Magenkrebs (Kardiakarzinom). Das nunmehr Coronavölligegal- und erneut, um so dringender, Arbeitsjournal des Donnerstags, den 29. April 2020. Zu Schostakovitschs Cello und Klavier.

 

… und das erste, was ich gestern tat, nachdem ich aus all den Gesprächen
heraus war, war — endlich wieder ein Brot zu backen, also den Teig anzusetzen,
mit eigenem lievito madre. Die erste Ruhephase des Teiglings endete heute
morgen um sechs. Dann noch zweidreimal falten und weitere drei Stunden Treibzeit.
Den Backofen vorheizen, den hellen Laib hinein — und voilà:

 

Jetzt muß er nur noch etwas bräunen.

 

 

 

[Arbeitswohnung, 6.18 Uhr]
Schostakovitsch, Sonate für Cello und Klavier d-moll, op. 40 (→ Schwestern Hack)]

Nein, Geliebte, ich bin völlig ruhig, sehr klar. Auch jetzt noch, am Morgen darauf. Nach dieser Diagnose, meine ich. Denn, wie ich gestern einer Freundin sagte — ich telefonierte nachher, whatsappte, facetimte quasi unentwegt; mit meinem Sohn und लक्ष्मी sprach ich persönlich hier bei mir; nachdem ich kurz nach Mittag schon zu dieser hinübergeradelt, kamen sie und er abends gegen 22 Uhr zu mir und blieben bis fast eins  … also wie ich der Freundin sagte: “Meine Depressionen? Die kann ich mir nun nicht mehr leisten.”
Es ist bizarr. Sei dem Befund bin ich als ich zurück. Was ist zu planen, wie ist zu strukturieren, was muß ins Auge genommen werden? Das beschäftigt mich. Und der erste Gedanke, der mir, der Gastroenterologin gegenübersitzend, kam, als sie den Befund – genauso nüchtern, unverbrämt, ich möchte sagen: ohne auf meiner Glatze Locken zu drehen –, war: Dann bekomme ich auf jeden Fall die Béarts noch fertig.

Doch der Reihe nach.
Gestern früh → also erst die Magen-, dann die nach sechs Jahren für mich zweite Darmspiegelung, für die mich die Ärztin ein bißchen übers Ohr hieb. Denn wieder hatte ich mich auf eine Anästhesie nicht einlassen wollen, weshalb sie einen Kompromiß vorschlug: hinwegs betäubt, rückwegs klar. “Dann können Sie den ganzen Weg der Sonde durch den Darm noch am Bildschirm sehen.” Fand ich okay, → meine erste Koloskopie war ja in der Tat, ich schreib mal euphemistisch, “anstrengend” gewesen, allerdings auch – wegen der geradezu surreal-utopischen Bildwelt, in die ich hineinsehen durfte – rauschhaft; wenn Sie mögen, lesen Sie die Erzählung nach (ich habe sie dazu noch einmal verlinkt). Und das genau, die quasi psychedelische Form- und Farbwelt, hatte ich in Speiseröhre und Magen wiederholen wollen. Das Organische war mir immer ein Wunder, und ist’s mir noch jetzt, da es sich, sozusagen wider sich kehrt, wider also gegen mich.
Die Wiederholung gelang nicht, ich war ausgeknockt. Noch guckte ich, wie immer voller Neugier zu, wie mir der Bioport gelegt wurde. Dann tröpfelte schon das Narkosemittel in mich rein. Das nächste, was ich hörte, war ein fernes, tja, “Plaudern” der beiden behandelnden Damen. Na, kann so schlimm ja nicht sein, dachte ich und fragte, als ich erwachte: “Und wann die Magenspiegelung?”
“Wieso, die ist schon vorbei.”
Grrr. Und daran, auf den Bildschirm zu schauen, hatte ich, als und während ich erwachte, komplett vergessen, mich statt dessen über das Geplauder der Damen im Wortsinn amüsiert.
“Wann werden Sie abgeholt?”
“Abgeholt? Nebbich! Ich kann alleine gehen. Außerdem steht mein Fahrrad vor der Tür.”
“Das geht nicht, aus juristischen Gründen. Dann müssen Sie ein Taxi nehmen.”
Was mir vor allem zu teuer gewesen wäre, aber auch objektiv so lächerlich war, daß es an Peinlichkeit grenzte. Ich meine, einen halben Kilometer, nicht mehr … Aber, dachte ich, red du nur. Und erstmal sollte ich sowieso nach nebenan auf die Liege, um die Narkose auszuschlafen.
Nur daß ich sie schon gar nicht mehr merkte. Fünf Minuten hielt ich hinter dem vorgezogenen Vorhang die Liegerei aus, dann schaute ich nach meiner Ledertasche, in der die ADA steckte — und begann zu lesen. Wo war mein Stift? Ah, da.
Doch ich kann im Liegen nicht lesen, konnte es, seit ich ein Mann bin, nie. Ich muß sitzen, am besten an einem Tisch und auf einem harten Stuhl. Also ließ ich die Beine lesend baumeln.
“Wie? Sie sind schon wach? Gibt’s doch gar nicht!”
“Gibt’s, is’ immer so bei mir.”
“Na dann gehn Sie besser ins Wartezimmer, wo Sie auch mehr Licht haben. Ich brauche noch eine halbe Stunde, dann besprechen wir alles.”
Noch ahnte ich nichts.
Eine ungefähr sechzigjährige, wirklich Dame betrat das Wartezimmer, eine schöne Frau von großem Chic, vielleicht ein wenig streng um die Lippen. Sie setzte sich. Und nach einem Blick auf ihre Füße konnte ich nicht anders, als leis gesprochen auszurufen: “Was sind das für schöne Schuhe, die Sie da tragen!”
Wahrscheinlich war schon das wieder genderincorrect, denn sie reagierte nicht einmal. Nur ihre Lippen zuckten an den Enden noch ein Stück weiter hinunter – als wär mein Kompliment eine Beleidigung gewesen, die frau am besten ignoriert.
Gleichwohl, ich sah sie nach wie vor an, zog mein Notizbuch hervor und schrieb die Frau mir ab. Beschrieb den Silberschmuck und die deutlich echten, in ihm eingefaßten Steine, die Haute Couture der schmalgeschnittenen, nur bis zur Hüfte reichenden Jeansjacke und dann den auffällig schmalen Schnitt der Lippen. Und ihre, obwohl sie niemals zurücksah, hellen, schmerzerfüllten, spürte ich, Augen. Als ich schon aufgerufen wurde

“Was meinen Sie”, fragte ich, “bösartig oder nicht?”
“Bösartig. Brauchen Sie erst mal Zeit, um es zu verarbeiten?”
“Was soll ich verarbeiten? Was ist, ist.” Ich war von Anfang der Eröffnung an komplett ruhig. Nicht die Spur von Panik. Die Béarts, war das erste was ich dachte, bekomme ich auf jeden Fall noch fertig. Diese Sicherheit machte mich enorm gefaßt. Später kam da noch anderes hinzu. – “Wie gehen wir vor?”
“Als erstes müssen Sie in die Klinik zur genauen Bestimmung der Tumors.”
“Und um herauszufinden, ob er bereits gestreut hat.”
“Ja.”
“Welche Klinik empfehlen Sie?”
“Sie haben zwei Möglichkeiten, entweder die Charité oder das Sana-Klinikum in Lichtenberg. Bei jener gibt’s das Problem, daß nie jemand ans Telefon geht, wenn man einen schnellen Termin ausmachen will. Zu Sana hingegen habe ich persönlichen Kontakt, weil ich dort lange Oberärztin war. Ich kann diese Kollegen nur empfehlen.”
“Dann rufen Sie an.”
Sie hatte den Hörer bereits in der Hand, sprach mit dem ihr vertrauten Kollegen. “Montag früh?” Blick zu mir. “Gut.”
“Wie lange werde ich bleiben müssen?”
“Zwei Nächte. Der Tumor wird rundum untersucht, CT, nochmals Spiegelung, allerdings mit Ultraschall kombiniert. Markerbestimmung undsoweiter. Am Mittwoch können Sie bereits wieder hinaus. Da findet dann die Therapiekonferenz statt.”
Auf der, wie ich nachher im Netz las (ich las da viel, viel, viel), die möglicherweise beteiligten Spezialisten die bestmögliche Behandlung bestimmen und danach vorschlagen.

Ich war entlassen. Nach meiner Begleitung fragte niemand mehr, und keiner wollte mich noch in ein Taxi setzen. Ich war quietsch-wach, nahm nach Hause das Rad und las erst einmal den Arztbrief, den ich für die Klinik mitbekommen hatte. Auf dem Überweisungsschein stand, also steht, “Karzinom-Magen, G.” Der Arztbrief spezifiziert es:

In Inversion Kardia morphologisch mit einer großen circumferentiellen Läsion wie Kardiakarzinom.

Das Fiese an dem Ding war (ist), daß, wenn es gestreut hat, die Bauchspeicheldrüse betroffen ist, was, ich weiß es nur zu gut (zu schlecht), bedeutet, mein Leben währt noch ein halbes Jahr. Und wieder dachte ich: Da bekommst du die Béarts auf jeden Fall fertig. Alles andre allerdings … Nun gut, wir wissen es noch nicht.
Nunmehr Statistiken gelesen. Nicht schön:

Aufgrund der zumeist sehr späten Diagnosestellung ist die Prognose schlecht und die 5-Jahresüberlebenschance liegt nur bei < 20% der Fälle.

Fünf Jahre immerhin bedeuteten, auch die Triestbriefe bekomme ich fertig. Den Friedrich allerdings … Es sei denn, formulierte ich später in Facetime, ich schiebe alles beiseite, was ich mir an Recherchen vorgenommen hatte, und schreibe “einfach” runter, allein auf der Grundlage der ANDERSWELT-Poetik, die ich ja nun eh beiziehen wollte. “Fünf Jahre, in Ordnung”, dachte ich. “Das sind noch zweieinhalb Bücher.” Hatte ich nicht, ahnend, das ganze letzte Jahr poetisch vor allem damit zugebracht, meinen literarischen Nachlaß zu sichern und es sogar hin und wieder in DER DSCHUNGEL genauso ausgedrückt? Denken Sie, Freundin, daran, daß ich sogar dazu überging, die alten DSCHUNGELBLÄTTER hier zu integrieren, aber auch nach und nach sämtliche Texte aus meinem ersten, dem Weblog bei Freecity. Auch das, auf jeden Fall, will ich noch beenden. Sie glauben nicht, wie meine Sicherheit sich da noch einmal festigte. Nicht die Spur mehr von Niedergeschlagenheit, dieser mutlosen Hilflosigkeit, von ich noch neulich geschrieben habe und die mich dazu trieb, mich ganz von mir aus, unabhängig von Corona, zu isolieren. Sondern Klarheit, ein Ziel vor Augen, den Gegner vor mir sehe, anstatt daß er sich ständig im Nebel aus Gesagtwerden, Ignorieren, schweigendem (“klandestinem”) Mobbing verbirgt. Mit dem ich derart viel Erfahrung habe. — So bizarr es klingt, diese Diagnose ist für mich wie eine Erlösung, auch – oder eben, weil – ich die sehr möglichen Konsequenzen deutlich vor Augen habe. Ansehen können, was dich bedroht. Es benennen können. Und meinem Instinkt erneut vertrauen. Denn hatte ich’s nicht schon gewußt?
In der Tat. (Seltsames Idiom, das einen Zustand als aktiv sieht). “Es ist auffällig”, sagte die Gastroenterologin, “wie absolut genau Sie mit dem Finger auf die Stelle gezeigt haben, auch wie exakt Sie, was da passiert, beschrieben haben.” Ich hatte ihr beim Vorgespräch mein Gefühl geschildert, daß sich genau der Ausgang der Speiseröhre in den Magen verengt anfühle, weil nun fast immer, schluckte ich, die Nahrung da hängenblieb, und wenn ich zum “Rutschen” nachspüle, ist es, als stünde die Wassersäule noch zwei Sekunden lang drauf, bevor sie den Bissen dann doch noch, mit einem quasi Plumps, unter sich in das Verdauungsbecken fallen läßt. Tatsächlich ist es so, daß sich der Tumor wie eine Wulst um die Kardia gelegt hat und sie langsam zudrückt.
Daß es mich dort erwischt, ist außerdem kein Wunder. Mein Magen war seit Kindheit meine “Sollbruchstelle”. Wann immer ich mich in einer als ausweglos empfundenen Situation befand, weil sich objektiv gegen sie nichts ausrichten ließ, ich also hinnehmen, mich “abfinden” mußte, reagierte ich mit meist einen Tag lang anhaltenden schweren Krämpfen. Im Schnitt einmal pro Jahr, selten öfter. Gewissermaßen kämpfte ich auf diese Weise immer weiter, nun allerdings nach innen. Da nun aber rein lebensgeschichtlich mein Zeithorizont zu nahgerückt ist, um noch, was immer meine Kraft gewesen, gegen Ignoranz und Mobbing Hoffnung und Trotz  zu stemmen, wird dieser Innenkampf genauso eng: deutlichstes rien ne va plus. Dazu, es ist mir völlig bewußt, die Raucherei — Nikotin abuses, da gibt es keine Diskussion. Aber ich bedauere ihn nicht, auch jetzt noch nicht. Denn er hat mir für meine Arbeit gedient; andere Autorinnen und Autoren brauchten Alkohol, sehr viel Alkohol, wieder andere Drogen. Wer unter Tage arbeitet, bekommt die Lungenkrankheit stets präsentiert. Doch anders als die meisten Kumpels habe ich mir meine Arbeit frei gewählt und wußte, was sie bedeuten könnte. An Hölderin zu denken und an Kleist, auch Kafka, viele andre.
Zum anderen bin ich genetisch vorbelastet. Meine Mutter starb an Krebs, mein Vater, schon mit 62, starb an Krebs, mein Großvater, mit knapp siebzig, starb an Krebs, meine Großmutter starb an Krebs. Mein Leben im dauernden Widerstand, fast durchgehende, vor allem dann seit MEERE, Erfolglosigkeit – womit ich nicht eine poetische, sondern fehlende Anerkennung meine und vor allem versagten Respekt. Poetisch ist mein Leben von Erfolg gesegnet. Auch deshalb bin ich jetzt so ruhig und seit gestern mir, also dem Rang meiner Dichtung, völlig gewiß. Es kann und muß nun darum gehen, sie zu sichern, ihr, nicht mein Überleben zu sichern. Nur mein Sohn noch kommt an Bedeutung dem gleich.
Deshalb ist dringend mit meinen Verlagen zu reden. Sie müssen, wenn es gelingen soll, zusammenarbeiten. Mit Arco sprach ich gestern schon.
Aber erst einmal rief ich nacheinander die Frauen an, die ich liebe. Und als ich Phyllis Kiehl erzählte, ich sei unsicher, oh ich in DER DSCHUNGEL über den Krebs schreiben solle – eine Frage, die sich mir auch wegen Herrndorfs ARBEIT UND STRUKTUR stellte — allzu groß ist die Gefahr, daß mir nun auch noch Nachahmung vorgehalten wird —, antwortete sie, wenngleich einigermaßen erschüttert (alle, mit denen ich sprach, waren so erschüttert; ich hatte den Eindruck, der einzige ohne Not sei ich selbst): “Das mußt du sogar. Du darfst die Ästhetik Der Dschungel jetzt nicht zerstören.”
Also, meine Liebste, werd ich hier den Verlauf der Krankheit miterzählen — “mit”, weil es zugleich dabei bleiben wird, daß ich wie stets über Poetologie schreiben werde, mit der Krankheit vermischt, wechselseitig ineinandergebettet; und alles andre bleibt ebenfalls beim “alten”, seien es die Auseinandersetzung mit nicht von mir selbst stammenden Werken wie derzeit die Nabokovlesen-Serie, seien es die Überlegungen und Kritiken über Musik, seien es die eingestellten Entwürfe meiner eigenen, primären literarischen Arbeit. Doch der Krebs, bis zu welchem Ende auch immer, wird fortan stetig dabei sein. Eine wahre Dschungel halt; wäre ich Herrndorf, würde ich sie allerdings in MÖGLICHKEITEN UND VERMISCHUNG umbenennen. Ein feiner Buchtitel übrigens:

Möglichkeiten und Vermischung
Die Dschungel. Anderswelt
2003 –20??

(Wär aber ein dickes Buch.)

Gut, meine Lektorin anrufen, die nach meinem Ableben meine literarische Nachlaßverwaltung mit sämtlichen Befugnissen übernimmt, also die Ansprechpartnerin sowohl für meinen Sohn, der mein Erbe sein wird, als auch für die Verlage sein wird. Dann schon mal eine Liste sämtlicher Paßwörter anlegen, damit sie Zugriff auf DIE DSCHUNGEL hat, und die Struktur auf meinem Computer übersichtlich genug gestalten, damit sich andere drin zurechtfinden. Aber noch keinen Zeitplan erstellen; das ist erst sinnvoll, wenn ich nächste Woche den tatsächlichen Umfang und die genaue Art des Krebses spezifiziert weiß. Wenn er bereits gestreut hat, muß anderes und anders geplant werden, als wenn ich noch die fünf, vielleicht sogar zehn Jahre (also fünf Bücher) vor mir habe.

Das also meine Situation. Wobei eines sicher ist. Nämlich werde ich mich nicht auf eine Chemotherapie einlassen; ich habe im nahen Umkreis zu oft erlebt, worauf sie hinausläuft. Es wäre kein lebenswertes, weil eben unstolzes Leben. Ich möchte gehen so, daß meine Lieben eine deutlich konturierte Erinnerung haben — um es “incorrect” zu sagen: als ein Mann. Im Zweifelsfall werde ich, wie Herrndorf tat, den Freitod wählen:

So, Sohn, vernarrt bin ich ins Leben; ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, Neunte Elegie

Allerdings habe ich dafür einen anderen, ich sage einmal, Traum, den ich aber hier aus verschiedenen Gründen jedenfalls noch nicht erzählen will. Im übrigen gibt es auch immer noch die wenn auch sehr unwahrscheinliche Möglichkeit, daß ich einigermaßen heil aus der Geschichte herauskomme. “Leg nachher, wenn du schlafen gehst und liegst”, sagte लक्ष्मी gestern nacht zum Abschied, “einen Finger auf die Stelle und sprich in dich “heile” hinein. Werde dir dieses “heile”s gewiß.”

Ihr, um 8.35 Uhr,
ANH,
der heute vormittag einiges zu erledigen hat. Es ist ein paar Empfehlungen zu folgen, über die ich auch mit meiner Hausärztin sprechen muß.

[Schostakovitsch, Sonate für Viola und Klavier op. 147,
aufs Cello transponiert: Schwestern Hack.]

 

Die CD wurde mir gestern zur Besprechung geschickt; sie ist noch nicht auf dem Markt, wird erst ab 5. Juni zu erhalten sein
In op. 147 singt berückt Freund Hein.

*

Ecco!:

 

Unangesichts des erwartbaren Todes. Nabokov lesen, 34: “Erinnerung, sprich”, 0.2.

 

 

 

So hebt er an:

Die Wiege schaukelt über einem Abgrund, und der platte Menschenverstand sagt uns, daß unser Leben nur ein kurzer Lichtspalt zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels ist. Obschon die beiden eineiige Zwillinge sind, betrachtet man in der Regel den Abgrund vor der Geburt mit größerer Gelassenheit als jenen anderen, dem man (mit etwa viereinhalbtausend Herzschlägen in der Stunde) entgegeneilt. Ich weiß jedoch von einem Chronophobiker, den so etwas wie Panik ergriff, als er zum ersten Mal einige Amateurfilme sah, die ein paar Wochen vor seiner Geburt aufgenommen worden waren. Er erblickte eine praktisch unveränderte Welt – dasselbe Haus, dieselben Leute –, und dann wurde ihm klar, daß es ihn dort nicht gab und daß niemand sein Fehlen betrauerte. Er sah seine Mutter aus einem Fenster im ersten Stock winken, und diese unvertraute Geste verstörte ihn, als wäre sie irgendein geheimnisvolles Lebewohl. Aber was ihm besonderen Schrecken einjagte, war der Anblick eines nagelneuen Kinderwagens, der dort vor der Tür selbstgefällig und anmaßend stand wie ein Sarg; auch er war leer, als hätte sich im umgekehrten Lauf der Dinge sogar sein Skelett aufgelöst.
Jungen Menschen sind derlei Phantasien nicht fremd. Oder anders ausgedrückt: die ersten und die letzten Dinge haben oft etwas Pubertäres an sich — es sei denn, eine ehrwürdige und strenge Religion ordnete sie. Die Natur erwartet vom erwachsenen Menschen, daß er die schwarze Leere vor sich und hinter sich genauso ungerührt hinnimmt wie die außerordentlichen Visionen dazwischen. Die Vorstellungskraft, die höchste Wonne des Unsterblichen und des Unreifen, soll ihre Grenzen haben. Um das Leben zu genießen, dürfen wir es nicht zu sehr genießen.
Erinnerung, sprich, S. 9/10
(Dtsch. v. Dieter E. Zimmer)

Vergleichen Sie, Geliebte, dies mit dem berühmten Anfang der “Höllenfahrt”, dem Vorspiel des ersten Joseph-und-seine-Brüder–Bandes Thomas Manns, der zu ungefähr gleicher Zeit geschrieben wurde, bzw. erschien, in der Nabokov bereits einige Kapitel seines viel später so genannten Wiedersehens mit einer Autobiographie veröffentlicht hatte, hier und dort in verschiedenen Zeitschriften, als aber schon die Kapitelfolge entworfen war, nach der ERINNERUNG, SPRICH sich dann richtet, nämlich bereits 1936.
Doch also Thomas Mann:

Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?

Wie vergleichsweise kitschig klingt dies gegenüber Nabokovs Konkretion! — Doch hören Sie weiter:

Dies nämlich dann sogar und vielleicht eben darum, wenn nur und allein das Menschenwesen es ist, dessen Vergangenheit in Rede und Antwort steht: dies Rätselwesen, das unser eigenes natürlich-lusthaftes  und übernatürlich-elendes Dasein in sich schließt und dessen Geheimnis sehr begreiflicherweise das A und das O all unseres Redens und Fragens bildet, allen Reden Bedrängtheit und Feuer, allem Fragen seine Inständigkeit verleiht.
Thomas Mann, Die Geschichten Jaakobs, zit. n. d. Erstausgabe Bermann-Fischers,Stockholm 1948. S. 9

Ist das im Vergleich mit Nabokovs Schwärze der Vergangenheit eines Nochnichtgelebthabens nicht sogar geschwätzig, der eines baldigen Nichtmehrlebens? Welch einen Schatten Manns Formulierung in Nabokovs helles Dazwischen wirft! — als wäre dieses genauso schwarz. — Genau da setzt Nabokovs nichtsentimentaler Widerspruch ein, ein enormes Veto des Lebens:

Ich lehne mich auf gegen diesen Zustand. Ich verspüre den Wunsch,

eben nicht eine vor-individuelle Geschichte als eine Genese der, sagen wir, Kulturart zu schreiben, um sich selbst in einer höchst vermeintlichen Sicherheit des gemeinsamen Herkunftswissens zu wiegen, sondern

meine Auflehnung nach außen zu tragen und die Natur zu bestreiken. Ein um das andere Mal habe ich in Gedanken enorme Anstrengungen unternommen, um auch nur den allerschwachsten persönlichen Lichtschimmer in der unpersönlichen Dunkelheit auf beiden Seiten meines Lebens wahrzunehmen. Daß an dieser Dunkelheit nur die Mauern der Zeit schuld sind, die mich und meine zerschundenen Fäuste von der freien Welt der Zeitlosigkeit trennen, das ist eine Überzeugung, die ich freudig mit den buntesten Wilden teile. Im Geist bin ich in entlegene Gegenden zurückgereist – und der Geist ermattete dabei hoffnungslos –, auf der Suche nach irgendeinem geheimen Ausgang, nur um zu entdecken, daß das Gefängnis der Zeit eine Kugel und ohne Ausweg ist.
Erinnerung, sprich, S. 20

Thomas Mann hingegen bemüht sich um Einverständnis,

so daß die Erinnerung, wenn auch wohl belehrt darüber, daß die Brunnenteufe damit keineswegs ernstlich als ausgepeilt gelten darf, sich bei solchem Ur denn auch national beruhigen und zum persönlich-geschichtlichen Stillstand kommen mag.
Thomas Mann, Die Geschichten Jaakobs, ebda., S. 10

Wo bei Nabokov Schwärze, unendliches Nichts, gegen das er die alleine persönliche Erinnerung an die “außerordentlichen Visionen dazwischen” setzt, spricht Mann nicht nur vom komplett abstrakten, überdies administrativen  “Nationalen”, sondern beginnt auch noch, das einzig mit übertragenen Geschichten gefüllte Nichts uns nahezu familiär zu machen:

Von dort nämlich [von Uru, dem “Ur der Chaldäer”, ANH] war vor längeren Zeiten (…) ein sinnender und innerlich beunruhigter Mann nebst seinem Weibe (…) und anderen Zugehörigen ausgezogen, um es dem Monde, der Gottheit von Ur, gleichzutun und zu wandern (…)
Thomas Mann,
Die Geschichten Jaakobs, ebda., S. 11

Achten Sie, Freundin, auf die Funktion seines vertraulichen “nämlich”s, das rhetorisch eine Nähe des Schongewußten herstellt, das gewußt aber in Wahrheit nicht ist, sondern so nur vorgestellt wird. Kein Auge, das noch lebte, hat das Erzählte je gesehen, indessen sich Nabokov auf seine früheste, nämlich konkrete Erinnerung bezieht:

Wenn ich meine Kindheit erkunde (was nahezu der Erkundung der eigenen Ewigkeit gleichkommt), sehe ich das Erwachen des Bewußtseins als eine Reihe vereinzelter Helligkeiten, deren Abstände sich nach und nach verringern, bis lichte Wahrnehmungsblöcke entstehen, die dem Gedächtnis schlüpfrigen Halt bieten. Zählen und Sprechen hatte ich sehr früh und mehr oder weniger gleichzeitig gelernt, doch das innere Wissen, daß ich ich war und meine Eltern meine Eltern [waren], hat sich anscheinend erst später eingestellt und hing unmittelbar damit zusammen, daß ich ihr Alter im Verhältnis zu meinem begriff. Nach dem hellen Sonnenlicht und den ovalen Sonnenflecken unter den sich überlagernden Mustern grünen Laubes zu urteilen, die mein Gedächtnis überfluten, wenn ich diese Offenbarung denke, war es vielleicht am Geburtstag meiner Mutter im Spätsommer auf dem Land, und ich hatte Fragen gestellt und die Antworten abgewogen. All das ist genau, wie es dem biogenetischen Grundgesetz zufolge sein soll; der Anfang reflektierenden Bewußtseins im Gehirn unseres entferntesten Verwandten ist ganz gewiß mit dem Erwachen des Zeitsinns zusammengefallen.
Erinnerung, sprich, S. 22/23

Hiergegen ist schon — ich begreife dies aber jetzt erst — Manns Bild des Brunnens falsch, bzw. unangemessen gefühlig, als wäre hinter uns die Zeit ein Schlauch oder Schacht hinab, der von mehr oder minder festen Wänden gehalten, und seien es die von Organen, anstelle daß sie, wie Nabokov sieht, die schwarze, allumgebende Unendlichkeit und das, was in dem Schlauch oder Schacht, die Helligkeit unseres Lebens ist: unsererjeweiligen – Leben.

Dieses im Wortsinn klarzustellen, es besonders zu erleuchten, schien mir soeben nötig zu sein, da mich → das gestern gelesene Bild dieses – meines eigenen Lebens – kurzen Lichtspalts zwischen zwei Ewigkeiten des Dunkels nicht und nicht mehr verläßt — ganz sicher nicht nur, weil angesichts meines unterdessen erreichten Alters der eigene Zeithorizont (Andreas Steffens) zunehmend schmal wird, sondern weil die im Wortsinn gegenwärtige Pandemie ein sehr viel schnelleres Übertreten, als vorher anzunehmen war, aus meines Lebens  “außerordentlichen Visionen” des Lichts in des Nichtses unbegreifbare Schwärze im zweitenmal Wortsinn wahrscheinlich macht.  

Sehr, sehr unheimlich ist mir dies.

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Nabokov lesen 33 <<<<

“die erste Ferngesellschaft der Menschheitsgeschichte” (Peter Weibel, NZZ): Das siebente Coronajournal. Montag, der 23. März 2020.

Und ebenfalls NZZ, >>>> dort:
Senizid

[Arbeitswohnung, 7.08 Uhr]

Und wenn er noch so viel → Unmut ausgelöst hat, die Vorstellung, es vollziehe sich derzeit ein wie nur selten spürbarer, weil unmittelbar in unser alltägliches Erleben hineinreichender selbstregulativer Prozeß, bleibt → beharrlich in mir, ob dieser uns nun schmeckt oder nicht. Er erinnert mich allzu sehr an das, was ich in THETIS die Große Geologische Revision genannt habe, seinerzeit mit Blick auf die schon Ende des vorigen Jahrhunderts mehr als nur “leicht” sichtbaren Anzeichen. Ich denke weiter und weiter darüber nach … — nein, es denkt sich nach. Und das hat nichts damit zu tun, ob man es – angeblich – gutheißt. Wer wohl täte das? Wobei der Vorgang bei allem Grauen insofern etwas “Gerechtes” hat, als der Virus unter den gefährdeten alten Menschen keine Unterschiede macht, nicht nach Vermögen (wenngleich reiche Leute deutlich mehr Möglichkeiten haben, sich ihre Quarantäne aushaltbar zu gestalten), nicht nach Geist und Bildung, nicht nach Geschlecht, nicht einmal nach Macht. Die moralischen Ausrufe hiergegen — “altersdiskriminierend” — wirken so hilflos, wie sie es sind. Weiterhin → NZZ:

Die heutigen «Alten» haben unser Land im vergangenen Jahrhundert zu dem gemacht, was es ist. Sie zu schützen, ist für die meisten Menschen die Hauptmotivation dafür, zur Eindämmung des Virus möglichst viel beizutragen. 

Daß hier im Hintergrund ein letztlich rein materielles Denken steht, sei erschauernd dahingestellt, auch wenn so etwas Kapitalismusfremdes wie “sorgende Liebe” nicht einmal Erwähnung findet. Es ist doch mehr sie, was uns Menschen umtreibt, besorgt macht und in Nöte bringt. Insoweit es unsere bedrohte eigene Ökonomie ist, die einer und eines jeden Einzelnen, bzw. der Familien, haben die alten Menschen damit nichts mehr zu tun, jedenfalls in aller Regel. Daß es an uns selbst ist, angesichts einer sich wahrscheinlicherweise über Monate erstreckenden flächendeckenden Quarantäne neue Wirtschaftsformen zu entwickeln — und die, die längst schon im Raum standen, aber aus arbeitspolitischen Rücksichtnahmen und nicht zuletzt sentimentaler Beharrung wegen verhindert oder “konservativ” hinausgezögert wurden —, ist nur allzu klar. Ich erinnere mich noch gut, mit welchen tatsächlich Vorwürfen ich es zu tun bekam, als ich in den Achtzigern bei einem großen deutschen Verlag statt eines Typoskripts eine Diskette abzuliefern wagte: Ich wurde quasi hinausgeworfen. Und nur wenig später, als ich die ersten poetologischen, auch praktischen Überlegungen anstellte, was die damals noch kommende mediale Revolution für die Literatur nicht nur bedeuten würde, sondern müsse, nannte mich ausgerechnet die von mir derart geschätzte NZZ einen Kulturverräter. Es war eine Stimmung, in der man über lange Zeit im Internet den Dolchstoß für die Buchkultur sah. Und von meinen Überlegungen zum → Literarischen Weblog als Dichtung will “man” bis heute noch nichts wissen; es stehen für die wenigen, aber machtvollen Leute im “klassischen” Literaturbetrieb zuviel Pfründe auf dem Spiel. Möglich, daß auch dies sich nun auswäscht — wenngleich ich befürchte, daß der Igel immer schon allhier sein wird, da können wir Hasen so flitzen, wie wir nur wollen. Doch ein, → so Xo dort, “no future” sehe ich nicht, im Gegenteil. Ich sehe Evolution, jetzt sogar vielleicht Mutation. Die Welt geht weiter, auch wenn ich selbst es vielleicht nicht mehr erleben werde. Und mehr noch: Ich will, daß sie weitergeht, wünsche es aus tiefstem Herzen, kann nur die schon mehrfach zitierte Stelle aus der “Sterbe-Elegie”, der neunten Bamberger, wiederholen:

um zu spüren, sie fließt noch, die Regnitz, vor meinem Fenster, und fließt in den Augen der Kinder, der deinen, mein Sohn, die deiner künftigen Frau, künftiger Frauen, ja weiß man es?, sind – und den späteren Mai­nen zu, späterem Rhein, denen viel spätere Rosen, die merklos erfrieren, nicht nachsehen in ihre späteren Meere. Den Zeitstrahl zu fühlen, worinnen wir stehen und dem wir zwar selbst nur Fragment sind, doch eines, das atmet und mittat. Das bleibt wie der Leibstoff, Körper gewesener, bleibt meines Leichnams.
ANH, Das bleibende Thier
, 99/100

Ja, ich denke viel an den Tod. Es sind in meinem Umkreis an Covid-19 jetzt Menschen tatsächlich gestorben. Aber ich denke an ihn als an etwas, das ich gegebenenfalls lieber selbst herbeiführen würde, da ich → langsam ertrinken nicht will, schon gar nicht hilflos fremdbestimmt dahinvegetieren. Nur wie soll ich’s tun, und wann könnte ich es noch, in welcher Phase der Krankheit? Wenn ich im Krankenhaus lande, ganz bestimmt nicht. Ich will aber auch niemanden schädigen, nicht bei einem Zugführer ein lebenslanges Trauma auslösen, ebenso wenig wie bei Kindern, die mich hinabgestürzt, überall Blut und Splitter, auf einem Gehsteig oder Hinterhof finden. Von einigen zugänglichen Medikamenten weiß ich, aber entweder sind sie unsicher oder aber verursachen einen mindest ebenso qualvollen Tod wie der Virus. Hätt ich doch nur darauf geachtet, genügend mir nahe Ärztinnen und Ärzte als Freunde zu haben! — Darüber, in der Tat, denke ich subkutan ständig nach. Aber auch hier gilt (ebenfalls die neunte Elegie):

Wir nicht allein, auch das Tier beißt den Feind weg. Doch weiß es, wann Zeit ist. Dann legt‘s sich und blößt seine Kehle. Besser, ihm nachtun. Das Wakizashi ergreifen, das dir der Tod reicht, bevor man es zuläßt, was ihn und das Leben entwürdigte, das du so liebtest. So, Sohn, vernarrt bin ich ins Le­ben, ich ginge freiwillig eher, als daß ich’s beklagte.
Das bleibende Thier, 97/98

Nein, ich nehme nichts zurück, bleibe von Herz, Geist und Geschlecht auf der Seite der irdischen Welt. Und versuch es auszudrücken. Wobei ich gleichzeitig dafür sorge, meine Arbeiten möglichst umfassend zugänglich zu machen, in Der Dschungel, die ich aus meinen Dateiarchiven zur Zeit mehr und mehr fülle — das hat durchaus was von Nachlaß. Sehen Sie es, Freundin, so: Jeder fühlende Mensch möchte, daß es seinen Kindern gut geht, über den eigenen Tod weit hinaus. Ich wünsche mir das für meinen Sohn, wünsche es mir für meine Zwillinge, wünsche es aber auch meinen Schriften, weil ich auch sie als meine Kinder ebenso empfinde wie erlebe. Das ist nicht egozentrisch, denn sie sind ebenfalls, in ihrer Sphäre,  nämlich der Fantasie und des Geists, zeugungsfähige Geschöpfe. Manche Bücher, manche künstlerischen Erfindungen, haben ganze Generationen verändert. Ohne Mozart hätt’s nicht einmal die Beatles gegeben. Von Bachs Einfluß völlig zu schweigen.
Ich in mir dessen bewußt und handle. Ich handle deshalb, weil Pessimismus mir fremd ist; meine bisweiligen Depressionen sind da nebensächlich: Sie sind egozentrisch, letztlich nichts als die Auswirkung narzisstischer Kränkungen. Die Bücher dagegen stehen für sich. Das ist ja das Grandiose, daß sie sich von uns, ihren Urheberinnen und Urhebern, (fast) ebenso ablösen wie unsre Kinder sich von ihren Eltern, uns. Genau das ist Zukunft. Wir selber, und später dann sie, gehen dahin.
Was danach kommt? “Ich bin unheimlich neugierig”, habe, heißt es, Ernst Bloch auf seinem Sterbelager gesagt.

Mein Pathos, jaja. Wobei die tägliche Realität eine seltsam zerfließende ist. Mehr noch (als wegen des meiner Arbeit eigenen Charakters sowieso) laufen die Tage ineinander.Neulich wußte ich nicht mehr, ob Donnerstag oder Freitag. Ich mußte im Kalender nachsehn. Und obwohl ich es gewohnt bin, mir meine Arbeitsabläufe diszipliniert selbst zu definieren, nach genauen Zeitabläufen zu schreiben, zu essen, zu lesen, abends einen Film zu sehen usw., werden die Ränder verschwimmend unscharf. (Meine bisweiligen, ich sag mal, quasi-physiologischen Ausflüge in die Pornowelt laß ich mal “außen vor”, wiewohl sie wichtig sind, um nicht nur die erotische Contenance zu wahren, sondern auch, um ein notgedrungnes Asketentum zu vermeiden, das sich ungut auf den Geist auswirken würde).
Dazu die ständig kurzen Überlegungen, muß ich eigentlich heute hinaus? Dann recherchiere ich wieder die neuen Coronavorgänge (muß gleich mal gucken, was die gestern getroffenen Ausgangsregelungen präzise bedeuten), antworte auf Kommentare bei  mir und auf anderen Sites, telefoniere, bzw. skype/facetime täglich mehrfach mit den Freundinnen und Freunden, besonders auch in Italien, spüre bei vielen eine unterschwellig steigende Furcht. Ein Freund erzählt, er kaufe nur noch mit Schutzhandschuhen ein, ein anderer hat sich tatsächlich Atemmasken besorgt. Und draußen singen die Vögel, daß es ans Herz geht, und die Pflanzen werden an ihren sprießenden Knospen verrückt. Es ist erneut kalt geworden, ja, aber — hell! Diese göttliche Sonne! Die Fassade des langen Hinterhauses, das ich von meinen Fenstern aus sehe, strahlen nur so vor Gelb! Dazu zwei Zuschriften, die ich erhielt. Die eine von einer Leserin, die schon mehrfach bei amazon Rezensionen eingestellt hat und → nun dort den zweiten ANDERSWELT-Band bespricht. Kann sich ein Romancier etwas Besseres wünschen? Aber auch zu meinem → Vortrag aus dem Hyperion kam eine Mail (ich möchte diskret bleiben und sag drum nicht, von wem):

Fast haben wir Deine Stimme nicht erkannt, so sehr ist sie da zur heute möglichen Hölderlin-Stimme geworden. 

Und in der Tat hat mir die Aufnahme eine irre Lust gemacht, den Hyperion tatsächlich selbst ganz vorzutragen — genau dieses “heute mögliche” … ja!, zu beweisen. Die Zeit haben wir jetzt, die, nun jà, Isolation läßt sich füllen … ist zu füllen. Dagegen fallen Notwendigkeiten – wie etwa, daß ich diesen Jobcentermüll endlich weiter regeln muß, geradezu weg. (Ich hätte dringend einen Brief zu schreiben und darin, um einen Bescheid ändern zu lassen, eingehend zu argumentieren. Nun kommt’s mir vor wie kinkerlitz.) Alles ist ein bißchen wie vor dem Winter die Ernte einzuholen und gut für den Winter zu lagern. Die Dschungel.Anderswelt ist mir, so gesehen, Scheuer und Silo zugleich, zusammen mit der dinglichen Arbeitswohnung ist sie ein Gehöft.

Bewußtsein der eigenen Endlichkeit. Abschiede damit verbunden. Wie Andreas Steffens schreibt: Der Horizont der noch verbleibenden eigenen Zeit rückt uns näher, fast stehn wir vor einer Wand schon daran. Was bleibt zu tun, um abzuschließen, nämlich — gut? Mehrfach, bemerke ich, schaute ich in den paar letzten Tagen intensiv zurück, erinnerte mich an grandiose Geschehen, beglückende, sinnenberauschende Erleben. zum Beispiel was Do und ich mit Nutella alles angestellt haben. Hatte ich vorher völlig vergessen. Und dann, als wir im Lager von Olifants saßen. Viele Jahre später, mit लक्ष्मी, auf der breiten Fensterbank des Havalis in Udaipur, wie, drauf beieinanderliegend, wir nach Krokodilen schauten, über den See, der unten an die Hauswand schwappte. Oder die Serengeti meiner Löwin. Und wie ich Circe ins Taxi setzte, nachts; wie ich mit einer Fee handinhand-halb eine andre Nacht durch Park und strömenden Regen schritt. Wie mein Sohn in meinen Händen zur Welt kam. Ich staune diese Hände an. Wie die Ärztin nach der Zwillingsgeburt die Doppelplazenta ebenso staunend und frappierend liebevoll aufstrich, auf zu mir sah und frage: “Darf ich sie haben? Ich möchte sie meinen Studenten zeigen.”
Wunder, Freundin, über Wunder. Mein Leben war reich.

So fühl ich Tag um Tag, auch wenn es sicherlich etwas anderes wäre, lebte ich in einer Partnerschaft oder sonstwie mit jemandem andres zusammen. Zum Beispiel, daß ich bis gestern vier Tage lang nicht mehr geduscht hatte. Morgens rein in die Arbeitsklamotten, an den Schreibtisch, bis spät in den Abends durchgemacht. Man muß sich ja grad nicht mehr zeigen, darf sich nicht zeigen. Schon sproß enorm der Bart, ich mußte an Tolstoj denken, sah mich dann im Spiegel an, erschrak, stutzte ihn auf Dreitageslänge. Das Antlitz ist dann einfach klarer, markanter. Und bloß die Kleidung endlich wechseln! Was Helles! — Den Anzug rausgesucht, dann unter die Dusche. Auch die Achselhöhlen, die Hoden rasieren. Es kommt nicht darauf an, ob jemand mich sieht, sondern auf eine innere Haltung, der wir Form auch außen geben. Wille zur Klarheit. Und zwar gerade, wenn man allein ist. Ich denke an Lawrence of Arabia, der sich mitten in der Wüste, obwohl da eben keinerlei Wasser, draußen vorm Zelt zum Unverständnis vieler rasierte. Wie man das Wasser so verschwenden könne? Soweit ich mich erinnere, antwortete Peter O’Toole mit einem einzigen Wort: “Kultur.” Meine Güte, seine irrsinnig strahlenden Augen!
Das in jedem Fall bewahren. Was immer auch kommt.

 

Ihr, um 11.59 Uhr,
ANH
der gerne auch hier noch einmal → darauf hinweist.

 

 

P.S.:
Selbstverständlich bin ich nicht allein, alles andere als einsam. Wir kommunizieren ständig. Die Göttin gebe bloß, daß uns das Netz nicht ausfällt. Aber es ist anders, ob wir uns treffen könnten, leiblich, oder nicht können. “Die erste Ferngesellschaft”, → Peter Weibel, ja. Wir werden avatar einander. Der nächste Schritt der → anthropologischen Kehre, den nunmehr Corona erzwingt.

***

[14.30 Uhr:]
Da ich meine Cigarillos brauchte, die Gelegenheit genutzt, fast anderthalb Stunden → à la Nietzsche spazieren zu gehen: Keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung — erst diagonal durch die nach den Beschlüssen von gestern doch erstaunlich belebten Straßen, wobei allerdings die meisten Menschen tatsächlich nur zu zweit flanierten oder mit ihren Hunden Gassi gingen. Nur vor LIDL pulkte sich’s, weil immer nur zehn Personen auf einmal Einlaß finden; so stand’s draußen anplakatiert.
Vorm Aufbruch die autophil höchst zärtliche Idee, vielleicht noch einmal meinen alten russischen Biberpelzmantel zu tragen, der angemessen in diesem, nun jà, Winter wirklich nur zwei Mal gewesen. Und ich hatte recht, es ist ziemlich scharfkalt draußen, unter gleichzeitig ganz enormen Sonnenfluten, durch die ich quasi tauchte. So sehr ist Frühling eben doch und von welch milder, die Augen labender Schönheit alles! Es geht bei den Krokussen los, schäumt in den Forsythien, perlt grün als sich entfaltende Knospen auf.
Da mir nach Okra zumute war, für den Abend, ich dafür einen Asia-Laden finden mußte (was mir nicht gelang, der nächste mir bekannte ist ganz anderswo), schritt ich, nachdem quer durch den Kollwitzkiez spaziert, vom Tabaccaio an die Prenzlauer Allee hoch, dann rechts in die Fröbelstraße, um schräg zum Tählmannpark weiterzugehen und nach dem kleinen Teich, fast einem Weiher nur, zu schauen, der → von Anwohnern versorgt wird, gegen einigen Widerstand des Gartenamts. Schrieb ich nicht schon mal von ihm?
Es hat sich hier eine fast ganz für sich existierende Flora und Fauna entwickelt; sogar freie Schildkröten gibt es im Wasser, die drin auch überwintern. Und was ich sah, ich sog es ein!

Diese Farben, das unversehens hörbare, früher nur nachts nicht vom nahen Verkehrslärm wegkrawallte Rauschen eines kleines Wehres, zwei Elstern elsterten lustvoll herum und ließen sich nicht stören, als ich näherkam, anstelle liebevoll diskret einen anderen Weg mir zu suchen. Ich sah zu ihnen hinauf, sie sahen zu mir herunter. Schon gurrten sie, jedenfalls schnäbelten weiter. Ich kann Ihnen, Freundin, kaum sagen, welch ein Glück ich da empfand.
Es ist auch nicht ganz ohne Witz, daß ich, der so auf die kybernetische Welt setzt, zugleich auf der anderen, der natürlichen Seite empfinde, und mit ihr. Bezeichnend, daß ich schließlich den kleinen Umweg zu dem ziemlich verrotteten Pfad nahm, der direkt an der SBahn entlangführt. Ich wollte mir nämlich zwei Zweige schneiden, um etwas von diesem Frühling in die Arbeitswohnung mitzunehmen, und dies eben dort tun, wo kein Passant sie vermißt — auch nicht etwa blühende Zweige; nein, es genügt mir das sprießende Grün. So stehn sie nun denn auch hier und über-, na gut, “-wölben” nicht grad den Schreibtisch, aber strecken sich doch über ihm aus.

Verstehen Sie, daß ich Dankbarkeit empfinde? Und meinen Eindruck, die Gefährdung schärfe meine Sinne und mache sie weiter?

Schließlich noch frischen Koriander besorgt; ich bereite mir heute ein Dal.

EXKURS I
Nabokovs Eichhörnchen
Von Andreas Steffens

Zu den Folgen ihrer Zivilisierung durch den Menschen gehört, daß die Welt den Tieren immer weniger bietet, dessen sie als Natur für ihr Dasein in ihr benötigen. Das zwingt den Menschen dazu, ihnen zu geben, was sie in seiner Welt nicht mehr umstandslos auf die ihnen angestammte Weise finden.

Unvermutet – denn menschliche Verzweiflung mündet selten in große Wahrheiten – schien er im Begriff, eine höchst einfache Erklärung des Weltalls zu finden, als er von einer dringenden Bitte unterbrochen wurde. Ein Eichhörnchen unter einem Baum hatte ihn kommen sehen. Mit einem einzigen geschmeidigen Satz erklomm das kluge Tierchen den Rand des Trinkbrunnens und streckte dem näherkommenden Pnin sein ovales Köpfchen mit geblähten Backen und einem reichlich derben Rachengeräusch entgegen. Pnin begriff und nach einigem Fummeln fand er einen Knopf, auf den man drücken mußte. Ihn verächtlich beäugend, begann das durstige Nagetier den kurzen, schäumenden Wasserstrahl zu kosten und labte sich ausgiebig. „Vielleicht hat es Fieber“, dachte Pnin und weinte still und ausgiebig, während er die Verrichtung betätigte und den unfreundlich musternden Blick zu meiden suchte. Nachdem sein Durst gelöscht war, machte sich das Eichhörnchen ohne die geringste Dankesbezeugung davon. Der Wasservater setzte seinen Weg fort, bis der Pfad zu Ende war, und bog in eine Seitenstraße ein, wo er eine kleine Bar im Blockhausstil mit granatroten Fensterscheiben betrat
Vladimir Nabakov, Pnin, S. 63

Die grandios beiläufige Szene markiert den Wendepunkt der Kulturgeschichte, an dem die zivilisatorische Selbst- und Weltverfehlung des Menschlichen in ihre anthropogene Ausgangslage zurückschlägt.
Der Mensch verringert die Natürlichkeit des Tieres, indem er seine eigene hemmungslos auslebt. Nun muß er dem Tier mit den Mitteln seiner Zivilisation verschaffen, was die von ihr zerstörte Natur ihm nicht mehr gewährleistet. Wenn es eine Pflicht zur Rettung der Welt als Natur gibt, dann ist sie darin begründet. Indem der Mensch lebt, bedroht und vernichtet er mit dem anderen Leben, das er vertreibt, was sein eigenes trägt.
Im Zuge dieser Reduktion der Natur auf die menschlichen Bedürfnisse nimmt das Tier menschliche Züge an: Verachtung, Bosheit, Herrschsucht. Die eigene Entnatürlichung des Menschen im Prozeß der Zivilisation zwingt das Tier zur Menschwerdung. Nachdem der Mensch sich damit abgefunden hat, auch nur ein anderes Tier zu sein, beginnt das inmitten seiner künstlichen Weltordnung lebende Tier, zu einem anderen Menschen zu werden. Das Wuchern der Städte zu Megalopolen zwingt es, aus seinen verschwindenden Lebensräumen in die Zentren des Menschenlebens einzuwandern, und seine Nahrung als Abfall seiner Lebensführung zu suchen: Füchse streifen durch die Grünzonen der Siedlungen, Bären schauen über durchwühlte Mülltonnen in Küchenfenster.

Kafka hat diese Tendenz in seiner doppelten Umkehrung der Evolutionsbewegung um ein Jahrhundert vorausbezeichnet. Wenn es eine Menschwerdung des Tieres gab – Rotpeter im »Bericht an eine Akademie« – dann muß es auch eine Tierwerdung des Menschen geben – Gregor Samsa in der »Verwandlung« –, und umgekehrt. Das menschlich gewordene Tier zwingt das Tier gebliebene Tier, sich menschlich zu verhalten: als Herr seiner Bedürfnisse. Die Evolution kehrt in der Phase der selbstgesteuerten zivilisatorischen Fortentwicklung ihres Produktes ›Mensch‹ durch Umkehrung ihrer Bewegung an ihren Anfang zurück. Indem er sich alles auf Erden untertan macht, macht der Mensch sich überflüssig, indem er sich beeilt, den durch die Folgen seiner Weltveränderungen entgleisenden Weltprozeß auf den Nullpunkt vor seinem Erscheinen in ihm zurückzusetzen.

In seinen Tier-Novellen hat Kafka beide Bewegungen jeweils auf der Hälfte ihres Umschlags beschrieben: ein Tier, das menschlich wird, und doch Tier bleibt; ein Mensch, der tierisch wird, und doch Mensch bleibt. In seinem großen Kommentar zur »Verwandlung« stellt Vladimir Nabokov die Verkehrung des Animalischen ins Menschliche als das eigentliche Geschehen heraus, das Gregor Samsa als Verwandlung ins Tier erlebt. Kafkas Kunst besteht darin, auf der einen Seite in Gregors Äußerem als Insekt alle traurigen Details seiner Gestalt zusammenzutragen und zugleich auf der anderen Seite Gregors fürsorgliche, einfühlsame Menschennatur dem Leser klar und lebhaft vor Augen treten zu lassen.
Wesentlich an jedem Ereignis ist nicht, was sich in ihm zuträgt, sondern wie es erfahren wird. Fühllosigkeit kann eine Katastrophe zur Beiläufigkeit herabsetzen, Überempfindlichkeit eine Kleinigkeit zur Katastrophe steigern. Weshalb kollektive Erinnerungen desselben nie dieselben sind. Die Pointe des Fabelhaften der kafkaschen Imagination besteht in ihrem nüchternen Realismus, die Verwandlung eines Zustandes zu beschreiben, der alles ändert, und den Veränderten doch läßt, was und wie er ist, während diejenigen, deren Veränderung ihn seiner Wandlung unterwarf, tatsächlich zu anderen wurden. Die animalische Selbstwahrnehmung des Verwandelten verweist auf die Verwandlung seiner unmittelbaren menschlichen Umgebung, die sie ihm als einem, der darin seinen Platz nicht mehr hat, aufzwang.

Am folgenden Morgen entdeckt die Bedienerin Gregors ausgetrocknete Leiche, woraufhin in der Insektenwelt seiner abscheulichen Familie behagliche Erleichterung eintritt. Hier ist ein aufmerksam und gründlich zu überdenkender Punkt: Gregor wird als Mensch in Insektengestalt gezeigt, und seine Angehörigen sind Insekten in Menschengestalt. Sein Tod weckt in ihren Insektenseelen plötzlich das Bewußtsein, daß sie sich nunmehr ungehindert freuen dürfen.
Nabokov, »Kommentar«, in: Franz Kafka, Die Verwandlung, Frankfurt/M 1986, 88; 103

Wie ganz anders die emotionale Reaktion der Nabokovschen Romanfigur auf die Bedürftigkeit des Eichhörnchens, das ihn voller Verachtung souverän zur Hilfsleistung zwingt. Pnins Tränenfluß ist als Regung kreatürlicher Empathie von zivilisatorischer Sentimentalität für das verhätschelte Haustier so weit entfernt wie die Tierliebe des Unmenschen, der seinesgleichen in Vernichtungslagern behandelt, als wären sie Ungeziefer, vom evolutionären Restbestand eines Verwandtschaftsempfindens zwischen Lebewesen.
Das Tier, das er mißachtet, zeigt dem Menschen, was er nicht ist, indem er im Übermaß ist, was er ist, und nur sein läßt, was ihm entspricht.

Steffens, Januar 2020
Wuppertal

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