Zwei schwierige Tage, gestern und heute. Als Arbeitsjournal des Sonntags, den 20. November 2022.

[Arbeitswohnung, 9.11 Uhr
France musique, Concerts Radio France:
Tschaikowski, Violinkonzert op. 35]
Der “Kater” oder was-ich-für-ihn-hielt wurde und wurde nicht milder; leichte Übelkeit und ein unguter Widerwille dagegen, etwas zu essen … ja, empfunden, daß ich’s gar nicht könne. Also auf kleine Häppchen umgesattelt und abends sehr früh zu Bett gegangen, obwohl ich bereits die gesamte Rückfahrt im Flixbus vielleicht nicht wirklich geschlafen, aber vor mich hingedöst hatte. Der Kreislauf insgesamt weich. Irgend etwas scheine ich am Freitagabend nicht vertragen zu haben, wozu der Alkohol sicherlich gehört, vor allem trugen die beiden Negronis offenbar einen ziemlich Anteil, die im → “Tortue” in riesigen Gläsern serviert werden, deren eines allein schon mindestens fünf normale Negronis faßt — “Eimer” nannte gestern die Contessa diese wasserglashohen Whiskygläser. So daß ich, bevor ich schlafen ging (und quasi unmittelbar wegsackte), fast schon auf sowas wie eine Alkoholvergiftung tippte. Nachdem beim Wiederaufwachen heute morgen immer noch diese unterschwellige Übelkeit dawar, so daß ich nicht um sechs, sondern erst kurz vor acht aufstand, wollte ich meine, nun jà, “Diagnose”, verifizieren und schaute im Netz nach den Symptomen. Außer dieser leisen Übel- und starken Appetitlosigkeit habe ich aber keines davon. Also habe ich zwar auch diese Mengen Alkohols nicht vertragen, was Wunder, doch etwas anderes muß der eigentliche Bösewicht gewesen sein, oder halt eine Mischung aus allem. Interessant ist dabei, daß sich dieser Zustand über den gestrigen Tag überhaupt erst verstärkte; beim Morgencafé mit dem Freund war alles, aus einer nachvollziehbaren Mattheit (ich war erst gegen halb vier/vier ins Bett gekommen), soweit noch alles in Ordnung gewesen. Auf dem Weg zum Hamburger ZOB aber schwoll es an – und besonders, nachdem ich mir vor der Abfahrt noch schnell im Hauptbahnhof, dem der ZOB gegenüber gelegen, eine vietnamesische Suppe besorgt hatte und sie auf einer Bank vor dem Busparkplatz zu löffeln begann. Mit jedem Löffel wurde mein Zustand schlimmer. Da fing’s auch schon mit den Bauchschmerzen an, leichten, aber genau unter der OP-Narbe mittig. Schon wollte ich nicht mehr weiteressen, aber setzte, es doch zu tun, mit meinem Willen durch. Ich war so stolz gewesen, wieder auf 69 kg gekommen zu sein, daß mir die Vorstellung zuwieder war, im Körpergewicht erneut zurückzufallen. War wahrscheinlich der Fehler.
Jedenfalls weiß ich nun gar nicht genau, welche Melange meinen unguten Zustand bewirkt hat. Dazu kommt momentan diese Kälte, die ich, was eigentlich physio|l o g i s  c h ist, nach meiner Krebs-OP tatsächlich nicht mehr so gut vertrage wie seinerzeit, als ich aus, sagen wir, Abenteuergeist zweidrei Winter lang nicht heizte, “um auszuprobieren, ob ich’s könne”. Ich hab ja so gut wie kein Körperfett mehr. Da macht es sich nun gut, daß mir die Löwin – mit den Worten, sie wisse schon, daß ich die Kälte zu ertragen verstünde, aber sie nicht ertrage, müßt ich sie ertragen – eine Heizdecke geschickt hat, die nicht nur “geschickt” wurde, sondern schick auch i s t (chic) und nun wie ein erwärmbares Fell über meinem Schreibtischstuhl liegt. Hinzu knipse ich manchmal den neuen “Handy Heater” an, den ich neben meinen Arbeitsplatz montiert habe und der zwar nicht, wie beworben, einen ganzen Raum zu erwärmen vermag, mir aber in solcher Nähe doch ganz gut Warmluft zubläst. Bei übrigens Helmut Parallalie Schulze abgeguckt, der es so mit einem allerdings sehr viel größeren Gasofen hält. Ich schalte das Ding aber nur ein, wenn ich in meinen “rauchfreien” Phasen das Oberlicht nicht aufklaffen habe. Nett übrigens, daß unter dem “Heater” ausgerechnet Anna Kavans wirklich grandioses → “Eis” liegt (Ice, 1967). Eigentlich müßte ich Schulzes “tetraglott” gleich danebenlegen:

Indes, was jetzt Die Dschungel anbelangt, war ich gestern, nur → dieses einzustellen, fähig. Und das Arbeitsjournal heute “dient” eigentlich nur dem Wollen, nicht n i c h t s zu schreiben; ob ich heute wieder an die Triestbriefe kommen werde, ist also längst noch nicht ausgemacht. Obwohl ich’s unbedingt will. Nun gut, wir werden sehen; eine Suppe habe ich gestern schon vorbereitet und soeben fertiggestellt; jetzt muß sie nur noch etwas ziehen. Sehr scharf, um den Appetit zu triggern. Bald werd ich’s Löffelchen für Löffelchen versuchen. Auf das, was sonst immer gut wirkt, die Dronabinol-THC-Tropfen, will ich noch unbedingt verzichten, wie sowieso, nà logisch, erst einmal auf Alkohol. Vielleicht nehme ich die Situation jetzt insgesamt zum Anlaß, endlich wieder einen komplett-alkoholfreien Monat durchzuziehen, auch wenn Ende der Woche eine Geburtstagsfeier ansteht und ich am 7. und 8. Dezember der neuen Hochzeitsreden wegen nach Salzburg und Stuttgart reisen muß und will.

Gut, liebste Freundin. Mal schauen, ob ich in die Briefe finde.

ANH
[France Musique contemporaine:

Britten, Suite für Cello solo No 1, Truls Mork]

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