| IRRTUM DER ABBILDBARKEIT |
Der erste erhaltene Weblog-Eintrag Der Dschungel überhaupt. Vom 29. Oktober 2003. Im Arbeitsjournal des Sonntags, den 8. März 2020.

 

[Arbeitswohnung, 9.04 Uhr
Zweiter Latte macchiato]

[David Ramirer, Organics auf Bachs Präludium C-Dur BWV 846]

 

Meinem durchnumerierten Word-Archiv zufolge war → dies der zweite Eintrag und ist offenbar der erste überhaupt erhaltene, den ich je für ein Weblog verfaßte. Noch für die auf freecity dank → Oliver Gassner schnell gefolgte  twoday-Dschungel bis zum, vor etwas mehr als zwei Jahren, Export nach WordPress schrieb ich sämtliche Texte in einer doc-Datei vor und legte sie nach fester Zahlenregistratur ab; die letzte da hatte die Nummer 18238 — es folgen noch etwa 200 Einträge, denen ich keine Nummer mehr gab; das war bereits die Umbruchphase zu WordPress. Der tatsächlich erste Eintrag-je scheint allerdings tatsächlich verloren zu sein, keine Ahnung, weshalb. Es wundert mich, denn in Sachen Archivierung bin ich pedantisch — wie in allem, was mit meiner Arbeit zu tun hat.

Wie nun auch immer, unterdessen bin ich dabei, die alten freecity-Einträge hier in “DIE neue DSCHUNGEL” einzufügen, so daß ihre Geschichte in absehbarer Zeit so komplett wie möglich mit enthalten sein wird. Dies nämlich nicht nur, weil ich von der Modernität und Notwendigkeit meiner Poetik überzeugt bin, sondern vor allem, um auch hier dem Gedanken der jungen Moderne zu entsprechen, daß die Entstehung eines Kunstwerks eines ihrer notwendigen Teile sei. Wobei es jedenfalls für mich-selbst höchst interessant ist, wie eng ich damals bereits den Buchverbotsprozeß um → Meere — der eine Situation schuf, ohne die ich ein Weblog wahrscheinlich niemals begonnen hätte; ich fühlte mich dazu rundweg genötigt, nämlich um nicht zu verstummen — mit meiner Andersweltpoetik zusammensah, zusammen spürte. Das hat nichts mit der seinerzeitigen Klägerin zu tun, wohl aber mit der Reaktion des Literaturbetriebs und seiner Fetischisierung eines komplett falschen “Realismus”. Und, damit verbunden, mit dem selbstgefällig-bequemen, ich schreibe mal “linken” Mißverständnis, was Dichtung eigentlich sei. In anderen Worten ist es ein Irrtum der Abbildbarkeit, der sich, wie auf eine Krücke, auf die “klassische” Vorstellung der Mimesis stützt. Nahezu alles, was zu deren Seiten lag, wurde quasi weggetreten — sofern es aus Deutschland kam. Für Österreich machte man Ausnahmen, H. C. Artmann und andere, fürs nichtdeutschsprachige Ausland sowieso. Da waren sogar Vertreter der phantastischen Literatur “erlaubt”, etwa Borges, hingegen die Deutschen der Kahlschlag-Doktrin, später dem sog. Kölner Realismus zu folgen hatten. Schon klasse, nebenbei bemerkt, wie Wellershoff auf der Leipziger Literaturkonferenz 2003 wieder nach Sturmgewehren rief; da kam ganz wunderbar seine Zeit in der Wehrmacht wieder ans Licht; und Ina Hartwig trug am Kragenspiegel Stars ‘n Stripesauch ein Endsieg, nämlich des Pops. Klar, daß jemand wie ich in solcher Runde nichts zu suchen hat und also weg muß: Sie wissen ja, liebste Freundin, welch Nestbeschmutzer ich bin.
Nur daß das Problem ist, man kriegt mich nicht weg, der Swinigel ist immer schon allhier. So, genau so, entstand Die Dschungel, und es ist mir wichtig, dies öffentlich zu protokollieren, zugänglich für jede und jeden, die und der es will. (Vorläufer hierfür waren die von 1985 bis 1989 erschienenen Dschungelblätter; was ich mit dem Weblog begann, war insofern eine Fortführung unter allerdings anderen, teils schlimmeren Voraussetzungen, dafür angereichert mit einiger reifer Erfahrung; und nun, mit dem Meere-Prozeß ging es halt auch um faktische Existenz, nicht nur den Widerstand eines jungen, betriebsunbequemen Autors. Wobei, wie → dieser nun wieder eingestellte erste, bzw. zweite Weblog-Eintrag formuliert, in der öffentlichen Auseinandersetzung um den inkriminierten Roman eigentlich meine ganz anderen Bücher suggestiv mitdiskutiert wurden — bis noch 2015 in Hubert Winkels´ hübscher Charakterisierung als → “utopistisches Tamtam” (und immer noch stehen da unwidersprochen diese beiden so ekelhaft-hämischen wie kenntnislosen, → deutlich persönlichen Kommentare unter dem, aufs → Traumschiff bezogen, eigentlich sehr schönen Artikel).— Nein, ich kann und ich will das nicht abhaken und zu den Akten legen, denn es zeigt, wie Literatur, die sich nicht in den Mainstream fügt, von sehr klugen, sehr kenntnisreichen, eigentlich hochsensiblen Menschen weggemobbt wird, ohne daß sie wahrscheinlich selbst begreifen, was sie da tun. Zudem ist es höchst fraglich, ob sie die so zum Abschaum gekippten Bücher überhaupt gelesen haben. Auch hier gilt: Geschichte geschieht durch Einschliff.

Wie nun auch immer, Freundin. Einige alte Beiträge habe ich bereits stillschweigend in Der Dschungel nachgetragen; manche davon, wenn sie nicht allzu “historisch” sind, kommen — wie → dieser dort gestern — für einzwei Tage auf die Hauptsite unter vorübergehend aktuellem Datum und werden danach unter dem alten originalen abgespeichert, so daß sie “nach hinten” wieder verschwinden, aber im Archiv gut aufgefunden werden können (rechte Spalte, tief hinabscrollen, dann können Jahr und Monat geöffnet werden).
Des weiteren spiele ich mit dem Gedanken, auch aus der Zeit vor Der Dschungel poetologische Überlegungen und Positionierungen einzustellen, die ich zu meiner Arbeit etwa in Briefen angestellt und eingenommen habe; ich habe ja auch sie gesammelt, material aus den Zeiten, bevor ich mit dem Computer zu arbeiten begann, dieses etwa um 1983/84, sowie danach als gespeicherte Dateien/Mails. Das meiste davon ist tatsächlich, siehe “Pedanterie”, erhalten.
Daneben läuft selbstverständlich die aktuelle Arbeit; vorgestern gab ich meine Rezension zu AMERICANA von Maret, Collin, Frisell und Penn bei Faustkultur ab, soeben erschienen bei ACT, dann sitze ich gerade über einer Besprechung der schon oben genannten→ ORGANICS, also von David Ramirers neuer CD, lese derzeit fürs nächste Nabokovlesen Die Mutprobe und versuche mich weiter und weiter am Ansatz des → Béartstücks XXXII, dem vorletzten des Zyklus mithin. Doch da kommt ich grad nicht recht weiter, obwohl die Zeit nun, spüre ich, drängt. Und außerdem gucke ich mich mal wieder auf Kontaktforen um, weil mir das sexlose Dasein auf die Nerven geht, kann mich aber nicht wirklich durchringen, “tätig” auf ihnen zu werden, weil es mich, wie ich gut weiß, zu viel und zudem meist verlorene Zeit kosten würde (zu oft kam in den letzten Jahren dieses “zu alt”, weil im Netz — nachvollziehbarerweise —  “rein” nach Zahlen vorgesiebt wird; tatsächliches Sosein läßt sich ja nicht anschaun); und ich brauche die Zeit für die Arbeit. Eisenhauer vor paar Tagen beim Billard: “Au wei, jetzt hat dich das Leonard-Cohen-Syndrom.” Ich verstand erst nicht, doch er erklärte es gut, und süffisant. Wie er halt ist. Außerdem, liebste Freundin, ich liebe ja; wie soll ich mich einer anderen Frau da antun? Es wäre schlichtweg unfair. Gegen meine real gewordene Anima kommt niemand an, so sehr auch dieses “real” sich längst verweht hat, ich meine: als ein erfülltes. So gebe ich, was ich an Leidenschaft habe, allein noch in die Béarts.

Ihr ANH

[Theorie des Literarischen Bloggens]

 

ANDERSWELT. Ein poetologisches und rezeptionsästhetisches Lehrstück. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

 

[Arbeitswohnung, 13.10 Uhr]

Man nehme eine (oder mehrere) tatsächlich existierende Personen und bringe sie mit den fiktiven Personen eines Romans zusammen. Es braucht gar nicht lange, da gehorchen sie denselben poetischen Gesetzen wie die erfundenen Figuren; sie haben rein denselben Atem und werden sich auch völlig anders verhalten. Sie werden also Avatar. Das ist eben das Interessante daran, eine genuin künstlerische Bewegung vollzieht sich, der die Realität völlig entspricht. – Darauf brachte mich eigentlich erst → meine Börsenzeit. Du hörst ein Gerücht oder setzt es in die Welt, es läuft als stille Post weiter und weiter… – und die Kurse ändern sich, was wiederum direkt marktwirtschaftliche Folgen hat und das Wohl und Wehe ganzer Familien bestimmt, aber auch die Technologie selbst. Ohne die großen (mythischen) Fantasien hätte es wahrscheinlich ganze Stränge technologischer Entwicklungen nicht gegeben.
Ich rede mir seit Jahren den Mund deshalb fusslig, der Literarbetriebler hört kaum zu und erwartet – vorgeblichen, logisch, aber er hält ihn für das – „Realismus“. Da holt sich – wenn Ralf Berhorst in der Süddeutschen schreibt, die einstweilige Verfügung kassiere die Grenze zwischen Literatur und Leben – mit einem Mal „Leben“ einen Anteil „Literatur“, den es ja sowieso schon hat, und zwar auch und gerade im Fantastischen. D a s ist das bedenkenswert Bedenkliche. Im Grunde muß es jetzt auch darum gehen, → dieses Verfahren mitzuschreiben und zu poetisieren. Kühlen Herzens sein, wo es doch jagt.

Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren, hier kommen Einfälle um Einfälle, und ich muß sehr genau gucken, da man doch einen Strick schon dreht, den man mir um den Hals legen will. Bei aller Provokation, so kannte ich das bisher noch nicht.
Einwand des Freundes vorhin: Ich hätte das mit Rauschenbach nicht schreiben sollen, das sei doch Selbstbespiegelung. Nun ja. Aber weshalb soll ich einen Impuls von Stolz unterdrücken, wenn ich ihn habe? Weil es sich gehört, bescheiden zu sein? Wer hat das den Leuten eingehämmert und warum? Nervig wird solche Freude doch nur, wenn einer sie dauernd erzählt. Mal abgesehen davon, daß im Moment von „Freude“ eh keine Rede sein kann; ich hätte wirklich alles andere lieber als diese Schlammschlachten, die sich etwa da bereits andeuten, wo von den „pornographischen Stellen“ in → MEERE die Rede ist. Ihre literarische Funktion ist doch klar, die → SM-Fantasien werden von mir erzählt, weil ich sie und ihre Realisierungen, die ja tägliche Mode geworden sind, in den Zusammenhang mit der kybernetischen Entkörperung von Welt stelle: „Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was dem Subjekt widerfuhr: Tattoo, Branding, Piercing, Body Art und der Einzug des Sadomasochismus in den Chic sind letzte aufbegehrende, perverse Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.“ Das formulierte ich bereits in meinem Aufsatz „Das Flirren im Sprachraum“ (Schreibheft 56). In einem Roman, der die Geschichte einer zugleich tiefen Liebe wie exponentiell verlaufenden Obsession und ihrer Explosion erzählt, kann ich das gar nicht ausklammern, sofern ich nicht völlig neben der Zeit schreiben will, in der ich lebe. Es gab ja schon ganz die gleiche Dynamik in → THETIS: Dieses Buch mußte den Völkermord auf dem Balkan mitprotokollieren und poetisch in Bewegung setzen. Es wäre sonst ein rein-distanziertes, ja: germanistisches, akademistisches Buch – also Gelaber – geworden. Daß man mir hinterher die vielen geschilderten Grausamkeiten vorwarf, wunderte mich zwar nicht, machte die Notwendigkeit aber sogar noch im Nachhinein zwingend.

So, jetzt muß ich mir Ekelhaftes tun, wegen dieser MEERE-Sache. Was ich hier notiere, kann vielleicht wirklich einmal → eine Poetik werden. Ich schreibe (fabulierte) jetzt lieber weiter.

[Poetologie]

 

W e l l e n. Weblogbuch Freecity. (Das Leben als einen Roman begreifen).

 

[Weblogeintrag des Samstags, den 11. Oktober 2003, 18:46]

 

“Wenn es das Wahrscheinliche nicht ist, dann
muß es, Watson, das Un wahrscheinliche sein.”
Holmes bei Conan Doyle

FÜR LEUTE, DIE EINEN MOMENT LANG NACHDENKEN MÖCHTEN

1) Man kalkuliere Gerichts- und Anwaltskosten. Man rechne das mit dem Risiko hoch. Man frage sich: Wer kann das zahlen.
2) man schaue in ein Buch und vergesse einmal die Liebesgeschichte. Man sehe, daß eine Familie verhandelt wird, die von extrem hohen Nazis stammt.
3) man schaue, welche Funktionen die Nachkommen gegenwärtig innehaben. (Handelsregister)
4) man erstaune, daß in keiner Kritik von so etwas die Rede ist.
5) man frage sich: Wer – außer dem vorgeblich in seinen Persönlichkeitsrechten Geschädigten – kann ein Interesse daran haben, daß solch eine Geschichte erzählt wird.
6) Man ziehe einen Schluß.

Dies ist, ich gebe es zu, ein Roman. Na gut: Das Exposé eines Romans. Aber ein gutes.

ANH, nachts, Buchmesse 2003

Wellen (ff). Notat von 2003, in der Buchmessennacht.

[Eintrag vom 11.10.2003 / 01:32
Nachts, Buchmesse 2003]

 

FÜR LEUTE, DIE EINEN MOMENT LANG NACHDENKEN MÖCHTEN:

Wenn es das Wahrscheinliche nicht ist,
dann muß es, Watson, das Unwahrschein-
liche sein.
Holmes bei Conan Doyle

1) Man kalkuliere Gerichts- und Anwaltskosten. Man rechne das mit dem Risiko hoch. Man frage sich: Wer kann das zahlen.

2) man schaue in ein Buch und vergesse einmal die Liebesgeschichte. Man sehe, daß eine Familie verhandelt wird, die von extrem hohen Nazis stammt.

3) man schaue, welche Funktionen die Nachkommen gegenwärtig innehaben. (Handelsregister)

4) man erstaune, daß in keiner Kritik von so etwas die Rede ist.

5) man frage sich: Wer – außer dem vorgeblich in seinen Persönlichkeitsrechten Geschädigten – kann kein Interesse daran haben, daß solch eine Geschichte erzählt wird.

6) Man ziehe einen Schluß.

(Dies ist, ich gebe es zu, ein Roman. Na gut: Das Exposé eines Romans. Aber ein gutes.

 

NACHTRAG, März 2020:
“Wellen” war der von mir
für die damaligen Dschungel-

beiträge gewählte “Tarnname”
für Meere.

Löschungen. Aus dem Freecity-Altblog, Oktober 2003.

Nachdem ich immer wieder vergeblich versucht habe, die sich auf den anhängigen Rechtsstreit beziehenden, irgendwie werblich auslegbaren Hinweise → auf das Buch zu revidieren, habe ich nun sämtliche Weblogeinträge erst einmal gelöscht. Ich bin zwar der Meinung, daß ich die Angelegenheit, da sie nicht nur mich persönlich betrifft, sondern etwas über die gesellschaftliche und auch juristische Haltung gegenüber Kunst und ihren Entstehungsbedingungen aussagt, öffentlich diskutieren darf, aber ich mag keinen Fehler begehen. Ich hab einfach Angst vor dem Gefängnis (Beugehaft), da mir eine hohe Geldstrafe zu entrichten aus ökonomischen Gründen einfach nicht möglich ist. Das Ganze ist im Zweifelsfall eine Auslegungssache und also ziemlich dünnes Eis. Je nachdem, wie die Sache ausgeht, werde ich die jetzt gelöschten, wahrscheinlich dann auch bearbeiteten Einträge später in den (neuen) DSCHUNGELBLÄTTERn, die ab Dezember laufen sollen, zu einem poetischen Internet-Feature collagieren. Damit wäre dann das erste “Heft” eines – wie seinerzeit → bei Nettelbeck – über “Prozesse”; wahrscheinlich mit Prozeßphilosophie/-naturwissenschaft kombiniert. Ich denke da etwa an Whitehead, Bion, aber auch Ishiguros “Die Ungetrösteten”, in denen auf hochpoetische Weise jede Form starrer Wirklichkeit verflüssigt ist.

Wellen (ff): I) Verfügungen, einstweils, II) Kritiken. | (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

I
Zweite e.V.

Also jetzt noch das: Ich soll tatsächlich nicht mehr „aus dem Kopf rezitieren“. Formulier ich also: „Blablablablablblabla“ – womit ich meine, daß mir kalt ist -, dann ist mir dies fortan untersagt. Jedenfalls so. Immerhin meint „rezitieren“ ein belegbares Zitat. Von „Paraphrase“ ist in dem Beschluß keine Rede, was Varianten auf Alltagssätze, zum Beispiel „brrrr, kalt isses“, in meinem aktiven Wortschatz am Leben hält. Eigentlich finde ich das eine gute Sache. Man spricht nun nicht mehr „aus dem Bauch“, sondern schult sich selbst im Alltag in Anti-Schludrigkeit. Die Poetisierung jedes Einkaufs bei NETTO steht in die Welt. Mein gesamtes sprachliches Leben wird Poesie, und zwar scharf geränderte, sonetten sozusagen. Das kommt meiner Ästhetik in der Tat entgegen, verpflichtet mich sogar auf sie. Ich liebe ja auch in der Umgangssprache den Konjunktiv, der das “würde” vermeidet. Hegelsch gesprochen, komm ich zu mir. Ich sollte dankbar sein. Allerdings wird man mich nun für einen Manieristen halten… na gut, einige tun das seit langem, doch daß sich das bei den Vietnamesen herumspricht, von denen → Hans Deters seine Schmuggelzigaretten bezieht, ist neu. – Hans Deters? Ei, merken Sie, wie vorsichtig ich bin?
Aber, andererseits, dieses Weblogbuch findet sich ja aus guten Gründen unter „Dichtungen“, weshalb Sie – unvergleichbar mit anderen, sehr viel berühmteren Tagebüchern – nicht befürchten müssen, daß ich Sie über den Aggregatzustand meiner Stoffwechselabfälle unterrichten werde. Versprochen. Wen sowas interessiert, findet bei Powys’ auf Jahre Befriedigungsmaterial. Nur so als Lesetip für anal Interessierte.
Was ich bereits im vorvorherigen Weblocheintrag träumte und worauf ich mit dem „Schwarzen Buch“ präventiv reagierte, hat sich also realisiert. Das ist wie bei meinen Büchern: Ich schreibe was, und es tritt ein. Sogar die Zerstörung der World Trade Towers nahm ich im Apokalyptischen Kapitel von THETIS vorweg. Ob eigentlich ich der terroristische Kopf bin… ich meine: versehentlich und aus geheimen poetischen Gründen?
Der juristische Angriff geht diesmal gegen die fiktionäre Website, insoweit sie für MEERE wirbt. Wir haben deshalb die Links rechtssauber modifiziert. Immerhin ist der Gegner nicht damit durchgekommen, mir den Mund verbieten zu lassen: Sprechen darf ich noch über das Buch, auch den Fall MEERE reflektieren, öffentlich, etwa hier. Nur werblich aufs Buch hinzuweisen, würde teuer. Dreht also jemand, zum Beispiel morgen der RBB, mit mir einen Film, dann darf ich das – z. B. unter „Termine“ – nicht mehr bekanntmachen, weil das als Werbung auslegbar wäre. Es sei denn, es geht um sagen wir ANDERSWELT. Über die Zusammenhänge öffentlich nachdenken darf ich aber. “Im übrigen wird der Antrag abgewiesen”, schreibt das Gericht. Und genau das – abweisen und nachdenken – tu ich hier.

Wer sich fortan über XXXX (selbstzensiert) informieren will, möchte, so bitt ich, die Suchmaschinen bemühen. Das ist an sich ja wohl kein Problem. Zu ANDERSWELT finden sich bei google → enorm viele Links.

II
Kritiken

Bin gespannt, wo XXXXX (selbstzensiert), wenn man das Buch überhaupt noch behandelt, verrissen werden wird. Ich tippe auf mindestens zwei wichtige Zeitungen, ja bin mir bei DIE ZEIT und SÜDDEUTSCHE ZEITUNG geradezu sicher, weshalb mich eine Lust auf Wetten angeflirtet hat. Meeresquoten erfinden. Welch hübsche Idee! Ich würde das Wort gern urheberrechtlich schützen. Man macht es sich ja für gewöhnlich nicht klar, aber in Rezensionen werden auch Feindschaften ausgetragen. Womit ich nicht persönliche, sondern ästhetische meine. Ein Blick in meine Pressemappe (laden Sie sie sich unter „Presse“ herunter) genügt, um vieles zu erhellen. Auch ohne die einstweiligen Verfügungen wäre das mit XXXXX abermals geschehen. Nur diesmal besonders. Denn es geht um deutsche Geschichte und Folgen, die diese ganz bestimmte Form von Verarbeitung auf eine ganze Generation gehabt haben. Auch dies ist eines der wichtigen Themen von XXXXX. Das Buch nimmt die „Walser-Diskussion“ wieder auf, allerdings inniger, ja verletzlich und als Frage. Der Zusammenhang ist in der Tat so heikel, daß es einer Liebesgeschichte bedurfte, um ihre Valenz jenseits aller vorgeblichen Philo- und Antisemistismen plastisch und sinnlich erkennbar zu machen. Es muß von Gefühlen gesprochen werden, Normen und moralische Verdikte nützen da wenig. Sie sind im Gegenteil kontraproduktiv, denn sie halten die Erinnerung ans Unheil als Verdrängung aufrecht. Verdikte wollen nämlich nicht verarbeiten und bewältigen lassen. Auch das wird in dem Buch geschildert, das fortan WELLEN heißen wird, daß die Erkenntnisprozesse ihren Grund also in einer sinnlichen, wenn auch ästhetischen Erfahrung haben und genau deshalb so wirkungsvoll sind. Es handelt sich nicht – oder selten – um Rationalisierungsprozesse. Ihre Valenz wird deshalb größer als eine analytisch hergestellte empfunden. Deshalb wird auch eher ein Prozeß gegen einen Dichter geführt als einer gegen einen Wissenschaftler. Dieser bewegt sich im determinierten Raum – auch dann, wenn er moralisch fragwürdige Experimente durchführt -, jener hält sich im ungefähren Raum auf. Dieses Ungefähre ist, was weg soll. Die Äquivalenzform, so schrieb ich einmal, wird total.

 

Wellen (ff)*. Poetologie: Die “Realität” der Figuren. (Aus dem freecity-Altblog.)

[*): Zur Zeit des → Buchprozesses
war “Wellen”
das Tarnwort für Meere.]

Ich war immer ein Gegner des Tagebuches; nun führe ich eines, das gleich von allem Anfang an öffentlich ist. Vielleicht habe ich diese Möglichkeit nun am Schopf gepackt, weil es mir ein weiteres Mal darum geht zu zeigen, wie das scheinbar Private bereits im Moment seiner öffentlichen Verschriftlichung sofort zum Literarischen, nämlich Fiktionalen wird, „einfach“, weil ein privater Zusammenhang, indem ich ihn (mich) beschreibe, anderen Gesetzen unterliegt – um Peinlichkeiten zu vermeiden, muß der Eintrag zu den anderen Einträgen in poetischer Koinzidenz stehen, und der Verweis auf die Realität wird geradezu metaphorisch und – wenn es gut geht – Teil einer Allegorie, der jede Lebensschilderung notwendigerweise eingebunden ist. Wenn ich hier jetzt etwa schriebe (und es damit tu) „ich freue mich auf Adrian“, dann muß ich sofort erklären, daß dies mein kleiner Sohn ist, den ich heute nachmittag zu mir hole… aber auch diese Erklärung besitzt keine publizitäre Valenz. Vielmehr muß „Adrian“ auf eine Weise beleuchtet werden, die jede Erklärung unnötig macht, „Adrian“ muß eine Evidenz bekommen, die in jedem Leser die Projektion eines je eigenen Adrians hervorruft: Er wird also abstrakt und nur in den Innenwelten der Leser – und je verschieden – lebendig. Tatsächlich existiert aber ein ganz anderer, unliterarischer Adrian nebenher. Doch spielt der für den Leser und in seiner Imagination überhaupt keine Rolle.

Deshalb ist es so irre, wenn Leute zusammenkommen, um einen Populären „persönlich“ zu sehen; die Persönlichkeit z.B. auch auf der Bühne ist nichts anderes als eine wiederneue Projektion, die sich nun massensuggestiv verstärkt; alle g l a u b e n immer nur, es mit der „Person persönlich“ (wirklich, real usw.) zu tun zu haben. Als mir Uwe Timm während der Aufnahme der SWR-Sendung – nachdem ich gesagt hatte, wir alle säßen hier oben nicht als wir, sondern seien Schauspieler unserer selbst – die Hand auf einen Arm legte und lächelnd sagte: „Aber ich b i n doch hier!“, da begriff er nicht, worum es tatsächlich geht. Selbstverständlich war er „da“, für sich, meinetwegen; für das Publikum aber war er eine Spiegelung ihrer Lese-Projektionen, deren möglicherweise Lücken sie sich nun noch mit „Real“partikeln füllen wollten. Dabei spielten wir ihnen ja wirklich etwas vor. Keiner von uns, schon wegen der Schminke, sah so aus wie dort, und hatten wir uns vorher im kleinen Gespräch noch geduzt, so wurde nun das Sie verwendet, also ein Spiel vorgeführt. Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob nicht gerade dieses Verfremdungsmoment etwas wiederherstellt, das vom kumpelnden Du zuvor verdeckt wurde (und nach der Sendung sofort wieder in die alten Raster griff), nämlich inhaltliche, formale und persönliche Distanz. Es kann also der Schein viel „wahrer“ sein als die alltägliche Realität.

Wer nun also meint, ich hätte mit MEERE mein altes Thema verlassen – Was i s t das: Ich/Du/Wir? -, der irrt. Ich bin vielleicht noch sehr viel tiefer darin. Autobiografie ist ja ihrerseits ein Konstrukt, jedes Tagebuch ist der hilflose Versuch, etwas „von sich“ festzuhalten, indes fortwährender Zellenaustausch stattfindet. Das Persönliche, wenn es denn auf einen Leser wirken soll, muß sich abstrahieren; und weil das verschriftlichte Ich endlich ist und nur in einem ihm zugewiesenen Rahmen zu Leben kommt – Sinnlichkeit erhält es überhaupt nur über eine „Geschichte“ und den Satzklang, der seinerseits einer ausgefeilten Metaphorikbedarf -, wird automatischselbst eine real vorgelegte Person jemand anderes. Das liegt schon am Materialcharakter jeder Vorlage.

Erkennbarkeit ist dann eine Frage der Projektion des Lesers, nicht der Gestaltung des Dichters; dieser kann immer nur das Material sehen. Wer sich daran nicht hält, schreibt ein schlechtes Buch. Das gilt übrigens für alle Fälle, in denen gemeint wird, „ich schreibe, wie es ist oder war“. Reiner Unfug. Etwas „war“ immer anders als der Text, schon weil „etwas“ nicht aus Buchstaben und also, werden sie belebt, Imaginationen besteht. Das ist die Crux jeglicher „aufklärerischer“ Literatur. Man kann sie ohnedies nur historisch-relativ, also bedingt, lesen. Soll ein Buch hingegen zu leben beginnen („gut“ werden), wird sein Text immer ein mythischer sein.

Wenn jetzt begonnen wird, Fichtes Geschichte als die meine zu lesen, so ist das ein grundlegender Irrtum. Was ich aus meiner eigenen Kindheit und Jugend als Material herbeigezogen habe, dient dazu, eine Allegorie zu erzählen, die aber den VORSCHEIN DES WIRKLICHEN ausstrahlt, den man in der Kunst ästhetische Wahrheit nennt. Der kleine Ribbentrop, der dem kleinen Kalkreuth Züge leiht, war jemand anderes.

Übrigens… mal rein verschwörungstheoretisch: Was, wenn hinter dieser einstweiligen Verfügung jemand ganz anderes steckt? Jemand, der eine dritte Person benutzt? Was, wenn MEERE ein (sagen wir: ökonomisches) Interesse am Schweigen verletzt, daß mit Persönlichkeitsrechtsverletzungen gar nichts zu tun hat, sondern – politisch ist? Immerhin hat ja Kalkreuth eine Familie…

[Poetologie]

 

 

%d Bloggern gefällt das: