Das Arbeits- (eher Lese-)journal, zugleich (Nach)Krebstagebuch des Sonntags, den 13. September 2020. Darin zu Federico von Lewin Erich Wolfgang Korngold sowie ein wiederholter böser Traum. Außerdem Lukrez, nämlich: Die Brüste der Béart, 53.

 

 

(Schmutztitelnotate in
Lewin, Federico)

 

[Arbeitswohnung, 7.79 Uhr.
70,1 kg.
Korngold, Klavierkonzert für die linke Hand, op. 17]

Wie ich’s gestern einer entfernten Freundin schrieb (ohnedies verlege ich die persönlichen Belange meine Arbeitsjournale seit → dem dort in Briefe, fühle mich damit weniger unwohl):

Bin grad voller Staunen, was bereits der siebzehn(!)jährige Erich Wolfgang Korngold zu komponieren verstand, und von Trauer, was uns an großer Kunst womöglich vorenthalten wurde, weil ihn das Naziwidertum in die Emigration und in den USA zur Lohnarbeit für Hollywood, nämlich in den Kitsch zwang. Dabei war er erst dreiundzwanzig, als er 1927 sein Meisterwerk vorlegte, Die tote Stadt, und vierunddreißig, noch vor der Flucht, daß seine letzte große Oper in die Welt kam. Dann vergaß man dieses Menschenjunggenie noch lange über das Ende des Unheils hinaus – dem schon die neuen Unheile folgten, quasi ein weltliches Armageddon nach dem anderen, gegen alledie wir nichts als eben solche Korngolds zu stellen haben – dieses aber mit ganzem, wunderbar prometheischem Recht.

Nach Jahren wieder los ging’s nun auf einer “falschen” Fährte, von Friedrichs II und Bianca Lancias Liebestochter Violante nämlich, der letzten quasi Vergilin, mit der → bei Lewin Truda vom Unruhvollen Stamm in der Unterwelt spricht, zur gleichnamigen Oper, die aber eben gar nichts mit ihrer historischen Namensbase zu tun hat. Da indes hatte mich der Melos bereits. Es ging gar nicht anders als nach meiner Vinylaufnahme des Stücks zu den anderen Bühnenwerken überzugehen, Die Kathrin, Die tote Stadt, Das Wunder der Heliane — alles noch vor des Komponisten Emigration entstanden, danach dergleichen niemals wieder. Dabei haben mich zwischenzeitlich → eines Lesers und Gesprächspartners Michael Gielens Aufnahmen sämtlicher Mahlersinfonien erreicht, und ausgesprochen schreckhaft fasziniert fielen mir im vierten Satz der Neunten stürzende Glissandi auf: Sie stürzen geradezu ab. Da hätte ich dranbleiben können, vielleicht sogar sollen, zumal mir K. zu meiner, sagen wir, “Entdeckung” konkrete Partiturhinweise gab, zu denen er auch Fragen stellte.
Aber derzeit schweife ich, nehme auch Einladungen nicht unbedingt wahr, selbst wenn ich gerne hinginge. Immer die Unruhe, es werde zu spät, ich würde zu müd, um gut das Fahrrad heim zu nehmen:

Normalerweise habe ich sowas immer gern getan (…); 20 km hin und 20 zurück waren nie ein Problem. Seit meiner OP hat es sich geändert und war schon während der Chemo immer leicht mühsam. Was ich aber ignorieren konnte. Jetzt, noch immer in der Wundheilungsphase, die mir ziemlich auf den Geist geht, ist, es zu ignorieren, schwerer möglich. Also müßte ich – oder sollte es sogar – die BVG nehmen — etwas indes, das mein Stolz als schwere Kapitulation erlebt und damit mein Selbstgefühl attackiert und was dann wieder zu Depressionen führt. Also bleibe ich lieber gleich daheim am Schreibtisch (…).

Ungut, mithin, unguter noch, was mir nun schon zum zweiten Mal träumte (denn ich spüre unterhalb der sichtbaren, an der Oberfläche bereits fast verheilten Operationsnarbe, gewissermaßen parallel zu ihr, mich irritierende längliche Verdickungen, in denen es, wenn ich etwas gegessen habe, jedesmal erst schmerzt, und fünfzehn bis zwanzig Minuten später geht von ihnen solch ein Mir-Übelwerden aus, daß ich mich langlegen muß): Man habe — so dieser Traum — in meinen Dünndarm zwei Sonden implantiert, eine kleinere runde links, auf der Herzseite also, sowie eine längere, langgestreckte rechts. Was sie aufnehmen sollen, weiß ich nie, auch nicht im Traum, aber daß es Spione sind, deretwegen ich dringend zum Arzt gehen sollte, um sie mir schnell herausschneiden zu lassen. Doch dann ginge alles wieder mit dem chirurgischen Schnitt von vorne los, auch mit dem furchtbaren Blasenkatheter, mit der Allergie gegen die Opiate, und der “alten” Wunde tät’ ein neuer Eingriff auch nicht grade gut. Also scheue ich den Gang: Wir sind immer noch in meinem Traum, dem ersten wie dem neuen heute nacht. Da war ich allerdings am Meer und schwamm hinaus. Ich konnte kaum die Küste mehr sehen, da gingen die Sonden in mir ab, vollbrachten es auf eine irreale Weise, meinen Bauch zu durchdringen. Und sie sanken in die Tiefe. Wovon ich erwachte. — Vielleicht, so dachte ich, “befürchteten” sie (oder der Geheimdienst, der sie mir hatte einsetzen lassen, befürchtete es), daß ich mich zum erneuten Gang auf einen OP-Tisch doch noch durchringen würde, und sie … sie würden erkannt. Das mußten sie, die beiden UBoote in mir, verhindern.
“Natürlich” waren sie nur im Traum abgegangen, jetzt, im und nach dem Erwachen, wieder deutlich spürbar. Ich kann sie mit den Fingern gut ertasten. Sie fühlen sich wirklich wie Fremdkörper an oder wie innere Vernarbungen; letztres dem tatsächlichen Sacherhalt nahe kommen dürfte. Wie ich gestern bei unserm schönen Gang über den Kollwitzmarkt zu लक्ष्मी sagte, bin ich mir momentan über den anatomischen Lageplan meiner Bauchorgane ziemlich unsicher. Nach dem, was der Chirurg aus mir herausgeholt hat, muß drinnen doch ein ziemlicher Leerraum entstanden sein, den die verbliebenen Organe nun mitnutzen, in den sie sich zumindest teilverschieben können: und ich, der stets ein geradezu exaktes Körpergefühl hatte, kann nun gar nicht mehr sagen, was es ist, das wo weh- oder sich sonstwie spürbar hervortut. Also fühle ich mich meinem Körper entfremdet.
Dazu nach wie vor die Verdauungsprobleme, besonders von Fett, und vor drei Tagen die Eröffnung meiner netten Ernährungsberaterin, daß ich die Pankreasenzyme nunmehr lebenslang würde nehmen müssen, werde, heißt das, was ich widerlich finde, ich, der ich es schon ablehne, Brillen zu tragen, weil sie zuviel Krücke mir und meinem Stolz sind. Und überhaupt habe ich die Neigung, diese Ernährungsberatung wieder abzubrechen, weil mir nichts gesagt wird, daß ich nicht schon von alleine wüßte und deshalb nicht beachte, weil ich es beachten eben nicht will: etwa, zu jeder Mahlzeit Buch zu führen, also sechs- bis achtmal mindestens pro Tag. Ich käm ja zu nichts andrem mehr! Meine Arbeit bleibt eh schon schandbar liegen. Immer noch habe ich die Béartgedichte nicht neu durchgesehen, obwohl es morgen in einer Woche bereits mit dem Lektorat losgeht.
Immerhin habe ich → die Lewin nun “aus”gelesen, was ein riesiger Gewinn war und nicht selten ein Genuß, auch wenn ich in einigem von mir selber Abstand nehmen mußte, von also, wie schon bei Kantorovicz, meinen → nietzscheschen Idealisierungen. Umso größer wird nun meine poetische Aufgabe sein: die Ambivalenzen werden zum Zentrum des Werkes, zum movens der Ästhetik. Was heilsam wider die Zeit geht, die einen Geist bekanntlich nicht mehr kennt. Denn der floh in die ANDERSWELT.
Zum Unruhvollen Stamm gehör ich nämlich selbst, jenseits, selbstverständlich, der Stämme Israels, die für Waltraut Lewin – als Jüdin – noch eine Rolle gespielt haben dürften. Da liegt die Ursache meines Identifizierens: im unruhvollen Lichtgeflacker seiner Stirn vom Stamme Luzifers zu sein und aus dem Schoße Aphrodites:

Alma Venus, o Du, die unter des Himmels gleitenden Lichtern
auf das besegelte Meer und die Früchte gebärende Erde
freundlichen Glanz ausstrahlt, denn alle lebendigen Wesen
werden gezeugt durch dich und schauen die Strahlen der Sonne

(alma Venus, caeli subter labentia signa
quae mare navigerum, quae terras frugiferentis
concelebras, per te quoniam genus omne animantum
concipitur visitque exortum lumina solis)

Lukrez, de rerum natura→ I, 2-5

Ein Fingerzeig übrigens, den mir Lewin – fast am Ende ihres großen Buches – zu den Béarts gegeben hat, so daß ich Lukrezens Anrufung der GÖttin in die → XXXIII unbedingt noch einbauen muß.

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Eine Woche knapp hab ich dafür Zeit.

 

Ihr ANH
[Korngold, Sinfonische Serenade op. 39]

P.S.: Ein wunderschönes Foto möchte ich Ihnen, Freundin, hier noch nachreichen. लक्ष्मी hat es von uns, ihr und mir, gestern aufgenommen, und da sie’s → bei Facebook eingestellt hat, werde auch ich es, nunmehr hier, tun dürfen. Es schenkte mir, nachdem sie es mir zugesandt, eine große Zuversicht:

Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, “On the Beach at Night Alone”
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn “bestens” auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise “Blinddarm” genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun “die Stunde der Wahrheit” rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … “einfach so”? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, “gut drauf”. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is’ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis’ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

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Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo”neben”wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

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