Alban Nikolai Herbst spricht
Alles, was die Welt ist
Zweihundertdreiundfünfzigster Tag
Fünfte Serie, Fünfter Tag
Das Ungeheuer Muse

|| “Das Grobe, das Zarte” II

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Das Ungeheuer Muse
Arco Wien & Wuppertal
ISBN 978-3-938375-96-9
Hardcover gebunden
136 Seiten, 20 Euro

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Worum es geht.

Den Verrat an der Natur zurückzunehmen, der zu ihrer – und letztendlich unserer, als Menschen – Zerstörung führt. Um dies in der Dichtung zu ermöglichen, brauche ich magische Wörter, vor allem aber Formen. Das sind solche, die einerseits sich nicht im Beliebigen verkomplizieren, dennoch schärfsten Kriterien genügen, aber vor allem, andererseits, ein auch unbewußtes Wiedererkennen bewirken, von daher etwas bei aller möglichen Ferne Vertrautes haben und mit archetypischen gleichsam Gerüchen (das erste, was unser Gedächtnis bleibend speichert) verwandt sind.
Der Reim gehört dazu (der aber, um nicht parodistisch zu wirken, ein verstellter sein muß oder auch, fast besser, ein ungefährer, sozusagen angeschnibbelter), und auch das Versmaß, das den Groove erzeugt (etwa stehen nahezu sämtliche Erfolge des Mainstreampops im 4/4-Takt).
Der Spielfilm hat viel schneller begriffen als die zeitgenössische Literatur, daß auch der Bezug auf Mythen usw. selbst bei den Vielen wirkt, die sie bewußt gar nicht kennen. Man denke an die Wiederkehr der Drachen, Vampire usw., ans romantisierte Mittelalter der Science fiction  oder insgesamt die Faszination, die “Mystery” erzeugt. Es ist ein Irrtum anzunehmen, dabei handele es sich ausschließlich um Eskapismus. Das Bibelwort vom “sich erkennen”  für den Beischlaf – (ἀναγνώρισις eben, Wiedererkennen) – sagt es bereits deutlich. Wir “erkennen einander”, ineinander also wieder, was wir schon einmal kannten und vergessen hatten. Die Liebenden kehren zueinander und ins Bewußtsein zurück.
Eben dies ist poetisch anzustreben.

(Das schließt ein Neues nicht aus, aber macht das Neue als ein seinerseits Gewordenes erkennbar, das mithin auch die historische Herkunft bezeugt. Nicht ein einziges Wort, das ein Big Bang wäre, schon gar nicht eine Form.)

[Poetologie]

Gratia plena (2). Die Brüste der Béart XXIX (Entwurf des Endes). Die Brüste der Béart, 43.

 

(…)
und teilen sich nach der Befruchtung,

Die uns die Welt mit Lust entgilt und darinnen
erst uns auftut – uns den P a n z e r auftut
an Quellen, sexuellen, aus denen
Subjekt und Objekt noch als Ungetrennte sprudeln,

Als fielen wir in sie verschmolzen zurück,
fusioniert statt gespalten, momentlang,
doch alles, Ekel, Begehren, Erhöhung und Thier
finden sich vereinbart hier, unbang Wut mit Noth

Und mit der Zartheit | Schuld, in der wir ermatten
und sinken, schon fast im Schatten des Schlafs,
naß aufeinander und nah, Dein seufzender Mund
bebend an dem unsern und des Andern Ohr

Wie an Deinem unser | terra nobiscum
und nun erst bereit für das Wort, das aber wir
dem petit mort entlauschen, zum erdenen
Rauschen der Stille des Atmens,

Bevor wir schließlich darinnen entdämmern,
zu zweit und von Wogen gelassen wieder gehoben
des nächsten Präduliums eines finalen grand Seul,
in dem wir verlassen ertrinken, geendet.

Jetzt aber leckt uns noch zärtlich das Thier,
und schnauft und hat vielleicht geweint,
vereint im Nu vorherdurchfeuerter Erlösung,
mit seinem heilenden, unideologischen Wir:

– Dies hab Er D i r, Béart, versagt?
Dann wär fürwahr ein jeder Engel schrecklich,
und gehörte gestürzt aus dem Dasein geblendet,
wie, Frouwe, Du | ihn eben nicht ergebens

Als Geist hast in Dir kommen lassen,
vielmehr den schönen Mann der Sure,
der Dich zu fassen mit den samtnen Bronzen
der Kuppen seiner bangen Fingersehnen wußte

Und nicht vergebens nur als Erdenhure nahm,
die ungeschändet kaum mehr wert
ihm untertan wie eine Fuhre Nutzvieh wär,
die Männer hin zur Schächtung treiben,

Vielmehr war sie als Frau, nicht als Gefäß
geehrt, das hohle Patriarchen füllen,
wenn sie sich daran reiben – indessen e r,
davon erlöst, w a r d nun erst wer –

Alleine so nun magst Du, Göttin,
von einem Gott den Sohn empfangen
im Tempel, der, gebenedeit, Béart,
Dein Leib seit je uns — Amen — war.

 

Béart 42 <<<<

 

 

 

[Fotografie: Marianne Büttiker]

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