“Ein bißchen schaurig ist das s c h o n.” Das Gänsehautjournal des Sonntags, den 27. November 2022.

[Medikamentenversuch Pregabalin → Fünfter Tag]

 

[Arbeitswohnung, 11.44 Uhr
France Musique Classique plus:
Richard Strauss, Letzte Lieder (Jessey Norman)]
Gestern mit dem achtundzwanzigsten Triestbrief tatsächlich fertig geworden und dabei sogar, nach → diesem vermeintlichen Ende einen guten Übergang für den neunundzwanzigsten, also letzten Brief des Romanes hinbekommen. Sehr erleichternd. Also werde ich heute damit zu tun haben, den Brief korrekturzulesen, vielleicht auch noch die eine und/oder andere Änderung, bzw. Schärfung der Szenen einzufügen und ihn dann für den Typoskriptband auszudrucken und drin abzuheften. Daß ich bereits dazu kommen werde, den neunundzwanzigsten Brief zu beginnen, glaube ich hingegen nicht, schon weil ich, da wir solch ein sonniges Wetter haben, gerne einen ausgebigen Spaziergang machen möchte. Womit ich nicht lange warten sollte. Es wird doch in dieser Jahreszeit stets so übel schnell dunkel, und ich brauche Licht.

Außerdem an einer nächsten Ergänzung der zweiten Tattooerweiterung gefriemelt, erst mit Filzer, dann, weil der wieder mal nicht hielt, mit schwarzem Nagellack – was beides aber viel zu dicke Striche ergibt. Denken Sie sich sie feiner, sehr viel feiner, liebste Freundin, so, wie die Realisierung am Hals. Jedenfalls sagte gestern abend auf Broßmanns wunderbarem Fest jemand mir übrigens ausgesprochen Sympathisches, schon, weil er einerseits hochintelligent nicht nur wirkte, andererseits aber selbst sehr hell – und sportlich-elegant dazu, mit berückendem Lachen: “Das ist aber nun ein Statement!” Zu sehen war selbstverständlich nicht das Tattoo insgesamt, sondern nur mein auf die Oberseite der rechten Hand mit zumal linkisch mit links aufgetragener Entwurfsversuch.
Tatsächlich emfand ich für Tattos Hände stets als Tabu. Doch war mir schleichend klargeworden, daß ich auch dieses würde brechen müssen, wenn ich es denn mit der Selbstermächtigung über meine Versehrung ernstmeinen wolle. Zumal auch dies wieder in den Triestroman hineinspielt und möglicherweise in ihm selbst noch Thema werden wird, ganz sicher aber in meiner nun fest eingeplanten Yōsei/Horu-Shi-Novelle. Ein kleiner Ärger allerdings, daß es keine wasserfesten Hautfarben gibt, die sich mit einem Stift auftragen lassen und zumindest die Haltbarkeit von Henna haben. Sonst würde ich erst einmal damit operieren und schauen, wie ich in, sagen wir, einzwei Monaten zu diesem Wechsel meines Geschmacksempfindens stehe. Aber so nehme ich das Risiko halt an, hat auch was von einem Rausch, der allerdings dem einer Selbstüberhebung eher gleicht als nur jener der -ermächtigung. Was ich mit ausgesprochenem Interesse, sozusagen gehobener Augenbraue, beobachte. Doch ist ja auch dieser Komplex stets in meiner Dichtung zugegen. Die sowas von “neben der Zeit” liegt! Nicht “gegen” sie, nein, nur neben, im Wortsinn, ein ganz eigener paralleler Zeitverlaufsstrang, von dem ich freilich weiß, daß er nicht ohne Wurzeln, sondern Fortführung vorheriger simultaner Nebenstränge der poetischen Ästhtik ist, die es – neben – ebenfalls waren. Erzählt indes, in den Feuilletons, wird fast immer nur der Hauptstrang (“Mainstream”); anscheinend Abseitiges – das später einmal, wie Kafka und Kleist, das zentrale “Narrativ” der Literaturgeschichtsschreibung zur Ästhetik werden könnte – wird umso seltener auch nur besprochen, desto querer (nicht “queerer”!) es zur allgemeinen Gutmeinung steht. Insofern muß es mich, auch wenn es mich sehr wurmt, nicht wundern, daß etwa die Béarts in den “offiziellen” Feuilletons nicht vorkommen, abgesehen von → Carsten Ottes SWR-Besprechung selbstverständlich. Dabei w e i ß ich von Rezensionen, die schon geschrieben und längst abgegeben worden sind, die aber ganz offenbar von den Reaktionschefs und -innen zurückgehalten werden. Es zeigt dies die journalistische unterdessen nicht nur noch “Tendenz”, nicht bloß tendenziös zu schreiben, sondern auch bewußt zu verschweigen, und wiederum mit anderem, das die Zustimmung eines vorgestellten Publikums zu garantieren scheint, also mit schlichtweg der Masse zu laufen, selbst wenn sie gar keine ist, sondern nur aus einigen wenigen besteht, aber aus lauten, sozusagen “moralischen” Schreihälsen, die die Meinungshoheit okkupierten. So daß es nicht einmal mehr theoretisch um Objektivität, sondern darum geht, sich den Mehrheiten, der “Quote”, anzudienern. Na gut, solln sie. Ich weiß, an was ich arbeite, und weiß auch, warum. Auf jeden Fall bleibe ich frei von grobem ideologischen Unfug. Mitunter komme ich mir wie ein Warner unter all den Intellektuellen vorm Ersten Weltkrieg vor (auch Thomas Mann war dabei), die sich jubelnd darum drängelten, Mitmorden und Mitgemordetwerden zu dürfen. Ein bißchen schaurig ist es s c h o n, daß sich offenbar so gar nichts in den Psychodynamiken ändert.

Ihr, Begehrte,
ANH

[France Musique Contemporaine:
Jana Kmitova, Gesichtsstudien für Orchester (2017)]

Ach so, falls Sie noch ein so ausgefallenes wie edles Weihnachtsgeschenkt brauchen: Diaphanes’ Sonderausgaben des Béart-Gedichtzyklus sind jetzt erhältlich. Näheres → dort.

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[20.04 Uhr
Tschaikowski, Sinfonie Nr. 3 (Vinyl, 70er Jahre)
Eine LP, die ich mit siebzehn oft, sehr oft gehört habe.
Diese Dritte war mir neben Tschaikowskis Fünfter
die damals immer liebste.]
Fertig geworden mit Korrektur und Ausdruck des achtundreißigsten Triestbriefs, den ich jetzt auch eingeheftet habe. Wie ich’s mir heut morgen gedacht habe, war es doch noch einige Arbeit. Aber insgesamt bin ich fast erstaunt, wie gut er nun “läuft”. – 424 Seiten hat das Typoskript unterdessen, was übern Daumen rund 500 Buchseiten entspricht, eine ziemliche Menge holzhaltigen Papiers. Wobei dieser achtunddreißigste mit seinen zweiundzwanzig Seiten der deutlich längste ist bislang und was nur noch der letzte “toppen” könnte, aber nicht soll.

Gut, “Feierabend”. Jetzt wird Peter Giacomuzzis “Briefe an Mimi” zuende gelesen; zwischendurch kommen die bereits vorbereiteten grünen, reisgefüllten Paprikaschoten in den Ofen; der Sugo dazu ist schon fertig. Zum also Nachtessen dann gibt’s vielleicht noch ein oder zwei Folgen “Babylon Berlin”. Genießen auch Sie Ihren Feierabend.

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Yōseis Tätowierkunst im Arbeitsjournal des Dienstags, den 21. November 2022, worin die Triskele | radikal zum Rhizom geworden und damit — literarisch a u c h.

[Arbeitswohnung, 6.43 Uhr
Erste Morgenpfeife, Latte macchiato
Kaija Saariaho, Nymphea]
Es gibt Komponistinnen und Komponisten, die ihre musikalischen Themen vollendet melodisch schon haben, bevor sie ihre Verarbeitung, die “Arbeit am Material” (Adorno), beginnen, und solche, die sie während dieser Arbeit erst finden. Ich hörte viel Rautavaara, nun die von mir fast geliebte Saariaho; er gehört in die erste, nun jà, “Kategorie”, sie gewiß in die zweite. Ganz wie ich selbst, der ich, wenn ich ein Buch beginne, zwar eine Idee verfolge, nie aber wirklich weiß, wohin sie mich führt. Dieses ergibt sich erst aus dem Schreibprozeß. Wie abermals n u n, da die zweite Erweiterung meines → Bioport-Tattoos gestern abgeschlossen wurde. Es hat jetzt, wie ich Phyllis Kiehl in Whatsapp schrieb, genau dies Organische, das mir vorgeschwebt war, als ich das Abenteuer ohne schon zu ahnen anfing, das es zugleich ein literarisches würde, und zwar sogar doppelt gebunden.
Vielleicht wäre aber absehbar gewesen, daß ich dieses Erleben in einen poetischen Text einbinden würde, in w e l c h e n, aber sicher nicht. Ich hatte ja bloß die Idee, daß eines Morgens auf Yōseis Rücken ein Symbol erscheint — es sollte anfangs → ein Drache, Ryū, sein, was ich indes, weil es Klischee gewesen wäre, sehr schnell verwarf —, von dem sie selbst gar nichts spürt; dort hinten sieht sie es freilich auch nicht. Aber ihr neuer Freund, beim gemeinsamen Aufwachen, bemerkt es, übrigens nicht auf dem Rücken, sondern inmitten ihres schmalen Nackens.

Ich mag nicht, wie mein Sohn es ausdrücken würde, “spoilern”; doch es ist ein Tattoo. Nur daß sie das Symbol, eine wie bei mir linksläufige Triskele, niemals hat stechen lassen. Und etwas geschieht mit ihm, weil das Ding nämlich lebt. Was in den Griff bekommen werden muß. Imgrunde mein Thema: Wie ermächtige ich mich dessen, was mir geschieht, und drehe also ein Geschehen, dem gegenüber ich eigentlich hilflos bin, weil ich objektiv keinen Einfluß auf es habe, so herum, daß es mein eigener Wille gestaltet. Hier sehe ich stets den künstlerischen Prozeß. So wird denn Yōsei eine Tätowiererin werden, und zwar eine meisterliche und daher radikale Künstlerin ihres Fachs. Auch dies dann wieder aus dem Leben genommen; wenn ich sie, Yōsei, bei der Arbeit beschreibe, beschreibe ich, was ich an → Elena beobachten darf.
Die zweite Bindung des thematischen Motivs ergibt sich daraus, → daß ich neulich begriff, eigentlich gehöre der Prozeß, mich, eben von dem Bioport ausgehend, tätowieren zu lassen, in das → Krebstagebuch, allerdings in seine Fortsetzung nach der noch nicht geschriebenen Klimax, für die ich erst nach Aqaba muß, um den “Spielort” der “Enteinigung”, also der OP, zu finden. Für die Reise dorthin fehlt mir noch das Geld (allerdings die Flüge dorthin → sind erschwinglich); ein guter symbolischer Zeitpunkt wäre im Februar mein Geburtstag. Nur hält mich noch mein, sagen wir, Aberglaube davon ab, mich zu verhalten, wie ich es eigentlich täte – mit dem vitalistischen Schlachtruf “Sei’s drum!” Vielleicht nämlich sollte ich warten, bis medizinisch objektiv gesagt werden kann, daß ich “geheilt” sei, bis also nach dem fünften Jahr. (Meine nächste Kontrolluntersuchung findet am 6. Dezember statt). – Wie aber nun auch immer, läßt sich dieses Tattoo-Projekt auch als eine Verbeugung vor → Liligeia verstehen, die ich als – bislang – Unterlegene e h r e. MIr ist das wichtig. Hatte ich aber s i e schon, also den Krebs, in mein literarisches Werk integriert — selbst unvollendet, gehört das Krebstagebuch bereits, wenn auch nur in Der Dschungel publiziert, zu meiner Literatur[1]Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben. —, so nun auch den, den sie “befiel”, – meinen Körper. Es ist dies eine unabdingbare Logik meiner Poetik. Was nämlich die Realitätskraft der Fiktionen anbelangt, bekommt das gesamte Unternehmen mit einem Mal sogar fiskalische Valenz, indem ich die Kosten des Tattoos von der Steuer werde absetzen können. Diese Volte ist eben nicht nur ein Schelmenstreich (ein bißchen freilich auch), sondern vor allem eine nächste Nagelprobe auf die Wirklichkeitsvalenz von Dichtung, und nicht nur der meinen. Die von mir längst nicht mehr nur projektierte Ästhetische Theorie ist, soweit nicht Praxis, durchaus normativen Charakters – allerdings im Bezug auf ihre historische Zeit. Spätere Entwicklungen der Künste (und also der Gesellschaften sowie der Naturen[2]Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich … Continue reading, in die sie eingebettet sind) werden sie relativieren.
Wiederum aber die rhizomatische Form des Tattos entspricht sogar insgesamt den auch anderweitig immer wieder attestierten prozessualen Strukturen meiner insbesondere Romane, die ich somit fortsetze auf Haut.

*** (Unterbrochen, um zu duschen usw.) ***
 

[Sophia Gubaidulina, София Асгатовна (Sonnengesang)]
Gestern kam die endgültige Zusage zur Graphik Novel; tatsächlich → der Zilts wird es werden. Nur über den Vorschuß ist noch zu verhandeln. Woran ich eigentlich gedacht hatte, was ich mir gewünscht hatte, wird wahrscheinlich zu erreichen nicht sein. Aber vielleicht doch noch genug, um mir einzwei Monate durchzufinanzieren.  Es wird doch einige Arbeit zu leisten sein, um die lange Erzählung auf Pavlenkos zeichnerische Bedürfnisse auszurichten. Gut, liebste Freundin,wir werden sehen. Mich drängt es erst einmal in die Briefe nach Triest zurück. Sie stehen ja ziemlich kurz vor dem Abschluß ihrer ersten Fassung. den ich sehr, sehr gerne noch im Dezember sehen möchte. Es wäre ein feiner Beginn für 2023. Das meiste dann wird nur noch konzentrierte Fleißarbeit sein; vor allem wird gestrichen werden müssen, aber klug. Manches, was in der Ersten Fasung jetzt steht [3]Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand., kann so nicht mehr bleiben; viel zu viele Angaben sind ungenau oder sogar unmöglich. Doch um das zu beheben, braucht es fast durchweg nur kleine Verrückungen; und einiges kann oder muß sogar ganz weg. Die Geschichte hat sich – siehe oben – geschrieben, jetzt ist die Fassung anzugleichen.

Ach so! Gestern sehr spät am Abend der plötzliche Impuls, wieder mit dem Sport anzufangen. Er hängt wohl mit meinem begonnenen alkoholfreien Monat zusammen. Wirklich wieder riesige Lust … nein, nicht zu joggen, meine 15-km-Läufe “kosten” zu viele Kalorien, die krieg ich in den Körper nicht rein. Aber neu mit leichtem Krafttraining zu beginnen, erstmal an den Slings. Zu Anfang nicht mehr als jeden Tag eine halbe Stunde, danach dann weitersehen. “Sicherheitshalber” schaute ich aber im Netz wegen des Tattoos nach. Also, ich soll noch bis zur Abheilung warten. Gut, dann hoffe ich mal, daß der Impuls bis dahin so lockend mir erhalten bleibt. Aber mir gefiel einfach nicht, daß unter dem Bizeps die Haut hängt, was mir auf Foto mit der Tattooergänzung aufiel. Wie mein, nun gut, “verkaterter” Zustand des Wochenendes war auch dies ein mir von meinem Körper, den ich achte, als “Jetzt paß aber endlich mal auf, versammt!” zugefunktes Signal. Und wie immer, wenn er mir etwas sagt, höre ich darauf. Nicht bei den Menschen, nur bei meinem Körper.

Ihr, Allerverehrteste, wie immer
ANH

References

References
1 Albert Meier hat sogar schon → einen Aufsatz darüber geschrieben.
2 Womit ich nicht nur die verschiedenen geologischen Naturformen meine, sondern auch → Zweite & Dritte Natur usw., also Natur in den kulturellen Codes ihres Wahrgenomenwerdens. Wie diese sich auch subjektiv ändern, ist momentan ausgesprochen gut an mir selbst zu beobachten, der doch über Jahrzehnte ein Gegner von Tattoos gewesen.
3 Der von mir so genannte “Rohling” ist, was →  von November 2014bis Februar 2015  in Der Dschungel stand.

Das EndlichdasChaosamSchreibtischbeenden!journal vom Dienstag, den 27., bis zum heutigen Donnerstag, den 29. September 2022.


[Arbeitswohnung, 6.51 Uhr
France Musique, La Contemporaine:
Jean Louis Florentz, L’Ange du tamaris op 12 pour Violoncelle]
Da ich weiterhin nicht in den Ton fand, der für die letzten beiden Triestbriefe notwendig ist, platzte mir irgendwann leise der Kragen, weil es auf  meinem Arbeitsplatz und um ihn herum nach purstem Chaos nicht nur aussah und ich ja weiß, daß ich eigentlich, um eine Hürde zu nehmen, Ordnung dort brauche, eine sogar pedantische – etwas, das ich mit Eigner immer gemeinsam hatte. Und hier lagen noch nicht zurückgeordnet, für meinen Lehrauftrag vor zwei Jahren nicht zurückgestellte Bücher, standen massenhaft durcheinander ebenfalls nicht zurückgestellte Schallplatten, lagen Haufen von verschiedenen Korrespondenzen, auch mit Ämtern, dazu der Kindle auf dem Tauchcomputer und das auf dem, weil der Akku nichts mehr hergibt, schon lange nicht mehr genutzte iPad, sowie die verschiedensten Kabel wild ineinanderverknüllt, sonstige Papierfetzen, Zeitungsausschnitte, Manuskriptausschnitt, Postkarten zwischen den Medikamenten und und und. Wenn ich also schon nicht vernünftig zum Schreiben kam, dann doch wenigstens die Voraussetzung herstellen, es wieder zu können — wobei ich nicht bedachte (ich dachte ja gar nichts, sondern folgte dem Impuls), daß, um es hinzubekommen, die große Bücherwand neu geordnet werden mußte, denn auf dem großen Mitteltisch hatten sich auch Bücherstapel aneinandergerückt, die ihn, den Tisch, für etwa gemeinsames Essen zu nutzen (allerdings: mit wem denn, mit wem?), unterdessen schlichtweg unnmöglich machten; dazu die sonstwohin gestopften Bücher … kurz, da ich sie eigentlich nach Namen der Autorinnen und Autoren ordne, es wurde ein riesiger Eingriff, insofern ich die gesamte Bücherwand umgruppieren, ja sogar noch erweitern mußte. Womit ich also anfing. Erst einmal mit den knapp tausend Vinyl-LPs, dann mit den CDs (es waren in diesem Fall nicht viele) sowie mit den Büchern.
Das Grundverfahren war schlicht: Alles Durcheinander vom und um den Schreibtisch herum auf den Mitteltisch häufen und dann Stück für Stück diesen Mitteltisch leerräumen, um danach zu den nächsten chaotischen Zimmerstellen zu wechseln und ebenso vorzugehen. Es funktionierte, aber brauchte Stunden. Parallel schuf ich im neben dem Schreibtisch hochgezogenen Regal Platz und ordnete dort diejenigen Bücher ein, die ich mir in nächster Zeit zu lesen vornahm. Insofern diese danach aber jeweils ebenfalls ins Hauptregal müßten, waren dort die Bücher lockerer einzuordnen, als ich es normalerweise tue; normalerweise stehen sie dort so dicht an dicht, daß man immer gleich drei herauszieht, wenn man nur eines herausziehen will. Da ich mich damit mehrmals verschätzte, waren auch mehrmals die Reihen zu verschieben. Ich denke, Freundin, Sie ahnen, was sowas bedeutet (kennen es vielleicht auch von sich selbst).
Es war aber nicht nur dies. Wenn Sie Bücher verrücken, die seit Jahren so standen, wie sie’s nun grad mal tun, haben Sie allerlei Begegnungen der Dritten Art, die unbeantwortet zu lassen eine hygienische Straftat wäre. Der Staubsauger war allerdings ohnedies zur Hand, denn auf den Büchern lagen Schichten vergangener Kohleheizungs- eben nicht nur Spuren. Es war ein ungeheurer Dreck; an sich hätte ich, bemerkte gestern abend in Whatsapp die Löwin zurecht, mit Staubmaske arbeiten müssen. Arbeiten, ja “arbeiten”, zumal: zwei Tage lang die Leiter bis ganz nach oben rauf, die Leiter bis ganz nach unten runter, die Leiter rauf, die Leiter runter. Heute habe ich Muskelkater in den Oberschenkeln. Doch das Ergebnis, siehe oben, befriedigt mich sehr. Auch, wenn ich noch nicht ganz “durch” bin; der Schreibtisch selbst ist auch noch dran. Und ich bräuchte ein leicht verrückbares Beistelltischchen, damit die Arbeitsfläche sich nicht abermals undurchdringbar füllt und ich auch wieder ohne Komplikationen an die links stehende Handbibliothek (aus vor allem – für andere Berufler ungewöhnliche – Lexika) komme. Nur daß ich heute vormittag nicht weitermachen kann, weil um halb zwölf der am Montag ausgefallene Ultraschalltermin nachgeholt wird, in Moabit, also Aufbruch spätestens um elf. Vor allem muß ich auf jeden Fall vorher duschen und, wenn ich heute abend dann fertig sein sollte, nochmals duschen und das Bettzeug wechseln. Freilich, eigentlich müßte ich – und würd es gern – die Prozedur auch mit dem Musikregal wiederholen, das die Wand genau gegenüber dem Schreibtisch ebenfalls bis unter die Decke ausfüllt und in dem ja nicht “nur” die CDs stehen, sondern sämtliche Bücher zur Musik sowie Noten, außerdem die Programmhefte und -bücher von mir besuchter Aufführungen und darüber noch etwa zweihundert mit Musik bespielte VHS-Videocassetten, auf denen vom Kohleofen der Aschestaub ganz besonders liegt; auch dies alles, wenn die Asche weggesaugt, will namentlich geordnet sein, und es sind an die hundert weitere Programmhefte neu einzuordnen, die noch auf einem anderen Beistelltisch, zwischen Küchen- und Flureingang, neben der Musikcassettenwand, in drei Stapeln aufeinanderliegen. Also quasi noch einmal der ganze Dreck. Aber welch ein Gefühl, wäre auch das erledigt! Vor allem weil ich dann wieder Übersicht hätte. Daß ich es unterdessen aufgegeben habe, alles schriftlich zu archivieren, steht auf einem anderen Blatt; ich hätte sonst keine Zeit mehr für irgendetwas anderes.

Und ich habe einen Entschluß gefaßt, ihn seit vorgestern auch umgesetzt: Schluß mit dem allabendlichen Serien- und Filmegucken, weil “man zu erschöpft ist”; stattdessen lesen, lesen, lesen. Das hatte meine Räum- und Putzaktion nämlich auch als Folge, daß ich mir selbst vor Augen führte, wie viele zu lesende Bücher sich angesammelt hatten, die tatsächlich zu lesen diese Filmabende rundweg verhinderten. Und es war klasse. Ich fing mit Martin R. Deans neuem Roman an, zwei Abende, und ich war nicht nur durch, sondern hatte noch Zeit genug, gleich den nächsten, längst, längst überfälligen zu beginnen, den mir Christopher Ecker mit einem Hinweis zu Nabokov zugeschickt hatte, als ich noch mitten in der Nabokovserie steckte (die ich nach den Triestbriefen als erstes wieder aufnehmen und beenden werde, damit Arco endlich daraus das Buch machen kann, wozu sämtliche Texte freilich noch bearbeitet werden müssen). Das mir von Ecker geschickte Buch ist Nicolas Borns, wie ich jetzt schon sagen kann, hinreißender Roman Die Fälschung. Welch eine Kraft bei viel, viel Leben und erzählerischer Komplexität! Fantastisch, ich fiebere heute abend entgegen, wenn ich weiterlesen darf. Wirklich ein extremes Versäumnis, dieses Buch bisher nicht gekannt zu haben.

Übrigens, Freundin, der → text+kritik-Band ist nun erschienen (bis vor zwei Tagen war er nur vorbestellbar); ich erhielt gestern einen Anruf Wilhelm Kühlmanns, der sein Belegexemplar bereits hatte, ich meines aber noch nicht. Wahrscheinlich wird es mittags im Briefkasten liegen, hoff ich jedenfalls; die Post ist derzeit nicht so zuverlässig auf dem Prenzlauer Berg. Sowie es mir vorliegt, werde ich es hier in Der Dschungel annoncieren, bin im übrigen selber gespannt, was in den einzelnen Beiträgen steht, von denen ich nur einen schon kenne; alle anderen haben die Autorinnen und Autoren unter quasi Verschluß vor mir gehalten.

So, sitze noch im Morgenmantel und will das ändern.
Ihr ANH
[France Musique, La Contemporaine:
Rautavaara, Vigilia op. 53]

***

[Abends, 18.56
Respighi,. La Fiamma]
Puh:

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