Auf dem Säulendach der Weisheit: aus der Nefud, Phase II (4 – Tag 5). Sonnabend, den 6. Juni 2020.

 

[Seven Pillars (سبع ركائز),  Paß,
6.12 Uhr | 71.6 kg]

 

Here WIsdom built HEr house, here SHe struck
seven pillars of contemplation from the desert
ground up to the firmament of the world’s sea.
Now see your own face through the fall of the
geysers.

Ungefähr auf Deutsch: “Hier baute die Weisheit ihr Haus, hier schlug sie sieben Säulen des Besinnens vom wüsten Grund zum Firmament des Weltenmeers hinauf. Nun sehet Euer Selbstgesicht durchs Stürzen der Geysire.” — Weder war aber zu erkennen, woher nun ausgerechnet hier → Geysire und dann auch noch fallen! – oder gar stürzen? wohl so?? (ein fast spontane Vision war das schon, daß sie nach Dalí aussieht, ein bißchen, na nu jà … bin halt bekifft nicht sehr geübt):

— sollten und ja überhaupt könnten, noch ließ sich selbstverständlich ein (oder das) “Weltenmeer” sehen, das aber wohl eine arabische, bloß etwas ungeschickt ins Englische gebrachte poetische Mataphorisierung des Himmels sein dürfte. Nur daß Faisal die beiden Sätze eben nicht, quasi , editierend, auf Arabisch vor sich hinsprach, sowie wir aufs Dach der Weisheit klommen, sondern tatsächlich in der Sprache des britische Kolonialismus: Faisals, ich schreibe einmal, Mandala war nicht introvertiert gemeint, sondern direkt auf  mich gemünzt, wozu schon die unversteckt jüdisch-christliche Herkunft des Motives selbst diente, nur daß ich immer noch nicht ganz wieder bei mir war, weiterhin “wie” bekifft war … es wurde sogar derart, nun  jà, schlimm, daß ich ich überhaupt nicht mehr weiß, wie wir die monumentale Felsformation hinaufsteigen konnten, nicht nur wir paar Expeditionskumpane, nein, auch die Kamele voll der Lasten. Ich habe an diesen Aufstieg tatsächlich keine Erinnerung mehr, nahezu keine. Doch es muß heiß gewesen sein, ich entsinne mich zweidreier schwerer Schwächeanfälle, die mich die Augen schließen und wirklich hinwegschlafen ließen; da ward der Rücken Röhrerichs zum Bettchen eines Säuglings, das mich in Ruhe wippte. O Dromerih, oh Krippedar … wohin falle ich zurück?
“Doch”, erzählte Faisal, nachdem Lars und er mich aus dem Sattel losgemacht hatten, während die Helfer zwei Teppichlagen übereinander ausbreiteten, auf das mich der Arzt und sein, weiß ich unterdessen, Schüler nicht “Diener”!) dann herunterhoben und legten, “doch”, erzählte er, “die Geysire kann jeder sehen, aber hindurchzusehen vermögen nur die auf der Schwelle. Denn sie alleine dringen zu ihren Verstrickungen durch. Wir, die wir sie begleiten, müssen deshalb acht auf sie haben — damit sie wieder zurückkommen.” Er lächelte. “Damit Sie wieder zurückkommen. Dafür müssen wir das Wadi bis morgen abend völlig durchquert haben und es wieder verlassen.”
Obwohl ich von all dem kein Achtel verstand, allenfalls acht Neuntel, war ich viel zu hinweggetreten, um Fragen stellen zu können. Immer noch tanzten die Strahlungen der Nefud Wiener Walzer in Tetrahydrocannabinol und wirbelten mich, auch wenn ich schon lag, an meinen Händen wild herum; also Fahrrad sollte ich jetzt wirklich nicht fahren, und als ich später zu PENNY ging, merkte ich, daß selbst meine Füße die Spur nicht hielten … dafür allerdings keinerlei Schmerzen, wenn auch allerdings das Gefühl baldiger Luftnot (es blieb ein Gefühl, meiner Muse sei Dank) und eine gewisse Scheu vor dem Abendspaziergang, der allerdings im zweiten Höllenkreis der Nefud eh nicht sehr geraten war, jedenfalls nicht heute. Wie Sie lesen, Geliebte, gehört es offenbar zur zweiten Phase meiner Chemo, daß ich die Welten nicht mehr klar trennen kann, sozusagen ergießt sich aus der Nefud einiger Sand auf die Stargarder Straße. Er ist in Höhe Schönhauser Allee bereits zu einer solchen Düne aufgeweht, daß von der Gethsemanekirche aus die elegante, in Moosgrün hochgeführte Eisenbrücke der UBahn fast nicht mehr zu sehen ist. Auch das hat Dalí schnell in mich eingezeichnet – zu schnell allerdings, um auch das hier wiedergeben zu können. So überlaß ich’s Ihrer Fantasy, wirklich Phantasie ist da gar nicht nötig, nicht mal Fantasie. Wobei das wirklich Schwierige, so Faisal auf den Weisheitsfelsen weiter, nicht hindurchzusehen, nicht einmal hindurchzuschreiten, sondern eben zurückzuschreiten sein. Es hätte mich, wäre ich wenige psychedelisiert gewesen, sicherlich stutzig gemacht, daß er obendrein von einem <i>Vorspiel im Venusberg</i> sprach, ja einer ersten “Exerzitie der Hedonie”, zu der sich die Verstrickungen dort komprimierten, die all unser libibdinöses Leben bestimmt; ich selbst, jetzt, mit Abstand und am Berliner Schreibtisch, spräche wohl eher von “Mustern”; aber ich liege ja auf den Teppichen unter dem Weltenmeer und schaue nach Geysiren. Die wir aber erst gegen Abend sehen werden, wenn wir sie sehen werden. Noch ist alles nur Rede. Doch Faisal sagt, er spüre es: “Es wartet das Wadi auf Sie.”

Deshalb, während ich, von den Freunden bewacht, die Wüstensiesta halte, wonach wir dann weiterreiten werden, nur noch eine Bemerkung zur Nacht: Zur Nacht kamen leichte Brustschmerzen zurück, die sich als eine Art Luftenge äußern und die ich mit Pantopranzol schnell in den Griff bekam, das die Magensäure hemmt. Es sind spannende Zusammenhänge. Dazu dann wegen der Schleimhäute 1 Dexamethason, und auch das gelieferte Gurgelwasser wirkt bestens. So daß mich diesmal die drei Tropfen THC-Öls völlig erstaunlich durchschlafen ließen, sechseinhalb Stunden mit nur einer Unterbrechung um Viertel vor zwei. Und gänzlich ohne Beschwerden wachte ich an diesem fünften Tag der zweiten Chemo in Berlin, in der Nefud indes des zweiten Höllenkreises auf; sowohl hier wie dort war nur die Verdauung dann doch noch einmal mit etwas, sagen wir, Nachdruck, zu regeln, wenn auch, in der Wüste, ohne Viper heute, eine solche wiederum auf dem kleinen Dunckerörtchen weder angemessenen Unterschlupf fände noch vor allem Mäuse, Ratten, kleine Vögel und Echsen und wovon sich diese Giftschlangen sonst noch ernähren. Ich selbst wär ja zu groß, um von dem Tier verschlungen werden zu können, und dort schon gar:

Oh — …

… — träumt mir? Bereits wieder aufsitzen? Vielleicht, sollten wir über dem Wadi die Stürzenden Geysire heute noch zu sehen bekommen,

vielleicht daß ich dann versuchen werde, hier drunter auch davon ein Bild, nun also keines “von Dalí”, sondern ein “richtiges” einzustellen, ein realistisch komplett wahres — ansonsten indes, liebste Freundin, hol ich es morgen nach.

Ihr

 

 

[1o.30 Uhr
Scharfes heißes Winden,
drei in der Ferne treibende Sandhosen]

*******

[18.21 Uhr: Wadi
der Verstrickungen]

Unfaßbar! Es stimmt, es stimmt!

وادي التشابك

(Tatsächlich, stürzende Geysire … und kann es sein, daß selbst Lis Augen ..? Ich werde träumen, fruchtfleischsüß und bitter.)

Krebstagebuch, Tag 20. Dienstag, den 19. Mai 2020: Chemo I (Phase 1)

[Arbeitswohnung, 5.18 Uhr
→ Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 5 B-Du
Erster Latte macchiato]

Die erste Pforte – eine Enge eher von hohem, massivem Fels, die in meine persönlich Nefud führt, wie ich die heute beginnene Chemotherapie mit Lawrence nennen will – … diese nichtPforte also unterscheidet sich insofern von jener, die uns Dante hintertrug, als sie weder eine durch den Herabsturz Luzifers entstandene kreiselförmige Einsenkung des Erdinneren ist, noch gar gibt es sie anders denn daß sie alleine gefühlt wäre. Und ohne deren oberen Abschluß kann sich auch die berühmte Aufschrift nicht tragen:

LASCIATE OGNI SPERENZA, VOI CH’ENTRATE!

Wir sollen die Hoffnung hier ja bekommen, müssen halt nur → durch die Nefud hindurch. Wozu es, um die Kraft aufzubringen, des ganz anderen Ausrufs bedarf:

VOI CH’ENTRATE, COGLIETE OGNI SPERANZA!

Nur ist hier nicht leicht Luft zu holen, die überdies so heiß ist, daß sie in den Lungen brennt; man bekommt sie kaum durch die Luftröhre wieder hinaus, geschweige zu einem Ball von genügender Lautkraft geballt. So ging es jedenfalls mir, → gestern, im Vorbereitunsgespräch zu dem, was nachher – → nach FLOT – gleich beginnen wird,
Vier heftige Medikamente mit durchweg unguten, möglicherweise extremen Nebenwirkungen; dazu Nebenmedikamente, die sie ab- und auffangen sollen. Vier je zweiwöchige Zyklen, zu je deren Beginn die Stoffe dem Körper in einer ungefähr vierstündigen Liegung zugeführt werden, und jeweils einen Tag trägt man eine kleine mit dem implantierten Bioport verbundene Pumpe am Gürtel, die dem Körper den Wirkstoff nach Art eines Tropfs zuführt, langsam also, sanft, ohne zu reizen. Jedenfalls verspricht man es sich so.
Mit Abschluß der vier Zyklen oder Phasen, nach acht Wochen mithin, sei der Patient (im Dschungelfalle ich) in aller Regel für die Operation bereit. Die Erfahrungen mit FLOT seien ausgesprochen gut; er, mein Onkologe, habe schon erlebt, daß der Chirurg gar keinen Tumor mehr gefunden habe, als er nach den acht Wochen habe operieren wollen. Mein Krebs sei heilbar, davon sei er, mein Onkologe, überzeugt. Durch die Wüste müsse ich nun aber. Ich wisse doch, daß Aqaba … wie??, von der Seeseite aus? ––– absolut unmöglich! Nein nein, es geht nur durch die Wüste. Wobei … nun jà, ss stimme schon, daß den Leuten bisweilen die Fingernägel ausfielen auf diesem langen Marsch, oft sogar am ersten Tag schon. Deshalb bekomme man gleich zur ersten Behandlung spezielle Handschuhe übergezogen, die so etwas verhinderten. Bei den Füßen sei es ja nicht schlimm.
Das verschlug mir den Atem.
Die Füße? Meine Füße??? Füße gehören ins → Zentrum meiner erotischen Lust, seit je, je, je, je her! Nirgends bin ich derart empfänglich, derart sinnlich zu erregen. “Also hören Sie mal!”
Mein Horror war ihm fremd. Ebenso wie, daß mir Haarausfall, Schleimhautentzündungen, Darmprobleme sehr viel weniger bedrohlich vorkamen, also -kommen. Sie greifen nicht mein Selbstbild, nicht meinen Stolz, nicht meine Ästhetik an. Aber häßliche Füße? Ganz, ganz furchtbar. Ein Grund, sich für alle Zeiten wegzuschließen.
Aber weiter: In höchst seltenen Fällen komme es auch zu Herzinfarktenm jedenfalls etwas ihnen sehr ähnlichem: bei entsprechenden Anzeichen sofort Alarm schlagen. “Kommt aber wirklich nur bei einem von zehntausend vor.” Beunruhigtr mich auch nicht, nicht wirklich. Nur das mir den Finger-, vor allem mit den Fußnägeln. Aber, dachte ich dann, sind nicht dem Messemer auf seinem Everest die Zehen gar ganz abgefroren?

Es sind diese, ja, Bilder, woran ich mich nun orientiere. Was mein Selbstbewußtsein stolz hält. Und eine enorme Neugier, von der ich nicht recht weiß, ob sie die meine oder von jemandem anderes inszeniert ist, einer andere, die wir namentlich nun kennen, zumal sie gestern von Frau von Stieglitz → in einen nochmal anderen Zusammenhang gestellt wurde, über den ich mich morgen äußern will; heute werde ich es vermutlich nicht mehr schaffen. Man sei, hieß es gestern in der Beratung, nach der Sitzung, nun jà, “Liegung” schon deshalb sehr erschöpft, weil anfangs ein starkes Antihistaminicum gespritzt werde, das zu enormer Müdigkeit führe. Deshalb muß ich heute mittag auch abgeholt werden; “einfach so” lasse man mich in dem Zustand nicht auf die Straße. Am besten sei ein Krankentransport. Was ich entschieden verweigerte. Ich lasse mich vor die Arbeitswohnung mit sowas nicht bringen, auf gar keinen Fall.
Also herumtelefoniert. Nun holt Ricarda Junge mich ab, die nahe mir vertraute Kollegenfreundin.

Ich habe noch gar nicht vom Kribbeln geschrieben, einem in Finger- und Zehenspitzen. Eine Nervenschädigung. Dazu aber später noch vielleicht. Ich möchte diesen Eintrag in Der Dschungel stehen haben, bevor ich aufbrechen werde.

[Schostakovitsch, Sreichquartett c-moll op. 110]

***

[Onkologie 9 – 13 Uhr, ambulant]

Phase I (von IV): Infusionstag

*** 

 

 

 

 

 

 

______________________

[Arbeitswohnung, 16.34 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 13 b-moll]

Gut und wohlgelaunt zurück. Der Bericht folgt dennoch erst morgen. Denn erst einmal mußte oder wollte ich meine Siesta halten, dann war anderes Einiges zu tun, und ich möchte nicht hetzen. Allerdings auch morgen wieder Arzttermine, erst bei meiner Hausärztin, dann erneut dem Onkologen, weil ich ihm die Pumpe zurückbringen muß, von der, was sie ist, ich Ihnen, Freundin, ebenfalls erst morgen erzählen werde (während ich dieses schreibe, tröpfelt’s sanft in mich weiter noch hinein). Dennoch ist der Zeitlauf morgen relativ ruhig, bei der Hausärztin muß ich erst um 11.30 Uhr sein, eine halbe Stunde später allerdings ziemlich flugs aufs Rad.
Das in Deutschland in der 5-mg-Dosierung nicht mehr erhältliche und deshalb in den USA bestellte Melatonin ist angekommen. Da bin ich jetzt aber, heut für die Nacht, sehr gespannt.

%d Bloggern gefällt das: