Nervös: ANH an Liligeia, zehnter Brief. Aus der Nefud, Phase IV (Tag 7): Montag, den achtundsechzigsten Krebstag 2020. Darinnen auch wieder Die Brüste der Béart, nunmehr 54.

[Arbeitswohnung. صحراء النفود
Montag, den 6. Juli 2020m 6.57 Uhr. 72,2 kg]
[Vaughan Williams, “On the Beach at Night Alone”
(Symphony No 1)]

Ich werde,

Liligeia,

nervös. Und Du aber schweigst. Dabei weißt Du, so eng in mir drin, von meinen Träumen gewiß. – Ja, es stimmt, die Chemo IV war anfangs kaum zu merken, und einige Nebenwirkungen gingen deutlich zurück, darunter die – indessen, als Symptom der zytostatisch bedingten Neuropathie, seit gestern abend rückgekehrte – Schwellung der Füße, und es ist auch richtig, daß ich Dich, Dich selbst, so gut wir gar nicht mehr spürte. Auch dadurch hast aber Du jetzt wieder einen Strich gemacht – wobei ich gar nicht weiß, ob Du, ob nicht vielmehr der Automatismus einer Traumverarbeitung. Damit nämlich ging es vorgestern los.
Ich habe, Lilli, meine Operation geträumt. Es waren zwei OPs sogar, die eine in der Charité, die andere im Sana Klinikum ausgeführt, und beide Male erwachte ich ohne Magen und Erinnerungen. Alles schien bestens verlaufen zu sein, sofern sich denn “bestens” auf einen Eingriff anwenden läßt, der uns ein wichtiges Organ nimmt. Es ist ja nicht ganz ohne Absurdität: Wie viele Menschen mir jetzt schon von anderen Menschen erzählt, um mich zu beruhigen, haben, die ohne Magen jahre-, ja jahrzehntelang sehr gut gelebt! Wer fragt sich da nicht, wozu wir solch ein Ding dann überhaupt haben? (Beim fälschlicherweise “Blinddarm” genannten Wurmfortsatz habe ich mich das auch immer gefragt.)
Auslöser war allerdings wohl, daß mir bewußt wurde, wie nah nun “die Stunde der Wahrheit” rückt — nämlich übermorgen die abschließende CT, die über den Hergang der Operation entscheiden und eben zeigen wird, welche Auswirkung – und ob überhaupt eine – meine vier Chemos gehabt haben werden, Termin Mittwoch, 8. 7., 11 Uhr; wir können auch sagen, ob Du Dich, schöne Krebsin, während wir durch die Nefud geritten, klein genug gemacht, um in Aqaba bereit für uns zu sein, oder ob Du nicht vielmehr, eine meiner derzeit perfidesten Phantasien, die Zeit genutzt, um nun doch noch → Sils um Sils zu streuen, die kleinen Töchter Deiner Art, die dann doch alle zu schnell wachsen, um uns noch lange im Leben zu halten. Daß Du, meine Li, suizidal bist, und Deine Mädchen sind es auch, daran gibt’s ja keinen Zweifel. Schießt Dir einfach so das Gesicht weg … wobei … “einfach so”? …. einfach ?
Was taten wir uns an?
Gut, vorgestern war ich noch, wie man so sagt, “gut drauf”. Zu gleichsam menschlich paktierte wieder die Chemo mit dem THC, bzw. Dronabinol — da Cagliostros Tropfen sich dem Ende nähern, ward ich vorsichtig damit; doch beides, wie erzählt, ist nachbestellt und kann nachher auch abgeholt werden. Dann war es mir aber zuviel des Bekifftseins, ich kam aus diesem Zustand gar nicht mehr raus, wollte eine Zäsur. Womit aber wieder, gestern, die Schmerzen begannen, diese queren durch die Brust, die jeweils schnell nach unten in das Bauchfell sacken. So, daß man allem Appetit verliert und ergo wieder abnimmt (meine 74 kg habe ich einfach nicht halten können). — Nein, ich wollte nicht zum THC greifen, wollte den klaren Kopf behalten, auch wenn er teuer war und mich nach beinahe zwei Wochen wieder zwang, zum Novamin zu greifen, über den Tag verteilt drei Mal dreißig Tropfen. Sie genügten immerhin, mich auch durchschlafen zu lassen, heute fast sieben ununterbrochene Stunden von 22 Uhr bis morgens um fünf, dann noch, weil alles schmerzfrei fein, Geschlummre bis um sechs. Und nur ganz leichte Übelkeit, wie morgens längst gewöhnt. — Von Dir indes kein Wort.
Mag es wohl sein, daß Du nervös bist ganz wie ich? Und was ist mit den Spuren, die sie neben dem Kardiatumor → beim Staging in der Lunge fanden, doch klassifizieren nicht konnten? Hast Du jetzt, im Schutze der Nefud, doch noch Metastasen draus gemacht? Ich brauche, wie es gestern die vertraute Freundin formulierte, dringend wieder eine klare Aussage: Wie sieht’s nun wirklich aus? Ungewißheit hat mir noch niemals gutgetan.

Seltsam. Es ist das erste Mal seit meiner Diagnose, daß ich so etwas wie Angst fühle. Bislang war ich voll Zuversicht, auch einer, die den Tod als Möglichkeit umfaßt und nicht mal daran denkt zu klagen. Und klagen werde ich auch weiterhin nicht, es gibt keinen Grund. Doch wissen möchte ich. Muß ich. Auch und grade, weil quasi plötzlich die Zeit so knapp wird. Man denkt immer, ach, is’ noch so lange hin … und dann hat man bereits die Klinke in der Hand, dahinter die Seele schon ins Feuer geht. Ich wollte doch noch → die Béartgedichte fertig bekommen! Und bastle immer noch am → Finalenwurf herum.
Darauf war sich dann gestern entschieden zu konzentrieren. Ohne nach rechts oder links zu schauen, selbst die Wüste ließ ich unbeachtet liegen. Denn an sich hatte ich Dir, meine Li, diesen Brief schon gestern schreiben wollen. Statt dessen dann knapp zehn Stunden an neunzehn Versen geschliffen und geschleift, zwischendurch etwas spazieren gegangen, dann mich wieder, wegen der Schmerzen, hingelegt, zwei-/dreimal, jeweils mit Kopfhörern, und in die Musik hinweggedämmert, zu mir gekommen, aufgestanden, Espresso, erneut an die Verse, für die mir immerhin die poetische Zusammendampfung einer allzu esoterischen Anrufung Isis’ und ihre Destillation ins Ave stella maris gelang, worum’s im letzten Béarttext – kontrastierend zum Veni creator spiritus – ja eben geht:

Ave Isis, stella maris
auf dem Meerschaum unterm Mond
Durchströme uns, Béart, mit Licht

Das Luftgezeiten-Silber flicht
Dir Deinen Namen in das Haar
aus, arabesk, dem filigranen Feuer

das in der Erd noch immer wohnt:
Noch steigt der Glimmer neuer
Bläue nimbisch in den Geist

und hält ihn weiblich nieder,
der in den leeren Himmel
zur ewigen Entleibung will 

_____________
>>>> Béart 55 (folgt)
Béart 53 <<<<

Ein kleiner Erfolg immerhin, an dem ich jetzt gerne weiterarbeitete. Allein, ich habe heute vormittag Termine, unter anderem mittags die nächste Akupunktur, für die ich wieder ganz in den Westen radeln muß; und bei der Familie ist die Wohnung zu versorgen; लक्ष्मी und die Zwillinge sind auf vierfünf Tage für Mutter- und Omibesuch verreist. Dennoch wollen die beiden Meerschweinderln und gestreichelt werden, was mein Sohn und ich zu tun uns teilen, einer morgens, einer abends. Ich bin heute morgens dran. So daß ich denn erst nachmittags wieder an den Gedichtzyklus kommen und auch morgen noch hochnervös durch den Tag leben werde, um mich am Mittwoch dann | Dir zu stellen — unsrer, o Lilli, organischen Wahrheit:

 

 

Ach, melde Dich doch bitte mal.

A.
[Vaughan Williams, Vierte Sinfonie (Norrington)]

P.S.:
Interessant allerdings, wie alles dauernd im Fluß: — daß ich heute, abgesehen von der üblichen leichten Morgenübelkeit und der kleinen Fingerkribbelei, wieder so gut wie keine Chemo”neben”wirkungen spüre; dennoch, sicherheitshalber werde ich mir die Novamins mit auf die Radtour nehmen. Für die ich mich jetzt bereitmache.
10.12 Uhr

Es sich mal richtig g u t gehn lassen mit dem Krebs!
| ANH an Liligeia, sechster Brief (als Antwort auf Lis Zwischenruf) |
Geschrieben von Sonnabendabend auf Sonntagmorgen, 30. bis 31. Mai 2020. {Krebstage 32 – 33 = Tage 12 und 13 der Nefudphase I)

 

 

 

 

— deshalb, weil sicherlich auch Du meine Handschrift nicht oder  nur unter solchen Mühen entziffern kannst, die ich Dir, meiner schönen, heut so sanften Li, weder zumuten möchte, noch es dürfte … – deshalb also schreibe ich mit der Maschine weiter, auch “natürlich”, weil ich den anfangs genutzten  Schreibblock habe aus einem Leipziger Comundo mitgehen lassen, das es – weder ein Leipziger noch einer anderen Stadt – in der Nefud nicht gibt, auch nicht in, siehe meine Absenderangabe:

NEFUD.ANDERSWELT

Die ich heute, da Du mich derart infrieden läßt, einmal verlassen habe, derweil meine Seele selbstverständlich weiter neben Faisal reitet, und hinter uns sein Diener, voran nur die zwei Scouts, die aber niemals stehen bleiben, um eine Hand zu heben, die uns ein wachsam Gleiches raten würde im Angesicht oder doch der Ahnung uns drohenden Geschehens. Nichts. Wir reiten und reiten, da gerät man in Trance und steht unvermittelt vor Gethsamenes Apotheke auf dem Prenzlauer Berg, wo von gestern auf heute auf Rezept der Hausärztin mein nun auch “offizielles” Cannabispräparat hergestellt wurde, so daß ich fortan zwei allerdings insofern differierende Flüssigkeiten nutzen kann, als → der caglistrosche THC-Anteil doch signifikant höher liegt als der des gegen “Bewußtseinsveränderungen” arg heikel eingestellten rein-medizinischen Präparats, dem er nämlich fast völlig fehlt. Nun, ich werde die Tropfen alternierend ausprobieren und Du, Liligeia, davon kaum unbetroffen bleiben. Ich hoffe, auch Dir werden wunderbare Welten geschenkt, vielleicht auch solche, die Dich mir gegenüber ein wenig zahmer werden lassen, einfühlsamer hätte ich’s gerne; wie Du dagegen mit andern Dichtern umgehst, drauf mag ich keinen Einfluß haben. Macht Ihr das unter Euch aus.
Jedenfalls war ich Dir erstmal, für heute, entwischt. Vielleicht hast Du tatsächlich noch, weil ich gestern fünf Tropfen nahm zur Nacht, in ihren Wirksamkeiten Dich geschaukelt, so daß Du nicht mitbekamst, wie schnell ich herunter von Röhrerich glitt (der es ganz offenbar auch nicht mitbekam, so wenig wie Faisal und die anderen Begleiter) und geduckt, aber gestreckt durch den Sand stob, der meine Sandalen freilich festhalten wollte, nämlich mich an ihnen, weshalb ich zweimal aus ihnen herausglitt und derart barfuß sofort zu spüren bekam, wie heiß es in der Nefud sein kann und eben jetzt auch war. Aber ich mußte dran denken, daß die Apotheke heute inventurhalber nur bis 14 Uhr geöffnet ist, also war der Rundsaum meines ثوبs zu heben und weiterzueilen. Konnt’ ich denn wissen, wie lange die Lappenschleuse offen bliebe, die ich im untren Drittel einer sich nicht weit von hier auf über zwanzig Meter erhobenen Sandsteinpyramide schimmern gesehen hatte. Am besten mich gar nicht mehr umdrehen. Blöd nur, daß mir zwei Plastefläschchen der von Faisal verordneten sogenannten Astronautennahrung aus den Gewandärmeln rutschten und im Sand nicht etwas stecken blieben, nein, er wollte sie schlucken. Zentimeter für Zentimeter versanken sie, eine gräßliche Zeitdilatation einmal wieder — die mich eben nicht einfach zuschnappen und die Gefäßchen wieder an mich bringen ließ, sondern ich mußte um jede Sekunde ringen, in der eine Hand sich bewegte. Dennoch, es gelang, mein Wille ist ungebrochen und die Astronautennahrung auch in Auszeiten wichtig, da ich mit ihr und THC die Auszehrung nicht nur stoppen konnte, die mich für eine Operation des anstehenden Ausmaßes allzu sehr geschwächt hätte, sondern sie hat mich im Gegenteil fast alles verlorne Gewicht in kaum vierzehn Tagen wiedergewinnen lassen. Offenbar, Liligeia, hast Du auch hierbei nicht geahnt, zu welchen Mitteln ich greifen würde, um meine Haltung zu bewahren. Aber nein, ich seh Dich nicht als Feindin. Doch kam ich jetzt, durchaus aus der Puste, bei dem Riß in dem Sandstein wirklich an. Zwar machst Du mich schnell erschöpfbar. Doch ich zehre von den lange Jahren unentwegten Trainings. Da kann ich Dir schon mal eine lange Nase drehen. Und sowieso hatte ich vor, es mir heute mit dem Krebs einmal richtig gutgehn zu lassen, indessen offenbar Dich das THC noch berauscht. Außerdem wollte ich diesen Brief lieber auf meinem Schreibtischstuhl schreiben als erneut im Schneidersitz, der mich dann doch immer recht schnell steif in den Gliedern werden läßt.

 

Sò.

 

Augen zu und

 

 

————> durch.

 

< Klappe >

Prenzlauer Berg, Stargarder … Mist, in dem arabischen Gewand fall ich nun aber doch auf, zumal mit der vom Agal gehaltenen Kufiya. Nee, besser schnell zurück und in die Arbeitswohnung hoch, hellgrauer Sommeranzug, Krawatte – aber … ah! daß ich lange in der Wüstensonne war, ist mir schon anzusehen. Prima.

Wieder hinaus.
Zu Mitte Meer, es war noch Zeit, fürs Abendsashimi eingekauft, die Austern als Vorspeise. Der Maguro tatsächlich in Sashimi-Qualität, 49€/kg, schon heftig. Aber na gut, 200 gr nehm ich, dann noch ebenso viel Kabeljau, ebenso viel Lachs. (Ich denke, daß es genügt, erst spät am Abend zurück in die Nefud zu kehren; na gut, vielleicht daß man mich beim Nachtmahl vermißt. Für den Fall werde ich mir eine Ausrede zurechtlegen, deren beste allerdings die schon gefundene ist: Ich hätt es mir, oh Li, heut gutgehn mit Dir lassen. Denn Faisal ist diskret, er wird nicht weiterfragen: Man spricht nicht unter Wüstenfürsten über seine Frauen, erwähnt sie besser nicht einmal. Eine die Geschlechtsunterschiede nivellierende oder gar leugnende Gendercorrectness kommt dem recht entgegen.)
“Spaziergang übern Markt?” Anruf bei लक्ष्मी.
“Oh, du bist in Deutschland? Ich hab dich grad in Jordanien gelesen. Wie gut, daß du damals die Bilder in der Namib gemacht hast — so war jetzt alles vorbereitet.”
“Eine aber komplett andere Wüste.”
“Da bist du ja auch noch gesund gewesen.”
“Ich bin noch jetzt nicht krank.”
“Du hast nur Liebeskummer, oder Li an Dir, verstehe schon. Jedenfalls scheint ihr gefährlich nicht zu passen.”
“Deshalb die Nefud…”
“Zuerst. Dann aber … Bitter, sich eine geliebte Frau so aus dem Leib zu schneiden, gar schneiden zu lassen – und aber auch, geschnitten so zu werden.”
Was ich nicht kommentieren mochte, war einfach zu gut drauf.
“Also Treffen wieder Helmi/Ecke Raumer?”
“Ja, und weiter dann zu zweit.”
Daß es so etwas gibt! mußte ich denken. Wie ein Schon früher schoß es durch mich auf, aber ich kann auf das Foto, das mir sofort im Kopf war, nun doch nicht verlinken, weil ich den alten Dschungeleintrag nicht mehr finde; ich habe jetzt den gesamten März und April 2006 durchgeschaut, ebenso die für diese Zeit gesicherten Bilder. Man sah — in der alten, → damals noch wundervollen Strandbar Mitte — meinen, ich glaube, rechten Fuß über den linken geschlagen, und als Titel stand darüber (meiner offenbar falschen Erinnerung nach):

DAß ES SO ETWAS GIBT!
oder
DAß SOWAS MIR PASSIERT!

Mir war ein märchenhaftes Privileg zuteil geworden, dem ich den Ausdruck eines erfahrenen Wunders gab, das für den Tag auch eines blieb, vielleicht sogar für volle zwei Wochen. Ich kann es darüber hinaus nicht mehr sagen, aber dieses, Li, ist sicher. Und eben das durfte ich nun wiedererleben, minutenlang. Wenn wir sensibel bleiben, ist unser Leben wahnsinnig reich. Die Stunden, jede, können von Erkenntnis explodieren, und in sinnlichsten Wogen laufen sie in ein Meer aus, das sie und uns aufs neue stets auflädt, bis wir irgendwann einfach zu schwach geworden sind, um solcher Fülle standzuhalten. Schönheit ist eine Forderung. Sie will gesehen, angesehen werden. Die, die es verweigern, bestraft sie.
Womit wir wieder bei Dir wärn, endlich – da ich Dir so nun Antwort geben kann, nachdem ich vom Marktgang zurück bin, wo ich noch Käse erstand, bevor लक्ष्मी und ich uns wieder trennten; allerdings begleitete sie mich noch bis zu meinem Wohnhaus. “Und wie kommst du nun wieder zurück?”
Darüber war ich mir selbst noch nicht klar. Doch machte mich das nicht mal nervös. Die Aussicht auf ein paar Stunden alleine mit mir, und mit meiner Musik, war um so beglückender, als ich neulich endlich meine Stax-Hörer wieder richtig anzuschließen vermochte, die seit ihrer Reparatur durch den pfiffigen Herrn → Wiemer hier nur herumgelegen hatten. Mir hatte einfach die richtige Kabelpolung des SRD7 -Vorverstärkers nicht gelingen wollen. Nun nahm ich mir die Zeit, im Netz nach einem Schaltplan zu suchen, → den ich tatsächlich fand. Und — voilà! kein schlechtes Gefühl mehr, wenn ich bereits morgens früh Musik laufen lasse, die mir so nötige. Denn einmal, in der Tat, hatte es von oben ärgerlich geklopft. Was ich verstehe, selbstverständlich, wer läßt schon halb fünf Uhr Morgens → Currentzis Mahler toben oder → Hakola wie jetzt? (Du  mußt, liebste Li, jede Zeitangabe relativ sehen: Dieses “jetzt” meint eines – morgen. Es geht in jeder Poetik, auch ihren Räumlichkeit, stets um Bezugssysteme.)

Bezugssysteme. Ich will Dir Antwort geben.
Nein, ich selbst habe mich, als ich Deinen Namen suchte, nicht auf Giger bezogen — jedenfalls nicht bewußt. Doch kann ich nicht die Möglichkeit bestreiten, aus meinem Unbewußten abgeschrieben zu haben, in das er sich mit eingeprägt hat, wenn auch er selbst viel weniger, als seine Geschöpfe es getan, → Li Tobler allen hier voran. Woran mich aber erst Frau von Stieglitz, eine Leserin, erinnerte, Du weißt schon, → dort. Und verlinkte auf ein Bild von Dir! Denn so, ja, tatsächlich so habe ich Dich in meinem Innern von Anfang (womit ich meine Diagnose meine) an gesehen. Leider darf ich die Bilder hier nicht anzeigen, ich bekäme andernfalls eine entschädigungsgeldbewehrte Abmahnung ins Haus. Mit ein wenig Vermögen im Hintergrund wär mir das allerdings egal. Es ist nicht eine moralische und schon gar nicht “Frage”, sondern alleine eine des Mehrwerts. Der jemandem wie Dir natürlich egal sein sollte – ist’s aber denen nicht, die mit Dir handeln und denen Du der Rohstoff bist, egal, ob pharmazeutische oder Industrie der Kultur; hier “ticken” beide gleich.
Stimmt, darum geht’s nicht. Was mich an Gigers, dieses modernen Hieronymus Bosch, Albtraumkonstruktionen von unserer ersten Begegnung an benahm, war, daß ich in ihnen einem Archetypos begegnete, der lange zuvor in mir gepflanzt worden war, und ich weiß nicht, von wem. Nun war er BILD geworden. Nicht Alien war es, was so wirkte, sondern die dunkle Muse, eben, Li. Auch ein Ungeheuer Muse. Sie schoß sich, Du weißt es, ins Gesicht. Wofür hat sie sich so bestraft? Dafür, daß die Allegorie alles Sexuellen von ihr Besitz nahm und sie ausfüllte? Daß sie ihr nimmermehr entkommen konnte? Es gelingt in der Tat nur wenigen, sich unter den Allegorien, die uns wider Willen erfassen, einfach wegzuducken – und wenn es gelingt, dann nur unter den Schmerzen einer heftigen, uns nicht selten auf andere, dann nur noch schwer zu analysierende Weise schädigenden Verleugnung.
Aber als ich zum ersten Mal Li I sah, warst Du in mir schon angelegt, wie ich jetzt lernen mußte, wenn auch, wahrscheinlich, noch nicht als Krebsin verkeimt, geschweige schon als Puppin. Aus der auch Sil dann schlüpft – wie → Niam sehr viel später gleichfalls. Mit → Species indes erschien als eben Sil (in deren Namen Du selbst so gut wie nicht versteckt bist) eine in ihrer Einsamkeit und Fremdheit so enorme wie eben (im grausamsten Wortsinn:) eindringlichste Figur, in der sich Zeugung, Empfängnis, Tod komplett vereinen, ganz so, wie ich selbst es, und zwar schon seit Kindheit, empfand und in fast fieberiger Klarheit vor mir sah und immer wieder meinerseits gesucht und aufgesucht und Variation für Variation gestaltet habe: diese beängstigende, zugleich sinnbetörend-rauschhafte Nähe von Schöpfung und Vernichtung, dieses Malstromes Leben, ganz so, wie die Großen Mütter der Mythologien immer auch Zerstörerinnen waren; ein nicht-domestiziertes Matriarchat erhobt sich hier und strahlte derart aus, daß man sich stellen muß als Mann und stellt sich auch, um, ja, zu unterliegen. Was überhaupt den Wert erst bestimmt: ohne sich gebeugt zu haben. Es würdig gewesen zu sein, Deiner, Liligeias, würdig — was uns zu Dir eben hinzieht auch dann, wenn Du uns nicht hinaufziehst, sondern wie im alten Volksstück müssen wir Mephisto schließlich mit uns selbst bezahlen:

Auch also, wenn Du, schön Li, → mir so vorwurfsvoll geschrieben, Du könnest ja nicht einmal sein, also Gigers, Werk leiden, wirst Du mir doch zugestehen müssen, daß er einiges von dem erfaßt hat, was die Welt, die noch nicht correcte — sie wird auf Dauer corrigierbar auch nie sein, sich immer wieder mit all ihrem Chaos aus Schönheit und Grauen unzuhanden erheben —, als allegorische Wellen durchwogt und -weht: der Kehrseite unserer Zivilisationen,

Der Bestienblick: die Sterne als Kaldaunen,
der Dschungeltod als Seins- und Schöpfungsgrund,
Mensch, Völkerschlachten, Katalaunen
hinab den Bestienschlund
Benn, Verlorenes Ich

Und noch deutlicher (das quasi ewig-stumme Motto meines eigenen poetischen Werks):

(…)
mir steht ein Meer vor Augen, oben Bläue,

doch in der Tiefe waberndes Getier
Benn, “Abschluß”

Wobei Sil interessanterweise — blond ist … wie, daraus zu schließen, auch Du es sein mußt, Li, so daß Frau von Stieglitz → an völlig anderer Stelle geäußerter Vorschlag restlos in die Irre geht, wenn sie den Ausweg darin sieht, einen “Gegentypus zu entwickeln”: ein wahrhaft schlagendes Beispiel für das, was die Alten unter Tragik verstanden und ich, als Moderner, wieder genauso verstehe, fast genauso. Indem wir unsre Heimat fliehen, um  nicht mit der eigenen Mutter tu schlafen und unsern Vater umzubringen, bewegen wir uns genau darauf zu.
Auch wenn ich Dich also bislang nur imaginär sah, kann ich nunmehr sicher sein, daß Du nicht zu den von mir bevorzugten dunkelen Frauen gehörst, sondern zu den schrecklich hellen. Und ich werde mich selbst überzeugen, wenn wir erst einmal in Aqaba angekommen sein werden, einer Unterabteilung wahrscheinlich des Lichtenberger Sana-Klinikums, wo mich schließlich doch operieren zu lassen ich derzeit eine deutliche Tendenz habe. Allerdings wird es am kommenden Mittwoch noch ein Beratungsgespräch in der Charité geben, wo mir auch Ratschläge wegen des OP-Modus erteilt werden dürften.

Und jetzt saß ich wieder an meinem vertrauten Schreibtisch, hört in den Stax erst einmal wieder Mahler II, dann fiel mir Hakolas von mir fast vergessenes Klarinettenquintett in die Hand zurück, eines Komponisten, der bereits bei unserer ersten Begegnung in Helsinki einen enormen Eindruck auf mich mache, auch wenn wir leider nicht ins Gespräch kamen, ich ihm von meiner Erscheinung vermutlich ebenso wenig sympathisch war wie er mir. Jetzt fiel seine Musik geradezu über mich her — und der Krebs ward ebenso vergessen, wie ich nicht mehr daran dachte, in die Nefud zurückzumüssen. Statt dessen grub ich mich in meinen Ohren, sozusagen, ein. Bis mein Sohn im Raum stand und um den Espresso bat. Was ich jetzt nutzte, um in seinem Beisein meine vorbereiteten Sashimi zu verzehren — tatsächlich ganz:

Da staunte er, mein Sohn, doch sehr. Aber ich schrieb ja oben schon, es mir heute mit dem Krebs einmal richtig gut gehen zu lassen; vor allem bekomme ich nun auch die rechte Schneidetechnik heraus, und es wäre doch sehr gewagt gewesen, die frischen Filetstückchen erst mal wieder in die Wüste zu transferieren, bevor ich sie aß. Und da, Li, Du, den ganzen Tag über nicht protestiert hattest, durfte ich da nicht annehmen, daß auch Dir meine Auszeit imgrunde ziemlich recht gewesen? Und also beschloß ich, ohnedies vor Sattheit fast schon müde, Dir statt der zum Einstieg empfohlenen drei Tropfen Dronabinols deren fünfe zu gönnen,

an denen ich an Dir dann einschlief,
so daß es ———————————————————————>

 

[صحراء النفود.صحراء النفود, Morgenlager]
6.30 Uhr, 72 kg]

[Kimmo Hakola, Klarinettenquintett (Kopfhörer)]

 

———————————————————> leichter war, in die Nefud zurückzukommen, als ich mir hätte auch nur vorstellen können. Tatsächlich ging es auf der Schlafesrutsche dieser fünf Tropfen wie von selbst vonstatten, dessen Wirkung ich fortan im Wechsel mit Cagliostros THC-Öl ausprobieren will.
Wie auch immer, um 23 Uhr legte ich mich zu Bett, wachte um 1.30 Uhr kurz auf, da noch in der nächtlichen Arbeitswohnung, aber zur zweiten ebenso kurzen, nur zum Pinkeln, Unterbrechung mußte ich bereits unter meinen Teppichen hervorkriechen und aus dem Zelt, ja, austreten eben, was insofern Aufwand verlangte, als ich erstens total verschlafen und zweitens im Rücken wieder etwas steifig war

(der medikamentös angeregten Bildung weißer Blutkörperchen halber, deren
normale Anzahl von den in der Nefud herrschenden Strahlungen so lange
attackiert wird, bis sie aufgeben müssen; so gesehen, las ich gerade, sei eine
Chemo
eigentlich nichts anderes als ein krasser Stresstest für den Körper.
Das schreibt jemand, der ihn trotz einer vor allem symbolisch sehr viel
härteren Diagnose als der meinen bereits bestanden hat, und ich verlinke
gern darauf)

und vor allem noch wußte, wo ich im Traum mein Gewand sowie unterm eingerollten Agal die Kufiya hingelegt hatte, um sie beim Erwachen aufnehmen und mich in alles kleiden zu können. Freilich, zum Pinkeln ging es auch mit einem schmalen Teppich um meine längst nicht mehr fleischlich-muskulösen, sondern mittlerweile deutlich knochigen Schultern. Noch brauchte ich auch die Sandalen nicht, es war ja noch recht kühl, fast kalt.
Meine Güte, das Dronabinol macht schwere Knochen! Drückt es dich tiefer in den Schlaf als THC? Momentlang hatte ich den Eindruck und werde es beobachten, auch nachher schon mal mit Faisal besprechen.
Ein Röhren Röhrerichs grüßte mich aus den Rücken seiner Stuten. Dazu schnaufte er.
“Pscht, Rih!” rief ich leise. “Die schlafen alle noch. Aber guten Morgen, Du aller Kamelinnen Schwarm (bei einem bisexuell aktiven Dromedar müßte hier “aller Kamel*innen” geschrieben werden) und Träger nur von Wüstenfürsten… Ich weiß, wir haben einen harten Ritt vor uns, drum ruhe noch, oh schwankendes Schiff meiner Chemo!” Und verkniff mich nicht länger.

Danach schlief ich bis halb sechs durch und stand um zehn vor auf. Da lagen Thawb, Kufiya und Agal denn auch ganz selbstgewiß bereit: sorgsam zusammengelegt, wie ich, der Pedant, es zur Nacht gerne habe. Und wie sich heraustellte, war ich gestern tatsächlich nicht vermißt worden. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob die Geschehen in der Nefud während meiner Prenzlauerbergs Auszeit nicht einfach stehen geblieben sind,  wie wenn jemand auf PAUSE drückt und auf PLAY erst wieder, da ich zurückgekommen war. Oder spalten wir uns bei solchen Wanderungen tatsächlich und setzen zwei verschiedene Geschehensketten ingang, die zu synchronisieren nicht mehr leicht, vielleicht sogar unmöglich sein dürfte? Was haben wir uns poetologisch dann vorzustellen? Daß ich in der einen Dimension de facto sterben werde, überleben indes in der andern? Und beides aber völlig konkret? Wer aber kann dann berichten und wer wann? Und käm ich lieber nach Aqaba, Li, oder verbliebe in einem Europa, das sich nicht finden mag und fast schon vergaß, was sein Gott ist: die Kunst? Auf die sie wie auf GOtt vergaß.
O plötzliche Trübsal des Morgens. Ich habe für Dich keine Zeit, wollte statt dessen unbedingt zu Kimmo Hakola schreiben – was ich aber jetzt, da mein Bericht schon ohnedies sehr lang ist, verschieben möchte: Dich, mein süßes Krabbelkrebschen, von ihm zu überzeugen … ich meine, von seiner Musik. Die ich selbst erst gestern wiederentdeckte, am Schreibtisch während meiner Auszeit. Nein, STOP, mehr dann später, eigens. Ich hör grad erstes heisres Rufen, das Lager ist erwacht. So geht es also – Liligeia, Dir entgegen – weiter. Drei Höllenkreise trennen die Messer noch von uns.

 

A.

Schmelings Oase: Aus der Nefud, Phase I (3). Geschrieben vom sechsten bis siebten Morgen, nämlich des Krebstagebuches sieben- und achtundzwanzigster Tag.

Wer hätte dieses je geglaubt? In einer Wüste Mittendrin! Wo sonst nur Sand und Sand und wenig Sukkulenten … da … da … — Lilifee-Kastanien! Wie ausgemalt von meiner Lili, da sie noch keine fünf gewesen – also die in ihr lebende Sídhe oder Sirene, ich bin noch uneinig mit mir.  Nur ist → ihr Körper jetzt nach wie vor noch keine fünf. Sonst wär ich doch schon hopp …

Aber dieses, dieses das Tor. Anders, erklärte Faisal, als sich hier durchzubeugen, komme niemals jemand herein. Daß die unfaßbare Oase allerdings nach einem deutschen Schwergewichtsboxer benannt worden sei, habe gewiß nicht Allahs Zustimmung gefunden, doch leider, vor 1917, des Osmanischen Reiches; was umso bezeichnender sei,  als der spätere Weltmeister da noch keine zehn Jahre alt gewesen sei.  Woher wußten die Türken also um seine erst folgende Bekanntheit? – Faisal murmelte etwas von einem “alten Berge”, gab aber sonst keine Antwort. Es war angesichts solcher Schönheit auch völlig egal.

Aber eins nach dem anderen.

[Montag, 25. Mai 2020, 9.29 Uhr: Zwischenhalt (für den Mokka und zur Orientierung);
Aufbruch morgens: 6.36 Uhr]

[Aus fernster Ferne: Henze, Streichquartett Nr. 4 (1976)
Kamelröhren. Auf die Smartphones schauen: Kompasse und Uhren vergleichen]

[70,5 kg – also vier der zuletzt verlorenen Funde wieder drauf. Beruhigend. Dafür wirkte das THC-Öl nur noch bedingt. Es riecht seit vorgestern abends auch seltsam – wie Japanisches Heilkräuteröl, nicht die Spur mehr nach Marihuana. So bereits um halb drei Uhr nachts aufgewacht und dann eben doch, weil die heutige Tagespassage anstrengend zu werden sei es verspricht, sie es droht, eine halbe Zolpidem geschluckt, die bis halb sieben.mich weiterschlafen. Doch wie auch immer, erneut komplett beschwerdenlose. aufgewacht. Nicht die geringste “Nebenwirkung” der Nefud mehr.
Dennoch, mit dem Öl stimmt etwas nicht. Wie hat es Cagliostro hinbekommen, daß es so schnell die Aura wechselt? Oder liegt es an mir, an einer Veränderung des Geschmackssinns? Da ich Faisal dazu nicht konsultieren darf, der, wie mir Lars ibn Gamael, sein vertrauter Diener, steckte, auf im weitesten Sinn “Drogen” nicht gut zu sprechen sei, muß ich auf die nächste Möglichkeit, eine Lappenschleuse zu erwischen, warten, um es direkt mit लक्ष्मी abzuklären.]

[Ah, erneuter Aufbruch!]

Darüber konferierte ich gestern lange mit meiner Contessa: Wie sich mein Schönheitssinn geschärft, etwa, wenn ich spazierengehe. Selbst hier, in der Wüste, erkenne ich die Schönheiten der Straßen, Häuser, Parks Berlins — hier sogar besonders. So ist es mir selbst auffällig, mit welcher Freude ich derzeit flaniere (habe mir überdies einen hübschen Gehstock gestern ersteigert; in der Nefud zwar nicht sehr sinnvoll, doch in den Folgen meiner Heimkehr um so mehr). Und ich spaziere umso lieber herum, als mich die Nebenwirkungen fast gar nicht anrühren, die nach allem, was ich vor meiner Nefudreise gehört und mit betrachtet habe, viel eher Kollateralschäden zu nennen wären, und zwar massive: Den Hauptterroristen weggebombt, fünfundzwanzig Leute aber mit ihm, die halt zum falschen Zeitpunkt da gewesen: Kinder sowieso, auch ein paar Alte, die eh bald weggewesen wären, doch leider auch noch junge Pärchen, um von Mägden und Knappen zu schweigen, die sich als künftge Konsumenten recht gut geeignet hätten. Blöddas, doch cioè la guerra.
Daß wir vom Tod Befallenen Schönheit ganz besonders wahrzunehmen verstünden, erklärte mir die Contessa, sei aber doch bekannt. Es ließe sich fast  als ein Symptom der Krebsdiagnose-selbst verstehen – etwas, das wiederum mir völlig neu war. Ich hatte es lediglich bei meinen Gängen bemerkt, und jetzt, ich meine: gestern nachmittag, bekam es märchenhaften Glanz.
“Es ist ein Geheimnis”, erzählte Faisal leise, sein schöngeschnitztes Männergesicht regungslos wie üblich: ein dunkelsamtig lasiertes Holz, aus dem der gepflegte Prophetenbart nicht sprießt, nein, eher, ich sage einmal, stehend fließt.  “Es ist ein Geheimnis, wie ineinander die Welten – sämtliche – gehören. Geht es Ihnen gut? Fein. Dann lassen Sie uns absteigen und zu Fuß weitergehen.” Sich umwendend: “Gamael!”
Schon folgte auch der Diener, indes ich ja noch die heikle zweite der Sitzungen vor mir hatte, von denen ich → gestern Ligeia geschrieben. Und die eben hier, in dieser Oase, stattfinden sollte, bzw. tatsächlich mußte. Es war dafür einfach genügend Wasser vonnöten.

Aber schauen Sie, wir klettern über diese Düne, kommen oben an, ich nehm noch eine Hand voll Sand, den ich durch meine Finger rieseln lasse (meine Art, die Erde zu küssen), richte mich wieder auf …

— und sehe, was ich, geliebte Freundin, Ihnen schon zu Anfang dieses Journales gezeigt:

Und dahinter, in voller Weite, das:

 

 

 

 

 

 

 

Man muß mit solchen Wechseln umgehen, muß sie durchschreiten können, um wirklich in dieser unsrer Welt zu sein. Da wird das Wort “Fremdheit” dann plötzlich zu dürr, zerfasert auch schon in der Brise, die an diesem Sonntagnachmittag durch die Max-Nefuder Schmeling-Oase blies, durch unseren Sonntag, Dr. Faisal Jostings, seines Dieners Lars Gamaels sowie dem meinen (der ich dennoch dauernd nach einem angemessenen Häuschen schaute); außerdem brauchten wir neue Gummihandschuhe, im Zweifel besser auf Vorrat. Es würd sich doch wohl hier ein gutsortiertes Späti finden. Andererseits durften wir uns in der Zeit nicht verlieren, denn zu dem von Faisal so genannten “Geheimnis” gehört auch, daß sich Oasen (und überhaupt Orte wie diese) unversehens wieder verschließen können: Sie schlüpfen in die Zeitfalte zurück, aus er unser Sesamöffnedich sie gelockt hat, und stecken wir selbst dann noch drin, finden wir nicht mehr heraus, sondern werden von den nächstem gefunden, aber längst gestorben dann, die die Öffnungsformel wissen. Insofern war wegen meiner Erledigung denn doch ein wenig Eile geboten. Dennoch, es blieb sogar – alles in der Nefud, vergessen Sie dies nicht! – Zeit für ein, ich schreibe mal, italienisch-deutsch-syrisches Speiseeis in der Waffel. Corona, jedenfalls, hier, war nicht einmal zu ahnen.
Es ist ein großes Privileg Berlins, ja zeichnet sie aus, diese Stadt, daß sie keine modischen Vorurteile kennt; man darf hier morgens auch in Bademantel und Puschen zu seinem Bäcker schlurfen, ohne daß irgendjemand stehen bleibt und gafft. Also fiel auch Faisal nicht auf, während meine hautkutüre Exzentrik ohnedies in das Stadtbild gehört — und ich gebe gerne zu, es jetzt, in meiner neuen, an sich ja beklemmten Situation höchst bewußt wieder auszukultivieren, wie ich’s einst, in meiner Frankfurtmainer Zeit, schon getan habe, dessen in Berlin aber müde geworden war, weil der Stil des persönlichen Aufzugs hierzustadt keine und keinen int’ressiert, jedenfalls nicht wirklich. Das ist befreiend, macht aber die Inszenierung der Kleidung politisch ziemlich sinnlos; statt dessen wird sie zu einem beliebigen Spiel, das nur noch Zugehörigkeiten aufzeigt und aufzeigen will. — Nun allerdings, mit meiner Diagnose: nämlich angesichts der ungeheuren Li, füllt sich die Inszenierung mit Sinn wieder an, läßt sie sich anfüllen, und ich spüre es bei jedem Spaziergang. “Das ist mal ein eleganter Mann!” riefen drei Osmanen aus, die vor dem Aufgang zum Birkenwäldchen taten, was Allah so nicht sehen sollte. (Und Faisal übersah es, arrogantfeudal; na sowieso, “die” Türken … ) – “Oh”, entfuhr es drei Mädchen, die  mir oben entgegenkamen (und die nun ihrerseits Faisal nicht sahen, aber Gamael wahrscheinlich ebenso wenig). “Das ist mal ein Style!”
So geht’s momentan quasi ständig. Ich muß nur runter vom Kamel (was für die Arbeitswohnung fort vom Schreibtisch und hinaus! heißt), drunten durch den ersten Hinterhofsausgang, die schwere Tür, die aber nicht mehr so wie zu → THETISanfang quietscht, aufstemmen und erhobnen Kopfes auf die Straße treten, um weiten Schrittes und rechts geworfnen Gehstocks auszuschreiten. – Der, den ich gestern orderte, wird so aussehen:
Sie müssen das, bitte, Freundin, verstehen; es ist ein Ausgleich, ein neues Gewicht, auf die leere Balance meiner Zukunft zu legen, dem Sitz auf meiner Seite der Wippe unsres Lebens zu, das nun Verzicht zu leisten hat, wo’s das nicht will … — noch etwas, das ich Ligeia → einfach so stehen ließ, ohne dagegen noch aufzubegehren (es wäre nämlich arg zu sinnlos): Die Nefud, gar kein Zweifel, schädigt die Keimdrüsen. Die Notwendigkeit ihrer Durchquerung ist deshalb wahrscheinlich eine rein logische, also ausgesprochen kalte Folge der Entwicklungen vorher, als ich ohnedies von meiner Hoffnung Abschied nehmen mußte, noch einmal Vater werden zu dürfen — Sie wissen, Freundin, wie sehr mir das zugesetzt hat. Jetzt, das es mir immer noch zusetzt, macht die Nefud schlichtweg Nägel mit Köpfen, indem sie die Nägel einfach aus mir rauszieht.
Auch dieser Punkt geht deshalb an Ligeia. Mir dagegen beschwichtigend zuzusprechen, nun wohl, so mußt du niemals mehr Präservative benutzen, wären der Füchse unter den Trauben denn doch ein paar zu viel. Der Schmerz drob, in Wahrheit, wird mir bleiben – doch als ein unumkehrbarer, irreversibler. Weiterhin gegen ihn anzuzürnen, wäre wie der Wutausbruch über eine Sturmflut oder eine Strafanzeige, die ein Erdbeben anklagt und Schmerzensgeld da herausschlagen will. Statt dessen, wenn es kalt ist, dann zieht man sich was an. Ich geh mit Gehstock wieder. Und Ligeia schafft Endgültigkeiten, wo ich noch Jahre hätte hoffnungslos gehofft. Es ist auch Recht an ihr. Ich werd das nicht verleugnen.

(Wieso aber fällt mir das alte Wort “Hagestolz” jetzt ein? → Kluge, spannend: (< *9.Jh., Form 13.Jh.) […] Die mittelhochdeutsche/neuhochdeutsche Form ist sekundär an stolz angeglichen. Die deutsche Bedeutung ist im Prinzip “unverheirateter Mann, Junggeselle”, die nordische und englische eher “junger Krieger”. Die Bestandteile sind offenbar Hag und die Entsprechung zu gt. staldan, ‘besitzen’ – alles weitere ist unklar und spekulativ.) Wiederum “stolz”, sehr hübsch: (< 12.Jh.) Mhd. stolz. mndd. stolt, auch afr. stult, Herkunft unklar – vielleicht zu Stelze im Sinn von ‘hochtrabend’. Auch eine Entlehnung aus l. stultus, ‘töricht’, ist denkbar setzt aber einen ungewöhnlichen Bedeutungswandel voraus. Abstraktum: Stolz. Verb — und darum geht es hier ja grade — : stolzieren.)

Die Kastanienbäume waren berückend, berührend, becircend, ach meine Freundin (ach auch Ligeia, erregendste Feindin meines, und zwar in ihm, Bluts). Dagegen war der Flieder dieses Jahr nur jung, weil im zweiten Hinterhof aus mit schleierhaften Gründen furchtbar zurückgekappt, -geschnitten. Dabei sind es mal, aus Flieder, Niagarafälle gewesen – da schrieb ich damals dieses Gedicht (heut steht’s im UNGEHEUER MUSE):

Sommermorgens westwärts
Berliner Hinterhof 2008

„die Augen sind nestwärts gewandt“
Strittmatter

Die Tauben gurren auf dem Hof
Der Flieder blüht in schweren Dolden
zwischen den engen hohen Häusern,
die nach altem Deutschland riechen

Noch steht die Bank in der siechen Farbe
kariöser Zähne dicker Mütter,
deren Männer aus dem Mund
nach ihrer Wäsche Grobripp müffeln
und Beuteln für die Butterstullen
zum billigen Bier bei der Sause

Wo in der Mittagspause Kumpels
am Sonntag ihre Hoffnung grillten,
lackieren heute junge Frauen
plaudernd ihre schicken Zehen
im Graskraut auf den Stühlen
bei Latte macchiato und Aperol Spritz

Nur Morgens krakeelen noch Elstern
die mit den wehen Schnäbeln
gleich Säbeln den Nachlaß durchwühlen
dann krächzend westwärts flattern

___

Zweitausendacht, meine Güte! Aber bei den Kastanien muß ich an den Fehler in BUENOS AIRES.ANDERSWELT denken, den mir Bruno Preisendörfer zurecht sehr dick aufs Brot seines Feuilletons strich. Er mochte das Buch, anders als den WOLPERTINGER, insgesamt nicht; wahrscheinlich den ganzen Entwurf → dieser “Anders”welt nicht, war damals aber selbst im Aufbruch, von einem der besten der einmal werdenden Literaturkritiker zu einem, nun jà, Schriftsteller-selbst zu werden … also er warf mir zurecht vor, daß mitnichten noch im Juni Kerzen auf den Kastanienzweigen stehen, wobei andererseits im Buch direkt eingewendet wird, es sei doch erst Mai, ein Monat mithin, an dem diese Kerzen keine Fehler wären, davon ganz abgesehen, daß in der dritten Zeitebene des Romans soeben der furchtbare November anhebt. Deshalb komm ich grad drauf, weil auch hier die Zeiten divergieren, in allen Zauberoasen wie in allen Hügelstätten. Mal geht’s ineins, mal nicht..

Doch wie auch immer, Mai. Jetzt, noch. Im Zaubergarten der Nefud. Und aber Kerzen auf den Zweigen, deren Blüten freilich bereits ockern eingewelkt; schon schneien sie als Flockenflut zu einer grauen, braunen Flur herab, aus der sich der Kastanienbaum erhebt wie aus gefallnen tausend Bienen, die heute schon der Herbst ge-,nicht “poppt”,sondern –popt. Und dann wieder dreh ich mich um, hinter mir die Wüste:

… dreh mich zurück … — und sehe dieses nun:

Wer denn wohl, selbst wenn er “gehen” müßte, tät es hier denn gerne nicht? Und wenn Faisal recht hat, daß sich die Zeitrelationen nur für den Momentraum der gegenseitigen Öffnung synchronisieren, um, sowie die Dimensionen wieder impermeable werden, umso heftiger zu differieren, ja auseinanderzuexplodieren (wie im übrigen mein Darm, wenn ich nicht gleich was tu, sehr schnell, dagegen) … — wenn Faisal also recht hat, wer sagt uns denn, daß wir nicht, stecken wir in der Oase quasi fest, für Ewigkeiten leben, wenn sie sich schließt, und öffnet sich der Zaubergarten eines Tage wieder und man findet allein noch unre Skelette, dann mögen die indessen schon vor Jahrhunderten dahingegangen sein. Aber … oh, da … “Schaun Sie”, ganz ohne Ausrufezeichen Faisal.
Eine Hütte, und draußen war ein Schlauch geringelt und niemand in der Nähe.
Ich nickte meinem Leibarzt zu, der sich dezent zurückzog; dezent, auf den spitzen Schnäbeln seiner roten Schnabelschuhe, huschte der Diener hinterdrein. Damit mit diesem Thema endlich Schluß.

*

Es wurde Zeit, den Rückweg anzutreten. Gummihandschuhe mußten noch besorgt werden, sicherheitshalber. Was aber in der Oase kaum ging, doch außen, es gab einen durch einen hohen Zaum markierten Zweitausgang, da wohl … Ich konnte auch geachtelte Industriebautchen erkennen und las mit einem Mal den Schriftzug

, was mich auf → meine Sashimi-Idee brachte, von der ich Ihnen Freundin, → schon gestern abend geschrieben und nun die dort versprochene Erklärung nachgeliefert habe. Dann tatsächlich ergatterte ich noch Filets von Lachs und Victoriabarsch, die wir selbstverständlich ziemlich sorgsam kühlen mußten; wir erstanden also, bevor es in die Nefud zurückging, nicht nur auch die Gummihandschuhe noch, sondern zudem eine besondere Hightechtüte für Gefriergut, die ihrem Dienst auch wirklich nachkam.
“Wie gehn wir? Außen herum?” Doch woher sollten wir die wirkliche — wahre — Ausdehnung dieses Zaubergartens kennen? Wir hätten uns möglicherweise werweißwohin verirrt. Drei Bücher habe ich über sowas geschrieben! Und mußte deshalb warnen.
Was gar nicht nötig war; Faisal von sich aus schlug vor, genau den Weg zurückzunehmen, den wir gekommen waren. Und so taten wir’s denn auch, ließen die Kastanienpforte hinter uns — sie schloß sich mit leisem Rauschen wie ein Riesenlid —, noch stand die Sonne ziemlich hoch und bei den drei Kamelen (Faisals, ibn Gamaels und meinem) der den Parkplatz besorgende Sandlungerer, dem wir sie anvertraut hatten. Dreimal schnalzte er um Bakschisch, mehr, mehr, mehr, gib mehr. Erst nach wir ihm gewährt, wes’ er verlangte, führte er unsere Tiere herbei. Und aber, als ich mich auf meines, das sich – ohne sich aber ganz zu legen – in die Vorderbeine tief hinabgebeugt hatte, hinaufschwingen wollte und es schon tat, und schon kam auch das Tier vorn wieder hoch, da ging mit einem Mal ein Reißen durch mein Becken, daß ich momentlang keine Luft bekam. Genau im Kreuz, genau die Beckenmitte. — Was ist denn das?
“Sie sind es nicht gewöhnt, auf dem Kamel zu reiten”, erklärte Faisal. “Es war ein bißchen viel.” Womit er freilich recht hatte, auch wenn ich zumindest für Berlin weiß, daß solche Rückenschmerzen auch eine “Neben”wirkung meines Chemostoffes Oxaliplatins sind, also mit Lawrence of Arabia weniger zu haben, als mir recht sein kann. Doch als ich dies einwandte, sehr viel später, bereits am Feuer vor unseren Zelten, zuckte Faisal nicht mal mit den Schultern. “Wo ist denn da der Unterschied?” fragte er lediglich.
Er hat auch völlig recht. So daß nur eines noch für diesen Tag zu klären war; ich mußte dringend लक्ष्मी erreichen, weil Faisal ja nichts wissen darf, also vom THC. Weil, wie eine Freundin, deren Brief mich als Email erreichte, schrieb, Medizinerin sie selbst, wir beide wüßten, “dass es sich hier im Wesentlichen um pharmazeutisch-finanzindustrielle Komplexitäten handelt, wenn sich das Eine gegen das Andere durchsetzt”, was die schulmedizinisch-pharmakologische Therapeutik gegenüber allem meint, was nicht fest genug in der Hand der Wirtschaftsführer (und -führerinnen!) liegt. Gerade die teuren Chemotherapien stehen hier im absoluten Focus. Darüber indes ist mit Faisal nicht zu sprechen. Doch gestern abend kam keine Satellitenverbindung mehr zustande, so daß ich eigenentschlossen meine Dosierung von dem einen auf drei Tropfen erhöhte und  ________________]

[26. Mai, 8.34 Uhr
Stenhammar, Sechstes Streichquartett d-moll]

[________________ tatsächlich bis 5.56 Uhr problemlos durchschlief. Auch beim Erwachen, außer leider noch immer dem Rückenschmerz, einem hellen, pochenden, keine Beschwernisse, und ich hoffe, dieses neue verläßt mich bald wieder. Sonst werde ich, zumindest für meine Spaziergänge, doch wieder Novamin nehmen müssen. Was ich gern vermiede. Doch werden’s die beiden heute und morgen vor uns liegenden, besonders langen Reittouren mir möglicherweise abpressen, bevor wir die Ralaisstation dieser Nefudphase erreichen, wo Faisal alle Gerät hat, um seine ersten Kontrollen an mir durchzuführen und danach, vierfünf Tage später, in der Nefud zweiten Höllenkreis mich einreiten zu lassen.
Prima wiederum; ein weitres neues Kilo drauf, 71,5 heut früh. Der unentwegten Abmagerei scheine ich also erfolgreiches Pari geboten zu haben.

 

 

 

 

Ah, der neue Ruf!
متابعة, weiter! Aqaba!”

 

 

ANH an Liligeia, fünfter Brief: Geschrieben am Sonnabend und Sonntag, den 23. und 24. Mai 2020. {Krebstage 25 & 26: Chemo, Nebenwirkungen – heute und hier zu deren bislang, ja, krassester).

[Nefud, 23. Mai. Nach der vierten Nacht
8.35 Uhr]

 

Und nun zu, endlich,

Lilly, Dir:

Ja, Misignora,

ich beharre auf meinem, weil unserem Du, das eben als Tattoo nicht ich in unsre Haut gestochen habe, sondern Du selbst, wie ich es bereits schrieb, bist es gewesen, mir näher zu kommen (geschweige zu “treten”, intrudiert hast Du Dich mir!) — und ich soll den Usurpator, die Usurpatorin nunmehr auch noch siezen? Oh nein, Du provozierst mich nicht – auch nicht mit der nun wahrlich Purzelbäume schlagenden Bosheit Deines Briefes der Donnerstagsnacht, mit deren folgendem Morgen der erste wirklich gute Chemotag begann und den sie aber, meine vertraute Phyllis Kiehl, kaum (erzählte sie in Facetime) habe zuende lesen können – so sehr habe er ihr, ihr!, wehgetan. Doch auch, daß Du mir diesen ganzen nun Tag über, dieses mein großartiges Gestern, aufs infamste zu zerstören unternahmst, um all Deine Flüche  Wirklichkeit werden zu lassen, wird mich nicht bewegen, auch nur eine selbe Münze zu prägen, um Dich mit ihr zu zahlen. Im Gegenteil, ich bin sogar sehr froh, daß mir, diesen Kampf zu bestehen, in einem Zustand bester Gelassenheit abverlangt worden ist und nicht in einem der physischen oder gar psychischen Dekonstruktion. Denn abgesehen von diesem einen – was einmal zweieinhalb Stunden, dann, nachts, ein zweites Mal weitere nicht ganz anderthalb lange durchgefochten werden mußte – ging es mir gestern weiterhin prächtig bis in die Nacht: kein Übelsein, kein Schmerz, kein Kribbeln in Fingern und Zehen, keine beginnende Entzündung der Mundschleimhaut, keine Konzentrationslosigkeit, keine Erschlaffung. Und: keine Tabletten übern Tag, nur vorm Schlafengehen ein Melatonin und eine halbe Zolpidem, zu der indes — लक्ष्मी und einem ihrer Freunde sei Dank, der es eigens für mich hergestellt hat — etwas hinzukam, das ich nunmehr versuchte und weiterversuchen werde (und das auch mich “versucht”: dies Wort in einem andern Sinn), nämlich ein hochprozentiges, hochkonzentriertes THC-ÖL, erst nur am Abend je als ein einziger Tropfen genommen, um die Wirkung auszutesten, dann vorsichtig zu steigern.
Auf Cagliostros Empfehlung – ich nenne ihn aus rechtlichen Gründen so (als einen weitren Helden meiner Jugend): – ließ ich die Schmerztablette dafür weg … — und was muß ich Dir, meiner liebsten Tumorin, nun sagen? Du wirst es hassen, ich weiß, aber ich schlief beschwerdelos von 23 bis kurz nach 5 Uhr morgens durch, unternahm dann meinen kurzen Wassergang, legte mich noch einmal hin und schlief weitere fast anderthalb Stunden, um nun erst recht ohne eine Beschwerde wieder aufzuwachen, und war überdies bestens gelaunt (———

 

[Nefud, 24. Mai. Nach der fünften Nacht
6.37 Uhr]

 

———); ganz wie heute morgen auch, darf ich ein nun schon nächstes Mal schreiben. Gestern habe ich zur Nacht sogar nur den Tropfen THC-Öls genommen und davon von elf bis halb fünf durchgeschlafen und dann noch eine Stunde länger. Abermals keine Beschwerden, von einem sehr sehr leichten, fast nur erahnbaren Übelsein im Hintergrund abgesehen, das nun, nach dem Frühstück, auch noch despariert ist. So auch scheinen Ihre, Misignora, Wünsche zu zerflattern, ich möge mir die Seele aus dem Leibe kotzen. Wozu ich übrigens nicht ein einziges Mal auch nur entfernt versucht gewesen bin, bisher.
Wobei Sie, Misignora, aber ja zuvor, vorgestern nunmehr, einiges geleistet haben, mich tatsächlich zu zermürben. Sie wissen, Liligeia, genau, was ich meine — ach, aber Li, wenn Du glaubst, ich behielte dieses, weil es tatsächlich den Schambereich verletzt, nein, die glühenden Zigaretten der Wut in ihm ausdrückt, – behielte es für mich, um nicht nur am Geschehen selbst, sondern nicht auch noch an der Würdelosigkeit zu leiden, in die mich ihre Darstellung vorgeblich stieße, so wirst Du Dich, mein Tumorchen, auch hierin irren. Es ist stets eine charakteristische Kraft meiner Poetik gewesen, die Dinge tatsächlich alle zu benennen, ohne daß ich auch nur die Spur meiner Würde verlor. Genau darin lag offenbar einiges derjenigen Provokationen, die meine Stellung als Dichter den Vermittlern, Kritikern wie Buchhändlern, doch schließlich wohl auch Leserinnen und Lesern immer so heikel machten. (Wie mich seinerzeit, als der Prozeß um MEERE angelaufen war, die ZDF-Regisseurin fragte: “Wieso, Herr Herbst, müssen Sie immer so genau hinsehen?”) Hier akzeptiert wer kein Tabu und schon gar nicht Mehrheitsstimmung (auf die sich die meisten, bekanntermaßen, “Meinungen” letztlich zurückführen lassen).

Also, Lilly, ich deutete es schon an – wir sprechen hier von den Nebenwirkungen der  bisherigen Chemo ..: will sagen, der Verstrahlungen, denen ich Reisender auf meinem Zug durch die Nefud ausgesetzt bin und wohl noch knapp sieben Wochen lang bleiben werde. Die bekanntesten nannte ich schon, sie schlitterten bislang fast spurlos an mir ab. Mit denen hast Du kein gutes Blatt auf der Hand… außer einem, mit dem gar niemand rechnet (nicht mal die Beipackzettel tun es, auch nicht die Erläuterungen der chemischem Substanzen der Therapie-selbst). Diese Karte traf mich nun heftig. Da hast Du einmal richtig gewonnen! Nur ist “treffen” nicht das treffende Wort. Aber ich weiß, wie sehr Sie, Liligeia, diese mir zugefügte Erniedrigung genossen! Und wie Sie darauf geharrt haben müssen, ja drauf gierten, daß ich ihrer endlich in vollem Ausmaß bewußt werden würde.
Was nahezu vier Tage brauchte, parallel quasi zu → Ihrem zweiten, derart bösen Brief. Wie schreiben Sie darin? Ah ja!: “Sie mehr als mich soll sie quälen, diese Chemo … viel, viel mehr als mich! Dafür werde ich sorgen!” In diesem, darf ich “Fall” schreiben? ist es Ihnen wahrlich gelungen. Und ich sehe Sie vor mir, anderthalb Etagen über dem Geschehensort in meine ösophage Organik mit den spitzen Beinen → Ihres schlimmen Wappens (dem ich nun, siehe den Briefkopf, das meine, in dem es unter dem Kranich ein Lamm gibt, entgegensetze) einge-, ja, –graben und jede Verrenkung verfolgen, der ich mich aussetzen mußte, um loszuwerden, irgendwie loszuwerden, was da in mir wie ein trockenes, dickes Brennholz stak und eben nicht herauskommen wollte. Doch ich jammere nicht, wir sind nicht auf der Welt (wie → Erdelmeier einmal sagte), um klein zu sein, sondern meine Perspektive erlaubt sich jetzt — Komik. Die nehm ich mir hier, meine Krebsin, gegen jeden “guten Geschmack” heraus – und zwar als einen Slapstick, mit dem Du erst recht nicht klarkommen wirst, geschweige ihn irgendwie zu goutieren weißt, zumal er dem wie auch immer gequälten Komödianten die Würde völlig beläßt.

Was wir benennen, Lillilieb, ist fast schon beherrscht. Lerne, Ligeia, lerne von mir.

Also. Was geschah?
Ich habe → schon dort davon geschrieben (und gehofft, es bei dieser Andeutung belassen zu können), merkte aber dann, was hier wirklich auf mich zukommen würde. Immerhin, es “traf” mich, dafür bin ich dankbar, an einem guten Tag.
Nahezu stets ist mein Stoffwechsel in Ordnung, ist mehr als bloß verläßlich gewesen, lebensbislanglang. Indes begann er nun, bereits am ersten Tag der Nefud,  übel zu stocken. Sie dürfen das gerne im Wortsinn verstehen. Gewarnt war ich Reisender aber vorm Gegenteil gewesen, vor Situationen mithin, in denen man von dem Kamel nicht schnell genug mehr herunterkommt. Davon, in meinem Fall, war weder Rede noch später auch nur entfernteste Tat. Sondern es ballte sich, ballte sich in mir zusammen, wurde eine furchtbare, so muß ich es nennen, Masse, die sich in mir drin immer weiter verdichtete und mir zunehmend unheimlich wurde, weil sich wiederum mit ihr nicht verband, was von solchem Zustand zu erwarten gewesen wäre: Engegefühl, Krämpfe, Schmerzen – nichts dergleichen, nein, was solch einen Grad von Verstopfung begleiten hätte müssen. So ist “unheimlich” das genau richtige Wort. Und wenn ich → Dich anschau, Dich Lilli auf dem Felde, dann weiß ich sehr genau, warum.
Doch wie nun auch immer. Noch dachte ich, die Angelegenheit mit solch  einem Dingerl erledigen zu können, das wir, Herr Doktor Faisal hatte recht, tatsächlich auch bekamen, als wir die erste Oase erreichten. Hier war es sogar leichter als in Berlin, wo ich tatsächlich dreimal vergeblich fragte; nicht bei Roßmann, nicht in der ersten Apotheke kannte man das Ding, das ein sozusagen fixer Bestandteil meiner Kindheit gewesen ist, weil uns Brüdern → die Omi damit regelmäßig malträtierte, wenn wir Buben Würmer hatten. Vor fünfundfünfzig Jahren kam so was ziemlich häufig vor; es war noch nur wenig Obst gespritzt, das in den Läden auslag, und was wir rings aus den Obstgärten klauten, war es erst recht nicht. Umso weniger erschließt es sich mir, weshalb es ausgerechnet an dieser Oase solch ein Birnspritzchen gab.
Wobei. Unter einer Oase in der Nefud wirst selbst Du, meine Li, Dir etwas völlig Falsches vorstellen. Von 1001Nacht war nix zu sehen, von ein paar aber wie gerupften Palmen mal abgesehen. Ihr Zentrum erinnerte mich viel mehr an eine Gasoil-Station am Rand der Namib. Wo genau in diesem Hüttchen vor sich gehen würde, was vor sich zu gehen auch hatte, und zwar geschlagene fast zweieinhalb Stunden lang:

Unseren Zug gen Aqaba hielt das, Du weißt es, ziemlich sehr auf. Doch niemand mit mir, wohltuenderweise, hatte Mitleid; es zeigte sich ein sozusagen asiatischer Charakterzug, bzw. die kulturelle Codierung, die uns in der Würde beläßt: zwar jede und jeder bekommt mit, was geschieht, aber niemand nimmt es wahr, geschweige daß er’s behielte und dann herumtratschen würde. Vielmehr, es ist, vielweniger also, als wäre nie was passiert.
Und was da aber passierte, passieren mußte! Klar war mir das schon am Ende des zweiten Tages geworden, nun, am Ende des dritten, war es akut. Zumal Do, mit der ich telefonierte, dringend warnte. Sogar ein Wort vom Darmverschluß stand im Raum. Sie, die frühe langjährige Gefährtin, hatte in ihrer unmittelbaren Nähe einen Fall, der ins Krankenhaus überführt werden mußte, wo man dem armen Menschen innert dreier Tage herausoperierte, was von allein abgehn sollte. Und wo sollte ich, in der Nefud, jetzt ein Krankenhaus herbekommen, und wie lange würde Aqaba dann noch warten müssen? Nein, ich mußte es im Wortsinn eigenhändig angehen.
Worauf Du so gewartet hast, was Du mir antun wolltest und nun mich selbst mir antun ließest.
Warmes Palmöl, Wasser, Kamelmilch: so Faisals Rezept. (Do sah vorher noch Movicol vor: “Trink das, und zwanzig Minuten später geht es los.” Nix ging los, auch nicht nach dem zweiten Beutel. Nicht mal nach sechs Stunden. Dr. Faisal war diesbezüglich skeptisch höchst zurecht; seine Mischung erwies sich als eher geeignet.)

Man bittet als Herr nicht um Hilfe.
Man schließt sich allein ins Kabüffchen ein. Wobei ich nach einer Stunde schweißtreibender Anstrengung als allererstes lernte: erst mal mich komplett ausziehen, dann die nächste Drück- und Zieh- und Pulaktion, dann unter die Dusche und, wenn abgetrocknet, weiterhin nackt aufs Örtchen zurück, weil es nämlich alles eine Riesenschweinerei ist. Gummihandschuhe, etwa, sind unabdingbar: bloß nicht die ohnedies von der Nefud angegriffene Schleimhaut noch mit den Fingernägeln verletzen, wenn man hineinstößt und drin herumgräbt. Man muß bei sowas nämlich rein, und  zwar so tief es eben geht. Da lernst du wirklich Anatomie, was Wendelungen, etwa, sind. Es hilft nichts, Du mußt versuchen, meine Schöne, die Kacke mit den Fingern herauszuziehen. Was aber auch nicht geht, sondern Stückchen für Stücken – quasi sind es enorm feste Kugeln, die sich kaum ablösen lassen – brichst Du ab und pulst Du hervor. Dazwischen immer wieder das Flüssigkeitsgemisch ins Klistierchen.
Riesenschweinerei, ich versichre’s Ihnen! Welch Glück, daß gleich nebenan die provisorische Dusche. Aber nicht nur Schweinerei, sondern vor allem Akrobatik! Versuchen mal Sie, für sowas die richtige Stellung zu finden … – Irgendwann, nach zwei Stunden des ständigen sich irgendwie im Halb-, Viertel-, Achtelsitzens Vorbeugens und Verbiegens, zumal nun immer gleich beide Unterarme und Hände hinter sich, doch Naß und Stuhl wolln nicht zusammen, stoßen sich ab, es läuft nur noch so aus einem raus, ohne daß aber abgeht, was abgehen muß … – irgendwann dann ein Schmerz quer durch den Oberschenkel und der innere Bannruf: “Jetzt nicht auch noch einen Krampf!” — An sich halten, Konzentration, bloß nicht die gute Laune verlieren,
Ich hatte wirklich Glück, nein, war gesegnet, daß ich diese Aktion nicht unter noch anderen Beeinträchtigungen durchführen mußte. Nein, es war – und ist’s gewesen nach wie vor – ein ganz wunderbarer Tag für mich, voller Sonne draußen und drinnen, ohne Übelkeit, komplett schmerzfrei; selbst Appetit hatt’ ich enorm.  So daß ich diesmal alleine deshalb wenig aß, um nicht der Masse, die so dringend hinausmußte, noch weitere Masse beizutun. Davor hatt’ ich, Ligeia, Respekt.

Ah, ich weiß, Du hast Deine Rache genossen und genießt sie, oh Lilli, immer noch weiter. Denn völlig ist das Problem nach wie vor nicht gelöst, meine Darmperistaltik komplett durcheinander. Aber ich werd’s in den Griff kriegen. Wir passierten auch heut’ schon die nächste Oase, hat Dr. Faisal mich beruhigt. “Und was halten Sie von Macrogol?” habe ich ihn eben gefragt und damit einen Hinweis Björn Jagers aufgegriffen, der nach Lektüre meines letzten Tagebuchs das Medikament mir empfahl. Freunden von ihm, die ähnlich gelitten wie ich, habe es sehr geholfen. Wobei ich selbst tatsächlich zu leiden gar nicht das Gefühl habe. Ich kämpfe, das ist was andres. Auch die Aktion auf dem Klo war kein Leid. Leid ist: keinen Sinn mehr zu fühlen.
Und dennoch, stellen Sie sich das Örtchen danach vor, wie es hinterher also aussah, als dann mit quasi einem Rutsch, ohne daß ich noch nachziehen mußte, aus mir das Letzte herauskam, mit einem Rutsch und einem Wahnsinns-Platsch!. Was das war, weiß ich noch jetzt nicht zu sagen. “Stuhl” kann niemand es nennen. Ganz gewiß nicht humanoider Herkunft, ist es tiefschwarz, teerig und so kompakt, daß sogar, als ich alles hinwegspülen wollte – um nämlich den Slapstick komplett zu machen, der natürlich obendrein stank (“natürlich” ist natürlich nicht das richtige Wort) –, die Toilette-selbst verstopfte, also das Rohr unter der Schüssel, und zwar so sehr, daß ich mich mit Hand und halbem Unterarm hineinstoßen mußte, um irgendwie zu lösen, was Zement zu werden bereits im Prozeß war. Bevor es ihn abschließen konnte und das gesamte Klo hätte entsorgt werden müssen, indem man es erstmal in tausend porzellanene Stücke zerschlüge. (In der Architektur nennt man sowas einen Rückbau.)
Das Zeug ging ohne weiteres nicht einmal von den Gummihandschuhn ab, wie als fräße es sich in sie hinein – und in der Tat, beim Versuch, sie wieder sauberzubekommen, zerfiel ihr Gummi und löste sich auf. Nein, ich übertreibe nicht. So werd ich mir gleich nachher, wenn wir diese nächste Oase denn erreichen, am besten einen ganzen Vorrat besorgen. Schaden kann es eh nicht. Wenn aus der Nefud in Berlin wieder zurück, habe ich im Zweifelsfall ein Vorrätchen für meine Mme LaPutz; dann wäre alles bestens gelaufen, so ziemlich jedenfalls.
Und erneut: splitternackt, klar, unter die Dusche, danach das Klo saubergeputzt, alles, Boden, teils sogar die Wände, dann abermals unter die Dusche. Der stolze, stolze Alban Herbst.

Je nun, und nun, Ligeia? Da ich nun dies erzählt, habe ich an ihm verloren, dem Stolz? Vergiß es! Es war nicht mehr als eine zugegebenermaßen etwas lästige, auch mühsame Prozedur, die ihre – mit Abstand betrachtet (und vorausgesetzt, wir schauen sie im gegenwärtigen Kino an, das Sensationen des Geruches noch so wenig wie das Fernsehen kennt) – durchaus Komik hat. Nein, nicht wegen “mitten in der Wüste” oder des Bades (bzw. des in der Nefud höchst rostigen, nahezu frei ragenden Wasserrohres an einem noch viel zerfresseneren Gestänge) gleich nebenan, sondern “einfach” an sich, was überdies für weniger sportliche, vor allem auch körperumfangreichere Menschen als mich in der Tat Tortur gewesen wäre, für mich aber nur ein kleines athletisches Zwischentraining war, das mir seit Corona ja sowieso fehlt und nunmehr auch verboten ist, im Sportstudio jedenfalls. Eine Covid-19-Infektion wär grade jetzt nicht produktiv. Aber sage, Lilly, mir, daran hast Du  noch gar nicht gedacht? Oder doch – und fürchtest Dich selbst vor dem dann zu schnellen Ende? – Schon deshalb: Nein, der Haß aus Deinem letzten Brief hat mich nicht mal berührt. Ich sage Dir, was ich schon vielfach, andren nämlich, schrieb und sagte: Ihr könnt mich töten, aber nicht beugen.  Und wenn Ihr mich vor Schwierigkeiten stellt, selbst vor die der psychischen Vergeblichkeit, so wird es meine Kräfte rufen statt sie schwächen, und dies, bis ich dann wirklich, eines Tages, sterbe.
Momentan, nach dieser Unterleibsaktion liegt mir dies ferner als je. Ich war immer auf der Seite meiner Organe, auch denen anderer Menschen, so ich sie denn liebte, habe unsere Organik immer besungen, das wirst auch Du nicht ändern können, geschweige mich zurücknehmen lassen. Das Wunder der Chemie bleibt größer als das irgendeines GOttes noch durch den Krebs, durch Dich, hindurch, die Krebsin Λίγκλια καρκίνος. Und da, zwischen Kloverschlag und rost’ger Außendusche, zeigte sie halt a bisserl Humor: auch sie, Chemie, bewegt sich geschmacklich nicht immer auf höchstem Niveau. Mehr, o schöne Sirene, ist nicht gewesen. Ich meine, wenn das schon alles ist an schlimmen Nebenwirkungen meines Nefudhindurchkarawanens, dann kann ich wirklich zuversichtlich sein, und Dich — Dich darf ich, Lililein, mal einfach ein bißchen auslachen heut.

Und dann, schöne Sídhe, als heute dieses Briefes Abschluß: Seit Cagliostros THC habe ich keine Tablette mehr nehmen müssen, einfach durchgeschlafen, ohne Schmerzen, wohlstgemut erwacht. Da meinst Du in der Tat, mich erpressen zu können oder auch nur in Harnisch zu bringen? Besser wäre doch – für uns beide, Lilifee –, Du nähmest wieder die Circegestalt an, in der ich Dich erstmalig sah, in der Du zu mir erstmals sprachst und schliefest paar Jahre später genauso mit mir, besser, ja, besser, Du wandeltest Dich jetzt in einfach sie zurück und wir legten uns aneinander — ob oben Du, ob oben ich, das würden wir schon sehen. Wir hörten eh erst einmal zu, uns selbst zu und der Musik, die ich für jetzt uns ausgewählt hab:

Beethoven,  Rasumowski II op.59.2

Dir gut, ob Du es willst oder nicht:
A.

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