“Ein bißchen schaurig ist das s c h o n.” Das Gänsehautjournal des Sonntags, den 27. November 2022.

[Medikamentenversuch Pregabalin → Fünfter Tag]

 

[Arbeitswohnung, 11.44 Uhr
France Musique Classique plus:
Richard Strauss, Letzte Lieder (Jessey Norman)]
Gestern mit dem achtundzwanzigsten Triestbrief tatsächlich fertig geworden und dabei sogar, nach → diesem vermeintlichen Ende einen guten Übergang für den neunundzwanzigsten, also letzten Brief des Romanes hinbekommen. Sehr erleichternd. Also werde ich heute damit zu tun haben, den Brief korrekturzulesen, vielleicht auch noch die eine und/oder andere Änderung, bzw. Schärfung der Szenen einzufügen und ihn dann für den Typoskriptband auszudrucken und drin abzuheften. Daß ich bereits dazu kommen werde, den neunundzwanzigsten Brief zu beginnen, glaube ich hingegen nicht, schon weil ich, da wir solch ein sonniges Wetter haben, gerne einen ausgebigen Spaziergang machen möchte. Womit ich nicht lange warten sollte. Es wird doch in dieser Jahreszeit stets so übel schnell dunkel, und ich brauche Licht.

Außerdem an einer nächsten Ergänzung der zweiten Tattooerweiterung gefriemelt, erst mit Filzer, dann, weil der wieder mal nicht hielt, mit schwarzem Nagellack – was beides aber viel zu dicke Striche ergibt. Denken Sie sich sie feiner, sehr viel feiner, liebste Freundin, so, wie die Realisierung am Hals. Jedenfalls sagte gestern abend auf Broßmanns wunderbarem Fest jemand mir übrigens ausgesprochen Sympathisches, schon, weil er einerseits hochintelligent nicht nur wirkte, andererseits aber selbst sehr hell – und sportlich-elegant dazu, mit berückendem Lachen: “Das ist aber nun ein Statement!” Zu sehen war selbstverständlich nicht das Tattoo insgesamt, sondern nur mein auf die Oberseite der rechten Hand mit zumal linkisch mit links aufgetragener Entwurfsversuch.
Tatsächlich emfand ich für Tattos Hände stets als Tabu. Doch war mir schleichend klargeworden, daß ich auch dieses würde brechen müssen, wenn ich es denn mit der Selbstermächtigung über meine Versehrung ernstmeinen wolle. Zumal auch dies wieder in den Triestroman hineinspielt und möglicherweise in ihm selbst noch Thema werden wird, ganz sicher aber in meiner nun fest eingeplanten Yōsei/Horu-Shi-Novelle. Ein kleiner Ärger allerdings, daß es keine wasserfesten Hautfarben gibt, die sich mit einem Stift auftragen lassen und zumindest die Haltbarkeit von Henna haben. Sonst würde ich erst einmal damit operieren und schauen, wie ich in, sagen wir, einzwei Monaten zu diesem Wechsel meines Geschmacksempfindens stehe. Aber so nehme ich das Risiko halt an, hat auch was von einem Rausch, der allerdings dem einer Selbstüberhebung eher gleicht als nur jener der -ermächtigung. Was ich mit ausgesprochenem Interesse, sozusagen gehobener Augenbraue, beobachte. Doch ist ja auch dieser Komplex stets in meiner Dichtung zugegen. Die sowas von “neben der Zeit” liegt! Nicht “gegen” sie, nein, nur neben, im Wortsinn, ein ganz eigener paralleler Zeitverlaufsstrang, von dem ich freilich weiß, daß er nicht ohne Wurzeln, sondern Fortführung vorheriger simultaner Nebenstränge der poetischen Ästhtik ist, die es – neben – ebenfalls waren. Erzählt indes, in den Feuilletons, wird fast immer nur der Hauptstrang (“Mainstream”); anscheinend Abseitiges – das später einmal, wie Kafka und Kleist, das zentrale “Narrativ” der Literaturgeschichtsschreibung zur Ästhetik werden könnte – wird umso seltener auch nur besprochen, desto querer (nicht “queerer”!) es zur allgemeinen Gutmeinung steht. Insofern muß es mich, auch wenn es mich sehr wurmt, nicht wundern, daß etwa die Béarts in den “offiziellen” Feuilletons nicht vorkommen, abgesehen von → Carsten Ottes SWR-Besprechung selbstverständlich. Dabei w e i ß ich von Rezensionen, die schon geschrieben und längst abgegeben worden sind, die aber ganz offenbar von den Reaktionschefs und -innen zurückgehalten werden. Es zeigt dies die journalistische unterdessen nicht nur noch “Tendenz”, nicht bloß tendenziös zu schreiben, sondern auch bewußt zu verschweigen, und wiederum mit anderem, das die Zustimmung eines vorgestellten Publikums zu garantieren scheint, also mit schlichtweg der Masse zu laufen, selbst wenn sie gar keine ist, sondern nur aus einigen wenigen besteht, aber aus lauten, sozusagen “moralischen” Schreihälsen, die die Meinungshoheit okkupierten. So daß es nicht einmal mehr theoretisch um Objektivität, sondern darum geht, sich den Mehrheiten, der “Quote”, anzudienern. Na gut, solln sie. Ich weiß, an was ich arbeite, und weiß auch, warum. Auf jeden Fall bleibe ich frei von grobem ideologischen Unfug. Mitunter komme ich mir wie ein Warner unter all den Intellektuellen vorm Ersten Weltkrieg vor (auch Thomas Mann war dabei), die sich jubelnd darum drängelten, Mitmorden und Mitgemordetwerden zu dürfen. Ein bißchen schaurig ist es s c h o n, daß sich offenbar so gar nichts in den Psychodynamiken ändert.

Ihr, Begehrte,
ANH

[France Musique Contemporaine:
Jana Kmitova, Gesichtsstudien für Orchester (2017)]

Ach so, falls Sie noch ein so ausgefallenes wie edles Weihnachtsgeschenkt brauchen: Diaphanes’ Sonderausgaben des Béart-Gedichtzyklus sind jetzt erhältlich. Näheres → dort.

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[20.04 Uhr
Tschaikowski, Sinfonie Nr. 3 (Vinyl, 70er Jahre)
Eine LP, die ich mit siebzehn oft, sehr oft gehört habe.
Diese Dritte war mir neben Tschaikowskis Fünfter
die damals immer liebste.]
Fertig geworden mit Korrektur und Ausdruck des achtundreißigsten Triestbriefs, den ich jetzt auch eingeheftet habe. Wie ich’s mir heut morgen gedacht habe, war es doch noch einige Arbeit. Aber insgesamt bin ich fast erstaunt, wie gut er nun “läuft”. – 424 Seiten hat das Typoskript unterdessen, was übern Daumen rund 500 Buchseiten entspricht, eine ziemliche Menge holzhaltigen Papiers. Wobei dieser achtunddreißigste mit seinen zweiundzwanzig Seiten der deutlich längste ist bislang und was nur noch der letzte “toppen” könnte, aber nicht soll.

Gut, “Feierabend”. Jetzt wird Peter Giacomuzzis “Briefe an Mimi” zuende gelesen; zwischendurch kommen die bereits vorbereiteten grünen, reisgefüllten Paprikaschoten in den Ofen; der Sugo dazu ist schon fertig. Zum also Nachtessen dann gibt’s vielleicht noch ein oder zwei Folgen “Babylon Berlin”. Genießen auch Sie Ihren Feierabend.

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Yōsei ODER Die Leaves of Grass der Horu-Shi. Berliner Tattoo-Convention, September 2022. Briefe nach Triest, 65.

[Aus dem Achtunddreißigsten Brief:]

(…)

Du wirst, nehme ich an, die Arena Treptow nicht kennen. In einem der Gänge hatte Gerald für die Tattoo Convention einen nicht sehr großen Stand angemietet, zwei auf drei Meter, die Rückwand mit einer linksläufigen giftgrünen Triskele auf braunschwarzem Grund tapeziert, deren Arme in eine Art Schlangenköpfe ausliefen, die aber keine waren. Erst bei nahem Herantreten offenbarten sich statt dessen Schriftzeichen, eine Mischung aus Hiragana- und Katakana-Moren sowie vielleicht Runen, aber auch etwas, das ans Feanórische Alphabet2 erinnerte, die aber alle insgesamt, doch eben nur aus der Entfernung, die Konturen der drei, und nur dieser, Schlangenköpfe formten, denen inhaltlich jedoch kein oder ein so geradezu phylogenetisch fremder Inhalt entsprach, daß wahrscheinlich nicht einmal Yōsei selbst zu sagen wußte, was sie bedeuteten. Das zeigte sie freilich nicht; wurde sie um ihn befragt, dann lächelte sie nur.
Senkrecht zum Gang war, auch als Abgrenzung des Standes, eine hüfthohe, mit einer ornamental gemusterten Plane bespannte Liege aufgestellt, neben der die Ablage der Tätowierinstrumente stand, übrigens keine modernen, sondern traditionelle Teburistichel, die auch nur anzusehen wie selbst schon Schmerzen auszuhalten war. Es sind ja tatsächlich oft nur vermittels eines äußerst feinen Seidenzwirns an den Griffeln befestigte kaum sichtbare, so dünn sind sie, Metallnägel, die, nachdem sie, um die Farbe aufzunehmen, in einen damit getränkten Schwamm gedrückt worden sind, in die Haut gestochen werden. Der, ich möchte fast schreiben, „Delinquent‟, der aber, wenn er sich wieder erhob, ein für immer Erhobener war, legte sich mit dem Kopf zum Publikum, je nachdem, wo das Motiv appliziert werden sollte, auf den Rücken, auf eine Seite oder Brust und Bauch, und die Künstlerin beugte sich so nahe über ihn, daß fast ihr Mund den Körper berührte, die Augen keinen Zentimeter von den schnell wie offene Ritznarben aussehenden Einstichstellen entfernt. Und Yōsei berührte ihn wirklich, ich stand ja dabei und konnte es sehen. Ja aber was tat sie denn da? Die Tätowierer und Tätowiererinnen der anderen Stände, ich hatte es jetzt ein paarmal beobachtet, wischten das wenige austretende, stets mit der Farbe gesättigte Blut immer schnell vermittels feiner Lappen hinweg, die sie zwischen den vorderen Fingergliedern ihrer meist linken Hand hielten. Einstechen, wischen, einstechen, wischen, das war die Bewegung. Yōsei aber leckte, züngelnd flink wie Schlangen. Und wenn sie den Körper des andren so berührte, ging durch ihn ein Schauern, dem ein leises Stöhnen, das des zu Erhebenden, den irdischen Klang gab, den sonst nur Seismographen vernehmen.
Vielleicht war ich der erste, der es vernahm und alles andre mitbekam, aber ich blieb nicht allein. Es ging durch uns Zuschauer, die wir uns vor dem kleinen Stand unterdessen schon drängten, etwas hindurch wie über Whitmans Leaves of Grass3, die sich in der gesamten Breite beugten ihrer Weite, der Prärie – bis an den fernen Horizont heran, und wir hörten das seismographische Schauern als einen Wind durch unsere Ohren wie in eine Seemuschel fahren. Nur aber ich erkannte, als Yōsei – war sie bereits fertig? pausierte sie nur das Viertel einer Minute? – ihren Kopf hob, welchen Spuren die ihren ähnlich sahen, die sich von den Mundwinkeln abwärts zogen, als wären rote Tränen gelaufen, nicht ganz bis zum Kinn, nur ein winziges Stückchen, doch aber sichtbar. Ja, die Lippen insgesamt waren unversehens zu denen der Carsomarer Venus geworden, nachdem sie wiedergefunden in Lenzens Grenzhäuschen war; hier aber diese Spuren noch frisch, ein nicht leuchtendes, aber doch schimmerndes Rot. (Auf den Fotos, die später in einer Szene-Zeitschrift erschienen, aber wie eingetrocknet erblaßt; sie gingen dennoch um die Welt). Weiters erkannte man in Geralds Tätowierungen zwar ein bildliches Motiv, doch welch ein, w a s es also zeigte, vermochte niemand zu sagen, und zwar umso weniger, je mehr Zeit seit der … – man sprach bald nur noch von Performance … – verging. Ja, anfangs … anfangs hatte noch Leute gesagt: ein Tiger, ein Drache, ein Olivbaum, aber wurden sich stetig unsicherer, und traten sie näher an das Tattoo heran, waren nur genau solche Zeichen zu erkennen wie die der vermeintlichen Schlangenköpfe am Ende der Triskelenarme. Indessen ich | nichts als Deine Lippen sah.

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Briefe nach Triest 64<<<<
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Rossis dritte Begegnung, und nunmehr mit Dir. Briefe nach Triest, 63.

[Siebenunddreißigster Brief, Ende:]

(…)

Es wurde ein nicht netter, sondern tief angenehmer Abend. Pietro und Jan verstanden sich sofort, obwohl dieser sich nicht ganz sicher war und es niemals werden würde, ob zwischen dem, wie sich nebenbei herausstellte, Patentrechtler und der Lydierin nicht mehr war als nur Kameradschaft. Überdies war er mit Jessir befreundet, obwohl die beiden um der Lydierin Hand einst sozusagen wettgebuhlt hatten. Es entging dem auf ersten Blick recht konservativen Mann auch keineswegs, daß mit Jan ein nächster erschienen war, dem es seinerseits um mehr als bloß neue Freundschaft ging. Doch hatte er auch Lenz … nun jà, „ertragen‟ wäre zuviel gesagt, „respektiert‟ trifft es besser. Aber auch noch nicht ganz. Er hatte ihm sogar finanziell geholfen, zweidreimal schon, als es anders gar nicht mehr ging, und ohne ihn, also seinen juristischen Beistand, hätte Lenz das Grenzhäuschen auf Dauer nicht behalten können. Er war ja illegal eingezogen, hatte das verfallende Gebäudchen sozusagen besetzt. Nur wegen seiner, Pietros, geschickten vorgerichtlichen Verhandlungsführung war es zu dem Wohnrecht gekommen, das bis Lenzens Tod Bestand hatte, erblich natürlich nicht übertragbar. Doch dies nur nebenbei, es kam an diesem Abend selbstverständlich nicht zur Sprache. Statt dessen Michael Wollny und Vincent Peirani, die beide in Jans CAVEZZ ebenso schon gespielt hatten, Stücke aus Tandem und spontane Impovisationen, wie Craig Taborn, aber auch — sowie andere Größen der atonalen Avantgarde, deren intellektuelles, bisweilen restlos verkopftes Spiel auf die harmonischen Bedürfnisse ihrer Hörer so wenig Rücksicht nahm, daß dringend wieder ein Weltmusikabend eingeschoben werden mußte. Pietro mochte beides nicht, war bei Wollny und Peirani, Jarrett, Możdżer und Bartholomey & Bittmann, nämlich derart entschieden, daß sich Jan geradezu gezwungen sah, einerseits den Free Jazz zu verteidigen, sich andererseits aber auf die Seite der Esoteriker ganz ebenso zu stellen, schon um das Kalkül des Kaufmanns zu verteten, der er eben auch war. Jedenfalls diskutierten die beiden zwar zivilisiert, doch hitzig genug, daß es zeitweise den Anschein hatte, die Lydierin sitze gar nicht dabei.
Sie nahm es den Männern nicht übel, fand die Situation sogar amüsant; erleichternd indes auch, weil gelungen genug, um eine sich vielleicht doch schon eingeschlichene amouröse Verwicklung deutlich aufgelockert zu haben. Solange die Spiel blieb, fand sie’s in Ordnung, weil ohne Lehm an den Füßen. Und balancierte die Männer weiterhin aus. Zum Beispiel, indem sie sie nun zu einem Abendessen in ihre neue Wohnung lud. Und dort eben, aber noch im Treppenhaus des Gebäudes, begegnetet Ihr Euch, Jan und Du, zum ersten Mal.
Du bliebst auf der Etage stehen, als sich Eure Blicke trafen. Er blieb ebenso stehen, das halbe Stockwerk tiefer. In der linken Hand trug er einen in Papier eingeschlagenen Blumenstrauß mit roter Schleife daran.
Es traf sich Euer Blicken. Muß ich mehr erzählen?
Schade‟, sagte Jan.
Schade?‟
Ich bin zum Essen eingeladen und schon etwas spät dran. Deshalb werde ich Sie nicht begleiten können.‟
Schade‟, sagtest Du nun auch. „Schade, in der Tat.‟ Und schicktest Dich an, weiter abwärts zu steigen. Wozu Du an ihm vorbeigemußt hättest, der aber stehenblieb, das untere Drittel des Straußes vorsichtig unter den Arm geklemmt, nunmehr sein Smartphone gleichsam gezückt. Du hattest bislang nicht bemerkt, daß er es in der Hand hielt.
Er tippte, mitten und direkt vor den zumal kaum breiten Stufen auf den grauen und beigen Kachelquadraten des Plafonds weiter im Zwischenstock stehend. So daß Du vorbei nicht konntest, hättest ihn denn berühren oder sogar wegdrängen, zumindest Dich an der schulterhohen rostbraunen Kachelung der Flurwände entlangquetschen müssen. Zumal war der dauernd rutschende, bei jeder Tippbewegung raschelnde Blumenstrauß im Weg.Es sieht mir nicht ähnlich‟, sagte Jan. „Was?‟ fragtest Du. „Nicht höflich zu sein. Sowas zu tun. Dabei ist es wahrscheinlich schon die nächste Tür da oben, sehn Sie? Gleich neben Ihnen.‟ „Hier?‟ „Ich glaube, diese Pflanze da …‟ „Pflanze?‟ Aber sie ließ seinem zu dem links neben der Tür, die aussah wie aus Rosenholz, auf einem gestauchten dreibeinigen Holzhockerchen stehenden, fast bereits mannshohen Kletterphilodendron hinaufnickenden Kinn ihr Blicken nicht folgen. Dabei stand sie direkt daneben. Statt dessen sah es Jan unverwandt in die Augen, suchte sie, läßt sich sagen. „… könnte zu ihr passen, meiner neuen Bekanntschaft.‟ Da Du der Lydierin noch nicht begegnet warst, wozu es doch erst draußen vor der Haustür bei unserer wirklichen Begegnung kommen wird, also der mit tatsächlich mir, nicht meinem fiktiven Stellvertreter, war Dein Interesse an Deiner neuen Nachbarin ungefähr so groß wie an dem eingetopften Philodendron. Wie sehr Ihr Euch ähnelt, konntest Du schließlich nicht ahnen, und daß Ihr sehr wahrscheinlich Freundinnen würdet. Nicht nur geahnt, sondern wahrgenommen hatte es aber Jan, und zwar unmnittelbar. Und dennoch: „Und jetzt – sag ich ihr schon ab! Doch wird sie ja nicht allein sein, ihr Freund Pietro will ebenfalls kommen. Wahrscheinlich ist er schon da.‟ „Sie sagen ihr ab?‟ „Wollen Sie sehen?‟ Er nahm die Stufen hinauf und streckte Dir bereits ab der vierten der elf das Smartphone mit der Bildseite zu. „Ich kann nicht einfach so wegbleiben.‟ „Also lesen werd ich das bestimmt nicht. Sein Sie bitte‟, wobei Du mit Deiner Linken seine das Mobilchen haltende Rechte leicht in einer andere Richtung drücktest, so daß Ihr Euch eben doch schon berührtet, „so gut.‟
Er räusperte sich. Und weil jetzt Euch beiden nicht so recht klar war, wie es weitergehen würde, kann immerhin ich, denn so viel Zeit ist, einen Blick auf diese Kurznachricht werfen:

Stehe schon vor der Tür, aber habe im Treppenhaus eine Begegnung gehabt.
Deshalb muß ich absagen. Verzeihen Sie. Doch schauen Sie bitte in zehn Minuten
auf den Hausflur. Ich melde mich wieder. Jan

“Wenn Sie mich bitte kurz vorbeilassen?‟ Du tratest einen Schritt zurück. Er versicherte sich erst auf dem Klingelschild, bückte sich dann und legte den Strauß auf den Fußabtreter. Wieder aufgerichtet und sich zu Dir gedreht, sagte er: „Also lassen Sie uns gehen.‟ Und hakte sich bei Dir ein.

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Briefe nach Triest 62<<<<
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Auf zur Contessa!

 

 

 

[Flixbus 050 nach Hamburg
12.12 Uhr]
FWP‘s Weihnachtsfeier, abends im MIRROR ROOM TORTUE, und ich schon jetzt, um mir Schlepperei zu ersparen, im Smoking; nur die Fliege werde ich kurz vorher erst binden sowie die Lackschuhe anziehn. Dresscode Black tie. Ich hab ja sowas manchmal sehr gerne; es darf nur nicht zur Uniform werden. – Übernachten werde ich fast direkt an der Außenalster bei einem, lebte ich denn in Hamburg, ganz sicher sehr viel mehr als nur “befreundeten Bekannten”, für den ich immer mal wieder tätig war, formulierend. Daß ich den Flixbus nehme, wiederum, und nicht einen Zug, hat damit zu tun, daß ich sehr, sehr gerne hier vorn am “Panoramaplatz” sitze, nämlich sehr viel mehr von der Landschaft sehe als in einer Bahn und es gerade sehr genieße, wie unversehens gleißend die Sonne durchgebrochen ist, nachdem heute früh auf den Dächern meines zweiten Hinterhauskomplexes der erste Schnee des Jahres lag, wenn auch dünn noch und bereit, noch bevor er entschmelze, fortgepustet zu werden, mit Rücksicht, wahrscheinlich, auf ihn, eiseskalt. Was ich am Bussteig 5 des ZOBs ziemlich deutlich zu spüren bekam. Eine halbe Stunde vor Abfahrt war ich dort, nachdem der Vormittag mit etwas Packerei, der Zubereitung des täglichen Zweibananen-Eiweißdrinks mit dem Saft dreier Zitronen sowie damit vergangen war, daß ich “schnell noch” einen Beitrag in Die Dschungel einstellen wollte, der meine Triestbrief-Arbeit vom gestern sozusagen vorstellen sollte. Mein Vorhaben wurde dann aber sehr komplex, weil ich wieder auf meine Fotos aus Triest zurückgreifen wollte und sie, also für die Erzählung passende, erst heraussuchen und dann in Die Dschungel laden mußte. Da drängte dann plötzlich die Zeit. Und vergessen hatte ich außedem, wie meine Fliege zu binden; selbstverständlich wollte ich’s – ebenfalls “mal schnell” – vorher ausprobieren. Peinlich, daß ich schließlich auf ein Tutorial zurückgreifen mußte. Aber die letzte, nun jà, “Gelegenheit” oder “Notweniigkeit” liegt drei Coronajahre zurück; sowas vergißt sich da schon mal. Und nun geht’s auch wieder aus dem Kopf.
Der Flixbus braucht von Berlin nach Hamburg drei Stunden und fünfzehn Minuten, quasi doppelt so lange wie ein Zug. Aber ich will ja eh arbeiten, habe zudem zu lesen, da vergeht die Zeit im Nu. Und der Fahrpreis ist unschlagbar.

Gut, dann schreibe ich mal weiter:


ANH

P.S.:
Den “eigentlich” für heute vorgesehenen Text stelle ich dann morgen ein – oder einen andren, dann neu geschriebenen.

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[Frühabends.]

 

 

 

 

 

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[Nachts.]

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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Gestern abend vorm Tommaseo. Briefe nach Triest 61.

Das TOMMASEO ist mein, sofern es sich während der → Triestrecherchen einrichten läßt, allabendlicher quasi Meditationsort, an dem alle Personen des Romans verkehren, die hier leben — teils allerdings, ohne sich zu kennen; eine Konstruktion, aus der sich durchaus witzige Situationen ergeben, die ich dort hockend ersinne. Es ist dies nebenbei eine kleine Anspielung sowie Erinnerung an das (leider nicht mehr existente) Berliner SILBERSTEIN der Andersweltromane; allerdings ist das TOMMASEO für die Triestbriefe nicht ganz so zentral, eher ein Nebenschauplatz – was, “Schauplatz”, Sie bitte wörtlich nehmen möchten, liebste Freundin. Denn genau gegenüber, im neben der Molo Audace nordnordöstlichen Hafenbecken, springt nicht nur die Lydierin kopfvoran in das Wasser, sondern genau gegenüber und in diesem grandiosen Licht steigt eine Gesandte der Venere di Carsomare aus der See und schickt sich an, zu der so rätselhaften Statue zu werden, daß sie in die depositi des Museos Revoltella verbracht werden muß, aus denen sie noch später unter noch rätselhafteren Umständen wieder verschwindet.

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Heute beginnt der vierte Recherchetag und damit zweite Abschnitt meiner Reise. Denn um zehn Uhr werde ich, muß vorher allerdings noch tanken, den geliehenen Wagen wieder abgeben und also alles übrige zu Fuß erledigen. (Ich bin tatsächlich derart eng getaktet, daß ich längere Arbeitsjournal oder überhaupt welche kaum schreiben kann. Doch können Sie die Reise über meine “Stories” bei Instagram verfolgen.)

Ihr ANH
Via Tigor 14, 7.11 Uhr

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Briefe nach Triest 62

Briefe nach Triest 60

Figur im Eingang des Hauses meiner Unterkunft.

Der Recherche dritter Tag. Briefe nach Triest 60: Planänderung.

Da einiges bereits am Vortag erledigt sowie hatte Sconicos Orto botanico carsiano, als ich gestern nach dem Besuch der Grotta gigante gegen 16 Uhr ankam, bereits geschlossen. Er ist, anders als ich voraussetzte, nur halbtags geöffnet.

 

 

Also:


>>> Briefe nach Trriest 61
Briefe nach Triest 59 <<<<

Das zweite, nun bereits nicht mehr covidpositive Arbeitsjournal, nämlich des Montags, den 29. August 2022. Quarantänetage 5 auf 6. Mit einer offenen Frage zur Genesung SOWIE zu Disziplin, “Inspiration” und künstlerischer Traumarbeit.

[Arbeitswohnung, 9.03 Uhr]

gestern
“Gefühlt” ging es schnell; daß der Test gestern noch nicht negativ wäre, hatte ich vorausgefühlt, war also nicht überrascht –

heute

durchaus aber ein wenig vorhin, als der Test, den ich gleich nach dem Aufstehen, noch vor dem Latte macchiato und irgendetwas, das ich sonst zu mir nahm, durchführte, bereits dieses Ergebnis hatte. Doch ich bleibe mißtrauisch, werde ihn, den Test, mittags wiederholen und dann noch einmal morgen gleich früh. Bestätigt sich das negative Ergebnis, radle ich zum Freitesten los. Wobei ich nicht sicher weiß, was es überhaupt bedeutet, nach deiner durchgestandenen Infektion “genesen” zu sein. Bleiben die Viren, aber entwaffnet, im Körper, oder sind sie “einfach” rausgeworfen worden? Werde ich fragen. Jedenfall erst einmal Entwarnung, vor allem wegen der Triestreise. Nicht nur werde ich mir – sofern es morgen mit der Freitestung klappt – jetzt schon in Berlin den 125er Liberty mieten können, um mich mit dem Maschinerl vertraut zu machen für den Karst, sondern sogar das Bioport-Tattoo könnte ich vor Triest noch stechen lassen – wozu ich eine Riesenlust habe.
Insgesamt betrachtet, bin ich nach wie vor über diese Covid-Erfahrung nicht unglücklich, im Gegenteil sehr zufrieden, es miterlebt zu haben; so gehöre ich weiterhin in diese Zeit. Doch darüber hinaus, daß ich, der nicht nur aus Alters-, sondern schweren Vorerkrankungsgründen (wobei ich für den Krebs “Erkrankung” nach wie vor einen nicht nur unangemessenen, sondern grob falschen Begriff finde) zum “vulnerablen” Personenkreis zählt, den Virus ohne Medikamente einfach so in den Griff bekam, hat etwas wenn auch leise Triumphierendes. Denn nach wie vor nicht nur meinem Instinkt, sondern meinem Körper vertrauen zu können, für den ich zutiefst dankbar sein muß und bin, ist ein feines Privileg und eine seelisch höchst sichere Basis, weiterhin so zu leben, wie ich es möchte und will: angemessen riskant und mit eben nicht unangemessener Leidenschaft. Jetzt für Triest gilt das besonders, aber wahrscheinlich auch für den Friedrichroman, den d o c h anzugehen ich nun einen bislang unerwarteten Grund habe.
Wobei ich zugeben muß, daß sich durch die, worauf mich → bei FB ein Leser hingewiesen hat, nicht “Quarantäne”, sondern Isolation für mich gar nicht so viel verändert hat; imgrunde lebe ich doch schon jahrelang so, nur daß ich zwischendurch einkaufen und spazieren gehen kann (die Fremdeinkauferei ist lästig und vor allem durchaus teuer, wenn ich Dienstleister nutze). Meine sozialen Kontakte hingegen, also ständig gelebte, sind eh reduziert und erfolgen meistens online (Skype, WhatsApp, Signal); ohne dieses wäre es ein andres. — Spannend allerdings zu beobachten, wie sich SARS-CoV-2 von allem Anfang an – bei einem Raucher eigentlich logisch – in der Lunge bemerkbar machte (und mit leicht verstärktem Atemwiderstand), was gegen Omikron und für Delta spricht, und wie, mich darauf zu konzentrieren, die Symptome spürbar zurückgehen ließ, bereits über die erste Nacht. Und wie wenig Sorge ich tatsächlich trug, sondern nervös alleine war, weil ich um die Triestreise bangte. Es war außerdem eine, denke ich, gute Idee, einer klinischen US-amerikanischen Studie zu folgen, die gerade bei Covid eine signifkant entzündungshemmende Wirkung für THC diagnostizierte hat, und etwas mehr als sonst mein Donabinol einzusetzen. Aus meiner Sicht möchte ich jeder und jedem Coronainfizierten diese Tropfen nicht dringend, aber begleitend empfehlen. Sie müssen sich, liebe Freundin, nur darauf einstellen, daß nach etwa dreivier Stunden Ihr Wahrnehmungsapparat ein bißchen, sagen wir, umgekitzelt wird. (Ganz anders, wenn ich kiffe; dann setzt schon nach dem ersten Zug eine komplette Wirklichkeitsverschiebung bei mir ein, die so umfassend werden kann, daß ich deutlich halluziere). — Bewährt hat sich des weiteren mein “Morgenmantel”-Ritual, nämlich mich, solange ich positiv bin, nicht wie sonst zu kleiden, vielmehr mir – d.i. meinem Geist – dauerhaft zu signalisieren, mich jederzeit hinlegen und schlafen zu können. Was ich ja häufig tat, anderthalb Stunden arbeiten, eine Stunde schlafen, eine Stunde arbeiten, anderthalb Stunden schlafen usw. Wobei ich zudem den sich einschleichenden Herbst zu spüren bekam; der sehr leichte Cardin war gegen den etwas wärmeren türkischen Hausmantel auszutauschen, doch auch dieser bereits gegen den klassischen englischen — vor allem am Morgen. Da war es schon deutlich frisch. (Übrigens hatte die Infektion den weiteren Begleiteffekt, daß ich, weil ich – mühsam – mein Rauchen unterband, die mir fehlenden Kilos wieder draufgefuttert habe; trotz einer durchgehenden Appetitlosigkeit war ich dauernd am nikotinsurrogierenden Kauen von irgendwas, viel Obst, Joghurts, Chips, Nüsse, Pistanzien, Crackers usw. Ich kam sogar bei über 68 an; 67 ist Muß; heute früh waren’s, Freundin, genau 68.) — Doch ist die Hausmantelzeit damit vorbei, wird es jedenfalls sein, wenn heute mittag der Zweittest das Ergebnis von vorhin bestätigen sollte. Dann wird es unmittelbar ins Bad an die Rasur usw. gehen, und ich werde den Lagerfeld, der bereits heraussen hängt, anziehn, darunter Hemd und Krawatte. Es ist eine meiner mit meinem unbedingten Willen zu formen verschmolzenen Eigentümlichkeiten, meine Haltungen zu ritualisieren, was bedeutet, möglichst jede Handlung sinnhaft zu überhöhen; eine jede ist dann eingebunden in ein organisch schwingendes Feld, das gar nicht “real” sein muß, dies aber wird, indem ich es setze. Wobei ich den moralischen Wert als einen ästhetischen empfinde; soweit irgend möglich, geht es um Schönheit, hier nicht der Prosa und/oder Verse, sondern der täglichen, auch und gerade im Alltag, Haltung.

Doch auch “arbeitstechnisch” bin ich zufrieden; zwar habe ich nicht so viel geschafft, wie ich für diese Woche eigentlich vorgehabt hatte — daran, den achtunddreißigsten, also vorletzten Triestbrief noch vor meiner Recherchereise “im Kasten” zu haben, ist nicht entfernt mehr zu denken —, aber dennoch ist mir im siebenunddreißigsten sowohl eine erneute Erzählwende als auch eine enorme Szene gelungen, die den Roman jetzt nicht nur formal, sondern auch motivisch erstens mit der unmittelbaren Realität und zweitens mit meinen anderen Romanen verbindet, namentlich dem Wolpertinger, und abermals das Netzwerk akzentuiert, in dem all meine Bücher ineindergefügt — -gefugt — sind, es jedenfalls sein sollen. Das ist mehr, als hätte ich “nur” den, nà meinetwegen, Plot voran- und bis fast ans Ende herangetrieben. Dieses wird ganz von alleine geschehen, bedarf keiner sonderlichen Inspiration mehr, nur noch der Schreibdisziplin. Wegen der vielen Tagesschlafphasen war’s mit der halt nicht weit. Oder vielleicht doch. Vielleicht zeigte sich ihre Verläßlichkeit gerade darin, daß ich nach jedem Tagesschlaf sofort wieder an den Schreibtisch ging und bis zur nächsten Müdigkeitsphase tatsächlich schrieb oder doch recherchierte und die Notate voranbrachte, sowie insgesamt mit dem Triestroman bis in die Träume hinein beschäftigt blieb. Witzig war einer, bei dem ich in die Notatdatei tippte, jedenfalls annahm, dies zu tun. Nach dem Erwachen stand selbstverständlich das scheinbar Neue gar nicht drin und ich hatte auch keine Erinnerung mehr an das, was es gewesen sei. Allerdings bedeutet dies nicht, der Trauminhalt sei verloren, sondern “nur”, daß mein Gehirn offenbar körperautomatisch weiterdenkt, weitermeditiert, weiterplant — und das kann sich – und ohne, daß ich selbst es begreife – plötzlich in einem Einfall manifestieren, den ich jetzt bewußt habe, doch für neu nur halte. So daß wir von “Inspiration” sprechen, obwohl deutliche Arbeitsprozesse zugrunde liegen, unbewußte eben, die sich neben unserer Tagesklarheit in unsren Hirnen begeben. “Inspiriert sein” könnte also bedeuten (und bedeutet’s, glaube ich, tatsächlich), sich auf diese und ähnliche Prozesse zu verlassen.

Gestern in einer langen Netzrecherche eine für meine Zwecke → hinreißende PDF gefunden, die sich mit Mythen des Triester Karstes beschäftigt, etwas, das ich für die Zweite Fassung nun dringend brauche. Auf Italienisch allerdings, so daß ich viel Übersetzungsarbeit hatte; manche Zitate zudem in Friual, weshalb ich einige Male auch einfach nur raten mußte. Doch unterm Strich genau das, was ich brauchte. Ich habe den ganzen Tag damit verbracht und bin noch immer nicht fertig. Sowie dieses Arbeitsjournal eingestellt sein wird, werde ich damit weitermachen. Dank an Pino Gudi,

Ihr ANH

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[14.45 Uhr]

Erste Bestätigung:

Und also:

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