Das Wäschewasch- und später erst Arbeits-, nämlich weiteres Reisevorbereitungsjournal des Sonntags, den 4. September 2022.

[Waschsalon Eco-Express, Danziger 7, 8.45 Uhr]

Na, da is’ ja mal wieder einiges zusammengekommen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[Arbeitswohnung, 11.06 Uhr
Keith Jarrett, solo Sun Bear III, Nagoya 1976]
Und sauber alles wieder zurück:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

(Jetzt die im Waschsalon bereits vor-zusammengelegte Wäsche in die Regale einordnen. Ein halber Tag geht tatsächlich immer drauf; andererseits wissen Sie ja, Freundin, daß ich, weil ich so viel Zeug habe, diese Prozedur nur alle anderthalb bis zwei Monate verrichten muß. Erster “Grad”messer ist stets mein Rucksack: Läßt sich de facto nichts mehr reinstopfen und auch draußen nichts mehr dranschnallen, ist es soweit. Der zweite sind meine Unterhosen; das ist aber nicht ganz so verläßlich, weil ich die vortags getragenen Boxershorts gelegentlich mitwasche, wenn ich unter der Dusche stehe; dito die Socken. Zum dritten wasche ich – wie heute – gerne vor Reisen, einfach weil ich den Rucksack, in dem die Schmutzwäsche verwahrt wird, dann für seinen eigentlichen Lebenssinn brauche. Reisen, ich und dieser Rucksack sind eines, jedenfalls wenn sie länger als drei Tage dauern. Do hat ihn mir vor bald vierzig Jahren geschenkt; ein so professionelles Stück, daß → der Hersteller es sich leisten konnte, auf sämtliche Nähte und sogar die Reißverschlüsse eine lebenslange Garantie zu geben. Bis heute mußte ich sie nie wahrnehmen; nur zweimal – dazwischen ein jahrelanger Abstand – brach einer der Kunststoff-Klinkverschlüsse, die indes sich sehr einfach ersetzen lassen. Und ich wiederhole, was ich bisweilen gerne sage: “Alt werde ich sein, wenn ich nicht mehr mit Rucksack reise.” Rollkoffer sind mir ja allein schon wegen der Geräusche suspekt, mit denen sie mich besonders auf Kopfsteinpflaster quälen, und an jeder Treppe werden sie zu echtem Ballast, während sich mein aufgehuckter Rucksack auch dort allerbestens tragen läßt. Abgesehen davon, daß man mit einem Rollkoffer auch nicht Fahrrad fahren kann.)

***

[19.47 Uhr
Keith Jarret, solo live Bordeaux 2016]

So, jetzt auch die “Mitnehmliste” fertiggestellt und ausgedruckt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Falls mir noch etwas Zusätzliches einfallen sollte, werde ich es per Hand nachtragen. Bis morgen mittag soll dann alles gepackt sein. Aber dieses Journal beschließe ich hiermit.

ANH

Eine Überlegung im Arbeitsjournal des Freitags, den 5. August 2022. Briefe nach Triest 53.

[Arbeitswohnung, 9.40 Uhr
France Musique, La Baroque:
Luly, Armide]

Der Gedanke kam mir gestern abend. Ja, das Buch wird ein Roman — aber wozu es drunterschreiben, also unter den Titel und auf Buchumschlag & -rücken? Sollen die Leute doch merken, was sie lesen! Ich muß ihnen die Kriterien wirklich nicht geben. – Was, Freundin, meinen S i e ?

 

Wobei ich hier etwas aufnehmen würde, das ich bereits beimn Ungeheuer Muse, vor allem aber den  Béarts so haben wollte; auch dort keine Genrebezeichnung, gar nichts außer dem Titel und drüber noch den Autorennamen. Wobei nur “Alban Nikolai Herbst Briefe nach Triest” für Unvorbereitete auch noch völlig andere Interpretationen zuließe, etwa, daß der tatsächliche Autor solche Briefe tatsächlich nach Triest geschickt hat. Was abermals Realität und Fiktion amalgamieren würde. Ich gebe zu, daß mir dies Vergnügen bereitet. Dennoch bin ich mir noch uneins; schöner aber als die Triestiner Brunnenvenus finde ich jetzt die fliegende Ἔρσα, nach der sich Mehltau als Komponist benennt. (Auch die Montage ist besser geraten), Zumal erzähle ich ohnedies von einer anderen Venere di Trieste, einer, die weggeschlossen werden muß, weil, wer sie zu lange anschaut, eine Netzhautentzündund bekommt – ein  Phänomen, an dessen Entschlüsselung zur Zeit die Experten einiger Disziplinen sitzen. (Was ich allerdings nicht vergessen darf, ist, daß die mit der Statue in Berührung kommenen Menschen spätestens in der folgenden Nacht akustische Halluzinationen haben, dieselben, die zu hören bekommt, wer sich auf Mehltaus Kompositionen einläßt. – Das wird, wenn diese erste abgeschlossen ist, in die zweite Fassung kommen.)
Und was es auch lange nicht mehr gegeben hat, ist, daß ich, sowie am Schreibtisch der Latte macchiato bereitstand, nicht etwa zuerst, wie seit langem sonst immer, mich durch die Zeitungen lese, sondern, wie zuletzt → in Traumschiffzeiten, sofort ein paar Zeilen der Erzählung schreibe, die mir an der Pavoni einfielen, sowie einfach dahinter, aber kursiv, ein paar Ideennotate.

Und schon lassen die Ideen ihre Fingernägel auf meinem Schreibtisch crescendierend trommeln. Beeile er sich! (Obwohl also kreativ ein bißchen gejagt, ist es mir endlich gelungen, die verlorenen zwei Kilo wieder draufzukommen, so daß ich jetzt beim Grundstand 67 bin und aufs nächste ansetzen werde, die 68 kg doch noch zu erreichen.)

Ihr
ANH
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[Hindemith, Der Schwanendreher für Bratsche und Orchester]

 

 

Das Arbeitsjournal des Montags, den 18. Juli 2022, zwei Tage vor Wien. Darinnen Parmaschinken (ab)schließend eine Rolle spielt. Sowie die glücklichste Zwischenstandsmeldung der Briefe nach Triest. Dazu ein Rätsel nebst Versprechen.

[Arbeitswohnung, 8.58 Uhr
France musique classic plus: Debussy, Cildren’s Corner für Klavier,
William Kapell (historische Aufnahme 1944-25)]
Gestern seit langem, liebste Freundin, wieder Musik gehört, Kopatschinskaja/Currentzis: Tschaikowski Violinkonzert & Fünfte Sinfonie, nämlich, als ich begann, ausdrucken zu lassen. Denn es ist geschafft: Sämtliche dreiunddreißig bisher → schon vorgelegene Briefe in drei Durchgängen durchgearbeitet, teils -gewalkt, also reichlich verändert, nicht nur korrigiert, die Personen konturierter charakterisiert, dazu, nach ein bißchen botanischer Recherche, herausbekommen, was auf der Wiese vor Lenzens Grenzhäuschen so wächst und dabei einiges über den Karst gelernt. Manches hätte ich mir freilich selbst denken können und dachte ich mir auch, aber wollte sichergehen; wobei d a s, also letztres, dann noch einmal gefirmt werden wird, wenn ich – schätungsweise Ende August – selbst vor Ort sein werde, nicht nur in Triest unten, sondern eben auch oben im Karst, wo ich dieses Grenzhäuschen an den Übergang zu Slowenien hinfantasiert habe. Tatsächlich will ich es suchen; es würde mich nämlich nicht wundern, fände ich so eines in der Wirklichkeit. Mit dem südsizilischen Kliff, in “Meere“, war es ja nicht anders; es hat dort an der Costa dell’Ambra sogar genau das Gelb, das ich mir vorgestellt hatte. Jedenfalls werde ich einen Wagen brauchen, besser noch eine Vespa, und hoffe, mir solch eine für einzwei Tage mieten zu können, um droben herumzuknattern damit.
Wie auch immer, ich habe gestern quasi durchgearbeitet und viel zu wenig gegessen. Ich muß da aufpassen, bin leider unter 67 kg gerutscht, aber wenn derart konzentriert, vergesse ich nicht nur auf die Mahlzeiten, sondern sie werden mir lästig, und ich bekomme tatsächlich kaum was runter. Zu trinken aber geht. Also in den täglichen Eiweiß-Fruchttrunk, diesmal statt zwei gleich drei Bananen eingemixt. Das süffelt sich so nebenher so weg. – Aber ich kam insgesamt nicht vom Schreibtisch weg und hatte von diesem für mich wunderbaren Sommer nichts als die Wärme vom Fenster im Nacken – und das mir wichtigste selbstverständlich aberdoch: — das L i c h t ! – Puh, und aber ich war durch. Jetzt ging’s ans Formatieren für den Ausdruck, wozu ich endlich wieder meine Musik hören konnte. Es war der pure Genuß.

Tomas Luis de Victoria, Requiem, 1605

Dann hatte ich Lust, für den Ausdruck ein Titelbild zu basteln, in das ich zwei Hauptmotive des Romans einmontiert habe, das Hemdchen, das die Sídhe Lenz zurückläßt, sowie die Triestiner Venus – die nur leider nicht die ist, die sich nach Lenzens Tod in seinem Grenzhäuschen findet, sondern die bekannte Brunennfigur der Venere di Trieste auf der Piazza Unità, mit der das Paar die andere allerdings anfangs verwechselt. Der Irrtum kommt erst im Museo Revoltella heraus. Wie auch immer, jetzt sieht die Titelseite s o aus:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bastelei hat mir wirklich Freude bereitet, also konnte ich auch wieder was essen, eine Scheibe intalienischen Weißbrots sowie Parmaschinken, den ich, wie eigentlich alle Wurstarten, zwar nicht so richtig mehr vertrage; aber gestern hatte mein fehlender Magen große Einsicht; vielleicht, daß er meine Freude einfach teilte. – Ach so, auch das Motto des Romanes weiß ich jetzt und habe auch das provisorisch zusammengebastelt und auf die Widmungsseite gestellt:

Wer mir sagen kann, um welches Musikstück es sich handelt, und es als erste oder erster hierunter in einen Kommentar schreibt, der oder dem schenke ich nach Erscheinen ein handsigniertes Buch, und zwar mit Jubel.

Gut, nun liegt also mit diesen bislang exakt 300 Seiten – da zweiseitig gedruckt, 150 Blättern – das Typoskript-in-progress gelocht und in den Pappehefter eingefügt vor mir, und ich kann den vierten Durchgang auf Papier beginnen, was noch einmal einen neuen Blick gibt und sicher abermals zu einigen Korrekturen und Einschüben führen wird, die, bevor ich weiterzuschreiben beginnen werde, noch zu übertragen sein werden. Insofern ist meine Zeitplanung vernünftig, erst Ende August nach Triest zu reisen. Und eine ungefähre Vorstellung, wieviel Seiten noch bleiben, habe ich jetzt auch. Wenn sich die bisherigen zweiunddreißig Brief diese dreihundert Seiten teilen, kommen wir auf einen Schnitt von aufgerundet 9,68 pro Brief; dieses mal den sieben noch zu schreibenden Seiten, erhalten wir 67,67 Seiten, mithin ein Gesamtyposkript von an die 370 Seiten. Da bei mir immer sehr viel auf einer steht (im Schnitt etwa 2470 Zeichen), können wir, Freundin, von einem Buch ausgehen, das um die vierhundert Seiten haben wird — kein massiger, doch vernünftiger Roman, der zumal keine aufgeblähte Typengröße braucht, um als solcher zu bestehen.
Was aber nunbesonders schön ist, ist, daß ich diesen vierten Duchgang draußen angehn kann, an der frischen Luft und unter dieser momentan grandiosen Sonne; auch wenn Natur sie anders sieht und anders, leider, sehen muß. Es wär doch so viel Regen nötig! Dennoch, welch ein guter Tag!

 

Ihr ANH
Heinrich Schütz, Musikalische Exequien, swv 279 – 281

Das Arbeitsjournal des herrliche 36-Grad warmen Sonntags, den 19. Juni 2022.

[Arbeitswohnung, 12.05 Uhr
Britten Phantasy op. 2 for oboe and string trio (1932)
Eigentlich ist seit – seit ich herausbekommen habe, daß die Überarbeitung der Triestbriefe, anders als bislang gehalten, weil ich fälschlich dachte, Musik störe meine sprachliche Konzentration – gestern vormittag Streichquartetttag, heute mithin der zweite. Tatsächlich, während ich sie umschreibe, bzw. korrigiere, hilf Musik aber, sogar sehr – ebenso wie beim Schöpfzungsprozeß selbst. Erst danach, wenn ich die korrigierten Seiten kontrolliere, ist Stille angesagt. Dies macht meine Arbeit nun sehr angenehm. Denn gestern kamen von meiner Lektorin die ersten 180 (von 397) Lektoratsseiten der “Verwirrung” an, und für die gilt nun, daß Annahme oder Ablehnen der Lektoratsvorschläge und erst recht, was bislang dreimal nötig war, die komplette Neufassung von Satzsequenzen mir mit Musik besonders gut von der Hand geht. Jedenfalls habe ich mich heute ab sieben Uhr schon drangesetzt und komme prima voran. Ich will jeweils die erste Hälfte eines Arbeitstages darauf verwenden und in der zweiten zu den Triestbriefen zurückkehren. (Das satzfertige Typoskript der “Verwirrung” muß spätestens am 27. Juli bei Elfenbein abgegeben sein, damit das Buch noch rechtzeitig zur Frankfurtmainer Buchmesse dasein kann.)

Also die Streichquartette. Begonnen habe ich mit Mendelssohn opera 13 & 80 und seiner Schwester Fannys in Es-Dur (alle drei, in der Einspielung des Quatuor Ebène, Trouvaillen), gefolgt von Hindemiths Quartetten 1 bis 5 (Sonare), nach denen ich zu allen dreizehn höchst packenden 1 bis 15 überging (der 15 lauschte ich heute früh gleich zweimal nochmal) und schließlich zu Schnittkes vier Quartetten überging (Kronos). Nun ist grad Britten dran, übrigens auf Vinyl (Endellion), dessen besonders drittes Streichquartett wie aus mir selber singt. Was meine Identität mit dem Romantext enorm steigert, so sehr, daß ich nicht selten denke, in seinen Bearbeitungen wahrscheinlich rhythmische Strukturen dessen einfließen zu lassen, was ich gerade höre. (Deshalb muß der Korrekturgang dann unbedingt o h n e Musik sein.)
Danach stehen die Streichquartette der Zweiten Wiener Klassik (Berg, Schönberg, Webern) auf dem Programm (LaSalle, ebenfalls Vinyl) sowie sämtliche bisherigen von Wolfgang Rihm.

Aber ein bißchen Unfug treibe ich dennoch immer mal wieder, etwa bei Instagram:

(Neben dem Foto eine Erklärung, auch für deren Formulierung ich mir Zeit nahm:)

So sieht ein elegant gebundener Merowingerknoten aus. Daß er seinen Namen nach der gleichnamigen Figur aus “The Matrix reloaded” habe, ist eine Legende; er war nur zuvor nicht sehr bekannt – auch weil etwas knifflig zu binden. Tatsächlich wurde er als “Ediety necktie knot” in den Zwanzigern erfunden; der Jugendstileinfluß ist so unverkennbar wie die erotische Organik, auf die dieser edle Knoten anspielt.

Von sich aus erkannte bislang nur die Löwin diese ‘erotische Organik’: “Aber das ist doch..!”, rief sie laut in Whatsapp aus. “Na, das kann ich mir vorstellen, daß du diesen Knoten liebst!” — Sie werden selbst drauf kommen, Freundin, Ihnen muß ich nichts verraten.

*

Dennoch, die massive Arbeitsmenge hin und her, hinausgehen an diesem meine-Temperaturen-Tag will ich heute unbedingt, und sei’s nur für eine Stunde Spaziergang. Ich hoffe nur, die THC-Tropfen schlagen nicht allzu heftig durch; ich habe sie vorhin eingenommen, weil ich mal wieder keinen Appetit hatte und nur wenig runterbekam, was blöd ist, weil das ganze Kilo, daß ich begeisternderweise zugenommen hatte, schon wieder weggeschmolzen ist. Nach wie vor muß mein Gehirn da sehr aufpassen – neben der blöden Neuropathie in den Füßen das einzige, was nach der OP noch nervt.

Ihr ANH

 

Kriegskrank nun auch ich, eher aber trifft “gelähmt”. Das Weiterhinnichtarbeitenkönnenjournal des Dienstags, den 22. März 2022. Fast nur noch Ukraine.

[Arbeitswohnung, 9.25 Uhr
Kinderrufen vom Pausenhof. Sonne.]

Daß mir ein Frühlingsanfang, noch dazu ein solcher, einmal keine Freude oder nur so geringe würde bereiten, hätte ich niemals geglaubt. Im Thälmannpark, jetzt schon, sind die Kirschblüten aufgesprungen, die von Mord nichts wissen, schon gar nicht vom Morden in der Ukraine, an das zu denken ich nicht wegkomme, so daß ich über nichts anderes mehr schreiben kann, will ich nicht komplett erlahmen.
Es sind Arbeiten dringend zuende zu stellen, es gibt Fristen, nicht nur solche, die mich selbst betreffen; Elfenbein kündigt die Neuerscheinung der Verwirrung des Gemüts jetzt mit Mai an, und ich sehe auch da nicht, wie das einzuhalten ist; für Arco ist das Nachwort zu Gerd-Peter Eigners nachgelassenem, nun endlich erscheinendem Der blaue Koffer zu verfassen, ich schaffe täglich, wenn überhaupt, dreivier Sätze und mehr nur, wenn ich ein Zitat einkopiere. Eine Coronahilfe von vor anderthalb Jahren ist abzurechnen, auch das krieg ich nicht hin, um von der Wiederaufnahme der → Videoserie zu schweigen. Fast alles, was mit meiner und überhaupt Literatur zu tun hat, kommt mir banal, luxuriös, unsinnig und manchmal sogar zynisch vor, sinnlos in jedem Fall. Ich höre nicht einmal mehr, oder kaum noch, Musik, bin vorgestern sogar der → Verdipremiere ferngeblieben, obwohl ich eine Pressekarte hatte. Jetzt werde ich einen Entschuldigungsbrief schreiben müssen, was ich schon gestern tun wollte und ebenfalls so wenig zuwege bekam wie den Brief → an Andreas. Nämlich gar nicht. Das einzige, was ich noch vermag, ist, dauernd die neusten Nachrichten zu lesen und gegen den Kriegseintritt der NATO anzuschreiben, also den unsern. Ich träume davon schon, sah heute nacht zum letzten Mal meinen Sohn, die Zwillinge, लक्ष्मी. Es tat einen ungeheuren Knall, dessen Wirkung so groß war, daß ich nicht einmal erwachte. Erinnre mich erst jetzt. Ich trug Gefechtsuniform, also Tarndress. Aber selbst da noch Krawatte. Dann warn wir tot.
Nein, ich habe davor keine Angst, nicht um mich selbst. Ich hab eh ein zweites Leben, nach dem Krebs, der, so gut die Werte auch sind, womöglich besiegt noch nicht ist. Auch darauf kommt es nicht an. Was mir Sorge bereitet, ist das Leben meiner Liebsten, das ich nicht geopfert sehen will. Ich will meine Kinder nicht leiden sehen, Punkt. Dabei kann ich mir gut – also schlecht – vorstellen, daß ich, ging’ es nur um mich, ebenfalls nach dem Kriegseintritt rufen würde, um das Gemetzel zu stoppen, jedenfalls das Gefühl zu haben, es zu tun oder zu versuchen doch. Auch wenn ich wüßte, daß Krieg auf Krieg keine Antwort ist, sondern ihn perpetuiert. Was wir Menschen immer wieder sehen. Manchmal bleiben uns einige Jahrzehnte, in denen er ruht, um sich gegen den Frieden zu wappnen. Dann wacht er, und bedrohlicher noch, waffenstarrend wieder auf.

Die → Dämonisierung des Gegners → schreitet voran[1]Lawrow einen “Aristokraten der Apokalypse” zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym “Severyn Korab” schreibende ukrainische … Continue reading, selbst Biden warnt nun, in diesem Zusammenhang nachvollziehbarerweise und so wahrscheinlich auch nötig, mit “einer starken Reaktion der NATO”. Die Spirale dreht sich und dreht sich, schraubt sich und schraubt sich hinauf. Was ich völlig vergaß – daß vor der letzten Eskalationsstufe noch, der der atomaren Schläge, die biologischen Massenvernichtungswaffen stehen, die abermals an → thanatische Ursachen denken lassen, denn von solchen Mitteln des Krieges bliebe Rußland-selbst nicht verschont und Belarus schon gar nicht. Thanatos als Messias, doch nicht einmal der, der er, mit Hypnos verbunden, s a n f t das ewige Zuende gibt – sondern die

Keren in dunkler Gestalt, mit weißen Zähnen erklirrend,
Grass, und düsteres Auges, und blutbesprengt, und unnahbar,
Hatten um Fallende Zank: denn jegliche wollte begierig
Trinken das schwarze Blut; und erhaschte sie einen gestreckten,
Oder an frischer Wund’ hinfallenden, schleunig um diesen
Schlug sie die mächtigen Klaun; und es fuhr die Seele zu Aïs,
Tief in des Tartaros Schauer hinab: war ihnen das Herz nun
Satt des Menschenblutes, zurück dann warfen sie jenen,
Wandten sich um, und durchstürmten der Feldschlacht Lärm und Getümmel.[2]Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß

Lesen Sie nur, o Freundin, diese Conclusio des Pulitzer-Preisträgers Chris Hedges[3]Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs”theoretiker” aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia: → Waltzing to Armageddon[4]Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt … Continue reading; soeben schickte mir Schelmen-
zunft
den Link:

(…) Germany, for the first time since World War II, is massively rearming. It has lifted its ban on exporting weapons. Its new military budget is twice the amount of the old budget, with promises to raise the budget to more than 2 percent of GDP, which would move its military from the seventh largest in the world to the third, behind China and the United States. (...) NATO battlegroups are being doubled in size in the Baltic states to more than 6,000 troops. Battlegroups will be sent to Romania and Slovakia. Washington will double the number of U.S. troops stationed in Poland to 9,000. Sweden and Finland are considering dropping their neutral status to integrate with NATO.
This is a recipe for global war. History, as well as all the conflicts I covered as a war correspondent, have demonstrated that when military posturing begins, it often takes little to set the funeral pyre alight. One mistake. One overreach. One military gamble too many. One too many provocations. One act of desperation. (…)
The Dr. Strangeloves, like zombies rising from the mass graves they created around the globe, are once again stoking new campaigns of industrial mass slaughter. No diplomacy. No attempt to address the legitimate grievances of our adversaries. No check on rampant militarism. No capacity to see the world from another perspective. No ability to comprehend reality outside the confines of the binary rubric of good and evil. No understanding of the debacles they orchestrated for decades. No capacity for pity or remorse.[5]Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und … Continue reading

Und aber hier rufen jetzt schon so v i e  l e: “Mitmachen! Mitmachen!” Und berufen sich, mehr oder minder direkt, auf die militärische – und aber eben in einem Weltkrieg – Befreiung von der Hitlermonstrosität. Also denken sie den Weltkrieg schon mit, nähmen ihn zumindest inkauf, um von der atomaren Bedrohung ganz zu schweigen. — Nein, ich stehe nicht, und stand da noch nie, auf Seiten Putins. Ich rufe weiterhin: “Миру Україні!” Und wünsche mir Putins, Lawrows und all der andern Verbrecher Ende. Nur arbeiten, arbeiten kann ich nicht. Nicht anders jedenfalls, als gegen diese Bedrohung anzuschreiben und mich ihr täglich, stündlich, minütlich zu stellen. So gesehen, bin kriegskrank nun auch ich, anders aber → als jene.

Entspannung, ein bißchen, geben mir die wenigen Treffen mit लक्ष्मी, meinem Sohn und der Familie, mit den Freunden; dann komme ich momentlang aus der Schwärze heraus, manchmal etwas länger. Und kann dann sogar lachen. Die Schwärze aber frißt mich auf, frißt meine poetische Leidenschaft auf, wahrscheinlich auch meine Fähigkeiten oder, becheidner, mein Talent. Denn sie schließt mich von aller Begeisterung aus. (Gegenüber den Leiden der bombardierten Menschen ist das ein Pups, das ist mir wohl bewußt.)

Ihr ANH
11.50 Uhr. Der Amselhahn singt.

References

References
1 Lawrow einen “Aristokraten der Apokalypse” zu nennen, ist, mit intellektuell feiner Feder, genau das. Der hier unter dem Pseudonym “Severyn Korab” schreibende ukrainische Autor – oder die Autorin – typisiert, und zwar säkularmythisch. Es entsteht die Figur eines sozusagen technokratischen Vampirs, nicht eines Menschen.
2 Hesiod, Der Schild des Herakles, 234-253; Übersetzung von Johann Heinrich Voß
3 Auch ihn habe ich recherchiert, um nicht möglicherweise einem Verschwörungs”theoretiker” aufzusitzen; genauer noch ist → die englische Wikipedia
4 Daß Hedges derselbe Begriff in den Sinn kam wie Der Dschungel → dort, belegt eine sehr ähnliche Perspektive auf die Endgültigkeit, nämlich Irreversibilität, dessen, was uns bei unserm Eintritt in der Krieg bevorzustehen droht: daß der noch begrenzte Schrecken zu einem in jedem Sinn unbegrenzten würde.
5 Deutschland rüstet zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wieder massiv auf. Es hat sein Verbot, Waffen zu exportieren, aufgehoben. Der neue Militärhaushalt ist doppelt so hoch wie der alte, und es wurde versprochen, den Etat auf mehr als 2 Prozent des BIP zu erhöhen, was das Militär von der siebtgrößten in der Welt auf die drittgrößte Position hinter China und den Vereinigten Staaten bringen würde. (…) Die Größe der NATO-Kampftruppen in den baltischen Staaten wird auf mehr als 6.000 Mann verdoppelt. Gefechtsverbände werden nach Rumänien und in die Slowakei entsandt. Washington wird die Zahl der in Polen stationierten US-Truppen auf 9.000 verdoppeln. Schweden und Finnland erwägen, ihren neutralen Status aufzugeben und sich in die NATO zu integrieren.
Dies ist ein Rezept für einen globalen Krieg. Die Geschichte und alle Konflikte, über die ich als Kriegsberichterstatter berichtet habe, haben gezeigt, dass es oft nicht viel braucht, um den Scheiterhaufen in Brand zu setzen, wenn das militärische Getue beginnt. Ein Fehler. Eine Übertreibung. Ein militärisches Wagnis zu viel. Eine Provokation zu viel. Ein Akt der Verzweiflung. (Übersetzung: deepl)

“Wir kommen da mit sauberen Händen nicht mehr heraus”: Deutschlands zweite – der Bundesrepublik – quasi Wiederbewaffnung, nun atomar? Im Nichtarbeitenkönnenjournal des Sonntags, den 27. Februar 2022.

[Arbeitswohnung, 15.40 Uhr]

Ans Arbeiten ist nicht zu denken; statt dessen von → Scholzens Regierungserklärung an die Parlamentsdebatte verfolgt – wobei es schon  erbärmlich ist, daß die technische Ausstattung des Reichstagsgebäudes nicht nur keine störungsfreie live-Übertragung zuläßt, sondern die Störungen sich in permanenten Wiederholungen des bereits Gesagten und Gezeigten manifestieren, manchmal so, daß jemand denken könnte, hier werde mit Absicht geschnitten, und zwar durchaus nach rhetorischen Maximen. Außerdem erschrak ich, weil ich ausgerechnet Alice Weigel, einer, wenn nicht der AfD-Frau, in einem Punkt zustimmen mußte, was nämlich die Mitschuld des Westens, namentlich der NATO, an der Ukraine-Katastrophe anbelangt, ein Thema, um das sonst fast alle einen Riesenbogen des Nichthinsehens schlugen. Wobei die Frage nach eigener Schuld im Augenblick ziemlich unwichtig ist. Es mag Mitschuld sein, aber nicht ein Verbrechen, wie es diese russische Invasion ist. Putin hat sogar die Atomstreitkäfte in Bereitschaft versetzt – las ich im → Newsblog der ZEIT, der in meinem Arbeitscockpit dauerhaft auf dem linken großen Screen mitläuft. — Nein, an meine Arbeit ist nicht zu denken. Oder zu denken s c h o n, aber sie kommt mir müßig, ja objektiv ohne jedes Interesse vor, das jemand noch, selbst ich, an Laupeyßers Schicksal haben könnte. Es ist wohlfeil. Mein Roman ist zur Zeit komplett überflüssig, ein lächerlicher Luxus sichselbstfindender Sentimentalität.
Kurz auch überlegt, an der großen → Demonstration teilzunehmen, es aber schnell wieder verworfen und die Parlamentsdebatte gewählt. Ich brauche meine eigenen Gedanken, die ich nicht in skandierten, gar mitskandierten Massenchören untergehen lassen will, zumal mit ihnen, anders als in Rußland, für die Teilnehmer nicht der Pups einer Gefahr verbunden ist. Gut, es mag ein Zeichen der Solidarität für die Ukraine sein, aber mich wohlfühlen, weil ich mit so vielen “auf der richtigen Seite” stehe, ist etwas, das ich ablehne. Für mich, bitte nicht mißverstehen; anderen Menschen ist, zu einer Gruppe zu gehören, die auch das Überich beruhigt, ganz sicher wesentlich. Für mich war es das nie und wird es auch nicht werden. Wär es indessen gefährlich, grad für jede und jeden persönlich, hätte ich mich anders entschieden und wäre gegangen. Vermute ich, weiß es aber nicht. Doch war, mich meiner Angst zu beugen, noch niemals meine Stärke. Egal.
Also Weidel. Furchtbares Erlebnis für mich. Die anderen Beiträger der AfD waren voraussagbar entsetzlich, da war ich wieder (etwas) beruhigt. Imponiert allerdings hat mir, als einzige Rede, Robert Habecks Ansprache (anklicken, dann können Sie sie hier anschauen):

S e h r imponiert, nicht nur, weil ich ihm so zustimme, sondern weil das Video zeigt, wie jemand gegen seine tiefste Überzeugung sie relativieren und ideologisch sogar umschwenken muß. Ich habe vor so etwas höchste Achtung. Sein Satz “Wir kommen aus dieser Sache mit sauberen Händen nicht mehr heraus” wird Geschichte werden, ist es schon. W i e schmutzig sie werden könnten, zeigten einige Beiträge zur, inklusive wahrscheinlicher  Wiedereinführung der Wehrpflicht, beschlossenen Aufrüstung der Bundeswehr (mit einem Fonds von 100 Mrd. €) … zeigten einige Beiträge, die mehr oder minder verdeckt auch mit atomarer Bewaffnung flirteten. Ich weiß, das Wort, “flirten”, ist unangemessen, sogar stillos, aber ich kann mein Erschrecken nur euphemistisch ertragen. Schlimm indessen war auch → Merz, um von Dobrindt, den ich deshalb nicht verlinke, am besten zu schweigen (Weidel verlinke ich trotz meiner teilweisen Zustimmung erst recht nicht. Der heutige Kotau der AfD vor einem Massen- und Völkermörder ist schlichtweg widerlich. Bei Markus Söder, den ich genauso wenig mag, wär Weidel besser aufgehoben und diente ihrer Wählerschaft mehr, als daß sie sie Observationsobjekte des Bundesverfassungsschutzes werden läßt.)

Wozu also momentan Dichtung? Meine Zweifel, Freundin, sind riesig. Die russische Armee kommt nur schleppend voran, die Ukrainer schlagen sie immer wieder, einstweilen, zurück. Aber eben “noch”. Deutschland unternimmt eine historische Kehre und liefert dem bedrohten Volk nun doch deutsche Waffen.
Ein Dammbruch nach dem anderen. Lindner, dessen Rede mäßig war, eher noch bürokratisch, bricht mit seinem versprochenen Sparkurs – eben für die Aufrüstung. Er kriegte den Stock nicht aus dem Arsch, der, jener, bis in den Hals hinaufstak. Und den hab ich gewählt! – Dagegen, in ihrer Leidenschaft sowohl an- wie berührend und beklemmend, Britta Haßelmann:

“Kiew ist von Berlin so weit entfernt wie Rom.” Dringlicher läßt es sich nicht sagen. → Parallalie lebt in Amelia knapp neunzig Kilometer nördlich. Ich spüre zunehmend deutlich den Abgesang, der → die Béartgedichte sind, am Ende einer Ära. Doch das, was melancholisch war, ist nun angstbesetzt, und voll wutpraller  Trauer. Es will sich die Utopie nicht erheben, die russischen Soldaten desertierten (eine Idee, auf die mein Arco-Verleger kam), alle, gemeinsam; sie bleibt am Boden, diese Utopie, und zittert da vor Lebensnot. So verschaffen sich die Körper doch wenigstens Wärme. Ihre russischen Mütter, die Väter daheim haben dieselbe Angst wie die ukrainischen. Und je deren Brüder, Schwestern, Freundinnen und Freunde. (Indem ich hier tippe, verlier ich ein bißchen meine Unruhe, die auch daher rührt, daß ich so vieles, in → Anderswelt, vor allem in Thetis, vorhersah. Unter anderen Vorzeichen freilich.)

 

[Unterbrechung: Videotelefonat mit der Löwin]

 

Alles in mir dreht sich um die Ukraine und letztlich um Europa, das ich derart liebe, und nun den grundsätzlichen Paradigmenwechsel nicht nur der deutschen Politik, sondern auch unseres deutschpolitischen Selbstverständnisses nach dem Zweiten Weltkrieg und deutscher Verantwortung: was sie bedeute. “Nie wieder Krieg!” – dieses auch für mich unbedingte Manifest, das lebenslanges Bekenntnis war, wurde auch in der heutigen Parlamentsdebatte zu einer lächerlichen Maxime, die zu verhöhnen direkt zu spüren war, wie manche Redner es genossen. Fast spür ich sie, nur entsetzt, ganz genauso. Nicht die Spur billig Selbstbestätigtseins in mir – anders als in einigen Reden namentlich aus den Reihen der “christlichen” Parteien. Sondern ich empfinde, was soeben geschieht, als einschneidender, ja gar nicht damit auch nur vergleichbar,  als damals den → Nachrüstungsbeschluß, der Anlaß eines der wenigen Male war, daß ich an Demonstrationen teilnahm (und prompt verhaftet wurde). Damals habe ich noch gedacht, unsere Proteste würden etwas bewirken. Unterm Strich habe ich gelernt, daß gewaltfreie Demonstrationen zu gar nichts führen und solche mit Gewalt oft das Gegenteil dessen bewirken, was sie erreichen wollen. Die meisten Demonstrationen waren, nach meinem Erleben, Selbstfindungs und -bestätigungsakte. Auch deshalb ging ich heute nicht hin. In Rußland ist das anders; dort wird eigenes plötzlich-Verschwinden riskiert. Es ist das Gegenteil jeglichen Wohlfeilseins. Wobei wir, in einem noch derart gläubigen Land, die russisch-orthodoxe Kirche hinzudenken müssen, der, wer an der Macht ist, für von Gott dort hingesetzt gilt. (Deswegen das ukrainische → Schisma). In Rußland ist ziviler Ungehorsam auch innerhalb der eigenen Familien- und anderen Sozialgebilde stets  blasphemisch Tabubruch. Hier hat man Joints danach geraucht, tut es vielleicht jetzt noch.

  • Nichts, übrigens, gegen Joints. → Liligeia hat mich gelehrt, für THC recht dankbar zu sein, zumal es jetzt bei mir auch wirkt. Was jahrzehntelang nicht so war. Weshalb die Veränderung, darüber hat klug mein Sohn mich in Kenntnis gesetzt.

(Eigentlich eine Idee grad, im Döschen ist noch a bisserl. Doch nein, ich schieße mich jetzt nicht weg. Zumal ich grad gerne in der letzten Vorstellung von → Janáčeks Makropulos säße; da es mein drittes Mal wäre, hab ich nicht gefragt.

Musik ist Erlösung auf Zeit.)

Die Putin-Riege droht mit Atomwaffen, Jen Psaki kontert, dreiundzwanzig Minuten ist’s her: “Wir haben die Fähigkeit, uns zu verteidigen.” Laut dem Bericht der ZEIT (in deren Übersetzung).
Der Schrecken wird Kalkül. In Deutschland ebenso – nicht dem vor ’45.

 

Letzte Nachricht, bevor ich dies hier erstmal beschließe: Auch Schweden liefert nun Waffen. Auch dort ist es ein Dammbruch. (Ein Problem dabei, wenn geschieht, was ich befürchtend → schon formulierte: Unterliegt die Ukraine dem Völkerrechtsverstoß, wie ich’s für wahrscheinlich halte (und wäre dankbar, sehr, würd ich eines dann wirklich Besseren belehrt), geht alles Material ins Eigentum des putinrussischen Großmachtstrebens über – daß dann ein “Streben” nicht mehr ist.)

ANH

[19.06 Uhr]

Cavanis Nachtportier im, auch zur Verwirrung des Gemüt(h)s, Arbeitsjournal des Dienstags, den 22. Februar 2022. Und zuvor der Dialog mit einem mir wichtigen Kollegen, dem ich den Hinweis auf Cavani verdanke.

[Arbeitswohnung, 6,40 Uhr
Erster Latte macchiato | Erste Morgenfeier
Keine Musik, sondern der jugelnde Amselhahn wieder, draußen,
sowie zwei Krähen, die rufen]
Ich weiß nicht, ob mich Freund → Esch[1]ein Anonym; der Kollege möchte öffentlich nicht mehr kommentieren; pikant freilich, daß er als Pseudonym den Namen eines, wie im Deutschlandfunk → Katrin Hillgruber meinte, “Vorläufers … Continue reading, als er mich vorgestern in Facebook persönlich anschrieb, sanft darauf aufmerksam machen wollte, daß meine → dort skizzierte Romanidee d o c h bereits realisiert worden ist, anders als ich meinte; jedenfalls setzte er mich auf eine Fährte, die mehr als nur einmal um  “Die Verwirrung des Gemüths” herum-, allerdings nicht in deren Zentrum hineinführt, doch ihr eben einen Bedeutungshof mitverleiht, der mich frappiert hat.
Es entspann sich der folgende Dialog:

15.36 Uhr

A.Esch
Wären vielleicht eine gute Besetzung gewesen → für Deine Idee

ANH
Oh ja!
A.Esch
Kennst Du aber?
ANH
Aber ja. Doch da es Ewigkeiten her ist, daß ich → Cavanis Film sah, sehe ich ihn mir heute abend noch einmal an; bei Amazon prime läßt er sich für 3,99 streamen. Aber meine Idee ist eine andere, keine, nachdem das Unheil schon vorbei, sondern noch während es geschieht. Das entspricht auch → Pynchons Konstruktion, die aber das sexuelle Moment, untypisch für ihn, zurücknimmt, statt dessen die Ergebenheit ins Zentrum stellt – eine, die an die wohl schlimmste Bibelerzählung erinnert, die ich kenne: Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern und dann die angebliche Gnade, in Wahrheit den Sadismus Gottes, ihn fast noch den letzten Schritt ausführen zu lassen. Diese ganze Parabel trägt extrem faschistische Züge.
A.Esch
Es steckt hier auch ein Thema, das in der ganzen Holocaust-Literatur (wenn man das so nennen will) völlig übergangen wird. Nämlich die sehr verbreitete sexuelle Übergriffigkeit der Täter. Sie trieben die Frauen ja nicht einfach nackt in die Gaskammern. Sie begrabschten ihnen vorher noch die Brüste und steckten ihnen die Finger in die Scheide. Die Begierde, die in dem Moment der totalen Verfügbarkeit aufflammt. Theweleits ›Männerphantasien‹ sind nicht nur mit der Vernichtung zu befriedigen, das ist nur der Endpunkt, vorher kommen alle Arten von Grenzüberschreitungen. Pasolini hat in den 120 Tagen einiges davon gezeigt.
KZs sind nicht nur Orte des Mordens gewesen, sondern auch Orte sexualisierter Gewalt, hauptsächlich gegen Frauen.
ANH
Das ist mir komplett bewußt, und es ist auch eines d e r Themen der gerade von mir bearbeiteten Verwirrung des Gemüts.

 22.55 Uhr

ANH
Lieber Esch, ich bin Dir – jetzt, nachdem ich diesen Film wiedersah – erneut zu großem, sehr großem Dank verpflichtet. Denn ich verstehe jetzt, weshalb man mich nach der Verwirrung so ausgeschlossen hat – bis heute. Im Prinzip habe ich damals, aber ohne es zu wissen, direkt an Cavani angeschlossen; meine Fragen in dem Roman sind dieselben, die sie, sie aber mit sehr viel ausgearbeiteren Mitteln, in ihrem Film gestellt hat und die sogar sie an den Pranger stellten. Bei mir war das leicht, einem Greenhorn, der gerade einmal begann und seine Formen erst allmählich geschnitzt hat. Es ist ein großer Film, und ich muß jetzt sehen, in der Verwirrungs-Neubearbeitung dafür einen Platz zu finden. Aber alles ist mir jetzt, in den vergangenen zwei Stunden, enorm klar geworden. Ja, anders als ich Dir vorhin schrieb, ist Cavanis Film einer über Liebe, dem will ich Referenz erweisen. Umso wichtiger wäre, daß unsere diesbezügliche Korrspondenz in Die Dschungel kommt, die nach meinem Tod eine der Hauptquellen literarwissenschaftlicher Untersuchungen sein wird, dank → Elvira, die meine poetische Nachlaßverwaltung, nach ein wenig ängstlicher Überlegung, nun übernommen hat. Es ist diese Spur enorm wichtig, glaube ich. (Anlaß der Verwirrung war ein anderer Film, Caligula, aber in der Seele näher ist Cavanis, wobei ich denke, daß ich ihren Film erst später gesehen habe, vielleicht wenig später, ich weiß es nicht mehr, aber in den Endsechzigern, als der Deutsche Herbst noch wirkte.) Ich war literarisch nie sentinmental, setzte mich immer aus (persönlich aber war ich’s schon von Zeit zu Zeit, wußte es aber vom Poetischen zu trennen). Ich kann den Film so deutlich fühlen, weil ja auch ich Erfahrungen, und gut-intensive, gelebte, mit SM habe. Das war, ohne daß ich es 1979-80 schon wußte, die Spur, der ich folgte. Wie gesagt: riesigen Dank.
Ich habe mich übrigens entschlossen, für die Ausgabe Zweiter Hand ein Vorwort zu schreiben; erst dachte ich, auch in der Nachfolge Jean Pauls, aber jetzt, nach Deinem Hinweis, geht es noch um etwas ganz, ganz anderes – das gerade in den jetzigen so “correcten” Zeiten von Bedeutung ist, Bedeutung für uns alle, die wir uns den Ambivalenzen aussetzen und sie eben nicht verdrängen.
A.Esch
Ich werde jetzt aber extra die alte Fassung nochmal lesen.
ANH
Und dann, bitte bitte, die neue. Ich werde sie Dir sofort nach Erscheinen zuschicken lassen. Kann aber Juni werden.
A.Esch
Ja, aber genau den Unterschied will ich zeitnah sehen.
ANH
Das ist gut und richtig. In der Neufassung zeige ich “nur”, was ich mit sechsundzwanzig noch nicht konnte — obwohl es nötig gewesen wäre. Ich habe es den Verkleisterern zu leicht gemacht. Aber lies erstmal.

23.26 Uhr.

***

Und ich notierte noch in derselben Nacht, ich wisse jetzt, weshalb die Verwirrung nach ihrem Ersterscheinen 1983 derart verrissen wurde. Ich hätte unwissentlich an etwas angeschlossen, das Cavani begonnen habe und, besonders in Deutschland, nicht zugelassen werden durfte. In der Tat wurde diesem Film teils mit einer Abscheu begegnet, die alarmierend an eine Reaktionsbildung nicht nur erinnert. “(…) as nasty as it is lubricious, a despicable attempt to titillate us by exploiting memories of persecution and suffering”, → schreibt zum Beispiel Roger Ebert; und das IKONENMAGAZIN:  „Dieser Film stellte den Prototyp einer ganzen Welle teils reißerischer, oft an der Grenze zur Pornographie rangierender Exploitationfilme [dar], die die genoziden Verbrechen des Dritten Reiches als Hintergrund für meist triviale Erotikdramen benutzten.“ Hier läuten sämtliche Glocken der kollektiven Verdrängung. Es gab aber auch moderate, nachdenkliche Stimmen, auf die freilich ich, das damals noch, wie ich selber schreibe, Greenhorn, nicht rechnen konnte. Ich hatte aber die faschismuskollektive Verdrängungsmechanik sowieso nicht gesehen, weil nämlich auf das eigentliche konzentriert:

(…) als ich von dem Film ihr erzählte, den Masturbationsmaschinen, kleinen spitzen Blechdornen. Säuber­lichen Schnitts ward dem Ohnmächtigen mittels eines Rasier­messers die Eichel vom erigierten Glied geschnitten, triumphierend hochgehalten vom Verweser zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, die anderen Finger gespreizt, abgewinkelt; vorgeworfen das Blutige dann im Film den Hunden und in Wahrheit dem dröhnenden Lachen einer Gruppe junger Erwachsener im Kinodunkel, fiel wohl irgendwohin, in einen der fahlen Hinterköpfe, während draußen der Abend sich lauwarm zwischen Autodächer drückt, im Anflug der Nacht. Unter Laternen gläsernes Neonweiß.
Kann i c h mich noch entsetzen?
(Erstfassung 1983, S.7/8)

Da diese Stelle, die eine Zwangskastration nacherzählt, gleich am Anfang des Romanes steht, auf der ersten Textseite nämlich, weigerten sich damals die bayerischen Buchhändler, das Buch überhaupt auszulegen (List war damals ein Münchner Verlag) — womit “Das Problem ANH” bereits in der Welt war. Daß es nicht nur um Verdrängungsmodi ging, sondern vor allem um eine möglicherweise in uns allen angelegte sadistische Lust, der als, ich schreibe einmal, “Empfängerin” eine masochistische entspricht, und auch deren beider Dynamik, wenn kolletiv losgelassen, also politisch geworden, ins steinerne Herz des Fachismus führt, wurde nicht gesehen oder, meine ich, durfte gesehen nicht werden. Ich hatte es gewagt, der Vergangenheitsbewältigung den sentimentalen Zahn zu ziehen. Wohin mein Unternehmen schließlich führte, lesen Sie, Freundin, dann bitte im Buch nach, am besten in der, wenn sie denn erschienen sein wird, Neuausgabe Zweiter Hand.

Hier jetzt erst einmal zu Cavanis Film:

Anders als → das Erzählprojekt, das mir am Sonntag in den Sinn kam, spielt Der Nachtportier nicht während der NS-Zeit selbst, bzw. das nur in den Erinnerungen der beiden Hauptprotagonisten, Rückblenden also, sondern in den Fünfzigerjahren Wiens, wo sich in einem Hotel bei der Volksoper ehemalige SS-Offiziere treffen, die an den in den Lagern verübten Verbrechen schwere Schuld tragen, die sie aber nicht bereuen, sondern sie sind nach wie vor “stolz”, große, sagen wir, “Arier” gewesen zu sein; kurz, sie sind Nationalsozialisten nach wie vor und also selbsternannte Übermenschen, die jetzt allerdings, in der neuen demokratischen Zeit, sich gerichtlich verantworten müssen, das aber auch, vermittels eines ebenfalls hitlerverehrend gebliebenen Anwalts, durchweg hinbekommen. Wie es in dieser Zeit – und noch lange nachher – auch gewesen sein wird. Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, etwaige Belastungszeugen, wenn sie die Möglichkeit haben, aus dem Weg zu räumen. Um es euphemistisch auszudrücken. — Einer von ihnen ist der Nachtportier, von Dirk Bogarde dargestellt. Anders als seinen Schwerverbecherkameraden ist ihm von Anfang an etwas Gestoßenes anzumerken, ein inneres Leiden, das von ihm ißt, welches Verzehrtwerden er mit Haltung zu ertragen versucht, einer Art leidendem Gleichmut, der auf andere wie eine fast aristokratische Höflichkeit wirkt und zugleich doch die Wärme des Schmerzes hat. Auch wenn er von allen, namentlich den Hotelgästen, beim Vornamen, Max, genannt wird, wie seinerzeit bei minder Bediensteten üblich, umgibt ihn ein geradezu umgekehrter Abstand des Ranges gleich einem unsichtbaren Magnetfeld. Was, denke ich, weniger mit Kalkül so inszeniert worden ist, als es an Bogardes ohnedies persönlicher Aura liegt; man kann sagen, schon Cavanis Casting sei perfekt gewesen. Es würde nicht zu ihm passen, als faschistischer “Herr” aufzutrumpfen; er bellt nicht wie Hitler, er spricht leise, gedämpft. Seine Augen sehen durch die Gestalten hindurch. Deshalb sind sie Einfallstore für Allegorien; er kann zur Bühne uralter, sich in Variationen ständig wiederholender Geschehen werden, die erst enden werden, wenn wir alle sind geendet, jede auch spätere Generation.
Und dieses, die Allegorie, begibt sich. — Wobei sich das folgende Geschehen auch mit dem später so genannten → Stockholmsyndrom erklären ließe. Doch ich habe das schon für meine kleine Erzählung → “Die Niedertracht der Musik” für eine Rationalisierung, nämlich Abwehr-, also Verdrängungsbewegung gehalten. Vermittels solcher “Erklärungen” versuchen wir, etwas von uns fernzuhalten, dem sich nichts entgegensetzen läßt und wir deshalb ausgeliefert sind. S begibt sich.
Im Lager nämlich schon. Die SS-Leute lassen die Gefangenen, ob weiblich oder männlich, ist egal, nackt in Reihe antreten und filmen die Leute, suchen sich, wie oben Esch gesagt hat, heraus, was ihnen gefällt, und benutzen es. Dazwischen ein, ich sage mal “Reh” – und bitt Sie doch zugleich, das Klischee zu entschuldigen. Doch “meine Kleine” wird Max noch später und immer wieder, und verzweifelnd, sagen, verzweifelnd auch vor Glück. – Im Lager nun wählt er sie sich und beginnt, sie zu quälen. Nur ist er auf eine Devote getroffen. Sie reagiert auf die Furcht mit Begehren. Und er, er verfällt ihr.
Die Szene wird als Erinnerung beider gezeigt, als sie in der Volksoper einer Aufführung der Zauberflöte beiwohnen. Er sitzt hinter ihr, schaut sie dauernd an, und sie kann nicht anders, als sich immer wieder umzuwenden, um wiederum ihn anzusehen. Hier spielt die Musik eine im Wortsinn ungeheure Rolle; was Mozarts Stück, das ich immer abgelehnt habe, hier zugleich Klang werden läßt, kann ich noch jetzt nicht fassen. Cavani hat alleine hier etwa Granddioses geschaffen. Freundin, Sie müssen es einfach selbst sehn und hören. Und als er, Max, die Frau wirklich sehr verletzt hat, körperlich, es klafft knapp unter ihrer linken Schulter ein riesiger Schnitt in ihrem Oberam, legt er seine Lippen auf die Wunde und saugt von ihrem Blut.
So etwas verliert sich mehr, nicht bei einer Frau von solcher Hingabe und bei dem Mann nicht, der sie annehmen kann und fängt, falls die Geliebte fällt.
Charlotte Rampling war immer eine enorm schöne Frau und ist es noch im Alter; als junge Frau aber war diese Schönheit rasend. Das wirkt hier selbstverständlich mit – in diesem Fall darf ich sogar schreiben “wirkt hier natürlich mit”. Rampling hat etwas von der Apartheit der frühen Grace Kelly, übersteigt sie aber, und zwar weit, weil dieser Schauspielerin etwas eignet, das Francis Bacon — Edgar Poe läßt es in → Ligeia Lord Verulam zitieren — für jede höchstrangige Schönheit ein für alle Mal in die richtigen Worte gefaßt hat:

There is no exquisite beauty without some strangeness in the proportion.

Zu diesem “gewissen Mißverhältnis in den Proportionen” gehört unabdingbar auch Ramplings höchst spürbare Neigung zur erotischen Übertretung; sie hat oft solche Frauen gespielt, immer war da etwas in ihren schlupflidrigen Katzenaugen, vor dem weiche oder gar schwache Männer sich besser in Acht nehmen sollten, um von den “woken” nachdrücklich zu schweigen. Daß, sofern ich richtig liege, diese Neigung so früh schon sichtbar wurde, wundert mich nicht. Meiner Kenntnis und persönlichen Erfahrung nach setzt auch dieses Begehren spätestens mit der Pubertät ein und hält meist lebenslang an.

Übrigens, kleiner und am Rande vermerkt, sind “woke” Leute
durchaus ihrerseits schwer grausam. Wie klagte mir neulich,
Freundin, eine andere Freundin? “Jetzt soll jede Form der
Sexualität erlaubt sein, homosexuelle, lesbische, und jeg-
licher Geschlechtermix. Aber was ist mir meiner Orientierung?
Als Devote werde ich beschimpft und würde, outete ich mich,
alles verlieren, angefangen von meiner Berufsanstellung
und bei einem Großteil meines Freundeskreises nicht auf-
gehört. Die Woken würden mich als angebliche Anwältin des
Patriarchats b e s p u c k e n ! Man würde meine Neigung mit
denselben Argumenten widerwärtig nennen, mit denen früher gegen
Homosexuelle vorgegangen wurde: Sie sei widernatürlich, unnatür-
lich und also ein Symptom seelischer Gestörtheit. Somit bleibt
mir als lustvoll Devoter gar nichts anderes übrig, als heimlich zu
leben, was ich leben will. Soviel zur woken Gerechtigkeit.”

Und dann, die junge Devote hat überlebt und ist mit einem internationalen Dirigenten verheiratet… dann hat das Paar in ebendem Hotel eine Suite reserviert — der Ehemann, ausgerechnet, ist es, der diese Zauberflöte dirigiert —, … so daß, was kommen muß, kommt. Sie und Max sehen sich wieder, man muß es biblisch sagen: erkennen sich wieder. Sie ist, die Allegorie, in ihnen leben geblieben, und was sich im Lager nicht verwirklichen ließ, sondern sozusagen angelebt wurde, die in der einander Verfallenheit L i e b e nämlich, nun hebt sie den Vorhang und zeigt sich — auch und gerade Maxens Nazikameraden, die ihn beschwören, um ihrer aller Sicherheit willen von dieser jungen Frau zu lassen. Die sie, wie andere Zeugen ihrer Verbrechen vorher, unauffällig beiseitebringen wollen. Er aber schützt die Geliebte, so daß einmal mehr wahrwird, daß alle großen Lieben mit dem Tode enden (oder sie enden im Abwasch des Alltags und sind dann keine mehr). Wobei in dieser Geschichte sein Tod auch gerecht ist; in den Nürnberger Prozessen wäre er an den Strick verurteilt worden. Nur daß ihn jetzt die Frau begleitet, seine Frau und willentlich, egal, mit wem sie rechtlich verheiratet ist. Es ist ein Heimtücksmord, der in die Rücken schießt. Doch beide Menschen fallen gemeinsam, zwischen ihnen eines Brückengehsteigs Asphalt, der sie, glaube ich zutiefst, zu trennen auch nicht vermag:

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[12.50 Uhr]
Jetzt habe ich lange geschrieben und lange Bilder formatiert, bin in Cavanis Film noch einmal eingedrungen und mir über vieles weitere klargeworden, das hier nun notiert ist. Sie können den Text auch als Filmkritik lesen, in jedem Fall als eine Empfehlung.
Seltsam bleibt, daß ich mich zwar erinnerte, diesen Nachtportier schon gesehen zu haben, doch daß ich vergaß, was er erzählt. Vor der Verwirrung sah ich ihn wahrscheinlich nicht, er wäre sonst ihres Hauptthemas wegen in dem Buch sicherlich erwähnt worden, auch wenn ich die Nähe gar nicht begriffen hätte. Doch auch später begriff ich sie nicht, hätte es wohl erst in der Berliner Zeit gekonnt, nachdem meine dominante, wenn auch nicht so sehr sadistische Sexualität aktiviert wurde und ich sie auszuleben begonnen hatte. So nehme ich an, daß ich den Film irgendwann in den mittleren Achtzigern sah und er mir schlichtweg fremd blieb.
Das hat sich nun extrem geändert. Vielleicht brauchte es “nur” Reife und also eigene Geschichte.

Freundin, ich brauchte Blumen, brauche manchmal Blumen. Aber ich sitze allein. Deshalb kaufte ich-selbst gestern welche, Tulpen. Es ist ein Frühjahrswinken ich zu ich. Und wie es, nachdem ich’s – bei PENNY erstanden, zuhaus beinah welk – mit frischem Wasser und drin etwas Zucker versorgt, a u f g e  s c h o s s e n ist! Nun sind wir uns gegenseitig dankbar, die Tulpen und ich.

Ihr

ANH

References

References
1 ein Anonym; der Kollege möchte öffentlich nicht mehr kommentieren; pikant freilich, daß er als Pseudonym den Namen eines, wie im Deutschlandfunk → Katrin Hillgruber meinte, “Vorläufers der Wutbürger” gewählt hat
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