III, 464 – It’s a Boo –

Dies viele viele Grün“.
Von außen gesehen, sah’s komisch aus: innen ein Pfeil nach links mit der Aufschrift “Entrata”, ein Pfeil nach rechts mit der Aufschrift “Uscita”. Draußen am Eingang: “Nur nach Voranmeldung” mit entsprechender Telefonnummer. Ich wollte schon wieder gehen, da niemand sonst zu sehen, mit dem ich einen Termin hätte vereinbaren können. Doch dann sah ich Antonio kommen, der mir normalerweise die Haare schneidet. Und das machte er dann prompt ohne Voranmeldung. Wie aus dem Ei gepellt. Ich. Dann und jetze.
Verschiedene Verhaltensweisen der Friseure. Antonio nur mit Gesichtsmaske. Fummelte auch dauernd an meiner Maske herum, um um die Ohren herum besser schneiden und rasieren zu können. Der Kollege zusätzlich mit einem Plastikvisier vor dem Gesicht.
Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen in jener wetterinstabilen Zeit (a week ago). Einen Schirm hatte ich nicht, ließ mich also ein wenig beregnen. So weit war’s nicht zum Auto. Dann zum apothekennahen Parkplatz. Und nach wie vor ein paar Tropfen, aber dann beruhigte es sich.
Kaum war das Auto wieder in Gang gesetzt, senkte sich das Fenster links von mir, ohne daß ich irgendetwas berührt hätte. Und es ließ sich auch nicht mehr hochfahren. Je nun, es regnete nicht mehr. Aber das Problem stellte sich: wenn das offen bleibt, wo lasse ich, wenn es regnet und überhaupt, mein Auto.
Das war also ziemlich unverzüglich zu lösen, das Problem. Mein Batteriefachmach, bei dem ich auch meine Gasflaschen während der kälteren Jahreszeiten kaufe, hatte zwar keine Lösung, aber einen Rat: fahr zu dem und dem Kfz-Elektriker, den er dann per Handy anrief. Der wußte gleich, was los war. Schaffte es auch, die Scheibe wieder zu schließen, indem er den Zündschlüssel von außen ins Türschloß steckte. Er müsse eben nur das defekte Teil bestellen. Dann vielleicht morgen (d.h. wir befinden uns an einem Donnerstag) oder Montag.
Wahrscheinlich saß ich dann am Wochenende wieder am Schreibtisch, jedenfalls kam Freitag nur der telefonische Bescheid, daß das Teil Montag kommen werde. Und dann,

An jenem Sonntagmorgen,

es kann auch der Nachmittag gewesen sein, als ich bereits meinen Küchentischfeierabend einleitete und der Meditation mit meinem derzeit Lieblingsfeierabendspiel (sag’ ich nich’) nachging, und in die Stille dann eine Taube ständig den montonen Gesang von sich gab, der sich anhörte wie ein Mantra mit dem Wortlaut “ne Lüge, ne Lüge, ne Lüge” (funktioniert aber nur, wenn das “ü” nach unten in die Kehle gezogen wird),

um halb elf überquerten zwei Autos den Bach und fuhren ins Tal. Im ersten saß Art Longwood, ein örtlicher Florist, mit seinen Kindern, und seiner Frau (jetzt Mrs. Deforest). Im folgenden sah ein Ranger Arts Vater, Stiefvater und Schwiegervater. Die drei alten Männer machten sich auf den Weg zur Höhle. Durch klimperndes Unkraut fuhr Art langsam. Schön war der Morgen, mit hellen Wolken in der Ferne. Kinder und Comics verließen das Auto. Der schweigsame Art, der den ganzen Tag ein Ding anstarren konnte, sah zu, wie ein Käfer auf einen Halm kletterte und davonflog. Pauline hatte Asthma, Paul benutzte eine Krücke. Sie waren süße kleine Racker, konnten aber nicht viel laufen. “Ich wünschte”, sagte die Mutter zum verkrüppelten Paul, “ein Mann würde dir beibringen, wie man den Ball wirft.” Der schweigsame Art nahm den Ball und warf ihn hoch empor. Er blieb in einem Baum stecken, der gerade vorbeikam.

Wie die Taube mit ihrem “ne Lüge, ne Lüge, ne Lüge”…

Und der ernste grüne Pilger drehte sich um und blieb stehen. Die Kinder warteten, aber es fiel kein Ball herab. “Ich bin in meinem zaghaften Lenz nie auf Bäume geklettert”, dachte Art; und begann sogleich zu klettern. Ab und zu konnte man seinen Ellenbogen oder sein Knie in einem Puzzle aus Blau und Grün sehen. Hoch und höher schwirrte und schimmerte Art Longwood, und die Blätter sagten ja zum fragenden Wind. Was für Tiaras und Gärten! Welche Ströme von Licht! Welch zugänglicher Äther! Welch leichtes Fliegen! Seine Familie kreiste den ganzen Tag um den Baum. Pauline folgerte: “Papa ist davongeklettert.” Niemand sah, wie die außer sich geratenen himmlischen Scharen den Helden von der Erde aus im Schnee und in den Wolken begrüßten. Mrs. Longwood machte sich ein wenig Sorgen. Er kam niemals herunter. Er kehrte nie zurück. Am Fuße des Baumes fand sie einige Veränderungen. Den Kindern wurde langweilig. Paul wurde von einer Biene gestochen. Die alten Männer kamen vorbei und schauten hinauf, jeder hielt fünf Karten und einen Pappbecher in der Hand. Autos auf der Highway hielten an, fuhren rückwärts und watschelten dann auf einer zerfurchten Straße ins Tal. Und der Baum war plötzlich voller Lärm, Kongressteilnehmer, Fischer, sommersprossige Jungen. Anakondas und Pumas wurden von einigen erwähnt, und es kamen weiterhin alle Arten von Menschen: Baumchirurgen, Detektive, die Feuerwehr.

“They sought it with thimbles, they sought it with care; They persued it with forks and hope; They threatened its life with a railway-share; They charmed it with smiles and soap.” (Lewis Carroll: The Hunting of the Snark).

Ein Krankenwagen parkte im tanzenden Schatten. Ein betrunkener Schurke mit einem Seil und einem Gewehr traf am Tatort ein, um der Gerechtigkeit Genüge zu tun. Forscher, Dendrologen – alle waren da; und ein seltsames blasses Mädchen mit Zigeunerhaaren. Und von Cape Fear bis Cape Flattery hatte jede Zeitung: Mann in Baum vermisst. Und die himmelwärts strebende Eiche (wo Eulen hockten und der Mond Gold tröpfelte) wurde gefällt und durchsucht. Sie entdeckten einige Raupen, eine rotwangige Galle und ein altes Nest mit einem neu gelegten Ball.

So komm’ ich, frischgeschoren, mir derzeit auch vor. Eher wohl: Egghead-shaped Humpty-Dumpty.

Sie entfernten den Stumpf, stellten Geländer und Schilder auf. In Rosen und Weinranken eingebettete Toiletten. Mrs. Longwood, retuschiert, als die Kinder starben, wurde die Traumbraut eines Fotografen. Und nun besuchen die Deforests, mit nun vier alten Männern, als reguläre Touristen das Tal; Sie essen zu Mittag, schauen auf und nieder, waschen sich die Hände und fahren zurück in die Stadt.

Das als Zitat eingerückte: meine Ad-hoc-Prosaübersetzung von “The Ballad of Longwood Glen” (dem Link folgend, kann man Nabokov diese Ballade lesen hören) by mister Vladimir Nabokov, der sich darüber so äußerte: “I still think it is one of the best I ever wrote.”
Am Montag rief der Kfz-Elektriker wieder an: das Teil sei angekommen. Ich fuhr am Diensttagnachmittag hin. Er brauchte nur fünf Minuten: Vierzig Euro.

Then followed a torrent of laughter and cheers:
Then the ominous words, ‘It’s a Boo -’

(“Hunting of the Snark”) Am Tag danach übersetzte ich Nabokov. Immerhin eine aufregende Woche.
Und gerade jetzt: flattering S. in the Bioladen: Stai proprio bene con i capelli corti!

III, 463 – Schattenprozession

Krebstag 15: Wammerlwetter.

[Arbeitswohnung, 6.42 Uhr
Händel: Tamerlano (Gardiner mit Chance)]

Erster Latte macchiato, elfter Tag rauchfrei und kaum noch Entzug, wenn Sie vielleicht von den Schlafstörungen absehen (sollte Bruno Lampe → also recht haben). Von 2.30 bis etwa anderthalb Stunden später wieder wachgeworden und nicht -gelegen, sondern ziemlich gleich aufgestanden, mir etwas übergezogen (nach wie vor schlafe ich unbekleidet) und mich an den Schreibtisch gesetzt, um zu beginnen, worüber ich, während ich noch lag, insistent nachgrübeln mußte: Sämtliche Paßwörter zusammenstellen, die meine Bevollmächtigten im Fall des Falles brauchen, um auf meine Arbeiten, meine Mail. und anderen Internetkonten, vor allem auch DIE DSCHUNGEL zugreifen zu können.
Jedenfalls hat das Novaminsulfon zwar nicht versagt, denn Schmerzen hatte ich nicht mal ahnbar, doch weiterzuschlafen gelang mir nach dem Erwachen nicht, u8nd genau dagegen, nicht gegen den Scherz, wollte ich es einsetzen. Werd jetzt also doch versuchen, das Melatonin zu besorgen – aber vielleicht bekomme ich es nachher in der Klinik (ans Zolpidem mag ich noch nicht rühren; zuviel davor “Respekt”): Um zehn Uhr Vorgespräch zur morgen stattfindenden “diagnostischen Laparoskopie”, die die Hannöverschen erst gar nicht mehr durchführen wollten; dennoch, meine Hausärztin rief zu (ich muß unbedingt auch ihr einen poetischen Namen finden). — Aufbruch von hier, mit dem Rad, um 9.15 Uhr. Wetter durch-, wieso eigentlich –wachsen? … (“ein recht gut mit Fett durchwachsenes und von Rippen durchzogenes”, → auch “Wammerl” genanntes, Teilstückwetter). Wammerlwetter also.
Wie lange die Vorbesprechung dauern wird, weiß ich nicht. Doch werd’ ich herauszufragen versuchen, wie sich die Ärztinnen und Ärzte hier die spätere OP vorstellen.

Jedenfalls bis etwa vier Uhr an der Paßwortsammlung ge,nun jà,”arbeitet”, dann wieder ins Bett und tatsächlich zwei Stunden weitergeschlafen. Insofern bin ich nicht zermürbt. Es nervt dennoch.

Die Chemo wird am Montag beginnen, nehme ich jedenfalls an. Erster Termin beim Onkologen, auch dort, um das Vorgehen erst einmal zu besprechen und wohl auch schon den Plan aufzustellen, den wiederum meine Hausärztin für das THC-Präparat braucht. Eigentlich hat er mich schon gestern sehen, dann aber doch noch das Ergebnis der Laparoskopie abwarten  wollen. Eigens noch einmal anrufen ließ er mich deshalb.

Li, derzeit, schweigt, keine Reaktion auf → meine Replik. Benjamin Stein gestern per SIGNAL: “Das sind ja harte Aussagen vom Chirurgen. Wahrscheinlich musst du die Dame doch siezen, damit sie sich kooperativ verhält.” Welch eine feine Schärfe in der adjektiven Verbindung mit den Chirurgen liegt! Zumal er mit der Frage nachzieht, wann ich “mit den giftigen Cocktails” begänne. Dazu noch, als SMS, die aus eigener Erfahrung rührende Warnung einer sehr, sehr guten Freundin:

(…) hatte Novaminsulfon als tropfen. du schläfst immer. das zeug macht dich so matschig im kopf, dass du schläfst. ich konnte teilweise (…) nur noch soaps folgen – das wollte ich nur sagen – vorsicht mit dem zeug. du willst doch weiter denken können.

Doch wie gesagt, noch macht es mich nicht matschig, und schlafen läßt es mich auch schon nicht mehr, bereits in der zweiten, ich sage mal, Versuchsnacht.

Kraftvoll Sonne durch schweres Gewölk: ein magisches, fast turnersches Wechsellicht. Wieso ich gestern wieder auf Händel kam, weiß ich nicht zu sagen. Doch saß mehrmals komplett fasziniert in meinem vorm Schreibtisch präzis auf die Proacs ausgerichteten Musikstuhl — bewußt ohne jeden Blick auf etwas anderes:

und lauschte mit meist geschlossenen Augen der geradezu fiebrig-naturalistischen Stimmen- und Instrumententrennung → dieser Aufnahme, deren klangliche Grandiosität wie innige Berührungskraft auch daher rührt, daß, anders als in den späteren Epochen, kein Mischklang entstehen soll, sondern jede Stimme definiert ist und sich mit den anderen Körpern stets individuell vereint. Der darin liegende Widerspruch erzeugt den ungemeinen Hörrausch dieses für Tontechniker wie Klangconaisseurs akustischen Hochfests. So ziehe ich derzeit – seit der Krebsdiagnose ausgesprochen nachdrücklich – aus der komplexen Kunstmusik eine wieder ganz enorme Kraft.

Ihr, meine Freundin,
ANH

Coronas Alltag II: Im Lichte hängende Schuhe. Das dreiundzwanzigste Coronajournal des Sonntags, den 26. Apil 2020.

 

[Arbeitswohnung, 8.45 Uhr]

Ein bißchen was ist nahzutragen → zu gestern, auch wenn mein Waschtag vorüber. Hinweisen möchte ich zuvor auf → Bruno Lampes neuen Tagebucheintrag, weil er zeigt wie ähnlich wir uns offenbar momentan sind, aber auch auf → Xos längeren Kommentar, den ich soeben – gleich darunter – einigermaßen ausführlich beantwortet habe. Und daß Sie mich jetzt mit Maske sehen, etwas mir bei mir wie fast noch mehr bei anderen, dräuend Unangenehmes, liegt einfach darin, daß mein türkischer Bäcker (!) sie im Angebot hat, weil er einer Freundin helfen will, die diese Dinger in Heimarbeit herstellt. Als ich sie sah, lockte mich bei einer die Schlangenprägung.
Ob solche Masken überhaupt was helfen, steht in den Sternen; die Angaben sind widersprüchlich, ja horoskophaft und haben vor allem etwas, das auffällig auf Beruhigung formuliert wird, zumal tatsächlich schützende Masken dem sich um Kranke kümmernden Personal vorbehalten bleiben sollen, wohl auch müssen — was durchweg einzusehen ist. Wir stochern in Wähnungen, durchschreiten sie wie durch dichten Neben, sind angewiesen darauf zu glauben, was wir hören und lesen; überprüfen, wir selbst, können gar nichts, und sind so an Fäden bewegt; auch politisch wissen wir nicht, was tatsächlich “abläuft”, müssen “Vertrauen” in eine Struktur haben, die ein Vertrauen ständig mißbraucht hat und weiter mißbraucht, wie nicht allein → abgeordnetenwatch.de zeigt. Es zeigt sich real, was ich bereits → vor zwanzig Jahren formulierte, quasi erkenntnispoetisch. Um wieder mal Hubert Winkels zu zitieren: ANHs “utopistisches Tamtam”.
Sei’s drum, es gibt auch beinah Märchenhaftes, zum Beispiel dieses “Corona | doof“, auf eine Blechdose geschrieben, die in der Ahlbecker von einem Balkon im dritten Stock auf Kopfhöhe herabhängt, an einem Band, und im 10 Cents bittet:

Auf den dazugehängten Blättern sind Buntstiftzeichnungen zu sehen, wie Kinder sie malen.
Ich warf 50 ct hinein.
In meiner Gehrichtung (zu PENNY), dreivier Meter weiter vorn, hing etwas anderes herab, ein offenbar Buch, doch insofern geschlossen als so in weißes Papier eingeschlagen und von dem Bändel, das mehrfach verknotet, umwunden, daß es ein Rätsel blieb, da den Umschlag aufzureißen niemand unternehmen mochte — aus Scheu, aus Achtung oder eben, um das Geheimnis nicht zu entweihen.
Ich war nur noch mal losspaziert, um meine Maske auszuprobieren und wie sich’s drunter anfühlt. – Praktisch fühlt sich’s an, weil die Schals, die ich mir beim Einkaufen neuerdings um die untere Gesichtshälfte schlug, worin ich sie einschlug, arg das Sichtfeld behinderten. Nun kann ich immerhin frei gucken. Wobei ich das Zeichen, mehr ist es nicht, dafür, daß ich nicht andere anstecken möchte, an freier Luft nach wie vor nicht vor mir her trage. Es käme mir wie ein Verrat an unseren Körpern vor, grad auch an dem meinen, der sehen und gesehen werden will. Ohne Gesicht aber gibt es die Körper nicht mehr. Die Gesichter, grad in ihrer Offenbarung, tragen unser Geheimnis als Mensch.

Ich bin nicht allein. Die meisten Menschen draußen tragen keine Masken, jedenfalls nicht auf dem Prenzlauer Berg. Komisch, welch eine Wendung das Vermummungsverbot genommen hat und welch eine Kehre die Burka. Verschleierte Frauen? Hoch modern! Entdecken wir nun (und tun es die Modeschöpfer, und -innen, vor uns) die Erotik des Tschadors? Es wäre, scheint’s mir, die Zeit. Oh seltsamer Sieg des Islams! (Wenn auch nur dessen, der fundamentalistisch treu dem Wortlaut des Texts).
Bald laufen lauter Darth Vadors herum, oh dunkele, dunkelste Seite der Macht. Stellen Sie sich, Geliebte, nur vor, wir liefen bald alle so herum, und daß manche es begrüßten … Der Widerstand, der sich grad in Berlin hier und da zeigt, ist nicht nur dumm, ist nicht nur verantwortungslos. Sondern da ist ein Instinkt, der uns warnt.
Also freue ich mich, wenn im Thälmannpark die nicht nur jungen Leute beisammensitzen unter der Sonne (die dem Virus übrigens, so heißt’s jedenfalls, gar nicht guttut), und es fliegen auch tatsächlich Blicke von Weib zu Mann und Mann zu Weib hin und her, die nicht nur fragen, sondern tasten, was wir wohl noch dürfen, um sich und uns zu vergewissern, was wir denn noch sind.
Auf dem Helmi wiederum ballen sich nach wie vor die Obdachlosen, freundlich, wenn auch manchmal grölend, zwischen frisbeewerfenden Vätern und Söhnen, zwischen den auf hartem Granit tischtennisspielenden Anrainern, und gen Osten fahren im abgegrenzten Bereich die kleinen Kinder auf Bobby Cars herum. Und aber die Spatzen! Die Spatzen!
Ich kam vom Waschsalon, mochte aber noch nicht an den Schreibtisch, weil Mme LaPutz noch herumwuselte, möglicherweise war der Boden noch vom Feudeln naß. So blieb mindestens noch eine halbe Stunde Zeit, die ich für ADA nutzen wollte. So daß ich den schweren Rucksack auf eine der Bänke wuchtete, das Buch herausnahm, mich setzte, um zu lesen. Was ich aber dann nicht mehr tun mochte. Die Sonne schien zu warm, und solch lebendiges Leben war um mich herum. Ich war Zuschauer ganz vorne im Parkett. Legte das Buch also neben mich und meinen Kopf gen Wärme in den Nacken, ruhte. Schaute wieder aus mir heraus und sah zu, gleich gegenüber der Drachenbrunnen, Neunzehntes Jahrhundert (allerdings ein Nachbau von 1987), dessen Pumpe nach wie vor funktioniert:

Ein Obdachloser, seltsam verrenkt im Beingang, schlurfte nicht, nein, er ging, aber wie verzerrt … also näherte sich und, bevor er mich passierte, grüßte. Ich tat’s zurück. Wir waren beide völlig einig. Gutes, menschengemäßes Gefühl. – Er nahm auf der Nebenbank Platz und begann ein Selbstgespräch, aber laut — teils sogar, den Anschluß suchend, gerufen. Schließlich stand er wieder auf und stakte, wie in der Körperdiagonale durch ein künstliches Gelenk zusatzbewegt, zum Obdachlosenpulk zur andren Seite des (recht schmalen) Parks hinüber, von wo ihm endlich zurückgerufen worden war.
Da fielen mir erstmals die Schuhe auf (wie oft schon mochte ich drunter merklos durchspaziert sein?), Hunderte, die in der Luft hingen, von einem Gebilde herabhingen, das häßlich genug war — wie quasi alle Kunst am Bau, bzw. im Öffentlichen Raum; meine Güte, solch ein Elend, das auch noch mit Steuergeldern finanziert wird: Man kastriere diese Künstler, sterilisiere die Künstlerinnen, und die Juroren enthaupte man bloß schnell! — … das also häßlich genug war, um von diesen Schuhen, meist Sneakers, tatsächlich verschönt zu werden. Ja, dieses Gebilde kommt nun erst zu sich, weil Menschen mit ihm tun, das sie dem Elend immer antun, wenn sie es ertragen wollen: Sie überhöhen’s künstlerisch.
Ein pures Sinnbild der Hoffnung. Ich habe Ihnen die Installation vergrößert, damit Sie sie besser erkennen können:

Wie es zu den Schuhen kam, (noch) keine Ahnung. Habe bereits im Netz recherchiert; es war nur nichts herauszubekommen, jedenfalls bislang. Am besten, ich frage jemanden direkt.
Kiezgeschichte. Wo leben ich, wie ist es geworden? Auch das, in der Tat, sind Coronageschichten — da wir vielleicht zu verlieren beginnen. Ich begann, mir die Füße vorzustellen, nackt, die einst, meist wohl mit Socken dann, in diese Schuhe schlüpften, von ihnen gehalten waren, geschützt. Die Zehen sah ich mir an, die Fersen, Ballen, die gliederigen Höhlungsgewölbe der Plantaraponeurose – einer erotisch enorm empfänglichen Körperpartie. Das Wort “Gewölbe” selbst stellt schon einen Zusammenhang zwischen sinnlicher Sakralität und Raum her.
All das auf einer Parkbank. Mehrmals flatterten zwei kecke Spatzen vor meine Füße, sahen mit ruckenden Köpfchen hoch. “Na”, fragte ich, “ihr kommt aus Guf?” — Sie hatten nicht vor, ihre Schleier zu heben. Und taten’s also nicht, schon gar nicht so frisch vom Baum der Seelen geflogen. Aber zeigten mir doch, es gebe ihn noch – ja, mehr!: Denn unversehens begriff ich, daß dieses potthäßliche Kunstding, das durch die vielen daranhängenden Schuh, die sich, wenn Wind geht, gleich aber stillen Klangspielen bewegen,  zum Sinnbild des Lebensbaumes (עץ החיים) geworden war, von dem die zwei Spatzen herabgeflattert.
Auf einer Parkbank all das. An eines Samstags — שבתs, ecco! — Mittag.

Da wurde es Zeit, wieder weltlich zu werden, was aber nur pragmatisch heißt. Denn die Zeit war längst da, daß Mme LaPutz ihre Arbeit beendet und Anrecht hätte auf die dreißig Euro, um derentwillen sie ihre Coronaisolation ja durchbrochen und sich meiner seit fast zwei Monaten in hygienischer Hinsicht arg vernachlässigten Arbeitswohnung angenommen hatte. Tatsächlich bekam ich auch einen Rüffel von ihr, den ich gelassen hinnahm (normalerweise braus’ ich bei so etwas auf). Sie hatte ja recht, was sollt’ ich es leugnen? “So viel Staub!” rief sie aus, wahrscheinlich das Schlimmste mir verschweigend, besonders Gekläe (: ein → Wort Else Eggers’) im Küchenbereich.
Aber recht wohlgemut zog sie ab, nicht ohne, coronahalber, noch allerlei “Theorien” zum besten zu geben, etwa die der künstlichen Laborerzeugung (aus vermutet militärischen Zwecken) seitens der a) Chinesen, b) Russen (klar, sie ist Lettin), c) US-Amerikaner, denen auch ich sowas zutrauen würde; dann, daß man nun sämtliche Fledermäuse – ja, auf der Welt – vernichten müsse, worauf ich in noch immer mythischer Sanftheit mit den ökologischen Folgen entgegnete, die so etwas dann erst recht nach sich zöge. Und wie teuer, rief sie, alles hier sei! — “Weshalb arbeiten Sie dann hier?” “Na, weil man hier mehr verdient!” Der aus ihren Aussagen leuchtende Widerspruch war ihr nicht klarzumachen. — Ob sie zwei Rechnungen ausdrucken dürfe, je in drei Exemplaren … Und die Mieten seien in Deutschland mindestens zehnmal so hoch wie daheim … “Aber Sie können sie hier mit Ihrer Arbeit bezahlen.” Ja, aber das Essen sei so teuer. Und vor allem dürfe sie jetzt nicht mehr nachhaus, ja nicht einmal in Lübeck die Freundin besuchen. “Wie lange soll das so weitergehen?!”
Wenn ich schon zweifle, spürte ich, wie schlimm muß es um “einfache” Menschen da stehen, die doch die meisten von uns sind? und möchten nichts, als einfach zu leben: zu essen, zu schlafen, jemanden zu haben, die oder der sie in den Arm nimmt, und abends rosane Shows in den Fernsehgeräten. Die gar keinen Ehrgeiz haben, “etwas zu sein“. Und wählen blind sich die Meinungen aus, getreue dem, was sie prägte, früh schon prägte und bleibend.
Demokratie … (Lesen Sie → dort).
Nein, ich bin nicht arrogant, wenn ich – “Correctness” hin, “Correctness” nun her – die Unterschiede nenne.

Ihr ANH

“Daß heute Sonntag ist!” Und daß wir Weltgeschichte erleben!
Im zwanzigsten Coronajournal des nämlich 19. Aprils, darinnen Vorarbeiten für Ada: “Ada”, 0.3, nämlich Nakokov lesen, 36. Mit einer Bemerkung zur “Geilheit” alter Männer.

[Arbeitswohnung, 10.01 Uhr]

In der Tat, liebste Freundin, mit diesem inneren Ausruf über etwas, das mich seit gestern überhaupt nicht verwundern sollte, dennoch solchem Staunen saß ich, vor anderthalb Stunden um halb neun, am Schreibtisch: “Daß heute Sonntag ist!” Das darin gespürte Ineinderfließen des sonst von streng definierten Modulen getakteten Zeitstroms → hat gestern auch Bruno Lampe formuliert, und es wird vielen von uns ganz ähnlich ergehen. Nur hätte mich dieser Sonntagsumstand schon deshalb nicht verwundern können, weil es mir schon gestern genauso erging, als ich noch damit beschäftigt war, was im Titel dieses heutigen Arbeitsjournals “Vorarbeit für Ada” heißt — die wiederum dazu führte, daß ich dreivier schon publizierte Einträge der Nabokovlesen-Reihe, und zwar ihre Numerik betreffend, revidieren mußte: aus “1” wurde “o.1”, aus “2” “0.2”, nämlich sowohl für ERINNERUNG, SPRICH als auch für ADA. Dazu dann weiter unten. Die eigentlichen Ordnungszahlen werden jeweils folgen, wenn direkt-das-Buch besprochen werden wird. Deshalb hierüber nun “Ada, 0.3”. Doch hatte dies logischerweise zur Folge, daß ich auch noch einmal die Binnenverlinkungen revidieren mußte. Sie werden sich, Geliebte, vielleicht eine Vorstellung des kleinen Aufwandes, auch an Zeit, vorstellen können, den sowas bedeutet.
Und dann dies, daß wir Weltgeschichte erleben, unmittelbar miterleben, indem wir spürbar, alle, zu auch politisch wirkenden Faktoren werden, sich, so gesehen, unsere eigentliche und tatsächliche politische Hilflosigkeit als eine Aktivität erweist, die unser Verhalten, ob Furcht oder Einsicht, bestimmt und an das sich Fragen knüpfen, deren Beantwortung Zukunft gestaltet. Es ist ausgesprochen erhellend, dieser Tage eine Presse zu verfolgen, die jedenfalls ich – spezialisiert auf literatur- und musikästhetische Belange – normalerweise nicht auf dem Schirm habe. Die der Wirtschaft nämlich. Und da findet sich dann so etwas, im MANAGER-MAGAZIN!, wie → das. Entsprechend geriet gestern meine Antwort → dort.
Teils erschütternd wiederum, in nicht selbem, aber verbundenem Zusammenhang, Frau von Stieglitz’ sehr persönliche Einlassungen → da, unter einem, wohlgemerkt, Text von 1995, den zu (sozusagen) reaktivieren zwar eines kleinen Tricks bedurfte (ihn nämlich für einzwei Tage auf die aktuelle Hauptsite zu stellen, bevor er unter seinem eigentlichen Datum abgelegt wurde); dennoch wurde und wird nun zu etwas weitergesprochen, das fünfundzwanzig Jahre alt ist. So etwas gelingt in den Gefilden der Literatur eigentlich nur kanonisierten Büchern und Texten, höchst selten hingegen so wider- wie randständigen Autoren wie mir. — Aber was mich dabei besonders bestätigt, ist, daß diese besondere Sicht einer, sagen wir, älteren Frau – ihre Beklemmung dürfte einiges Stellvertretende haben – Sprache im Umfeld eines Mannes bekommt, nein, sie mit allem Recht fordert, der gemeinhin für einen Macho gilt, weil er sich weigert, sich den Gender-Ideologemen zu beugen. Daß das, banal gesprochen, “Problem” körperlicher Vereinsamung auch eines älterer Männer ist, habe ich in einer meiner Antworten angedeutet; ich weiß es nur zu “gut” von mir selbst.

Womit ich zu ADA schon überleiten kann und es will.

Anders als für alle anderen Bücher der Serie — die ich nicht schon von fremden Einlassungen präformiert, sondern allein aus der Sicht meiner eigenen ästhetischen Überzeugungen schreiben will und schreibe — bereite ich mich diesmal vor; Sie haben’s, Freundin, schon gelesen. Der Grund ist, daß ich das Buch, wie ebenfalls bereits erzählt, längst kenne, auch wenn meine Lektüre zwanzig Jahre zurückliegt. So ist ADA für mich sozusagen ein Abschluß, auch dann, wenn danach noch ERINNERUNG, SPRICH, aber auch das posthume MODELL FÜR LAURA (die Sendung kam gestern an) vor mir liegen sowie Nabokovs Gedichte. Aber um diese wird es insgesamt kompliziert bestellt sein: Es gibt keine nennenswerten Übersetzungen ins Deutsche und außerdem extrem wenige. Dieser Umstand wird möglicherweise zu etwas führen, zu dem ich auch aus strategischen Gründen noch nichts hier schreiben will; außerdem sind starke poetologische Probleme in Sicht. So möchte ich erst einmal den Eingang der bestellten COLLECTED POEMS abwarten und in sie hineingelesen haben. Danach, Geliebte, erst werden wir diesbezüglich weitersehen können. Für LAURA allerdings gilt etwas, das in den meisten Kritiken, die ich las, auch schon die Übersetzung ADAs begleitet hat; eine Ausnahme hier war meines Wissens allein die, fand ich, → einfühlsame Besprechung des viel zu früh verstorbenen Oleg Jurjews, dem Lebenspartner der Bachmannpreisträgerin Olga Martynova, mit denen beiden ich locker befreundet bin, bzw. – ach Oleg! – war. — Alle mir bekannt gewordenen anderen Besprechungen von Nabokovs nachgelassenem Fragment waren und sind in einem Ton geschrieben, der sogar mich Anstand davon nehmen ließ, mich mit dem Buch zu beschäftigen. Erst als ich nun auch Kritiken zu ADA las — weshalb, das erzähle ich gleich —, deren Ton beinah noch schlimmer war, wurde mir klar, den Feuilletonisten unbewußt auf die Schippe gesprungen und ihrem manipulativ-, ja, -Gehässigen selbst zum Opfer gefallen gewesen zu sein. Wir bilden uns unsere Meinung nicht, wenn wir die anderer übernehmen, und seien sie noch so sehr “ausgewiesene” “Experten”. Sie alle nämlich haben — Angst, und zwar um so mehr, wenn sie es nicht wissen. Und da auch wir sie haben, sind wir durch deren im eignen Entscheiden verletzbar.
Worum es sowohl bei ADA als auch LAURA immer wieder geht, in den Kritiken also, ist die eben nicht-beifällig so genannte “Altmännergeilheit”. Es gibt viele Beispiele, wo sie als “Argument” gegen etwas laut wird. von Günter Grass bis zu noch in diesem Jahr wahrscheinlich mir selbst, wenn die Béartgedichte erscheinen werden (so ich die fehlenden anderthalb Stücke bis Ende Mai denn noch fertigbringe). Ja, auch mir wird man(n) dann diese “Geilheit” vorwerfen, wobei es hoch interessant ist, daß es ihr weibliches Pendant nicht zu geben scheint, “Altfrauengeilheit”. Nennte man sie einfühlsam in das um, was sie ist und, so sie nicht zugegeben wird, wäre, nämlich eine Sehnsucht, die ihren Abschied mitträgt, kommen wir dem tatsächlich wirkenden Zusammenhang nahe; auch hier wieder Angst, nämlich entweder vor der eigenen unabwendbaren Zukunft oder davor, eine, mit Alexander Mitscherlich gesprochen, Trauerarbeit zu leisten, die, in jedem Fall als poetische, Trauerbearbeitung ist. Genau sie soll nicht stattfinden, weil man(n) sie dann ja selbst leisten müßte, anstelle zu verdrängen. Weil wir klarwerden müßten, wo wir lieber den Schleier des Nichtnennens drüberziehen wollen, das empfängnisbehinderndste und damit lebensfeindlichste Kondom, das es gibt.
Zum Beispiel lesen wir in ausgerechnet Peter Urbans für den Deutschlandfunk 2011 geschriebener Besprechung den kompletten Unfug, man lasse besser die ersten drei Kapitel zu lesen ganz aus, denn sie

klären nichts, sie sind vielmehr verwirrend und abschreckend – nicht wegen „exotischer, russischer Namen“ (wie Nabokov insinuierte), sondern weil sie angestrengt, schwülstig und überladen [sind].

Ich zitiere Ihnen einmal Beispiel, die man besser nicht zur Kenntnis nehme, weil sie eben in diesen ersten drei Kapiteln stehen:

In späteren Jahren mochte er Proust nicht mehr lesen (wie er auch das parfümierte Gummi türkischer Paste nicht mehr genießen mochte), ohne eine Woge des Überdrusses und das Raspeln griesigen Sodbrennens zu verspüren (S. 21) — Ihr Zusammentreffen mit Baron O., der aus einer Seitenallee herausgeschlendert kam, mit Sporen und grünen Schwalbenschwänzen, entging gewissermaßen Demons Aufmerksamkeit, so betroffen war er von dem Wunder jenes jähen Abgrunds absoluter Wirklichkeit zwischen den zwei fingierten Blitzlichtern vorgetäuschten Lebens (S. 24) — der Baron wählte [für ein Duell, ANH] Degen; und nachdem eine gewisse Menge guten Blutes (…) zwei behaarte Oberkörper, die geweißte Terrasse, die Freitreppe, die in einem ergötzlichen d’Artagnant-Arrangement in den ummauerten Garten führte, die Schürze eines rein zufällig anwesenden Milchmädchens und die Hemdsärmel beider Sekundanten (…) bespritzt hatte, trennten die beiden zuletzt genannten Herren die Duellanten, und Skonky starb, nicht “an seinen Wunden” (…), sondern an einer schwärenden Erinnerung auf seiten des Geringsten unter ihnen, nämlich sich möglicherweise selber zugefügt ein Stich in der Leistengegend, der Kreislaufstörungen verursachte, während zweier oder dreier Jahre mit langwierigen Aufenthalten im Aardvark-Hospital in Boston (…). (S. 28)
(Dtsch v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

Allein die Hypotaxe des letztzitierten Satzes hat es an brillanter erzählerischer Infamie in sich, was wir aber eben, wie empfohlen, nicht zur Kenntnis nehmen sollen. Doch auch die das dritte, ziemlich beklemmende Kapitel bestimmende Schilderung der schweren psychischen Krankheit von Adas, der Heldin, Schwester, sollen wir nicht wahrnehmen, obwohl sich darin geradezu ein Schlüssel für das gesamte Werk findet, indem er nämlich seine Namensgebung aufschließt, und zwar in der Signatur dieser Schwester, die sie unter ihre auf der Buchseite 47 wiedergegebene letzte handschriftliche Notiz setzt:

Meiner Schwester Schwester, die jetzt iz ada (“aus der Hölle”) ist

Ada und Hölle — wen schaudert’s da nicht? Aber insgesamt wird schon bei Urban die eigentliche Zielrichtung deutlich: vorgebliche “Schwülstigkeit” — der Altmännergeilheit (ecco!) “Ausfluß”. Allerdings direkter, weil tatsächlich diffamierend, → Markus Gresser in der FAZ, 2010 (die Titelwahl bereits ist widerlich: Einladung zur Peepshow auf dem Planeten Antiterra):

Er [Nabokov, ANH] scheiterte (….), erfand sich Figuren (…), die nie zum Leben erwachen, affektierte Erotikmarionetten eines Gepetto, der offenbar letztmalig die ganz große Sau rauslassen wollte – aber nicht grob lüstern natürlich, sondern fein ziselierend wie ein Hieronymus Bosch. (…) Nach der Pädophilie in „Lolita“, auf die Nabokov in „Ada“ mehrfach paradiesvogelstolz verweist, stand nur noch ein Tabu zur Verletzung an: das des fröhlichen Geschwisterinzests. Doch konnte Nabokov kaum weiter gehen als in „Lolita“ mit der Masturbationsszene Humberts angesichts seiner wie toten Stieftochter in spe (…). Die im lasziv klebrigen Nebel verirrte Handlung dieses als Autobiographie des Privatgelehrten Van Veen getarnten Romans überhaupt wiedergeben zu müssen, kommt der Zumutung gleich, Veens Lieblingsbordell „Villa-Venus-Club“ beitreten zu müssen.

Der Mann, igittigitt, geht ins Bordell! — und so weiter immer fort. Von solchem Zeug — ekelhafter waren auch “meine” schlimmsten Kritiken nicht — findet sich im Netz sehr, sehr sehr viel mehr. —Übrigens, Gresser. Wer ist denn Markus Gresser, der gleich zu Anfang süffisant darauf hinweisen muß, daß Nabokov siebzig Jahre alt war, als ADA erschien? Und ach, kein bißchen altersweise … (Ich meinerseits habe bis dahin immerhin noch fünfe Jahre der Gnade.)
Nein, Geliebte, suchen Sie selbst! Ich werd den Beelzebuben tun, den Schreiberling durch einen Link noch zu ehren. (“Tintenfingel” nannte den Typos Dr. Lipom).

Aber wirklich, so fragen Sie mich nun, weshalb tut ANH sich’s an, solch einen Müll zu lesen? — Deshalb, liebste Freundin, weil ich im Netz auf der Suche nach einem Personenverzeichnis war. Das ich bislang nicht fand und werde nun wohl selbst anlegen müssen. Doch geriet ich in den Genuß mancher Trouvaille, etwa einer Karte der auf dem nordamerikanischen Kontinent handelnden Spielorte, die über die seinerzeitige Realität (etwa gab es noch die Sowjetunion) eine poetische, sagen wir, Durchpause legt. Wir haben es ja mit einem phantastischen Raum zu tun.
Ich habe sie mir ausgedruckt und hinten in das Buch geklebt; außerdem haftet nun eine etwas größere Kopie links an der laufenden Projekten dienlichen Pinnwand:

Weiterhin fand ich sämtliche Spielorte auf “Antiterra”, von Dieter E. Zimmer auf Englisch gesammelt und erklärt und gleich von mir selbst, leichterer Handhabung wegen, ins Deutsche übersetzt, siebeneinhalb enggedruckte DIN-A4-Seiten. Sowie eine, ebenfalls von Dieter E. Zimmer, “Timeline of Ada”, erarbeitet von August 2009 bis Februar 2010.
Und weiteres und weiteres ist → da und → dort zu finden; außerdem gibt es noch → ZEMBLA — wobei ich “natürlich” mit dem Gedanken herumgespielt habe, meinerseits um Mitgliedschaft bei den → Nabokovians zu ersuchen, dies aber flugs verwarf, sowohl meines Autoren-Selbstbewußtseins halber (“Ich habe ein eigenes Werk!”) als auch, weil mein gesprochenes und geschriebenes Englisch zu erbärmlich ist, um dort von irgendeinem anderen Nutzen zu sein, als mich indirekt mit fremden Federn zu schmücken, was dann wieder mein Selbstbewußtsein störte.
Um es deutlich zu sagen, bin ich kein Interpret des originalen Nabokov-Werkes, sondern ein poetischer seiner deutschen Übersetzungen, und auch das nur, insoweit es die belletristischen Bücher betrifft. Darüber werde ich kaum jemals mehr hinausgelangen. Wesentliche Privilegien, die Nabokovs Dichtung bis ins hohe Alter nährten, sind mir nicht zuteil geworden, worüber ich nicht klage; statt dessen fand ich meine eigenen Wege. Sehen aber tu ich’s klar. Und bin auf seltsame Weise froh, mit diesem Mann, abgesehen von ADA, niemals früher in lesenden Kontakt gekommen zu sein. Und auch sie schon, diese mit Van Veen untrennbar verbundene Frau, trat in mein Leben erst, als meine eigene Ästhetik längst “stand”; wäre Ada früher erschienen, ich weiß nicht, woher ich den Mut, ja die Hybris genommen hätte, selbst noch etwas in die Regnitz zu tun. Hingegen diejenigen Autorinnen und Autoren, die mich prägten, etwa Aragon, mir auf eine Weise nahe waren, die immer zugleich unsere Fremdheit unterstrich; so konnte ich nicht einmal Epigone werden. Sie fast alle hatten etwas, das ich verabscheute, Aragon die miese Autoritätsgläubigkeit, sei es anfangs gegenüber Breton, später im klebrigen Verhältnis zum Sowjetkommunismus; Pound und, gelinder, D’Annunzio wie Pirandello beider Faschismusnähe wegen; Dostojewski wegen der kriecherischen Glaubenstümelei; Nietzsche aufgrund des “Übermenschen”; Christa Reinig wegen ihres hardliner-Feminismus und Marianne Fritz wegen der psychotischen Schreiberinstruktur; ebenso Kafka, nur muß da das geschlechtskorrekte “in” weg; Beckett wegen seines existentialistisch-grotesken Nihilismus; Bernhard wegen seiner von dem elastischen, rhythmischen Stil nur allzu kläglich kaschierten Larmoyanz; Benn und Niebelschütz wegen der Nähe zum Nationalsozialismus. Und so weiter. Doch alle sie waren und sind für meine Arbeit und ihrer Entwicklung von enormer Bedeutung; ich schulde ihnen einen Riesendank. Ah, Thomas Mann vergaß ich, dessen sich selbst erhöhenden Sätze mitunter unerträglich gelockt sind, und doch unersetzlich. Indessen Nabokovs kristallene Prosa mich hätte zumindest als jungen Mann eine Nähe imaginieren lassen, unter deren Last ich poetisch verstummt wäre: “Daran ist nie zu gelangen für einen wie dich!” — so daß ich heute vielleicht ein passabler Jurist oder begüterter Mensch wär’ im Börsengewerbe. Vielleicht hätte ich nach dem DOLFINGER (also der “Erschießung des Ministers”) noch EINE SIZILISCHE REISE geschrieben, aber weder der WOLPERTINGER noch eines der späteren Bücher, auch nicht die BAMBERGER ELEGIEN und TRAUMSCHIFF, hätten entstehen können, um von MEERE vollends zu schweigen; und meine poetologische Arbeiten sowieso nicht.

Ihr ANH,
den Sie Sie erfinden ließen.

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III, 461 – Dualismo

Es ist fatal: ich lebe seit nunmehr einer Woche (obwohl ich im Zeitgefühl ein “seit zwei Wochen” habe) mit dem Eindruck, die Brotarbeit ebbe ab (in einem Reimschema müßte es wohl abba|cd heißen), und ich könne ohne “schlechtes Gewissen”, sozusagen gutwissentlich so lange im Bett liegen bleiben, als es mir laut Eigenermächtigung frommt. Rien à faire. Dennoch stehe ich derzeit gegen neun/halbzehn auf. Dann braucht es immer noch eine gute Stunde, ehe ich in Gang komme und den funktionierenden Homunculus hervorzaubere oder einfach nur -bringe.
So gab’s auch über Ostern einen Monolog über Beethoven oder vielmehr seine Schwägerin Johanna (von einer Freundin vermittelt — und Komplimente für die Übersetzung freuen einen natürlich (dazu schon allet bezahlt und unter Dach und Fach) —), einen gerichtlichen Mahnbescheid. Es folgte prompt eine Datenschutzerklärung.
Und heute, wo ich dachte… wieder mal ein Probiotikum-Text.
Anderes gleitet dabei etwas in den Hinter-, dafür “Star Trek” (derzeit abends) in den Vordergrund  — etwa die neulich ventilierte Übersetzung von “Dualismo” als Ergänzung zum “König Bär”, ein drittseitiger, von mir aber angenommener Vorschlag (erst heute dazu gekommen, etwas mehr in diesen Dualismus einzudringen):

Darum der trüb gestimmte
Reigen meiner Gedanken,
Mal sanftmütig und rosig,
Mal gewalttätig und schwarz;
Darum dumpf und im Überdruß
Das Anlegen der Metren,
Um die Verse zu fesseln.

Alles sieben mal sieben. Bei “neunundvierzig” dachte ich gerade an die Menge der Zähne. Aber es scheinen eben doch nur siebenundvierzig zu sein. Nicht unbedingt eine Zahl, auf die ich derzeit komme, denn einen weitereren verlor ich spontan um Palmsonntag herum, nicht ohne zu protestieren. Daß er mich dann auf einfache Berührung hin von selber verließ, war eine teilweise Erleichterung: Ich muß nicht sofort zum Zahnarzt (Victoria Regia… die Website funktioniert, die gefundene Referenz weiß aber nichts von Öffnungszeiten). Was mir in diesen Wochen nicht als wirklich erstrebenswert vorkommt.
Dazu die Idee, mich mit dem “Partigiano Johnny” zu beschäftigen und dessen sehr introvertierten, mit englischen Einsprengseln gespickten Duktus, in den Fenoglio seine tatsächlich erlebte Partisanenrealität kleidet, mitten in einem piemontesischen Winter. Einiges vorangebracht, aber noch nicht genug.

Parkplatzlücken und Zahnlücken. Ja, ich schaue aus dem Fenster und registriere die Parkplatzlücken. Obwohl mein Auto seit etlichen Tagen seinen festen Platz hat, auch sein Nachbar hat sich seit geraumer Zeit nicht mehr bewegt. Dennoch gibt es Momente, da sprießen Personen auf dem Platz hervor. Die Lust, dann hinunterzugehen, ist nahezu unwiderstehlich. Und zu sprechen. Das funktioniert mittwochs, wenn der Bioladen gegenüber auf Vorbestellung Gemüse ausgibt, die ein Bauer aus der nahen Umgebung bringt. Und ich bestelle selbst, auch einfach nur, um ein Gefühl von Begegnung zu haben. Ansonsten der regelmäßige Gang zum Tabakladen. Aber da eher eine Daseinsvertrautheit als -nähe.

Auf andere und doch vergleichbare Weise wie die Schlangen hielten sie [die Träger] einen beim Wegsuchen im Weg- und Steglosen von den Finger- bis zu den Zehenspitzen wach, verhinderten die – besonders für einen Alleingeher – so fatalen Voreiligkeiten, bildeten eine Art Rüstung der Besonnenheit, leiteten einen und spurten einem vor auf dem, in der Sierra jedenfalls, einzig ergiebigen Mittelweg, dem zwischen Schwerkraft und Beflügeltheit.
Handke, Der Bildverlust.

 

III, 460 – Weichbilder

III, 460 – Weichbilder

Was besonders auffällt in den hiesigen Gassen: Die älteren Frauen (Witwen?), die sonst — mal die mal die mal die immer eine oder die immer zwei — vorm Tabakladen, gegenwärtig waren und ein höfliches Grüßen allemal erheischten, das gleichsam (“das gleichsam streichen!” – Handke, Bildverlust, 395) bzw. das ein kurzes Lächeln bedingte von der Art: Wir haben uns schon oft gesehen und erkennen uns wieder, auch wenn wir nichts voneinander wissen. — Sie sind verschwunden aus dem “Weichbild” der Gassen. Möglich, daß Angehörige sie angefleht haben, nicht mehr sich im öffentlichen Raum blicken zu lassen oder überhaupt dort zu verkehren.
Zaghaft seit langem heute wieder zur Weinkellerei Zanchi. Vorheriger Anruf mit der Frage, ob sie denn in diesen Zeiten wie üblich funktioniere. Was bejaht wurde. Und ich druckte brav, wie auch gestern schon, als ich zur Post ging (dort eine aus Einzelpunkten bestehende Schlange, die keiner geraden Linie entsprach, sondern eher auf Zuruf funktionierte: “Wer ist der letzte?”) meine Eigenerklärung mit den nötigen Angaben. Indes hat es noch niemals Kontrollen gegeben.
Auch die Weinkellerei hatte ihre Vorkehrungen getroffen. Der Eingang war mit einem Tisch versperrt, darauf ein Behältnis mit der schriftlichen Aufforderung, dort hinein das Geld oder die Kreditkarte zu legen. Die übliche Samstagsfrau trug eine weiße Gesichtsmaske. Ich selber auch, neulich im Tabakladen gekauft. Ob ich das sei, der heute morgen angerufen habe, fragte sie. Was ich als sozusagen Stammkunde durchaus bejahen konnte. — Ich legte das abgezählte Geld in den Behälter. Sie legte den Bon dito in den Behälter. Alles berührungslos.
Auch sonst die Beobachtung, daß die meisten Leute auch Ex-und-Hopp-Handschuhe tragen. Habe ich aber nicht.
Schauen auf die Reben des Weinbergs: es fängt an zu sprießen. Und tatsächlich in dunstiger Ferne die doch noch Schnee tragenden Flanken des Terminillo, dem im Winter gänzlich schneeverwaisten.
In die üblichen Weiten des Alltags wehte eine Todesnachricht. Ein Schulkamerad aus Dorfschulzeiten (grad mal einen Monat älter als ich) sei gestorben. Aber wohl nicht am Virus. Er hatte sich schon seit Jahren (Jahrzehnten? (zwei ist Plural… aber ich weiß nicht mehr, wann mein letzter Besuch stattfand)) wegen der Folgen eines Schlaganfalls total zurückgezogen: eine Art Selbstisolation. Er blieb dennoch im Gespräch bei meinen letzten Schützenfestbesuchen im Dorf: “Weißt du noch?”.
Er sei im Wolfsburger Krankenhaus gestorben. Allein. Da derzeit dort keine Besucher hereinlasse würden. Unter anderem: Nierenversagen.
Der vorgehabte diesjährige Schützenfestbesuch wird wohl ausbleiben müssen.
Und überhaupt alles Aus- und Einreisen. Auch wenn ich dafür wäre, es dennoch zu tun, aber es bleibt eine Unverantwortlichkeit. Beispiel: Nachbarort Giove: Man hat dort im Supermarkt versäumt, den Fall einer Mitarbeiterin zu melden und den Betrieb wie üblich fortgeführt … so kamen dann andere Fälle noch und noch. Und es entstanden zwischen den verschiedenen Bürgermeistern Zäune wie diese (oder wie in Ungarn oder sonstwo, was Flüchtlinge oder sonstwie “queere” (ich mag das Wort nicht) Menschen betrifft):

15.15 Uhr: Zwei Absperrungen halten Paare an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz in Konstanz am Bodensee auf Abstand. Auf Schweizer Seite sei ein zweiter Zaun aufgestellt worden, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Dort stehen nun zwei Drahtgitterzäune, wie man sie von Baustellenabsperrungen kennt – zwischen ihnen ist ein etwa zwei Meter breiter Abstand.

Auf dem Platz dann doch andere freundliche Gesichter. Aber man hält rigoros Abstand. Der Himmel bleibt blau.

 

Und Sant’Agostino is a miracle of yellow.

 

 

 

III, 495 – Es hat geschneit

III, 459 – Es hat geschneit: “Girate i palloncini colorati!”

Tatsächlich ein Schneien gestern Vormittag. Das erste Mal in diesem Winter, der schon ein Frühling ist (immerhin die Osterglocken blühen im Hof). Und ein kalter heftiger Wind. Dennoch mußte ich mich durchringen, am Nachmittag nach langer Zeit mal wieder hinunterzugehen, diesmal zur Apotheke, immer noch ohne Gesichtsmaske (zwar bestellt, aber noch nicht angekommen (kann sein, daß der eine Handyanruf am heutigen Vormittag die Zustellung betraf, aber ich antwortete zu spät und somit der Leere (doch daran, es könne sich darum handeln, dachte ich erst 2-3 Stunden später))).
Typologie der vor der Apotheke Stehenden: Gesichtsmaske (die meisten, vor allem die Frauen), einer ohne, aber mit Gummihandschuhen. Einer ohne Maske und ohne Handschuhe. Ich nach wie mit Palästinenserfummel, die linke Hand in der Jackentasche und mit der langsam steif werdenden rechten, unbehandschuhten Hand, die die Verschreibung hielt.
Drinnen endlos lange Gespräche zwischen den Apothekerinnen (wann ist mir zuletzt ein Apotheker begegnet?, wahrscheinlich in “Schule der Atheisten”) und den Kundinnen mit den Gesichtsmasken, während die rechte Hand immer steifer wurde. Als ich an der Reihe war, unbedingt abgezähltes Geld hingelegt für die plexiglasbeschützte Frau.
Danach zum Geldautomaten, Tasten berühren. Back home aufwärts: seit langem nicht mehr die Waden gespürt, sie schmerzten auch gar nicht, wie noch vor einem Jahr. Es ging sich so hin gegen den fatal kalten Wind.

Heute ein denkwürdiger Anruf. Meine eine Schwester hatte es Sonntag schon angedeutet. Die einzige verbliebene Tante oder überhaupt die Einzige rief an, die von der Generation übrig geblieben, aus der man hervorgegangen. Der ich immer einen Besuch widmete, wenn ich denn mal im Dorf war. Sicher schon Richtung 90, genau weiß ich es nicht, aber es gibt ein Foto, wo sie mich, den Säugling, auf dem Arm trägt. Merkwürdigerweise gibt es kein Mutter-Sohn-Foto…
Ihre Stimme klang sehr gut, und ich konnte sie durchaus beruhigen.
Auch sonstige Anfragen trafen ein.

Soweit die Mosaiksteinchen, die ich gestern schrieb. Simple Chronik. Die Arbeit selbst, zwar nach wie vor heftig, was das zu Erledigende und lang schon Eingetroffene betrifft, doch für neue Aufträge scheint sie sich zu verlangsamen. Klar, imaginäre Szenarien: eingestellte Produktions- und sonstige Tätigkeiten (einschließlich Tourismusbranche), womit Bedarf fortfällt. — Also Projektionen noch und noch.
Um mich verständlich zu machen: Es ist die Rede von meiner Brotarbeit, dem Übersetzen von Gebrauchstexten, also das Eingebundensein in einen gewissen Mechanismus, der dem herkömmlichen Wirtschaftsleben entspricht (Rechtsstreitigkeiten, Produktanpreisungen, Produkterläuterungen, Ausschreibungen usw.).
Nichts natürlich wäre mir lieber, als mich dem entgrenzen. Mir ist die derzeitige Ent- (Ein?)grenzung fast willkommen, da es mit der Welt da draußen nicht so bestellt ist:

Diese Wohnung, die Seite des allgemeinen Elements oder der unorganischen Natur des Geistes, schließt nun auch eine Gestalt der Einzelheit in sich, die den vorher von dem Dasein abgeschiedenen, ihm inneren oder äußerlichen Geist der Wirklichkeit näherbringt und dadurch das Werk dem tätigen Selbstbewußtsein gleicher macht.
Hegel, Phänomenologie des Geistes

Ein Satz der hübt und trübt und drübt, wo das “tätig” nicht dem sich selbst bewußten und “eigentlich” untätigen und abwartenden Sein entspricht. Nunja, die Phänomenologie liegt ganz oben auf einem meiner Bücherstapel. Ist ja schließlich Hegel-Jahr. Das Buch besitze ich ungelesen seit Dezember 1978. Begleitet von einer Legende, den ein damaliger Freund kolportierte: er habe in der Bibliothek einen sich darüber den Kopf zerbrechenden Japaner gesehen.
Ich hätte doch lieber Japanologie studieren sollen, wie ich’s mir durchaus mal ausgemalt habe. カラフルな風船を回して!

III, 458 – Wohnen und Hausen (Corona-Sausen)

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