Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, “On the Beach at Night Alone”
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn “bestens” auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise “Blinddarm” genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun “die Stunde der Wahrheit” rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … “einfach so”? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, “gut drauf”. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is’ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis’ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

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>>>> Béart 55 (folgt)
Béart 53 <<<<

Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo”neben”wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

Entrettung: Die Brüste der Béart XXXIII (erste Fortsetzung des Entwurfs). Die Brüste der Béart, 53.

(…)

Ein letzter Speichelfaden bebt allein
aus daß-wir-Leib-mal-waren nach
und ein Marienarm, der uns nicht hält,

da wir als ‘rein’ die Göttin zu entkräften
und ziehn sie mit uns aus der Welt,
der es an ihr, nicht uns gebrach,

und legen Dir, Béart, aus unsers Ave
Himmeslehr in Erdensprach
das brave Joch der zweiten Eva um den Hals,

der schon als eines Mannes Teil, Béart, gefallnen Frau
und ach für deren Willen mild,
da sie zu schwach für Lilith war:

Es löse sie die Ketten nun
und geb uns Blinden, bitten wir,
das Augenlicht zurück; so führ
an ihrer Hand die Göttin uns,

wie wir es meinen, heim,
die so durch beinah eine Jede
ewiggleich dem Mann gewinkt,

daß er sich ihr zum Opfer bracht’
und versinkt in ihr, wenn er
den feigen Cato nicht geschickt

bedacht zur rechten Zeit | und
hält in der Geschlechterfehde
in ihrem ganzen Frauensein

sie derart klein und unerblickt,
daß er die eigne Not, als Mann,
daran nicht merkt, Béart,

die uns von Dir entfernt hat
und Dich, die fast schon nur noch war,
von uns ( – ein unberechtigt Wort für „ich“?),

und sollst uns nie mehr werden
(für „mich“ ein unberechtigt’ Wort?) —
ach, sie entretten, Béart, Dich

(…) Bild (©: → Wikipedia
(Creative Commons)

>>>> Béart 54
Béart 52 <<<<

Schwindelritte und fast Sturz bei Ave Stella Maris. Aus der Nefud, Phase III (Tag 6): Sonntag, den 21. Juni 2020. Krebstagebuch, Tag 53. Darinnen Die Brüste der Béart, 52.

[صحراء النفود.Anderswelt, 12.10 Uhr (Mittagslager)
Peter Mawell Davies, Ave Maris stella für Klavier, Klarinette, Flöte, Marimba, Bratsche und Violoncello (1976)]

Denn das wurde mir gestern völlig bewußt, daß ich das gesamte Wortmaterial des Ave  Maris stella in das letzte Béartgedicht einbauen muß, wobei mir noch nicht klar ist, nach genau welchen formalen Gesichtspunkten; aber alleine dieses garantierte die Ersetzung des monotheistisch-patriarchalen Konzepts durch eine matriarchale Grundbewegung (der übrigens die Trinität im Christentum ausgesprochen entspricht – bis zu Annaselbdritt und den vorhergegangenen ähnlichen Formen etwa der drei Nornen sowie Kore/Persephone als sowohl Toten-, Unterwelt– wie Fruchtbarkeitsgöttin.
Daran habe ich gestern, soweit es mir möglich war, den ganzen Tag über gebastelt — was ‘nachgesonnen’ bedeutet, während ich alle Mühe hatte, auf meinem Röhrerich sitzenzubleiben, der unversehens alles andere als noch ein Rih! war, statt dessen nix als schaukelndes Grauen. Denn habe, bzw. hatte ich die ersten beiden Höllenkreise der Nefud als höllisch imgrunde nicht erlebt, kam nun, nach التميمي und وادي جريفز , das sozusagen dicke Ende nah. Zwar, wie nach Einritt in den zweiten Höllenkreis war mir abermals, als wäre ich permanent bekifft, nun aber nicht mehr in dem angenehm sozusagen sensationsreichen Modus neuer Erfahrungen, sondern belastend, niederdrückend, fast ein bißchen paranoid, doch körperlich-paranoid. Nicht mein Geist drehte durch, sondern gleichsam streckt mein Körper alle Viere von sich. Ergab such. Was auf keinen Fall sein durfte, geschweige so bleiben kann. Wie dick allerdings es noch werden wird, keine Ahnung. Doch schrieb ich Ihnen, Freundin, → schon gestern, wie schwer es gerade ist und daß ich nun doch auf einige der Medikamente zurückgreifen mußte und muß, die Faisal gegen die Strahlungen mitführt. Zwar, die blauen Fische vermochte ich nach wie vor zu vermeiden, doch zum Novamin mußte ich gestern gleich dreimal greifen, zweimal in der Tropfenform, einmal als Tablette; der Druck auf der Brust war zu stark. Dazu, was mich wirklich kirre macht, die geschwollenen Füße, die aber selbst morgens, wenn sie nach der Ruhe abgeschwollen sind, weiterhin kribbeln, zugleich sich taub anfühlen und mich ziemlich unsicher auftreten lassen.
Am unangenehmsten allerdings ist die Kraftlosigkeit, die mich vorgestern und gestern geradezu in sich eintunkte, so daß ich auf mein Dromedar erst gar nicht draufkam. Jedenfalls nicht ohne Hilfe. Vielmehr mußten mich Ihn Gamael und einer der Scouts geradezu hochheben und draufschieben, wiewohl Röhrerich doch zum  Aufsitzen lag, und mußten mich erneut im Sattel festbinden, der ich noch dagegen ankämpfte, mich zu übergeben (was ich tatsächlich in nur äußerstem Notfall tue; eher dekontaminiert mein Stoffwechsel, was mich gefährdet). Dann war fürs Übergeben keine Zeit mehr, weil Röhrerich schon losgetrottet war und ich das arme treue Tier nicht beschmutzen mit mit wollte; schon gar nicht sollten die Gefährten zu Zeugen meines Selbstverlustes werden, nämlich an Haltung. Wie sagt bei Niebelschütz der Graf Godoitis? “Dafür war man ja ein Herr, daß man Katastrophen mit sich selbst abmachte.”
Dennoch sackte ich mehrfach während unseres Tagesrittes hinweg, der bei gelbem, undurchdringlichem Licht eine unendliche Hitze durchwankte; zweimal kam ein leichter Sandsturm auf, ich ließ mich einfach nach hinten fallen, die Kopfhörer auf den Ohren, so lag ich, stellte ich mir vor, dreimal je mehr als eine Stunde geschlossener Augen auf meinem Lager und hörte erst Maxwell Davies’ beinah psychedelisch wirkenden Naxos-Quartets, dann seinem, ecco, Ave Maris stella zu, von dem ich anfangs hoffte, es vertone direkt → den Text – doch auf Latein? auf Englisch? welche Wörter verwendete er? – Keine, leider, es ist ein Instrumentalseptett. Doch meine lauschende Meditation half bereits sehr, übrigens auch dabei, mich meinen eigenen, den physischen Zustand so sehr vergessen zu lassen, daß ich sogar die Nefud-selbst vergaß und, als ich abends unter meinem Zeltdach in die Teppiche  schlüpfte, nichts anderes als ungefähr sechs Stunden so unentwegten wie nahezu ausschließlichen Musikhörens in der Erinnerung hatte  das allerdings von dem rhythmischem Klopfen strukturiert war, mit dem ich, ganz offenbar im Sattel noch, mögliche Verswörter hier- und dorthin gesetzt hatte. Wo sie aber wahrscheinlich nicht blieben, weil ich weit von jedem Zustand entfernt gewesen war, der es hätte möglich sein lassen, auch nur kleine Notizen ins Handmanuskript zu kritzeln. Sowas ist auf einem Dromedar eh schon schwer genug. Aber ich fand es in meinem Zustand auch überhaupt nicht, also das Manuskriptbuch; erst als wir am Nachtlager angekommen waren, noch war es hell, und ich mit den vereinten Kräften der Freunde von Röhrerich herabgezogen und vor mein Zelt erst einmal hingesetzt worden war, fand ich es gleich neben mir im Sand und nahm es auf, um endlich jetzt die nötigen Notate einzufügen:

 

 

 

 

 

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>>>> Béart 53 (folgt)
Béart 51 <<<<

Dann sackte ich bereits nach hinten quasi weg. Der Schmerz hatte wieder begonnen.
Faisal ließ dreißig Tropfen sich in die Mulde eines Holzlöffels  fallen, und später, statt, wie normal zur Nacht, Cagliostros THC, gab es eine Zolpidem, die mich tatsächlich auch durchschlafen ließ – abermals bis sieben Uhr in der Frühe. Da waren auch meine Füße wieder abgeschwollen, sahen richtig schön aus, gliederig, wie es sein muß, doch ohne daß dieses Kribbeln aufgehört hätte, das sich wie eine Ameisenstraße durch das rundum unheimliche Taubseins wegen der möglicherweise beginnenden Neuropathie hindurchbewegt, vor der mich Faisal als einer Auswirkung der Wüstenstrahlungen gleich zu Beginn schon gewarnt hatte. Da war er noch Professor Josting gewesen. WIe auch immer, ich war und bin nicht unvorbereitet. So daß mir vorhin der Rat einer diese Reise still begleitenden Freundin genau richtig einzutreffen schien, wiederum eine ihrer Freundinnen aufsuchen, die, so ließ sie mich wissen, in Berlin praktiziere und deren chinesische Akupunktur sich “bei diesen Indikationen und gleichzeitiger Chemotherapie als sehr wertvoll” erwiesen hätten.
Sowie zurück in Berlin, werde ich dem gerne, sehr gerne nachkommen. Danke, ein  großes Danke schon einmal dafür.

Allerdings, es ging mir heute vormittag insgesamt wieder deutlich besser; die Allgemeinschwäche ist weiterhin spürbar, ja, doch sehr viel geringer als gestern. Und die ständige Nasenbluterei hat aufgehört, was ausgesprochen angenehm ist. Dennoch kann ich die Siesta gleich gut brauchen. Zumal ganz ohne Schmerzen. Noch auch sind die Füße nur noch schon leicht geschwollen (“noch schon“!), nicht so elephantiatisch wie gestern abend. Was sich im Anschluß an unseren, nachher, Nachmittagsritt leider, fürchte ich, wieder geändert haben wird.

Wir werden freilich sehen. Denn → das da, leider, stimmt.

ANH
Maxwell Davies, Naxos-Quartet No 4

[19.31 Uhr, Abendlager]

Meine Güte, sie haben mich nicht wachbekommen … nach mehr als zwei Stunden nicht! Aber wir hätten weitergemußt. Also haben sie mich – erzählten sie, ich kann es nur glauben – zu dritt ans Kamellager getragen und auf Röhrerich – – –  draufgebunden! Nicht zu fassen. So sei es dann ab- und weitergegegangen.
Zu mir kam ich erst irgendwann auf dem Weg. Da war es bereits halb siebzehn Uhr. Es war, als hätte man mir Zeit aus meinem Leben herausgeschnitten, die nun hinter mir in der Wüste verdirbt. Es wäre doch Béartzeit gewesen! Oder hat in der Absence mein poetisches Gehirn einfach weitergedacht? Doch bleibt das Gefühl einer für immer verlorenen Zeit.
Aber vielleicht, daß jemand anderes sie eines Tages findet, der an der “richtigen” Düne vorbeireitet, und da leuchtet sie ihm derart entgegen, oder ihr, daß sie Halt macht, behend vom Rücken ihres Dromedars rutscht, die paar noch fehlenden Schritte tut, sich vorbeugt, bückt und die verlorene Zeit aus dem Sand herauszieht, um sie zu sich zu stecken und fortan am Herzen mitzutragen.
Dieser Wunsch, der erlebte Fantasie ward, milderte meinen Verlust ganz enorm. Und dazu auch noch das:

Da möchte ich jetzt gerne → allein mit Othmar Schoecks op.70 sein und mir dazu leise, leise das Abendessen richten —

“Maria, veni, stella maris!”: zum Finale der Béarts: Als Arbeits-, nebenbei auch wieder Coronajournal des Sonntags, den 7. Juni 2020, sowie als Krebstagebuch am 39. Tag/Chemo II Tag 6. Die Brüste der Béart, 50.

 

[Arbeitswohnung, 9.03 Uhr
73,3 kg | Ruhepuls 47]
[John Corigliano, → The Ghosts of Versailles (1992)
Radiomitschnitt der UA aus der MET]

Dazu, zu dieser von mir fast vergessenen, nun durch Zufall → wiederentdeckten Aufnahme, kam ich zurück, als ich nun auch ein Gerät neu installiert hatte, mit dem ich noch zu Frankfurtmainer Zeiten auf VHS-, also Videocassetten aus dem damals noch funktionierenden Satellitenradio Übertragungen deshalb in besserer als CD-Qualität aufnehmen konnte, weil ich die Musik über sämtliche Spuren aufnehmen ließ, über die solch eine Videocassette verfügt, also auch auf den Spuren für die Bilder. Dadurch erreicht sich eine sowohl extrem hohe dynamische Auflösung als auch ein riesiger Frequenzgang, was alles selbstverständlich nur dann wahrnehmbar ist, wenn nicht nur das Abspielgerät selbst, sondern auch das dahintergeschaltete Equipment es darstellen kann. Dann allerdings, liebste Freundin, fliegen Ihnen schon mal die Ohren weg oder Ihnen wird vor erschüttertem Staunen schwach in den Knien, doch feuerig im Herzen und frei, so frei im Geist!

Außerordentlich lange geschlafen heute; die Zeit wird mir nachher fehlen. Dennoch muß und will ich mich heute um anderes als um Liligeia kommen, die mich fast ausschließlich in Anspruch nimmt, zu ausschließlich, weil ich mit den anderen Arbeiten nicht vorankomme. Und auch, wenn ich weiß, wie sehr Sie darauf brennen, von Herbsts Erlebnissen im Wadi der Verstrickungen (وادي التشابك) zu hören, das er → gestern wirklich erreicht und von dem er eine fotografische Aufnahme aus wohl keinem anderen Grund als dem innerlich gefühlten Beweisenmüssens angefertigt hat, daß einem wirklich ganz schummerig wird (ja, Geliebte, scrollen sie bis 18.21 hinunter) und aber auch die Krebsin selbst zu reagieren sich, so spüre ich, genötigt sah — und in welch anderem Ton plötzlich! — , auch wenn ich das sehr genau weiß, sogar für nachfragende Leserinnen → Lis Handschrift zu übersetzen versucht habe und rasend gerne nun weitererzählen würde, muß ich jetzt einfach an die zweidrei CDs, die hier schon lange zur Rezension liegen, und mich vor allem um die → Béart XXXIII kümmern, für das ich nun endlich den Ansatz fand oder gefunden zu haben doch glaube, um nämlich des Gedichtzyklus’ Finale wirklich als einen Hymnos gestalten zu können, der zugleich tief in der Geschichte ruht. “Hymnos” war tatsächlich der Schlüssel. Daß mir dann Veni, Creartor, Spritus einfiel, hängt wahrscheinlich erstens mit dem soeben vergangenen Pdfingstfest zusammen als sicher auch damit, daß ich in den vergangenen Wochen wieder so viel Mahler hörte, dank auch meiner Leserinnen und Leser, der → Hrabanus Maurus’ Dichtung bekanntlich für den ersten Satz seiner VIII auskomponiert hat. Da der Text allerdings ausgesprochen patriarchal ist, monotheistisch halt, war mir andererseits sofort klar, daß ich ihn verändern würde, nämlich nur seinen Rhythmus verwenden, auf den ich völlig andere Wörter schreiben würde, solche, die sich auf das Ave Maris stella beziehen sollen, um der innere Verbundenhei der vor allem südlichen Maria mit uralten Demeter-, aber auch nahit-Figuren poetisch zu folgen.
Der ersten Ansatzentwurf sieht nun so aus, wobei zwischen die “klassischen” Venicreatorverse freie “moderne” (freirythmische) Strophen geschaltet werden sollen:

ANH:
Scheine, Schöpf’rin, hernieder und
– | – | – | – x
ziehe es, des Sternmeers Licht,
– | – | – | – x
aus den Erdsekreten aufseh’nd
– | – | – | – x
über mich als Wasserhaut und
– | – | – | – x
Veni, creator spiritus
– | – | – | – x
mentes tuorum visita:
– | – | – | – x
imple superna gratia,
– | – | – | – x
quae tu creasti pectora.
– | – | – | – x

immer noch weiter, hoch an den Mund
und bis ich ertrinke, höher noch, drüber,
wie ich, Béart, Dich lebenslang trank,
bis Du mich aufsteigend einsinken läßt
unaufersteh’nd in die Erde zurück,
und ich zerfalle in was Du mir warst,
der ich gehöre, noch, ein letzter,
bevor uns die Welt zu gut, noch zu zeugen,
gemacht haben wird, und zu empfangen:

Goethe:
Du heissest Tröster, Paraklet,
Des höchsten Gottes Hoch-Geschenk,
Lebend’ger Quell und Liebes-Gluth
Und Salbung heiliger Geistes-Kraft.
Qui diceris Paraclitus,
– | – | – | – | x
donum Dei altissimi,
– | – | – | – x
fons vivus, ignis, caritas
– | – | – | – x
et spiritalis unctio.
– | – | – | – x

Und wieder ein Freirhythmer, wobei ich mich für die Übersetzung des lateinischen Hymnus an die weniger bekannte von Goethe anlehnen will, die im Versmaß, soweit es über die  Vierfüßigkeit hinausgeht, auf eine für ihn ziemlich typische Weise unphilologisch-locker gebaut ist, virtuos und elegant, zugleich aber – und genau das nimmt mich ein  – etwas dabei unternimmt, das → in Mathias Mayers vorzüglichem, für die NZZ geschriebenen Artikel

ISLAMISIERTES CHRISTENTUM, POETISIERTE RELIGION

genannt wird, ein Impuls, den ich von ihm, Goethe, sozusagen u nbewußt geerbt habe, denn mir den Islam, bzw. von ihm anzueignen (es zu “internalisieren”), was mir gefiel und was sich poetisch als für meine Ästhetik wunderbar geschmeidig erwies, ist etwas, mit dem ich ohne einen Fremdbezug begann, der mir jedenfalls klar gewesen wäre. Ist auch nicht wichtig. Doch “poetisierte Religion” trifft ziemlich genau eine meiner Intentionen oder doch deren Umkehrung, die diese meine Innenbewegung wahrscheinlich schon früh bewirkt hat.

_________
>>>> Béart 51
Béart 49 <<<<

Genau deshalb muß ich grad wieder dran denken, daß ich → die PRÄGUNGEN-Reihe fortsetzen will, ein Gedanke, vielleicht sogar eine künstlerische, als quasi Nachlaß, Notwendigkeit, die mir neulich neu bewußt wurde, als ich mir vergegenwärtigte, welche Musiken mich vor allem geprägt haben – früh geprägt haben, meint das. Etwa trägt die älteste Schallplatte, die ich habe, bzw. an die ich mich als an die älteste erinner, die durchlaufende von mir selbst (damals noch als Alexander Michael v. Ribbentrop, der ANH war da noch fern) vergebene Nummer 5: Es ist Tschaikowskis Fünfte Sinfonie in einer Billigpressung der Gloria, damals, ich erinnere mich, für 5 DM zu bekommen, als es “normale” Schallplatten noch nicht unter 25 DM gab. Wobei die Nummer, also die 5, nicht der Realität entsprechen dürfte, weil nämlich die Nres 1 – 4 für die vorherigen Sinfonien Tschaikowskis von mir vergeben wurden, ich also sehr wahrscheinlich eine Chronologik am Archiv haben wollte. Doch genau diese fünfte Sinfonie, New Philharmonic Orchestra unter Artur Rodzinski, ist mit Gewißheit die zweite Musik, die mich zutiefst geprägt hat; die erste hörte ich vielleicht zwei Jahre vorher, mit elf oder zwölf, als ich den Plattenschrank meiner Großeltern durchstöberte (da liebte ich, wie sie, Hermann-Löns-Lieder und Karel Gott, is’ scho’ an bisserl peinlich; später kam noch Daliah Lavi dazu) und auf → Kienzles Evangelimann stieß, nämlich auf “Selig sind, die Verfolgung leiden” – was, zumindest in der Schule, meinem eigenen Grundgefühl entsprach und eben ein “Gefühl” viel weniger als die tägliche Erfahrung von etwas war, für das es den Begriff Mobbing damals noch nicht gab. – Diese Platte aber, es muß eine Single gewesen sein, die ich heute gar nicht mehr abspielen könnte (mein Linn ist Purist; nichts geht als, allerdings perfekt, 33 1/3 Umdrehungen pro Minute), habe ich nicht. Die dritte allerdings, die mich dann lebenslang prägt, trägt die Nummer 22: Mahlers Erste Sinfonie unter Bruno Walter mit dem  Columbia Symphony Orchestra vom Januar und Februar 1961 aus Hollyood. Auch hier habe ich noch nicht als ANH archiviert; ich habe die Platte während meiner letzten beiden Braunschweiger Jahre auf dem Grabbeltisch gekauft, wohl ebenfalls für fünf Euro, bevor ich mich zwischen einem Erziehungsheim und → meinem Vater entscheiden mußte, den ich seit meinem vierten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte. Was dann auch reichlich schief geht. Doch dort, in dem haushalb zerfallenen, doch hälftig mit seinen eigenen, in dieser Hinsicht begnadeten Händen wieder aufgebauten reetgedeckten Gesindehaus des Fleckens Bramstedt, – dort erreichte mich als Geschenksendung gleich der nächste Mahler-Archetypos, nämlich seine zweiter Sinfonie, auf die ich dann sogar eine Erzählung schrieb, die hier immer noch herumliegt und von der ich versucht bin, sie in eine neue Fassung zu bringen, die Gültigkeit bewahrt. An dem alten Text ist nämlich etwas, spüre ich dran; es war wahrscheinlich genau dies, was damals den alten → Manfred Hausmann bewog, mich → zu sich einzuladen und in seinem weißen Haus an der Unterweser ein Gespräch mit mir zu führen, das mir einen Weg wies, der sich erst nach Jahrzehnten vor mir zeigte und den ich dann, nach Jahrzehnten, tatsächlich ging. Jedenfalls setzte ich immer wieder den Fuß, um ihn zu prüfen, darauf. Und stehe nun fast am Ende dieses Weges mit Hausmanns mich seit damals, als ich noch achtzehn, begleitenden Versen, von denen Sie, Geliebte, mir nachsehen möchten, wie oft ich sie schon zitiert habe:

Laß uns, wie gut es auch, wie schlimm es um uns stehe,
laß uns barmherzig zueinander sein.

In dieses Barmherzigzueinander hat sich vieles bewegt, das ich seit den Bamberger Elegien geschrieben, und hier werden auch die Béartgedichte enden, fast, in einer Anrufung der Schöpferkraft, aber eben nicht einer vorgestellt männlichen, sondern eben weiblichen — für genau die ich so darauf beharre, daß es Geschlechter jenseits der sozialen Konstruktionen gibt und eben derenthalben, und nicht aus lächerlichem Machismo, ich solch ein Gegner  der sogenannten Gendercorrectness bin, bleibe und bleiben auch muß, hinter der ich etwas ganz anderes wirken spüre, als sie selbst überhaupt will oder zu wollen meint. In einem ganz anderen Gedicht habe ich es schon einmal ausgedrückt:
DER ÜBERMENSCH GEHT
Der da kommt
kennt nicht den Rauch und die Mandel
weiß von den Pforten Andromedas nicht
hört nicht an Zweigen die Toten
nicht Neros Räusche, als er Prometheus dankte fürs Feuer
und kaute mit an der Leber

hat clean auf der Klinke die Hand unverdammt liegen
und drückt sie
zur Zukunft hinunter

Hell ist sein Aug
Hell ist sein Haut
Hell ist sein leerer Gedanke

So tritt er ein
analphabet von den Alephs entbunden
Dazu paßt nun wahrlich mein Krebs, all dieses zusammenzuführen. Wobei mich die Chemo ja doch ziemlich in Ruhe läßt, von den Bekifftheitszsutänden abgesehen, die ich → nicht erfunden habe, sondern seit der Phase II extrem erlebe; sie geben meiner Durchquerung der Nefud eine fiebernde Realität, unter der sich alles andere wegbeugt, seien es die bisweiligen, doch eh gut aushaltbaren Tumorschmerzen in der Brust, sei es die dämliche, weil lästige Obstipationsneigung, sei es das neuerdings immer wieder mal auftretende, leichte Nasenbluten; auch hier Schädigung der Schleimhäute durch die Zytostatica, und seien es selbst die Kribbeleien in Fingerspitzen und zuweilen Zehen oder auch das allein nach Art einer “physokosmischen” Hintergrundstrahlung spürbare, gleichsam subkutane Übelsein, das man mit Haltung einfach so vergißt, Medikamente sind ganz unnötig. Ligeia zieht mich auf einen Erkenntnispunkt, vielleicht mehrere solche Punkte zusammen; Sie können, Freundin, sagen, daß sie mich konzentriert. Und seltsam dabei, wie in den Hintergrund Corona gerückt ist, obwohl ich mir eine solche Infektion nun wirklich nicht einfangen sollte. Mit meiner Diagnose bin ich vorderste Risikogruppe und habe dennoch nicht die Spur von Furcht. Was ich im Blick habe, ist meine Arbeit, weil sie sein wird, was zurückbleibt und es auch bleiben soll, und um die ich nun eine Formklammer leben möchte, eine Lebensformklammer, so, wie im – kurz vor Porto Empedocle – Flecken Caos, es hat mich immer beeindruckt, Pirandello unter der unterdessen sehr hohen, immer wieder vom Scirocco gefledderten Pinie hinter seinem Geburtshaus beerdigt ist, die so direkt am mare africanus zu diesem Anlaß erst gepflanzt wurde und heute noch immer da steht, doch bereits fünfzehn Jahre älter jetzt, als der geworden war, dessen posthumer Beschirmung sie dient. Wer “dient” der meinen? Meine Pinien sind die Bücher. Und ich nur kann mich um sie kümmern, fast nur ich. Sollte – nein, ich fürchte es nicht – bei der OP dann doch etwas schiefgehen, muß vorbereitet sein, was noch herauskommen soll. Es ist dies der reine Pragmatismus, nichts anderes, doch, stimmt nicht … – ist künstlerische Verantwortung noch. Und da nun stehen an erster letzter Stelle die Béarts. Die müssen, vor der OP, lektoratsfertig sein. Und erst danach, wenn ich sie überstanden haben werde, mit oder gegen Ligeia, werde ich auf Nächstes blicken können, die Triestbriefe, den Melusine-Walser-Roman, die alte Erzählung DAS HAUS auf der Grundlage der zweiten Mahler-Sinfonie. Sich zurück in die Vergangenheit biegen, doch festen Stands im Heute: auch dies ist ein Pfeil- und Bogenbild, Robin Hood, dessen Erzählungen dennoch die Zukunft anvisieren, oder gerade deshalb.
Und Alban ben Nemsi? Er wird zur Zeit im Rausch sein. Ich habe keine Ahnung, noch keine, durch was er gerade treibt, getrieben wird, was ihn voranschlägt Hieb um Hieb (und Kuß wahrscheinlich auch um Küsse), doch werd ich es erfahren, sowie ich mich wieder anders ausrichte, als es jetzt vonnöten. Wahrscheinlich gegen Abend. Dann werde ich es ihn | für Sie niederschreiben lassen.
Ihr ANH

 

 

 

[20.45 Uhr
Peter Maxwell Davies, Second Fantasia for Orchestra (1964)]


Sashimi der Verstrickungen

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