Mit einem dringenden Nachtrag am Tag darauf: Ich habe, nach so vielen Jahren

Brittens Violinkonzert begriffen! Sucht! Hilfe, — S u c h t [1]Kurzes “u”.!

(Und nach dreimaligen Hören — einmal auch mit Hadelich, einer noch nicht veröffentlichten Aufnahme, über die ich vielleicht schreiben werde — hört es mit der Sucht immer noch nicht auf. Schnell also andre Interpreten hören, so viele, wie nur geht. Über Larssohn allerdings, → Triestbriefe, schrieb ich soeben den, ich weiß nicht, ob noch ironischen Satz: “Weit aber wohnt er nicht weg, mit seinem ehemals stärksten Konkurrenten in der cis-Mannschaft der zwölften Klasse, erste Liga des gesamten Gymnasiums.”)

Aber das ist noch g a r nichts —

[Sonnabend, den 6. August 2022
8.11 Uhr
Digitale Konzerthalle, 17. Oktober 2009:
Britten, Violinkonzert, Berliner Philharmoniker, Jansen & Harding]

— gegen den Mitschnitt, den ich gestern nacht noch in der Digitalen Konzerthalle der Berliner Philharmoniker gefunden habe, mit derselben, deshalb seltsam deutlich gealteren Janine Jansen, weil die Aufnahme vier Jahre vor dem oben eingebetteten Youtube-Mitschnitt entstand, nämlich 2009 — die große Frau scheint rückwärts wie Merlin zu leben —, und einem von mir bislang komplett unterschätzten, weil quasi ignorierten Dirigenten, dem ich jetzt unbedingt mein “Verzeihung” aussprechen muß. Ich habe ihn immer, allein über Äußerlichkeiten, für einen Hugh Grant des Konzertbetriebes gehalten, und nun stellt sich heraus, daß er wie kein anderer an die Seite Teodor Currentzis‘ gehört und wie dieser auf den Dirigierstab verzichtet:

Daniel Harding

Was die beiden mit den Berliner Philharmonikern aus diesem vergleichsweise frühen Brittenstück herausholen, ist atemberaubend. Ich höre die Aufnahme nun zum bestimmt achten Mal, nachts, nach sechs- oder siebenmaligem Hören, brach ich, schwer betrunken offenbar, ab, vom sehr zuvielen Wein, gewiß, doch mehr von dieser Musik, und fing heute früh gleich wieder mit ihr an, nachdem mir in der Nacht noch ein halluzinarisch bewirktes arges Malheur passiert war (ich hatte gestern zwei!mal von den THC-Tropfen genommen, damit ich genügend aß), das ich, wie beim Aufwachen gehofft, eben nicht geträumt hatte. Der kleine Flur vor Toilette und Bad lag voll klitschnasser Handtücher, aber auch der Arbeitsplatz war ein einziges Chaos: die Verlängerungsschnur des STAX-Hörers lose hingeworfen oder heruntergefallen und nicht mehr verbunden mit ihm, der entfernt ebenfalls am Boden lag; außerdem lief noch einer der beiden Computer. Wie bin ich bloß ins Bett gekommen? Ein Filmriß, dessen fehlendes Zelluloid durch diese Musik ersetzt ist, von der ich nicht mehr lassen kann, immer und immer noch nicht.

Ich kann mich nur wiederholen, Freundin. Ein → Abonnement der Digitalen Konzerthalle ist quasi obligatorisch, wenn Sie leben wie ich, um zu hören. (Bis zum 26. August gibt es für Neueinsteigerinnen und -einsteiger sogar noch 10 % Rabatt, wie ich soeben las.)

 

References

References
1 Kurzes “u”.

Battalia: T(h)eo W. Currentzis —

das, tatsächlich das mußte ich, so unangemessen es im Wachen zu sein scheint, denken und – eben! – dachte ich, als ich die Augen aufschlug aus dem Schlaf, der ein vollendeter Musiktraum gewesen sein muß. Nachdem völlig ungeplant mein Sohn und ich einen Konzertabend verbrachten. Nämlich war mir, als ich → diese Battalia (im Link ab 40’40”) endlich hörte und sah, fast der Bissen aus dem Mund gefallen – halb ein Bissen, halb auch Schluck, weil ich nämlich Suppe aß –, und ich hatte Adrian sofort, aber sofort folgende Whatsappnachricht geschickt, der — wegen eines wahrscheinlich nur grippalen Infekts seines Mitbewohners trotz eigentlich anderer Vornahme — nicht mehr hier hineinkommen wollte (Krebs, noch nahe OP, zudem vom wieder aufgenommenen Training vielleicht noch geschwächtes Immunsystem):

Adrian, Du mußt d o c h kurz reinkommen und Dir etwas anhören/ansehen… unbedingt!!! Bin grad völlig von den Socken. Bring einfach Deinen Mundschutz mit.

Und vorher hatte ich meiner Lektorin geschrieben (denn wir hatten für eben diese Einstudierung, dann aufgeführt im Wiener Konzerthaus, Karten gehabt, aber wegen Corona war auch dies wieder abgesagt worden), über SIGNAL:

Und das – ich muß jetzt fast weinen – hätten w i r in Wien gesehen… live … wäre nicht… wäre nicht … — ach. Ach, ach!

Ein zweites Mal, nein zum dritten bereits sah und hörte ich der Aufführung dann zu, als der junge Mann schließlich hier war, der eine Woche vorher der sogenannten klassischen Musik attestiert hatte, sie habe den Anschluß an die Wirklichkeit und eben deshalb Bedeutung verloren. Als er nun sehr genau in sich aufnahm, und erregt, was Currentzis und Kopatschinskaya da taten und wie sie sämtliche Orchestermusiker … ja, aufs Neue, Wiederneue beseelten, bekam er, wie seinerzeit → Parallalie bei → Sellars/Rattles Matthäuspassion den Mund so wenig mehr wie ich zu. Und eben diese (die Münder aber nicht) schlossen wir noch … ecco: an, in nur Auszügen freilich; also ich schaltete auf der Berliner Philharmoniker → Digitale Konzerthalle um. Da sah mein Sohn, dieser ziemlich schöne junge, knapp einundzwanzigjährige Mann, fast wie seinerzeit der Freund stupend aus, der knapp ein Jahr älter ist als ich:Nur, daß er nicht saß, sondern stand. Und fiebernd sich bewegte, wenn der Evangelist sang, sich mitbewegte, wenn die Chöre sich rührten, trauernd über den Bühnenboden schritten. “So viel hat sich, mein Sohn, getan”, sagte ich. “Aber”, erwiderte er, “niemand weiß es in meiner Generation. Wenn ich das vorher gesehen hätte, früher!” “Hast du. Aber dann kam die Pubertät hinzu, die immer alles erst mal umgräbt. Es ist”, ich lachte auf, “ja wirklich nicht zu spät.” “Wenn dieser Mann hier dirigiert, dann will ich unbedingt mit. Und die Kopatschinskaya — was sie für Augen hat. Und wie sie spielt ..!”
Besonders eindrücklich, für ihn wie für mich, ist Currentzis und Kopatschinskayas Aneinanderrücken Alter und Neuer Musik, der Nachweis ihres organischen Zusammengehörens, das nun, da es sinnlich ward, keines Beweises mehr bedarf. Daß zwischen Dowlands Lied und Kourlianskis Possible Places keine Pause mehr gemacht wird, so wenig wie nach der Battalia zu Scelsis phänomenaler Anahit (dem ich für DER ENGEL ORDNUNGEN einen Gedichtzyklus geschrieben habe). – Liebe Freundin, wirklich, folgen Sie dem Link und hören Sie sich’s an. Wer dann nicht auch so dasitzt (wenn er sitzt, oder sie) — der ist für alle Zeit verloren den soll in seiner großen Freiheit der Frost holen (von → da) !

 

Weshalb indes hat mich der nächtliche Nachtraum dieses Abends ausgerechnet Adorno, bis sogar offenbar in den Morgen, denken lassen ( – oder eher: fühlen?) Nein, Schönste, nicht “an Adorno”, sondern Adorno-selbst wie ein Geschöpf außer aller und über der Zeit! Sicherlich Currentzis’ Leidenschaft wegen. Weil in jedem seiner Finger nur Musik, Musik, Musik ist. Weil er ist, was er tut. Weil es keine Differenz zwischen Beruf, Berufung und Person gibt. Weil das Wort Freizeit in solch einem Leben nicht mehr vorkommt, was aus einem erlösenden Grund so ist: Currentzis wie Kopatschinskaya haben die Entfremdung aufgehoben. So etwas wie Freizeit muß nicht mehr vorkommen, was wir tun und sind, ist ganz eines. Diese beiden Menschen sind – mehr noch, viel mehr noch als ich’s bin – ganz ihre Kunst. Hören und schaun wir ihnen zu, werden wir Zeugen eines Wunders:

im Arbeits- und Musikjournal
des Donnerstags, den 22. Oktober 2020:

[Arbeitswohnung, 8 Uhr
Heinrich Ignaz Franz Biber, Battalia (1673), → Currentzis/Kopatschinskaya
Zweiter Latte macchiato]

Ein Wunder freilich ebenso – wenn nun auch, weil’s sein muß, ironisch – ist, daß ich nach der gestrigen Wiederaufnahme des Lauftrainings null Muskelkater habe; also hab ich’s doch nicht “übertrieben”, wie ich spätnachmittags befürchtete, als ich mich keislaufshalber wider Willen für eine halbe Stunde hinlegen mußte, aus der aber nur fünfzehn Minuten wurden, weil dauernd jemand anrief. Na klar, wer hält auch schon Siesta nach 16 Uhr? Da sagen Italiener längst Buonasera. – Ich war aber schlichtweg erst recht spät in den Park gekommen, weil meine erste Zoomkonferenz mit der Uni Bamberg auf die Mittagszeit gelegt worden war; ein für mich erwartungsgemäß informatives Gespräch, doch vor allem ein Anlaß, mir für den Lehrauftrag über die Einsatzmodi meines Computerbildschirm-,nun jà,”cockpits” Gedanken zu machen. Und außerdem muß ich heute einen virtuellen Raum für meine beiden START-Seminare buchen und sie danach eben auch mir einrichten. Ende dieses Monats findet bereits das erste statt. Da will ich dann auch → die Béarts endlich abgegeben haben.
Wie auch immer, heute wird um 12 gelaufen. Die Wiederaufnahme des Trainings hat eben auch Alltagsfolgen: Geduscht wird dann immer erst nachher, woraufhin die Siesta, so daß es schon von daher mehr als nur sinnvoll ist, meine Arbeitszeiten wieder sehr früh beginnen zu lassen. Bereits gestern, wie heute eben auch, bin ich um Viertel vor sechs hoch; besser wäre, zum Aufstehen fünf Uhr anzusetzen. Dann läßt sich bis Mittags gut was schaffen. Denn zu tun … mein Güte, schönste Frau … zu tun, zu tun gibt es genug. (Mal abgesehen davon, daß ich leider auch noch die Steuererklärung für 2019 dazwischenschieben muß, deren Fristablauf der Krebsbehandlung halber auf den 1. Dezember verschoben wurde, dankenswerterweise).

So, die Geistesärmel hoch!

ANH
[Mahler, Erste, Currentzis]

[12.18 – 13.40 Uhr
Volkspark Friedrichhain]

 

 

 

 

Siehe → dort.

 

 

Und dann stand vor dem Park aber noch mein absoluter Lieblingswagen, den ich zwar niemals haben werde, erstens weil mir das Geld fehlt und weil zweitens in Berlin nichts unnötiger ist als ein Auto. Aber leihen, für einen Wochenendausflug, würd ich ihn mir gerne.

 

Sehr sehr, sehr sehr, sehr sehr gerne.

Krebstagebuch, Tag 57, Kontrolle: Donnerstag, den 25. Juni 2020.

 

[Arbeitswohnung, 14.45 Uhr
71,7 kg]
[Dvořák, Streicherserenade E-Dur
Digitale Konzerthalle, Berliner, Petrenko]
Die Wahl Petrenkos ist ein Abenteuer. Im besten Falle
sorgt sie dafür, dass der Neue das Orchester wieder auf jenes Feld zurückführt, das es in den letzten Jahren
unter Rattle bei allen außermusikalischen
Projekten vernachlässigt hat: die konzentrierte Arbeit am eige-
nen Sound. Und das wäre dann wirklich
nicht die schlechteste aller Lösungen.
Cicero, → 23. Juni 2015 

Also früh um 9.15 Uhr der dritte Kontrolltermin beim Onkologen, Blutcheck, Firmung des Termins der nächsten, nämlich vierten Phase für den kommenden Dienstag.
Keine nennenswerten Nebenwirkungen heute; Kribbeln in den Fingern und Füßen, die aber nur leicht geschwollen; leichtes, beim Schnauben, Nase- sowie, beim Zähneputzen, Zahnfleischbluten, Gejucke an Berlichingens Götzenschnauze; nur direkt nach dem Aufstehen (um fünf) leichtes Übelsein. Die dritte Chemo läuft deutlich, deutlich aus. Dennoch noch keine Schmerzen wie am Ende der ersten und zweiten.
Blutwerte in Ordnung, aber an der Dosierung des Oxaliplatins will Dr. Fais… — ähm, Josting etwas schrauben, weil ihm die neuropathischen Nebenwirkungen nicht ganz geheuer sind; es bestehe die Gefahr, daß sie auch nach der Chemo bleiben. Deshalb sind die, so → Wikipedia, “häufig dosislimitierend”; dies nun also auch in meinem Fall – immerhin erst für den, mit dem Wort der Nefud ausgedrückt, vierten Höllenkreis (was insofern erleichternd ist, als Oxaliplatin nachweisbar hoch wirksam ist).

Ich habe Medizinerinnen und Mediziner unter meinen Leserinnen und Lesern; deshalb hier die spezifizierten heutigen Werte:

 

 

 

Die sich ergebende Planung, terminlich bereits festgeklopft: Gegen Mitte der Chemo ein abschließendes CT im Sana-Klinikum am 8. Juli; am selben Tag dort Tumorkonferenz und am 13. das Beratungsgespräch mit meinem, möglicherweise, Operateur Michael Heise. Ich meinerseits will auch noch, am besten für den 12., das bereits locker avisierte zweite Gespräch mit Matthias Biebl terminieren, der mir → bei unserem ersten Treffen überaus sympathisch war, indessen ich mit Heise bis heute nicht gesprochen, ihn während meines “Staging“s nur ein paar Mal auf dem Gang gesehen habe.  Ich möchte einfach ein gutes Grundgefühl haben, wenn ich jemandem mein Leben in die geradezu wörtlich zu nehmenden Hände lege, also dem Kenntnisreichtum und der Geschicklichkeit ihrer Finger anvertraue. Wobei ich unter “Gefühl” meinen Instinkt verstehe, dem zu vertrauen mich immer wieder, wenn überhaupt etwas, mein Leben gelehrt hat.
Die OP selbst wird dann ungefähr in der letzte Juliwoche stattfinden, was bedeutet, daß ich → Aqaba nun doch etwas später erreichen werde, als vom Onkologen → bei der letzten Kontrolle angekündigt, was wiederum zeigt, daß meine eigene anfängliche Schätzung mit Anfang August ziemlich korrekt war. Wenn alles gut geht, dürfte das Rohste Mitte August ausgestanden sein und ich, wenn mein Zustand es zuläßt, wieder auf Reisen gehen – wahrscheinlich erst mal nach Wien zum Lektorat der → Béarts, dann aber, nachdem ich in dem der nefudschen Anderswelt gewesen, für fünfsechs Tage zum “realen” Aqaba, um später nachzutragen, was ich kaum – zumindest nicht in den ersten Kliniktagen – werde direkt erzählt haben können; wie ich die Tage der OP und der sich anschließenden Intensivstation für Die Dschungel regeln werde, steht völlig in den Sternen. Auf jeden Fall wird es eine daraufhin zu füllende Leerstelle geben, und wie immer täte ich gerne irdische Gerüche, Tastsensationen, tatsächliche Blicke hinein.

Bis dahin wird meiner Gefährten und meine Durchquerung der Nefud also noch währen. Zwar sind wir der Stadt schon sehr nahe, aber noch läßt uns Liligeia nicht zu sich herein, geschweig’ daß sie uns bäte.

ANH
[Schönberg, Violinkonzert
Digitale Konzerthalle, Berliner, Kopatschinskaja, Petrenko]

Abbitte. Mahler IX. Für Leonard Bernstein. Am Mittwoch, den 27. Mai 2020, notiert als kleines akustisches Arbeitsjournal.

 

[Arbeitswohnung, 14.38 Uhr
Krebstag 29/Chemotag 8 | beschwerdefrei, 71,5 kg]
 

Mit großem Dank an Albert Meier

Mahler, Symphonie No 9
Berliner Philharmoniker, Leonard Bernstein
Aufnahme des RIAS Berlin anläßlich der Berliner Festwochen 1979 zugunsten Amnesty International.

 

Ganz meine Skepsis ab– und die CD einlegen, starten, zuhören (unabgelenkt; auf dem Musikstuhl, der zwar geräumig, doch dessen Sitz zu hart ist, um eines Sessels, also zu kommod zu sein).

Und es nicht fassen können: “Das ist dir bislang entgangen?!”

Allein die Aufschreie in den hohen Streichern, das graunzende Grummen der tiefen sowie der Pauke unschönes, weil zu helles Pochen und insgesamt die oft unvermittelten, quasi, Tempiwechsel! Genau, wie ich mir diese Neunte immer vorgestellt habe, daß sie so klingt, durcheinanderrasend, wild, wieder gefaßt und im erneuten Absturz schon. Es ist völlig richtig, was mir, siehe drunten, Albert Meier schrieb: Bernstein holte dies aus einem Orchester heraus, das 1979 völlig anders, von nämlich ausgerechnet Karajan geprägt war — und vielleicht ließ es sich eben genau deshalb, alleine deshalb aus ihm herausholen. Es ist der Aufnahme keinen Moment lang ein sentimentales Nachlassen der Spannungskraft anzumerken, wie ich’s bei Bernstein mit Mahler monieren zu müssen immer wieder Anlaß fand, das er sich hier aber hätte, den Kopf ins klaffende Maul des diktatorischen Löwen gelegt, auf keinen Fall erlauben dürfen. Gar nichts davon! Im Gegenteil, die hohe Nervosität Georg Soltis und Wyn Morris´ scheint sich vor den Berliner Philharmonikern mit Barbirollis dunkel glühendem, zugleich brummend insistierendem Temperament verbunden zu haben, ja sogar der Eindruck entsteht, es atme dieses Orchester unter Bernstein derart auf, weil es zum ersten Mal seit Jahren  wirklich eine Sau herauslassen darf, die bürgerliche Anstandregeln und sonstige Einschränkungen der Ausdrucksfreiheit rebellierend ein- und umreißt. Und wir geraten in die rasende Ekstase sich aus den Bindungen befreiender, nämlich aufbegehrender Klänge — ohne die, wie Mahlers IX oft interpretiert wird, schießliche Resignation. Bei Bernstein verklingt die Sinfonie eher als gutes, sanftes Entschlafen nach einem ziemlich harten Tag, der bis beinah ganz zuletzt noch in brodelndstem Saft stand. Und ebenfalls zurecht spricht Meier von seiner, Mahlers, “Gewalttätigkeit der Komposition”, die freilich nicht ihre (also deren), sondern die nichtverdrängte, nichtgeschönte dieser Welt ist.


Bestellen!    Sie haut um”!

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Aus der vorhergegangenen Korrespondenz:

Ihre kürzlichen → Bemerkungen zu Mahler unter Inbal, Solti usw. bringen mich – in Verbindung mit Ihrer Freude an Shostakovitschs Streichquartetten– zu der Frage, ob Sie Mahlers Neunte unter Leonard Bernstein mit den Berliner Philharmonikern kennen (live 1979). Ich habe die Einspielung erst kürzlich entdeckt – sie haut um.

Oh, diese Aufnahme kenne ich tatsächlich noch diese! (Ich hatte mit Bernstein und Mahler immer ein bißchen Probleme, weil es mir oft zu sein schien, als glitten ihm die kompositorischen Zusammenhänge vor lauter Ergriffenheit wie zu lockere Zügel aus dem Griff, manchmal gingen die Bögen tatsächlich momentlang auseinander – was etwas anderes ist, als es bei Barbirolli die harten Risse sind oder bei Tennstedt sogar Schnitte; Bernstein, den ich nach wie vor liebe, wenn er Neue Musik dirigierte (es gibt für mich keinen Vergleich zu seiner Einspielung von Bergs Violinkonzert mit Isaac Stern und dem NY Philh), war mir bei Mahler immer zu sentimental; er weinte halt auch immer schnell (und hielt, was ich ihm schwer verüble, die Beatles für ernstzunehmende Musiker) – ähnlich ist sein Tristan, etwa gegenüber Soltis oder noch moderneren Auffassungen wie Naganos, Metzmachers u.a.
Doch wenn Sie jetzt derart ausholen für diese Neunte unter Bernstein, dann will ich sie unbedingt hören und werde mal schauen, sie zu besorgen.
Dann geht die CD am Montag auf den Weg zu Ihnen (Dunckerstraße, nicht wahr?). Ihre Einwände gegen Bernsteins Mahler würde ich ohnehin nicht so einfach gelten lassen. Immerhin ist Mahler wohl derjenige Komponist, der den schlechten Geschmack in der guten Musik sinnvoll gemacht hat (hierin vermute ich derzeit den Grund, warum Thielemann mit Mahler nicht zurechtkommt). Und doch ja: auch die Beatles …
Der schlechte Geschmack in der Musik, darüber ließe sich lange streiten. Ich kann ihn bei Mahler nicht sehen,  nur, daß er sich Musiken bedient hat, die sehr wohl dazugehören, sie aber eben gewandelt hat … überhaupt nicht anders, im Prinzip, als es das Kunstlied mit Volksweisen getan, auch mit schlechten… und ich gebe zu, auch aus einem noch so entsetzlichen Beatles-Song läßt sich mit Gewißheit großartige Musik machen, grad im Jazz ist das immer wieder geschehen, selbst durch Jarrett. Da ist der Beatles-Song aber nur Anlaß – für sich selbst bleibt er unanhörbar, oder man muß sich übergeben. Das hört sofort auf, wenn Form ins Spiel kommt. Nur deshalb funktioniert der Kitsch bei Mahler, ohne es zu sein, also Kitsch.
Ich gebe des weiteren zu, daß wir, damit es zu solchen Prozessen kommen kann, das Mindere dringend brauchen, also den Kitsch, die Banalität usw. – alle, was die sogenannten einfachen Menschen halt bewegt. Um aber Kunst zu werden, braucht es den Transformationsprozeß. Nie und nimmer also würde ich die Beatles (oder den Pop, den Mainstream usw.) abschaffen, verbieten oder sonstwas wollen. Nein, das Schlechte muß da sein, die Welt wäre ohne es arm. Dennoch bleibt es schlecht und für elaboriertere Geister unerträglich (deshalb Beethovens Wutausbrüche über Rossinis Erfolge) […]
Eben: Kitsch ist etwa bei Mahler nicht mehr ‘Kitsch’, obwohl er zu den Bestandteilen der Komposition gehört (Kuhglocken!). Wie grässlich ist auch die Idee, das “Veni, creator spiritus” mit dem Schluss von “Faust II” zu kombinieren – in jeder Hinsicht abwegig, bloß dass es musikalisch/emotional nun mal umwerfend funktioniert. Aber gerade deshalb sind meines Erachtens auch Bernsteins Formlosigkeiten mehr als bloß legitim, weil sie dieser Brüchigkeit des musikalischen “Materials” (bei Adorno-Zitaten wird mir seit Jahrzehnten zwar übel, weil ich mich einst daran so überfressen habe, aber manchmal müssen sie halt doch noch sein) gerecht werden bzw. sie hörbar machen – in aller Gewalttätigkeit der Komposition wie der Interpretation. Gefallen resp. überzeugen muss das freilich nicht in jedem Fall. Für mich selbst kann ich ja auch auf die leichte Muse nun mal nicht verzichten.
Ich bin gespannt auf Ihre Meinung zu Bernsteins Berliner Neunten, bei der er immerhin ein Orchester auf seine Linie hat bringen müssen, das unter Karajan ganz und gar anders gepolt war. Er hat das dann ja auch nur einmal machen dürfen.

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[Poetologie zur Musik]

NACHBEMERKUNG
Nicht ganz ohne Witz, übrigens, wie physiognomisch ähnlich Bernstein auf dem Coverbild seinem dirigentischen Gegenspieler ist: Lenny Herbert Karastein.

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Und die Digitale Konzerthalle der Berliner Philharmoniker frei für alle:

 

Apfelbäume. Im Coronajournal des Freitags, den 13. März 2020.

[Arbeitswohnung, 11 Uhr]

Jetzt ist mir fast ein bißchen, Geliebte, als müßte ich für meine → Dekadenzpolemik vom 4. März eine Art Abbitte leisten, da nun die Zahlen so über mich und uns alle hinweggehn — Broßmann hatte mit seinem → Einwand völlig recht — und ich zudem Christian Drostens kluge und umso bedenkenswertere → NDR-Poscasts aufmerksam verfolge. Ich möchte jedem gerne raten, es ebenfalls zu tun. Dennoch halte ich an meiner Grundspekulation fest, füge indessen weitere Wägungen hinzu, etwa K. U.’s vielleicht nur auf den ersten Blick zynische Bemerkung, Trump habe ja eigentlich recht: “Die Natur” löse die Probleme schon selbst … Nicht ohne etwas zu schaudern, erinnere ich mich an einen Standardsatz meiner Mutter, demzufolge Naturkatastrophen ganz so wie Kriege “das Gleichgewicht wiederherstellen”; dies bei Corona nun, insofern vor allem alte und gesundheitlich angeschlagene Menschen die Krankheit nicht überleben oder doch geringere Chancen haben, sie schadlos zu bewältigen. Da wäre dann das Überalterungsproblem der westlichen Gesellschaften unversehens vom Tisch. — Ja, ich bin mir bewußt, selbst ein Teil davon zu sein. Und selbstverständlich habe ich gestern abend und heute früh darüber ein bißchen gegrübelt, ob ich nachher wirklich zu einer mir nahen Kollegin und ihren Kindern fahren sollte, für die ich neuerdings einmal wöchentlich koche, was ihnen – in beiderlei Sinn – gefällt, zumal in der Schule eines der beiden ein Coronafall aufgetreten ist, woraufhin sie nun auch geschossen wurde. Ja, ich werde fahren und kochen, hier ist Isolation gegen notwendige Nähe unbedingt aufzuwiegen.
Dennoch, selbst ich, der Risikobecircte, fange nun damit an, mir zu überlegen, ob die Gründe gut genug sind, die Arbeitswohnung zu verlassen, wohl wissend zugleich, welche auch politischen Folgen, um von den sozialen zu schweigen, solche Gedankengänge haben oder haben doch könnten. Ich erwische mich jetzt sogar mit ihnen, wobei es mir gar nicht so sehr um mich selbst geht als mehr darum, nicht meinerseits Gefahrenherd für andere zu werden. Beginnt man damit aber einmal, kann gar nicht mehr ermessen werden, worauf es schließlich hinausläuft. Es widerstrebt mir also zutiefst. Denn ich habe mir einzugestehen, nicht nur wehrlos zu sein, sondern akzeptieren zu müssen, daß Widerstand gegen einen Virus etwas durchweg Abstruses, ja Lächerliches hat. Es wäre so, wie wenn ich einen Tsunami beschimpfte — als hätte der einen Willen und wäre von Absicht geleitet. Tatsächlich hat Sabine Scho mit ihrer Bemerkung recht, wir seien der Natur egal, und zwar schlechterdings deshalb, weil sie kein denkendes, geschweige fühlendes Geschöpf ist, sondern nichts als determinierter Prozeß. Hingegen meinen Gegnern bin ich nicht egal, sie verfolgen ein Ziel, und gegen das kann ich mich stemmen. Der Virus aber “will” nichts anderes, als sich so umfassend wie möglich zu reproduzieren. Survival of the fittest. Und um dies zu tun, steckt er uns an, eine nach dem anderen, exponentiell. Viele, wahrscheinlich die meisten von uns, werden es überleben, viele andre aber nicht. Insofern sind die Isolationsmaßnahmen mehr als nur sinnvoll, ebenso wie es die radikale Einschränkung der sozialen Kontaktmöglichkeiten ist.
Auf der anderen Seite wächst das Rettende auch. Wie furchtbar wäre es, liebste Freundin, hätten wir nun das Internet nicht? Es sind die sozialen Netzwerke, die nun das Soziale wirklich bewahren. Kommunikation wird nicht erliegen — völlig anders, als es noch vor dreißig, ja zwanzig Jahren der Fall gewesen wäre, als auf die neuen Medien wütend eingeschlagen und ihrethalben Belsazars Flammenschrift, des Unterganges unserer Kultur nämlich, allenthalben loderte. Und auch dieses, ein Hinüberschwappen der menscheigenen, unserer also, Bedürfnisse vom “Realen” ins Netz sah bereits THETIS voraus und beschrieb es ebenso wie, daß “Neue Krankheiten entstanden und alte, urvordenkliche, aus dem Vergessen” stiegen (S. 35). Nein, Freundin, ich hätte sehr gerne unrecht gehabt …
Ja, das Rettende wächst mit, wir sind sozial nicht unvorbereitet. Etwa wenn gestern abend Simon Rattle die Berliner Philharmoniker vor leerem Saal dirigierte und dieses Konzert in der → Digitalen Konzerthalle unentgeltlich zu sehen war. Ähnlich hält es die →Lindenoper und halten es andere Häuser anderwärts. (Ich habe das Glück, mit meinem kleinen Tonstudio hier über einen kleinen eigenen imaginären Konzertsaal zu verfügen, der mich fast in originaler Qualität hören läßt.) Oder wenn mir vorhin die Damen des Literaturhauses Fasanenstraße schrieben, die → Hölderlin-Veranstaltung werde stattfinden, allerdings in Form eines wahrscheinlich live-Streams, den wir dort dann aufnehmen würden; jede und jeder, die und der weiterhin mitmachen wollten, würden begrüßt.

Aber es fällt mir derzeit nun noch schwerer, als wegen der “Gender”debatten sowieso schon, in den hymnischen, bewußt verklärenden Ton der → Béartgedichte zurückzufinden, ihn in mir flammen und sei’s nur aufflammen zu lassen; es ist, um es so zu sagen, eine elende Aufgabe, Wort für Wort, und manchmal brauche ich zwei Tage für einen einzigen Vers. Also nehme ich den Ausweg ins “Archiv”, stelle, wie neulich schon erzählt, einen Artikel nach dem anderen aus dem alten Weblogbuch ein, der noch nicht in Der Dschungel erfaßt ist, und manchmal, → wie heute, gehört solch ein Text erstmal wieder ganz nach vorn auf die Hauptseite, weil etwas in ihm gesagt ist, das nach wie vor stimmt, vielleicht sogar jetzt erst vollen Umfangs. Indessen frage ich mich quasi im selben Moment, wen eine zeitgemäße Ästhetik derzeit eigentlich noch interessiert. Ist sie nicht wirklich nur noch L’art pour ‘art? wovon ich seit jeher, grad als Formalist, ein Gegner gewesen? Sind nicht andere “Probleme” ins Auge zu nehmen? Mal abgesehen davon, daß Literatur – als Dichtung – ohnedies kaum mehr von Bedeutung ist.

Und doch. Es ist meine Bedeutung. Sie hat ein ganzes Leben geprägt, also mein bisheriges, das ohne sie kaum denkbar wäre, es jedenfalls jetzt nicht mehr ist. Und wenn ich in Nabokov falle, dann glüht sie. (Wobei dies auch unangenehme Aspekte hat: Wenn ich ihn lese — wie oft habe ich mich da nun schon gefragt, woher ich eigentlich die Chuzpe nehme, auch nur einen einzigen Satz jemals selbst geschrieben zu haben? Welch eine Hybris angesichts → solcher Vollkommenheiten! So ist es mir bislang noch bei keinem anderen Autor, keiner anderen Autorin ergangen, daß ich nicht etwa herausgefordert worden wäre, mit dem Gelesenen zumindest probehalber gleichzuziehen, sei es stilistisch, sei es im Grandiosen eines Entwurfs. Bei Nabokov aber denke ich ständig: Das wirst du niemals schaffen, das ist dir — versagt. | Nun, ich schreibe dennoch, aber halt Silbe nur tastend um Silbe.)
“Schreiben gegen Corona”: Lächerlich, gewiß. Und dennoch gibt’s das Apfelbäumchen, übrigens nicht von Luther. Den hätte Corona gefreut, der Virus wie, na sowieso, das Bier.

Die Nachrichten aus Italien, gerade auch von Freunden, sind beklemmend. Würde es in Berlin ebenso werden, wäre es ein realisierter Albtraum, weil diese Stadt nicht museal ist, imgrunde nicht mal historisch, sondern aus dem Gären des Augenblicks lebt, aus den Szenen, von den Hinzugezogenen, aus dem Gedrängten, auch ihrem Widerständigen, ihrem durchaus amoralischen Elan vital, der zugleich vitalistisch ist und süchtig, diesem Hedonistischen, ob nun Spaß oder gierige Leidenschaft, in jedem Fall Wollen. Berlin hat das Erbe des Paris der Bohème- und Chansonzeit und in der Folge des unterdessen disneyficateten New Yorks der erst 20er, dann 60er Jahre angetreten, nirgendwo sonst treibt der kulturelle Humus solch neue Gewächse wie hier. Das ginge, fürcht’ ich, zugrunde. Daß aus der Dekadenz, ja, die ich weiterhin sehe, sich eine neue Bewegung erhebt wie im Wien zum Ende des 19. Jahrhunderts — eine Bewegung, die aber nicht “deutsch” ist, sondern aus dem Amalgam von Kulturen und Religionen entsteht, für das wesentlich Migration ist, und Vermischung. Was aber auch, zugleich, Tradition meint, abendländischer wie “fremder”, also Strenge, formal, sowohl wie das Spiel — der einen indes wie aller der andren.

Ihr ANH
13.10 Uhr

P.S.:
Was mich allerdings beruhigt, ist, daß Kinder und jungerwachsene Menschen den neuen Virus fast durchweg gut überstehen. Darin liegt, fühle ich, eine wundervolle Hoffnung.

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