Es l e b e n lassen, das Tattoo! Das Zeichnen- und Montierjournal des Sonnabends, den 24. September 2014.

[Arbeitswohnung, 18.08 Uhr
Holmboe, Steichquartett N. 10 op. 102 (1969)]
Da ich mich nun entschlossen habe, die letzten Triestbriefe zu schreiben, bevor ich zur Erstellung der zweiten Romanfassung die Notate der → Recherchereise in sie einpflege, aber in den Text schon gestern nicht richtig hineinfand, habe ich den Tag bisher fast ausschließlich mit dem Entwurf der Weiterentwicklung → meines Bioport-Tattoos verbracht:

Sie wissen ja, Freundin, um meine Idee, es ständig sich verändern, gleichsam wachsen zu lassen; im Frühjahr wahrscheinlich werden erste Blätter an die Ranken kommen, möglicherweise danach auch, aber kleine, Blüten. Es soll nicht kitschig werden. Vor dem wird allerdings noch ein kleiner Zusatzeingriff nötig werden. Nämlich ist mir in der Triskelenmitte das Shakti-, mithin Venusdreieck nicht konturiert genug. Zwar habe ich auch daran heute herumgebastelt, aber alles, was ich zuwegebrachte, war mir zu unorganisch, also aufgesetzt. Hier auf der Abbildung zwar ist es deutlich erkennen, nicht aber in der bisherigen Ausführung, da steht es, weil nicht auf der Spitze, sogar falsch:

Da also muß nachgebessert werden. Doch erst einmal die Ranken.

Bin übrigens wieder auf 67 kg; zweieinhalb der während der Reise verlorenen mithin sind trotz der kurzen Krankheit schon wieder drauf. Was ich beruhigend finde. — Ach so, sicherheitshalber noch einmal, weil es sich offenbar noch nicht herumgesprochen hat: Ich habe → die Hamburger Veranstaltung leider absagen müssen, doch wird sie ebenso nachgeholt werden wie die für den 18. 10. geplante Karlsruher, die gestern wiederum mir abgesagt worden ist, leider; die Hamburger soll nun entweder zu Ende Januar oder Februar stattfinden, die Karlsruher in eben diesem Zeitraum. Bitte schauen Sie in der rechten Spalte unter “Veranstaltungen”; sowie der genaue Termin steht, wird er dort eingefügt werden.

Ihr ANH

P.S.: Gestern abend noch einen sehr schönen Gesprächsabend mit Hendrik Jackson verbracht, viel und lang außer über auch Persönliches über vor allem Lyrik gesprochen. Mit der meinen habe er Probleme – was aber so gut zu erläutern vermochte, daß es nicht die Spur schmerzhaft sondern, glaube ich, der Beginn einer Diskussion war, die in Lyrikerkreisen zu führen ich mir doch immer so gewünscht habe. Ich gab ihm → Das Ungeheuer Muse mit. Und tatsächlich mailte er mir heute schon einen ausführlichen kritischen Brief → zur Entsteigenden, auf den ich aber erst wieder im persönlichen Gespräch reagieren werde; und kurz darauf landete eine zweite, diesmal hellauf begeisterte Mail in meinem Postfach, diesmal zu → Ich habe so geweint im Schlaf.
Dieses 1 : 1 gefällt mir selbstredend sehr.

“Nie ein Teil davon zu sein”: Zurück. ||| Das trauernde Arbeitsjournal des Montags, den 19. September 2022. Auch als Briefe nach Triest, 62.

[Arbeitswohnung, 9.07 Uhr
Hans Werner Henze, Ode an den Westwind (1953)]
Es war einer der für mich schlimmsten, schmerzhaftesten Vormittage, derer ich mich entsinnen kann. Gestern, am Sonntag, den 18. September 2022, einen Tag vor dem, der mir wäre ein  Jubeltag gewesen. Weshalb es gestern so schmerzhaft war, möchte ich nicht erzählen, nur, daß ich vor fast panischer Nervosität nur noch auf- und ablief, hospitalisiert gleichsam hinter den tausenden Stäben, doch die Welt eben wenn nicht im Blick, so doch in meinem gradezu grellen Bewußtsein; sie war noch da, dahinter, aber ließ mich nicht mehr in sie hinein. Dann mußte ich wirklich aufbrechen zur SBahn, mit der dann weiter nach Meidling zum Zug. Besser, noch einmal auf die Toilette. In meiner panischen Hektik drehte ich mich einmal ungelenk herum, es war eng, und schlug mit dem linken Arm derart heftig gegen ich-weiß-nicht-was, daß meine geliebte wunderschöne Girard-Perregaux zersprang — was ich aber erst in dem Örtchen merkte, als ich das Schutzglas zu berühren meinte, es tatsächlich aber das Ziffernblatt war. Und der feine goldene Sekundenzeiger fehlte. Dennoch, der andre Schmerz war größer, dieser, der zweite, jetzt eigentlich nur noch seine nicht mehr symbolische  Materialisierung. Wir krochen nachher, mein Verleger und ich, am Boden herum und suchten. Das Schutzglas lag da, auch die goldene Innenblende. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ich den Zeiger mit allem, was hinuntergespült werden auch sollte, hinuntergespült habe. So ist die Uhr nun in Wien verblieben, um zu meinem Uhrmacher gebracht zu werden, den ich zwei Tage vorher längst aufgesucht hatte, weil eine Geringfügigkeit zu justieren war, und der die Uhr ganz nebenbei so sehr auf neuen Hochglanz gebracht hatte, daß ich sie dauernd anschauen mußte. Ohne zu wissen, daß es ein quasi Abschied war, wenn auch da noch eben nur symbolisch. Und noch am SBahnhof Mitte ging ich minutenlang wartend auf und auf, bis ich mich endlich zusammenriß und eine frühere Bahn als geplant nahm. Schließlich im ICE – ein Segen, daß ich reserviert hatte – brachte ich es zwar fertig, meine noch nicht in die Datei überführten Triestnotate in sie zu übertragen, aber alles dieses mechanisch. Denn ich fing an, das gesamte Romanprojekt zu bezweifeln. Dabei war selbst meine Lektorin wie aufgerührt von dem gewesen, was ich ihr in unseren drei Tagen daraus vorgelesen hatte. Nahezu alle, denen ich vorlas, sind es, mein Verleger auch. Aber mit einem Mal war das Buch sinnlos geworden. So geht es mir noch jetzt. Wie ich nun die letzten beiden zu verfassenden Briefe noch schreiben soll, weiß ich nicht. Momentan ist es mir nicht möglich. Was ich könnte, wäre, aber auch das eher mechanisch, die bisher stehende Erste Fassung bereits zur Zweiten insofern ergänzen, als ich die Notate nun nach und nach einbaue, neue Übergänge schaffe, die Orte mit meinen Erlebnissen abgleiche usw., dieses alles ja. Und später dann, wenn damit fertig, die beiden noch fehlenden Briefe ergänzen. Nur daß ich gerade nicht mehr weiß, wozu.
Das Geschehen, das ich Ihnen, Freundin, nicht erzählen möchte – oder soviel vielleicht  doch, daß ich es als einen tiefen Vertrauensbruch empfinde, ja als menschlichen Verrat -, war um so schlimmer, als insgesamt wundervolle Tage vorhergegangen waren, pralle, lebensfrohe, ja begeisterte voller Ideen, in denen auch die Triester Erfahrungen nachschwangen. Nun war es, als würde ich bestraft für sie werden. Wie in büßender Trance trat ich an die zwölf Stunden später in meine Arbeitswohnung ein. Was mir half, war allein, daß als Rezensionsexemplar im Briefkasten diese CD lag, die ich gerade höre, nämlich Henzes Musiken für Violoncello und Orchester. Und ich w e r d e sie besprechen, vielleicht noch heute, wenn ich doch sowieso an den Roman nicht gehen mag, nicht gehen kann. – Lieferbar wird sie ab dem 14. Oktober sein; sie ist noch nicht einmal auf Berlin Classics Website annonciert.

Sie werden, Freundin, verstehen, wenn ich jetzt noch nicht, obwohl ich es vorhatte, von meiner Triestreise erzählen kann, nicht nur nicht mag. Da muß erst dieser Schatten weg, der seit gestern morgen drüberliegt. Aber vielleicht kann ich zumindest ein Notat zitieren, das ich als quasi Briefentwurf für meine Lektorin in der kleinen, mir vom Arco-Verleger empfohlenen “Degusteria” km 0 in mein Notizbücherl geschrieben habe, wobei ich – weil es, hätte ich ihn abgesendet, ein Privatbrief gewesen wäre – Klarnamen hier umerfinde. Und merke unvermittelt wieder, wie gut es mir tut, die Trauer auszu… — nein, mir m e i n e Trauer auszuschreiben:

(Settembre 9, sera)
[1]Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die … Continue reading

Was ich gerade erlebe, habe ich erst ein­mal zuvor erlebt – als ich damals „Meere‟ schrieb. Ich bin völlig allein, es schnürt mir die Luft weg; zugleich bin ich in rasender Gesellschaft meiner „Figuren‟. Sie sprechen zu mir, wider­sprechen oder geben mir recht – doch alles ganz von oben herab. Indessen begründet. Ich darf nicht einmal ihre Wohn­orte aussuchen, alles tun sie selbst, einfach, weil ich genau sein will und muß. Die Sídhe wohnt jetzt dort (→ Bild) schon we­gen des Caffès San Marco gleich unten nebenan ( Bilder). Für mich selbst heißt das, ganze schon fertig gewesene Strukturen noch ein­mal (fast) völlig umzuwerfen. Und aber wer mir hel­fen könnte, hält sich – aus nachvoll­ziehbaren Gründen – zu mir in Distanz. Mit sowas muß man(n) leben können. Unterm Strich bleibt eine insofern eigenartige, aber schwere Einsamkeit, als ich ja ständig in Ge­sprächen bin – aber eben mit Figuren. Wenn die bei einem schlafen, ist da keine Wärme und kein Pulsen der Haut. Dies ist wohl das einsamste, den Rest eines Lebens allei­ne zu schlafen und allein aufwachen zu müssen. Was ich tu und arbeite weiter an dem Ro­man. Der nicht tut, was ich will, sondern mir vor­schreibt, was sein Interesse ist. Für mich ein ziemlich wilder Spagat. Bislang habe ich aber al­les „gepackt‟. – Helmut gestern in Skype: Er habe meine Pläne gesehen und nur gedacht, “unmög­lich, sowas zu schaffen. Niemals!” Ihm mache das eine ‚riesen‛ Angst. – Mir auch. Nur daß er auf die Angst hört und es nicht angeht, indes ich es da erst recht tu. (Das ist meine Verbindung zu Jessir, dem Kriegsberichtfotografen. Wir sind uns nah. Nur deshalb darf ich – ethisch Mariannes Geschichte verwenden und die ihres einstigen Partners. Wie Corinnas davor.) | Ich sitze hier und denke: Gleich breche ich zusam­men. Aber das werde ich nicht, sondern erfüllen, was ich mir vorge­nommen habe. Es gibt in mei­nem Leben für Schwächen keinen Platz; ich könnte denn meine Arbeit nicht zuendebringen.
Kopfhaut (wenn Haar darüber) ist
nie braun, sondern immer hell. (Bei Wei­ßen).
Immer noch in diesem „Risto­rante‟:
Die Menschen sind ein Zusammen­hang. Was aber, wenn jemand in keinen ge­hört? Ich gucke es mir an und finde es so toll – doch kann daran nicht teilnehmen. (Ich fühle keinen Neid, nur Zunei­gung, aber auch, nie ein Teil davon zu sein.)

***

Daß die russische Übersetzung des Traumschiffs, Корабль-грёза, jetzt erschienen ist, wissen Sie → seit vorgestern und ahnen, denke ich, meine Ambivalenz, die vor allem darin besteht, mich freuen zu wollen, es aber angesichts des Krieges nicht zu können. Was gegenüber Tatiana Baskakova ein fast schreiendes Unrecht ist, zumal sie von allem Anfang an eine entschiedene Gegnerin Putins war und es nach wie vor ist. Ich kann wirklich nur Abbitte leisten und innig auf Zeiten hoffen, die es wieder möglich machen, stolz darauf zu sein, in Vladimir Nabokovs bis zu seinem Tod geliebte Muttersprache übersetzt worden zu sein — und mit welcher poetischen Akribie! Allein die fast einhundert zusätzlichen Seiten Kommentar sind eine Ehrung. Und dennoch, dennoch, dennoch. Dagegen an will ich aber doch wenigstens die Würde zeigen, das Buch auch zu annoncieren, selbst wenn ein befreundeter Kollege mich schon vor Wochen gewarnt hat: “Wenn du das tust, warte nur, wie schnell sie dich einen Putinfreund nennen werden.” Habe ich je aus egoistischen “Karriere”gründen besser mal den Mund gehalten? Nein. Es soll sich auch nicht ändern:


Ihr ANH

***

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Briefe nach Triest 61 <<<<

References

References
1 Nur zur Erläuterung. Wenn im Notizbücherl Seiten durchgestrichen sind, bedeutet das, die Texte seien bereits in die zugehörige Datei übertragen worden. Erst danach, in aller Regel, erfolgt die Einbettung in das Typoskript. Wobei ich während der Übertragung aus der Handschrift meist schon umformuliere und/oder aus der Erinnerung ergänze, die von der Wiedervergegenwärtigung aktiviert wird.

Das Weihnachtsproblem: Briefe nach Triest, 49. Wiederaufnahme, Überarbeitung 8 (fünfter Durchgang).

 

[Es gab ein Problem, das ich absurderweise selbst nach drei Durchgängen noch nicht bemerkte, nämlich eines der Datierung. Wenn nämlich sowohl Lars (der Verlassene) als auch der von ihm beauftragte Briefschreiben Kinder haben, kann über das Weihnachtsfest nicht hinwegerzählt werden, als wären beide nicht jeweils familiär gebunden. Genau das habe ich aber in der ersten, in – siehe Link – Der Dschungel eingestellten Version getan und, konzentriert auf nur die Erzählung-selbst, in den drei Durchgängen übersehen. Erst im vierten Duchgang, als ich also die ausgedruckten Seiten durchging, fiel es mir auf, und, weil so weit hinten, erst in Wien. Da konnte nun, was jetzt für den 24. Dezember sowie die folgenden Tage gechrieben war, so nicht bleiben. Ich brauchte einen neuen Übergang, der möglichst auch schon Spuren in die noch zu schreibenden Briefe hineinlegt — wie mir überhaupt nun erst, in intensiven Gesprächen mit meinem Arco-Verleger Christoph Haacker, klar wurde, welche Wendung der Roman fast notwendiger Weise nehmen wird. Dazu schreibe ich hier aber nichts, jedenfalls noch nicht, sondern stelle “einfach” den neuen Übergang ein:]

 

[Anfang des sechsundzwanzigsten Briefs]

Es war Stille, schöne Frau,

1. Januar, donnerstagmorgens 6.15 Uhr
Nach erster Wilder Jagd

seit fast genau zehn Tagen – etwas, das aber nicht an Dir, Sídhe, lag, sondern an den Feierlichkeiten. Sie mögen getrennt sein, Sarah und Lars, doch gegen alle Unbill ha­ben sie selbst in zerstrittensten Zeiten daran gehangen, Larssohn ein Zuhause zu wahren, das eines auch ist. Mein, also Lars’ens, letzter Brief datiert vom 22., ab dem 23. war das Fest vorzubereiten, da ist für anderes nicht Zeit. Und auch ich selbst war durchaus verhindert, Judiths und der Zwillingskinder wegen, die von ihren Elten noch weitergehend abhängig sind, als es der schwer – aber klug – pubertierende Lars­son ist. Ich also auch hatte mich um meine Familie zu kümmern, Du, so weit weg, fielst, verzeih, in den Hintergrund weg. Vielleicht wäre es anders gewesen, hättest Du nur ein einziges Mal reagiert – wobei ich unterdessen denke, daß Du ganz froh drü­ber bist. Hat Dir die Pause die Hoffnung gemacht, es fände mit Lars’ Briefen nun endlich, endlich ein Ende? Doch schau einmal: Wie wundervoll auch immer ein ge­meinsam verbrachtes familiäres Weihnachtsfest auch sein kann, so wenig hält es, ist es vorüber, den Entwicklungen stand, die sich seit den Trennungen – einerseits Lars’ens von Sarah, andererseits Judiths von mir – geradezu notwendigerweise erge­ben haben. Was sich gefirmt hat, wiedergefirmt, ist die Verläßlichkeit für unsre Kin­der – ein Thema, das Dir, Lars weiß es ebenso sicher wie unterdessen auch ich, furchtbar nahgeht, weil als eben ausgeschlossen, ja irreversibel isoliert. Das reicht, eine Übergriffigkeit, selbst in Deine Physiologie. Was er, Lars, verhindern, wogegen er angehen wollte, wenn auch, er weiß es selbst, absolut nicht uneigennützig. Viel­mehr wären zwei Eigennütze zusammengekommen, die etwas gerufen hätten, das nichts mehr wäre gewesen als Nutz, nämlich des Lebens an sich, des Fortlebens nun­mehr. – Das wird sich nun nicht mehr ergeben, auch wenn Lars im stillen immer noch hofft. Glaub mir, ich bin klarer als er, wenigstens in diesem Belang. Nur kann ich nicht so schöne Kunst daraus machen. Texte, Du weißt es, fallen gegen Töne hilf­los ab. Sie sind immer Erklärung, auch wenn sie’s meiden; ein Klang indes ist er selbst.
Aber wirklich, auch ich habe ein paar Stunden lang, vielleicht einige Tage, in denen Lars schwieg, weniger zwar geglaubt als gefürchtet, er stelle seine Berichte fortan ein, die Whatsapp- und Facetime-Gespräche, die Mails und vor allem die mir lästi­gen, weil oft unangemessen frühen Anrufe, was für mich tatsächlich einen kurzen, wehenden Anflug von Freiheit bedeutete, nämlich endlich wieder alleine ich zu sein und nicht dauernd in gleichsam Stellvertretung sprechen zu müssen. Zumal ich mich zunehmend mehr insofern mit Lars identifiziere, als ich seine Gefühle zu Dir allmäh­lich wirklich zu teilen und es deshalb als schmerzhaft zu empfinden beginne, wenn Du weiter schweigst und schweigst. Denn sieh, bin es denn jetzt nicht ich, der Dich de facto … ja, ich muß sagen, stalket? In welche Rolle hat Lars mich gebracht! Er selber, abgesehen von seiner schweren Sehnsucht, die ich ihm nach wie vor glaube, ist fein raus. Aber darüber dachte ich nur nebenbei nach, weil zum einen die ersten Rauhnächte bekanntlich ruhig sind und ich zum zweiten auch direkt nach Weihnach­ten jedesmal gebunden bin, des Geburtstags meiner Zwillingskinder wegen. Ich den­ke mir, Lars hat da nicht stören wollen und vielleicht ja tatsächlich Abstand genom­men. Doch dann der Silverster … – nicht, daß er dieses Jahr besonders laut gewesen wäre, Feuerwerk und Böller wirkten eher verhalten, wenn ich den Krawall, von dem ja auch kaum mehr wer weiß, weshalb er veranstaltet wird, mit dem der vorhergegan­genen Jahre vergleiche. Nur lag eben hierin eine auch von mir arg unterschätzte Ge­fahr. Denn nun war Deine Reiterei zu vernehmen, zu der Dein Volk mit doch gehört, die sonst der Lärm überschallt, und in all dem Blitzen und den Feuerblüten sind die Deinen, doch ohnedies Schemen, fast prinzipiell nicht zu sehen. Indessen nun mach­ten sie sich bemerkbar, jagten durch jeden Tür- und Fensterspalt selbst in die Woh­nungen hinein. Vielleicht nicht Ihr alle, offenbar aber Du und die Lydierin auch; mag sein, sogar die Sharon-Sídhe – nur, daß ich diese auch ohne des Volksglaubens Spu­kereien über Weihnachten aus den Augen verlor. Jedenfalls rief Lars vorhin wieder an, ausgesprochen aufgeregt. Er habe Dich im Fernseher gesehen – im Fernseher, ich bitte Dich! –, in einer italienische Capodanno-Sendung, da habest Du ihm durch die Kamera und also den Bildschirm direkt in die Augen geblickt „… als hätt sie mich erkannt!‟

(…)

>>>> Briefe nach Triest 50
Briefe nach Triest 48 <<<<
[Bild (→ Wikipedia): Franz von Stuck Die wilde Jagd
Musee d’Orsay Paris 1899
Noten: Franz Liszt Wilde Jagd
(→ Étude d’exécution transcendante No 8
1851/52)

 

Wien 2: “Ein alter Mann geworden zu sein”: ungut ein ‘Encounter’. Im Wiener Arbeitsjournal zum 22. und 23., geschrieben am Sonntag, den 24. Juli 2022. Darinnen zudem der Abschluß des Lektorates der Verwirrung des Gemüths, ein Podcast zu literarischen Helden, hier zu einem dunklen, sowie der Arbeit im Sommer an sich.

[Im Verlag, Gästezimmer
7.12 Uhr]

Pünktlich auf um sechs. Zur ersten Pfeife, wie überhaupt um zu rauchen, immer in den Hausflur, da mein Verleger empfindlich. Also den Kaffee bereitet, eine Pfeife schon mal gestopft und mit ihr sowie Aschenbecher, Feuerzeug, dem Laptop für die morgendliche Presselektüre an eines der hohen Fenster im Gang, es geöffnet, den Tabak entzündet, den Laptop aufgeklappt und so den Tag schon mal fortgesetzt, auch die Arbeit von gestern gesichtet, ich übertrug die (vielen) Korrekturen des vierten Durchgangs, dem auf dem Papier, der Triestbriefe bis nachts um eins. Immer wieder dem Freund auch vorgelesen, dabei ständig neue Ideen und aber auch Lösungen für Probleme gefunden, die dieser Roman für mich noch bereithält. Es wird nun, bevor ich mich werde an die letzten sieben Briefe setzen können, die ihn abschließen werden, noch einen fünften Korrekturgang geben müssen. Aber mir ist sehr klar geworden, wie der Anschluß der neuen Briefe an die “alten” aussehen wird – und fast auch schon das Ende des Romans. — Nachdem die halbe Pfeife geraucht, den Ort gewechselt, nämlich an den kleinen Arbeitsplatz zurück, den ich in meinem Gästezimmer habe, einen sehr angenehmen, an dem halt nur nicht geraucht werden darf.

Der nicht nur angenehme, sondern himmlische – und nicht nur, weil ich unter dem weiten Himmel dort rauchen konnte – breitete sich in Bad Fischau aus. Und tatsächlich, Elvira M. Gross und ich haben das Lektorat zuende bekommen, also der “Verwirrung des Gemüths”, deren satzfertiges Typoskript nunmehr pünktlich im Verlag liegen wird. Die Abgabe des lektorierten Textes nimmt stets meine Lektorin vor, damit es mit den vielen Fassungen nicht zu unnötigen Verwechslungen kommt. In dieser Hinsicht, wurde es anders gehalten, sind schon mehrmals unnötige Irrnisse entstanden; seit wir es so tun, nicht mehr.
Die Arbeit selbst war sehr gelöst, wir haben zudem viel gelacht. Elvira versteht oft den Witz, der weniger Schnellen erklärt werden muß. Ihrerseits sie kommt immer wieder auf hinreißende Ideen, wenn mal was stockt, und manches, das ich noch vorsichtig formuliert habe, spitzt sie gewaltig zu; dann kann eine ironische Abfälligkeit plötzlich schon ziemlich scharf sein und aus “Blödmänner, blöde Frauen” wird “Blödfrauen, blöde Männer”. Oder es wurde bei mir viel gestarrt, angestarrt usw., was sich oft auch mit “erstarren” mischte, was ihr nach einiger Zeit ziemlich auf den Keks ging – also gegangen war, als sie es las. Nun waren dauernd Alternativen zu finden, oder es hieß einfach streichen, streichen, streichen. Manchmal müssen dann, aus rhythmischen Gründen, die Satzteilstellungen geändert werden, oder es ist insgesamt umzuformulieren.
Und so lief es denn, anderthalb Stunden Arbeit, eine Stunde schwimmen (bei ihr ein zügiges, nicht unterbrochenes Durchkraulen; ihre Eleganz dabei ist berauschend), die nächsten anderthalb Stunden arbeiten, dann abermals schwimmen – und so bis kurz vor sechs Uhr abends, weil der 18.18er Zug genommen werden will, der uns bis kurz vor halb acht zurück nach Wien bringt.

Gestern sah ich sie nicht, mal sehen, ob sie sich heute meldet. Allerdings liegt hier Arbeit genug an – allein, meine Korrekturen, Ergänzungen, Änderungen usf. in die Triestbriefdatei zu übertragen, dürfte nicht unter acht Stunden zu schaffen sein. Bevor ich mit dem dann halt fünften Durchgang beginne. Wichtig ist nämlich, ein ganz bestimmtes Übergangsmotiv, das mir seit vorgestern klar ist, für dessen Einbau ich aber gestern erst die zündende Idee fand, schon ganz an den Anfang zu stellen, etwa auf S. 2 — und erst auf Seite 302 wieder aufzunehmen – eine, also, s e h r weite Klammer. (Die hier abgebildete Seite enthält das Motiv also “wieder noch nicht” .)

***

Bevor ich aber nun zur Erzählung dieses in der Überschrift angekündigten  “Encounter”s komme, etwas noch Erfreuliches, nämlich → Gutenbergs Welt von gestern, in Manuela Reicharts Redaktion und Moderation. Mit meinem kleinen Text zum vampirischen Helden:

Schön dabei auch, daß, und vor allem “wie”, Manuela im Nachsatz über die → Béarts spricht, für die so etwas wie der folgende “Encounter” ebenfalls zu befürchten wäre gewesen, hätte nicht Carsten Otte dem → den Riegel vorgeschoben, und nunmehr Reichart auch: “… und diese Anrufung von Lust und Liebe ist eigentlich immer eine Heldentat.”

***

Doch nun zum alten Mann:

Wie immer mittwochs gab es im → 777 ein Essen – einen ganz wunderbaren Sugo aus frischen, nicht verkochten Paradeisern zu, tatsächlich (bei Dieter Würch selbstverständlich) al dente, Spaghetti als Vorgang, danach beinah noch transparent gebackene Forellenfilets auf Mischgemüse. Danach saßen wir Wein trinkend auf der Domgasse, die ich immer “mein Wiener Neapel” nenne und so auch empfinde. Das kleine, höchst lebhafte Hündchen einer Hausbewohnerin, nennen wir sie Lady Amanda, tollte mit einem Quietscheball herum und wollte ihn ständig apportieren müssen, so daß er ums Werfen bettelte (“klein” und “chen” ist hier völlig korrekt, sprachlich muß man das Tierle zwiefach diminuieren, damit Sie die korrekte Vorstellung haben) … — wie auch immer, die anderen waren irgendwie kurz drinnen, und ich saß allein — als sich die Haustür öffnete und eine sportliche junge Dame heraustrat, was das von mir danach “Bluthund” benannte Tierlein mit einer kläffenden Attacke auf sie quittierte. Die junge Dame schrie auf, ich sprang herbei, aber ungeschickt, weil ich so lachen mußte, was ich mir indes schnell verkniff, um diese aus dem quasi Nichts aufgetauchte tatsächliche Schönheit wieder zu beruhigen. Jedenfalls: “Setzen Sie sich zu uns, ich bring Ihnen schnell einen Wein.” Und bald war sie von uns Männern eher gerahmt als umgeben; mein Verleger, in flirtenden Belangen stets auf dem Quivive, hatte sofort einen Stuhl gebracht, damit diese Fee auch sitzen bliebe. Was sie tat, bis spät in der Nacht. Wir trennten uns mit einer losen Verabredung für den Freitag eben hier — was, wie ich erst tagsdrauf kapierte, ein reichlicher Unfug war; denn Freitag abends hat die Buchhandlung, na logo, geschlossen.
Auch hier war mein Verleger pfiffig. Es traf sich, daß Paul-Henri Campbell seit neuestem in Wien lebt; wir hatten uns verabredet, er und ich, ohne schon etwas fest auszumachen. So daß Haacker, dem ich — weil ich doch in Bad Fischau fest im Lektorat mich sonnte und Elviras sprachelegantes Beimirsein genoß — die Angelegenheit sozusagen übertrug; und da er von der Verabredung mit der, denn das ist sie, Jordanerin wußte, verstand es nun so einzurichten, daß das Treffen mit Campbell und seiner Gefährtin eben im 777 stattfinden würde, also die meiste Zeit draußen auf der Gasse; er selbst wollte – und tat es auch – eine Suppe zubereiten, die wir, er und ich nach meiner Rückkehr aus Bad Fischau hinübertragen würden. Es ist vom Verlag zum Dom nicht sehr weit (und auch das schon eine Übertreibung). — Ja, da waren wir aber gespannt, ob die Jordanerin käme. Und da wippte sie schon herbei, sah mich, gab ihren Schritten Tempo, fiel mir quasi um den Hals, rief “bis nachher” und verschwand für ihr Training im Haus (sie hängt dazu in Seilen). Campbell, aufs erfreuteste irritiert, zu mir: “Was war denn das?” Ich, leise: “Herbst und die Frauen”. Da wurde aber schon zum Essen gerufen. Alle also hinein an den Tisch.
Mit dabei die schon genannte Amandamadame, die seit runden zehn Jahren in Wien lebt, aber kaum ein Wort Deutsch spricht. Dabei ist sie sonst ausgesprochen polyglott, Italienisch, Spanisch, Englisch, Hebräisch sogar; durchaus nicht dumm, im Gegenteil, nur etwas laut. Jedenfalls gab es nun ein Vorspiel zu dem, was dann peinlicherweise kommen sollte – ich trage nach wie vor eine Art Schock davon. “Das Deutsche”, fing sie tumb zu dozieren an, “eignet sich als Sprache nur für sehr junge Wissenschaftler und ein bißchen für Philosophie, in keinem Fall aber für die Dichtung.” Dieses alles auf stark akzentetem Englisch. – Mir blieb ein Stücken der spannenderweise nach weißem Spargel schmeckenden Zucchini unterm Gaumen kleben, somit das Erlebnis vorbei. Das sei doch kompletter Unfug, erwiderte ich, worauf sie einen, nur einen Vers eines, nun jà, ganz netten Keithgedichtes vortrug, der als Beweis dienen solle. Ich konterte mit Duino, einem Orpheussonett und Goethes Harzreise im Winter. Da diese Gedichte auf Deutsch sind, das diese Frau, wie gesagt, nicht versteht, konnte sie meine Rezitation nicht einmal als einen Gegenbeleg akzeptieren, sondern versteifte sich nur noch mehr in ihrer Bizarrerie, wurde noch lauter, vor allem sehr aggressiv, so daß ich einfach gar nichts mehr sagte, sondern aufstand, um draußen eine Pfeife zu rauchen.
Nach und nach kamen die andern hinzu, wieder wurde der Wein gereicht, die Madamanda nahm quasi zu Füßen des Buchhändlers Platz, das Bluthundchen ließ sich den Quietscheball werfen, die Haustür ging auf. Und die Jordanierin re-erschien. umarmte mich kurz, nahm neben mir Platz mit Blicken der lustvollsten Willkür. Es war ein herrlicher Mutwill. Wir begannen zu plaudern; sie sei in der und der Tanzgruppe gewesen, professionell, großes Theater dort und dort, leider dann ein Knöchelbruch, ich stellte Fragen um Fragen, weil ich ja auch nie weiß, was ich irgendwann einmal für eine Erzählung brauchen werde. Kurz ging ich hinein, um neuen Wein zu besorgen. Zurückkehrend gewahrte ich, wie Ladamanda der Jordanierin zuraunte, sie solle sich doch besser um Männer ihrer, der Jordanierin, Generation bemühen, nicht um einen so alten Mann wie mich. Woraufhin die junge Dame ausgesprochen  elegant parierte, die Amandanerin sozusagen abgleiten ließ, die nun aber immer wütender wurde. Was in mehrmaligem Ausrufen, wirklich lautem, mündete, sie müsse in einem fort kotzen, wenn sie uns sehe. “Seeing you, I only can vomit!” Da wurde dann auch ich sauer. Ein Wort gab das andere, es peitschte sich auf – vielleicht war die üble Dynamik davon in Gang gebracht, daß diese Frau für mich von nicht dem mindesten Interesse war. Übrigens hatte ich sie auf um die fünfzig geschätzt, was mein Verleger auf um die vierzig herunterkorrigierte. Die Jordanerin ist etwas über dreißig Jahre alt. – Solch ein Altersunterschied sei ekelhaft, einfach nur ekelhaft, ekel-, ekel-, ekelhaft! schimpfte die Keife erneut. Und wieder das Wort, she could only vomit, vomit, vomit. Und obwohl ich nun wirklich nichts anderes vorhatte, das aber sehr genoß, als mit dieser jordanischen Schönheit einfach nur zu plaudern und Blicke zu tauschen, die imaginieren, was doch niemals mehr sein wird — ich weiß doch sehr wohl, was eine durchgestandene Chemo bedeutet, welche irreversibelen Folgen sie hinterläßt, mit denen wir uns dann irgendwie arrangieren müssen, ohne den Stolz zu verlieren —, also obwohl ich nur das Spiel spielen, es wiederspielen wollte, Frau Amanda hatte es restlos zerstört.
Gewiß, all dies wäre aufzufangen gewesen, lebte ich in Wien, doch reise ja übermorgen abend bereits wieder ab. So nützt es denn auch nichts, daß diese Frau sich bei dem Buchhändler und, über den an dessen Mobilnummer gelangt, bei meinem Verleger und über ihn indirekt auch bei mir, per Whatsapp entschuldigt hat. Denn was mir bleibt, ist ein schwerer Zweifel an meiner Selbstwahrnehmung. Im Spiel glaubte ich mich weiterhin; es vergeht selbst in Berlin kein Tag, an dem ich nicht angeflirtet werde – ganz wie ich es mein Leben lang gewohnt war, also ab etwa meinem dreißigsten Lebensjahr; davor war es anders. Jetzt aber habe ich das Gefühl, den “alten Mann” schon im Aussehn zu tragen und mich also, flirte ich mit jungen Frauen, lächerlich zu machen. Wie ich davon wieder wegkommen soll, weiß ich noch nicht, zumal ich zwar gut im Verzeihen, im Vergessen aber schlecht bin und unbegabt im Verdrängen, diesem zumal abgeneigt.
Geatmet hatte ich Frühlingsluft, die in meiner Lunge aber als scharfe Frostklümpchen ankam. Und in ihr immer noch nachklirrt. Es ist ja auch nicht ungefährlich in solchem durch mein Rauchen sowieso schon beanspruchtem Gewebe.

Ihr ANH

Nach Wien! Im Arbeitsjournal des Dienstags, den 19. Juli 2022. Mit Sommers Hitzewellenchaos bei der DB.

[Arbeitswohnung, 8.56 Uhr]
Chaos offenbar bei der Bahn. An sich habe ich einen Supersparpreiszug gebucht, der heute erst um 22.19 Uhr ab Gesundbrunnen geht und aber einige kleine Tortur bedeuten dürfte, da er bis Wien an die dreizehn Stunden braucht; Flüge waren unerschwinglich und sowieso die meisten Züge als hochfrequentiert bezeichnet. Jetzt gab es aber folgende Meldung vorhin:

So daß ich dachte, in Ordnung, dann nehme ich vielleicht doch einen Tageszug, der dann spätabends/frühnachts ankommen werde – praktisch, weil ich die Zeit ohnedies dafür verwenden will, das Triesttyposkript weiter auf Papier durchzusehen (bis S. 100 kam ich gestern; das ist auch schon ausgedruckt). Nur, als ich nach möglichen Zügen schaue, bekomme ich immer nur das:

Nachdem ich’s einige Male erneut versucht hatte, immer mit diesem Ergebnis, schaute ich bei Netzwelt nach. Und voilà:


Diese Störungen betreffen logischerweise auch den DB-Navigator. Wahrscheinlich bricht bei der Bahn gerade alles unter dem Ansturm anderer wie ich zusammen, die alle nach Alternativen zu ihren gebuchgten Zügen suchen, bzw. suchen nur wollen.
Ich werde jetzt einfach früher packen, als ich vorgehabt hatte, und immer mal wieder nachsehen, ob’s wieder funzt, und wenn ja dann spontan das Haus verlassen, um den Wahlzug zu nehmen. Deshalb wird dieser Tag wahrscheinlich etwas konfus geraten, da eine präzise Konzentration nicht so recht möglich sein dürfte. Vor allem muß ich auch an Proviant denken, da es mit meiner Abnehmerei heut leider noch mal weiterging; die Waage heute morgen zeigte nur noch 66 kg, unter will ich nicht. Das wissen, Freundin, Sie ja. Elvira M. Gross wird eh erschrecken, wenn Sie mich in Badehose sehen wird, erstmals seit der OP. Wir werden wieder, wie oft im Sommer, → dort in Bad Fischau lektorieren. Wie schon geschrieben muß das satzfertige Typoskript am Morgen des 27. im Verlag liegen.

Übrigens hat es sich w i e d e r bestätigt: Bei einem Korrekturdurchgang auf Papier finde ich immer andere, und zwar von ihrer Art, Fehler oder sonstige Mängel, als wenn ich am Bildschirm arbeite. Umgekehrt aber auch, so daß, auch wenn’s etwas mühsam ist, beide Korrekturweisen nötig sind.

[9. 32 Uhr]
Grad eben noch mal versucht — und … – na bitte:

Dann heißt es jetzt, mich zu sputen. Einen der Mittagszüge werde ich nehmen.

ANH

[15.37 Uhr
ICE 1711]


Korrigieren des ausgedruckten Typoskripts am Tisch im ICE, hier der Seite 101.

(Hat tatsächlich gut geklappt mit der Hitzeaufhebung der Zugbindung; allerdings wisse er, der Kontrolleur, nicht, ob auch die östereichischen Kollegen es akzeptierten. Nun, ich bin da ganz ruhig; umgekehrt wär ich’s eher nicht.)

Das Arbeitsjournal des Donnerstags, den 30. Juni 2022. Zu den Triestbriefen, ff.

[Arbeitswohnung, 9.17 Uhr]

In der Dichtung besteht solch eine Gußform aus Lebensmaterial, hier jetzt dem Euren. Allerdings muß, was tatsächlich geschah, den poetischen Notwendigkeiten angepaßt werden. Kein Roman, auch keiner aus Briefen, gibt die Realität eins zu eins wieder. Da kann aus ihr noch so abgeschrieben worden sein: Ceci n‘est pas une pipe. Erzählungen folgen anderen Gesetzen als die konkrete Wirklichkeit; schon die Zeiten differieren. Im Alltag hat außerdem der Satz vom ausgeschlossenen Dritten Geltung; die Dichtung hebt ihn auf.

(Aus dem ersten Brief nach Triest)

Gestern den ersten Korrekturdurchgang der bislang bereits geschriebenen Triestbriefe abgeschlossen; einiges war zu präzisieren, weniges grundlegend neu zu formulieren, ein bißchen auch was zu streichen – wobei ich wahrscheinlich noch weitere Striche anbringen werde, aber wohl erst, wenn die sieben nun noch zu verfassenden Briefe fertig sein werden. Das kann und wird sich wahrscheinlich über den Sommer hinziehen, zumal noch eine Unterbrechung ansteht, wenn nämlich die von Elvira M. Gross lektorierte zweite Tranche hier eintreffen wird, an die ich dann sofort rangehen muß. Dazu sieht meine Planung seit gestern vor, am 13. Juli nach Wien zu reisen, um das Endlektorat – also Zweifelsfälle durchzusprechen und letzte Entscheidungen zu treffen – im persönlichen Bei- und Miteinander abzustimmen. Zum 20. muß das satzfertige Typoskript im Verlag liegen, damit das Buch zur Frankfurtmainer Buchmesse auch da sein kann. Außerdem habe ich noch einen kleinen Rundfunkbeitrag zu schreiben, der am 18. abgegeben sein und am 19. hier in Berlin eingesprochen werden muß. Wobei ich das möglicherweise auch im Wiener ORF tun könnte.
Doch zu den Triestbriefen noch. Was mir auffiel, ist, daß je weiter die Briefe gediehen, sie sich unvermerkt immer näher an mich selbst heranschrieben, also quasi autobiografisch wurden. Was nicht sein soll. So gibt es also nicht nur die konstruierende Frage, wie ich viereinhalb (!) Jahre später mit neuen Briefen an die alten “poetoorganisch” anschließen kann (hier habe ich bereits den Ansatz; es wäre völlig bizarr, schriebe ich in einer sozusagen Blase weiter, ohne die Geschehnisse der Zwischenzeit sowie der jetzigen Gegenwart mit einfließen zu lassen, also Pandemie, Krebs, Krieg), sondern auch, auf welche Weise ich die nötige Distanz in den Text einziehe. Auch hierfür kam mir gestern die Idee, sie ist, glaube ich, klasse, weil sie dem Text einen höchst reizvollen Dreh gibt, einen poetischen sozusagen Effet; ich habe schon herumprobiert gestern abend und dann sogar schon auf anderthalb Seiten des Anfangs ausgeführt. Dabei wird der eigentliche Erzähler – der, die Briefe schreibt – zur abstraktesten Figur aller (aber nur die sagt “Ich”!), indes die fiktiven Personen zu den konkreten werden. Eine feine Volte, wenn es so klappt, wie ich’s mir vorstelle. Nur ist dazu nun noch einmal ein kompletter Durchgang nötig, bevor ich mit den neuen Briefe beginne – und sogar ein dritter noch, der aber mit mit einem ausgedruckten Typoskript, p h y s i s c h, damit mir sämtliche Motive und Motivarianten so verinnerlicht sind, daß ich beim Weiterschreiben nicht dauernd nachschlagen oder gar -suchen muß. Bei dem heurigen Sommerwetter wird d e r Durchgang genußvoll sein, denn ich werde ihm draußen im herrlichsten Sonnenschein nachgehen können – was mit einem Laptop schwierig ist, von dessen Screen sich in auf ihn fallendem hellen Licht kaum etwas ablesen läßt.

Jedenfalls werde ich nachher gleich mit dem Wiener Verlegerfreund whatsappen, um meinen Aufenthalt abzusprechen und dann auch sofort die Fahrt buchen (mit der Bahn, Flüge sind derzeit extrem teuer). (Italien fällt in diesem Sommer aus; es ließ sich familiär kein funktionables Übereinkommen finden; statt dessen will ich ab November in den Süden, sicherlich nach Sizilien, möglcherweise auf Stromboli, um für die Videoinszenierung der Aeolia zu filmen und auch vor Ort schon Text einzusprechen. Wobei ich allerdings auch nach Triest muß, des Briefromans wegen; wahrscheinlich eine Woche zu E}nde August. Ich muß meine Spielorte stets konkret sehen {hören, riechen, schmecken) – es jedenfalls versuchen.)

So. Rasieren, duschen, kleiden (heute erst seit halb sieben am Schreibtisch). Dann der nächste Durchgang Triest.

ANH

“Im Underground”. Uwe Schütte in der Wiener Zeitung des 21. Mais zu ANHs “In New York | Manhattan Roman”

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