“Alles ist Ereignis und Paranoia, Schwelle, Schachzug und Symbol.” Samuel Hamen über ANHs “In New York | Manhattan Roman”. PODCAST.

“Daß im Oevre von Herbst, der bereits in seiner Anderswelt-Tri-
logie eine phantastische, hypertrophe Megacity heraufbeschwor,
ein New-York-Roman nicht fehlen darf, versteht sich von selbst.”
Jan Drees, Anmoderation

 

 

 

 

→  D o r t .

 

 


“Wenn dann auch noch Alban Nikolai Herbst, dessen Texte die li-

terarische Postmoderne im deutschsprachigen Raum wie wenige an-
dere inkorporieren, über New York schreibt, ja, dann muß sich
nicht nur die Figur verlaufen, sondern sich gleich die gesamte
Clique, Figur, Erzähler und Autor in den urbanen Palimpsesten
verirren. (…) Dementsprechend kunstvoll gleitet, schrammt und
keilt sich der Roman durch einen, Zitat, ‘Schauplatz phantasti-
scher Intrigen’ durch die Räume dieser Stadt, ihre Sprachen, Ty-
pen und Atmosphären. (…) Alles ist Ereignis und Paranoia,
Schwelle, Schachzug und Symbol.”
Samuel Hamen


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Alban Nikolai Herbst
In New York Manhattan Roman
Neuausgabe nach der Urfassung
Lektorat von Elvira M. Gross | Arco Verlag, Wien & Wuppertal 2021
25 Euro | ISBN ISBN 978-3-96587-010-9 | → Bestellungen

Krebstagebuch, Tag 71: als Arbeitsjournal des Donnerstags, den 9. Juli 2020. Auch zu den Brüsten der Béart darinnen wieder, nämlich Nr. 55.

[Arbeitswohnung, 6.57 Uhr. 73,3 kg.
Charles Villiers Stanford, Irish Rhapsody No 1]
Doch wieder englische … nun gut, irische und dabei, weil Stanford über England stark geprägt ist, überdies in u.a. Cambridge selbst lehrte, doch sehr britische Musik. Wenn ich mal begonnen habe … Ich will über Werke eine möglichst detaillierte Übersicht haben, auch wenn ich sie später verwerfe. Jedenfalls lernte ich soeben etwas über die → English Musical Renaissance, die zeitlich ungefähr der Zweiten Wiener Klassik parallellief, doch sich im tradierten Klangraum des Tonalen abspielte. Daß den beteiligten Komponisten ein spezifisch englischer Ton gelang, läßt sich bis in die 50er des vergangenen Jahrunderts unverwechselbar hören; in Britten klingt’s dann aus und verläßt die tradierten Klangräume, ohne aber auf Schmelz und überhaupt sinnliche Faktur zu verzichten.
Jetzt eben, seit gestern, ist, nach Vaughan Williams (dessen Sechste ich, wie dort erzählt, tatsächlich entdeckte), Stanford dran, danach awerden’s die Sinfonien Hubert Parrys sein, dann aber, bald, werde ich zu den Meinen zurückkehren, Pettersson, Mahler, Dallapicolla, auch Gubaidulina und Kaja Saarijaho — wobei ich eben spürte, vorher noch, nach Stanfords Rhapsodien, unbedingt erneut Maxwell Davis’ Strathclyde Concerts anzuhören, mit den Rhapsodien am besten wechselweise, weil ich das Gefühl einer hohen Verwandtschaft der Klangräume hatte, über die tonale/freitonale Verfaßtheit, ecco!, hinaus. Das sind so | genau die Phänomene, die mich interessieren und eigentlich seit je interessiert haben. Eben und besonders auch in der Literatur (soweit sie emphatisch – gewollte – Dichtung ist).

Beschäftigt, als mich der Bauch mal wieder dekonzentrierte, hat mich gestern auch der Versuch des Entwurfs eines Béart-Umschlagmotivs. Herausgekommen ist gestern gegen 22 Uhr das hier:

 

Das Motiv stammt von → Gaga Nielsen. → Ich schrieb darüber ja → schon gestern. Jedenfalls lenkte mich die Bastelei von dem wieder etwas nervenden Bauchschmerz ab, den Lilli, glaube ich, nunmehr sehr bewußt einsetzt. Nervös war ich doch eh schon,

Sie wissen noch? die CT gestern?

Nun ist sie also durchgeführt, ich habe eine CD der Aufnahmen mitbekommen, und sie lasse sich auf meinem Computer sogar aufrufen, er nimmt also das LARAView genannte Programm an, aber dann fehlt ihm erstens die Rechenkapazität, vielleicht eignet sich auch windows7 nicht so sehr, doch vor allem kann ich die Bilder und Filmsequenzen nicht interpretieren, das heißt im groben und ganzen schon, Thorax, Wirbelsäule eh, alles bestens zu sehen; es gibt auch eine Fahrt vom Hals hinab durch die Eingeweide bis zum Beckengrund — wo aber Li sitzt, ist  nicht zu erkennen. “Sie und ihre, wenn es sie nun doch heben sollte, Töchter werden auf den Bildern weiß sein”, erklärte am Telefon die mit den Zwillingen wieder heimgekehrte लक्ष्मी, die sich beruflich auskennt. Nur ist weiß allerlei auf den Aufnahmen; weiß sind auch die deutlich erkennbaren Ansätze de Rippen, weiß sind insgesamt die Knochen, und wenn ich dann an die Organik-selbst hineinzoome, finde ich mich gar nicht mehr zurecht, geschweige daß meine Krebsin ausmachen könnte. So wird mir nichts übrig bleiben, als mich bis morgen in Geduld zu … nö, aufs “Üben” hab ich nun erst recht keine Lust … also am besten THC-sediert (bin aber jetzt noch “trocken” und will’s bis Mittag bleiben; danach sehe ich weiter) auf morgen nachmittag zu warten, wenn ich um 17 Uhr die Befund- und mögliche OP-Besprechung in der Charité habe. Mattias Biebl kann die Bilder lesen und wird es für mich tun, derweil die Sana ihre interdisziplinäre Tumordiskussion schon gestern hatte, nachdem ich längst wieder fort war; die dort gewonnene Einschätzung wird mir im persönlichen Gespräch Michael Heise am Montag früh vermitteln. Tja und dann, liebste Freundin … dann werde ich entscheiden müssen. Wobei ich nicht einzuschätzen vermag, wie es seitens der Kliniken mit OP-Terminen aussieht. Je dringlicher die Ärztinnen und Ärzte es sehen, umso schneller werde ich unter den Messern liegen. Falls ich dann nicht mehr aufwachen sollte, muß für meine Lieben hier alles bereitliegen, die Computerzugänge, die Ordnerübersichten, die Passwörter auch für meine HidriveCloud. Ich sollte noch mal über mein Testament schauen, ob ich da etwas revidieren sollte, das sich in der Zwischenzeit ergab. Genau zwei Jahre ist es her, daß ich es, auch da → vor einer OP – nämlich des Arterienverschlusses – schrieb. Im Prinzip jedenfalls könnte ich bereits am kommenden Dienstag in die Klinik. Falls ich aber noch etwas werde warten müssen, werde ich dreivier Tage ans Mittelmeer reisen; die Contessa hat mich eingeladen, die Tage vor der OP auf ihrer Insel zu verbringen. Es wäre ein bißchen, wie mir hellfühligst eine andere Freundin schrieb, die mir ebenfalls einen Aufenthalt, doch auf dem Land, anbot:

sich vom Meer verabschieden und mit den Nymphen und Nereiden die Wiederkehr verhandeln,

wobei mir diese Verhandlungen besonders wichtig sind, von der Wüste in das Meer; gestern sah ich → diesen Gehstock da

 

und war kurz versucht, mir das Ding schicken zu lassen; nur würde es meinen üblen Ruf dann endgültig fixieren, und nun auch symbolisch, vielleicht sogar den bei meinen Freunden massakrieren, die sowieso schon die Béartgedichte aushalten müssen. Zumal der Knauf zwar aus Bronze ist, was mir besonders gefällt, aber ich kann aufgrund der Fotos die Feinheit der Arbeit nicht einschätzen — und wenn man(n) einen solchen Übergriff in dieser Zeit wagt, dann muß seine Maniera absolut perfekt sein, nämlich derart unmittelbar berühren, daß es sich dem Charme dieser Griffigur nicht entziehen läßt. Versucht aber, Freundin, bin ich noch immer. Wobei es mir, denke ich, solange ich noch Versuchungen spüre, nicht wirklich schlecht geht. Da kann Liligeia sich bemühen, wie sie nur will. Mir steht auch immer wieder, in Chabrols heikler Inszenierung (ich teilte hier → Iris Radischs Ablehnung entschieden), die letzte Szene der Stillen Tage in Clichy vor Augen – wovon, von all dem, nunmehr gesellschaftlicher Abschied genommen wird, wenngleich sie, diese final Szene, eine so irritierend-sperrige wie obachtheischend schaukelnde Hängebrücke mit Kubricks 2001 verbindet; hie wie dort sehen wir einen alten Mann, der sich im Sterbebett noch einmal aufzurichten versucht und dabei den Arm nach seine letzten Vision ausstreckt, bei Kubrick nach dem kulturgründenden Monolithen, bei Chabrol nach einer jungen Frau, fast noch Mädchen, also Nymphe, die in sich ruhend auf dieses letzte, doch längst unerfüllbare Begehren hinuntersieht. Nur daß bei Kubrick die dort so genannte Sternengeburt folgt, Bowmans Tod als Verwandlung in eine Existenz der höheren Art, einer uns noch unbekannten Form kosmischer Intelligenz. Wohin aber wird Lis und meine Umschlingung uns führen? – Ach ja, einen Gehstock mit Nymphenmotiv fand ich ebenfalls; aber hier waren die Figuren tatsächlich kläglich ausgeführt.

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>>>> Béart 56 (folgt)
Béart 54 <<<<

(Jetzt macht mir der Magen grad doch wieder zu schaffen, ein wenig. Also Novamin, 30 Tropfen, bislang half das immer. Schon weil ich diese Medikamente wirklich nur dann einsetze, wenn mich ein Zustand auszumürben versucht; was, klar, Lillys Spaltbeine bewirken, von denen ich halt auf den CT-Aufnahmen gar nichts erkennen kann. Ich weiß nicht einmal, was weniger beruhigend ist: sie zu sehen oder nicht zu sehen. Was was bedeutet.)

Vielleicht bekomme ich heute das finale Béartgedicht endlich fertig. Darauf möchte ich mich fokussieren; die Nefud muß derweil etwas in den Schatten. Es wird ihr die Kühle auch guttun, denke ich. Doch am Abend möchte ich mit Faisal gerne wieder vorm Zelt sitzen und unterm nachtbrillanten Wüstenhimmel über Paradiese sprechen — und über Liligeia auf dem Plakat, das auf dem Weg zum Sana gleich neben einem Hauseingang hängt, und wir müssen uns denken, wofür es wirbt. Daß es mich sofort “erwischte”, wird Ihnen, oh Vertraute, sich zu wundern kaum ein Grund sein:

Ihr ANH
[Maxwell Davies, Strathclyde Concerto No 4]

Oh Liliebste, Lilliste! ANH an Liligeia, siebenter Brief. Am siebenunddreißigsten Krebs- und zweiten Tag im zweiten Höllenkreis der Nefud, donnerstags nämlich, den 4. Juni 2020.


Berlin.Nefud, den 4. Juni 2020
Frank Martin, Messe für unbegleiteten
doppelten Chor (1922/26 | 1963)

5.31 Uhr]

Oh, wie war ich gestern fast den ganzen Tag lang – … nein!, Dir “wie bekifft” zu schreiben, wäre, Lilli, falsch. Vielleicht rührte mein Zustand nur daher, daß ich bereits mittags, nachdem ich von meinen beiden Arztterminen zurückgekommen war, zwei Tropfen des cagliostroschen THC-Öles in das Muldchen hinter meinem musculus gegeben und von dort weggesaugt, es aus der Haut gelutscht habe, was mir zusammen mit der wunderbaren selbst für Berlin fast schon Hochsommerwärme, dem blendend höllenhimmlisch Wüstenlicht über unsrer Andersstadt und vor allem meiner seit heute früh währenden wiederSchmerzfreiheit diesen nahezu dauernden Rauschzustand schenkte. Nicht, daß ich hätte, bewahre, Halluzinationen gehabt! Aber mein Kreislauf, so ist’s am ehsten zu erzählen, schwamm, und zwar, als ob er schwebte, unter Wasser also schwamm und gänzlich ohne Luftnot, wie wenn ich Kiemen hätte.
Ich hatte gestern Kiemen. Wär mir, meine Lilli, solch eine Erfahrung auch ohne Dich zuteil geworden? Das fragte ich mich mehrfach, zu vielem anderen hinzu Und muß Dir noch mehr zugestehen,als ich bislang schon tat.
Ja, Du hast mich drei volle Tage lang mit Brustschmerzen gequält, die sich vom THC nicht, nicht vom Dronabinol, sondern alleine noch von zweimal Gaben Novamins und auch dann nur langsam in den Griff bekommen ließen. Also hast Du getobt, und ich wußte den Grund. Wir wissen ihn beide. Du hattest Dich von der ersten Chemo leidlich erholt, deshalb konnte ich Dich wieder so tief einatmen fühlen, daß es neuem Tumorwachstum gleichkam, jedenfalls es anregte. Das erlebt der Mensch als Schmerz.
So hat es mir mein Körper erzählt, mit dem ich immer einig war oder doch nur selten nicht. Und was glaubst Du? Als ich es gestern vormittag Matthias Biebl weitererzählte, mit dem ich auf Dr. Faisals, ich meine Professor Jostings Rat das Drittmeinungsgespräch im Virchow-Klinikum der Charitè geführt habe,

[Frank Martin, Passacaglia für Orgel solo (1944)]

da konnte er nur bestätigen, daß es genauso sei: “Nach der Infusion wirken die Medikamente eine Woche lang kräftig auf den Organismus ein, dann schwächt es sich ab, so daß nach den vierzehn Tagen die nächste Salve nötig wird.” Das hast Du mich spüren lassen – was von Dir  nicht klug war. Denn es provozierte meinen Willen, Dich wieder ruhigzustellen in mir; so formulierte ich’s ja auch (wozu Du, klar, jetzt schweigst): “Sie muß mal wieder einen auf den Deckel kriegen”, eine idiomatische Wendung, die mir allerdings etwas unangenehm ist. Denn in unserem speziellen Verhältnis von Krebsin und Gemahl scheint sie meinen vorgeblichen Machismo leider zu unterstreichen. Vergiß aber nicht, daß der Angegriffene ich bin. Du könntest Dich auch ruhig verhalten, einfach bleiben, wo Du bist, auf weitres Wachstum und vor allem darauf verzichten, doch noch Kindlein zu streuen, es sei denn, daß wir uns gemeinsam anders entschieden und Du mir auch ein Sorgerecht gäbest. Dann würde ich’s mir mit der weiteren Chemo überlegen und vielleicht auch auf die große Operation verzichten, durch die ich allerdings, so Professor Biebl, recht gut kommen würde, meines guten Allgemeinzustandes wegen; “Ihnen kann man auch getrost eine etwas heftigere Operation zumuten” — was im Klartext, er ließ da wenig offen, die Resektion wahrscheinlich des gesamten Magens bedeutet; also nicht nur Du würdest herausgeschnitten werden und großzügig einige organische Umgebung, sondern es müssen halt auch die Lymphknoten des Magens weg, und zwar aus Sicherheitsgründen. Man könne nicht sehn, ob sie befallen seien, müsse sich von Wahrscheinlichkeiten leiten lassen umso mehr, als ein Magenkrebs, der zurückkomme, in aller Regel nicht mehr heilbar sei. Doch wie genau das Verfahren auszusehen habe, auch ob, wohin er, Matthias Biebl, tendiere, minimal invasiv oder mit radikaler Öffnung des Brustkorbs vorgegangen werden sollte, entscheide sich eh erst am Ende meiner präoperativen Chemotherapie, also nach dem dritten (meine, nicht seine Worte) Nefud-Höllenkreis. Dann erst sei ja zu sehen, wie sehr und ob überhaupt der Tumor geschrumpft sei; allerdings habe es eine Chemo wie die meine gar nicht so sehr auf Dich, Ligeia, abgesehen (weshalb Dein Wüten ein bißchen unnötig war, verzeih die leise, noch immer mitgeschleppte Kritik), sondern vor allem auf möglich sich bildende Metastasen. Die schössen wir schon im Vorfeld mal ab. — Du willst jetzt nicht im Ernst von Kindsmord sprechen, oder? Ich hätte so gerne noch, wie Du gut weißt, Kinder, weitere, gehabt. Aber, Lilli, für das Leben, nicht eine Totgeburtmaschine, wie sie → Giger und einige Zeit lang wohl auch → Fichte vorschwebte, als er ein noch junger Künstler war, von dem aber ich mich spätestens mit dem TRAUMSCHIFF gelöst habe. Womöglich deshalb, weil ich milde wurde, fandest Du den Weg an meine Magenpforte, wo seit der Kindheit mein Unglück immer schon zumindest mitbehandelt wurde. Nun, da ich aus neuen, mildgewordnen Augen sah, “die für die Literatur zu gutmütig” (→  Nabokov) waren, warst Du sehr verärgert. Du hast Milde immer als Schwäche betrachtet und Schwäche stets verachtet. Nein, das war kein Männer”ding”, sondern enorm weiblich: “Ich lasse kein schwaches Spermium an mein Ei” — oh die Biologie, die wir erst leugnen können, seit eine andere Fortpflanzungstechnik am Horizont schon leuchtet, im Wortsinn → τέχνη die überdies, so man Geld hat, höchst verträglich mit der Demokratie ist. Nur vergaßest Du, daß meine Wandlung das Ergebnis bereits einer eigenen Nahtoderfahrung war, einer freilich, die mir zwar poetisch widerfuhr, nicht physiologisch, aber durchaus nicht mit geringeren Folgen und vor allem sich über nahezu vier Jahre erstreckten, sozusagen, Vorfolgen. Die sind, meine Lilli, niemandem ein Vergnügen gewesen, auch mir nicht, schon aber gar nicht für die Löwin und wen immer auch noch meiner Lieben.

Aber so sehr Du mich nun auch gequält, mir jedenfalls deutlich zugesetzt hattest, spürte ich schon vorgestern vormittag dem Tröpfeln aus dem ersten der vier Infusionsbeutel an, wie Du Dich wieder zu beruhigen begannst – na jà: eher wir Dich Stück für Stück sedierten. So daß Du Dich einkapseltest, allerdings abends mit einer Überraschung aufzuwarten kamst, von der ich → dort schon erzählt habe. Inwieweit sie sich als Nebenwirkung ernstnehmen läßt, steht noch auf einem keinem eingehefteten Blatt. Die, kann ich das sagen? Schluckbeschwerden? sind auch nicht schlimmer geworden, haben sich eher abgeschwächt, obwohl mir gestern gesagt worden ist, es könne durchaus der Anfang einer Speiseröhrenschleimhautentzündung sein, gegen die man mit sofort etwas aufschreiben werde. Das Medikament werde von der Apotheke dann zusammen mit der Astronautennahrung direkt an mich geliefert werden, um die ich bei der Gelegenheit gleich gefragt habe. Denn die Freundinnen und Freunde haben mich damit bislang besorgt versorgt, weil ich so abgenommen hatte. Doch wenn’s das auf Rezept gibt … Und dann eben —

dann eben ging es, Lilli los. Schon auf dem Rückrad durch die Sonne begannen die Straßen weich zu werden, und meine Seele dehnte sich ins Licht aus. Gar kein Schmerz mehr, meine Güte! Es geht halt doch a bisserl an die Nerven, wenn man sich selbst beim Gehen zurückhalten muß und ist doch ADHSler-von-Berufung. Solange wir’s aushalten müssen, na, tun wir’s selbstverständlich auch, und zwar ohne Mucken, aber dann, wenn es vorbei ist — welch zweifache Genuß der Befreiung: zum einen vom Schmerz selber, doch das ist nur banal; spannender ist die Verdopplung durch  den Wegfall der inneren Haltung. Da sie nicht mehr nötig ist (oder lächerlich wäre, ohne noch Grund), beginnt das ganze Leben um dich herumzutanzen und reißt dich mit. Deshalb war es, als ich, Lilli, wieder an meinem Schreibtisch saß, ein sehr bewußter Wille zur Verstärkung, daß da bereits – mittags! – wenn auch nur zwei THC-Tropfen gönnte. Und wußte, daß ich Dich liebe.

Ja, Ligeia, Du liest richtig. Muß ich Dich wirklich Landra nennen, wieder? (Finden wir uns | so erneut?) – Noch ein altes Projekt, das ich schmählich liegen ließ. Gerade in dem warst Du bereits extrem zugegen. Und ich muß Dir abermals danken, weil mir so vieles nun klar wird, Du es für mich klar werden läßt. Du bist — laß es mich so sagen — mein Krebs, für keiner und keines anderen Körper noch Seele erschaffen, den Seelenkörper also auch meines utopischen, entgrenzenden Geistes, der uns schon zusammen entweder uns ins Unendliche verströmen (oh → die Romantik) oder ineinandergewrungen (oh, oh → oh Romantik) untergehen sieht — am Ende indes eines durchgelebten erfüllten, na gut: fast erfüllten, doch runden´und nicht aus Not oder Mutlosigkeit abgebrochenen Lebens. Und jetzt, mein Lilliliebst, erweist sich “die Frage” (als ob’s denn eine wäre) als eine ganz andere, die denn tatsächlich einen Lebensabschnitt ein-, nun jà, schon wieder sowas begrifflich Ermattetes: “läutet“, gegen das ich mich in den vergangenen fünf Jahren so vergeblich gestemmt habe und sicherlich, mit allen depressiven F9lgen, weiterstemmen würde, zwängst jetzt nicht Du mich mit durchaus derselben Gewalttätigkeit zum Einhalt wie ich meinerseits Dich mit meiner Durchquerung der Nefud. Schon hieraus ist zu erkennen, wie zugehörig wir einander sind, ausschließlich füreinander gedacht, Du Tumorin, ich Dein Haus, das Du wieder mit Licht, dem poetischen, statt mit organischen Schmerzen auffüllen mögest, wie Du’s bis vorgestern mir angetan und wahrscheinlich in etwas mehr als einer Woche antun erneut wirst, wenn’s auf den dann Dritten Nefudkreis der Hölle zugehen wird.

Die so höllisch aber auch heute nicht ist, am dritten Tag der zweiten Chemophase. Nachts, muß ich Dir erzählen, wachte ich gegen halb drei von dem Kribbeln in den Fingerspritzen auf, einer typischen “Neben”wirkung des Oxaliplatins, das vor allem in Kombination mit den anderen Zytostatika zu Neuropathien führen kann, die, liebste Lilli, so lustig nicht sind. Nur muß ich hier einfach wiederholen, daß dieserhalben ich | Grund zu klagen gar nicht habe; bislang steckt mein Körper den → “extremen Stresstest” extrem gut weg.  Was nicht Wunder nehmen muß, da ich mit Hitze schon immer gut klar kam, ja sie bei mir sogar eine Voraussetzung für besonders effektives Arbeiten ist. Ich muß es also witzig umdrehen, Liebste: Die Nefud tut mir gut. Wie wird es dann erst in Aqaba werden, wenn wir uns nicht nur fühlen, sondern einander gegenüberstehen werden! Und beieinander liegen? Ob Du mich entlöst? (Nicht “erlöst”, nein, wovon denn? Das Jammertal steht voller duftendem Oleander, unter dessen dichten Büschen von natürlichem Becken zu natürlichem Becken der Anapo rauscht; es ist ein Paradies und wird es, unsres, bleiben. Du fernstes, jetzt, Sizilien.)

Du entlöst mich von unmöglicher noch immer, immer Hoffnung., entlöst mich vom nochzeigenMüssen und einem Leid an der Irreversibilität des, Ligeia, Zeitstrahls, dem Du aber selbst entkamst, bei Poe; indes Du nun aus eignem Willen den Hals in seiner, des Strahles, Guillotine Mulde zusammen mit dem meinen legst, als nähmest Du nicht nur eines Sterbenden Hand, der auf dem Lager liegt, um ihn zu halten hier, solang es geht, sondern hättest schon selbst die Flügel Dir anspannen lassen, unter denen Du Euch hinaufschwingen wirst, wenn  nur die Köpfe erst gefallen. Und einst wie mein Vater, → was unvergesslich seine Freundin erzählte, fliegt Ihr als Vögel für immer durchs Fenster hinaus:

„Es entwich ihm, weißt du, ein Vogel – so leicht war er plötzlich, dein Vater. Ich hielt ihn, glaub mir, ich sah ihn.“
Bringen die Spatzen die Seelen wohl auch wieder heim in die Halle? Wo sie den Ruf ihrer nächsten, und besserer, Eltern erwarten? So im Bewußtsein zerstreuen sich alle, die Spatzen, die Seelen? Ging’s, Vater, s
o, daß man Dich schließlich befreite? Nun darfst Du, ein Samen schon wieder, nicht Spreu, ruhig erwarten, durch Guff gestreut, daß Dich auch will, wer Dich ruft?
Das bleibende Thier, S. 134

Um mich, mein Vater, solche Klage | mußt’ ich niemals führen und werd es auch nie müssen. Doch sollt’ ich auf die Krebsin hören — wie es doch immer meine Art war, mit Bedrohendem umzugehen: zu schauen, was ich an ihm mag und es mir einzutun, mich damit auszukleiden und uns zu amalgamieren. Wie es die Kunst seit jeher tut – die schärfste aller Gegnerinnen der Fremdenfeindlichkeit. Du bist mir, Lilli, keine Fremde.

Deiner
(Ob wohl auch ich Dich trösten könnte, einestags? In Dir umarm ich, wen ich liebe.)

[11.07 Uhr
Pettersson, Sechste Sinfonie]

Es hat geklingelt. Der Apothekenbote hat geklingelt, um die Gurgellösung anzuliefern. Drei Sätze Fresubin dabei — was nun noch eine Absurdität ist, die mir zumuten zu können Dich wahrscheinlich unentwegt vor Dich hingrinsen läßt. Da ich nach der Diagnose so abgenommen hatte, nahezu sechs Kilo, die aber eben unbedingt wieder drauf sollten, und mehr, haben mich – ich hab es schon erzählt – die Freunde auf ihre KOsten mit dieser “Astronautennahrung” versorgt. Billig ist das nicht. Aus Frankfurtmain kamen Päckchen von Do, und Ricarda Junge brachte welche mit dem Wagen. “Sie müssen etwas zuzusetzen haben!” hatte ein väterlicher, von sehr Ähnlichem betroffener und unterdessen geheilter Mann mir deutlichst zugerufen. Was ich auch einsah, ja, sofort. Bizarr ist nur, daß ich jetzt nach jahrelangem Sport Fett zusetzen muß, etwas, das ich an mir wie andren hasse, jedenfalls nicht mag. Mir ist es stets auf Muskeldefiniertheit (nicht auf -masse) angekommen und auf Kondition, auf einen, hätt ich gern gehabt, Pantherkörper. Gespannt wie eine Prosa, an du du deinen Pfeil gelegt und spnnst sie immer mehr, um ihn dann abzuschießen. Und aber jetzt — Fett? Ich? Wär’s nicht so verdammt ironisch, ich würd’ mich maßlos ärgern, weiß aber bereits, daß mein Körper es zur und nach der OP restlos alles aufzehren wird. Deshalb also strenge ich —ich! — mich an, Fett auf den Leib zu kriegen das ich zuvor nie haben wollte und möcht’s auch nach wie vor nicht haben. Aber, aber. Muß. Lilligeia, Lillili.

Du meine lilliste von allen.

“Kunst ist nicht relativ.” Statt eines Arbeitsjournales ein paar poetologische Anmerkung zum Krebstagebuch und zur Nefud. Mittwoch, den 3. Juni 2020: Krebstag 36, Chemo II/2.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Allan Pettersson, Erstes Streicherkonzert]
[Vorschlafs nach quer liegenden Brustschmerzen 30
Tr Novamin plus 3 THC. Mit knappen Zweistunden-Unterbrechungen bis fünf durchgeschlafen und
– ab-
gesehen von einer sehr leichten Übelkeit, die an

eine kosmisch-persönliche Hintergrundstrahlung er-
innert – beschwerdefrei aufgestanden. In die Morgens-arbeitsklamotten, Latte macchiato, Schreibtisch.]

Erster Tag nach den → Chemo-II-Infusionen. Schon auf während der letzten zwanzig Minuten des knapp einstündigen Spaziergangs in die Praxis hat Li mich zu quälen begonnen, ein stegender, nach links und recht querer Schmerz, der nicht nur das Herz sich melden läßt (das aber de facto gar nicht betroffen ist), sondern auch das Gefühl vernittelt, daß man bald schon nicht mehr atmen könne. Es ist dies Einbildung, der Körper interpretiert lediglich sein ungewohnt schnelles Erschöpftsein — von einem Spaziergang, ich bitt’ Sie! kaum vier Kilometer sind es hin … Oh werde Liligeia deshalb schreiben, wollte es eigentlich eben schon tun, doch wäre der Brief nicht rechtzeitig fertig, um vor meinem heutigen Aufbruch, in zweieinhalb Stunden nämlich, bereits gelesen werden zu können. Auch Sie bekämen ihn frühestens am Nachmittag zu lesen, muß und will aber in dieser metaphorisch wüsten Zeit für eine kontinuierliche Leserinnenschaft sorgen, weil nur gelegentlich hier StöberndInnen die Anschlüsse entgehen müßten, die zum Verständnis, vor allem aber dem viel wichtigeren mitfließenden Fühlen notwendig sind. Es geht um eine poetische Komplexität, die sich mit der Komplexheit der Welt so auszubalancieren versteht, daß diese beiden Kinder auch Freude an der Wippe haben. — Wie dem nun sei, auf jeden Fall muß ich um Viertel vor neun aufs Rad, um ins Virchowklinikum der Charité zu radeln und mir dort auf Faisals, ich meines Onkologen Jostings, Rat hin Matthias Biebles Zweitmeinung einzuholen, wobei es mir eigentlich nur darum zu tun ist, mich für eine bestimmte Operationspraxis zu entscheiden, nachdem ich je Vor- und Nachteile abgewägt habe. Allerdings ist mir klar, daß darüber imgrunde erst gesprochen werden kann, wenn die letzte CT vorliegt, wie also wissen, ob Li sich operationswillig gezeigt hat … na gut, “willig” ist ein sicher nicht angemessenes Wort; imgrunde nötige ich sie. Jedenfalls werde ich ab Viertel vor neun erstmal weg sein; nach Professor Biebl muß ich auch noch zu Josting, um die Pumpe abzugeben, die ich seit gestern wieder am Körper trage, damit zur Tränkung Lillifees das Mittel nach und nach in ihn geträufelt werden kann.

Poetologisch also diese Anmerkung:
Was mich ein wenig schmerzt, ist, daß ich mit einem Prinzip brechen muß, das, abgesehen vom sehr bewußten und als Abwesenheit konstruierten “Fall Buenos Aires”, meine Arbeit grundlegend mitbestimmt hat: nämlich, egal, wie phantastisch des fertige Gebilde anmuten möge oder auch sei, nur von Orten zu erzählen, die ich tatsächlich gesegen, erlebt, in denen ich getrunken, gegessen, geliebt, mich vielleicht geprügelt habe, gleichviel. Ich muß mich mit ihm real ausgetauscht haben. Bevor wir etwas schreiben, sollten wir mit einer Hand die Erde berühren, am besten mit ihrer ganzen Fläche.
Dies werd ich nun nicht tun könnne, dort — in Aqaba, auf das doch alles hinauszulaufen scheint. In Aqaba wird die große Krebs-Operation stattfinden; gleichgültig, ob das Klinikum Sana oder Charité heißen wird oder gar MHH; auf metaphorischer Ebene wird es in Aqaba die Große Vereinigung geben, auch wenn es eine chirurgische Trennung sein wird; das gestern → dort eingeschleuste Venusbergmotiv macht es nur allzu deutlich. Vergessen Sie, Freundin, nie daß das erotische → Verschmelzungsmotiv ein Übergangsbereich vom Leben in den Tod ist, (“romantisches”) Todesmotiv eben auch.

Normalerweise jedenfalls suchte ich mir jetzt sofort einen Flug heraus, buchte ihn und recherchierter in der Stadt dreivier Tage lang nach den möglichen Spielorten udn dem, der es dann wirklich wird. Erst dann kann ich micht auf meine poetische Wahrheit verlassen. Nur, jetzt ist mir genau dies nicht möglich, zum einen der ja doch weiterhin laufenden Reieeinschränkungen coronahalber, zum anderen weil ich es nicht riskieren mag, irgendwelcher nicht vorhersehbaren Verzögerungen wegen die Chemotherapie unterbrechen zu müssen. Auch wäre schon zu wenig Zeit für eine Planung unter schlichten Alltagsbedinungen. Denn die OP soll ja nun schon im Juli stattfinden.
Gut, falls aus diesem Tagebuch ein tatsächliches, also materielles Buch entstehen sollte (Anfragen erreichten mich schon), was ich allerdings vom Ergebnis der Therapie abhängig machen will, werde ich die Reise nachholen könndieen, um daraufhin den Text insgesamt zu modifizieren, schon weil sich auch im Fall der FENSTER VON SAINTE CHAPELLE gezeigt hat, daß ein ästhetisch angemessener Übergang von Netz- zu Buchliteratur solcher Eingriffe dringend bedarf. Es ist nicht egal, in welchem Medium was und wie erscheint.

Weiters.
Metaphorik und “Realität” müssen im Krebstagebuch gleichwertig nebeneinander herlaufen, also die Fiktion der Metapher und die Fiktion der Realität; sie können und sollen austauschbar werden (nicht zu verwechseln mit der Realität-“selber” und der der Fiktion, die Geschichte, in die jene überführt wird – wobei diese, die Geschichte, so wenig voraussetzungslos ist wie der Krebs; beide haben lang zurückreichende Ursachsverläufe. Deshalb erzählte ich einen Film nach und erfinde keinen neuen). – In jedem Fall müssen die Ebenen der Erzählung nebeneinander gleichberechtigt dastehen, die Chemo als Wüstendurchquerung, die Briefe an die Krebsin und ihre Nachtbillets an mich, die bisweiligen nicht-verwandelnden – herkömmlichen, quasi – Arbeitsjournale. Jedes dieser Elemente soll von selber Wahrhaftskraft, “Wahrhaftigkeit”, sein (also die Illusion eines inneren tatsächlichen Geschehens auslösen, etwa, als sähen wir uns einen Spielfilm an); darüber hinaus sollen und müssen sie möglichst organisch ineinander übergehen können, ohne harte Schnitte: kein Cutup, sondern Modulation (Musik also, wie bei mir quasi immer; bildl.: Collagetechnik der unsichtbaren Klebung). Und indem ich die Chemotherapie – wie die, nun jà, Erkrankung (ich habe meine Zweifel; es könnte der Anfang einer Art Gesundung sein, die mir noch bis vor kurzem spinnefremd gewesen) – als ein Abenteuer begreife, muß ich eben auch begriffen haben, was ein Abenteuer ist: nämlich vor Hunger auf das Leben (eine Freundin schrieb mir zurecht von ihrer “Gier”) bewußt ein Risiko einzugehen, das den eigenen Tod mit einschließt. Genau das ist meine Ausgangssituation seit der Diagnose. Von ihr aus ein Abenteuer zu gestalten, das mit, nicht gegen den Tumor agiert, es zumindest unternimmt, weist mit Würde von sich, daß man ein Opfer sei. Wir sind es, Opfer, nicht; es sei denn, daß wir’s wollen. Was es leider, häufig, gibt.

Doch dazu, zum “Opfer”, schreibe ich Liligeia getrennt. Jetzt muß erst einmal wieder aufgesessen werden. Vor uns liegt der zweite Höllenkreis der Nefud, von dem zumindest soviel bekannt ist, daß er sehr viel heißer noch als der erste sei und Wasser noch viel seltener. Bis zum Abend müssen wir es auf den Paß der جبال الدم, “chiwal’odammi“, geschafft haben: Wir würden “des Blutgebirges” sagen, ein Name, bei dem einem schon ein bißchen mau zumute werden dann. Davon indessen später erst mehr.

Ach so, seit der Chemo gestern ein seltsames Kratzen im Hals, wann immer ich seither was trinke. Nur dann – nicht beim Essen, also Schlucken. Als rieben sich mit hoher Geschwindigkeit aufgebrochene, so sehr kleine Körner, daß ihre Minischeite nur um so spitzer sind, an miner inneren Speiseröhre. Seltsam. Wäre eine “Nebenwirkung”, von der ich noch nirgens gelesen habe. Nachher abklären. Jetzt aber erst einmal dieses durchkorrigieren, dann einstellen, mich umziehen und ab aufs Rad: nämlich zugleich mit den Gefährten in der Nefud. Simultanität ist ein poetisches Grundgesetz; deshalb hat ihre, der Dichtung, Wahrheit immer etwas Zeitloses an sich. Kunst ist nicht relativ.

ANH

Die verschwundene Musik SOWIE Fürs Messerle: am Krebstagerl 16.

 

 

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 5.16 Uhr
Händel, Semele (ive-DAT-Mitschnitt aus der Staatsoper Unter den Linden vom 12. Oktober 1996), Akt I]

Hinterhof im Mai:

Dunckerflieder.Anderswelt

Hübsche Komplexion, daß diese Zeilen, wiewohl nun früher “terminiert”, später geschrieben werden, als die hierunter wurden. Tatsächlich habe ich den im hierunteren Notat sozusagen als Vorrat niedergeschriebenen Gedanken heute nacht intensiv verträumt: daß doch von den in Betäubung geschehenden Erlebnissen irgendetwas zurückgeblieben sein müsse — in irgendeinem geheimen Archiv unseres Gehirns, zu dem wir die Türen nur nicht kennten und nicht sähen. Davon, dort hinzugelangen, träumte mir nun, doch übertrug mein Traumbewußtsein dies von der medizinischen Anästhesie in die Poetik einer großen (mir vorgeblich schon seit langem bekannten, d. h. mir selbstverständlichen) — Musik.
Also. Da bereits vorgestern das Novaminsulfon nur noch bedingt etwas gebracht hatte, reduzierte ich zu gestern nacht die Tropfen von dreißig auf zwanzig und rang mich gegensteuernd durch, eine halbe Zolpidem zu schlucken – das allererste Schlafmittel meines Lebens. Mit 65 eigentlich prima. Ich wollte schlichtweg um fünf hoch (was nun gelungen ist), um vor der wegen der kleinen OP obligatorischen Nüchternheitsphase noch einen Latte macchiato genießen zu dürfen.
Um kurz vor elf ins Bett, um kurz vor fünf hoch; der Plan ging auf. Nur daß ich dennoch um zwei einmal wach wurde, es jedenfalls glaubte. Der Schmerz vom Karzinom war da, das wußte ich, doch war er nicht zu spüren. Ich lauschte, hierhin, lauschte dorthin, ich konnte welche Organfalte auch immer anheben, um drunter nachzuschauen, der Schmerz hielt sich verborgen. Trotzdem, er hockte irgendwo und kicherte sich eins, weil ich ihn nicht fand.
Gut, dachte ich, dann nicht. Umso besser. Denn ich hatte mit dieser Musik zu tun.
Im Traum dachte ich: Mahler oder Pettersson. (Händel auf keinen Fall; ich denke oft versetzt). Jetzt aber, am Schreibtisch mit dem Kaffee (kurz schoß Verlangen auf zu rauchen, doch schon verpuffte es; zwölfter Entzugstag) …  jetzt aber bin ich mir nicht mehr sicher. Dabei sehe ich die Partiturseite vor mir, auf der die Stelle zu finden, nämlich nicht zu finden ist: Eine Musik, die der Komponist schrieb, ohne sie in Noten zu fassen, so daß in der Partitur ein Riß entstand, insofern die Musik nach, sagen wir, Takt 321 anders weitergeht, als es kompositionslogisch sein dürfte. Sie tut’s aber, als wäre es das Klarste von der Welt: als wäre das Verborgene nämlich da, läge in aller Welt Ohren. Nur daß wir es nicht hören können, nicht mehr, vielleicht. Sie geschah, und die Melodik (mithin Tragik) setzt sich logisch einfach fort; indessen uns | fehlen die Über- und also die Zusammenhänge.
In meinem Traum wußte ich – wie eben erzählt – genau, um welche Musik es sich handelte. Ich war mir auch sicher, die entsprechende Stelle in der Partitur längst angestrichen zu haben, und wollte sie gleich nach dem Aufstehen aus dem Regel ziehen, um Ihnen, Freundin, die richtige Seite abzufotografieren und das mit einer hinweisenden Markierung versehene Bild hier einzustellen. Die “Wahrheit”, daß diese Musik eine Erfindung meines Unbewußteins und letztlich eine und zwar so gute GESCHICHTE sei, daß ich sie noch erzählen müsse, stieg erst allmählich aus mir auf: da stand ich bereits an der Pavoni und füllte das frisch gemahlene Espressomehl in den Siebträger. Noch war ich in Gedanken meine Musikregale abgeschritten, hatte hier eine Partitur herausgezogen, dann dort — oder hatte ich das Stück gar nicht material, sondern “lediglich” digital archiviert? — Oh achduje, es gibt es gar nicht! Und schlagartig, mit dieser wirklich jähen Erkenntnis, mußte ich ans Ende des Dritten Blumenstückes aus dem Wolpertingerroman denken:

 

 

 

 

 

 

[Händel, Semele (live-DAT-Mitschnitt aus der Staatsoper
Unter den Linden vom 12. Oktober 1996), Akt I]

***

[Das nun aber folgende sollten Sie, liebste Freundin, erst um elf Uhr lesen, Punkt 11 am besten]:

 

[Sana Klinikum, 11 Uhr]

 

 

Diagnostische
→ Laparoskopie
.

 

 

Schwierig dabei wird es für mich sein, nicht mit auf diese phantastische Reise gehen zu dürfen, die doch in mich selbst hineinführt. Andererseits gebe ich zu, daß auch diese gelebten, zugleich eben nichtgelebten Zeiten des kompletten Betäubtseins ein Rätsel haben, das erfahren werden will. Ich kann mir nicht vorstellen, daß es im Gehirn nicht doch Speicherräume gibt, die das Nichtwahrgenommene bewahren — und welche Überflutung dann, würden wir durch Zufall, jedenfalls unversehens, die Türen dahin öffnen!
In jedem Fall gewöhne ich mir an, meine Krankheit als eine Expedition zu verstehen, in die Ligeias Gesang mich gelockt hat – ein fremdes, mag sein auch tödliches Meer, über dem ein indes derart blendendes Licht schwelt, daß wir noch keine Verse dafür haben.

***

(Und jetzt lesen Sie noch einmal den ersten, um 5.16 Uhr begonnenen Teil dieser Erzählung. Wenn Sie damit fertig sind, wird auch meine kleine OP beendet und mit und unter mir mein Bett in den Aufwachraum geschoben worden sein. Sowie danach auf der → 4A* zurück, wird es mich, abgesehen von enormem Nahrungsappetit, noch enormer nachzuschauen treiben, was Sie, Geliebte, zu dem allem denken.)

ANH

*) Heitererweise sind sowohl im Berliner SANA als auch der hannöverschen MH
Gynäkologie und Endoskopie/Viszeralchirurgie nicht nur ins selbe Haus, nein auf ein-
und dieselbe Station
zusammengelegt.

Musik für Geist, der fühlen kann:
David Ramirers Improvisationen “Organics” auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846.

 

Wie oft habe ich, seit mein Artikel zu David Ramirers Variationen auf das bachsche ricercar a tre → bei Faustkultur erschien, nun schon mit Musikern, nun jà, gestritten, ob dies auch “richtige” Musik sei! Die Vorbehalte gegen den Computer sind enorm, anstelle daß er einfach nur als ein Instrument gesehen wird, das in die uns “natürlich” gegebenen Klangwelten hinzukommt. Zwar. er ist für die elektronische Musik auch im Bereich der sogenannten “ernsten” Künste längst anerkannt, die, wir wir wissen, auch heitere sein können; “ernst” meint vielmehr den Grad der kompositorischen Komplexion und die Abkehr vom Banalen, das die meisten Menschen aber suchen. Ohne Banalität kein Mainstream (also ohne die Ansammlung rhythmischer und melodischer Klischees in bestenfalls neu montierten Variationen). Dies ist jedenfalls Gesetz — eines, von dem sich der Computer, als er in die Musik vordrang, erst einmal deutlich absetzte, ja die er teils revolutionierte, bis man sein Modulares zur Basis gerade des Klischierten machte. Seither ist seine Gegenwart im Mainstream beinah unbedingt.
Für die ernsten Musiken wurde er nun allerdings, sofern nicht als Computer sofort erkennbar (“mit Elektronik”, was so dann auch zu klingen hat, als gleichsam Ausrufezeichen für klangliche Entfremdung oder ein Fremdes überhaupt), geradezu misfits, nicht gesellschaftsfähig: “Das ist doch keine echte Kunst!” Irgendwas klinge da “unecht” — als lägen uns nicht längst, in Hegels und Lukács Folge, Walter Benjamins Schriften zur Zweiten Natur vor, einer also Dritten, die wir doch alle, die wir ästhetisch zu denken gelernt, hätten verinnerlichen müssen.
Was nun allerdings David Ramirer unternimmt, seit bereits Jahren, ist gleichsam eine Versöhnung der Dritten mit der Ersten: Soweit ich sehe (sehen kann), dieses Musikers Alleinstellungsmerkmal. Denn seine Versöhnung ist nicht banal; sie, um Adorno gegenzubürsten, ist die Anstrengung des Klangs in Modulen, eine, die sich ausgerechnet an Johann Sebastian Bach orientiert und Les-, also Hörarten findet, die bis anhin unbekannt waren. Und es noch immer sind, aber durch ihn erschlossen werden. In seinen Bach-, und das sind sie, -interpretationen werden physisch unspielbare Fingersätze realisiert, die Ramirers Computer-Bach beinah dem biblischen WORT gleichen lassen, das — Joh. I,1 — am Anfang war. (In anderer Übersetzung war es — der λόγος).

Dennoch, auch ich nahm Ramirers Arbeiten lange Zeit als zwar hochinteressante, aber doch letztlich Basteleien wahr; mir fehlte etwas persönlich Erkennbares, eine sozusagen freie Handschrift; zwar hörte ich seine Bach-Transkriptionen (die er selbst, selbstbewußt, “Realisationen” nennt) sehr gerne, aber gleichwertig mit anderen Interpretationen, auch solchen, die sich, wie etwa Glenn Goulds, weit von den Partituren entfernen. Ich finde sowas legitim, mehr noch: künstlerisch reizvoll und nötig. In diesem Sinn verstehe ich auch Übersetzungen, vorausgesetzt, sie finden auf höchstem Niveau der jeweils eigenen Sprache statt. Zu “dienen” liegt mir nicht, → ich will’s auch nicht von andren. — Und dann wurden mir eben diese Ricercar-Variationen geschickt, die mich wochenlang berauschten und noch heute, anderthalb Jahre später, nichts von ihrer zupackenden Schönheit verloren haben.
Es lag nahe, in Ramirer zu dringen, mehr davon zu schaffen. Und nun, nun liegen seine Organics vor, die zwar nicht den reißenden Sog der Ricercar‘s entfalten, aber in anderer Hinsicht etwas verdeutlichen, was ich etwa im Jazz bislang nur in Keith Jarretts Napoletaner Konzert von 1996 gehört habe: Organics erzählt uns in klingender Form, was Musik ist.
De natura sonoris heißt eine berühmte Stückfolge Krzysztof Pendereckis. Ramirers neue CD ließe sich fast ebenso, doch De natura compositonis musicae benennen. Denn die rund 77 Minuten Musik sind in fünf Parts aufgeteilt, deren erster, sehr kurzer nichts vorführt als das reine Klangmaterial, aus dem Bach sein Präludium gewann. Aber mit gleich dem ersten Ton welch rufender Gewalt tut er das! Denn das, in der Tat, ist dieses Stück — ein Ruf, auch wenn es kurz vor der quasi-mollModulation nachdenklich wird. Eine seltsam lange Pause, dann, verhalten drängend, setzen die ausgedehnten — von hervorgehobenen Leittönen strukturierten — Improvisationen ein, rectus und inversus, also dieses als jenes genaue Umkehrung, um aber im vierten wieder sehr knappen Stück sich auf das Material selbst zurückzubesinnen und zum Abschluß partiturgetreu Bachs originale Komposition erklingen zu lassen. Spannenderweise hat dieses eigentlich schnell durchschaubare Verfahren überhaupt keinen pädagogischen Beigeschmack, obwohl, was musikalische Pädagogik leisten sollte, geleistet durchaus wird, aber spielerisch und mit dem hypnotischen Effekt bester minimal music. Genau seinethalben sollte die CD  sehr laut gehört werden: So geht sie nicht im Hintergrund unter, sondern entfaltet den für Ramirer eigentümlichen, farbintensiv-meditativen Reichtum, in dem wir Hörerinnen und Hörer nahezu ununterbrochen mitschwingen.

Dennoch, Ramirer muß etwas Fehlendes gespürt haben, das in den Ricercar-Variationen permanent zugegen war, etwas, das gegen das rein-Meditative anströmt, voranströmt und nicht mehr in irgend einer Weise “heilig”, bzw. abgeklärt, sondern sondern extrem vitalistisch ist. So daß er sich das Rectus noch einmal vorgenommen und daraus eine zweite, rectus Remix genannte CD komponiert hat, die nun tatsächlich den “unendlichen Melodien” Mahlers und Petterssons — deren Kraft — gleichend mächtig durch uns hindurchfließt, blitzendes, geschliffenes Glas auf den Wogen. Weshalb es sich empfiehlt, die beiden CDs direkt hintereinander zu hören, vom “originalen” Bach also wieder in die erneute, diesmal 69minütige Improvisation des “remixten” Rectus zu wechseln, und zwar ohne Unterbrechung. Sie werden, Hörerin, diesem klanglichen Kosmos nicht mehr entkommen. Er klingt in Ihnen selbst lange noch nach Verstummen als nahstes Fernes nach.

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ANH, Berlin

März 2020

David Ramirer

Organics in C-Dur
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

rectus REMIX
Signierte CD, bachramirermusic 2020
12 Euro

→ Bestellen
(zuzgl. Versandkosten Österreich)

„Ich schäme mich für meine Kollegen.“

Sagte mir soeben ein befreundeter Kulturjournalist, der in der Süddeutschen Zeitung die heutige MEERE-Mitteilung las und mir davon berichtete. Sie trägt, sic!, den Titel „Ahoi!“, der ungefähr dem Kalauergeistchen des dortigen Literaturchefs entspricht, der Freddy Quinn jedem Allan Pettersson vorzieht, und ist nach allen Kräften, das heißt mit sämtlichen Fehlern, abgeschrieben. Und zwar bei der FAZ, die den Unfug bereits letzte Woche brachte. „Aber es ist gut, daß man mal die Informationswege so genau nachvollziehen kann“, sagt resignierend der Freund. Also: Die FAZ berichtet falsch… „Landgericht Hamburg“, wo es „Landgericht Berlin“ hätte heißen müssen; das richtige Landgericht war der Redaktion eigens dabei mitgeteilt und darüber hinaus der Link auf meine öffentliche Erklärung geschickt worden. Aber man glaubt mir ja nicht. Und sowieso, Genauigkeiten fruchten bei manchen Journalisten wenig; mag sein, daß sie sie für leserfeindlich halten. Egal. Jedenfalls kupfert‘s die Süddeutsche ab, und weil er glaubt, Ahoi!, so in Fahrt zu kommen, setzt der zuständige Redakteur volle Segel, denn er hat eben auch in den SPIEGEL geschaut, mochte aber dessen juristisch abgeklopften Termini nicht trauen, sondern ihm war nach Shanties. So ist denn von einem gar nicht zuständigen Gericht eine Einstweilige Verfügung, die z w e i war und die sich erledigt haben, „aufgehoben“ worden. Was juristisch gar nicht ging, aber Seglerlatein ist Seglerlatein. Und ein Buch, das s o nie gefangen war, ist plötzlich frei.
Immerhin, auf >>>>Volltext wurde verwiesen:

[Meere, Letzte Fassung (4).]

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