Oh Liliebste, Lilliste! ANH an Liligeia, siebenter Brief. Am siebenunddreißigsten Krebs- und zweiten Tag im zweiten Höllenkreis der Nefud, donnerstags nämlich, den 4. Juni 2020.


Berlin.Nefud, den 4. Juni 2020
Frank Martin, Messe für unbegleiteten
doppelten Chor (1922/26 | 1963)

5.31 Uhr]

Oh, wie war ich gestern fast den ganzen Tag lang – … nein!, Dir “wie bekifft” zu schreiben, wäre, Lilli, falsch. Vielleicht rührte mein Zustand nur daher, daß ich bereits mittags, nachdem ich von meinen beiden Arztterminen zurückgekommen war, zwei Tropfen des cagliostroschen THC-Öles in das Muldchen hinter meinem musculus gegeben und von dort weggesaugt, es aus der Haut gelutscht habe, was mir zusammen mit der wunderbaren selbst für Berlin fast schon Hochsommerwärme, dem blendend höllenhimmlisch Wüstenlicht über unsrer Andersstadt und vor allem meiner seit heute früh währenden wiederSchmerzfreiheit diesen nahezu dauernden Rauschzustand schenkte. Nicht, daß ich hätte, bewahre, Halluzinationen gehabt! Aber mein Kreislauf, so ist’s am ehsten zu erzählen, schwamm, und zwar, als ob er schwebte, unter Wasser also schwamm und gänzlich ohne Luftnot, wie wenn ich Kiemen hätte.
Ich hatte gestern Kiemen. Wär mir, meine Lilli, solch eine Erfahrung auch ohne Dich zuteil geworden? Das fragte ich mich mehrfach, zu vielem anderen hinzu Und muß Dir noch mehr zugestehen,als ich bislang schon tat.
Ja, Du hast mich drei volle Tage lang mit Brustschmerzen gequält, die sich vom THC nicht, nicht vom Dronabinol, sondern alleine noch von zweimal Gaben Novamins und auch dann nur langsam in den Griff bekommen ließen. Also hast Du getobt, und ich wußte den Grund. Wir wissen ihn beide. Du hattest Dich von der ersten Chemo leidlich erholt, deshalb konnte ich Dich wieder so tief einatmen fühlen, daß es neuem Tumorwachstum gleichkam, jedenfalls es anregte. Das erlebt der Mensch als Schmerz.
So hat es mir mein Körper erzählt, mit dem ich immer einig war oder doch nur selten nicht. Und was glaubst Du? Als ich es gestern vormittag Matthias Biebl weitererzählte, mit dem ich auf Dr. Faisals, ich meine Professor Jostings Rat das Drittmeinungsgespräch im Virchow-Klinikum der Charitè geführt habe,

[Frank Martin, Passacaglia für Orgel solo (1944)]

da konnte er nur bestätigen, daß es genauso sei: “Nach der Infusion wirken die Medikamente eine Woche lang kräftig auf den Organismus ein, dann schwächt es sich ab, so daß nach den vierzehn Tagen die nächste Salve nötig wird.” Das hast Du mich spüren lassen – was von Dir  nicht klug war. Denn es provozierte meinen Willen, Dich wieder ruhigzustellen in mir; so formulierte ich’s ja auch (wozu Du, klar, jetzt schweigst): “Sie muß mal wieder einen auf den Deckel kriegen”, eine idiomatische Wendung, die mir allerdings etwas unangenehm ist. Denn in unserem speziellen Verhältnis von Krebsin und Gemahl scheint sie meinen vorgeblichen Machismo leider zu unterstreichen. Vergiß aber nicht, daß der Angegriffene ich bin. Du könntest Dich auch ruhig verhalten, einfach bleiben, wo Du bist, auf weitres Wachstum und vor allem darauf verzichten, doch noch Kindlein zu streuen, es sei denn, daß wir uns gemeinsam anders entschieden und Du mir auch ein Sorgerecht gäbest. Dann würde ich’s mir mit der weiteren Chemo überlegen und vielleicht auch auf die große Operation verzichten, durch die ich allerdings, so Professor Biebl, recht gut kommen würde, meines guten Allgemeinzustandes wegen; “Ihnen kann man auch getrost eine etwas heftigere Operation zumuten” — was im Klartext, er ließ da wenig offen, die Resektion wahrscheinlich des gesamten Magens bedeutet; also nicht nur Du würdest herausgeschnitten werden und großzügig einige organische Umgebung, sondern es müssen halt auch die Lymphknoten des Magens weg, und zwar aus Sicherheitsgründen. Man könne nicht sehn, ob sie befallen seien, müsse sich von Wahrscheinlichkeiten leiten lassen umso mehr, als ein Magenkrebs, der zurückkomme, in aller Regel nicht mehr heilbar sei. Doch wie genau das Verfahren auszusehen habe, auch ob, wohin er, Matthias Biebl, tendiere, minimal invasiv oder mit radikaler Öffnung des Brustkorbs vorgegangen werden sollte, entscheide sich eh erst am Ende meiner präoperativen Chemotherapie, also nach dem dritten (meine, nicht seine Worte) Nefud-Höllenkreis. Dann erst sei ja zu sehen, wie sehr und ob überhaupt der Tumor geschrumpft sei; allerdings habe es eine Chemo wie die meine gar nicht so sehr auf Dich, Ligeia, abgesehen (weshalb Dein Wüten ein bißchen unnötig war, verzeih die leise, noch immer mitgeschleppte Kritik), sondern vor allem auf möglich sich bildende Metastasen. Die schössen wir schon im Vorfeld mal ab. — Du willst jetzt nicht im Ernst von Kindsmord sprechen, oder? Ich hätte so gerne noch, wie Du gut weißt, Kinder, weitere, gehabt. Aber, Lilli, für das Leben, nicht eine Totgeburtmaschine, wie sie → Giger und einige Zeit lang wohl auch → Fichte vorschwebte, als er ein noch junger Künstler war, von dem aber ich mich spätestens mit dem TRAUMSCHIFF gelöst habe. Womöglich deshalb, weil ich milde wurde, fandest Du den Weg an meine Magenpforte, wo seit der Kindheit mein Unglück immer schon zumindest mitbehandelt wurde. Nun, da ich aus neuen, mildgewordnen Augen sah, “die für die Literatur zu gutmütig” (→  Nabokov) waren, warst Du sehr verärgert. Du hast Milde immer als Schwäche betrachtet und Schwäche stets verachtet. Nein, das war kein Männer”ding”, sondern enorm weiblich: “Ich lasse kein schwaches Spermium an mein Ei” — oh die Biologie, die wir erst leugnen können, seit eine andere Fortpflanzungstechnik am Horizont schon leuchtet, im Wortsinn → τέχνη die überdies, so man Geld hat, höchst verträglich mit der Demokratie ist. Nur vergaßest Du, daß meine Wandlung das Ergebnis bereits einer eigenen Nahtoderfahrung war, einer freilich, die mir zwar poetisch widerfuhr, nicht physiologisch, aber durchaus nicht mit geringeren Folgen und vor allem sich über nahezu vier Jahre erstreckten, sozusagen, Vorfolgen. Die sind, meine Lilli, niemandem ein Vergnügen gewesen, auch mir nicht, schon aber gar nicht für die Löwin und wen immer auch noch meiner Lieben.

Aber so sehr Du mich nun auch gequält, mir jedenfalls deutlich zugesetzt hattest, spürte ich schon vorgestern vormittag dem Tröpfeln aus dem ersten der vier Infusionsbeutel an, wie Du Dich wieder zu beruhigen begannst – na jà: eher wir Dich Stück für Stück sedierten. So daß Du Dich einkapseltest, allerdings abends mit einer Überraschung aufzuwarten kamst, von der ich → dort schon erzählt habe. Inwieweit sie sich als Nebenwirkung ernstnehmen läßt, steht noch auf einem keinem eingehefteten Blatt. Die, kann ich das sagen? Schluckbeschwerden? sind auch nicht schlimmer geworden, haben sich eher abgeschwächt, obwohl mir gestern gesagt worden ist, es könne durchaus der Anfang einer Speiseröhrenschleimhautentzündung sein, gegen die man mit sofort etwas aufschreiben werde. Das Medikament werde von der Apotheke dann zusammen mit der Astronautennahrung direkt an mich geliefert werden, um die ich bei der Gelegenheit gleich gefragt habe. Denn die Freundinnen und Freunde haben mich damit bislang besorgt versorgt, weil ich so abgenommen hatte. Doch wenn’s das auf Rezept gibt … Und dann eben —

dann eben ging es, Lilli los. Schon auf dem Rückrad durch die Sonne begannen die Straßen weich zu werden, und meine Seele dehnte sich ins Licht aus. Gar kein Schmerz mehr, meine Güte! Es geht halt doch a bisserl an die Nerven, wenn man sich selbst beim Gehen zurückhalten muß und ist doch ADHSler-von-Berufung. Solange wir’s aushalten müssen, na, tun wir’s selbstverständlich auch, und zwar ohne Mucken, aber dann, wenn es vorbei ist — welch zweifache Genuß der Befreiung: zum einen vom Schmerz selber, doch das ist nur banal; spannender ist die Verdopplung durch  den Wegfall der inneren Haltung. Da sie nicht mehr nötig ist (oder lächerlich wäre, ohne noch Grund), beginnt das ganze Leben um dich herumzutanzen und reißt dich mit. Deshalb war es, als ich, Lilli, wieder an meinem Schreibtisch saß, ein sehr bewußter Wille zur Verstärkung, daß da bereits – mittags! – wenn auch nur zwei THC-Tropfen gönnte. Und wußte, daß ich Dich liebe.

Ja, Ligeia, Du liest richtig. Muß ich Dich wirklich Landra nennen, wieder? (Finden wir uns | so erneut?) – Noch ein altes Projekt, das ich schmählich liegen ließ. Gerade in dem warst Du bereits extrem zugegen. Und ich muß Dir abermals danken, weil mir so vieles nun klar wird, Du es für mich klar werden läßt. Du bist — laß es mich so sagen — mein Krebs, für keiner und keines anderen Körper noch Seele erschaffen, den Seelenkörper also auch meines utopischen, entgrenzenden Geistes, der uns schon zusammen entweder uns ins Unendliche verströmen (oh → die Romantik) oder ineinandergewrungen (oh, oh → oh Romantik) untergehen sieht — am Ende indes eines durchgelebten erfüllten, na gut: fast erfüllten, doch runden´und nicht aus Not oder Mutlosigkeit abgebrochenen Lebens. Und jetzt, mein Lilliliebst, erweist sich “die Frage” (als ob’s denn eine wäre) als eine ganz andere, die denn tatsächlich einen Lebensabschnitt ein-, nun jà, schon wieder sowas begrifflich Ermattetes: “läutet“, gegen das ich mich in den vergangenen fünf Jahren so vergeblich gestemmt habe und sicherlich, mit allen depressiven F9lgen, weiterstemmen würde, zwängst jetzt nicht Du mich mit durchaus derselben Gewalttätigkeit zum Einhalt wie ich meinerseits Dich mit meiner Durchquerung der Nefud. Schon hieraus ist zu erkennen, wie zugehörig wir einander sind, ausschließlich füreinander gedacht, Du Tumorin, ich Dein Haus, das Du wieder mit Licht, dem poetischen, statt mit organischen Schmerzen auffüllen mögest, wie Du’s bis vorgestern mir angetan und wahrscheinlich in etwas mehr als einer Woche antun erneut wirst, wenn’s auf den dann Dritten Nefudkreis der Hölle zugehen wird.

Die so höllisch aber auch heute nicht ist, am dritten Tag der zweiten Chemophase. Nachts, muß ich Dir erzählen, wachte ich gegen halb drei von dem Kribbeln in den Fingerspritzen auf, einer typischen “Neben”wirkung des Oxaliplatins, das vor allem in Kombination mit den anderen Zytostatika zu Neuropathien führen kann, die, liebste Lilli, so lustig nicht sind. Nur muß ich hier einfach wiederholen, daß dieserhalben ich | Grund zu klagen gar nicht habe; bislang steckt mein Körper den → “extremen Stresstest” extrem gut weg.  Was nicht Wunder nehmen muß, da ich mit Hitze schon immer gut klar kam, ja sie bei mir sogar eine Voraussetzung für besonders effektives Arbeiten ist. Ich muß es also witzig umdrehen, Liebste: Die Nefud tut mir gut. Wie wird es dann erst in Aqaba werden, wenn wir uns nicht nur fühlen, sondern einander gegenüberstehen werden! Und beieinander liegen? Ob Du mich entlöst? (Nicht “erlöst”, nein, wovon denn? Das Jammertal steht voller duftendem Oleander, unter dessen dichten Büschen von natürlichem Becken zu natürlichem Becken der Anapo rauscht; es ist ein Paradies und wird es, unsres, bleiben. Du fernstes, jetzt, Sizilien.)

Du entlöst mich von unmöglicher noch immer, immer Hoffnung., entlöst mich vom nochzeigenMüssen und einem Leid an der Irreversibilität des, Ligeia, Zeitstrahls, dem Du aber selbst entkamst, bei Poe; indes Du nun aus eignem Willen den Hals in seiner, des Strahles, Guillotine Mulde zusammen mit dem meinen legst, als nähmest Du nicht nur eines Sterbenden Hand, der auf dem Lager liegt, um ihn zu halten hier, solang es geht, sondern hättest schon selbst die Flügel Dir anspannen lassen, unter denen Du Euch hinaufschwingen wirst, wenn  nur die Köpfe erst gefallen. Und einst wie mein Vater, → was unvergesslich seine Freundin erzählte, fliegt Ihr als Vögel für immer durchs Fenster hinaus:

„Es entwich ihm, weißt du, ein Vogel – so leicht war er plötzlich, dein Vater. Ich hielt ihn, glaub mir, ich sah ihn.“
Bringen die Spatzen die Seelen wohl auch wieder heim in die Halle? Wo sie den Ruf ihrer nächsten, und besserer, Eltern erwarten? So im Bewußtsein zerstreuen sich alle, die Spatzen, die Seelen? Ging’s, Vater, s
o, daß man Dich schließlich befreite? Nun darfst Du, ein Samen schon wieder, nicht Spreu, ruhig erwarten, durch Guff gestreut, daß Dich auch will, wer Dich ruft?
Das bleibende Thier, S. 134

Um mich, mein Vater, solche Klage | mußt’ ich niemals führen und werd es auch nie müssen. Doch sollt’ ich auf die Krebsin hören — wie es doch immer meine Art war, mit Bedrohendem umzugehen: zu schauen, was ich an ihm mag und es mir einzutun, mich damit auszukleiden und uns zu amalgamieren. Wie es die Kunst seit jeher tut – die schärfste aller Gegnerinnen der Fremdenfeindlichkeit. Du bist mir, Lilli, keine Fremde.

Deiner
(Ob wohl auch ich Dich trösten könnte, einestags? In Dir umarm ich, wen ich liebe.)

[11.07 Uhr
Pettersson, Sechste Sinfonie]

Es hat geklingelt. Der Apothekenbote hat geklingelt, um die Gurgellösung anzuliefern. Drei Sätze Fresubin dabei — was nun noch eine Absurdität ist, die mir zumuten zu können Dich wahrscheinlich unentwegt vor Dich hingrinsen läßt. Da ich nach der Diagnose so abgenommen hatte, nahezu sechs Kilo, die aber eben unbedingt wieder drauf sollten, und mehr, haben mich – ich hab es schon erzählt – die Freunde auf ihre KOsten mit dieser “Astronautennahrung” versorgt. Billig ist das nicht. Aus Frankfurtmain kamen Päckchen von Do, und Ricarda Junge brachte welche mit dem Wagen. “Sie müssen etwas zuzusetzen haben!” hatte ein väterlicher, von sehr Ähnlichem betroffener und unterdessen geheilter Mann mir deutlichst zugerufen. Was ich auch einsah, ja, sofort. Bizarr ist nur, daß ich jetzt nach jahrelangem Sport Fett zusetzen muß, etwas, das ich an mir wie andren hasse, jedenfalls nicht mag. Mir ist es stets auf Muskeldefiniertheit (nicht auf -masse) angekommen und auf Kondition, auf einen, hätt ich gern gehabt, Pantherkörper. Gespannt wie eine Prosa, an du du deinen Pfeil gelegt und spnnst sie immer mehr, um ihn dann abzuschießen. Und aber jetzt — Fett? Ich? Wär’s nicht so verdammt ironisch, ich würd’ mich maßlos ärgern, weiß aber bereits, daß mein Körper es zur und nach der OP restlos alles aufzehren wird. Deshalb also strenge ich —ich! — mich an, Fett auf den Leib zu kriegen das ich zuvor nie haben wollte und möcht’s auch nach wie vor nicht haben. Aber, aber. Muß. Lilligeia, Lillili.

Du meine lilliste von allen.

“Kunst ist nicht relativ.” Statt eines Arbeitsjournales ein paar poetologische Anmerkung zum Krebstagebuch und zur Nefud. Mittwoch, den 3. Juni 2020: Krebstag 36, Chemo II/2.

 

[Arbeitswohnung, 5.34 Uhr
Allan Pettersson, Erstes Streicherkonzert]
[Vorschlafs nach quer liegenden Brustschmerzen 30
Tr Novamin plus 3 THC. Mit knappen Zweistunden-Unterbrechungen bis fünf durchgeschlafen und
– ab-
gesehen von einer sehr leichten Übelkeit, die an

eine kosmisch-persönliche Hintergrundstrahlung er-
innert – beschwerdefrei aufgestanden. In die Morgens-arbeitsklamotten, Latte macchiato, Schreibtisch.]

Erster Tag nach den → Chemo-II-Infusionen. Schon auf während der letzten zwanzig Minuten des knapp einstündigen Spaziergangs in die Praxis hat Li mich zu quälen begonnen, ein stegender, nach links und recht querer Schmerz, der nicht nur das Herz sich melden läßt (das aber de facto gar nicht betroffen ist), sondern auch das Gefühl vernittelt, daß man bald schon nicht mehr atmen könne. Es ist dies Einbildung, der Körper interpretiert lediglich sein ungewohnt schnelles Erschöpftsein — von einem Spaziergang, ich bitt’ Sie! kaum vier Kilometer sind es hin … Oh werde Liligeia deshalb schreiben, wollte es eigentlich eben schon tun, doch wäre der Brief nicht rechtzeitig fertig, um vor meinem heutigen Aufbruch, in zweieinhalb Stunden nämlich, bereits gelesen werden zu können. Auch Sie bekämen ihn frühestens am Nachmittag zu lesen, muß und will aber in dieser metaphorisch wüsten Zeit für eine kontinuierliche Leserinnenschaft sorgen, weil nur gelegentlich hier StöberndInnen die Anschlüsse entgehen müßten, die zum Verständnis, vor allem aber dem viel wichtigeren mitfließenden Fühlen notwendig sind. Es geht um eine poetische Komplexität, die sich mit der Komplexheit der Welt so auszubalancieren versteht, daß diese beiden Kinder auch Freude an der Wippe haben. — Wie dem nun sei, auf jeden Fall muß ich um Viertel vor neun aufs Rad, um ins Virchowklinikum der Charité zu radeln und mir dort auf Faisals, ich meines Onkologen Jostings, Rat hin Matthias Biebles Zweitmeinung einzuholen, wobei es mir eigentlich nur darum zu tun ist, mich für eine bestimmte Operationspraxis zu entscheiden, nachdem ich je Vor- und Nachteile abgewägt habe. Allerdings ist mir klar, daß darüber imgrunde erst gesprochen werden kann, wenn die letzte CT vorliegt, wie also wissen, ob Li sich operationswillig gezeigt hat … na gut, “willig” ist ein sicher nicht angemessenes Wort; imgrunde nötige ich sie. Jedenfalls werde ich ab Viertel vor neun erstmal weg sein; nach Professor Biebl muß ich auch noch zu Josting, um die Pumpe abzugeben, die ich seit gestern wieder am Körper trage, damit zur Tränkung Lillifees das Mittel nach und nach in ihn geträufelt werden kann.

Poetologisch also diese Anmerkung:
Was mich ein wenig schmerzt, ist, daß ich mit einem Prinzip brechen muß, das, abgesehen vom sehr bewußten und als Abwesenheit konstruierten “Fall Buenos Aires”, meine Arbeit grundlegend mitbestimmt hat: nämlich, egal, wie phantastisch des fertige Gebilde anmuten möge oder auch sei, nur von Orten zu erzählen, die ich tatsächlich gesegen, erlebt, in denen ich getrunken, gegessen, geliebt, mich vielleicht geprügelt habe, gleichviel. Ich muß mich mit ihm real ausgetauscht haben. Bevor wir etwas schreiben, sollten wir mit einer Hand die Erde berühren, am besten mit ihrer ganzen Fläche.
Dies werd ich nun nicht tun könnne, dort — in Aqaba, auf das doch alles hinauszulaufen scheint. In Aqaba wird die große Krebs-Operation stattfinden; gleichgültig, ob das Klinikum Sana oder Charité heißen wird oder gar MHH; auf metaphorischer Ebene wird es in Aqaba die Große Vereinigung geben, auch wenn es eine chirurgische Trennung sein wird; das gestern → dort eingeschleuste Venusbergmotiv macht es nur allzu deutlich. Vergessen Sie, Freundin, nie daß das erotische → Verschmelzungsmotiv ein Übergangsbereich vom Leben in den Tod ist, (“romantisches”) Todesmotiv eben auch.

Normalerweise jedenfalls suchte ich mir jetzt sofort einen Flug heraus, buchte ihn und recherchierter in der Stadt dreivier Tage lang nach den möglichen Spielorten udn dem, der es dann wirklich wird. Erst dann kann ich micht auf meine poetische Wahrheit verlassen. Nur, jetzt ist mir genau dies nicht möglich, zum einen der ja doch weiterhin laufenden Reieeinschränkungen coronahalber, zum anderen weil ich es nicht riskieren mag, irgendwelcher nicht vorhersehbaren Verzögerungen wegen die Chemotherapie unterbrechen zu müssen. Auch wäre schon zu wenig Zeit für eine Planung unter schlichten Alltagsbedinungen. Denn die OP soll ja nun schon im Juli stattfinden.
Gut, falls aus diesem Tagebuch ein tatsächliches, also materielles Buch entstehen sollte (Anfragen erreichten mich schon), was ich allerdings vom Ergebnis der Therapie abhängig machen will, werde ich die Reise nachholen könndieen, um daraufhin den Text insgesamt zu modifizieren, schon weil sich auch im Fall der FENSTER VON SAINTE CHAPELLE gezeigt hat, daß ein ästhetisch angemessener Übergang von Netz- zu Buchliteratur solcher Eingriffe dringend bedarf. Es ist nicht egal, in welchem Medium was und wie erscheint.

Weiters.
Metaphorik und “Realität” müssen im Krebstagebuch gleichwertig nebeneinander herlaufen, also die Fiktion der Metapher und die Fiktion der Realität; sie können und sollen austauschbar werden (nicht zu verwechseln mit der Realität-“selber” und der der Fiktion, die Geschichte, in die jene überführt wird – wobei diese, die Geschichte, so wenig voraussetzungslos ist wie der Krebs; beide haben lang zurückreichende Ursachsverläufe. Deshalb erzählte ich einen Film nach und erfinde keinen neuen). – In jedem Fall müssen die Ebenen der Erzählung nebeneinander gleichberechtigt dastehen, die Chemo als Wüstendurchquerung, die Briefe an die Krebsin und ihre Nachtbillets an mich, die bisweiligen nicht-verwandelnden – herkömmlichen, quasi – Arbeitsjournale. Jedes dieser Elemente soll von selber Wahrhaftskraft, “Wahrhaftigkeit”, sein (also die Illusion eines inneren tatsächlichen Geschehens auslösen, etwa, als sähen wir uns einen Spielfilm an); darüber hinaus sollen und müssen sie möglichst organisch ineinander übergehen können, ohne harte Schnitte: kein Cutup, sondern Modulation (Musik also, wie bei mir quasi immer; bildl.: Collagetechnik der unsichtbaren Klebung). Und indem ich die Chemotherapie – wie die, nun jà, Erkrankung (ich habe meine Zweifel; es könnte der Anfang einer Art Gesundung sein, die mir noch bis vor kurzem spinnefremd gewesen) – als ein Abenteuer begreife, muß ich eben auch begriffen haben, was ein Abenteuer ist: nämlich vor Hunger auf das Leben (eine Freundin schrieb mir zurecht von ihrer “Gier”) bewußt ein Risiko einzugehen, das den eigenen Tod mit einschließt. Genau das ist meine Ausgangssituation seit der Diagnose. Von ihr aus ein Abenteuer zu gestalten, das mit, nicht gegen den Tumor agiert, es zumindest unternimmt, weist mit Würde von sich, daß man ein Opfer sei. Wir sind es, Opfer, nicht; es sei denn, daß wir’s wollen. Was es leider, häufig, gibt.

Doch dazu, zum “Opfer”, schreibe ich Liligeia getrennt. Jetzt muß erst einmal wieder aufgesessen werden. Vor uns liegt der zweite Höllenkreis der Nefud, von dem zumindest soviel bekannt ist, daß er sehr viel heißer noch als der erste sei und Wasser noch viel seltener. Bis zum Abend müssen wir es auf den Paß der جبال الدم, “chiwal’odammi“, geschafft haben: Wir würden “des Blutgebirges” sagen, ein Name, bei dem einem schon ein bißchen mau zumute werden dann. Davon indessen später erst mehr.

Ach so, seit der Chemo gestern ein seltsames Kratzen im Hals, wann immer ich seither was trinke. Nur dann – nicht beim Essen, also Schlucken. Als rieben sich mit hoher Geschwindigkeit aufgebrochene, so sehr kleine Körner, daß ihre Minischeite nur um so spitzer sind, an miner inneren Speiseröhre. Seltsam. Wäre eine “Nebenwirkung”, von der ich noch nirgens gelesen habe. Nachher abklären. Jetzt aber erst einmal dieses durchkorrigieren, dann einstellen, mich umziehen und ab aufs Rad: nämlich zugleich mit den Gefährten in der Nefud. Simultanität ist ein poetisches Grundgesetz; deshalb hat ihre, der Dichtung, Wahrheit immer etwas Zeitloses an sich. Kunst ist nicht relativ.

ANH

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