Botschaften gibt.
6 Was mir die fast schon Feindschaft eines recht bekannten und mir zuvor sogar befreundeten Redakteurs einbracht; seither bekomme ich keine Auträge vom Deutschlandradio Berlin mehr.
7 das Stichwort prägte → Gibson, den ich in THETIS einen der Architekten der Gegenwart nenne: Cyberspace
8 eXistenZ, 1998
9 oder “sie”; ich gab dem Tumor ja schnell einen weiblichen Namen und → korrespondierte wenig später mit “Liligeia”
10 Bereits in “Die Verwirrung des Gemü(h)ts”, 1983, wird ein Wohnzimmer von aus ihren Töpfen heraus gleichsam wildwachsenden Pflanzen renaturiert
11 Jacques Rivettes La belle noiseuse nach Honoré de Balzacs Chef-d’oeuvre inconnu
12 Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
So fanden ihn am andern Tag die Priester
Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
Schiller, Das verschleierte Bild zu Sais

ANH an Liligeia, fünfter Brief: Geschrieben am Sonnabend und Sonntag, den 23. und 24. Mai 2020. {Krebstage 25 & 26: Chemo, Nebenwirkungen – heute und hier zu deren bislang, ja, krassester).

[Nefud, 23. Mai. Nach der vierten Nacht
8.35 Uhr]

 

Und nun zu, endlich,

Lilly, Dir:

Ja, Misignora,

ich beharre auf meinem, weil unserem Du, das eben als Tattoo nicht ich in unsre Haut gestochen habe, sondern Du selbst, wie ich es bereits schrieb, bist es gewesen, mir näher zu kommen (geschweige zu “treten”, intrudiert hast Du Dich mir!) — und ich soll den Usurpator, die Usurpatorin nunmehr auch noch siezen? Oh nein, Du provozierst mich nicht – auch nicht mit der nun wahrlich Purzelbäume schlagenden Bosheit Deines Briefes der Donnerstagsnacht, mit deren folgendem Morgen der erste wirklich gute Chemotag begann und den sie aber, meine vertraute Phyllis Kiehl, kaum (erzählte sie in Facetime) habe zuende lesen können – so sehr habe er ihr, ihr!, wehgetan. Doch auch, daß Du mir diesen ganzen nun Tag über, dieses mein großartiges Gestern, aufs infamste zu zerstören unternahmst, um all Deine Flüche  Wirklichkeit werden zu lassen, wird mich nicht bewegen, auch nur eine selbe Münze zu prägen, um Dich mit ihr zu zahlen. Im Gegenteil, ich bin sogar sehr froh, daß mir, diesen Kampf zu bestehen, in einem Zustand bester Gelassenheit abverlangt worden ist und nicht in einem der physischen oder gar psychischen Dekonstruktion. Denn abgesehen von diesem einen – was einmal zweieinhalb Stunden, dann, nachts, ein zweites Mal weitere nicht ganz anderthalb lange durchgefochten werden mußte – ging es mir gestern weiterhin prächtig bis in die Nacht: kein Übelsein, kein Schmerz, kein Kribbeln in Fingern und Zehen, keine beginnende Entzündung der Mundschleimhaut, keine Konzentrationslosigkeit, keine Erschlaffung. Und: keine Tabletten übern Tag, nur vorm Schlafengehen ein Melatonin und eine halbe Zolpidem, zu der indes — लक्ष्मी und einem ihrer Freunde sei Dank, der es eigens für mich hergestellt hat — etwas hinzukam, das ich nunmehr versuchte und weiterversuchen werde (und das auch mich “versucht”: dies Wort in einem andern Sinn), nämlich ein hochprozentiges, hochkonzentriertes THC-ÖL, erst nur am Abend je als ein einziger Tropfen genommen, um die Wirkung auszutesten, dann vorsichtig zu steigern.
Auf Cagliostros Empfehlung – ich nenne ihn aus rechtlichen Gründen so (als einen weitren Helden meiner Jugend): – ließ ich die Schmerztablette dafür weg … — und was muß ich Dir, meiner liebsten Tumorin, nun sagen? Du wirst es hassen, ich weiß, aber ich schlief beschwerdelos von 23 bis kurz nach 5 Uhr morgens durch, unternahm dann meinen kurzen Wassergang, legte mich noch einmal hin und schlief weitere fast anderthalb Stunden, um nun erst recht ohne eine Beschwerde wieder aufzuwachen, und war überdies bestens gelaunt (———

 

[Nefud, 24. Mai. Nach der fünften Nacht
6.37 Uhr]

 

———); ganz wie heute morgen auch, darf ich ein nun schon nächstes Mal schreiben. Gestern habe ich zur Nacht sogar nur den Tropfen THC-Öls genommen und davon von elf bis halb fünf durchgeschlafen und dann noch eine Stunde länger. Abermals keine Beschwerden, von einem sehr sehr leichten, fast nur erahnbaren Übelsein im Hintergrund abgesehen, das nun, nach dem Frühstück, auch noch despariert ist. So auch scheinen Ihre, Misignora, Wünsche zu zerflattern, ich möge mir die Seele aus dem Leibe kotzen. Wozu ich übrigens nicht ein einziges Mal auch nur entfernt versucht gewesen bin, bisher.
Wobei Sie, Misignora, aber ja zuvor, vorgestern nunmehr, einiges geleistet haben, mich tatsächlich zu zermürben. Sie wissen, Liligeia, genau, was ich meine — ach, aber Li, wenn Du glaubst, ich behielte dieses, weil es tatsächlich den Schambereich verletzt, nein, die glühenden Zigaretten der Wut in ihm ausdrückt, – behielte es für mich, um nicht nur am Geschehen selbst, sondern nicht auch noch an der Würdelosigkeit zu leiden, in die mich ihre Darstellung vorgeblich stieße, so wirst Du Dich, mein Tumorchen, auch hierin irren. Es ist stets eine charakteristische Kraft meiner Poetik gewesen, die Dinge tatsächlich alle zu benennen, ohne daß ich auch nur die Spur meiner Würde verlor. Genau darin lag offenbar einiges derjenigen Provokationen, die meine Stellung als Dichter den Vermittlern, Kritikern wie Buchhändlern, doch schließlich wohl auch Leserinnen und Lesern immer so heikel machten. (Wie mich seinerzeit, als der Prozeß um MEERE angelaufen war, die ZDF-Regisseurin fragte: “Wieso, Herr Herbst, müssen Sie immer so genau hinsehen?”) Hier akzeptiert wer kein Tabu und schon gar nicht Mehrheitsstimmung (auf die sich die meisten, bekanntermaßen, “Meinungen” letztlich zurückführen lassen).

Also, Lilly, ich deutete es schon an – wir sprechen hier von den Nebenwirkungen der  bisherigen Chemo ..: will sagen, der Verstrahlungen, denen ich Reisender auf meinem Zug durch die Nefud ausgesetzt bin und wohl noch knapp sieben Wochen lang bleiben werde. Die bekanntesten nannte ich schon, sie schlitterten bislang fast spurlos an mir ab. Mit denen hast Du kein gutes Blatt auf der Hand… außer einem, mit dem gar niemand rechnet (nicht mal die Beipackzettel tun es, auch nicht die Erläuterungen der chemischem Substanzen der Therapie-selbst). Diese Karte traf mich nun heftig. Da hast Du einmal richtig gewonnen! Nur ist “treffen” nicht das treffende Wort. Aber ich weiß, wie sehr Sie, Liligeia, diese mir zugefügte Erniedrigung genossen! Und wie Sie darauf geharrt haben müssen, ja drauf gierten, daß ich ihrer endlich in vollem Ausmaß bewußt werden würde.
Was nahezu vier Tage brauchte, parallel quasi zu → Ihrem zweiten, derart bösen Brief. Wie schreiben Sie darin? Ah ja!: “Sie mehr als mich soll sie quälen, diese Chemo … viel, viel mehr als mich! Dafür werde ich sorgen!” In diesem, darf ich “Fall” schreiben? ist es Ihnen wahrlich gelungen. Und ich sehe Sie vor mir, anderthalb Etagen über dem Geschehensort in meine ösophage Organik mit den spitzen Beinen → Ihres schlimmen Wappens (dem ich nun, siehe den Briefkopf, das meine, in dem es unter dem Kranich ein Lamm gibt, entgegensetze) einge-, ja, –graben und jede Verrenkung verfolgen, der ich mich aussetzen mußte, um loszuwerden, irgendwie loszuwerden, was da in mir wie ein trockenes, dickes Brennholz stak und eben nicht herauskommen wollte. Doch ich jammere nicht, wir sind nicht auf der Welt (wie → Erdelmeier einmal sagte), um klein zu sein, sondern meine Perspektive erlaubt sich jetzt — Komik. Die nehm ich mir hier, meine Krebsin, gegen jeden “guten Geschmack” heraus – und zwar als einen Slapstick, mit dem Du erst recht nicht klarkommen wirst, geschweige ihn irgendwie zu goutieren weißt, zumal er dem wie auch immer gequälten Komödianten die Würde völlig beläßt.

Was wir benennen, Lillilieb, ist fast schon beherrscht. Lerne, Ligeia, lerne von mir.

Also. Was geschah?
Ich habe → schon dort davon geschrieben (und gehofft, es bei dieser Andeutung belassen zu können), merkte aber dann, was hier wirklich auf mich zukommen würde. Immerhin, es “traf” mich, dafür bin ich dankbar, an einem guten Tag.
Nahezu stets ist mein Stoffwechsel in Ordnung, ist mehr als bloß verläßlich gewesen, lebensbislanglang. Indes begann er nun, bereits am ersten Tag der Nefud,  übel zu stocken. Sie dürfen das gerne im Wortsinn verstehen. Gewarnt war ich Reisender aber vorm Gegenteil gewesen, vor Situationen mithin, in denen man von dem Kamel nicht schnell genug mehr herunterkommt. Davon, in meinem Fall, war weder Rede noch später auch nur entfernteste Tat. Sondern es ballte sich, ballte sich in mir zusammen, wurde eine furchtbare, so muß ich es nennen, Masse, die sich in mir drin immer weiter verdichtete und mir zunehmend unheimlich wurde, weil sich wiederum mit ihr nicht verband, was von solchem Zustand zu erwarten gewesen wäre: Engegefühl, Krämpfe, Schmerzen – nichts dergleichen, nein, was solch einen Grad von Verstopfung begleiten hätte müssen. So ist “unheimlich” das genau richtige Wort. Und wenn ich → Dich anschau, Dich Lilli auf dem Felde, dann weiß ich sehr genau, warum.
Doch wie nun auch immer. Noch dachte ich, die Angelegenheit mit solch  einem Dingerl erledigen zu können, das wir, Herr Doktor Faisal hatte recht, tatsächlich auch bekamen, als wir die erste Oase erreichten. Hier war es sogar leichter als in Berlin, wo ich tatsächlich dreimal vergeblich fragte; nicht bei Roßmann, nicht in der ersten Apotheke kannte man das Ding, das ein sozusagen fixer Bestandteil meiner Kindheit gewesen ist, weil uns Brüdern → die Omi damit regelmäßig malträtierte, wenn wir Buben Würmer hatten. Vor fünfundfünfzig Jahren kam so was ziemlich häufig vor; es war noch nur wenig Obst gespritzt, das in den Läden auslag, und was wir rings aus den Obstgärten klauten, war es erst recht nicht. Umso weniger erschließt es sich mir, weshalb es ausgerechnet an dieser Oase solch ein Birnspritzchen gab.
Wobei. Unter einer Oase in der Nefud wirst selbst Du, meine Li, Dir etwas völlig Falsches vorstellen. Von 1001Nacht war nix zu sehen, von ein paar aber wie gerupften Palmen mal abgesehen. Ihr Zentrum erinnerte mich viel mehr an eine Gasoil-Station am Rand der Namib. Wo genau in diesem Hüttchen vor sich gehen würde, was vor sich zu gehen auch hatte, und zwar geschlagene fast zweieinhalb Stunden lang:

Unseren Zug gen Aqaba hielt das, Du weißt es, ziemlich sehr auf. Doch niemand mit mir, wohltuenderweise, hatte Mitleid; es zeigte sich ein sozusagen asiatischer Charakterzug, bzw. die kulturelle Codierung, die uns in der Würde beläßt: zwar jede und jeder bekommt mit, was geschieht, aber niemand nimmt es wahr, geschweige daß er’s behielte und dann herumtratschen würde. Vielmehr, es ist, vielweniger also, als wäre nie was passiert.
Und was da aber passierte, passieren mußte! Klar war mir das schon am Ende des zweiten Tages geworden, nun, am Ende des dritten, war es akut. Zumal Do, mit der ich telefonierte, dringend warnte. Sogar ein Wort vom Darmverschluß stand im Raum. Sie, die frühe langjährige Gefährtin, hatte in ihrer unmittelbaren Nähe einen Fall, der ins Krankenhaus überführt werden mußte, wo man dem armen Menschen innert dreier Tage herausoperierte, was von allein abgehn sollte. Und wo sollte ich, in der Nefud, jetzt ein Krankenhaus herbekommen, und wie lange würde Aqaba dann noch warten müssen? Nein, ich mußte es im Wortsinn eigenhändig angehen.
Worauf Du so gewartet hast, was Du mir antun wolltest und nun mich selbst mir antun ließest.
Warmes Palmöl, Wasser, Kamelmilch: so Faisals Rezept. (Do sah vorher noch Movicol vor: “Trink das, und zwanzig Minuten später geht es los.” Nix ging los, auch nicht nach dem zweiten Beutel. Nicht mal nach sechs Stunden. Dr. Faisal war diesbezüglich skeptisch höchst zurecht; seine Mischung erwies sich als eher geeignet.)

Man bittet als Herr nicht um Hilfe.
Man schließt sich allein ins Kabüffchen ein. Wobei ich nach einer Stunde schweißtreibender Anstrengung als allererstes lernte: erst mal mich komplett ausziehen, dann die nächste Drück- und Zieh- und Pulaktion, dann unter die Dusche und, wenn abgetrocknet, weiterhin nackt aufs Örtchen zurück, weil es nämlich alles eine Riesenschweinerei ist. Gummihandschuhe, etwa, sind unabdingbar: bloß nicht die ohnedies von der Nefud angegriffene Schleimhaut noch mit den Fingernägeln verletzen, wenn man hineinstößt und drin herumgräbt. Man muß bei sowas nämlich rein, und  zwar so tief es eben geht. Da lernst du wirklich Anatomie, was Wendelungen, etwa, sind. Es hilft nichts, Du mußt versuchen, meine Schöne, die Kacke mit den Fingern herauszuziehen. Was aber auch nicht geht, sondern Stückchen für Stücken – quasi sind es enorm feste Kugeln, die sich kaum ablösen lassen – brichst Du ab und pulst Du hervor. Dazwischen immer wieder das Flüssigkeitsgemisch ins Klistierchen.
Riesenschweinerei, ich versichre’s Ihnen! Welch Glück, daß gleich nebenan die provisorische Dusche. Aber nicht nur Schweinerei, sondern vor allem Akrobatik! Versuchen mal Sie, für sowas die richtige Stellung zu finden … – Irgendwann, nach zwei Stunden des ständigen sich irgendwie im Halb-, Viertel-, Achtelsitzens Vorbeugens und Verbiegens, zumal nun immer gleich beide Unterarme und Hände hinter sich, doch Naß und Stuhl wolln nicht zusammen, stoßen sich ab, es läuft nur noch so aus einem raus, ohne daß aber abgeht, was abgehen muß … – irgendwann dann ein Schmerz quer durch den Oberschenkel und der innere Bannruf: “Jetzt nicht auch noch einen Krampf!” — An sich halten, Konzentration, bloß nicht die gute Laune verlieren,
Ich hatte wirklich Glück, nein, war gesegnet, daß ich diese Aktion nicht unter noch anderen Beeinträchtigungen durchführen mußte. Nein, es war – und ist’s gewesen nach wie vor – ein ganz wunderbarer Tag für mich, voller Sonne draußen und drinnen, ohne Übelkeit, komplett schmerzfrei; selbst Appetit hatt’ ich enorm.  So daß ich diesmal alleine deshalb wenig aß, um nicht der Masse, die so dringend hinausmußte, noch weitere Masse beizutun. Davor hatt’ ich, Ligeia, Respekt.

Ah, ich weiß, Du hast Deine Rache genossen und genießt sie, oh Lilli, immer noch weiter. Denn völlig ist das Problem nach wie vor nicht gelöst, meine Darmperistaltik komplett durcheinander. Aber ich werd’s in den Griff kriegen. Wir passierten auch heut’ schon die nächste Oase, hat Dr. Faisal mich beruhigt. “Und was halten Sie von Macrogol?” habe ich ihn eben gefragt und damit einen Hinweis Björn Jagers aufgegriffen, der nach Lektüre meines letzten Tagebuchs das Medikament mir empfahl. Freunden von ihm, die ähnlich gelitten wie ich, habe es sehr geholfen. Wobei ich selbst tatsächlich zu leiden gar nicht das Gefühl habe. Ich kämpfe, das ist was andres. Auch die Aktion auf dem Klo war kein Leid. Leid ist: keinen Sinn mehr zu fühlen.
Und dennoch, stellen Sie sich das Örtchen danach vor, wie es hinterher also aussah, als dann mit quasi einem Rutsch, ohne daß ich noch nachziehen mußte, aus mir das Letzte herauskam, mit einem Rutsch und einem Wahnsinns-Platsch!. Was das war, weiß ich noch jetzt nicht zu sagen. “Stuhl” kann niemand es nennen. Ganz gewiß nicht humanoider Herkunft, ist es tiefschwarz, teerig und so kompakt, daß sogar, als ich alles hinwegspülen wollte – um nämlich den Slapstick komplett zu machen, der natürlich obendrein stank (“natürlich” ist natürlich nicht das richtige Wort) –, die Toilette-selbst verstopfte, also das Rohr unter der Schüssel, und zwar so sehr, daß ich mich mit Hand und halbem Unterarm hineinstoßen mußte, um irgendwie zu lösen, was Zement zu werden bereits im Prozeß war. Bevor es ihn abschließen konnte und das gesamte Klo hätte entsorgt werden müssen, indem man es erstmal in tausend porzellanene Stücke zerschlüge. (In der Architektur nennt man sowas einen Rückbau.)
Das Zeug ging ohne weiteres nicht einmal von den Gummihandschuhn ab, wie als fräße es sich in sie hinein – und in der Tat, beim Versuch, sie wieder sauberzubekommen, zerfiel ihr Gummi und löste sich auf. Nein, ich übertreibe nicht. So werd ich mir gleich nachher, wenn wir diese nächste Oase denn erreichen, am besten einen ganzen Vorrat besorgen. Schaden kann es eh nicht. Wenn aus der Nefud in Berlin wieder zurück, habe ich im Zweifelsfall ein Vorrätchen für meine Mme LaPutz; dann wäre alles bestens gelaufen, so ziemlich jedenfalls.
Und erneut: splitternackt, klar, unter die Dusche, danach das Klo saubergeputzt, alles, Boden, teils sogar die Wände, dann abermals unter die Dusche. Der stolze, stolze Alban Herbst.

Je nun, und nun, Ligeia? Da ich nun dies erzählt, habe ich an ihm verloren, dem Stolz? Vergiß es! Es war nicht mehr als eine zugegebenermaßen etwas lästige, auch mühsame Prozedur, die ihre – mit Abstand betrachtet (und vorausgesetzt, wir schauen sie im gegenwärtigen Kino an, das Sensationen des Geruches noch so wenig wie das Fernsehen kennt) – durchaus Komik hat. Nein, nicht wegen “mitten in der Wüste” oder des Bades (bzw. des in der Nefud höchst rostigen, nahezu frei ragenden Wasserrohres an einem noch viel zerfresseneren Gestänge) gleich nebenan, sondern “einfach” an sich, was überdies für weniger sportliche, vor allem auch körperumfangreichere Menschen als mich in der Tat Tortur gewesen wäre, für mich aber nur ein kleines athletisches Zwischentraining war, das mir seit Corona ja sowieso fehlt und nunmehr auch verboten ist, im Sportstudio jedenfalls. Eine Covid-19-Infektion wär grade jetzt nicht produktiv. Aber sage, Lilly, mir, daran hast Du  noch gar nicht gedacht? Oder doch – und fürchtest Dich selbst vor dem dann zu schnellen Ende? – Schon deshalb: Nein, der Haß aus Deinem letzten Brief hat mich nicht mal berührt. Ich sage Dir, was ich schon vielfach, andren nämlich, schrieb und sagte: Ihr könnt mich töten, aber nicht beugen.  Und wenn Ihr mich vor Schwierigkeiten stellt, selbst vor die der psychischen Vergeblichkeit, so wird es meine Kräfte rufen statt sie schwächen, und dies, bis ich dann wirklich, eines Tages, sterbe.
Momentan, nach dieser Unterleibsaktion liegt mir dies ferner als je. Ich war immer auf der Seite meiner Organe, auch denen anderer Menschen, so ich sie denn liebte, habe unsere Organik immer besungen, das wirst auch Du nicht ändern können, geschweige mich zurücknehmen lassen. Das Wunder der Chemie bleibt größer als das irgendeines GOttes noch durch den Krebs, durch Dich, hindurch, die Krebsin Λίγκλια καρκίνος. Und da, zwischen Kloverschlag und rost’ger Außendusche, zeigte sie halt a bisserl Humor: auch sie, Chemie, bewegt sich geschmacklich nicht immer auf höchstem Niveau. Mehr, o schöne Sirene, ist nicht gewesen. Ich meine, wenn das schon alles ist an schlimmen Nebenwirkungen meines Nefudhindurchkarawanens, dann kann ich wirklich zuversichtlich sein, und Dich — Dich darf ich, Lililein, mal einfach ein bißchen auslachen heut.

Und dann, schöne Sídhe, als heute dieses Briefes Abschluß: Seit Cagliostros THC habe ich keine Tablette mehr nehmen müssen, einfach durchgeschlafen, ohne Schmerzen, wohlstgemut erwacht. Da meinst Du in der Tat, mich erpressen zu können oder auch nur in Harnisch zu bringen? Besser wäre doch – für uns beide, Lilifee –, Du nähmest wieder die Circegestalt an, in der ich Dich erstmalig sah, in der Du zu mir erstmals sprachst und schliefest paar Jahre später genauso mit mir, besser, ja, besser, Du wandeltest Dich jetzt in einfach sie zurück und wir legten uns aneinander — ob oben Du, ob oben ich, das würden wir schon sehen. Wir hörten eh erst einmal zu, uns selbst zu und der Musik, die ich für jetzt uns ausgewählt hab:

Beethoven,  Rasumowski II op.59.2

Dir gut, ob Du es willst oder nicht:
A.

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