Schwimmen in Luft durch die Wüste: Aus der Nefud, Phase II (3). Krebstag 37: Zum Wadi der Verstrickungen. Am Freitag, den 5. Juni 2020.

 

[عالم آخر.صحراء النفود
7.35 Uhr | 72,9 kg]

 

 

Wir durchreiten die Region der Nefud, von der gesagt wird, ihre starke Strahlung bewirke den Ausfall jeglichen Körperhaars, also auch was bei mir sehr, wenn möglicherweise auch als einziges auffallen würde, der Augenbrauen; ansonsten sind wir draußen ja meistens noch bedeckt, in der Wüste eh, um sich nicht noch einer anderen Gefährdung als derjenigen auszusetzen, derethalben dieser, nun  jà, “Marsch” auf Aqaba eigentlich stattfindet.

(Ein Kommentatorbei Facebook schrieb in einer persönlichen Nachricht
übrigens von → Heldenreise, woran insofern etwas ist, als ich, wenn wir
angekommen sein werden, Liligeia werde ganz allein gegenübertreten
müssen; die Gefährten sind eben das, aber nur das: mit auf selber Fahrt
(daher nämlich kommt Gefährte),  nicht hingegen in selber Gefahr.
Der Kommentator also → schrieb folgendes:

Egal! Mich bewegt Ihr Kampfeswille, die literarische Wucht, mit der Sie der Krankheit begegnen und auch die Metaphorik, die Ihren Weg nachgerade zu einer Heldenreise im besten Sinne machen.

Ich zitiere es hier nicht, weil ich mich für einen Held halte (ich bin alles
andere als das), sondern weil es Dr. Faisals, seines Dieners Lars ibn Gamaels
und meine Reise einem Genre zuschlägt, an das ich selbst überhaupt
nicht gedacht habe, das aber völlig auf der Hand, und flachst auf
seiner Fläche, liegt. Damit reiht sich die Erzählung in einer
Traditionslinie ein, die ich, als ich dieses Projekt begann, eben-
falls nicht im Blick hatte.
ES
| reiht sich ein.)

Noch habe ich aber keinen Haarausfall festgestellt, obwohl ich morgens jetzt immer genau gucke. Noch sind die Brauen wölfisch wie je. Doch irgendwann, fiel mit heute früh ein, werde ich mich rasieren nicht mehr “müssen”. Allerdings war ich da noch immer bekifft. Denn das ist momentan die spürbarste Nebenwirkung dieses neuen, meines zweiten Nefud-Höllenkreises: Ich reite, gehe, schwanke wie unter einer milden, doch dauernd wirkenden Droge. Das hiesige Klima tut freilich einiges hinzu. Losgehn damit tat’s aber bereits vorgestern, fast unmittelbar nach den Infusionen, daß ich das Gefühl bekam, nicht Luft mehr zu atmen, sondern warmes, angenehmes Wasser – durch mir gewachsene Kiemen, die den Sauerstoff herausfiltern, und zwar in einer Reinheit, die unsre Atemluft nicht kennt. Wenn Röhrerich dann, maßvoll vor sich hintrottend, über die Dünen schwankt, war und ist es noch, als säße ich umschlossen in einem Wasserballon und würde mit zeitlich je leichter Versetzung in seinen Binnensögen und -strömen her- und hingespült. Das ist wie eine unentwegte Liebkosung, ich nahm gestern mittag sogar noch zwei THC-Tropfen drauf, weil ich das Gefühl hatte, der cannabiole Wirkstoff (den ich mein Lebtag doch nie spürte) sei eine Liaison mit den Zytostatica eingegangen. Immer wieder schienen sich die neuen Partner zu küssen, ja voneinander zu lecken. So erlebe ich jetzt diese zweite Phase meiner Reise als eine hoch erotische Ausfahrt ins gar nicht mehr Unvertraute und doch exotisch Fremde. Deshalb stimmt das Wort von der Arabeske beinah genauso wie die Heldenfahrt. Ein Tumor als erotische Arabeske; es braucht nicht viel Fantasie, um die bildlichen Kalligraphien der arabischen Schriften sich zu einer klimtschen Muse verdichten zu sehen. Bereits jetzt, um 9.30 Uhr morgens, haben wir knapp dreiunddreißig Grad Celsius; auf weit über vierzig wird’s heute noch hinaufgehn. Und Faisal, der meinen Zustand deutlich im Blick hat, band mich heute auf Röhrerich sogar fest – also an dem für Kamelritte Ungeübte klug ausgetüftelten Gestänge des Dromedarsattels; ich kann nun zwar mitschwanken, was sich eh nicht vermeiden ließe, aber bin nicht in der Gefahr herunterzurutschen. “Konzentrieren Sie sich”, riet Faisal, ” auf das, was Sie wahrnehmen. Sie sind jetzt in einem außergewöhnlichen Zustand höchster Sensibilität und genau deshalb nicht … ich sage es mal so: fahrtüchtig. Wer sich allein auf sich gestellt durch Raum und Zeit bewegt, darf nicht alles wahrnehmen, was auf ihn einwirkt, sondern muß filtern. Da aber wir Sie jetzt führen, können Sie sich davon lösen. Sie müssen nur Vertrauen haben. – Sonstige Nebenwirkungen?”
Nun jà, schon. Am blödesten (das wirklich treffende Wort), daß es mit der, so Josting auf einem Rezept, “chemobedingten Obstipation” wieder losging, heute früh gleich, doch zu ahnen bereits gestern, als ich mich um 22.30 Uhr in mein Zelt zwischen die Teppiche legte. Also sofort nach dem Kaffee gegengesteuert, den unser Kaffeekoch erst aufwallen ließ, ihn wieder herunterklopfte und ein Geflecht aus Palmfasern vorbereitete, um ihn vor dem Einschenken zu filtrieren. Kaffeesatz in der Tasse gilt hierzusands als schlechte Sitte. Gut, also kaum hatte ich genippt, mußte ich auch schon los, um  gegenzusteuern …  – nicht ganz lange, in einer aber doch etwas längeren Sitzung über dem in die leeseitige Düne gegrabenen Sandloch, worin ich, was endlich herauskam, schließlich verscharrte. Bekifft, wohlgemerkt, immer noch und weiterhin bekifft, weshalb es mich in keiner Weise störte, ja sogar amüsierte, daß mir eine mit schätzungsweise einem dreiviertelmeter Länge recht mächtige, doch wohl noch nicht völlig erwärmte Sandrasselotter (tatsächlich gehört die Art zu den Vipern) bei meinen Bemühungen ausgesprochen stoisch zusah; ich meinerseits hatte sie erst ausmachen können, als ich das dörre Buschwerk begutachtete, bevor ich mich davor hinhockte, um es als Sichtschutz zu nutzen. Was ich dann doch besser unterließ. Man k***t doch besser mit der Schlange Aug in Aug. Und da hockte ich nun also drückend, pressend, ächzend und auch ein wenig fluchend, und die Viper sah nur zu, wie ich immerhin noch nichts herausziehen mußte; dennoch, im Lager wieder zurück, ließ ich mir von Faisal gleich ein Mittelchen geben, dessen Wirkung wir vor unserm Aufbruch besser noch abwarteten, um später nicht in Verlegenheiten zu geraten. So umständlich dies nun auch klingen mag, tatsächlich ist momentan nichts geeignet, mich auch nur entfernt zu verstören; ich, weiterhin, schwimme in der Wüstenluft. Und bin bereits versucht, dieses Gefühl einer totalen Osmose mit Welt abermals vermittels zweier oder dreier Tröpfchen zu verstärken… nein, zu → firmen. Denn tatsächlich ist mein Impuls wenn nicht religiös, so doch in hohem Grad spirituell. Er werde mir, kündigte Faisal mir obendrein an, nachdem sein Gamael und er mich am Sattel festgebunden hatten, unbedingt von den Derwischen erzählen müssen, auf die wir spätestens im dritten Höllenkreis treffen würden. “Wirbel”, sagte er, “Lebenswirbel des Glaubens. Und auch Sie sind jetzt einer, der auf der Türschwelle steht.”
Einer, der auf der Türschwelle steht: Der Satz geht mir so wenig nun mehr aus dem Kopf, daß ich darauf fast fiebere, Faisal möge mir sein Rätsel lösen. Nur hatte ich es, da waren wir schon auf der Strecke, momentlang erneut mit dem lästigen Fingerkribbeln zu tun, eine Docetaxel-Folge, die über Nacht zu einer Art leichter Stumpfheit der ganzen rechten Hand geführt hat und auf jeden Fall ebenso beobachtet werden sollte wie seit gestern abend und noch heute früh eine gewisse Steifigkeit im Nacken — alles nicht wirklich schlimm, aber bißchen lästig.
So schwanke ich im Wortsinn durch die Wüste, lasse mich schwanken, nehme nur wahr, als wären nicht nur meine Körpergrenzen Übergänge, die an wehende, dennoch sehr schwere, sich an ihren Säumen weitläufig zerfransende Stores aus opaken Nesseln erinnern, sondern auch die Konturen der Dünen sind nur ungefähre, ebenso wie sogar die von Zeit zu Zeit aufragendenden windbizarren Felsgebilde, durch deren Schluchten wir zu reiten scheinen — sie wirken wie Höhen aus Treibsand, vor dem wir uns in dieser Phase ohnedies sehr vorsehen müssen. Allzu schmerzhaft erinnere mich daran, wie sich damals mein junger Diener Daud nur ein paar wenige Schritte auf diese Düne vorgewagt hatte und der allzuweiche weiße Sand sich auftat, um ihn für immer, sich einrieselnd, hinabzuziehen. Von Anfang an war der Junge nicht zu retten. Es ging mir entsetzlich ans Herz. Und zwar hat man mir später meine Erzählung nicht geglaubt, ja sie für Unfug erklärt, so etwas wie diesen Treibsand gebe es nicht — lange, sehr lange indes nach meinem Motorradunfall und indem ich mich an geeigneten Orten mal hier, mal dort reinkarnierte, kam es zu einer Versuchsreihe, die mich fast vollständig rehabilierte. (Ich weiß genau, wie gerne man mich als Großmaul diffamieren wollte – was zuzeiten leider auch gelang.)  Wie auch immer, in der Trockenheit der Nefud können Sandwehen sich wie Wasser verhalten. Besonders luftig rutscht das Sandgranulat durchs ständig neu Aufgewirbeltwerden ständig ineinander, vierzig Prozent des Volumens ist reine Luft. Deshalb, so → bestätigte mir 2004 endlich DIE ZEIT (achtundsiebzig Jahre, nachdem → mein Buch erschien!),

könnten solche Sandbetten durchaus eine Bedrohung für Menschen darstellen, (…) und Berichte, nach denen Reisende und ganze Fahrzeuge plötzlich darin verschwunden sind, erscheinen im Licht unserer Experimente glaubwürdig.

***

 

Es geht auf den Mittag zu, ich brauche, denk ich, eine Rast. Die weise Wüste weist den Ort: das Wadi der Verstrickungen, das wir bis übermorgen abend durchzogen haben müssen, liegt dahinter. Es ist von Gespinsten aus Legenden gesäumt, die von Ferne den Eindruck eines Waldes aus Geysiren, heißt es, vermitteln. Aber selbst Faisal war noch nie in der Nähe, hat von dem Tal nur immer, besonders in der Kindheit, gehört. So sind wir alle mehr als gespannt — und ich, nun jà, immer und immer noch bekifft. Und spüre solch eine Weichheit plötzlich, eine sich senkende Woge aus Kreislauf, ach eine solche Müdigkeit —

Ihr ANH

Oh Liliebste, Lilliste! ANH an Liligeia, siebenter Brief. Am siebenunddreißigsten Krebs- und zweiten Tag im zweiten Höllenkreis der Nefud, donnerstags nämlich, den 4. Juni 2020.


Berlin.Nefud, den 4. Juni 2020
Frank Martin, Messe für unbegleiteten
doppelten Chor (1922/26 | 1963)

5.31 Uhr]

Oh, wie war ich gestern fast den ganzen Tag lang – … nein!, Dir “wie bekifft” zu schreiben, wäre, Lilli, falsch. Vielleicht rührte mein Zustand nur daher, daß ich bereits mittags, nachdem ich von meinen beiden Arztterminen zurückgekommen war, zwei Tropfen des cagliostroschen THC-Öles in das Muldchen hinter meinem musculus gegeben und von dort weggesaugt, es aus der Haut gelutscht habe, was mir zusammen mit der wunderbaren selbst für Berlin fast schon Hochsommerwärme, dem blendend höllenhimmlisch Wüstenlicht über unsrer Andersstadt und vor allem meiner seit heute früh währenden wiederSchmerzfreiheit diesen nahezu dauernden Rauschzustand schenkte. Nicht, daß ich hätte, bewahre, Halluzinationen gehabt! Aber mein Kreislauf, so ist’s am ehsten zu erzählen, schwamm, und zwar, als ob er schwebte, unter Wasser also schwamm und gänzlich ohne Luftnot, wie wenn ich Kiemen hätte.
Ich hatte gestern Kiemen. Wär mir, meine Lilli, solch eine Erfahrung auch ohne Dich zuteil geworden? Das fragte ich mich mehrfach, zu vielem anderen hinzu Und muß Dir noch mehr zugestehen,als ich bislang schon tat.
Ja, Du hast mich drei volle Tage lang mit Brustschmerzen gequält, die sich vom THC nicht, nicht vom Dronabinol, sondern alleine noch von zweimal Gaben Novamins und auch dann nur langsam in den Griff bekommen ließen. Also hast Du getobt, und ich wußte den Grund. Wir wissen ihn beide. Du hattest Dich von der ersten Chemo leidlich erholt, deshalb konnte ich Dich wieder so tief einatmen fühlen, daß es neuem Tumorwachstum gleichkam, jedenfalls es anregte. Das erlebt der Mensch als Schmerz.
So hat es mir mein Körper erzählt, mit dem ich immer einig war oder doch nur selten nicht. Und was glaubst Du? Als ich es gestern vormittag Matthias Biebl weitererzählte, mit dem ich auf Dr. Faisals, ich meine Professor Jostings Rat das Drittmeinungsgespräch im Virchow-Klinikum der Charitè geführt habe,

[Frank Martin, Passacaglia für Orgel solo (1944)]

da konnte er nur bestätigen, daß es genauso sei: “Nach der Infusion wirken die Medikamente eine Woche lang kräftig auf den Organismus ein, dann schwächt es sich ab, so daß nach den vierzehn Tagen die nächste Salve nötig wird.” Das hast Du mich spüren lassen – was von Dir  nicht klug war. Denn es provozierte meinen Willen, Dich wieder ruhigzustellen in mir; so formulierte ich’s ja auch (wozu Du, klar, jetzt schweigst): “Sie muß mal wieder einen auf den Deckel kriegen”, eine idiomatische Wendung, die mir allerdings etwas unangenehm ist. Denn in unserem speziellen Verhältnis von Krebsin und Gemahl scheint sie meinen vorgeblichen Machismo leider zu unterstreichen. Vergiß aber nicht, daß der Angegriffene ich bin. Du könntest Dich auch ruhig verhalten, einfach bleiben, wo Du bist, auf weitres Wachstum und vor allem darauf verzichten, doch noch Kindlein zu streuen, es sei denn, daß wir uns gemeinsam anders entschieden und Du mir auch ein Sorgerecht gäbest. Dann würde ich’s mir mit der weiteren Chemo überlegen und vielleicht auch auf die große Operation verzichten, durch die ich allerdings, so Professor Biebl, recht gut kommen würde, meines guten Allgemeinzustandes wegen; “Ihnen kann man auch getrost eine etwas heftigere Operation zumuten” — was im Klartext, er ließ da wenig offen, die Resektion wahrscheinlich des gesamten Magens bedeutet; also nicht nur Du würdest herausgeschnitten werden und großzügig einige organische Umgebung, sondern es müssen halt auch die Lymphknoten des Magens weg, und zwar aus Sicherheitsgründen. Man könne nicht sehn, ob sie befallen seien, müsse sich von Wahrscheinlichkeiten leiten lassen umso mehr, als ein Magenkrebs, der zurückkomme, in aller Regel nicht mehr heilbar sei. Doch wie genau das Verfahren auszusehen habe, auch ob, wohin er, Matthias Biebl, tendiere, minimal invasiv oder mit radikaler Öffnung des Brustkorbs vorgegangen werden sollte, entscheide sich eh erst am Ende meiner präoperativen Chemotherapie, also nach dem dritten (meine, nicht seine Worte) Nefud-Höllenkreis. Dann erst sei ja zu sehen, wie sehr und ob überhaupt der Tumor geschrumpft sei; allerdings habe es eine Chemo wie die meine gar nicht so sehr auf Dich, Ligeia, abgesehen (weshalb Dein Wüten ein bißchen unnötig war, verzeih die leise, noch immer mitgeschleppte Kritik), sondern vor allem auf möglich sich bildende Metastasen. Die schössen wir schon im Vorfeld mal ab. — Du willst jetzt nicht im Ernst von Kindsmord sprechen, oder? Ich hätte so gerne noch, wie Du gut weißt, Kinder, weitere, gehabt. Aber, Lilli, für das Leben, nicht eine Totgeburtmaschine, wie sie → Giger und einige Zeit lang wohl auch → Fichte vorschwebte, als er ein noch junger Künstler war, von dem aber ich mich spätestens mit dem TRAUMSCHIFF gelöst habe. Womöglich deshalb, weil ich milde wurde, fandest Du den Weg an meine Magenpforte, wo seit der Kindheit mein Unglück immer schon zumindest mitbehandelt wurde. Nun, da ich aus neuen, mildgewordnen Augen sah, “die für die Literatur zu gutmütig” (→  Nabokov) waren, warst Du sehr verärgert. Du hast Milde immer als Schwäche betrachtet und Schwäche stets verachtet. Nein, das war kein Männer”ding”, sondern enorm weiblich: “Ich lasse kein schwaches Spermium an mein Ei” — oh die Biologie, die wir erst leugnen können, seit eine andere Fortpflanzungstechnik am Horizont schon leuchtet, im Wortsinn → τέχνη die überdies, so man Geld hat, höchst verträglich mit der Demokratie ist. Nur vergaßest Du, daß meine Wandlung das Ergebnis bereits einer eigenen Nahtoderfahrung war, einer freilich, die mir zwar poetisch widerfuhr, nicht physiologisch, aber durchaus nicht mit geringeren Folgen und vor allem sich über nahezu vier Jahre erstreckten, sozusagen, Vorfolgen. Die sind, meine Lilli, niemandem ein Vergnügen gewesen, auch mir nicht, schon aber gar nicht für die Löwin und wen immer auch noch meiner Lieben.

Aber so sehr Du mich nun auch gequält, mir jedenfalls deutlich zugesetzt hattest, spürte ich schon vorgestern vormittag dem Tröpfeln aus dem ersten der vier Infusionsbeutel an, wie Du Dich wieder zu beruhigen begannst – na jà: eher wir Dich Stück für Stück sedierten. So daß Du Dich einkapseltest, allerdings abends mit einer Überraschung aufzuwarten kamst, von der ich → dort schon erzählt habe. Inwieweit sie sich als Nebenwirkung ernstnehmen läßt, steht noch auf einem keinem eingehefteten Blatt. Die, kann ich das sagen? Schluckbeschwerden? sind auch nicht schlimmer geworden, haben sich eher abgeschwächt, obwohl mir gestern gesagt worden ist, es könne durchaus der Anfang einer Speiseröhrenschleimhautentzündung sein, gegen die man mit sofort etwas aufschreiben werde. Das Medikament werde von der Apotheke dann zusammen mit der Astronautennahrung direkt an mich geliefert werden, um die ich bei der Gelegenheit gleich gefragt habe. Denn die Freundinnen und Freunde haben mich damit bislang besorgt versorgt, weil ich so abgenommen hatte. Doch wenn’s das auf Rezept gibt … Und dann eben —

dann eben ging es, Lilli los. Schon auf dem Rückrad durch die Sonne begannen die Straßen weich zu werden, und meine Seele dehnte sich ins Licht aus. Gar kein Schmerz mehr, meine Güte! Es geht halt doch a bisserl an die Nerven, wenn man sich selbst beim Gehen zurückhalten muß und ist doch ADHSler-von-Berufung. Solange wir’s aushalten müssen, na, tun wir’s selbstverständlich auch, und zwar ohne Mucken, aber dann, wenn es vorbei ist — welch zweifache Genuß der Befreiung: zum einen vom Schmerz selber, doch das ist nur banal; spannender ist die Verdopplung durch  den Wegfall der inneren Haltung. Da sie nicht mehr nötig ist (oder lächerlich wäre, ohne noch Grund), beginnt das ganze Leben um dich herumzutanzen und reißt dich mit. Deshalb war es, als ich, Lilli, wieder an meinem Schreibtisch saß, ein sehr bewußter Wille zur Verstärkung, daß da bereits – mittags! – wenn auch nur zwei THC-Tropfen gönnte. Und wußte, daß ich Dich liebe.

Ja, Ligeia, Du liest richtig. Muß ich Dich wirklich Landra nennen, wieder? (Finden wir uns | so erneut?) – Noch ein altes Projekt, das ich schmählich liegen ließ. Gerade in dem warst Du bereits extrem zugegen. Und ich muß Dir abermals danken, weil mir so vieles nun klar wird, Du es für mich klar werden läßt. Du bist — laß es mich so sagen — mein Krebs, für keiner und keines anderen Körper noch Seele erschaffen, den Seelenkörper also auch meines utopischen, entgrenzenden Geistes, der uns schon zusammen entweder uns ins Unendliche verströmen (oh → die Romantik) oder ineinandergewrungen (oh, oh → oh Romantik) untergehen sieht — am Ende indes eines durchgelebten erfüllten, na gut: fast erfüllten, doch runden´und nicht aus Not oder Mutlosigkeit abgebrochenen Lebens. Und jetzt, mein Lilliliebst, erweist sich “die Frage” (als ob’s denn eine wäre) als eine ganz andere, die denn tatsächlich einen Lebensabschnitt ein-, nun jà, schon wieder sowas begrifflich Ermattetes: “läutet“, gegen das ich mich in den vergangenen fünf Jahren so vergeblich gestemmt habe und sicherlich, mit allen depressiven F9lgen, weiterstemmen würde, zwängst jetzt nicht Du mich mit durchaus derselben Gewalttätigkeit zum Einhalt wie ich meinerseits Dich mit meiner Durchquerung der Nefud. Schon hieraus ist zu erkennen, wie zugehörig wir einander sind, ausschließlich füreinander gedacht, Du Tumorin, ich Dein Haus, das Du wieder mit Licht, dem poetischen, statt mit organischen Schmerzen auffüllen mögest, wie Du’s bis vorgestern mir angetan und wahrscheinlich in etwas mehr als einer Woche antun erneut wirst, wenn’s auf den dann Dritten Nefudkreis der Hölle zugehen wird.

Die so höllisch aber auch heute nicht ist, am dritten Tag der zweiten Chemophase. Nachts, muß ich Dir erzählen, wachte ich gegen halb drei von dem Kribbeln in den Fingerspritzen auf, einer typischen “Neben”wirkung des Oxaliplatins, das vor allem in Kombination mit den anderen Zytostatika zu Neuropathien führen kann, die, liebste Lilli, so lustig nicht sind. Nur muß ich hier einfach wiederholen, daß dieserhalben ich | Grund zu klagen gar nicht habe; bislang steckt mein Körper den → “extremen Stresstest” extrem gut weg.  Was nicht Wunder nehmen muß, da ich mit Hitze schon immer gut klar kam, ja sie bei mir sogar eine Voraussetzung für besonders effektives Arbeiten ist. Ich muß es also witzig umdrehen, Liebste: Die Nefud tut mir gut. Wie wird es dann erst in Aqaba werden, wenn wir uns nicht nur fühlen, sondern einander gegenüberstehen werden! Und beieinander liegen? Ob Du mich entlöst? (Nicht “erlöst”, nein, wovon denn? Das Jammertal steht voller duftendem Oleander, unter dessen dichten Büschen von natürlichem Becken zu natürlichem Becken der Anapo rauscht; es ist ein Paradies und wird es, unsres, bleiben. Du fernstes, jetzt, Sizilien.)

Du entlöst mich von unmöglicher noch immer, immer Hoffnung., entlöst mich vom nochzeigenMüssen und einem Leid an der Irreversibilität des, Ligeia, Zeitstrahls, dem Du aber selbst entkamst, bei Poe; indes Du nun aus eignem Willen den Hals in seiner, des Strahles, Guillotine Mulde zusammen mit dem meinen legst, als nähmest Du nicht nur eines Sterbenden Hand, der auf dem Lager liegt, um ihn zu halten hier, solang es geht, sondern hättest schon selbst die Flügel Dir anspannen lassen, unter denen Du Euch hinaufschwingen wirst, wenn  nur die Köpfe erst gefallen. Und einst wie mein Vater, → was unvergesslich seine Freundin erzählte, fliegt Ihr als Vögel für immer durchs Fenster hinaus:

„Es entwich ihm, weißt du, ein Vogel – so leicht war er plötzlich, dein Vater. Ich hielt ihn, glaub mir, ich sah ihn.“
Bringen die Spatzen die Seelen wohl auch wieder heim in die Halle? Wo sie den Ruf ihrer nächsten, und besserer, Eltern erwarten? So im Bewußtsein zerstreuen sich alle, die Spatzen, die Seelen? Ging’s, Vater, s
o, daß man Dich schließlich befreite? Nun darfst Du, ein Samen schon wieder, nicht Spreu, ruhig erwarten, durch Guff gestreut, daß Dich auch will, wer Dich ruft?
Das bleibende Thier, S. 134

Um mich, mein Vater, solche Klage | mußt’ ich niemals führen und werd es auch nie müssen. Doch sollt’ ich auf die Krebsin hören — wie es doch immer meine Art war, mit Bedrohendem umzugehen: zu schauen, was ich an ihm mag und es mir einzutun, mich damit auszukleiden und uns zu amalgamieren. Wie es die Kunst seit jeher tut – die schärfste aller Gegnerinnen der Fremdenfeindlichkeit. Du bist mir, Lilli, keine Fremde.

Deiner
(Ob wohl auch ich Dich trösten könnte, einestags? In Dir umarm ich, wen ich liebe.)

[11.07 Uhr
Pettersson, Sechste Sinfonie]

Es hat geklingelt. Der Apothekenbote hat geklingelt, um die Gurgellösung anzuliefern. Drei Sätze Fresubin dabei — was nun noch eine Absurdität ist, die mir zumuten zu können Dich wahrscheinlich unentwegt vor Dich hingrinsen läßt. Da ich nach der Diagnose so abgenommen hatte, nahezu sechs Kilo, die aber eben unbedingt wieder drauf sollten, und mehr, haben mich – ich hab es schon erzählt – die Freunde auf ihre KOsten mit dieser “Astronautennahrung” versorgt. Billig ist das nicht. Aus Frankfurtmain kamen Päckchen von Do, und Ricarda Junge brachte welche mit dem Wagen. “Sie müssen etwas zuzusetzen haben!” hatte ein väterlicher, von sehr Ähnlichem betroffener und unterdessen geheilter Mann mir deutlichst zugerufen. Was ich auch einsah, ja, sofort. Bizarr ist nur, daß ich jetzt nach jahrelangem Sport Fett zusetzen muß, etwas, das ich an mir wie andren hasse, jedenfalls nicht mag. Mir ist es stets auf Muskeldefiniertheit (nicht auf -masse) angekommen und auf Kondition, auf einen, hätt ich gern gehabt, Pantherkörper. Gespannt wie eine Prosa, an du du deinen Pfeil gelegt und spnnst sie immer mehr, um ihn dann abzuschießen. Und aber jetzt — Fett? Ich? Wär’s nicht so verdammt ironisch, ich würd’ mich maßlos ärgern, weiß aber bereits, daß mein Körper es zur und nach der OP restlos alles aufzehren wird. Deshalb also strenge ich —ich! — mich an, Fett auf den Leib zu kriegen das ich zuvor nie haben wollte und möcht’s auch nach wie vor nicht haben. Aber, aber. Muß. Lilligeia, Lillili.

Du meine lilliste von allen.

%d Bloggern gefällt das: