Das Arbeitsjournal des 29. Septembers 2003. Charlotte de Lusignan & DLZI 4.

1

Es geht jetzt gut voran. Ich bin so weit, der Erzählung tatsächlich schon einen völlig berechtigten Untertitel geben zu können: Auf ein Gemälde John Colliers. Mitte nächster Woche wird das Dingerl fertig sein. Dann kann ich wieder an das, was unter 2) thematisiert ist.

2

Nachdem nun auch ein mir gewogener Agent vor den Entwürfen von DLZI zurückgeschreckt ist (“Früher hast du doch immer ganz andere Sachen geschrieben …”), hat Eigner wahrscheinlich nicht Unrecht, wenn er mir unter Hinweis auf pseudonym von Aragon und Apollinaire veröffentliche “unmoralische” Texte am Telefon sagte, es gebe auch heute noch das Nichtopportune, bei dem es nicht auf Kunst ankomme. Vielleicht haben sich auch nur die Hinsichten gewandelt, und dreißig Jahre später wird man sich genauso über d i e s e Abwehr lustig machen. Mag sein.
Jedenfalls habe ich mich entschieden, DLZI erst einmal fertigzuschreiben und nicht mehr in Entwurfsform unvollendet hinauszugeben. Auf diese Weise bleiben einem wenigstens die scheinliterarischen Argumente erspart (psychodynamisch gesehen sind es Rationalisierungen), man wisse nicht, “worauf das hinauslaufe”oder “wo die Liebesgeschichte sei” erspart. Die Leute sind ja nicht dumm und wissen genau, was sie tun. Man streckt sich wie eh und je nach dem Kodex, wie er halt grad en vogue ist. Aber tut den Teufel, es auch zuzugeben. Wie steht man denn sonst später in der Literaturgeschichte da?

ANDERSWELT.
Poetologisches und rezeptionsästhetisches Lehrstück: Man nehme eine (oder mehrere) tatsächlich existierende Personen und bringe sie mit den fiktiven Personen eines Romans zusammen. Es braucht gar nicht lange, da gehorchen sie denselben poetischen Gesetzen wie die erfundenen Figuren; sie haben rein denselben Atem und werden sich auch völlig anders als “in Wirklichkeit” verhalten. Sie werden also Avatar. Das ist eben das Interessante daran, eine genuin künstlerische Bewegung vollzieht sich, der die Realität völlig entspricht. – Darauf brachte mich eigentlich erst meine Börsenzeit. Du hörst ein Gerücht oder setzt es in die Welt, es läuft als stille Post weiter und weiter… – und die Kurse ändern sich, was wiederum direkt marktwirtschaftliche Folgen hat und das Wohl und Wehe ganzer Familien bestimmt, aber auch die Technologie selbst. Ohne die großen (mythischen) Fantasien hätte es wahrscheinlich ganze Stränge technologischer Entwicklungen nicht gegeben.

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Nachtrag, 6. Juli 2019:
“DLZI” steht für “Die Liebe in den Zeiten des Internets”, einen nie abgeschlossenen, aber auf damals bereits über dreihundert Seiten angewachsenen Romanentwurf, der aus meinen Erfahrungen in erotischen Partnersuche-Chats, vielen Blinddates und einigen Affären beruht, die ich bis da auch in “sexualtechnisch” heftiger Hinsicht gemacht hatte, wobei diese, also die Affären, durchaus auch einen innigen Charakter annehmen konnten, der über “Spielbeziehungen” hinausging, etwa das Verhältnis zu der “Alexandra” genannten Frau, der mein Catania-Hörstück gewidmet ist; ebenso “L.”, eine hoch durchgeistigte Geigerin mit drei weiteren Universitätsabschlüssen, die, masochistisch getrieben, fast ihre Familie verlassen hätte, darunter ein Kleinkind, um in der, sagen wir, dunklen Seite ihres Wesens endilich aufgehen, wahrscheinlicher wohl in ihm untergehen zu können.

(Ich kam auf diesen alten Weblogeintrag, weil ich für den zweiten Erzählband nach den Entstehungsdaten der “Charlotte von Lusignan” gesucht habe, und habe wieder Lust, DLZI neu aufzunehmen.)

ANDERSWELT. Ein poetologisches und rezeptionsästhetisches Lehrstück. (Aus dem freecity-Altblog, 2003).

 

[Arbeitswohnung, 13.10 Uhr]

Man nehme eine (oder mehrere) tatsächlich existierende Personen und bringe sie mit den fiktiven Personen eines Romans zusammen. Es braucht gar nicht lange, da gehorchen sie denselben poetischen Gesetzen wie die erfundenen Figuren; sie haben rein denselben Atem und werden sich auch völlig anders verhalten. Sie werden also Avatar. Das ist eben das Interessante daran, eine genuin künstlerische Bewegung vollzieht sich, der die Realität völlig entspricht. – Darauf brachte mich eigentlich erst → meine Börsenzeit. Du hörst ein Gerücht oder setzt es in die Welt, es läuft als stille Post weiter und weiter… – und die Kurse ändern sich, was wiederum direkt marktwirtschaftliche Folgen hat und das Wohl und Wehe ganzer Familien bestimmt, aber auch die Technologie selbst. Ohne die großen (mythischen) Fantasien hätte es wahrscheinlich ganze Stränge technologischer Entwicklungen nicht gegeben.
Ich rede mir seit Jahren den Mund deshalb fusslig, der Literarbetriebler hört kaum zu und erwartet – vorgeblichen, logisch, aber er hält ihn für das – „Realismus“. Da holt sich – wenn Ralf Berhorst in der Süddeutschen schreibt, die einstweilige Verfügung kassiere die Grenze zwischen Literatur und Leben – mit einem Mal „Leben“ einen Anteil „Literatur“, den es ja sowieso schon hat, und zwar auch und gerade im Fantastischen. D a s ist das bedenkenswert Bedenkliche. Im Grunde muß es jetzt auch darum gehen, → dieses Verfahren mitzuschreiben und zu poetisieren. Kühlen Herzens sein, wo es doch jagt.

Mein Kopf arbeitet auf Hochtouren, hier kommen Einfälle um Einfälle, und ich muß sehr genau gucken, da man doch einen Strick schon dreht, den man mir um den Hals legen will. Bei aller Provokation, so kannte ich das bisher noch nicht.
Einwand des Freundes vorhin: Ich hätte das mit Rauschenbach nicht schreiben sollen, das sei doch Selbstbespiegelung. Nun ja. Aber weshalb soll ich einen Impuls von Stolz unterdrücken, wenn ich ihn habe? Weil es sich gehört, bescheiden zu sein? Wer hat das den Leuten eingehämmert und warum? Nervig wird solche Freude doch nur, wenn einer sie dauernd erzählt. Mal abgesehen davon, daß im Moment von „Freude“ eh keine Rede sein kann; ich hätte wirklich alles andere lieber als diese Schlammschlachten, die sich etwa da bereits andeuten, wo von den „pornographischen Stellen“ in → MEERE die Rede ist. Ihre literarische Funktion ist doch klar, die → SM-Fantasien werden von mir erzählt, weil ich sie und ihre Realisierungen, die ja tägliche Mode geworden sind, in den Zusammenhang mit der kybernetischen Entkörperung von Welt stelle: „Aus dem, was in den letzten Jahren dem Körper geschah, kann ich rückschließen, was dem Subjekt widerfuhr: Tattoo, Branding, Piercing, Body Art und der Einzug des Sadomasochismus in den Chic sind letzte aufbegehrende, perverse Akte der Selbstvergewisserung von Körpern.“ Das formulierte ich bereits in meinem Aufsatz „Das Flirren im Sprachraum“ (Schreibheft 56). In einem Roman, der die Geschichte einer zugleich tiefen Liebe wie exponentiell verlaufenden Obsession und ihrer Explosion erzählt, kann ich das gar nicht ausklammern, sofern ich nicht völlig neben der Zeit schreiben will, in der ich lebe. Es gab ja schon ganz die gleiche Dynamik in → THETIS: Dieses Buch mußte den Völkermord auf dem Balkan mitprotokollieren und poetisch in Bewegung setzen. Es wäre sonst ein rein-distanziertes, ja: germanistisches, akademistisches Buch – also Gelaber – geworden. Daß man mir hinterher die vielen geschilderten Grausamkeiten vorwarf, wunderte mich zwar nicht, machte die Notwendigkeit aber sogar noch im Nachhinein zwingend.

So, jetzt muß ich mir Ekelhaftes tun, wegen dieser MEERE-Sache. Was ich hier notiere, kann vielleicht wirklich einmal → eine Poetik werden. Ich schreibe (fabulierte) jetzt lieber weiter.

[Poetologie]

 

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