Coronas Alltag I. Mit Nabokov im Waschsalon: Metamorphosen. Das zweiundzwanzigste Corona-, mehr allerdings ein Lesejournal, nämlich des Sonnabends, den 25. April 2020. Nabokov lesen, 38.

[Arbeitswohnung, 7.28 Uhr]
Waschtag und zuhaus Mme LaPutz.

Um sechs bereits auf, es sind viele Maschinen, allein für die Bettwäsche, die ich vorziehe, vier. So früh los, damit auch genügend Waschgeräte noch frei sind; ich hab ja keine Ahnung, wie voll oder leer es drüben sein wird. Und nachher, wenn Mme LaPutz hiersein wird, die zweite Fuhre mit der übrigen Wäsche, ebenfalls. schätze ich, vier Maschinen.
Halbes Glas Latte macchiato getrunken, muß gleich wieder los. (Im Briefkasten zwei wunderbare Sendungen gefunden. Erzähl ich, wenn ich mit der Bettwäsche zurück bin, die aber erst mal in die Trockner muß.)

(…………….)

[9.18 Uhr
David Ramirer, inversus REMIX]
So, Bettwäsche eingeordnet, Bettzeug neu bezogen, den Rucksack mit den anderen Schmutzklamotten gefüllt (proppevoll — die Wascharie ist genauso dringend wie daß Mme LaPutz nachher kommt; und kommt sie, breche ich erneut zum Waschsalon auf; vielleicht steht dieses Journal dann bereits in DER DSCHUNGEL). Sowas also um Viertel nach elf das Zeug in die nächsten Maschinen, nochmal heim für eine Dreiviertelstunde – und wieder zurück, um die Wäsche zu trocknen und vor allem, was einigen Zeitaufwand bedeutet, alles schon mal gut zusammenlegen. Insgesamt geht bei einem Waschtag mindestens ein halber Arbeitstag verloren. Andererseits: All dies nur einmal alle zwei, gelegentlich anderthalb Monate, kein Vergleich damit, wenn ich hier wüsche (wo allerdings überhaupt mit einer Waschmaschine hin —und wo das Zeug dann trocknen? Ja, wenn ich einen Garten hätte …). Is’ schon ganz gut so. Witzig formuliert, rhythmisiert der Waschsalon seit mindestens vierzig Jahre mein Leben. Selbst in den Zeiten, in denen ich nicht allein gelebt habe, nutzte ich ihn. Frauen, schon gar geliebte, sind nicht dazu da, einem den Schmutz wegzumachen; ich will schon nicht, daß sie mir einen Knopf annähen, wollte sie niemals “praktisch”. Nein, ich wollt’ sie strahlend (wozu Geist, Bildung und Beruf gehören) und betört sein. Eher näht’ die Knöpfe ich.
Sei’s drum.
Also die beiden Sendungen, deren eine gleich mit in den Waschsalon kam:

Mein alter Lektor, der große Delf Schmidt, hat mir das vergriffene Rowohlt-Literaturmagazin Nr. 45 nicht nur geschickt, nein, wie es ihm entspricht, es in ein feines braunes Papier eingeschlagen und dann erst eingetütet. Denn in dem Magazin findet sich eine bis dato auf Deutsch unveröffentlichte kleine Erzählung Nabokovs, darin er die Metamorphose einer Raupe zum Schmetterling erzählt — so nahe gerückt, daß wir meinen, sie selbst erzähle es. Wobei er, worauf Dieter E. Zimmer, von dem die Übertragung wieder stammt, in seinem mitabgedruckten Nachwort hinweist, selbstverständlich Kafkas “Die Verwandlung” im Kopf hat, sie aber in ein Wundervolles hinwegdreht. Nämlich. Als die Raupe endlich den mühsamen Prozeß des sich Verpuppens und die Phase der Verwandlung hinter sich hat und aus der Puppe schlüpft, rauscht ihr zwar

Panik in den Kopf, gibt es die Erregung der Atemlosigkeit

— derweil sich die Trommeln der Trocknermaschinen rauschend drehen—

und einer seltsamen Empfindung, doch dann sehen die Augen, in einer Flut von Sonnenlicht sieht die Schmetterlingin

— denn “die Raupe ist männlich, die Puppe sächlich und der Falter weiblich” … —sieht also die Schmetterlingin

die Welt, das große und schreckliche Gesicht des Entomologen.
Nabokov, Metamorphosen, in: Rowohlt Literaturmagazin 45
(Dtsch. v. Dieter. E. Zimmer)

“Doch jetzt”. so beschließt der Dichter seinen liebevollen poetischen Text

wollen wir uns aber der Verwandlung von Jekyll in Hyde zuwenden.
Nabokov,
Metamorphosen, ebda.

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*

Die zweite Sendung kam erneut von Gaga Nielsen, die → dort darüber schreibt, über André Hellers, der mich ja früh beeinflußt und als Chansonier lange, sehr lange begleitet hat und sowohl für sie selbst als auch für Ricarda Junge von prägender Bedeutung ist … — über seine vor anderthalb Jahren erschienenen → GESPRÄCHE MIT MEINER MUTTER IN IHREM 102. LEBENSJAHR geschickt, was mir hübsch zu unsrer, Freundin, → Omisätze genannten Reihe zu passen scheint, von der ich leise hoffe, es mögen noch weitere Leserinnen und Leser ihren Großmüttern darin ein sanftes Denkmal setzen. Die nächste Folge, bereits die Nr. 7, ist für morgen oder übermorgen vorgesehen und tatsächlich hat sich eine weitere alte Damen den andren Damen zugesellt. Bisweilen stelle ich mir vor, sie säßen nun zu Kaffee und Kuchen beisammen an einem Tisch und erzählten, die sich gar nie kannten, einander ihre Geschichten. Und wir, wir alles lauschten.

Ich muß und will nachher ans Nabokov lesen 38, der, für ADA. eigentlichen Nr. 1, in der ich vom “Sommer auf Ardis” erzähle (erzählen werde), also von etwa einem Drittel des wundersamen (und höchst pikant modernen) Buches, ohne da noch besonders auf vor(her)gegangene Kritiken, fast alle Müll, einzugehen. Allerdings dürfen Sie sich, Freundin, darauf vorbereiten, daß ich in ADA Nr. 2 dann doch einen leisen Vorbehalt vorbringen werde, der allerdings zugleich – nämlich selbst – den fast üblichen unguten Blick hat, aufgrund dessen die tatsächliche Größe eines Werks nur allzu oft unter die schwarzen Wolken eines unentwegten kalten Regens gerät, der dann auch hereinbricht. Aber das will erst da diskutieren, dieses von – egal, was ihre Hirnschalen fassen – allzu kleinen Gemütern befolgten durchweg kunstfernen Moralisierens. Die Nr. 1 indes soll alleine jenen (so kommentiert es Ada selbst)

berühmten Fingerreisen dein Afrika hinauf
Nabokov, Ada oder Das Verlangen, 149/159
(Dtsch. v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

gewidmet sein. Und so, genau so — Dein Afrika hinauf! — , werde ich den Beitrag auch betiteln, vielleicht aber das Ausrufezeichen uns doch ersparen. — Sie erinnern sich? Gewiß! Die Adern, Anadyomene, nicht wahr? auf den männlichen Unterarmen.

*

Von Corona war im Waschsalon nichts zu merken, nicht heute früh, vielleicht nachher. Da, heute früh, kam nur eine alte, leicht gebeugte Frau herein, das dürre Haar noch voll des ungekämmten Schlafs, der feucht gewesen sein muß und nun klebte.
Ich wollte ihr helfen, die beiden gefüllten Taschen die paar Stufen hochzutragen, doch mochte sie sich entmachten nicht lassen. Aber sagte: “Das ist gut, nicht wahr, wenn man früh kommt? Dann ist alles hier noch sauber.”
Ich lächelte.
“Und”, setzte sie fort, nachdem sie zwei Maschinen gefüllt, “man hat Zeit für die Zeitung”, wozu sie nun die ihre, die sie mitgebracht hatte, entfaltete und auf drei Maschinen ausbreitete.
meine vier Trommeln drehten sich bereits, also war ich schon im Aufbruch.
“Bis gleich”, sagte ich. “Bis gleich”, sagte sie.

Und also, Freundin, stelle ich dieses nun ein und sag Bis gleich auch Ihnen:

Ihr ANH

Das Arbeitsjournal des Mittwochs, den 26. Februar 2020. Mit Thorsten Casmir, Peter H. Gogolin, André Heller und David Ramirer.

[Arbeitswohnung, 9.55 Uhr
David Ramirer: Johann Sebastian Bach, Wohltemperiertes Klavier Buch II]

Die Musik schickte mir → Ramirer selbst, ich höre sie momentan laufend wie zuvor seine eigenen Variationen auf Bachs Präludium C-Dur, die ebenfalls, doch leider bislang nur als mp3, ankamen und über die ich in den nächsten Tagen schreiben werde. Noch hat andres, Freundin, Vorrang. Hier nur schon einmal die Erklärung, die Ramirer selbst für die Rückseite der CD (auf die ich nun warte) vorgesehen hat:

*

Gut gearbeitet, sehr gut. Béart XXXI fertigbekommen, Nabokovlesen 24 begonnen, dazu die fastjuristische Auseinandersetzung wegen des üblen Artikels in 54books, der mir allerdings keine, wie eine enge Freundin befürchtete, schlimme Nacht bereitete, denn als ich zu Bett ging, wußte ich bereits, am nächsten Tag in die Tjost zu wollen — nicht zuletzt übrigens, weil das Impressum die Adresse einer Rechtsanwaltskanzlei angibt, ob “rein” praktischerweise oder um indirekt zu drohen, sei dahingestellt. Oder auch nicht dahingestellt. Nach wie vor bin ich psychisch so veranlagt, auf Drohungen nie mit Rückzug zu reagieren, im Gegenteil. Sie fordern mich heraus. Deshalb der gewählte Begriff “Tjost”. Und ich wußte, mir gleich nach dem Erwachen — das ich derzeit völlig meiner inneren Uhr überlasse; sie weckt mich tatsächlich fast generell zwischen 6.30 und 7 Uhr — im Netz die nötigen Gesetzestexte zusammenzusuchen und nicht nur zu, sagen wir, “studieren”, nein, sie auch auswendig zu lernen.
So geschah’s. Schon konnte ich meinen Brief formulieren — “Schriftsatz” in der Sprache des formalen Rechts.
Nun war vorhergegangen, daß ich wegen des Artikels Samuel Hamen angeschrieben hatte, der bei 54 books als Teammitglied genannt wird. Ich hatte → seine klasse Rezension schlichtweg nicht mit dem nicht nur, journalistisch, schlampigen Artikel zusammenkriegen können. Er seinerseits antwortete mir am Morgen, intervenieren zu wollen. So daß sich meine Mail an Redaktion und Anwaltskanzlei mit einer Mail des Anwalts an mich sprichwörtlich überkreuzte — ein Wunder, daß die zwei auf ihrer Fahrt a) von hier nach dort, b) von dort nach hier nicht karambolierten. Bei der Geschwindigkeit wäre es ein Totalschaden geworden, an beiden Autos, und keines hätte jemals ihr Ziel erreicht. Doch offenbar blieb jede von ihnen auf ihrer Seite der Hochtempostraße.
Und also: Der Anwalt fragte, ob es genüge, wenn er den Text → aus dem Artikel herausnehmen lasse; das nämlich wolle er tun. Da konnte er meine Forderung nach Gegendarstellung, bzw. Richtigstellung noch gar nicht gelesen haben. Die hatte ich unterdessen aber schon in Der Dschungel öffentlich gemacht, und weil ich aus diesem Weblog nichts lösche, schon um die Produktionstherorie nicht zu verfälschen, die sich in Der Dschungel → eben auch abbilden soll, bestand ich darauf, daß der Beitrag erhalten bleibe, mit allerdings einem vorgeschobenen Notat über die erzielte Vereinbarung. Das wiederum fand der Anwalt in Ordnung, und so ist’s nun protokolliert.
Es ist mir enorm wichtig. Zu oft mußte ich mir anhören, ein Dichter habe stille zu sein auch bei ihm geschehenem Unrecht, selbst bei übler Nachrede und objektiven Beleidigungen. Er schade sich nur selbst (und seinem Verlag), wenn er aufbegehre. Er solle sich deshalb ducken — ducksen nenne ich das und habe es niemals getan, dafür dann fast durchweg Ärger mit meinen Verlagen bekommen. Klar, die haben Angst, in Sippenhaft zu kommen. Für kleine Verlage wäre das tödlich, möglicherweise. Und größere Häuser stehen in der Zwickmühle, weil eine Kritikerin oder ein Kritiker die eine ihrer Autorinnen mit Elogen begießen, zugleich indes einen anderen Autor mit Eimern voller Kotze überschütten könnte. Dennoch will man auf die Elogen nicht verzichten, ja braucht sie, um zu verkaufen, braucht den Kritiker also, die Kritikerin. Mir ist das schon klar. So und so ein auch ökonomisches Corpsgeistproblem.
Nun hatte ich es aber mit einem Juristen zu tun. Diese Leute sind nicht verschwurbelt wie viele im Literaturbetrieb. Sie sind klar und faktisch. Also läßt sich mit ihnen auf das einfachste sprechen und verhandeln. Ähnlich Ärzte, ähnlich Physiker und Mathematiker. Heute wären das meine Fächer, die ich studierte: Jura, Medizin, Physik.
Später fragte mich, auf Facebook, → Gogolin, ob mir diese Lösung-jetzt denn genüge? Ja, tat es, insofern es mir nicht im mindesten darum ging, mir irgendeine finanzielle Entschädigung zu erpressen. Ich wollte den Müll aus dem Netz haben, Punkt, und das war erreicht. Vielleicht auch ein Zeichen für andre gesetzt. Ich hatte und habe von dem gesamten Mobbing und fiesem Gequassel die Schnauze absolut voll. Vor allem geht es mir auch darum, wie ich dem Anwalt schrieb, daß mir

die ständig unterschobene Nähe zur politischen Rechten widerlich (ist). Es entbindet solche Attacken rhetorisch von jeglicher Argumentation.

Wenn ich in Bezug auf Gendercorrectness von einer Meinungsdiktatur spreche, handelt es sich mitnichten um eine auch nur ungefähre Nähe zur, z. B., AfD, egal, ob auch dort dieser Begriff verwendet wird. Genauso wenig bedeutet, wenn ich von Ehre, Würde, Heimat schreibe, daß ich ein Nazi sei oder mit der Rechten auch nur “sympathisierte”. Ich überlasse ihr einfach nicht diese Begriffe, lasse mich von ihr nicht meiner Werte enteignen.

Übrigens ist, so erfuhr ich in dem Messengergespräch mit Gogolin, sein hinreißender, wahrhaft europäischer Roman → Calvinos Hotel neu aufgelegt worden, und zwar — in festem Umschlag gebunden. Sie wissen, Geliebte, daß ich über dieses Buch einmal schrieb. Jetzt sähe ich meine Rezension gerne, etwas umformuliert und erweitert, bei Faustkultur und werde dort also nachfragen. Andernfalls wird sie hier in Der Dschungel eingestellt werden. — Nicht uninteressant, übrigens, daß der ehemalige, in die Insolvenz gegangene Verlag Kulturmaschinen, mit dem ich selbst soviel Mieses erlebt, als eine Art Autorenverlag → neu gegründet worden ist.  Mir behagt das nicht, weil ich sehr an Namen glaube, an etwas ihnen außerhalb des Funktionalen mythisch Eigenes; praktisch verstehen kann ich es dennoch.
Da ich nun einmal bei Büchern bin — vorhin erreichte mich ein Päckchen des Hanser Verlages, darinnen → André Hellers “Zum Weinen schön, zum Lachen bitter”, eine Sammlung von Erzählungen, deren Über-, also der Buchtitel mir allerdings schon ein bißchen zu klebrig ist . Aber ich wußte nicht einmal, daß es ein neues Buch von ihm gibt. Wie also kam der Verlag nun auf mich? Wahrscheinlich hat man meine Rezension → zu seiner Rosenkavalier-Inszenierung gelesen oder liest hier, wie so viele aus dem Betrieb, sowieso mit, und also war bekannt, welche Rolle Heller für mich einmal gespielt hat. Freilich, da war ich noch ein junger Mann, beinah noch ein Jüngling. Dennoch, Spuren werden Prägungen. Es sind gute Narben. Und da ich alle seine bisherigen Bücher gelesen habe, weiß ich, welch vorzüglicher Erzähler er ist. Also werde ich ganz sicher auch über diese Neuerscheinung schreiben.

 

Meine Gute, wie viel hab ich noch vor!

 

Zwischendurchgelesen, ja, zusammengeschrieben, habe ich Ernst Kretschmers “Der Falke und Die Nachtigall”, einen Roman, den mir Dielmann zusammen mit Thorsten Casmirs grandiosem “Ohnsgrond”, erschienen ein Jahr nach dem → Wolpertinger, schickte, weil er wohl weiß, daß mich Federico II nach wie vor beschäftigt. Ohnsgrond ging komplett unter, auch weil Casmir, kurz nachdem sein Buch heraus war, an einer Krankheit verstorben ist, die damals noch etwas Ungefähres und Anrüchiges hatte, so daß der tatsächliche Grund für Casmirs Ende nicht genannt werden durfte. In seinem Roman aber ist er, dieser Grund, allgegenwärtig. Und immer wieder in den vergangenen Jahrzehnten fiel das Buch mir ein, so daß ich nun den Entschluß faßte, nach bald mehr als zweieinhalb Jahrzehnten eine poetische Rezension darüber zu verfassen. 
Ich stand auf, ging an die große Bücherwand, schaute unter C (bei mir ist die Belletristik nach den Namen ihrer Autorinnen und Autoren geordnet), aber fand nichts. Der typische “Fall” wohl: Verleihe nie ein Buch, denn du weißt, wie deine eigene Bibliothek entstanden ist. Also schrieb ich dem Verlag, und das grün in wunderschönes Leinen gebundene Buch kam her, nur die hellrote Längsbinde fehlt:

 

 

Die Lektüre steht nun aus. Auch hier geht Nabokov vor (habe soeben “Gelächter im Dunkel” begonnen). Aber erwartungsvoll, zitternd fast freu ich mich drauf. 

Weniger Freude bereitete der Kretschmer; ich → verlinke nur der Fairness halber drauf, hatte anfangs erwogen, auch hier eine Kritik zu schreiben, weil es hin und wieder ein Aufflackern von Schönheiten gibt, etwa die “Leichtigkeit (…), in der ich dankbar erstaunte” (Hervorhebung von mir) oder die “Mischung aus Mißtrauen und Frechheit” sizilianischer Straßenkinder. Doch zunehmend, abgesehen von den sowieso gängigen Konjunktivfehlern, verschwurbelt die Geschichte sich zu am Ende sogar pubertärstemKitsch. Ein einziges Beispiel möge genügen:

“Ich kenne Euch von überall her”, sagte er, “bin Euch gefolgt, seit Ihr geboren wart, und weiß, was ihr jemals gelesen und jemals geschrieben habt.

Bitter allein schon das, aua, “wart”.

Ich war dabei, als Ihr die Macht der Schöpferkraft entdeckt und das Wunder ihrer Welt erfahren habt, die nicht wirklich und doch wahr wie die Wirklichkeit ist.”
Falke, 243

Ach, Freundin, Sie mögen Buttercreme genauso wenig wie ich … Hier, ein Mundwasser zum Spülen, und seien wir dankbar, daß Kretschmer nicht auch komponiert. Axel Dielmann hat einmal zu den besten Lektoren gehört, die mir begegnet sind; es ist mir schleierhaft, wieso er bei diesem Buch nicht durchgegriffen hat. Nun fliegt es in den nächsten Buchspender.

*

Der Abend regnete heran, und ich chattete mit einer Frau, die ich am Sonnabendabend treffen werde: ein eleganter Flirt bisher. Gesehen haben wir uns schon einmal, nur einmal, auf der → vorletztjährigen Leipziger Buchmesse, also im März 2018. Damals hieß sie Mariclaire. Sie sah mich, und ich sah sie. Sie kam heran (ich les jetzt nicht nach) und hakte sich unter. Nein, wir kannten uns wirklich nicht. Und nun flanierten wir durch die Gänge, ein wenig mondän sie, herrlich schön, Juristin, ich sag’s ja. Dann war lange Schweigen. Und jetzt die Nachricht bei Facebook. Von jemand anderem, die mir den Brief einer Zoey ankündigte, wie ihr Name heute ist. Der lag auch schon im Postfach. Bei Facebook siezen wir uns; Zoë indessen wählte das Du der, wie sie schrieb, “letzten irren Gentlemen”. Und dann:

Meere hat mich, wie soll ich es nennen? – verstört. So daß ich meine Gedanken teilen muß. Das aber bitte nur unter uns, und zwar gerade, weil ich Dich nicht kenne und es doch so, glaube ich, tu. 
Z.

Da’s sich nun traf, daß ich am nächsten Sonnabend ohnedies in ihrer Nähe sein würde, werde, was auch immer …  lag denn auch das Treffen nah, und liegt. Wobei ich selbstverständlich Schweigen über ihre beigelegte Sendung bewahre. Das werden Sie, Freundin, verstehen.

Worauf ich aber hinauswill: Wir waren noch am Plaudern, als Freund Sascha mich anrief. Möge ich nicht gegen halb neun zu ihm herüberkommen? Er habe einen ausgezeichneten portugiesischen Rotwein da — und eine Flasche Talisker. Da ich selbst finanziell grade so mau, konnte meine Schreibtischhockerei nicht siegen, und der Abend → ward zur langen Nacht. Sie protuberanzte — es stimmt der Begriff, den ich begriff — aus sämtlichen Drüsen des Geistes. Es gab auch vieles zu erzählen. Und ich las die letzten vier Béartentwürfe vor. Eine Wonne zu erleben, wie sie “funktionierten”, ich meine: wie ihr Klang übersprang. Und dann geschah, was hinterm Link erzählt ist. Obwohl ich gehen so recht nicht mehr konnte; ich eiertanzte also heim, die Betonung indes liegt auf “tanzte”.

Ihr, Sie Schöne,
ANH

Die Eintracht des Lebendigen sich ergießen zu lassen: ANH über André Hellers und Zubin Mehtas Deutung des Rosenkavaliers von Hofmannsthal/Strauss bei Faustkultur.

[Fotografie: → Ruth Walz |
Presse Staatsoper Unter den Linden]

 

 

 

 

 

Hier wurde in der Tat aus Liebe, ja Hingabe geschöpft; es ist in jeder, ich schreibe einmal genrefremd, „Einstellung“ zu spüren – sei es in Xenia Hausners Bildern, sei es André Hellers Sicht auf die Libretto- und also Figuren„dinge“ und sowieso in Zubin Mehtas und der Staatskapelle Berlin in enormen Klangfarben schwelgendem, mit jedem Akt zunehmend intensiverem Zugriff. Das Ende dieser Inszenierung wartet sogar mit einem deshalb genialen Bild auf, weil es nicht nur eine tatsächlich – meines Wissens – neue Deutung ist, sondern aufs innigste den Geist der hofmannsthalschen Dichtung atmet. Ich erzähle es deshalb [ → weiter dort bei Faustkultur:]

Nächste Vorstellungen:
16. 2. | 19. 2. | 22. 2. | 27. 2. | 29. 2.
Jeweils um 18 Uhr
→ Karten

Siehe auch → da.

[J e t z t] | … gestern (9. Februar).

 

 

 

 

 

 

17 Uhr

 

 

(Vorhang I)

(Vorhang III)

*

NOTA
Ich werde den Tag (heute, 10. Februar) damit verbringen, für → Faustkultur meine Erzählung über diesen Abend zu schreiben, die dort in den nächsten Tagen zu lesen sein wird, und aber möglichst versuchen, mir vorherige Anmerkungen in Der Dschungel zu versagen.
ANH

Nachtrag, 11.2.:
Von gestern früh bis heute mittag in zwei Fassungen
geschrieben und soeben an Faustkultur hinausgesendet.

Nachtrag, 15.2.:
Soeben → bei Faustkultur erschienen.
Und → dort der “Teaser” hier in Der Dschungel.

” … das Versprechen, verloren geglaubte Intensitäten in sich zu bergen.” (Samuel Hamen) | Im Arbeitsjournal des Sonnabends, den 8. Februar 2020.

[Arbeitswohnung, 12.18 Uhr
Mozart, Mithridates]

So sehr ich diesen Tag auch vorausgefürchtet hatte, dieses “Gestern” also, so teils beseelend wurde er dann doch. Zwar haute die (vorhersehbare – es ist überhaupt nicht schön, immer recht zu haben) Absage Rainer Moritzens mir erstmal einen vor den Latz, daß er im Literaturhaus Hamburg für eine Vorstellung meiner Erzählbände keinen zeitlichen, sozusagen, Raum habe (meine Freundin Nora Gomringer lädt er hingegen bis zu dreimal im Jahr ein, was ich ihr von Herzen gönne, aber einiges über, sagen wir, Vorlieben sagt). Doch da ich auf sein Nein ja gefaßt war, blieb der Schlag vom zähen Leder meines Latzes recht gut abgefangen. Zumal fast noch in derselben Minute die Nachricht von der Lindenoper kam, es liege nun tatsächlich eine Pressekarte zur Premiere → des neuen, von André Heller inszenierten Rosenkavaliers für mich bereit, so daß mir das Haus, ohne es zu wissen, das wohl beseelendste Geburtstagsgeschenk des Tages gab – neben einem Geschenk लक्ष्मीs, über das ich Ihnen, Freundin, öffentlich aber nichts schreiben möchte. (Gewiß indes werd ich es Ihnen entre nous erzählen).
Ja und d a n n! nachmittags: Samuel Hamens Rezension (der entgegen ich ebenfalls bangte) meiner beiden → Septime-Erzählbände. Doch → hören Sie (Podcast) selbst. (Als Text ist die Kritik → dort zu lesen). Besser (und gerechter) konnte es eigentlich nicht laufen. Und daß ich für meine “Gender”-Position ein paar Klöpferchen auf den Hinterkopf abbekommen würde, damit war nun eh zu rechnen. Wobei mich diesbezüglich eigentlich nur Hamens Wort “schwerfällig” etwas nervt:

Es verhindert aber nicht, dass diese Weise des Schauens, Genießens und Schreibens mehr und mehr aus der Zeit fällt. Sie wirkt schwerfällig, verteidigt zugleich voller Stolz eben diese Schwerfälligkeit als exquisiten Zugang zum Sinnlichen. Aber im Diskurs rund um sexuelle Repräsentation und die Symbolisierung von Geschlechterverhältnissen hat sich nun einmal ein Atmosphärenwechsel ereignet.

Ich hätte statt dessen “kompromißlos”, sogar “halsstarrig” vorgezogen, meinethalben auch “uneinsichtig”. Aber daß sich ein “Atmosphärenwechsel” vollzogen habe, ist zwar auch meinerseits unstrittig, sagt aber noch nicht, daß man sich ihm unterordnen müsse oder gar mitzulaufen habe. Bekanntlich halte ich an ihm vieles für grundsätzlich falsch und auch politisch gefährlich. Weshalb, habe ich in meinem Aufsatz zur “anthrologischen Kehre” schon vor Jahren ausgeführt. Und daß ich in meinen Erzählungen Frauengestalten sexualisiere — ja, tu ich —, liegt schlichtweg daran, daß sie als Frauen sexuelle Geschöpf sind — wie, ob es uns gefällt oder nicht, wir alle. Daß nicht jede Person auf jede andere eine erotische Ausstrahlung hat, mag allenfalls, nun jà, zu bedauern sein oder auch ein Glück; aber diese → “Ungerechtigkeit” gehört zu den pheromonal gesteuerten Phänomenen unserer Existenz. Darüber zu schweigen oder es gar zu verleugnen (beziehungsweise nicht mehr drüber sprechen, geschweige denn zeigen und also eingestehen zu dürfen), führt in jedem Fall nicht nur zu doppelter, nämlich in sich selbst widersprüchlicher “Moral”, sondern ins Unglück.
Doch sei es drum, Hamens literarische Kritik konnte für die beiden Bücher besser nicht aussehn, und ich bin froh, daß er so genau gelesen und eben auch formuliert hat, wie intensiv und, formal, auf welche Weise die Umwälzungen in meine Arbeiten eingegangen sind, die die technische Revolution seit über dreißig Jahren für unsere Anthropologie bedeutet — und daß ich im deutschen Sprachraum eben, Stichwort “Pionier”, zu den allerersten Romanciers gehör(t)e, die dies begriffen und künstlerisch gestaltet haben. Ebenso freue ich mich darüber, wie genau er meine Angriffe auf Uneigentlichkeit nachvollzogen hat und darstellt.
Kritiken wie diese sind de facto selten. Deshalb wirklich großen Dank, lieber Samuel Hamen.

So war ich dann doch, wo ein nächster grauer Schub hätte vorausbefürchtet werden müssen, plötzlich in lebhaftem Schwung. Dazu kam ein herrlicher Strauß aus Rosen, Mohn und Strilitzien meiner Contessa,

den ein Bote schon frühnachmittags brachte. Und wiewohl ich ja eigentlich abhauen wollte, nach Neapel – wo mich ein Freund erwartet hätte – oder Sizilien, was ich indes dann nicht, ja, durfte (aber momentan auch finanziell nicht gekonnt hätte), und mir nach allem anderen denn nach Feiern war, rollte abends die Familie ein. Was seit dem Vortag klar war. Nur hatte लक्ष्मी ohne mein Wissen herumtelefoniert und neben ihrer besten Freundin und einem Freund auch → Schlinkert “überredet”, abends bei mir einzulaufen. Ich war komplett überrascht, aber, da der Tag so nett zu mir gewesen, auf eine beglückte Weise, den ich im übrigen fast vollständig mit einer Musik verbracht hatte, die schon mein → neunzehntes Nabokovlesen abschloß: ausgerechnet ich mit Mozart, mit seiner, ich muß sagen, einfach hinreißenden Così fan tutte, die jetzt abermals in der atemberaubend remasterten Karajan-Aufnahme von 1954 läuft und deren nicht nur Mastering überwältigend ist.
James Levines von mir “zwischendurch” angehörte, technisch perfekte Stereo,na sowieso,-Studioeinspielung mit der mich eigentlich alle Distanz verlieren lassenden Kiri te Kanawa sowie mit auch noch Thomas Hampson fällt gegen die nicht nur klangliche, sondern auch interpretierende Energie Karajans und seiner Sängerinnen (Elisabeth Schwarzkopf!) und Sänger schmerzhaft spürbar ab, und auch meine anderen Aufnahmen halten in keiner Weise  mit. Dabei kann ich Karajan eigentlich gar nicht leiden, er ist mir überdies politisch suspekt. Dennoch, immer wieder, obwohl ich sein Vorgehen (etwa im Falle der blutjungen Hildegard Behrens — bezeichnend, daß mir → ihr Tod entging —, die er kalt sich da ihre Stimme für eine allerdings nie wieder, meiner Kenntnis nach, eingeholte Salome ruinieren ließ) oft nicht gutheiße, gibt es immer und immer wieder Einspielungen von ihm, die mich komplett umwerfen, auch wenn jemand wie er und ich einander im Leben höchstwahrscheinlich spinnefeind gewesen wären.

Wie auch immer, die Familie war hier und wir aßen, plauderten und tranken vom herrlichen, mir von → Le Vi Arte hergesandten 2012-er Nobile de Montepulciano, in Flaschen in der dortigen Fattoria Talosa gefüllt, den, wie mir Simone Langer schrieb, ich erzählte es schon, “die Menschen so wenig verstehen wie Deine Bücher”; dazu liefen erst → Ramirers Ricercar-a-tre-Variationen, dann die vorher zusammengestellte Playlist aus Jarretts der letzten dreißig Jahre, was wiederum, als sein Concerto a Napoli von 1996 erklang, mich dazu brachte, das zu diesem und für meinen Vater entstandene Gedicht vorzulesen. लक्ष्मीs Freundin Sarah hat es aufgenommen; ich werde den kleinen Clip in den nächsten Tagen gesondert einstellen. Als alle dann kurz vor Mitternacht aufgebrochen waren, saßen mein Sohn und ich – er einen Joint, ich meine Cigarillos rauchend – noch anderthalb Stunden hier und sprachen. Als auch er ging, um sich seinen nachtschwärmenden Freunden zu treffen, warf ich mich, ohne für irgendeine Ordnung zu sorgen, geschweige denn den Abwasch zu erledigen, auf mein Lager und wachte heute früh erst um halb neun auf. Da war vor dem ersten Latte macchiato dann doch erst mal tüchtig was zu wirbeln. Und so “richtig” zu arbeiten, dazu kam ich auch bislang noch nicht. In jedem Fall sollte ich mich mal, das ist noch immer nicht geschehen, aus den Morgenarbeitsklamotten schälen und angemessen — kleiden.

Ihr, Ersehnte,
ANH

 

“Dem anderen Glück wünschen”: Der neue Rosenkavalier an der Lindenoper Berlin. Pressegespräch im Apollosaal mit André Heller, Xenia Hausner, Arthur Ambesser, Günther Groissböck und anderen. 28. Januar 2020, 13 Uhr. Als kommentierter Podcast.

(Die Tonfiles beinhalten das gesamte Gespräch.
Aufnahme und Schnitt: ANH)

[28. Januar 2020
Lindenoper, Apollosaal, 13 Uhr]

 

 

(Von links nach rechts:
noch fehlend Günther Groissböck, Arthur Ambesser, Xenia Hausner, André Heller, Intendant Matthias Schulz, Zubin Mehta, Carmilla Nylund, Wolfgang Schilly

Sie wissen, Freundin, mit kaum einer Oper habe ich mich auch → poetisch so sehr beschäftigt wie mit dieser, vor deren Premiere der neuen Inzenierung Matthias Schulz die Mitwirkenden und die geladenen Gäste begrüßt:

wobei, siehe den oben noch leeren Stuhl, Groissböck  – der Ochs der neuen Inszenierung – erst direkt nach der Begrüßung herein-, so muß ich’s erzählen, –stürmte, dann vorgebeugt Platz nahm, den linken Sneaker von sich gestreckt, um nachher mit einer sonoren Stimme zu sprechen, die bereits d a Echos im Brustkorb erzeugte, aber erst nachdem Heller eine quasi Einführung in seine Werkauffassung halb zelebrierte, halb — “den Irrtum ehren” — , ebenso anekdotisch wie ernsthaft als Liebhaber des Werks, speziell indessen Hofmannsthals, zu dem er als Junge habe gebetet, um die Gunst der versammelten Journalistinnen und Journalisten buhlte:

Nein, nichts daran ist manieriert, auch wenn es dem ironischen Pragmatismus nicht paßt. Beglückt aber auch, als Dirigent, Zubin Mehta, der seiner Beglückung den deutlichen Ausdruck verlieh, endlich einmal auch bei einer Regie tiefe Freude empfinden zu dürfen; er könne es kaum abwarten, daß die Bühnenproben begännen:

Und Carmilla Nylund, die Sängerin der Marschallin, erzählt von der Reife ihrer Rolle und wie froh sie drüber sei, sie jetzt, mit 35, auch wirklich erfahren spielen zu können. Dabei dreht sich immer wieder die Rede um Wien — Heller auf einer seiner alten Platten: sein Verhältnis zu dieser Stadt “gleicht dem des Hosenträgers zum Oberkörper: Er läßt sich sehr weit dehnen, schnalzt aber immer wieder in die Ausgangslage zurück” —, und der sogenannte  – ein dem Poeten wahrscheinlich aufgepapptes Wort – “Multimedia”-Künstler wird akribisch genau bei seiner Schilderung, einer weiteren Liebeserklärung, der Diversität des Wiener, nun jà. Dialekts?, der sämtliche Schattierungen einer Sprache kenne, sogar vielleicht noch m e h r – vom elaborierten Code der, sagen wir, “höheren Stände” bis hinab zum restringierten der einfachsten Bevölkerung. Ja, von Stadtbezirk zu Stadtbezirk sei er verschieden, ob als Schatten oder Licht. “Das werden Nichtwiener niemals begreifen, schon gar nicht in Paris oder New York – und auch nicht in Berlin … oder nur sehr wenige.” Im übrigen habe er mit Hofmannsthal bereits einen Termin nach seinem, Hellers, Tod, um sich über diese Sachverhalte zu besprechen:

Und dann bricht er für die Marschallin mehr als nur die Lanze in der Gastalt einer Eule, die über Athen einen Rundflug der dieser Art völlig unbekannten Stadt macht*– durchaus ein bißchen ungerecht gegenüber Sophie, weshalb ich mir denke, er habe niemals Laura Aikin gehört (1996, hier an diesem Haus), die seinerzeit mir Tränen in die Augen trieb. Zwar ist es sicher wirklich so, daß dieses, ja, noch – ecco – Mädchen der Fürstin Werdenberg kein Wasser reichen kann. Doch wer sagt uns denn, daß dies so bleibe? Und ob die Marschallin dem Octavian nach schließlichem Ende seiner jugendlichen Liebe und wenn auch nur “vielleicht wieder zur Verfügung stehe”, muß arg, aus meiner Sicht, bezweifelt werden. Statt dessen wär ihr ein nicht-homosexueller Jean Marais zu gönnen, bzw. gewesen. Doch dies ist meine Sicht auf die Dinge, die er gewiß nicht teilen muß:

Den Rosenkavalier wolle er (plaudert Schulz aus, daß Heller es gesagt habe) “in Schönheit ertränken”. Ich nehme an, daß es am 9. Februar nicht so sein wird, denn um eine gestorbene Oper, zumal eine solche, wäre es schade. Der Tod durch Ertrinken nämlich ist ein Ersticken.

Irre Spannung jedenfalls, gerade bei mir (der immer noch nicht weiß, ob für ihn eine → Premierenkarte bereitliegt), wiewohl es für mich ein um zwei Tage verspätetes, weil eben mit meiner eigenen Arbeit verbunden: wahrhaftiges Geburtstagsgeschenk zum Fünfundsechzigsten wäre, das allein geeignet ist, meine zu diesem “Anlaß” eigentlich geplante Flucht nach Neapel oder Sizilien zu verhindern. Einen Rezensionsauftrag jedenfalls h a b e ich. Wir werden sehen. Aber klar, alle Aficionados wollen diese Inszenierung erleben — und leider solche Kritiker** auch, denen und deren Auftraggebern es vor allem um den “Event” geht. Denn das, in jedem Fall, wird die Inszenierung sein, und nicht nur für Berlin.

{*) Ein Wort, dieses “macht”, das in dem Gespräch ein bißchen arg zu
häufig fiel: “wir machen eine Inszenierung”, “den Rosenkavalier machen“,
wir “machen Liebe” sozusagen.
**) Ich bin da nicht so freundlich, freundschaftlich oder, sagen wir,
weise wie Heller und meine im übrigen, es müsse ein ganz neuer
Begriff eingeführt werden, nämlich der einer poetischen Kritik,
die völlig andere Kriterien als die berichterstattende und vor
allem urteilende hat. Dazu einmal getrennt.}

 

Richard Strauss
Der Rosenkavalier
Komödie für Musik von Hugo von Hofmannsthal
Staatsoper Unter den Linden
Premiere: 9. Februar 2020

→ Karten

 

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