Will Smiths Ohrfeife. Eine Fußnote zu Krieg & Correctness.

Jemand, nennen wir ihn, weil eine komplett marginale, ja peinliche Erscheinung, Olli Patterer[1]Sprücheklopfer, tätigt über die Krankheit der anwesenden Ehefau eines Filmstars, nennen wir ihn Be Intheright, eine nicht nur unangemessene, sondern die Genzen der Geschmacklosigkeit noch in besonderem Sumpf auslotende, sogenannt witzige, die Gemeinte aber, die ohnedies leidet, geradezu diffamierende Bemerkung – worauf der Ehemann der Verhöhnten aufspringt und dem Patterer eine knappe, in keiner Weise schmerzhafte, ihn aber zu Recht demütigende Ohrfeige verpaßt, wenn auch, schade, nicht mit Handschuh – in der (auch Geistes-)Aristokatie die deutliche Auforderung zum Duell. Doch dies zu verstehen, fehlt es ja mittlerweile sowohl an Bildung wie dem nötigen inneren Stolz. Statt dessen toben Entrüstungsstürme, in deren Folge Mr. Intheright sich leider entschuldigt.
Die Boulevardpresse ist heute → voll davon. Derweil werde flächendeckend Zivilisten zu Tode bombardiert.
Denn nu’ ging’s erst los. Gewalt sei nicht erlaubt, dürfe nie ein Mittel sein. Undsoweiter. Hier war sie aber weit eher symbolisch, als daß sie physisch geschädigt hätte. Der Ehemann sprang für seine in diesem Moment ganz sicher erschütterte, wenn nicht tief verletzte Ehefrau – ein Umstand, der sie, und zwar ganz unabhängig vom Geschlecht, momentan handlungsunfähig gemacht haben dürfte – sofort in den Ring. Da Ehepartner, zumal wenn sie sich lieben, füreinander schutzbefohlen sind, war Mr. Intheright in absolutem, wie sein Name es schon sagt, Recht, nicht in jurisischem vielleicht, aber unbedingt moralisch. Hier sind ethische Fragen gar nicht zu berücksichtigen; erst recht hat da Correctness nichts zu suchen. Doch statt das zu sehen, wird plözlich wieder vom “männlich Toxischen” gesprochen, und zwar ziemlich von wahrscheinlich denselben Leuten, die gar nicht schnell genug in den Krieg kommen können, zumindest danach rufen, militärisch in ihn einzugreifen und die ersten eigenen Kinder zerfetzt oder zerstrahlt krepieren zu sehen,
Dies ist tatsächlich dekadent. Und forden obendrein, die diffamierte Frau hätte sich schon selber wehren können. Aha, und woher wissen die es sagen das? Könnte sie nicht extrem schockiert gewesen sein und damit gar nicht handlungsfähig? Oder hätte sie zu dem erkrankten Haar auch noch den Hals, ihn zu verhöhnen, dem miesen Patterer hinhalten sollen? Und später, heimlich, nur noch die ganze Nacht hindurch geweint?

Mr. Intheright, für Ihre Reaktion danke ich Ihnen von Herz und Geist und auch Geschlecht. Und nenne deshalb Ihren Namen – Will Smith -, derweil der des anderen auf alle Zeit vergessen bleiben möge. (Nur für Ihre Entschuldigung genier’ ich mich ein bißchen).

[Ich möchte an die Geschiche eines nahen Manager-Freundes erinnern, der über Jahre um seine an Krebs erkrankte Frau gekämpft hat; alles, was er nur an Mitteln hatte, sei es die seelische Durchhaltekraft, sei es sein finanzielles Wohlbefinden, opferte er auf, um einen Spezialisten nach dem anderen zu konsultieren – Spezialistinnen selbstverständlich auch. Schließlich verloren sie beide den Kampf, und die Geliebte starb.
Rund ein Jahr später, als er sich ein wenig berappelt hatte, traf er sich, um sein Unternehmen wieder auf die Beine zu bringen und Möglichkeiten zu sondieren, mit einem ehemaligen Geschäftspartner. Dabei erzählte er von seinem jahrlangen Einsatz für die geliebe Frau und daß er quasi alles verloren habe. Darauf hin der Geschäfts-,nun jà,-“partner” nun wohl n i c h t mehr: “Das war aber eine s c h l e c h t e Investition.” – Im Nu war mein Freund aufgesprungen und hatte zugeschlagen, als Kampfsportler gezielt auf den Punkt. Der nicht mehr Geschäftspartner brach auf der Stelle zusammen. Als er aus dem Krankenhaus wieder entlassen wurde, stellte er Strafanzeige gegen meinen Freund, derenthalber er, dieser, auch belangt wurde: Einige Zeit als Bewährung ausgesetzt und achthundert DM Strafe. “D a s,” so bemerkte er lakonisch etwas später zu mir, “war eine gute Investition.”

Will Smiths’ war es in gleichem Maß. Ich habe ihn nie für einen großen Schauspieler gehalten. Doch ist er nun ein großer Mann. Und also schützt er die Familie.]

 

 

_______________________________
Bei Schostakovitch, Preludes & Fugues op.87
Keith Jarrett

References

References
1 Sprücheklopfer

Cavanis Nachtportier im, auch zur Verwirrung des Gemüt(h)s, Arbeitsjournal des Dienstags, den 22. Februar 2022. Und zuvor der Dialog mit einem mir wichtigen Kollegen, dem ich den Hinweis auf Cavani verdanke.

[Arbeitswohnung, 6,40 Uhr
Erster Latte macchiato | Erste Morgenfeier
Keine Musik, sondern der jugelnde Amselhahn wieder, draußen,
sowie zwei Krähen, die rufen]
Ich weiß nicht, ob mich Freund → Esch[1]ein Anonym; der Kollege möchte öffentlich nicht mehr kommentieren; pikant freilich, daß er als Pseudonym den Namen eines, wie im Deutschlandfunk → Katrin Hillgruber meinte, “Vorläufers … Continue reading, als er mich vorgestern in Facebook persönlich anschrieb, sanft darauf aufmerksam machen wollte, daß meine → dort skizzierte Romanidee d o c h bereits realisiert worden ist, anders als ich meinte; jedenfalls setzte er mich auf eine Fährte, die mehr als nur einmal um  “Die Verwirrung des Gemüths” herum-, allerdings nicht in deren Zentrum hineinführt, doch ihr eben einen Bedeutungshof mitverleiht, der mich frappiert hat.
Es entspann sich der folgende Dialog:

15.36 Uhr

A.Esch
Wären vielleicht eine gute Besetzung gewesen → für Deine Idee

ANH
Oh ja!
A.Esch
Kennst Du aber?
ANH
Aber ja. Doch da es Ewigkeiten her ist, daß ich → Cavanis Film sah, sehe ich ihn mir heute abend noch einmal an; bei Amazon prime läßt er sich für 3,99 streamen. Aber meine Idee ist eine andere, keine, nachdem das Unheil schon vorbei, sondern noch während es geschieht. Das entspricht auch → Pynchons Konstruktion, die aber das sexuelle Moment, untypisch für ihn, zurücknimmt, statt dessen die Ergebenheit ins Zentrum stellt – eine, die an die wohl schlimmste Bibelerzählung erinnert, die ich kenne: Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern und dann die angebliche Gnade, in Wahrheit den Sadismus Gottes, ihn fast noch den letzten Schritt ausführen zu lassen. Diese ganze Parabel trägt extrem faschistische Züge.
A.Esch
Es steckt hier auch ein Thema, das in der ganzen Holocaust-Literatur (wenn man das so nennen will) völlig übergangen wird. Nämlich die sehr verbreitete sexuelle Übergriffigkeit der Täter. Sie trieben die Frauen ja nicht einfach nackt in die Gaskammern. Sie begrabschten ihnen vorher noch die Brüste und steckten ihnen die Finger in die Scheide. Die Begierde, die in dem Moment der totalen Verfügbarkeit aufflammt. Theweleits ›Männerphantasien‹ sind nicht nur mit der Vernichtung zu befriedigen, das ist nur der Endpunkt, vorher kommen alle Arten von Grenzüberschreitungen. Pasolini hat in den 120 Tagen einiges davon gezeigt.
KZs sind nicht nur Orte des Mordens gewesen, sondern auch Orte sexualisierter Gewalt, hauptsächlich gegen Frauen.
ANH
Das ist mir komplett bewußt, und es ist auch eines d e r Themen der gerade von mir bearbeiteten Verwirrung des Gemüts.

 22.55 Uhr

ANH
Lieber Esch, ich bin Dir – jetzt, nachdem ich diesen Film wiedersah – erneut zu großem, sehr großem Dank verpflichtet. Denn ich verstehe jetzt, weshalb man mich nach der Verwirrung so ausgeschlossen hat – bis heute. Im Prinzip habe ich damals, aber ohne es zu wissen, direkt an Cavani angeschlossen; meine Fragen in dem Roman sind dieselben, die sie, sie aber mit sehr viel ausgearbeiteren Mitteln, in ihrem Film gestellt hat und die sogar sie an den Pranger stellten. Bei mir war das leicht, einem Greenhorn, der gerade einmal begann und seine Formen erst allmählich geschnitzt hat. Es ist ein großer Film, und ich muß jetzt sehen, in der Verwirrungs-Neubearbeitung dafür einen Platz zu finden. Aber alles ist mir jetzt, in den vergangenen zwei Stunden, enorm klar geworden. Ja, anders als ich Dir vorhin schrieb, ist Cavanis Film einer über Liebe, dem will ich Referenz erweisen. Umso wichtiger wäre, daß unsere diesbezügliche Korrspondenz in Die Dschungel kommt, die nach meinem Tod eine der Hauptquellen literarwissenschaftlicher Untersuchungen sein wird, dank → Elvira, die meine poetische Nachlaßverwaltung, nach ein wenig ängstlicher Überlegung, nun übernommen hat. Es ist diese Spur enorm wichtig, glaube ich. (Anlaß der Verwirrung war ein anderer Film, Caligula, aber in der Seele näher ist Cavanis, wobei ich denke, daß ich ihren Film erst später gesehen habe, vielleicht wenig später, ich weiß es nicht mehr, aber in den Endsechzigern, als der Deutsche Herbst noch wirkte.) Ich war literarisch nie sentinmental, setzte mich immer aus (persönlich aber war ich’s schon von Zeit zu Zeit, wußte es aber vom Poetischen zu trennen). Ich kann den Film so deutlich fühlen, weil ja auch ich Erfahrungen, und gut-intensive, gelebte, mit SM habe. Das war, ohne daß ich es 1979-80 schon wußte, die Spur, der ich folgte. Wie gesagt: riesigen Dank.
Ich habe mich übrigens entschlossen, für die Ausgabe Zweiter Hand ein Vorwort zu schreiben; erst dachte ich, auch in der Nachfolge Jean Pauls, aber jetzt, nach Deinem Hinweis, geht es noch um etwas ganz, ganz anderes – das gerade in den jetzigen so “correcten” Zeiten von Bedeutung ist, Bedeutung für uns alle, die wir uns den Ambivalenzen aussetzen und sie eben nicht verdrängen.
A.Esch
Ich werde jetzt aber extra die alte Fassung nochmal lesen.
ANH
Und dann, bitte bitte, die neue. Ich werde sie Dir sofort nach Erscheinen zuschicken lassen. Kann aber Juni werden.
A.Esch
Ja, aber genau den Unterschied will ich zeitnah sehen.
ANH
Das ist gut und richtig. In der Neufassung zeige ich “nur”, was ich mit sechsundzwanzig noch nicht konnte — obwohl es nötig gewesen wäre. Ich habe es den Verkleisterern zu leicht gemacht. Aber lies erstmal.

23.26 Uhr.

***

Und ich notierte noch in derselben Nacht, ich wisse jetzt, weshalb die Verwirrung nach ihrem Ersterscheinen 1983 derart verrissen wurde. Ich hätte unwissentlich an etwas angeschlossen, das Cavani begonnen habe und, besonders in Deutschland, nicht zugelassen werden durfte. In der Tat wurde diesem Film teils mit einer Abscheu begegnet, die alarmierend an eine Reaktionsbildung nicht nur erinnert. “(…) as nasty as it is lubricious, a despicable attempt to titillate us by exploiting memories of persecution and suffering”, → schreibt zum Beispiel Roger Ebert; und das IKONENMAGAZIN:  „Dieser Film stellte den Prototyp einer ganzen Welle teils reißerischer, oft an der Grenze zur Pornographie rangierender Exploitationfilme [dar], die die genoziden Verbrechen des Dritten Reiches als Hintergrund für meist triviale Erotikdramen benutzten.“ Hier läuten sämtliche Glocken der kollektiven Verdrängung. Es gab aber auch moderate, nachdenkliche Stimmen, auf die freilich ich, das damals noch, wie ich selber schreibe, Greenhorn, nicht rechnen konnte. Ich hatte aber die faschismuskollektive Verdrängungsmechanik sowieso nicht gesehen, weil nämlich auf das eigentliche konzentriert:

(…) als ich von dem Film ihr erzählte, den Masturbationsmaschinen, kleinen spitzen Blechdornen. Säuber­lichen Schnitts ward dem Ohnmächtigen mittels eines Rasier­messers die Eichel vom erigierten Glied geschnitten, triumphierend hochgehalten vom Verweser zwischen Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, die anderen Finger gespreizt, abgewinkelt; vorgeworfen das Blutige dann im Film den Hunden und in Wahrheit dem dröhnenden Lachen einer Gruppe junger Erwachsener im Kinodunkel, fiel wohl irgendwohin, in einen der fahlen Hinterköpfe, während draußen der Abend sich lauwarm zwischen Autodächer drückt, im Anflug der Nacht. Unter Laternen gläsernes Neonweiß.
Kann i c h mich noch entsetzen?
(Erstfassung 1983, S.7/8)

Da diese Stelle, die eine Zwangskastration nacherzählt, gleich am Anfang des Romanes steht, auf der ersten Textseite nämlich, weigerten sich damals die bayerischen Buchhändler, das Buch überhaupt auszulegen (List war damals ein Münchner Verlag) — womit “Das Problem ANH” bereits in der Welt war. Daß es nicht nur um Verdrängungsmodi ging, sondern vor allem um eine möglicherweise in uns allen angelegte sadistische Lust, der als, ich schreibe einmal, “Empfängerin” eine masochistische entspricht, und auch deren beider Dynamik, wenn kolletiv losgelassen, also politisch geworden, ins steinerne Herz des Fachismus führt, wurde nicht gesehen oder, meine ich, durfte gesehen nicht werden. Ich hatte es gewagt, der Vergangenheitsbewältigung den sentimentalen Zahn zu ziehen. Wohin mein Unternehmen schließlich führte, lesen Sie, Freundin, dann bitte im Buch nach, am besten in der, wenn sie denn erschienen sein wird, Neuausgabe Zweiter Hand.

Hier jetzt erst einmal zu Cavanis Film:

Anders als → das Erzählprojekt, das mir am Sonntag in den Sinn kam, spielt Der Nachtportier nicht während der NS-Zeit selbst, bzw. das nur in den Erinnerungen der beiden Hauptprotagonisten, Rückblenden also, sondern in den Fünfzigerjahren Wiens, wo sich in einem Hotel bei der Volksoper ehemalige SS-Offiziere treffen, die an den in den Lagern verübten Verbrechen schwere Schuld tragen, die sie aber nicht bereuen, sondern sie sind nach wie vor “stolz”, große, sagen wir, “Arier” gewesen zu sein; kurz, sie sind Nationalsozialisten nach wie vor und also selbsternannte Übermenschen, die jetzt allerdings, in der neuen demokratischen Zeit, sich gerichtlich verantworten müssen, das aber auch, vermittels eines ebenfalls hitlerverehrend gebliebenen Anwalts, durchweg hinbekommen. Wie es in dieser Zeit – und noch lange nachher – auch gewesen sein wird. Dabei schrecken sie auch nicht davor zurück, etwaige Belastungszeugen, wenn sie die Möglichkeit haben, aus dem Weg zu räumen. Um es euphemistisch auszudrücken. — Einer von ihnen ist der Nachtportier, von Dirk Bogarde dargestellt. Anders als seinen Schwerverbecherkameraden ist ihm von Anfang an etwas Gestoßenes anzumerken, ein inneres Leiden, das von ihm ißt, welches Verzehrtwerden er mit Haltung zu ertragen versucht, einer Art leidendem Gleichmut, der auf andere wie eine fast aristokratische Höflichkeit wirkt und zugleich doch die Wärme des Schmerzes hat. Auch wenn er von allen, namentlich den Hotelgästen, beim Vornamen, Max, genannt wird, wie seinerzeit bei minder Bediensteten üblich, umgibt ihn ein geradezu umgekehrter Abstand des Ranges gleich einem unsichtbaren Magnetfeld. Was, denke ich, weniger mit Kalkül so inszeniert worden ist, als es an Bogardes ohnedies persönlicher Aura liegt; man kann sagen, schon Cavanis Casting sei perfekt gewesen. Es würde nicht zu ihm passen, als faschistischer “Herr” aufzutrumpfen; er bellt nicht wie Hitler, er spricht leise, gedämpft. Seine Augen sehen durch die Gestalten hindurch. Deshalb sind sie Einfallstore für Allegorien; er kann zur Bühne uralter, sich in Variationen ständig wiederholender Geschehen werden, die erst enden werden, wenn wir alle sind geendet, jede auch spätere Generation.
Und dieses, die Allegorie, begibt sich. — Wobei sich das folgende Geschehen auch mit dem später so genannten → Stockholmsyndrom erklären ließe. Doch ich habe das schon für meine kleine Erzählung → “Die Niedertracht der Musik” für eine Rationalisierung, nämlich Abwehr-, also Verdrängungsbewegung gehalten. Vermittels solcher “Erklärungen” versuchen wir, etwas von uns fernzuhalten, dem sich nichts entgegensetzen läßt und wir deshalb ausgeliefert sind. S begibt sich.
Im Lager nämlich schon. Die SS-Leute lassen die Gefangenen, ob weiblich oder männlich, ist egal, nackt in Reihe antreten und filmen die Leute, suchen sich, wie oben Esch gesagt hat, heraus, was ihnen gefällt, und benutzen es. Dazwischen ein, ich sage mal “Reh” – und bitt Sie doch zugleich, das Klischee zu entschuldigen. Doch “meine Kleine” wird Max noch später und immer wieder, und verzweifelnd, sagen, verzweifelnd auch vor Glück. – Im Lager nun wählt er sie sich und beginnt, sie zu quälen. Nur ist er auf eine Devote getroffen. Sie reagiert auf die Furcht mit Begehren. Und er, er verfällt ihr.
Die Szene wird als Erinnerung beider gezeigt, als sie in der Volksoper einer Aufführung der Zauberflöte beiwohnen. Er sitzt hinter ihr, schaut sie dauernd an, und sie kann nicht anders, als sich immer wieder umzuwenden, um wiederum ihn anzusehen. Hier spielt die Musik eine im Wortsinn ungeheure Rolle; was Mozarts Stück, das ich immer abgelehnt habe, hier zugleich Klang werden läßt, kann ich noch jetzt nicht fassen. Cavani hat alleine hier etwa Granddioses geschaffen. Freundin, Sie müssen es einfach selbst sehn und hören. Und als er, Max, die Frau wirklich sehr verletzt hat, körperlich, es klafft knapp unter ihrer linken Schulter ein riesiger Schnitt in ihrem Oberam, legt er seine Lippen auf die Wunde und saugt von ihrem Blut.
So etwas verliert sich mehr, nicht bei einer Frau von solcher Hingabe und bei dem Mann nicht, der sie annehmen kann und fängt, falls die Geliebte fällt.
Charlotte Rampling war immer eine enorm schöne Frau und ist es noch im Alter; als junge Frau aber war diese Schönheit rasend. Das wirkt hier selbstverständlich mit – in diesem Fall darf ich sogar schreiben “wirkt hier natürlich mit”. Rampling hat etwas von der Apartheit der frühen Grace Kelly, übersteigt sie aber, und zwar weit, weil dieser Schauspielerin etwas eignet, das Francis Bacon — Edgar Poe läßt es in → Ligeia Lord Verulam zitieren — für jede höchstrangige Schönheit ein für alle Mal in die richtigen Worte gefaßt hat:

There is no exquisite beauty without some strangeness in the proportion.

Zu diesem “gewissen Mißverhältnis in den Proportionen” gehört unabdingbar auch Ramplings höchst spürbare Neigung zur erotischen Übertretung; sie hat oft solche Frauen gespielt, immer war da etwas in ihren schlupflidrigen Katzenaugen, vor dem weiche oder gar schwache Männer sich besser in Acht nehmen sollten, um von den “woken” nachdrücklich zu schweigen. Daß, sofern ich richtig liege, diese Neigung so früh schon sichtbar wurde, wundert mich nicht. Meiner Kenntnis und persönlichen Erfahrung nach setzt auch dieses Begehren spätestens mit der Pubertät ein und hält meist lebenslang an.

Übrigens, kleiner und am Rande vermerkt, sind “woke” Leute
durchaus ihrerseits schwer grausam. Wie klagte mir neulich,
Freundin, eine andere Freundin? “Jetzt soll jede Form der
Sexualität erlaubt sein, homosexuelle, lesbische, und jeg-
licher Geschlechtermix. Aber was ist mir meiner Orientierung?
Als Devote werde ich beschimpft und würde, outete ich mich,
alles verlieren, angefangen von meiner Berufsanstellung
und bei einem Großteil meines Freundeskreises nicht auf-
gehört. Die Woken würden mich als angebliche Anwältin des
Patriarchats b e s p u c k e n ! Man würde meine Neigung mit
denselben Argumenten widerwärtig nennen, mit denen früher gegen
Homosexuelle vorgegangen wurde: Sie sei widernatürlich, unnatür-
lich und also ein Symptom seelischer Gestörtheit. Somit bleibt
mir als lustvoll Devoter gar nichts anderes übrig, als heimlich zu
leben, was ich leben will. Soviel zur woken Gerechtigkeit.”

Und dann, die junge Devote hat überlebt und ist mit einem internationalen Dirigenten verheiratet… dann hat das Paar in ebendem Hotel eine Suite reserviert — der Ehemann, ausgerechnet, ist es, der diese Zauberflöte dirigiert —, … so daß, was kommen muß, kommt. Sie und Max sehen sich wieder, man muß es biblisch sagen: erkennen sich wieder. Sie ist, die Allegorie, in ihnen leben geblieben, und was sich im Lager nicht verwirklichen ließ, sondern sozusagen angelebt wurde, die in der einander Verfallenheit L i e b e nämlich, nun hebt sie den Vorhang und zeigt sich — auch und gerade Maxens Nazikameraden, die ihn beschwören, um ihrer aller Sicherheit willen von dieser jungen Frau zu lassen. Die sie, wie andere Zeugen ihrer Verbrechen vorher, unauffällig beiseitebringen wollen. Er aber schützt die Geliebte, so daß einmal mehr wahrwird, daß alle großen Lieben mit dem Tode enden (oder sie enden im Abwasch des Alltags und sind dann keine mehr). Wobei in dieser Geschichte sein Tod auch gerecht ist; in den Nürnberger Prozessen wäre er an den Strick verurteilt worden. Nur daß ihn jetzt die Frau begleitet, seine Frau und willentlich, egal, mit wem sie rechtlich verheiratet ist. Es ist ein Heimtücksmord, der in die Rücken schießt. Doch beide Menschen fallen gemeinsam, zwischen ihnen eines Brückengehsteigs Asphalt, der sie, glaube ich zutiefst, zu trennen auch nicht vermag:

*******************************************

[12.50 Uhr]
Jetzt habe ich lange geschrieben und lange Bilder formatiert, bin in Cavanis Film noch einmal eingedrungen und mir über vieles weitere klargeworden, das hier nun notiert ist. Sie können den Text auch als Filmkritik lesen, in jedem Fall als eine Empfehlung.
Seltsam bleibt, daß ich mich zwar erinnerte, diesen Nachtportier schon gesehen zu haben, doch daß ich vergaß, was er erzählt. Vor der Verwirrung sah ich ihn wahrscheinlich nicht, er wäre sonst ihres Hauptthemas wegen in dem Buch sicherlich erwähnt worden, auch wenn ich die Nähe gar nicht begriffen hätte. Doch auch später begriff ich sie nicht, hätte es wohl erst in der Berliner Zeit gekonnt, nachdem meine dominante, wenn auch nicht so sehr sadistische Sexualität aktiviert wurde und ich sie auszuleben begonnen hatte. So nehme ich an, daß ich den Film irgendwann in den mittleren Achtzigern sah und er mir schlichtweg fremd blieb.
Das hat sich nun extrem geändert. Vielleicht brauchte es “nur” Reife und also eigene Geschichte.

Freundin, ich brauchte Blumen, brauche manchmal Blumen. Aber ich sitze allein. Deshalb kaufte ich-selbst gestern welche, Tulpen. Es ist ein Frühjahrswinken ich zu ich. Und wie es, nachdem ich’s – bei PENNY erstanden, zuhaus beinah welk – mit frischem Wasser und drin etwas Zucker versorgt, a u f g e  s c h o s s e n ist! Nun sind wir uns gegenseitig dankbar, die Tulpen und ich.

Ihr

ANH

References

References
1 ein Anonym; der Kollege möchte öffentlich nicht mehr kommentieren; pikant freilich, daß er als Pseudonym den Namen eines, wie im Deutschlandfunk → Katrin Hillgruber meinte, “Vorläufers der Wutbürger” gewählt hat

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einhundertsiebzehnter Tag.
Zweite Serie, Einhunderterster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Gott kotzt in die Demokratie” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Einundsiebzigster Tag.
Zweite Serie, Fünfundfünfzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Wenn alle Winter waren” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Neununddreißigster Tag. Zweite Serie, dreiundzwanzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Der Übermensch geht” ||

 

 

 

 

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070
EAN: 9783866380073

 

Krebs/Nachkrebstagebuch, 11. Oktober 2020. Wiederherstellung der (hetero)sexuellen Kompetenz. (Zugleich als Coronajournal No 30.)

[Arbeitswohnung, 9.27 Uhr
Penderecki, Fünfte Sinfonie (1999)]
Dies ist entschiedenermaßen der nun nächstfällige Schritt, nachdem mir zum einen die Chemo die Fortpflanzungsfähigkeit zerstört haben dürfte (sollte ich dies testen lassen? von → Tests habe ich grade die Nase auch da voll, wo man den Johannes erkennt), sich aber die zweigeschlechtliche Sexualität-an-sich, ganz unabhängig von mir, unterm correctkriegerischen Dauerfeuer in Schützengräben bergen muß, die über ihr ständig so sehr zusammengeschossen werden, daß sich der Eindruck gewinnen läßt, den Angreifern komme Corona grad recht: Vermittels des Virus’ lassen sich ganze Gesellschaften moralisch zurück ins Biedermeier bomben. Genau dies, dem zu widerstehen, macht die Notwendigkeit dringend. Safer breathing hat durchaus seine Parallelen zum “safer Sex”, man muß da gar nicht lange konstruieren.
Nein, ich leugne Covid-19 nicht, sondern sehe die Gefahren — indessen aber auch, wie gut die Krankheit zur zunehmenden Entkörperung paßt und damit in die Entwicklungslogik des Monotheismus – egal, ob jüdischer, christlicher oder islamischer Provenienz. Insofern der Sexus – weiblich ausgedrückt: insofern Aphrodite – sich an keine Regeln hält (“Venus ist eine glischige Göttin”), ist die Libido auch gesellschaftlich nicht lenkbar, damit anarchisch-antiautoritär. Das kann weder einer Gesetzgebung gefallen noch gar unserer Wirtschaftsdynamik, der daran gelegen ist, alles auf einen Tauschwert herunterzubechen, es mithin gleichzumachen, sei es Ware, sei es Mensch (als nämlich kalkulierbare Arbeitskraft, die, anstelle zwischen Speichen Stöcke zu stecken, ihren Weisungen nachkommt).

Aber auch künstlerisch ist es notwendig, weil Eros die Antriebskraft der Künste ist, aller, und nicht etwa seine, bzw. der Venus Sublimation. Verdrängt ihn die Moral, verdrängt also SIE, kommt dabei schlechte Kunst – keine also – heraus. Deshalb warnte selbst Brecht, man könne nicht auf ihn bauen – zumal mit vorher den “incorrecten” Versen:

In meine leeren Schaukelstühle vormittags
setze ich mir mitunter ein paar Frauen
Brecht, Vom armen B.B.

— “setze ich mir” – welch hübsche Hybris. Es wird Zeit, wieder zu partizipieren an ihr; die Damen müssen sich setzen ja lassen: Das Spiel ist durchaus nicht von einer Seite alleine geführt, die in den Schaukelstühlen sind keine Opfer. Vielmehr, sie haben gewollt.
Wobei nicht ausgemacht ist, ob ich’s – also wieder zu partizipieren – auch “schaffen” werde. Der Wille indes ist zurück, nicht nur als Wunsch. Es ist dies, oh → Li, ein erster Schritt in die nichtnurorganische Heilung – egal, ob mich das dann abermals Stipendien und Preise kostet, die aus “moralischen” Gründen mir vorenthalten werden, dem unbeugsamen Incorrekten, den jede Konsensgesellschaft erschaudern läßt. Auch das ist eine Hitlerfolge, oder um es mit Jelinek zu sagen (ich habe es → dort schon zitiert):

Wenn alle in eine Richtung rennen, müssen die Künstler in die andere. Das ist ihre Pflicht.

(Die Dicht’rin seh die Verkürzung mir nach; sie hat hier rein rhythmische Gründe.)

Wie es also anstelln? Mehr noch als AIDS – seinerzeits bis heut – versiegelt Corona nunmehr die Lotterbetten, mit Mundschutz ist nicht einmal ein Cunnilungus wirklich praktikabel und relativ gefahrlos nur in der Monogamie noch möglich, in die wir nachdrücklicher zurückgescheucht werden sollen als selbst den Zeiten des Rauchverbots möglich — einer Entente globale erstem gelungenen Feldforschungsprojekt zur Massenlenkung. Nun wird FREMDGEHN NEIN DANKE zur nicht nur mehr katholischen, also islamischen Devise; der neue Biedermeier stand eh schon wuchtig genug in der Tür: nicht weniger bläßlich als anno dunnemals zwar, doch ebenso Ausdruck reaktionärster Macht, bzw. ihrer Wi[e]derkehr. Neu ist allein, daß sie es gelernt hat, sich als progressiv zu maskieren, sogar als Feminismus.
Ach, in der Tat, wir hatten vor AIDS nicht halb so viel Angst! Die Krankheit griff auch in
die Existenz nicht so ein, wir brauchten bloß paar Tütchen. Nicht ein einziges Späti wurde geschlossen, und wer aus Wien zurück nach Berlin kam, konnte hedonistisch sein, wie er wollte, oder sie, in Quarantäne mußte man nicht, egal ob halb der sechste Bezirk war flachgelegt worden. Und umgekehrt die KITKAT-Besucher & Innen – derer es einige, einige gab – mußten auch nicht auf die Sitte in Wien. Erst nu’ isser zu, der cosmopolitische Club, coronageschlossen wie das INSOMNIA und all die anderen Etablissments der erotischen Libertinage.
Und aber auf der Straße? Sprechen Sie, Freundin, jemanden jetzt einmal an, Jemandinnen meine ich, ob nun mit oder ohne Sternchen … auf anderthalb bis zwei Metern Abstand muß man(n) fast schreien, alleine schon wegen des Tuches vorm Mund. Sowas paßt nicht zu Charme und zu Flirt. Ich habe ja schon Schwierigkeiten, die Kassiererin bei PENNY zu verstehen, wenn sie etwas fragt. Social distance heißt erotisch Entfernung. Oben Mund- und Nasenschutz (als müßten die wir schützen!), unten LONDON GEFÜHLSECHT. Was – zwischen Arbeit und erfüllten Lebenssinn geschoben – Entfremdung genannt war, wird nunmehr total, nachdem sie auch längst das Geschlecht fast erdrückt. Die Zukunft ist “queer” und kontaktlos. Für Replikanten paradiesisch, ein gentechnologischer Rummelplatz, ist Corona fürwahr der Grund für virenfreie Sexmaschinen. Da wird sogar der Verkehr mit – Dassagichjetztnicht – möglich.
Soweit aber sind wir leider noch nicht, die Puppen von der Uhse sind wahrlich nicht alternativ, um von “wirklich” wirklich zu schweigen. Außerdem habe ich schon → mit Siri Probleme — trotz ihrer tiefen Versprechen :

Siri macht jetzt noch mehr.
Schon bevor du fragst.

Da sage noch einer, es sei die Richtung nicht deutlich! Doch helfen tut mir alledies nichts. Ich habe verabsäumt, mich rechtzeitig vor Corona und für mein Altern haushalts- und also erostechnisch zu binden, nu’ hab ich den Askesesalat und sollt’ wie mein Bruder, da war er fünfzehn, über meine Liegestatt schreiben:

Solang ich zwei gesunde Hände habe,
kommt mir keine Frau ins Haus.

Nur war er damals dreizehn, da wußte er einfach noch nicht, was das hieß. Und hier bei mir an der Wand sind viel zu viele Bücher. Dabei ist er heute prophetisch, Hagens, meines jüngeren Bruders, Satz. Der diese Pandemie zudem nicht mehr erleben muß. Ich denke einmal, AIDS hat ihm schon völlig genügt, als er statt daran im hochgebirgigen Wildwasser umkam, das ihm vier Grad kalt auf den Zungenhals stürzte. Erstarrung des Muskels, die Luftröhre zu. Gestorben, wie der Filmer sagt (dies ist ein Zitat). Des Extremsportlers neoprenverpackter Korpus wurde erst zwei Tage später gefunden. Noch lebend sah Hagen so aus zuletzt (nach der Beerdigung unseres → Vaters):

 

 

 

 

 

 

 

 

(links neben mir,
1990)

Ui, nun wurde ich wirklich privat, Pardon. Auch Corona verführt zu Lebensbilanzen, die ja immer zugleich Erinnerung sind. Jedenfalls bin ich heute einigermaßen hilflos, zumal mir mein bester, nach wie vor in schäumendem Safte stehender Freund gestern nacht “steckte”, auch für ihn sei dieses Jahr geradezu pheromonfrei verlaufen — so daß ich mir die Bemerkung nicht verkneifen konnte, da hätt ich ja lihalber gar nichts verpaßt … Was mich tatsächlich ein wenig beruhigt, auch wenn ich nach wie vor nicht weiß, wie meine Askese beenden. Nur dann nämlich, wenn dies gelingt, werde ich auch wieder mit vollen Kräften schreiben können. Die Musen wollen geliebtwerden, und zwar nicht nur im Geist, im Geist sogar am wenigsten … — Ach! Enden die → Béarts deshalb mit einem → Accende?

 

so fragt, liebste Freundin,
Ihr ANH

Die krönende Phase des Anthropozäns
Ein Beitrag zur Erlösung vom Geschlecht

„Ein Nein ist ein Nein“, das ist wohl wahr.
Nur ein „Nein“ — ja wozu?
Das ist alles viel, viel, viel zu schwammig. Wir brauchen im Gegenteil „Ja“s, und zwar dezidiert, um handlungsfähig zubleiben. „Du darfst mit mir schlafen“ reicht da nicht, auch nicht mit Unterschrift, weil erstens zu „schlafen“ gar nicht gemeint ist und zweitens selbst das Gemeinte viel zu vielgestaltig, als daß es nicht einer Vertragsform bedürfte, die noch die abgelegenste Neigung präzise bestimmt oder ausschließt. Haben wir also auch hier vorm Kleingedruckten acht! Vor solcherart Täuschung sei darum sofort der Riegel geschoben:

 

[→ Quelle:auf Abbildung klicken]

 

Nur darf dies — schon in öffentlichem Interesse, vom Sozialen ganz zu schweigen — auf keinen Fall in privatunternehmerischen Händen liegen. Benötigt wird vielmehr eine ein für alle Mal gültige bürgerlich-rechtliche Form, einen Norm-, mithin möglichst europäischen Sexualvertrag, der sich aus deutlich benannten Inhalten aufbaut – am besten nach multiple-choice-Manier, sinnvollerweise in den Smartphones gespeichert. Dann wischen wir vor dem Verkehr nur noch durch die Sites, bestätigen hier, oder verneinen, und schließen den Vorgang mit einem Fingerprint ab. Es wäre dies – sagen wir’s vereinigungstechnisch angemessen: –  flüssiger als vierundzwanzigseitige Kontraktformulare, die man wie frau ja irgendwie mit sich herumtragen muß – je nach erotischem Temperament zuweilen oder dauernd. Denn kommt uns die Lust und Aussicht auf Erfüllung, muß die eineindeutige Bestätigung des Wunschpartners folgen, damit wir uns nicht strafbar machen. Für spontane Vereinigungen gilt das verschärft, etwa unter freiem Himmel. Gute Hotels allerdings, so ab der Klasse von vier Sternen, werden sich der Sachlage flugs einzufinden wissen und für ihre Klientel – von „Stammgästen“ möchte ich aus gendercorrecten Gründen nicht sprechen – die Ausdrucke immer bereitliegen haben. Praktischer- wie eleganterweise ist dennoch (→ Legalfling) das Smartphone vorzuziehen, und sowieso aus Gründen des Mainstreams. (Ich erinnere mich sehr gut an Zeiten, da, meinem Opa vom Büdchen Bier zu holen, noch nicht den eigenen Alkoholismus nach sich zog, wie es heutzutage klarerweise der Fall ist.)
Tatsächlich dürfen wir den Umfang der koitalen Verträge nicht unterschätzen. Nicht nur die direkte Penetration steht doch zur Rede, bzw. in der vertraglichen Pflicht. Da Menschen auf verschiedene Praktiken verschieden gestimmt, gar einigen bitter vergegnert sind (bisweilen bereitet bereits Orales Probleme, die durchaus faktisch – etwa mit dem Würgereiz – begründet werden können, um von analen Vereinigungsformen schon aus Vorsicht zu schweigen … ich deute hier nur Faserrisse an), unterliegen sie erst recht einer Zustimmungspflicht. Dabei zeigen uns schon die klassischen Lehrtexte zum erotischen Umgang, wie komplex die Möglichkeiten sind – alleine sieben Bücher Kamasutra (Das sind die heißesten Stellungen, brigitte.de), dazu der wahrlich Blühende Garten des Scheiches Nefzaui. Von härteren „Spiel“formen spreche ich besser erst gar nicht, erfaßt aber müssen sie unbedingt werden.
Was also ist erlaubt? Allein dessen Ausarbeitung hat einigen – auch volkswirtschaftlichen – Nutzen. Denn es geht ja auch darum, so zu formulieren, daß nicht schon da, nämlich unbedachter Wortwahl halber, traumatisierende Verletzung erfolgt, und zwar lange bevor sie praktisch an die Tür pochen kann, an die entsprechende Öffnung mithin, ob Ohr nun oder da unten. Hier müssen Spezialagenturen her, PR in allgemeinverständlicher Sprache, dabei geschlechtsausgewogen und selbstverständlich psychologisch beraten. Für, grob skizziert, zum Beispiel folgende Fragen, respektive Genehmigungen:

[Nichtzutreffendes bitte streichen]
* Sie dürfen mich in das Ohr | den Schenkel | usw. beißen
* Sie dürfen meinen Arm | Kopf | Po | … | anfassen / küssen / *** [jugendschutzhalber zensiert]
* Sie dürfen mir Ihr *** in den/die/das ***
* Sie dürfen / dürfen nicht unflätige Sätze zu mir sagen („Mach mir den Gibbon/Glühwurm/Esel“ / („Laß mich dein Badewasser schlürfen“ usw.)

[Nichtzutreffendes bitte streichen]

Ja überhaupt muß schon die spezielle Terminologie festgelegt werden, die während des Aktes Anwendung findet, wenn denn gesprochen werden soll/darf/wird. Nämlich auch hier lauern schlimmste, seelische in diesem Fall, Verletzungsgefahren, zumal wir bestimmte Körperteile nicht mehr mythisch erhöhen dürfen, erst recht nicht sentimental – stellt doch die erotische Projektion schon selbst Mißachtung der Partnerphysis dar, ja begründet ihren Mißbrauch. Es gibt für zum Beispiel den organischen Apparat der Milchdrüsen oder gar den Empfängnisvorbereich schlimme Bezeichnungen, die zu mehr als nur Verstörung führen können, andererseits deren Fehlen in gewissen Phasen der Erregung eventuell vermißt werden würde (dirty talking). Die Frage ist tatsächlich brennend: Soll auch ein Fehlen strafbar sein?
All das durchzugehen, braucht für die Partner deren Zeit, sagen wir zwei Stunden. Die allerdings das Vorspiel, dessen Mißachtung grad oft die Weiblichkeit beklagt hat, zu ungeahnter Geltung kommen läßt. Nun – weil besonders junge Leute gern vermittels ihrer Handys flirten, einander gegenübersitzend im Café – vollzieht es sich ganz auf der Höhe des Mainstreams. Überdies liegt der Vorteil in einer gewissen Pragmatik. Wie ökonomisch wird mit einem Mal alles! Geradezu von konzentriert läßt sich’s sprechen. Niemand muß mehr täppisch erkunden, ob mit den Fingern, ob mit dem Mund, was die und der Begehrte mag; man hat’s gleich schwarz auf weiß. So ist der Irrweg ausgeschlossen – der eben auch vermieden werden muß, weil sonst die Strafanzeige folgt – und à propos (gegebenenfalls ist diese sowieso klar): Verträge fallen unters Zivilrecht. So daß jenem auch ein Prozeß wegen Vertragsbruchs folgte, notwendigerweise, verbunden mit Klage auf Schmerzensgeld und Schadensersatz. Rechtsanwaltskanzleien erschließt dies Einnahmequellen, die abermals das Bruttosozialprodukt unserer Volkswirtschaft steigern. Fürwahr, die Gendercorrectness ist ein signifikanter Posten des Markts.
Bislang wurde gerade dieser Aspekt nicht gebührend ins Auge genommen – daß wir uns nämlich in einer tatsächlich so fortschreitenden Emanzipation befinden, um Hand in Hand mit der Marktwirtschaft endlich Genesis 1,28 erfüllen zu können. Damit ist die Gendercorrectness eine Befreiung beider Geschlechter und nicht „nur“, wie reaktionärer Machismo gehässig es sieht, eine Feministinnenstrategie zwecks asymmetrischen Machtgewinns, sondern er trägt auch zur allgemeinen Wohlfahrt bei – zur Bildung ganz besonders. Denn wir lernen zu sehen, was ist: die Geschlechtsapparate als eben nur einen Teil – zumal, in solcher Nähe zum Anus, den unhygienischsten – unseres biologischen Körpers, der schließlich gerechterweise verwest (und dann ganz besonders zu stinken beginnt, anders als der Geist, den es rein als Seele zum Schöpfer hoch hinaufweht). Wir brauchen das erbärmliche Chassis unseres Leibes fast nicht mehr und müssen deshalb nicht länger einen Duft projezieren, wo in Wahrheit nichts als krude Miasmen (Abfallprodukte des Stoffwechsels mit allerlei, wie Schmieröl das Scharnier, entstumpfenden Sekreten), zudem durchweg infektiös und sowieso, bakteriell wie virös, äußerster Gefahrenherd.
Der Monotheismus sah es schon richtig: Solange besonders wir Männer solch ein Verklärungswerk taten, also das allem Geschlecht Unreine ikonografisch verstellten, blieben wir Tiere – als ob wir, wenn’s uns überkommt, an einer jeden Zaunecke schnüffeln. Erhöhung ist Instinktersatz. Jetzt aber, mit Queer „und alledem“ (→ Freiligrath/Biermann 1978) können wir uns darüber erheben mit dem Geschlecht als pur sozialer Konstruktion – als endlich freier nur noch Geist: trieberlöst in die Indifferenz.
Verträge wie die oben genannten helfen uns dabei. Wir werden wirklich autonom – und vielleicht vom Schlimmsten noch erlöst: daß Frauen unter Schmerzen gebären. Allein das viele Blut und auch hier die Sekrete, sogar Exkremente – widerlich! Da gegen steht die Correctness Hand in Hand mit der Gentechnologie – nicht um die Männer gleichfalls gebären zu lassen (was theoretisch denkbar wäre, wenn auch nur mittels Kaiserschnitt). Vielmehr müssen es die Frauen bald wirklich nicht mehr tun. So läutet das Ende der definierten Geschlechter als einer Tyrannei des Instinkts das uns erlösende Zeitalter ein. Wir wollen es das replikante nennen – und sehen’s als krönende Phase des Anthropozäns, die keiner Kultur der Sublimation mehr bedarf, noch der übel (→ „un admirador“) verklärenden Künste.

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ANH

Jan./Feb. 2020

 

 

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