Klarheit im August ODER Das Große Fest der Enteinigung. Im Tagebuch des fünfundsiebzigsten Krebstags 2020.

[Arbeitswohnung, 15.31 Uhr. 74,8 kg.
Malipiero, → Le sette canzoni]

Auch dies, nach Maxwell Davies, eine unvermutete Entdeckung., deren Klangwelten mich noch einige Zeit beschäftigen werden — Gian Francesco Malipieros und Alfredo Casellas, mit einem soeben, da ich nun seinen Orchesterliedern lausche, aufglühenden Mentalitätsakzent auf erstrem. Aber auch Malipieros höchst seltsam gezählten, durchweg recht kurz Sinfonien kann ich mich nicht entziehen, auch wenn ich ihre Verschiedenheiten noch nicht sofort mitfühlen, mitverstehen kann. Das aber eben sind die “Aufgaben”, wann immer wir es mit einer bislang fremden, doch spürbar vibrierenden, hier sogar nachdrücklich pochenden Musik zu tun bekommen. Selbstverständlich fangen wir dann nachzulesen an, machen uns auch über das Leben der Künstlerin, des Künstlers kundig und ärgern uns, wenn wir finden, es habe sich jemand zumindest unprotestierend mit Mussolini vielleicht nicht gerade handgemein gemacht, aber doch sich eingefügt. Malipieros Faszinosum wird für mich vor allem in der deutlichen Manier seiner Chromatik liegen, auf die ich in Kompositionen fast so direkt (“unmittelbar”) reagiere wie auf Chaconnes und Variationssätze.

Der Termin der großen Operation steht fest; mithin habe ich mich auch die für die Klinik entscheiden, nachdem ich heute früh um 9 das Beratungs- und Vorgespräch mit Professor Heise im Sana Klinikum hatte. लक्ष्मी radelte mit mir hin, saß dann auch dabei.
Im Prinzip entsprechen die Einschätzungen denen Prof. Biebls von der Charité, wobei Heise mit großem Schnitt arbeiten will und nicht ausschließlich minimal invasiv; allerdings keinem Schnitt als Brustöffnung, sondern dieses nur dann, wenn sich während der Operation zeigen sollte, daß meine Lilly nun doch höher in die Speiseröhre vorgedrungen ist, als es derzeit aussieht. Dann allerdings müßte direkt in die Rippentruhe gegriffen, sie also doch geöffnet werden.
Zu postoperativen Problemen könnte es vor allem an den Nähten kommen, die nach der Magenentfernung (Gastrektonomie) für die Verbindung von Speiseröhre und Darm sorgen; bisweilen bleiben sie nicht dicht, was, weil dann Säfte fehllaufen, schwer unangenehm sein soll. Das Problem sei zu beheben, bedürfe aber weiterer Eingriffe, auf die erstmal vier schwierige Tage folgten, weil man nicht schlucken in ihnen könne.
Dies nur zur warnenden Vorbereitung. Was mir wichtig ist und angenehm.

[ → Bildquelle (©]

Schon auf der Hinfahrt meldete sich Lilly leider deutlich; eine Erfahrung, die ich mit ihr während er Chemos nun schon mehrfach gemacht habe. Begebe ich schon morgens ohne irgendein Medikament hinaus und setze den Körper einer Anstrengung aus, beginnt die Tumorin zu rumorinnen; dann drückt der Schmerz aufs Atemzentrum, was am unangenehmsten ist. Mittlerweile weiß ich auch, in diesen Fällen helfen die Novamintropfen tatsächlich sehr gut und vergleichsweise schnell. Doch ich hatte keine bei mir, mußte bis zur Rückkehr warten und halt a bisserl die Zähne a bisserl zusammenkneifen.
Um etwas vor elf war ich dann zurück, nahm die Tropfen und hatte nun eine Stunde ruhender Wartezeit, die ich still auf meinem Lager verbrachte; für Musik tat der Bauch noch zu weg. Also vor sich hin dämmern, Lilly vielleicht ins Öhrchen Koseworte flüstern … — wenngleich … damit kann sie ja nun erst recht nichts anfangen (oder gibt das vor).

Jetzt war noch die Laser-OP meiner Augen anzugehen; den Termin im Mai, auf den ich über zwei Monate zu warten hatte, hatte ich wegen des Stagings absagen müssen. Aber ich hätte gerne vor der großen OP meine Sehkraft zurück, um gleich danach und eben noch in der Klinik, wieder gut arbeiten zu können und nicht so eingeschränkt wie jetzt zu sein, da ich immer wieder durch diesen Schleier dringen muß, der mir mehr und mehr vor den Augen liegt. Und war komplett überrascht, daß ich für bereits übermorgen einen Termin bekam … allerdings für nur ein Auge; mit der OP des anderen müsse hernach an die zwei Wochen gewartet werden. Was Unfug ist; ich habe meine künstlichen Linsen an zwei direkt aufeinanderfolgenden Tagen eingesetzt bekommen; weshalb sollte es so nicht auch bei der Behandlung dieses  → “Nachstars” gehalten werden? — Das müsse ich dann am Mittwoch direkt mit dem Arzt klären.

Es ist mir wichtig, weil ich so sehr gerne der Contessa Angebot annähme, noch vor der Großen Enteinigung, wie ich Liligeias OP von nun an nennen werde, für vierfünf Tage auf die Insel zu kommen. Um einfach nur ins Meer zu schauen, friedvoll mit den Nereïden, die in ungewissem Sinne Liligeias Schwestern sind, voll tödlicher Sirenenlust auch sie. Aber die kleine Reise birgt nun logistische Probleme, wenn Auge 2 nicht gleich nach 1 operiert werden kann. Doch sowieso werde ich am Mittwoch mit dem Arzt noch klären müssen, ob nicht überhaupt die in mir noch wirkenden Zytostatica das Lasern ausschließen. Und dann erst, mithin frühestens am Donnerstag, werde ich buchen können. Oder eben nicht.

Jetzt muß ich eben noch mal zur Augenärztin los: mit einen neuen Überweisungsschein ausstellen lassen, da der, den ich von ihr bekam, sagt man das? abgelaufen ist?

Gut, nun wissen Sie, Freundin, Bescheid.

Ihr ANH

(…) no sign of remaining pathology”: Krebstagebuch. Freitag, den 10. Juli 2020, am Morgen vor der, abends, Charité. Zweiundsiebzigster Krebstag, Chemo IV/Tag 10. Sowie zum Büchnerpreis für Elke Erb.

[Arbeitswohnung, 7.45 Uhr. 74 kg.
Alfredo Casella, Violinkonzert op. 48]

Diese Nachricht nachts, um 2.50 Uhr, von einer befreundeten Ärztin, die eine wiederum ihr befreundete Radiologin hinzuzog, indem sie ihr den Link auf das Iso-Image schickte, das ich von der CD der → Computertomographie des Mittwochs angefertigt und in meiner HidriveCloud archiviert habe:

I have seen the CT scans of dear Mr. Alban Nicolai Herbst. I saw no sign of remaining pathology. Stomach wall is very irregular, but there is no prominent thickening resembling cancer and no pathological lymph nodes apparent in the scan. There is a small pulmonary nodule in the apical segment of left lower lobe, it seems benign in origin but it must be carefully observed in the follow-up (size control is essential). PET/CT scan can be more useful in the follow-up. I could not see no other macroscopic pathology in the body parts scanned.

Schweigt, mußte ich mich unmittelbar fragen, Liligeia deshalb? Oder sind ihre Nachrichten nur unsichtbar — so wie jetzt sie selbst es offenbar ist? So sehr sich unter der Chemo geduckt … Und Faisal, gestern zu Abend in der Nefud, zitierte ausgerechnet Biermann: “Wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um.” Aber es regnet gerade zu stark (“junge und alte Hunde”, schrieb ich eben meiner Lektorin, “komplett wahllos durcheinander”), um die Wüstenbilder glaubhaft hervorzulocken; ich hänge besser den Trenchcoat heraus und wechsel den Anzug von hell auf cardingrau. Außerdem, Freundin, ich erzählte es, glaube ich schon, rasiere ich mich allmorgendlich strikt gegen den verlorenen Bartwuchs an; auch dies ein Gebot meiner Haltung. Wobei mir die Chemo einiges Haar nun doch gelassen hat; der Körper ist weiterhin, wenn auch leicht durchschüttert, befellt, ebenso sind noch die Augenbrauen zu erkennen. Übern Daumen gesprochen: Was sich bewährt hat, hält sich querköpfig fest, läßt nicht los. Indessen, was wegrasiert wurde, wächst nicht mehr nach. Vorerst. Bis die Zytostatica aus den Gefäßen wieder raus sind.

Und was, wenn Lilly — weg ist? Seltsam, es wäre, als ob mich was betröge. Ich bin jetzt so sehr in diesem Abenteuer drin und auch libidinös mit der Krebsin verwachsen, daß mir “ein Leben nach dem Krebs” geradezu entleert vorkäme … ein bißchen entleert, bene, lassen wir mal, Herr Schröder, die Merkel im Dorf. Und außerdem werde ich schnell etwas finden, um die vermeintliche Leere zu füllen. Doch Li soll irgendwie dabei sein. Auch wenn  sie wirklich fort ist. Wobei sich das erst in den kommenden fünf Jahren erwiese. Meine spezielle Tumorin länger als diese fünf zu überleben, gelingt bislang nur 20 Prozent ihrer Wirte.  Doch fünf Jahre sind fünf neue Bücher; ich könnte also selbst in diesem Fall noch einige mir wichtige Projekte zuende bringen.

Ah propos, das will ich auf keinen Fall vergessen: Der diesjährige Büchnerpreis geht an Elke Erb. Welch großartige Entscheidung! Hier stimmt nun einmal alles: Kunst, politisches Engagement und feinstes Können. Denken Sie dagegen mal an das horrende Mißverhältnis (und wohl auch -verständnis) des Büchnerpreises seinerzeit an Martin Mosebach. Ungünstiger konnte ein Pflugschar nicht wieder zum Schwert gemacht werden.
Ach, ich gönne es Elke Erb so sehr, die ich verehre, seit ich ihrer Dichtung zum ersten Mal begegnet bin – übrigens in ihrer Nachdichtung (aus dem Georgischen) des persischen Epos Wīs und Rāmīn. Die Dschungel gratuliert also aufs herzlichst hochachtungsvollste.

***

Da nun nicht mehr wir uns Aqaba nähern, sondern dieses selbst uns entgegen- gleichsam –galoppiert, muß ich zusehen, vor unserm Aufeinanderprall mit den → Béarts tatsächlich fertig zu sein, was für heute erstmal bedeutet: für die Lektorin alle noch nicht eingesprochenen Entwürfe, zehn sind es noch, aufzunehmen, zu schneiden und zu ihrer Verfügung in die Cloud hochzuladen. Damit werde ich wohl bis zum Abend zu tun haben, bzw. bis zum Aufbruch ins Virchow/Charité. Sollte ich früher fertig werden, setze ich mich weiter an die finale Béart-Nr. XXXIII. Bis spätestens Montag muß endlich auch sie lektoratsfertig sein. Also. Ein bißchen Ruhe meinem → Röhrerich, genannt voll Achtung Rih.

 

ANH

 

 

(Siehe auch → dort.)

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