Das Weihnachtsproblem: Briefe nach Triest, 49. Wiederaufnahme, Überarbeitung 8 (fünfter Durchgang).

 

[Es gab ein Problem, das ich absurderweise selbst nach drei Durchgängen noch nicht bemerkte, nämlich eines der Datierung. Wenn nämlich sowohl Lars (der Verlassene) als auch der von ihm beauftragte Briefschreiben Kinder haben, kann über das Weihnachtsfest nicht hinwegerzählt werden, als wären beide nicht jeweils familiär gebunden. Genau das habe ich aber in der ersten, in – siehe Link – Der Dschungel eingestellten Version getan und, konzentriert auf nur die Erzählung-selbst, in den drei Durchgängen übersehen. Erst im vierten Duchgang, als ich also die ausgedruckten Seiten durchging, fiel es mir auf, und, weil so weit hinten, erst in Wien. Da konnte nun, was jetzt für den 24. Dezember sowie die folgenden Tage gechrieben war, so nicht bleiben. Ich brauchte einen neuen Übergang, der möglichst auch schon Spuren in die noch zu schreibenden Briefe hineinlegt — wie mir überhaupt nun erst, in intensiven Gesprächen mit meinem Arco-Verleger Christoph Haacker, klar wurde, welche Wendung der Roman fast notwendiger Weise nehmen wird. Dazu schreibe ich hier aber nichts, jedenfalls noch nicht, sondern stelle “einfach” den neuen Übergang ein:]

 

[Anfang des sechsundzwanzigsten Briefs]

Es war Stille, schöne Frau,

1. Januar, donnerstagmorgens 6.15 Uhr
Nach erster Wilder Jagd

seit fast genau zehn Tagen – etwas, das aber nicht an Dir, Sídhe, lag, sondern an den Feierlichkeiten. Sie mögen getrennt sein, Sarah und Lars, doch gegen alle Unbill ha­ben sie selbst in zerstrittensten Zeiten daran gehangen, Larssohn ein Zuhause zu wahren, das eines auch ist. Mein, also Lars’ens, letzter Brief datiert vom 22., ab dem 23. war das Fest vorzubereiten, da ist für anderes nicht Zeit. Und auch ich selbst war durchaus verhindert, Judiths und der Zwillingskinder wegen, die von ihren Elten noch weitergehend abhängig sind, als es der schwer – aber klug – pubertierende Lars­son ist. Ich also auch hatte mich um meine Familie zu kümmern, Du, so weit weg, fielst, verzeih, in den Hintergrund weg. Vielleicht wäre es anders gewesen, hättest Du nur ein einziges Mal reagiert – wobei ich unterdessen denke, daß Du ganz froh drü­ber bist. Hat Dir die Pause die Hoffnung gemacht, es fände mit Lars’ Briefen nun endlich, endlich ein Ende? Doch schau einmal: Wie wundervoll auch immer ein ge­meinsam verbrachtes familiäres Weihnachtsfest auch sein kann, so wenig hält es, ist es vorüber, den Entwicklungen stand, die sich seit den Trennungen – einerseits Lars’ens von Sarah, andererseits Judiths von mir – geradezu notwendigerweise erge­ben haben. Was sich gefirmt hat, wiedergefirmt, ist die Verläßlichkeit für unsre Kin­der – ein Thema, das Dir, Lars weiß es ebenso sicher wie unterdessen auch ich, furchtbar nahgeht, weil als eben ausgeschlossen, ja irreversibel isoliert. Das reicht, eine Übergriffigkeit, selbst in Deine Physiologie. Was er, Lars, verhindern, wogegen er angehen wollte, wenn auch, er weiß es selbst, absolut nicht uneigennützig. Viel­mehr wären zwei Eigennütze zusammengekommen, die etwas gerufen hätten, das nichts mehr wäre gewesen als Nutz, nämlich des Lebens an sich, des Fortlebens nun­mehr. – Das wird sich nun nicht mehr ergeben, auch wenn Lars im stillen immer noch hofft. Glaub mir, ich bin klarer als er, wenigstens in diesem Belang. Nur kann ich nicht so schöne Kunst daraus machen. Texte, Du weißt es, fallen gegen Töne hilf­los ab. Sie sind immer Erklärung, auch wenn sie’s meiden; ein Klang indes ist er selbst.
Aber wirklich, auch ich habe ein paar Stunden lang, vielleicht einige Tage, in denen Lars schwieg, weniger zwar geglaubt als gefürchtet, er stelle seine Berichte fortan ein, die Whatsapp- und Facetime-Gespräche, die Mails und vor allem die mir lästi­gen, weil oft unangemessen frühen Anrufe, was für mich tatsächlich einen kurzen, wehenden Anflug von Freiheit bedeutete, nämlich endlich wieder alleine ich zu sein und nicht dauernd in gleichsam Stellvertretung sprechen zu müssen. Zumal ich mich zunehmend mehr insofern mit Lars identifiziere, als ich seine Gefühle zu Dir allmäh­lich wirklich zu teilen und es deshalb als schmerzhaft zu empfinden beginne, wenn Du weiter schweigst und schweigst. Denn sieh, bin es denn jetzt nicht ich, der Dich de facto … ja, ich muß sagen, stalket? In welche Rolle hat Lars mich gebracht! Er selber, abgesehen von seiner schweren Sehnsucht, die ich ihm nach wie vor glaube, ist fein raus. Aber darüber dachte ich nur nebenbei nach, weil zum einen die ersten Rauhnächte bekanntlich ruhig sind und ich zum zweiten auch direkt nach Weihnach­ten jedesmal gebunden bin, des Geburtstags meiner Zwillingskinder wegen. Ich den­ke mir, Lars hat da nicht stören wollen und vielleicht ja tatsächlich Abstand genom­men. Doch dann der Silverster … – nicht, daß er dieses Jahr besonders laut gewesen wäre, Feuerwerk und Böller wirkten eher verhalten, wenn ich den Krawall, von dem ja auch kaum mehr wer weiß, weshalb er veranstaltet wird, mit dem der vorhergegan­genen Jahre vergleiche. Nur lag eben hierin eine auch von mir arg unterschätzte Ge­fahr. Denn nun war Deine Reiterei zu vernehmen, zu der Dein Volk mit doch gehört, die sonst der Lärm überschallt, und in all dem Blitzen und den Feuerblüten sind die Deinen, doch ohnedies Schemen, fast prinzipiell nicht zu sehen. Indessen nun mach­ten sie sich bemerkbar, jagten durch jeden Tür- und Fensterspalt selbst in die Woh­nungen hinein. Vielleicht nicht Ihr alle, offenbar aber Du und die Lydierin auch; mag sein, sogar die Sharon-Sídhe – nur, daß ich diese auch ohne des Volksglaubens Spu­kereien über Weihnachten aus den Augen verlor. Jedenfalls rief Lars vorhin wieder an, ausgesprochen aufgeregt. Er habe Dich im Fernseher gesehen – im Fernseher, ich bitte Dich! –, in einer italienische Capodanno-Sendung, da habest Du ihm durch die Kamera und also den Bildschirm direkt in die Augen geblickt „… als hätt sie mich erkannt!‟

(…)

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[Bild (→ Wikipedia): Franz von Stuck Die wilde Jagd
Musee d’Orsay Paris 1899
Noten: Franz Liszt Wilde Jagd
(→ Étude d’exécution transcendante No 8
1851/52)

 

Wien 2: “Ein alter Mann geworden zu sein”: ungut ein ‘Encounter’. Im Wiener Arbeitsjournal zum 22. und 23., geschrieben am Sonntag, den 24. Juli 2022. Darinnen zudem der Abschluß des Lektorates der Verwirrung des Gemüths, ein Podcast zu literarischen Helden, hier zu einem dunklen, sowie der Arbeit im Sommer an sich.

[Im Verlag, Gästezimmer
7.12 Uhr]

Pünktlich auf um sechs. Zur ersten Pfeife, wie überhaupt um zu rauchen, immer in den Hausflur, da mein Verleger empfindlich. Also den Kaffee bereitet, eine Pfeife schon mal gestopft und mit ihr sowie Aschenbecher, Feuerzeug, dem Laptop für die morgendliche Presselektüre an eines der hohen Fenster im Gang, es geöffnet, den Tabak entzündet, den Laptop aufgeklappt und so den Tag schon mal fortgesetzt, auch die Arbeit von gestern gesichtet, ich übertrug die (vielen) Korrekturen des vierten Durchgangs, dem auf dem Papier, der Triestbriefe bis nachts um eins. Immer wieder dem Freund auch vorgelesen, dabei ständig neue Ideen und aber auch Lösungen für Probleme gefunden, die dieser Roman für mich noch bereithält. Es wird nun, bevor ich mich werde an die letzten sieben Briefe setzen können, die ihn abschließen werden, noch einen fünften Korrekturgang geben müssen. Aber mir ist sehr klar geworden, wie der Anschluß der neuen Briefe an die “alten” aussehen wird – und fast auch schon das Ende des Romans. — Nachdem die halbe Pfeife geraucht, den Ort gewechselt, nämlich an den kleinen Arbeitsplatz zurück, den ich in meinem Gästezimmer habe, einen sehr angenehmen, an dem halt nur nicht geraucht werden darf.

Der nicht nur angenehme, sondern himmlische – und nicht nur, weil ich unter dem weiten Himmel dort rauchen konnte – breitete sich in Bad Fischau aus. Und tatsächlich, Elvira M. Gross und ich haben das Lektorat zuende bekommen, also der “Verwirrung des Gemüths”, deren satzfertiges Typoskript nunmehr pünktlich im Verlag liegen wird. Die Abgabe des lektorierten Textes nimmt stets meine Lektorin vor, damit es mit den vielen Fassungen nicht zu unnötigen Verwechslungen kommt. In dieser Hinsicht, wurde es anders gehalten, sind schon mehrmals unnötige Irrnisse entstanden; seit wir es so tun, nicht mehr.
Die Arbeit selbst war sehr gelöst, wir haben zudem viel gelacht. Elvira versteht oft den Witz, der weniger Schnellen erklärt werden muß. Ihrerseits sie kommt immer wieder auf hinreißende Ideen, wenn mal was stockt, und manches, das ich noch vorsichtig formuliert habe, spitzt sie gewaltig zu; dann kann eine ironische Abfälligkeit plötzlich schon ziemlich scharf sein und aus “Blödmänner, blöde Frauen” wird “Blödfrauen, blöde Männer”. Oder es wurde bei mir viel gestarrt, angestarrt usw., was sich oft auch mit “erstarren” mischte, was ihr nach einiger Zeit ziemlich auf den Keks ging – also gegangen war, als sie es las. Nun waren dauernd Alternativen zu finden, oder es hieß einfach streichen, streichen, streichen. Manchmal müssen dann, aus rhythmischen Gründen, die Satzteilstellungen geändert werden, oder es ist insgesamt umzuformulieren.
Und so lief es denn, anderthalb Stunden Arbeit, eine Stunde schwimmen (bei ihr ein zügiges, nicht unterbrochenes Durchkraulen; ihre Eleganz dabei ist berauschend), die nächsten anderthalb Stunden arbeiten, dann abermals schwimmen – und so bis kurz vor sechs Uhr abends, weil der 18.18er Zug genommen werden will, der uns bis kurz vor halb acht zurück nach Wien bringt.

Gestern sah ich sie nicht, mal sehen, ob sie sich heute meldet. Allerdings liegt hier Arbeit genug an – allein, meine Korrekturen, Ergänzungen, Änderungen usf. in die Triestbriefdatei zu übertragen, dürfte nicht unter acht Stunden zu schaffen sein. Bevor ich mit dem dann halt fünften Durchgang beginne. Wichtig ist nämlich, ein ganz bestimmtes Übergangsmotiv, das mir seit vorgestern klar ist, für dessen Einbau ich aber gestern erst die zündende Idee fand, schon ganz an den Anfang zu stellen, etwa auf S. 2 — und erst auf Seite 302 wieder aufzunehmen – eine, also, s e h r weite Klammer. (Die hier abgebildete Seite enthält das Motiv also “wieder noch nicht” .)

***

Bevor ich aber nun zur Erzählung dieses in der Überschrift angekündigten  “Encounter”s komme, etwas noch Erfreuliches, nämlich → Gutenbergs Welt von gestern, in Manuela Reicharts Redaktion und Moderation. Mit meinem kleinen Text zum vampirischen Helden:

Schön dabei auch, daß, und vor allem “wie”, Manuela im Nachsatz über die → Béarts spricht, für die so etwas wie der folgende “Encounter” ebenfalls zu befürchten wäre gewesen, hätte nicht Carsten Otte dem → den Riegel vorgeschoben, und nunmehr Reichart auch: “… und diese Anrufung von Lust und Liebe ist eigentlich immer eine Heldentat.”

***

Doch nun zum alten Mann:

Wie immer mittwochs gab es im → 777 ein Essen – einen ganz wunderbaren Sugo aus frischen, nicht verkochten Paradeisern zu, tatsächlich (bei Dieter Würch selbstverständlich) al dente, Spaghetti als Vorgang, danach beinah noch transparent gebackene Forellenfilets auf Mischgemüse. Danach saßen wir Wein trinkend auf der Domgasse, die ich immer “mein Wiener Neapel” nenne und so auch empfinde. Das kleine, höchst lebhafte Hündchen einer Hausbewohnerin, nennen wir sie Lady Amanda, tollte mit einem Quietscheball herum und wollte ihn ständig apportieren müssen, so daß er ums Werfen bettelte (“klein” und “chen” ist hier völlig korrekt, sprachlich muß man das Tierle zwiefach diminuieren, damit Sie die korrekte Vorstellung haben) … — wie auch immer, die anderen waren irgendwie kurz drinnen, und ich saß allein — als sich die Haustür öffnete und eine sportliche junge Dame heraustrat, was das von mir danach “Bluthund” benannte Tierlein mit einer kläffenden Attacke auf sie quittierte. Die junge Dame schrie auf, ich sprang herbei, aber ungeschickt, weil ich so lachen mußte, was ich mir indes schnell verkniff, um diese aus dem quasi Nichts aufgetauchte tatsächliche Schönheit wieder zu beruhigen. Jedenfalls: “Setzen Sie sich zu uns, ich bring Ihnen schnell einen Wein.” Und bald war sie von uns Männern eher gerahmt als umgeben; mein Verleger, in flirtenden Belangen stets auf dem Quivive, hatte sofort einen Stuhl gebracht, damit diese Fee auch sitzen bliebe. Was sie tat, bis spät in der Nacht. Wir trennten uns mit einer losen Verabredung für den Freitag eben hier — was, wie ich erst tagsdrauf kapierte, ein reichlicher Unfug war; denn Freitag abends hat die Buchhandlung, na logo, geschlossen.
Auch hier war mein Verleger pfiffig. Es traf sich, daß Paul-Henri Campbell seit neuestem in Wien lebt; wir hatten uns verabredet, er und ich, ohne schon etwas fest auszumachen. So daß Haacker, dem ich — weil ich doch in Bad Fischau fest im Lektorat mich sonnte und Elviras sprachelegantes Beimirsein genoß — die Angelegenheit sozusagen übertrug; und da er von der Verabredung mit der, denn das ist sie, Jordanerin wußte, verstand es nun so einzurichten, daß das Treffen mit Campbell und seiner Gefährtin eben im 777 stattfinden würde, also die meiste Zeit draußen auf der Gasse; er selbst wollte – und tat es auch – eine Suppe zubereiten, die wir, er und ich nach meiner Rückkehr aus Bad Fischau hinübertragen würden. Es ist vom Verlag zum Dom nicht sehr weit (und auch das schon eine Übertreibung). — Ja, da waren wir aber gespannt, ob die Jordanerin käme. Und da wippte sie schon herbei, sah mich, gab ihren Schritten Tempo, fiel mir quasi um den Hals, rief “bis nachher” und verschwand für ihr Training im Haus (sie hängt dazu in Seilen). Campbell, aufs erfreuteste irritiert, zu mir: “Was war denn das?” Ich, leise: “Herbst und die Frauen”. Da wurde aber schon zum Essen gerufen. Alle also hinein an den Tisch.
Mit dabei die schon genannte Amandamadame, die seit runden zehn Jahren in Wien lebt, aber kaum ein Wort Deutsch spricht. Dabei ist sie sonst ausgesprochen polyglott, Italienisch, Spanisch, Englisch, Hebräisch sogar; durchaus nicht dumm, im Gegenteil, nur etwas laut. Jedenfalls gab es nun ein Vorspiel zu dem, was dann peinlicherweise kommen sollte – ich trage nach wie vor eine Art Schock davon. “Das Deutsche”, fing sie tumb zu dozieren an, “eignet sich als Sprache nur für sehr junge Wissenschaftler und ein bißchen für Philosophie, in keinem Fall aber für die Dichtung.” Dieses alles auf stark akzentetem Englisch. – Mir blieb ein Stücken der spannenderweise nach weißem Spargel schmeckenden Zucchini unterm Gaumen kleben, somit das Erlebnis vorbei. Das sei doch kompletter Unfug, erwiderte ich, worauf sie einen, nur einen Vers eines, nun jà, ganz netten Keithgedichtes vortrug, der als Beweis dienen solle. Ich konterte mit Duino, einem Orpheussonett und Goethes Harzreise im Winter. Da diese Gedichte auf Deutsch sind, das diese Frau, wie gesagt, nicht versteht, konnte sie meine Rezitation nicht einmal als einen Gegenbeleg akzeptieren, sondern versteifte sich nur noch mehr in ihrer Bizarrerie, wurde noch lauter, vor allem sehr aggressiv, so daß ich einfach gar nichts mehr sagte, sondern aufstand, um draußen eine Pfeife zu rauchen.
Nach und nach kamen die andern hinzu, wieder wurde der Wein gereicht, die Madamanda nahm quasi zu Füßen des Buchhändlers Platz, das Bluthundchen ließ sich den Quietscheball werfen, die Haustür ging auf. Und die Jordanierin re-erschien. umarmte mich kurz, nahm neben mir Platz mit Blicken der lustvollsten Willkür. Es war ein herrlicher Mutwill. Wir begannen zu plaudern; sie sei in der und der Tanzgruppe gewesen, professionell, großes Theater dort und dort, leider dann ein Knöchelbruch, ich stellte Fragen um Fragen, weil ich ja auch nie weiß, was ich irgendwann einmal für eine Erzählung brauchen werde. Kurz ging ich hinein, um neuen Wein zu besorgen. Zurückkehrend gewahrte ich, wie Ladamanda der Jordanierin zuraunte, sie solle sich doch besser um Männer ihrer, der Jordanierin, Generation bemühen, nicht um einen so alten Mann wie mich. Woraufhin die junge Dame ausgesprochen  elegant parierte, die Amandanerin sozusagen abgleiten ließ, die nun aber immer wütender wurde. Was in mehrmaligem Ausrufen, wirklich lautem, mündete, sie müsse in einem fort kotzen, wenn sie uns sehe. “Seeing you, I only can vomit!” Da wurde dann auch ich sauer. Ein Wort gab das andere, es peitschte sich auf – vielleicht war die üble Dynamik davon in Gang gebracht, daß diese Frau für mich von nicht dem mindesten Interesse war. Übrigens hatte ich sie auf um die fünfzig geschätzt, was mein Verleger auf um die vierzig herunterkorrigierte. Die Jordanerin ist etwas über dreißig Jahre alt. – Solch ein Altersunterschied sei ekelhaft, einfach nur ekelhaft, ekel-, ekel-, ekelhaft! schimpfte die Keife erneut. Und wieder das Wort, she could only vomit, vomit, vomit. Und obwohl ich nun wirklich nichts anderes vorhatte, das aber sehr genoß, als mit dieser jordanischen Schönheit einfach nur zu plaudern und Blicke zu tauschen, die imaginieren, was doch niemals mehr sein wird — ich weiß doch sehr wohl, was eine durchgestandene Chemo bedeutet, welche irreversibelen Folgen sie hinterläßt, mit denen wir uns dann irgendwie arrangieren müssen, ohne den Stolz zu verlieren —, also obwohl ich nur das Spiel spielen, es wiederspielen wollte, Frau Amanda hatte es restlos zerstört.
Gewiß, all dies wäre aufzufangen gewesen, lebte ich in Wien, doch reise ja übermorgen abend bereits wieder ab. So nützt es denn auch nichts, daß diese Frau sich bei dem Buchhändler und, über den an dessen Mobilnummer gelangt, bei meinem Verleger und über ihn indirekt auch bei mir, per Whatsapp entschuldigt hat. Denn was mir bleibt, ist ein schwerer Zweifel an meiner Selbstwahrnehmung. Im Spiel glaubte ich mich weiterhin; es vergeht selbst in Berlin kein Tag, an dem ich nicht angeflirtet werde – ganz wie ich es mein Leben lang gewohnt war, also ab etwa meinem dreißigsten Lebensjahr; davor war es anders. Jetzt aber habe ich das Gefühl, den “alten Mann” schon im Aussehn zu tragen und mich also, flirte ich mit jungen Frauen, lächerlich zu machen. Wie ich davon wieder wegkommen soll, weiß ich noch nicht, zumal ich zwar gut im Verzeihen, im Vergessen aber schlecht bin und unbegabt im Verdrängen, diesem zumal abgeneigt.
Geatmet hatte ich Frühlingsluft, die in meiner Lunge aber als scharfe Frostklümpchen ankam. Und in ihr immer noch nachklirrt. Es ist ja auch nicht ungefährlich in solchem durch mein Rauchen sowieso schon beanspruchtem Gewebe.

Ihr ANH

Ein Abend Pause von dem Krieg – hier. Das Nichtarbeitsjournal des Freitags, den 25. März 2022. Mit Endre Kukorelly im Collegium Hungaricum, Berlin. Dazu von Hummel der ungeklärte Wein.

[Arbeitswohnung, 6.51 Uhr
Der Amselhahn, in Ferne eine Krähe]

Daß ausgerechnet enge hochgebildete und sensible intellektuelle Freundinnen und Freunde für den Kriegseintritt sind und also den Atomkrieg riskieren wollen, macht mich zunehmend ratlos (“Wir werden dann schon sehen, wie weit Putin geht …”). Dazu hier noch einmal Christopher Daases → ungemein wichtige Einlassung in der FAZ. Im Gegensatz dazu scheinen diese Menschen zu meinen, wer gegen einen Kriegseintritt sei, wolle allein | sich sein oder ihr wohlstandsluxuriöses Befinden nicht stören lassen oder gar, so ja → neulich schon Keuschnig, die Opfer interessierten sie nicht. Es ist schon infam. Was psychodynamisch in diesen Leuten zu wirken scheint, habe ich ebendort gemutmaßt und mag es nicht wiederholen. Nur, daß der – berechtigte – moralische Druck für sie unaushaltbar ist, offenbar, möchte ich noch einmal betonen. Soeben heute früh las ich erneut solch eine Stellungnahme und zitiere sie ohne die – weibliche – Quelle anzugeben; es geht mir nicht darum, Menschen bloßzustellen, ich achte sie weiter; ihre Haltung hier indes finde ich nicht nur falsch, sondern extrem gefährlich:

Sich aber so gegen einen Präsidenten zu stemmen, der vorpreschen mag, damit aber eben auch ein absolutes Bekenntnis für die Kolleginnen und Kollegen der Ukraine ausspricht, dem ich vollkommen beipflichte, ist unerträgliche, ständige Selbstbeschäftigung. (…)
Und sich auf eine Charta des Friedens zu berufen … ist auch schnell sich berufen auf ein Stillhalten und Frieden schaffen unter allen Umständen und das ist dann wieder mit Regimen umgehen, die unerträgliche Verbrechen begehen eben genau gegen diese Freiheiten, die wir so hoch halten, ist wieder Dissidenten “kreiieren”, aufnehmen in PEN Appartements rund um den Globus, weil sie um Leib und Leben fürchten, gerade so noch mit dem Geist davongekommen sind.

So beginne ich also doch erneut mit dem Krieg und wollte doch von einer inneren imaginären Gefechtspause schreiben. Jedenfalls ist mir zu bekunden wichtig, daß solche Stimmen meine ganze Symathie haben, auch wenn ich ihr, der Stimmen, Gegner bin – in diesem einen Bereich. Einen Atomkrieg zu riskieren, fügte der bereits wirkenden Schuld – daß wir den Verbrechen wie hilflos zusehen müssen (bereits sie zu dulden, ist Schuld) – eine noch grenzenlos umfassendere zu, nämlich, sollte die Ukrainekatastrophe sich in einen solchen ausweiten. Sie würde, diese unsere Schuld, zu einer nicht “nur” an Millionen, sondern auch an der Zukunft zahlloser Generationen werden. Wir hätten dann, wie Putin es für Rußland tut, gesagt: Wenn die Ukraine untergeht, sollen alle andern – “alle” meint den Großteil der Welt – mit untergehen. Daß ausgerechnet Intellektuelle das nicht begreifen, ist es, was mich, schriebe ich nicht täglich dagegen an, einfach nur verstummen ließe.

Probehalber formulierte ich gestern:

In diesen Krieg einzugreifen, ist moralisch absolut geboten,
doch ethisch ein Verbrechen.
[1]Ethik ist → die wissenschaftliche Lehre der Moral.

Es ist mit blutendem Herzen nicht leicht, moralisch auch zu denken, ist sogar s o schwer, daß Menschen sich, die es tun, selbst als kalt empfinden, nicht nur von andren so empfunden werden. Doch auch das ist auszuhalten, ebenso wie die Erkenntnis, daß der Satz, Angst sei ein schlechter Ratgeber, falsch ist. Das Tier, das Angst hat, flieht. Tut es das nicht, wird es gerissen. Die Angst (präzise wäre “die Furcht”) vor dem Atomkrieg ist nicht “nur” berechtigt, sondern erhält unsere Art, auch dann, wenn sie, wie gegenwärtig, einer widerwärtigen Erpressung dient. Daß mit Erpressern nicht verhandelt werden dürfe, nimmt inkauf, daß alle in das Höllenfeuer kommen.

***

Selbstverständlich war das, aber eben nur “am Rande”, auch gestern abend im Collegium Hungaricum ein Thema, wo → Endre Kukorelly seinen auf Deutsch bei Arco erschienenen Roman → “Elfental oder Über die Geheimnisse des Herzens” vorstellte und vorstellen ließ. Ich war dabei, nachmittags bereits war mein Verleger Haacker mit einem Übersetzerfeund, → Eberhard Schreiber, zum Vorweintrunk vorbeigekommen, dann aber allein, also zu zweit, zum Hungaricum aufgebrochen, weil ich das Fahrrad nehmen wollte. Was ich halt auch tat.
Aus Kukorellys Roman hatte ich ihn schon → auf der Buch Wien lesen hören; anders als gestern war seine → Übersetzerin Zádor dort lediglich als Dolmetscherin der Gespräche aufgetreten; da hatte ich sie nicht sonderlich gemocht. Gestern, da sie nun selbst aus ihren Übersetzungen – teils in einem wunderbar getakteten Wechsel mit dem Verleger  – las, änderte sich das komplett; nachher standen wir plaudernd draußen und rauchten. Drinnen  floß noch der Wein. Denn  es ist ein, ich schreibe mal, Clou dieser neuen, “Literarische Weinlese” genannten Veranstaltungsreihe, daß Präsentationen von Büchern mit jeweils der eines Winzers verbunden werden, der dazu auch ausschenkt. Hier nun war es der Rechtsanwalt Horst Hummel, der in Ungarn sein Weingut “biodynamisch” betreibt. Seine Erläuterungen waren ein wenig, bezogen dabei auf Planck, esoterisch und hätten mich wohl lächeln lassen, wäre der Wein nicht so gut. Das jedenfalls läßt sich sagen, daß die Anthroposophie, auch wenn sie zwecks Düngung zu halbjahrs vergrabenen, dann wieder gehobenen Kuhhörnern greift, den Gärungsprozessen nicht schadet. Besonders der erdbeerfarbene Pétnat tat “es” mir an.
Unterm Strich war ich erstaunt, wie gut diese Kombination aus Weinverkostung und literarischem Vortrag funktioniert, vor allem wenn die Lesung ähnlich “spritzig” sowohl moderiert als auch gehalten wird. Haacker hat ein ungemeines Talent, die andernorts oft eher mühsamen Interviewparts solch einer Präsentation im Wortsinn spritzig zu halten, schon weil seine Fragekultur ausgesprochen gezielt und auch scharf sein kann. Und Kukorelly ist eine Erscheinung – was sich in seinem Text widerspiegelt und in der Art, Themen zu verklammern. Da ich das Buch außer der vorgelesenen Passagen, wenigen also, noch nicht kenne, möchte ich hier nur den ersten und den letzten Absatz zitieren:

A.a. Ich träume nicht von meinem Vater. So oft denke ich gar nicht an ihn, so oft fällt er mir gar nicht ein, und wenn ich aus irgendeinem Grund doch an ihn denke, erinnere ich mich nicht richtig. Die Erinnerung wendet sich weg, bewegt sich fort, geht weite, sondert sich ab. Sondert sich nicht ab. Mir fallen allerlei merkwürdige und langweilige Dinge ein, ebenso merkwürdige und langweilige nicht, mag sein, daß es einfach so ist.

Und vierhundertneunundsiebzig Seiten später:

Jedenfalls ist er gespeichert, und das bleibt auch so, mein Vater ist gespeichert, das ist alles. Er fällt mir nicht ein. Ich habe ihn so gespeichert, daß er mir nicht einfällt, und wenn er mir doch einfällt, dann schleicht er sich langsam von dort weg. Langsam weg, auf andere, verzweifeltere Dinge zu.

***

Gegen 23 Uhr radelte ich heim. Nun zurück an die Arbeit, Freundin. Da ich mich anders nicht konzentrieren kann, werde ich wohl eine Lexotanil schlucken, besser erstmal nur eine halbe. Sonst hindert mich der Krieg ein nächstes Mal daran fertigzustellen, was fertigzustellen unbedingt ist – weniger meinet-selbst als andrer Menschen wegen.

Ihr ANH

References

References
1 Ethik ist → die wissenschaftliche Lehre der Moral.

Die beiden Religionen (!) des Westens im darum siebenundzwanzigsten Coronajournal und Tagebuch des achtzehnten Krebstages, beides zum Sonntag, den 17. Mai 2020. Darinnen wieder Ivanhoe, beim diesmal Anritt auf Professor Jostings Cy-Burg.

 

Bitte, bevor Sie dieses heutige Journal lesen,
kehren Sie noch einmal zu dem von gestern zurück und seiner im → Titel
ersten Aussage – also Lawrences Ausruf. Und dann machen Sie sich klar, wie die Geschichte um → Gasim schließlich ausging. Machen Sie sich aber auch bewußt, daß dieses Ende eine Filmidee ist und nicht dem tatsächlichen Geschehen entsprach, wie Lawrence es in seinen Erinnerungen schildert. Erst dann nämlich – beides
zugleich vergegenwärtigend – erfassen Sie vielleicht, was hier gemeint war
und also ist — weiter, mithin, werden oder nicht werden wird. Wir all’ alleine | so | begreifen Li. Und alles, was nun folgt.

[Arbeitswohnung, 7.15 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 15 es-moll]

Bioport → Sana 15.5.20

Tatsächlich, als ich mich grad an den Schreibtisch setzte (die Nacht war ein bißchen besser als gestern, mit Ausnahme einer halben Stunde schlief ich, allerdings auf Tabletten gesetzt, bis soeben durch), fand ich von Li → diese Nachricht. Was sie, ja, aufgescheucht zu haben scheint, geht aus dem – zumal unterstrichenen – “Betr.:” hervor, und selbstverständlich juckt es mich, sofort zu antworten. Doch es wird besser sein, noch ein wenig zu warten und sie in ihrer offenbaren Unruhe zu lassen. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es bereits an der Zeit ist, aus meiner defensiven Haltung herauszuklettern, bzw. -steigen und sie, meine Lilly, männlich anzugehen – erotisch fordernd, meine ich damit.

Anderes hat Vorrang. Es ist gut, wenn sie (und falls sie es) bemerkt, daß ich nicht springe, wenn sie mit den Fingern schnippt, mit den bösen Krebsbeinen also, die ihr Wappen zeigt (→ im Kopf des ersten Briefes deutlicher zu sehen als im Köpfchen des heutigen, ich schreibe einmal, “Nachtbillets” — ein solches ich übrigens lange, sehr lange nicht mehr bekommen habe. Da war doch mal ein Kritiker ..? Nein, ich sag den Namen nicht, hab’s ihm einst versprochen, als wir nebeneinander in der Deutschen Oper zu sitzen gekommen waren, was wiederum irgendein süßgefeimter Kuppelscherz Alexander Busches gewesen, der damals dort der Pressesprecher war. – Freundin, Sie entsinnen sich, daß mich die Opernleitung damals sperrte, weil ich bei einer Inszenierung von “Schwulenästhetik” geschrieben hatte, woraufhin sich sogar der, ja, gibt’s, SCHUTZVERBAND DEUTSCHER SCHWULER hoch erigierte; jedenfalls wurde sich derart erregt, als ob es ihn gäbe.

Also die Schmerzen hielten sich im Rahmen heute nacht. Von zwei bis halb sieben schlief ich sogar tief und erholsam durch. Allerdings spannt nun der Bauch mit seinen drei Nähtchen doch noch sehr, und mein gesamter Brustkorb fühlt sich nach starkem Muskelkater an. Was an dem in die linke Unterschultermuskulatur unter die Haut implantierten Bioport liegen dürfte, dem sich meine Anatomie erst akklimatisieren wird müssen und vielleicht noch nicht recht will – auch wenn ich mit meinen künstlichen Linsen (die wirklich nachgelasert werden müssen, aber die Ärzte erlauben’s mir grad nicht) den Weg in die persönliche Cy-Burg längst eingeschlagen habe; es ist sogar schon die Einhangbrücke über den Graben herabgerattert und das schwere Gatter der unten spitz zugeschnitzten Pfähle hochgezurrt. Ich soll also passieren, ohne mich zu sorgen. Soeben tritt durchs Tor der freundliche ich weiß nicht, ob nur “Knappe” oder sogar → die Handdes Schloßherrn Jostings, in jedem Fall, um mich zu begrüßen, der ich soeben, den Federhelm rechtsseitig an mein Kettenhemd drückend, auf die Höhe geritten bin, über die sich der Pfad keine fünfzig Meter mehr bis an den Graben schlängelt. Einmal noch lasse ich mein Pferd halten und schaue, bevor ich in die schwierigen Verhandlungen gleich eintauchen werde, around “that pleasant district o merry England which is waterded ba the river Don, there extended in ancient times a large forest, covering the greater part of the beautiful hills and vallies which lie between Sheffield and the pleasant town of Doncaster”.

Weshalb ich allerdings auch in beiden Waden einen Muskelkater habe, ist mir schleierhaft, der ich mit dem Einsatz der Sporen ausgesprochen zurückhaltend bin, vor allem, weil mein Hatáhtitláh (das aber nicht des Ritters, sondern eines “Charly”s Pferd, nämlich Iltschis Bruder ist) allein auf meine Stimme hört und bisweilen nicht mal diese nötig ist, damit das schöne kluge Tier versteht. Ich muß die Richtung nur denken, der zu es sich schon wendet. Es hat schon seinen Grund, daß meine Tumorin mich nun ständig auf Kindheits- und Prägungen meiner frühen Jugend zurücksehen läßt; Ivanhoe, Robin Hood, Winnetou I – III, Kara ben Nemsi Effendis Durch die Wüste bis zum Mahdi, gestern Livingstone, Raumschiff Orion und Urwaldtrommeln rufen. Es war die Zeit, in der ich Selbstbestimmtsein lernte und es durchzufechten begann. Jetzt ist eine Zeit, in der es aussieht, als müßte es wieder aufgegeben werden. Entsprechend heißt es im WOLPERTINGER:

Das Mittelalter ist ewig.

Weshalb zurecht die NZZ nicht nur endlich den Kapitalismus dem Glauben zuschlägt und zwar mit dem Christentum Hand über Schulter, woran ich nach wie vor etwas finde — als ich selbst vor Jahren einen zwar nicht gleichen, doch recht ähnlichen Gedanken formulierte, wurde mir die Konsultation eines Psychotherapeuten sehr, vornehm ausgedrückt, “empfohlen” —, nein Giorgio Agamben sieht unterdessen auch die Medizin → als eine kultisch-religiöse Disziplin an. Er schreibt sogar von einem neuen Dogma. womit ihr geradezu kirchenstaatliche Autorität zugestanden wird. Auch das, nach und mit Corona, stimmt. Wobei es ja niemals die Frage ist, ob etwas de facto so sei; entscheidend sind die Wahrnehmungs- und daraus folgenden Entscheidungsmodi.  Ich, in meiner jetzigen Situation, bin mit sehr Ähnlichem konfrontiert: ebenfalls glauben zu müssen. Was ich poetologisch → bereits 2000 formuliert habe (“futuristisches Tamtam”, → Hubert Winkels), wird zum empirischen Fakt, ja fast zur täglichen Exerzitie. Nicht nur die Medizin, auch mein Ernährungsplan wird – jetzt, im Krebs – mythisch. Was mich an sich bestätigen, also beruhigen sollte, so falsch poetisch nie gelegen zu haben. Wobei die Grund,nun jà,”frage” eine recht banale ist:
Sie wissen, Freundin, daß mich लक्ष्मी, um Liligeia auszuhungern (um sich auszubreiten, verzehren Tumorinnen wie rasend Kohlenhydrate und ziehen sie dem Körper von überall her ab), auf ketogene Diät gesetzt, und ich folge ziemlich streng. Dies bringt nun aber ein Problem mit sich: Ich nehme nicht zu, sondern sogar noch ab. Bereits jetzt, mit bei 1,80 Körperhöhe 70 kg, habe ich leichtes Untergewicht. Ein verehrter väterlicher Freund, durchaus Mentor, hat bei einer sehr ähnlichen Operation über 30 kg verloren – gut, er war erheblich kräftiger als ich, aber auch mein Chirurg gestern, der meine Diät einerseits völlig richtig findet, mahnte mich an, mir auf jeden Fall Reserven anzuessen. “Zehn Kilo verlieren Sie im Umfeld der Operation bestimmt, da wären Sie dann mit 60 Kilo oder sogar drunter nicht gut dran.”
Wie also das jetzt hinbekommen? An Appetit zwar mangelt es mir nicht, im Gegenteil. Auch sollte man eigentlich sowieso zunehmen, wenn die Raucherei eingestellt wurde. Passiert bei mir aber nicht, noch immer nicht, am nunmehr vierzehnten Entzugstag. Und ich schaffe es einfach nicht, auch nur noch ungefähr soviel zu essen wie vor der Diagnose. Nach fünf Stangen Spargel bin ich komplett satt oder, wie gestern abend, nach vier Gamberoni oder einem halben Schafskäse (100 gr). Da wird es eine richtige Aufgabe werden, es mir anzugewöhnen, über den Tag acht- bis zehnmal zu essen, um wieder etwas auf die Rippen zu bekommen. Da mir Kohlehydrate “verboten” sind, jedenfalls weitgehend, muß ich auf pflanzliche Nahrung mit guten Fettketten (Avocados etwa) sowie auf Öle, Eier, Käse usw. ausweichen. Zu meinem Glück habe ich लक्ष्मी, die sich auskennt, an meiner Seite, sonst gäbe ich auf: Dazu, jetzt auch noch permanente Nahrungskunde zu betreiben, mir alles anzulesen usw., bin ich tatsächlich nicht bereit. Denn es würde all meine Kraft und Konzentration von der poetischen Arbeit abziehen und mich dann in der Tat zu einem kompletten Hospitalisierungsfall machen, dem es anstatt ums Leben nur noch um den Krebs geht. Das nun will ich auf gar keinen Fall.
Also. Es geht nicht anders, als jemandem zu vertrauen, das heißt: zu glauben, ecco! Und da sich sogar die Fachleute, auch Schulmediziner, widersprechen, bisweilen sogar heftig — woran also sonst soll ich mich halten als an Menschen, die mich lieben?

À propos! An etwas Ungutes erinnere ich mich bei der Sana Klinik doch. Wenn auch nur am Rande.
Eine reine Geschmacklosigkeit.
Ich komme aus dem Röntgenraum im Souterrain Haus 4; der Fahrstuhl ist außer Betrieb, doch gehe ich eh lieber Stufen. Da fällt mein Blick durch eine Seitentür aufs Nebenhaus und daran das SchildDas also fand ich dann doch ziemlich neben der Spur. Tatsächlich unterhält das Unternehmen in der Fanningerstraße 29 eine Filiale; das Sana Klinikum hat die Hausnummer 32. So gucken die möglicherweise Totkranken gleich mal zu ihren Verscharrern hinunter. Verzeihung, aber: ekelhaft.
Um jemanden schnell loszuwerden, ist es freilich praktisch.

Und auch zum Klinikessen, ganz allgemein, ist dringend einmal etwas zu sagen. Morgen aber, Liebste, erzähl ich erst einmal was Schönes (das Journal ist heut schon lang genug) … mehrfach Schönes sogar, wobei ich mir nicht sicher bin, ob das, was Thomas Rothschild, dessen Feuerhirn ich ausgesprochen schätze, soeben unter einen Artikel kommentiert hat, dazugehört — auch wenn gestern abend noch Christoforo Arco mir geschrieben hat, es gehe dies runter wie … (die Pünktchen stehen für tierisches Streichfett).  Ich schriebe jetzt, schreibt Rothschild  → dort, “mit dem Tod um die Wette”. Was ich selbst dann übertrieben fände, wenn es stimmen würde. Noch stimmt es aber nicht. Wir wetzen beide bloß erst jeder unsre Klinge – er, der Tod, seiner Sense, ich meiner Verse. Wer “gewinnen” wird, ist dabei längst nicht heraus, zumal mein Gegner Li heißt und wir noch Kinder zeugen könnten. Vielleicht, ja vielleicht sollte ich genau darauf es anlegen und hab’s auch schon begonnen. (Daß der Tod letztlich immer gewinnt, gilt nicht für mich alleine, sondern auch, geliebte Frau, für Sie; völlig egal, ob Sie sterbenskrank oder quietscheentchengesund sind.)

Ihr ANH

Zweiter Brief an Li. Als Arbeitsjournal des Mittwochs, den 6. Mai 2020. (Krebstag 7).

[Arbeitswohnung, 7.55 Uhr
Mahler X (D. Cooke), RSO Ffm, Inbal 1992)

Heut mal, liebste → Li, etwa Heiteres vorweg. Du wirst es nicht glauben oder grad Du wirst es glauben, wir anderen haben ziemlich gelacht. Also लक्ष्मी bekommt von einer im Ausland lebenden Freundin folgende Nachricht (ich geb’s nach Erzähltwordensein hier wider): Es sei  ziemlich deutlich nicht wahr, ” daß der Alban keine Frauen mehr hat. Da wird neuerlich dauernd eine erwähnt, die ‘Li’ heißt oder ‘Lilly’. Und mit der … da hat er ganz bestimmt was!”
Stimmt.
Allerdings hast Du auch anderswo zum Ausdruck bewegter Freude geführt; einige schließen Dich fast schon ins Herz wie ich selbst. Andere wiederum teilen mir, so gestern etwa bei Facebook, mit:

Als Ihre Freundin noch keinen Namen hatte, war sie mir sympathisch.

 

 

So nämlich Olga Bulgakov in einer – da ich heute schon mal quasi in der DDR war – pN (‘persönlichen Nachricht’). —

In der Tat, nicht nur bei mir löst Du Zuneigung aus. Der Klang Deines Namens, durch den Du in DIE DSCHUNGEL nun ständig hineinsingst, reicht vom Kind, das wir, Lilifee, knuddeln möchten, so tief steckt es noch in der rosa Phase, über das Mädchen mit den verschorften, vom Bäumehinaufklettern, Jungenknien weit in → die Nymphetten hinein, Lilly-geia (bereits darin ‘Erde’!), doch schon hinauf zur erwachsenen Li, der sportlich-selbstbewußten, ihre Karriere ebenso präzise wie ihr Geschlechtsleben organisierenden Frau und, diese übersteigend, zur endlich-unendlichen Ligeia-selbst, Li-Gäa nämlich, die aus dem Chaos entstandene Erdmutter-Li. Andere berichten, sie ging allein aus dem Wasser hervor. Sie braucht, um fruchtbar zu sein, keinen Mann, wenngleich sie Männer durchaus reizen. Dann eben wird sie zur Sirene oder Sídhe. Und sie kann den Olymp nicht leiden – so wenig wie ich selbst. Auch deswegen ist sie hier bei mir, hat sie sich für mich entschieden … bist Du, meine Li, nicht nur an meiner Seite jetzt, sondern liegst mir dichtgleich am Herzen als mein Krebs. Er wehrt sich wie ich selbst gegen die verkrusteten, verfilzten, sich gegenseitig die Arschlöcher, noch bevor sie abgewischt sind, leckenden Strukturen. Man will am Stallgeruch erkannt sein, den wir, Du wie ich, so meiden. Ihn meiden bis zum Tod. Denn meiner, liebste Li, wäre – sollte ich denn in ihn eintauchen müssen – der Deine ganz genauso.
Ich möchte nicht in ihn eintauchen, Altersarmut und -alleinsein her nun oder hin. Es ist einfach noch viel zu viel zu tun. Das haben mir meine Verlage klargemacht; Arco hat sogar bereits einen Editionsplan erstellt, und manches davon könnte selbst meine grandiose Lektorin nur unter großen Schwierigkeiten edieren, eine Arbeit, die, müßte sie sie allein besorgen, imgrunde nicht zu bezahlen wäre. Ich meine die Ausgabe meiner kritischen Schriften zur Musik; der Verleger war, Liligeia, von dieser Idee wie becirct. (Da ist so eine Ahnung in mir, Du habest Deine schönen Finger in der Tat mit im Spiel dabei gehabt; ich weiß, der Mann ist für Frauen höchst empfänglich). – Wir haben auch schon den Titel des Bandes, werden ihn nennen wie hier in DER DSCHUNGEL die entsprechende Rubrik:

POETIK ZUR MUSIK

Daß sich das auf Adornos NOTEN ZUR LITERATUR bezieht, liegt auf der Hand, sollte dennoch, aus Achtung, gesagt sein.)

Wie also soll ich da sterben dürfen? Geht gar nicht. (Ginge nicht, geht vielleicht halt aber doch).

Momentan oder irgendwann-momentan wird → drüben die Tumorkonferenz abgehalten, deren Ergebnisse wir morgen erfahren werde, Du und ich, um 10.30 Uhr auf Sana Lichtenberg 4A. Bis dahin werden wir uns in weiterer Geduld üben müssen, wobei wir ja gleich zur Angiologin aufzubrechen haben, die meine Arterien untersuchen wird. Ich werde das Fahrrad nehmen da hin. Es gibt ja → noch eine Baustelle, die zu beobachten ist – und an der gleichfalls meine Raucherei alles andere als unschuldig ist und derent-, nicht etwa Deinetwegen, ich zur Zeit ziemliche Probleme habe. Ziemlich arge: am heute dritten Tag kompletten Nichtrauchens. Tatsächlich ziemlich heftiger Entzug. Ich wachte heute nacht sogar davon auf, hatte den Beitrag fast fertiggeträumt, den ich zwischen zwei und vier Uhr nachts dann tatsächlich schrieb; erst danach konnte ich mich wieder hinlegen und weiterschlafen (was immerhin gelang). Aber erst traute ich mich aufzustehen nicht, weil der Entzug so stark war. Zwar habe ich alles weit vom Schreibtisch weggeräumt, was mit Rauchen oder auch Dampfen zu tun hat; doch greifbar sind die eCigarren noch …. — Schließlich riß ich mich zusammen, Du weißt es gut, meine Li, und schrieb den Beitrag stur hinunter, ohne auf das Verführungsschreien meines Blutes zu achten. Da im Traum quasi alles schon vorformuliert gewesen war, wurde ich auch fertig.
Triumph. Widerstanden. Ich brauche sowas jetzt.

Womit Du mich allerdings durchaus nervst — wenn auch noch nur etwas —, ist einerseits die Kraft, die Du mich zu kosten beginnst. Daß ich plötzlich sogar Spaziergänge als anstrengend erlebe, ist mir als Sportler komplett neu. Nur bei der Lungenentzündung war es, vor zweidrei Jahren, so. Und abends die wenn auch gut aushaltbaren Schmerzen, die Du mir zum Herzen schickst — merkst Du, Li, wie fies selbst ein kitschiger Reim sein kann? Du wußtest es nicht? Na, Schönheit, dann fang mal an zu lernen!

So, unter die Dusche, ANH

Brief an einen Freund. Als neunzehntes Coronajournal, nämlich dem des Freitags, den 17. April 2020.


Von G. M., 15. April:

Jungs,
ich versuche es nochmals: die nächsten Tage nur Sonne und also Bier bei mir auf der terrazza? Bin unverändert gesund…

 

An G. M., 16. April:

Guten Morgen, lieber G.,

prinzipiell eine gute Idee – aber ist sie klug?  Nicht selten schaut mein Sohn bei mir herein, der zur Zeit in einer Eisdiele jobbt, also mit sehr vielen Menschen in Kontakt kommt und auch dann, wenn er keine Symptome hat, Überträger sein könnte – und somit könnte auch ich es sein. Ebenso ist लक्ष्मी in eine Ärztinnenpraxis, wenngleich fürs Backoffice, quasi eingezogen worden (sie arbeitet da aber gerne, und sehr gut), und für sie gilt Ähnliches. Da ich auch sie aber sehe von Zeit zu Zeit … Hinzu kommen die Zwillinge, die ihre Freundinnen und Freunde zwar eingeschränkt (immer nur jeweile eine/einen), aber eben doch sehen. Mit der Familie, selbstverständlich, und auch mit Sascha Broßmann, der ja gleich zwei Straßen weiter wohnt, gehe ich das Risiko ein, um nicht komplett isoliert zu sein, was mir an meinem Schreibtisch derzeit ziemlich zu schaffen macht, an dem ich mit DER DSCHUNGEL, die davon wächst und wächst, sozusagen Selbstgespräche halte; nur ist Corona nicht zu unterschätzen. Die jetzigen – gelinden – Lockerungsversuche der Sperren werden, davon bin ich ziemlich überzeugt, die Ausbreitung wieder hochschnellen lassen (Logik exponentieller Entwicklungen) und möglicherweise bald schon zurückgenommen werden müssen.
Ein Ende scheint mir zumindest für noch dieses ganze Jahr nicht absehbar zu sein. Darauf deuten sämtliche medizinischen/virologischen Untersuchungen und Hochrechnungen hin; daß uns die Politik immer nur in quasi homöopathischen Dosen informiert, ist in psychologischer Einschätzung begründet, wahrscheinlich. Ja, die Folgen dieses Virus sind katastrophal, vor allem in politischer Hinsicht, aber, wie ich gestern in
DER DSCHUNGEL schrieb, es hat wenig Sinn, gegen einen Tsunami zu protestieren. Genau dieser Natur-Charakter der Krankheit macht die Situation – vor allem: weltweit – heikel. Ich habe sie in nun mehreren Dschungeltexten mit den Anfangsphasen von AIDS verglichen und deutliche Parallelen festgestellt, die hier nun aber nochmal umfassender sind, insofern unsere Einschränkungen sich jetzt nicht mehr “nur” auf den Sexus begrenzen, sondern nahezu alle Bürgerrechte betreffen – am deutlichsten sichtbar in autokratischen Staaten, deren, euphemistisch ausgedrückt, “hartes Durchgreifen” bezeichnenderweise die besten Ergebnisse gezeitigt haben.
Um aber auch politisch wieder handlungsfähig zu werden, muß “R”, also die Reproduktionsrate, <1 sein; das erreichen wir tatsächlich nur über harte Kontakteinschränkungen, die größere Treffen eben ausschließen. Nichts dagegen, mich allein mit Dir oder auch allein mit J. und/oder den anderen zu treffen (da wäre dann das theoretische R = 1); ein Gruppentreffen hingegen finde ich problematisch, so sehr gerne ich auch dran teilnehmen würde. Es wären ja mindestens beteiligt Du, Deine Frau, Dein Sohn sowie drei oder noch mehr der Freunde. Ist da nur einer von ihnen Überträger (ohne es zu wissen; das schließt mich selbst mit ein), haben wir schon ein theoretisches “R” von > 5 bis x. Rechne das  nur mal auf mögliche weitere Treffen von Freunden anderer Menschen, anderer Familien hoch, und Du siehst deutlich das Problem.

Deshalb eher: nein – so gerne ich es auch anders hielte, schon weil mir hier manchmal zwar nicht der Himmel meiner Zimmerdecke auf den Kopf fällt, dazu bin ich zu wenig Germane, aber subdrepressiv stimmt mich alles schon. (Mal abgesehen von den ökonomischen Folgen; nahezu sämtliche Auftritte sind mir geplatzt, und ob die Veranstaltungen/Seminare, die ab September geplant waren und längst unter Vertrag stehen, stattfinden können, ist mir höchst zweifelhaft. Logischerweise war auch von dem mir angetragenen Bamberger Lehrauftrag jetzt nichts mehr zu hören. Christoph Haacker von Arco geht sogar davon aus, daß auch die Frankfurter Buchmesse nicht stattfinden wird, und ich teile seine Einschätzung. Immerhin habe ich die 5000 Euro Soforthilfe für Künstler bekommen, was mein Leben bis in den August hinein finanziell sichert. Andere Einkünfte aber habe ich nicht.)
Also, ein Treffen zu zweit: jederzeit, sehr sehr gerne. Hingegen zu mehreren würde ich’s nicht verantworten wollen.

Sei umarmt, imaginär dürfen wir ja,
Dein Alban

 

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