Zum Hinknien berauschend. Augustin Hadelichs Sonatas & Partitas von Johann Sebastian Bach.

[Geschrieben für und veröffentlicht
bei → Faustkultur im März 2021]

Wie oft im Leben widerfährt uns dies, gerechnet, sagen wir, auf meine sechsundsechzig Jahre? Als Kinder dauernd, als Jugendliche oft und bisweilen noch als junge Erwachsene. Dann wird es damit selten. Wir kennen schon zu viel, obwohl es das nicht geben können sollte. Doch wenn, wenn es wiederkommt, ergreift es uns total – mir zuletzt geschehen mit Theodor Currentzis. Von seiner und Kopatschinkajas Interpretation des tschaikowskischen Violinkonzertes habe ich mich über Tage hin so wenig erholen können wie zuvor von Ramirers Variation auf Johann Sebastian Bachs Ricercar a 6. Und nun geschieht es in so kurzer Folge bereits das dritte Mal.
Also. Ich bekam von Kathrin Hauser-Schmolck die Mitteilung, es seien Bachs Partiten und Sonaten für Geige solo von einem Augustin Hadelich neu eingespielt worden, dessen Name mir zwar überhaupt nichts sagte, so daß ich ohne die Nachricht ignorant an ihm vorbeigegangen wäre. Doch gab es den verschlüsselten Link auf hochgeladene Tonfiles im Netz, und weil diese Stücke zu meinen allerliebsten Musiken zählen, rief ich die Site auf. Nein, Besond‘res erwartete ich nicht, tat es nämlich mit Vorurteil: Alle mir bis dato zu Ohr gekommenen Interpretationen werden, nein … jetzt: wurden von einer Aufführung weit, weit überragt, in deren Besitz ich alleine wegen einer auf Cassette mitgeschnittenen Radioübertragung gekommen bin. Shlomo Mintz, 1985 in Salzburg. Niemand seither hat, nein … hatte das zentrale Stück, eine Jahrtausendmusik, derart intensiv und auch jugendlich und in keiner Weise so – zugleich präzis wie unakademisch – erfaßt wie er. Ich meine selbstverständlich die Chaconne (bei Bach italienisch Ciaccona), von der ich nun im Booklet, formuliert von diesem Herrn Hadelich, lesen mußte … Entschuldigung, durfte, es sei vielleicht das bedeutendste je für die Geige geschriebene Stück. – Ja, ist es, Herr Hadelich; jedenfalls kenne ich kein andres, das es wäre.
Wie auch immer. Ich lasse also das erste Adagio spielen und werkle derweil an meinen eignen Sachen weiter. Was schon nach zwei Minuten nimmer geht. Es war ein Schauder, was mich überlief. – Aufstehen also, weg vom Schreibtisch und um den Schreibtisch herum in den Musikstuhl (nein, der ist bei mir nicht weich, sondern holzig hart; wir woll‘n doch konzentriert sein). – Schon der nächste Schauder, fast ein Erschrecken. Was macht der Mann da? Wie macht er es? – Eine fast mythisch-unheimliche Kraft pocht aus den ProAcs, aber nicht getragen, sondern drängend, willensvoll, lustvoll. Und nahezu umstürzlerisch, durchaus Currentzis wie Kopatschinskaja verwandt, aber anders als diese, na logisch, ausgesprochen männlich. Vom Zugriff, also seiner Kraft, muß ich an Janos Stalker denken, dessen Interpretation der Cellosuiten Bachs ähnlich auf mich wirkte wie Shlomo Mintz an der Geige. Doch hier klingt noch etwas anderes, und fordert, hindurch. Nicht ohne subversive Süffisanz erzählt Hadelich im Booklet, Bach habe zwanzig Kinder gehabt. Wer denkt da nicht an die vielen, vielen Male, die unbeknospet blieben? Das eben ist Bach auch, wir machen’s uns nur selten klar. Ein Vögler im Wortsinn vor dem Herrn. Genau das holt Hadelich hervor, wischt die hehre Heiligkeit einfach zugunsten der Lebendigkeit beiseite. Es ist dieses Leben, was die Schauer verursacht.
Momentan bin ich schon in der zweiten Sonate, der Höhepunkt, sechs Sätze weiter, steht erst noch bevor. Und trotzdem: Schweißausbrüche. Wann noch schafft das eine Musik bei mir, jedenfalls eine mir so sehr bekannte und – Todesstoß jeder überwältigenden erotischen Erregung – vertraute? Sexualität sei kein Spaziergang im Grünen, schrieb die große Camille Paglia. Bach indessen, bei Hadelich, tanzt, nein, ravt! Von dessen Virtuosität, die ich voraussetze bei Instrumentalisten solchen Rangs, will ich erst gar nicht sprechen. Oder doch, also darüber, daß jede Themenlinie selbst in den heikelsten Dreiergriffen trotz des oft enormen Tempos so kenntlich bleibt, als würde man parallel die Partitur mitlesen. Nur daß einer wie ich, der nie ein guter Sprinter war, restlos außer Atem kommt, um damit Schritt zu halten, Hörschritt, Gefühls- und Sinnesschritt. Meine Güte, wie beschreib ich das?
Da steht mein Sohn in der Tür, einundzwanzig Jahre alt und Hiphop-geprägt. „Hey, Pa, ich …” verstummt, hat mich auf dem Musikstuhl sitzend erblickt, genau zwischen den Boxen mittig des hintren Schenkels des gedachten gleichseitigen Dreiecks. Wie es bei Hörpuristen sein muß. Und gewissermaßen hebt er das Ohr. Lauscht. Dann, leise: „Pa, was ist das? ‒ Eigentlich wollte er vom Vater nur seinen Espresso bekommen. Der auch schon aufsteht. – „Nein, bleib sitzen.” Und setzt sich selbst, auf die Couch.
Er kam just, als die Ciaconna begann.
Jetzt höre ich von der Couch immer wieder mal ein Aufseufzen, sehe hin, er sitzt vorgebeugt da, lauscht, schüttelt von Zeit zu Zeit den Kopf, als könnte er’s nicht glauben. Hadelich hat ihn erwischt wie mich. Nicht seine Musik, nein, gar nicht. Also Adrians. (So heißt er). Oder nur wenig. Jetzt völlig.
Wir hören die Ciaconna zuende. Dann dimme ich die Lautsprecher weg. „Nun aber deinen Espresso.”
Zwei Stunden lang sprechen wir dann über nichts als über die Musik.
Als er gegangen ist, setze ich mich hin und schreibe Frau Hauser-Schmolck, sie möge mir bitte die CD zukommen lassen. Ich wolle diese Einspielung rezensieren, sie aber unbedingt in voller Dynamik hören können. – Drei Tage später ist sie hier. Seither höre ich nichts andres mehr. Ich bin mir sicher, daß mich meine Nachbarn mitsingen hören, der ich singen gar nicht kann. Na, besser, als daß ich mit, wie sonst oft, -pfeifen würde.
Auf eines der Geheimnisse dieser Aufnahme, die auch, wie Hadelich andeutet, als Erwiderung auf die Zumutungen durch Corona entstanden ist, komme ich recht schnell; ist auch nicht schwierig, denn er erzählt davon. Er spielt mit einem Barockbogen, mit dem sich, ich zitiere, „eine leichte, federnde Artikulation (…) leichter erzeugen läßt. (…) Die Seiten lassen sich mit viel mehr Energie anpacken, ohne daß ich mich sorgen müßte, daß der Klang zu rau(h) oder zu expressionistisch wird. Passagen mit Dreier- oder Viererakkorden klingen flüssiger, tänzerische Sätze tanzen mehr, langsame Sätze singen mehr.” Genau das ist es: Dieser Einspielung ist ein durch alle Höhen und Tiefen, vor allem die Höhen klingender Gesang. Doch das eigentliche Geheimnis hadelicher Bachkunst muß durch die Adern dieses Mannes fließen, materiell: ein Klangblut, das nicht nur das Gehirn durchzieht, sondern ein jedes, jedes Körperteil berührt. Und es mit einem Glück versorgt, an das wir schon fast nicht mehr glaubten.

In den Zeiten Covid-19s
Alban Nikolai Herbst spricht
Ein Gedicht für jeden Tag
Zweiundsechzigster Tag.
Zweite Serie, sechsundvierzigster Tag:
Der Engel Ordnungen

|| “Hirnphysiologie” ||

Alban Nikolai Herbst
Der Engel Odnungen
Gedichte
ISBN: 3866380070

Das melancholisch wohlgelaunte Arbeits- als Erledigungs(1)journal mit der Steuer sechstem, nunmehr abgehaktem Tag, nämlich geschrieben am Montag, den 9. November 2020, dessen Morgenfrüh, wie gestern in die Nacht schon der Abend, voll Goldberg ist, von Tepfer.

[Arbeitswohnung, 7.06 Uhr
Dan Tepfer, Bachs Goldbergvariationen, 2015 in Madrid]
Hinweis und Link verdanke ich Freund Faure; → Ramirer freilich war schon im Bilde, der mir am selben Tag, nur etwas früher, seine Transkription der Goldbergaria schickte, No 1, welcher nunmehr auch seine Improvisationen folgen werden oder seine, im Präsenz, eine durchgehende Improvisation. Das ist nun bei Tepfer auch so: Jeder bachschen Variation auf das berühmte Thema ließ er eine eigene folgen, hören, Freundin, Sie ihn etwa hier:

Welch, dachte ich sofort dazu, schöner Mann zumal! Mein Herz, als Frau,
wär ja schon jetzt gebrochen; schaun Sie beim Spielen nicht nur auf die Hände; sehn Sie, Geliebte, wie die Fasern unter seiner Haut in die Unterarme laufen und dort anders spielen; ein Tanzen seiner feinsten Physis; Panthermuskeln spielen so (musculus heißt “Mäuschen”). Aber nicht nur dies, vielmehr … Wenn Sie die anderthalb Stunden gelauscht und mitge-,im Mäuschensinn,spielt haben, schalten Sie nach London um, → in die Wigmore Hall, und danach dann → in Tepfers Privaträume noch, in denen er zu Covidzeiten nun allwöchentlich einen kompletten, nämlich langen Podcast produziert, den er bei Youtube ins Netz stellt. Und jetzt entfliegen uns die Ohren, wenn wir nämlich wahrnehmen, daß jede seiner, Tepfers, Improvationen auf Bach eine momentane ist, ganz wie der Jazz es will; nichts ist hier notiert, fest”geschrieben” freilich – durch die Bilder nämlich – schon, bewahrt für Dauer doch. (Wem fiele da, sofern gebildet, → Benjamin nicht ein?) Da Tepfer nun aber auch Musikpädagoge ist, füllt er seine Podcasts mit Erläuterungen, die selbst Massiaen berühren, ja die Modernsten kommen vor, etwa György Kurtàg. Und → hier

ab Minute 38’31
,

baut er ein Musikstück sogar in graphischen Fraktalen auf. Ich konnte vor Spannung nicht anders als zu- und zu- und zuzuhören, wobei die Schlichtheit zudem, in der er auch mit Versprechern vorträgt, ungemein sympathisch ist. Und wie er — Covidzeiten, ecco — zur Anerkennung seiner Arbeitsstreams um die Überweisung von 5 $ bittet (oder, wie er lächelt, mehr); ich werde dem nachkommen, finde es angemessen und gerecht, muß nur noch die Kontoverbindung herausbekommen. Und

wie gesagt, als Frau, ich

Doch zurück ins Goldbergohr. —

So sah’s dann abends auf dem Mitteltisch aus:

Erledigt also, alles (fast). Die Erklärungen, beide (ESt und Umsatzsteuer) gingen nachts noch per Elster hinaus. Wiederum die Pässe liegen da, weil ihre Gültigkeit im Januar ausläuft, ich also neue beantragen und dazu ins Bürgeramt muß, heute um 14.24, ja Sie lesen richtig, “24”. Da macht sich jemand schrecklich wichtig, aber es ist für Berlin ja bekannt, daß um Termine in den Bürgerämtern mittlerweile ein Vierteljahr voraus gebeten werden muß, und man bekommt durchaus keinen im eignen Kiez, mit Covid nun erst recht nicht. Und, nun ohnedies im Erledigungssurfen, eigentlich wollte ich den dringend anstehenden Waschsalonbesuch noch davor einziehen, aber schon gestern merkte ich, überhaupt kein Kleingeld hierzuhaben, und morgens um sieben wechselt einem niemand einen großen Schein, verständlicherweise.
Also mich um kleine Scheine heute kümmern (5er und 10er, am besten jeweils drei) und die “gewonnene” Zeit für die Dichtung nutzen, die doch arg brach bei mir grad liegt. Einfach nur ein Gedicht, dachte ich eben, bei dem ich Silben zählen muß. Und nach dem Bügeramtsbesuch das Krafttraining hier an den Slings; anders → als gestern lockt heut das Wetter alles andre als hinaus. Neblig, trübe, klamm. Da mag man das TRX-Band

Wahnsinn! Tepfers Prestissimo-Improvisation direkt nach Bachs im Presto,
oberster Link, Madrid, 1h10’19” — hier fliegen uns die Ohren weg!

nicht um Draußenäste schlingen …

Ach so, es sieht so aus, als hätte Trump nun doch verloren, auch wenn sein Sohn zum — ist’s zu fassen? — “totalen Krieg” gerufen habe. Und in der Tat, gewonnen haben die Republikaner ja nun irgendwie doch. Vielleicht aber läßt sich die tiefe Spaltung der Vereinigten Lande europäisch beheben: Wir nehmen einfach die Küsten dort zu uns, im Osten runter — weil’s sich so reimt bis runter, sagen wir, Boston —, vom Westen Kalifornien insgesamt, so haben wir mehr Meer, und Emmanuel Macron heißt unser Präsident. Zum Ausgleich bekommen drüben die das merryalte Brexit-England, wobei noch nicht klar ist, wie es sich rein geologisch von Schottland trennen läßt, aber da könnten wir plattentektonisch den Staat New York gut an- und also einnähen. Die Trumper blieben so für sich; allerdings wären noch die Indianer vor den Rednecks des mittleren Westens zu retten, deren – jener! – Reservate sich aber gut auf den Balkan umpflanzen ließen; es ist ja zutiefste Weisheit gewesen, die bundesdeutschen Karl-May-Verfilmungen der Sechzigerjahre im untergegangenen Jugoslawien zu drehen, also die mit Winnetou und seiner süßen Schwester Versini. Nun wird die Weisheit Prophetie — und wir, wir könnten uns endlich um unser Altes Europa kümmern, anstelle dauernd auf die USA zu starren. Ums nämlich mare nostrum, ohne daß es gar nicht wäre. Geboren wurde der in New York City lebende Dan Tepfer in übrigens — Paris.

Ihr melancholisch wohlgelaunter
ANH

 

 

Marah Durimeh! Aus der Nefud, vom letzten Tag des dritten am zweiten und dritten des vierten Kreises geschrieben. Mittwoch, der 1., und Donnerstag, der 2 Juli 2020, den nämlich drei- und vierundsechzigsten Krebstagen.

 

[عالم آخر.صحراء النفود
6.03 Uhr, 72,8 kg]
[Bach/Ramirer, Präludium & Fuge XVIII]
Das Wohltemperierte Klavier, Buch II]
2. Juli (يوليو) 2020
mit Röhrerich (r.) zur gemeinsamen Morgenmeditation

Meine Ahnung bestätigte sich — oder, vielleicht, hat sie, was dann geschah, geschaffen: eine zitternde, weil nur ungefähre und auch nicht zu allen Zeiten stetige, das heißt eben: ungewisse Seite meiner poetischen Ästhetik; so sehr rührt sie vielleicht nicht an Mystik, berührt sie aber doch. Worüber zu sprechen ich gerne, als Realist, vermeide: Vorhang meines Saïs.

Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.
Schiller,
Das verschleierte Bild

Nun gehn wir zur Wahrheit in aller Regel alle durch die Schuld, die erkenntnistheoretisch nichts andere als ein Irrtum wider bessres Wissen (oder Ahnen) ist. Und ich, nun jà, dachte ich meditierend soeben vor dem Zelt – es meditierte in mir – bin auf dem Weg zur Wahrheit meines Körpers durch die ihm zugemutete Schuld des Geistes, die sich als Liligeia nun ineinander repräsentieren: Lili-Gäa eben oder auch, worauf Schiller wie Novalis verweisen — Isis. Die nun unversehens ins → letzte Béartgedicht nicht nur “paßt”, nein, hinein sogar muß. Immerhin  ist die Isis lactans das Urbild Mariae mit dem Jesukind.

Also wir stürmten, muß ich schreiben, mit unserer kleinen Kamelkavalkade von den Sanddünen gegen das die Wüste immer wieder flankierende nicht sehr hohe, aber doch schon der Farben wegen eindrückliche Gebirge; ich weiß nicht, ob ich schon jemals solch Variantenreichtum von Rot gesehen habe, Farbschattierungen, für die Araber sehr wohl Bezeichnungen, wir hingegen nicht mal einen Sammelbegriff haben; naheliegend wiederum für Menschen, die hier leben. Das Scots etwa kennt 421 Wörter für Schnee; daß allerdings auch die Inuit über solch eine Ausdrucksfülle verfügten, ist eine, → las ich gerade, Mär, die offenbar, um kurz zur “Mystik” zurückzukommen, nicht dazu geführt hat, sie aufgrund der Idee wirklich entstehen zu lassen (→ Realitätskraft der Fiktionen):

 

 

Hier aber nun

— eine Schlucht hatte sich geöffnet, hinter der sich das, ich nenne es so,
Tal der Durimeh öffnete, das eine Art ausgedehnter Oase, wenngleich in
keiner Weise märchenhaft ist, sondern in seinem kraterähnlichen Zentrum nichts als ein sich um die Quelle und unter ein paar
Palmen gruppierender, ziemlich staubiger Ort, der vor allem eines ausströmte: Verlassenheit; doch zog sie sich dauernd um, je tiefer wir hineinritten, wechselte ein Kleid nach dem andren, bis sie, diese Verlassenheit, etwas Schrebergärtiges bekam, etwas von nicht geschnittenen, ungehegten Johannisbeersträuchern, improvisiertem Gewächshaus-in-klein und mitten darin eine dieser über und über bildbesprühten , dachte ich erst, BVG-Baracken, wie man sie in Berlin immer wieder noch findet. Diese hier erinnerte mich sogar extrem an das aufgelassene Gebäudchen der vor sich hin sinnierenden  Zwischen-Endhaltestelle der M10, eines, obgleich mitten in der Stadt, nahezu ebenso solitären wie zeitlosen terrasseflachen, von sowohl neuen wie sehr alten, grasüberwachsenen Geleisen durchzogenen  Raums mit zwei Plattformen für mögliche Fahrtgäste – insgesamt aber wohl nur dann genutzt, wenn im gleich angrenzenden Stadion ein Fußballspiel stattfindet; genau sie aber, genau diese Baracke, war unser Ziel —

war es offenbar so gewesen, die Fiktionen hatten ihre Kräfte spielen lassen und die Realität mehr als nur beeindruckt  — denn tatsächlich, kaum hatten wir uns bemerkbar gemacht, erschien eben diese Marah Durimeh, wie ich es → meiner Lilly schon quasi propheizeit hatte.  Wobei ich mit Durimeh natürlich die schwarz gekleidete Greisin meine, die uns → Adullahs Gärten geöffnet hatte, nicht etwa Karl Mays — und → seines Nachschreibers Kandolf (nie gelesen; ein Versäumnis? der Mann hatte einen richtigen Instinkt) — “tatsächliche” Figur. Meine Güte, über eine Woche liegt auch das schon wieder zurück, daß sie uns öffnete (und aber auch gleich wieder verschwand)! Nur daß sie jetzt weder schwarz gekleidet — sie trug vielmehr ein, wie May es will, strahlenden Weiß — noch auch nur entfernt Greisin war; es war vielmehr ihr Alter in keiner Weise ausgemacht, es flirrte wie die noch jetzt, gegen Abend, heiße Luft, und obwohl Frau Durimeh (sie nannte sich völlig anders, stellte sich mit dem etwas schwedisch klingenden Manna Jansen vor, “Manuela eigentlich, ich hab das schon als Kind gehaßt”) die Sechzig in jedem Fall überschritten hatte, muß ich ich sie ausgesprochen schön nennen. Und nebenbei wird hier der eigentliche Grund für Mays einander auf erstes Lesen widersprechende Beschreibungen deutlich —

Ich (…) erblickte eine alte Frau, deren Äußeres mich schaudern machte. Sie schien über hundert Jahre zu zählen; ihre Gestalt war tief gebeugt und bestand wohl nur aus Haut und Knochen; ihr fürchterlich hageres Gesicht machte geradezu den Eindruck eines Totenkopfes (1882) | Sie war gewiß hundert Jahre alt, doch ihre Gestalt stand gerade und hoch aufgerichtet; ihre Augen hatten jugendlichen Glanz; ihre Züge waren seltsam schön und weich (1904) | Ich (…) sah eine ganz eigenartige schöne Frau, deren Alter so hoch war, daß es, wie ich später erfuhr, gar nicht mehr bestimmt werden konnte (…), und in ihrem hochedel geformten Gesicht war fast keine Spur einer Falte zu sehen (1908)

Wikipedia irrt hier in der Meinung, Karl May habe seine Schilderungen von Kara Ben Nemsis erstem Zusammentreffen mit ihr seiner neuen Sichtweise erst später angepasst; Tatsache ist, daß er, Ben Nemsi also, seine ersten Eindrücke im Wortsinn nur nicht nicht fassen konnte, wahrscheinlich schon deshalb nicht, weil seine historischen Zeit noch bleibend geprägt vom Konzept fester, ein- für allemal bestimmter Identitäten war — anders als Alban-Ben-Nemsi-ich, dessen poetische Perspektive bereits früh unsere Ichkonturen sich ineinander verschwimmen ließ. Und anders als mir, dem entschiednen Hetero, mußte dem, ich sag’s mal mit leicht perfider Ironie, platonischen Frauenfreund der jugendliche, durchaus etwas perverse, ich möchte sogar schreiben lillische Sex entgehen, den sie und jede ihrer Bewegungen, diese rein für sich, derart … ja, emanierten, daß sich meine Lider wieder und wieder auf Spaltenge zusammenpetzen mußten. Und wie schon am Eingang der Gärten nahm sie ganz allein von mir Notiz, was ihr der Stammesfürst Faisal auch diesmal nicht zu verübeln schien, und sprach alleine mich an. Wobei sie nicht lächelte, ihr Gesicht blieb unbewegt wie seines. “Dann kommen Sie mal mit.” Da saß ich noch auf Röhrerich!
Blick zu Faisal, der nur – was, dieses “nur”, “nahezu bewegungslos” bedeutet – nickte. So rutschte ich rechtsseitig von meinem Reittier, das sich nicht einmal legen mußte. Ich hatte einen wirklich guten, beschwerdefreien Tag, nein, schon zwei solche Tage hintereinander gehabt, oh Dank Dir, Liligeia! – war geradezu wieder in Form, ließe sich’s sagen.
“Gehn Sie nur, mein Freund, wir errichten derweilen das Lager.” – Leichte Unterarmbewegung Richtung ben Gamael, der sie gegenüber den Gefährten wiederholte ohn’ Ansehns ihres Standes. – Schon war Bewegung in der Karawane. Die Dromedare röhrten, was, wie ich unterdessen weiß, zu ihrer Disziplin gehört, womit ich deren Lockerung meine. Die stoischen Tiere kommen mit Veränderungen anfangs nie klar, während sie eingetretenen Abläufen quasi unendlich folgen können. Deshalb bedeutet eine Pause immer auch ebensolche Unruhe wie ihr Ende. Immer dann geht so ein allgemeines Konzert los, ich hab’s ja → da schon mal vorgeführt:

Doch als ich der Durimeh in die BVG-Baracke gefolgt war und indem sich hinter uns die Tür schloß, war das Geröhre mit einem Schlag ebenso weg wie jedes andere Außengeräusch. Es wurde statt dessen so enorm still, daß zu sprechen sich wie eine kleine Schändung angefühlt hätte. Deshalb folgte ich der Durimeh fraglos durch den für den doch sehr kleinen Bau viel zu langen Gang, bis wir rechts durch eine angelehnte Tür, die Durimeh nun  hinter uns verschloß, in einen sehr viel eher japanisch denn chinesisch wirkenden Raum eingetreten waren, und der Orient war gänzlich verschwunden.
“Wie halten wir es mit den Masken?” Sehr klarer, kühler Aufblick Durimehs. Erst da fiel mir auf, daß wir coronahalber beide solche trugen. Also war ich wieder in Berlin. Ich kannte sogar die Straße, Seelingstraße, westlich der Charlottenburger Schloßstraße. Vor Jahren hatte hier → der wilde Eigner zwar ungern, vergleichsweise aber gut gelebt, mit damals noch einigermaßen intakter Familie. Hier war der kleinen Familie einmal der für den Berliner Hochsommer zu prallevolle Olivenölballon geplatzt, so daß nahezu zehn Liter besten, aus in Olevano eigener Ernte gewonnenen Olio vergines den Kühlschrank hinuntergeflossen waren und als daumenstarke Schicht den gesamten Küchenboden bedeckt hatten. Was zu einem Irrsinnswutausbruch geführt hatte, Eigners, der das Problem indes nicht löste. Dieses zu tun überließ der Berserker seiner Frau – was angesichts seiner Cholerik zwar rücksichts-, doch ausgesprochen sinnvoll war. Es war ja auch ein kleines Kind noch da. Besser, seine Wut und er verließen die Wohnung und er ertränkte sie. Wobei wahrscheinlich schon da eine der Szenen vor ihm aufstieg, die LICHTERFAHRT MIT GESUALDO zu solch einem Abschiedsgesang macht:

Aber da haben wir sie auch schon, die verschiedenen Klangfarben des Textes, geführt wie die Stimmen eines Madrigals; die unaufhörliche Fortbewegung als Kontinuum, Becks Erzählung als treibende Melodie, Redderichs Gedanken und spärliche Einwürfe als zweite Stimme, die sich hin und wieder verliert, nie aber abhanden kommt.
Ulrich Faure, Rheinischer Merkur

Daß mir das jetzt und ausgerechnet hier wieder einfiel! Hätte ich’s nicht schon sofort wissen müssen, als mir die Adresse genannt worden war? Ich spreche immerhin von Berlin! Indes kam meine Erinnerung an all dies erst zurück, als ich mit dem Fahrrad noch auf dem Kaiserdamm war und gleich rechts abbiegen mußte. Ich hatte es wahrscheinlich verdrängt, weil mir andernfalls sofort Eigners, muß ich jetzt schreiben, Totenbett und die, ich weiß nicht mehr genau, drei? Monate seines Komas  im Urbankrankenhaus eingefallen wären, eine Lebensendsituation, die für diesen freien, schimpfenden, kämpfenden Mann erniedrigender war als jemals etwas zuvor. Und stehe, ich, jetzt vielleicht genauso davor.  Es muß nur etwas schiefgehn  bei der Operation, oder ich wache aus der Narkose nicht mehr auf. Dann werde ich ebenso hilflos daliegen, und ehrlos. Daran nicht denken! Aber für diesen Fall alles vorgeordnet haben. — Einen Schwamm, einen nassen, nassen Schwamm! ——— Ah, hier hat doch auch meine Cellolehrerin gewohnt ..! Neufertstraße, Die ersten Zehnerjahre dieses Jahrtausends … Trennungen, Trennung, der BuchprozeßMEERE, ja MEERE … Welch Wasserfall von Erinnerungen! Ein früheres Leben in einer anderen historischen Zeit … – nur schnell zurück in die Wüste! Nur schnell der Nefud Sand darüber:


Aus dem die Jansen fragte, nun wieder ganz Durimeh: “Lassen wir sie auf oder halten wir Abstand?” – Was auf? Ah richtig, die Masken. Wir saßen mittlerweile an den gegenüberliegenden Seiten eines kleinen Behandlungstisches.
Sehr sympathisch, daß sie die ihre jetzt abnahm; ich tat es ihr nach. “Nur wenn ich mir Ihre Zunge ansehen, werde ich sie wieder aufsetzen. Einverstanden?”
Und sie begann mit der Anamneseerhebung. Dann sah sie sich tatsächlich meine Zunge an, die ihr offenbar nicht recht gefiel, “aber darüber reden wir ein andermal. Jetzt erst einmal Ihren Puls. Bitte beide Hände mit den Flächen nach oben hier drauflegen,” hier waren je ein Kiss’chen, “so, ja, entspannt bitte.” Sie fühlte nach dem Puls, schloß die Augen, rechnete. “Sie haben einen starken Puls”, befand sie dann und präzisierte: “einen drängenden Puls.” Woraus sich auch schon die vorerste Diagnose ergab, ein starkes Ungleichgewicht von und zu schweren Ungunsten des letzteren, also daß in mir extrem ausgebildet sei, was mit Feuer, Wille, Aktivität zu tun habe, indes die Stille und Ruhe komplett unterrepräsentiert seien — ein, freilich, Befund, der bei einem ADHSler nicht wirklich verwundert. Es komme also darauf an, gerade jetzt meine Yin-Seite zu stärken, die ich instinktiv “die weibliche” nennen wollte, wäre das nicht wieder ein schwerer Verstoß gegen das soziale Genderkonstrukt und könnte mir erneut als Äußerung meines schon krankhaften Machos ausgelegt werden. Andererseits machte es einsichtig, so hoff ich jedenfalls, weshalb ich das Weibliche so ehre und immer wieder als etwas anrufe, dessen (“deren” !!) ich lebensnotwendig bedarf. Allein in diesem Verhältnis sind die Hymnen des → Béartzyklus wirklich zu verstehen.
Doch Durimeh, trotz ihrer Ausstrahlung, war nicht die Art Frau, mein viriles Bedürfnis zu stillen. Es war auch nicht ihre Profession, erst recht nicht ihre Absicht. Vielmehr projezierte sie die Erfüllung zurück in mich selbst: alles habe in mir zu geschehen, eben ohne ein Außen, und wenn es noch so weiblich mir Anima wäre.
So legte Marah Durimeh quasi den Finger auf meine Sehne des Achills. Und wurde extrem herb — wie um mir jede Möglichkeit zu nehmen, sie als Projektionsperson doch noch zu nutzen. Es trat eine in der Tat erstaunliche Ähnlichkeit zum ganz entgegengesetzten Verfahren zu Tag, das vor anderthalb Jahrzehnten → meine Psychoanalyse bestimmt hat; beide Disziplinen spielen mit dem Übertragungsprozeß, die eine, indem sie’s auf ihn anlegt, die andre, indem sie ihn strikte verweigert. Und darauf, daß ich eigentlich “nur” wegen der begonnenen  Neuropathie hier war, ging die Zauberin erst ein, als ich’s direkt ansprach. Woraufhin sie mir sogar einen Zweifel herüberspiegelte, daß ihre Therapien dort helfen könnten, jedenfalls ohne insgesamt mich “chinesisch” einzustellen – worauf ich zwar neugierig wäre, nicht aber in irgend ergebenem oder auch nur bereitem Sinn, das ideelle Grundkonzept zu akzeptieren. Dennoch, an die Akupunktur wollte ich schon deshalb unbedingt, ich noch niemals eine erlebt hatte.
Zu der es dann auch kam.
Wir wechselten das Zimmer. Im anderen standen zweiteilig-spanische Tatamiwände, vermittels derer sich Bereiche abtrennen ließen, visuell zumindest; hinter deren einer solle ich mich barfuß auf die Liege legen, über die Frau Durimeh vermittels einer unter dem Kopfteil angebrachten Einspannrolle eine Papierdecke aufzog.
“Entspannen Sie sich, ich setze Ihnen jetzt die Nadeln.” Die erste kam in den genauen Scheitelpunkt meines Schädels. Sie piekste am meisten. Zwei weitere kamen in die Füße. Hier merkte ich kaum etwas. “Ah”, so die Jansen, “da ist Ihr Empfinden schon sehr verloren gegangen.” – Beruhigend, daß es an den Waden wieder mehr piekste. Schmerz kann einen auch beruhigen, und eine. Dann noch der rechte Arm, eine Nadel oben in den Handansatz, eine letzte darunter ganz in die Nähe der Schlagader. “So, und jetzt ruhen Sie zwanzig Minuten. Es kann sein, daß Sie die Nadeln dann spüren. Sollte es zu unangenehm wird, rufen Sie mich bitte. Aber nach zehn Minuten komme ich ohnedies nach Ihnen schauen.” Womit sie mich verließ.
So daß ich zu dämmern begann – nicht sehr viel anders allerdings, wie wenn ich mich nach Empfang der jeweils neuen Chemoinfusionen immer wieder auf das Lager meiner Arbeitswohnung lagen muß. Anders aber eben doch, weil, nachdem ich noch erlebt hatte, wie Frau Jansen kurz zurückkam und “alles in Ordnung?” fragte und nachdem sie wieder fort war, ich in einen offenbar so tiefes Schlummern fiel, daß ich erst wieder zu Bewußtsein — im Infusionsraum meines Onkologen kam. Zu vollem Bewußtsein, meint das, in das, ich hing bereits am Tropf des Oxaliplatins, nur langsam die Erinnerung an eine Fahrradtour von der chinesischen Seelingpraxis zurück in die Arbeitswohnung wieder aufstieg, doch heftig von Dünen überlagert, sogar von einem kleinen Sandsturm und dann, wie mich ibn Gamael aus der BVG-Baracke abholte, Lars also, der doch bereits zum Team des Onkologen gehört, aber bereits in der Nefud repräsentiert für mich ist. Wobei ich gar nicht weiß, weshalb ich nach der Akupunktur so erschöpft war; ich hatte doch fast die ganze Zeit geruht! Dennoch, Lars mußte mich zu meinem Zelt bringen. Wobei mir all das eben erst wieder klar wurde, als ich bereits die vierte Chemo bekam: Initiation des Vierten Höllenkreises, der uns schließlich, wenn ich es überlebe, nach Aqaba Dir, Lilly, zuführen wird; da meines Wissens an einer Chemo noch niemand gestorben ist, jedenfalls nicht oft, der Übergang erst in unserer, ach Li, Vereinigungstrennung die Pforten lockend öffnet, wird dies auch für die Strahlungen zutreffen, für die ich darauf vorbereitet bin, daß ich sie noch mehr als die des dritten Kreises spüren werde — was bis jetzt, am nunmehr dritten Tag, aber noch nicht geschehen ist, sofern ich von → den gestrigen, tja, Anfällen? erstarkter Schwäche einmal absehe. Da war ich wirklich etwas verzweifelt, weil ich weder mit dieser Erzählung noch mit Béart XXXIII oder sonstigem weiterkam: selbst die für den Bamberger Lehrauftrag auszufüllenden Formulare ließ ich, nachdem sie endlich ausgedruckt waren, liegen.

Faisal läßt mir deswegen heute noch etwas Ruhe; auch sah ich noch einmal kurz die Durimeh, die uns nunmehr begleiten wird, um vor der irgendwann ab Mitte dieses neuen Monats anstehenden OP noch wenigstens zweimal ihre Nadeln zu setzen. Tatsächlich hatte ich seit heute beim Erwachen das Empfinden, es sei die Neuropathie vor allem in Füßen leicht zurückgegangen. Nach Aqaba selbst wollte sie, Frau Durimeh, aber nicht mehr mit hinein. Dieser Ort, sagte sie, sei allein für mich geöffnet. Ich hatte sofort den Eindruck, sie scheue sich vor Liligeia, als wäre es auch für sie gefährlich, meiner Krebsin unter die Augen zu treten, geschweige denn, ihr vor die Spaltbeine zu kommen – unter sie, heißt das…

Jedenfalls werden wir erst gegen elf/halbzwölf aufbrechen. Doch höre ich von der provisorischen Koppel bereits das Röhren wieder, weil unsere Tiere wohl schon vorbereitet werden. Ein Dromedar zu satteln, ist halt immer ein bißchen Aufwand. Ich werd mich jetzt mal über die Karten beugen, um zu schauen, wo wir eigentlich sind.

ANH, 10.38 Uhr
[Finzi, Five Bagatelles op. 23]

 

 

 

Lundkvist-Briefe, Schostakovitsch. Als Dank- und Arbeitsjournal des Montags, den 18. Mai 2020, dem nämlich schon neunzehnten Krebstag mit mittags der Chemo-Vorberatung.

Poesie:
Eine Wäscheleine ausgespannt zwischen einem Leuchtturm und einem Kirschbaum.
Artur Lundkvist, Poetik 2
(Dtsch. v. Friedrich Ege)

[Arbeitswohnung, 5.14 Uhr
Schostakovitsch, Streichquartett Nr. 2 A-Dur, op. 68]

Erstmals seit, ist mein Eindruck, langem wieder durchgeschlafen; nach dreißig Tropfen Novaminsulfon und einer Zolpidem gab es von 22.30 bis 5 Uhr  nicht einen einzigen Zwischenstop, nicht mal der Gleise Dehnungsfugen bekam ich mit, an die die Eisenräder stetig klopfen. Und noch etwas wie früher: Ich schlage die Augen auf und bin sofort zurück in der Welt, und gern. Mag sofort etwas tun. Jahrzehntelang habe ich so etwas wie “erst einmal wachwerden müssen” nicht gekannt, sogenannten Morgenmuffeligkeit sowieso nicht. Anläufe, um mich “dem Tag zu stellen”, benötigte ich erst, nachdem mich erstmals eine Depression erwischte, meist nach Trennungen, bis ich sie akzeptieren konnte, oder wenn mir das Betriebsmobbing nevermore noch abwendbar vorkam und mir jedes weitre Aufbegehren sinnlos geworden zu sein schien. Doch selbst das waren vorübergehende, meist sogar schnell vorübergehende Phasen, die erst in den letzten fünfsechs Jahren etwas Chronisches bekamen, ohne aber bereits meine Physis zu beeinträchtigen. Dafür klaffte erst ein Korridor auf, als mir bewußt wurde, ich dürfe nicht, wie ich’s mir doch so sehr wünschte, ein zweites Mal ein Vater werden. Darüber habe ich, Sie wissen es, Geliebte, im verstrichnen Halbjahrzehnt immer wieder geschrieben Und daß ich die Gründe verstand und den Ausschluß schließlich hinnahm. Genau das, spüre ich, war der Moment, daß → Liligeia ihren auch physischen Ort in mir einnahm. Die übrigens → wieder geschrieben hat, abermals eine Art Billet; ich habe, als ich’s eben las, sofort reagiert. Wobei mir gestern → lillyhalber etwas bewußt wurde, das mich fast umhaute; ich verdanke die Erkenntnis Frau von Stieglitz, die mich drauf aufmerksam machte … nein, darauf stieß. So daß ich mich ein zweites Mal dabei erwische, aus meinem Unbewußten abgeschrieben, nämlich unwissentlich eine Prägung reaktiviert  zu haben, die dann als etwas Neues, als ein eigener “Einfall”, in die Welt trat, obwohl es alles längst da und vor allem gar nicht von mir selbst war, sondern zum Werk eines anderen Künstlers gehört. Dennoch handelt es sich nicht um ein Plagiat, das ja Bewußtsein, sogar Absicht voraussetzen würde. — Doch hierzu insgesamt später mehr; ich möchte meiner Leserin auch nichts von der Beleuchtung nehmen, die, was sie gefunden hat, fiebrig wird erstrahlen lassen: schwarzes Licht des Unheims, wie Kinder die erste erotische Lockung erleben.

Vielmehr, geliebte Freundin, ist es Dank zu sagen Zeit. Denn in den letzten Tagen erreichten mich wieder und wieder teils bewegende, teils schlicht mir Beistand – welcher Art auch immer – zusichernde Nachrichten, meist übers Netz, doch bisweilen auch “richtige”, von Menschen ausgetragene Briefe, deren einem Leserin sogar 200 Euro, die ich allein der Krankenhauszuzahlungen momentan mehr als nur “gut” gebrauchen kann, “für vieles” beigelegt hat,

das ich in “Der Dschungel” lernen durfte, für Anregungen und dafür, daß Sie mir Mut machten, mich mit ganz anderer Literatur und Musik zu beschäftigen. (…) Ich wünsche mir so sehr, daß Sie den Kampf aufnehmen und ihn gewinnen. Sie waren in allem Körperlichen immer so mutig (…). Jetzt werden Sie auch dies schaffen und uns zeigen, daß es zu schaffen ist.

Seit ungefähr zehn Jahren lese sie in DER DSCHUNGEL, und gäb’s sie nicht mehr, sie würden ihr fehlen. Insofern finde sie, mir einen kleinen Betrag zu schicken, schlichtweg angemessen. Und eine mir einst höchst unmittelbar engstgewesene Dichterfreundin, von der ich aber nun, nach seither nahezu siebzehn Jahren, überhaupt nicht wußte, wie eng wir nach wie vor befreundet, ja aneinander sind, schreibt mir von sehr wahrscheinlich meiner “Hand am Schuh und im Schuh” und siezt mich nun, doch moduliert es aufs distanziertest Intime rhythmisch in ein mollbedecktes Du, das auf beklemmende Weise zu der Gabe paßt, die sie beigelegt hat: Dmitri Schostakovitschs sämtliche Streichquartette in einer Einspielung des Fitzwilliam String Quartets aus der All Saints Church in Petersham, Surrey, entstanden von 1975 bis 1977. Seit gestern laufen diese Musiken nun unentwegt, und zwar, wie ich es bei für mich neuen Gesamtaufnahmen meistens halte, von sozusagen hinten nach vorn. Erst danach folge ich der lebensgeschichtlichen Chronologie. Ich beginne also mit dem spätesten Werk und höre mich gegen den Zeitstrahl bis zum allerjüngsten durch – von der Nr. 15 aus Schostakovitschs Vortodesjahr 1974, mit 67 fast in meinem jetzigen Alter geschrieben, bis zur Nr. 1 des Jahres 1938; da war er zweiunddreißig und hatte bereits die berühmte fünfte Sinfonie geschrieben. Ich selbst in diesem Alter saß am WOLPERTINGER und Nabokov, in derselben Zeit – seines Berliner Exils allerdings – schrieb DIE GABE sowie die EINLADUNG ZUR ENTHAUPTUNG. Es gibt ein gutes Bild, sich solche Gleichzeitigkeiten vor Augen zu führen. Kein Jahr später marschierten die Hitlerdeutschen in Polen ein – durch jenen “Korridor”, den nun auch wieder, widerlicherweise, der NATO → Defender Europe 2.0 durchrollt hat, wenn am Ende auch, Corona sei ein “riesen” Dank, mit nur noch schwachen Panzern auf der Brust. Ceterum censeo Carthaginem esse delendam: Ich  gebe weiter stur den Cato und beharre auf einem Vereinten Europa, das nicht länger die US-Stiefel der NATO ableckt wie brav der Hund die Hand seines Herrn. Zumal der in nicht nur seinem heimischen Garten an Datschen fürs Foltern schon längst nicht nur mehr “heim”werkt.
Nun diese Streichquartette also, die, seltsam genug, von allem Beginn an frühreif schon von Todesblässe sind, gänzlich anders als Schostakovitschs von mir besonders in Keith Jarretts Interpretation geliebten absolut mitreißenden → Präludien und Fugen, Hingegen die Quartette durch eine Membran zu uns herübersingen, die wir nicht sehen, aber spüren können, als hinge zwischen uns und den Klängen der taftene Vorhang einer opaken Dimension, die eben nur diese, die Klänge, hindurchläßt, nicht aber Licht. Und dazu schreibt die Freundin, es sei

ein halbes Leben vergangen seit unserer ersten Begegnung. Aber die Erinnerungen sind durch das Blättern in den alten Notizheften wieder präsent. Die Dämmerung im Fenster, die Vögel. Die Taxifahrt ins Hilton. (Um 7 Uhr, als ich das Haus verließ, wischte ein Schwarzer das Teppenhaus.)

So erinnre nun auch ich mich und sehe Ihre Augen unter den, entsinne ich mich richtig, leicht geschlupften Oberlidern. Oh nein, ich bleibe selbstverständlich diskret  Doch ist es ein  Zufall oder bewußte Anspielung, wenn Sie zur Beschreibung Ihres gegenwärtigen, mir als “Ungeduld und Lebensgier” ausgesprochen bekannten Zustandes ein Wort verwenden, das sich auf den Titel eines Gedichtbandes der von mir mehr als nur verehrten Poetin → Katharina Schultens reimt?
Und dann, es grenzt an ein Wunder, nein, übertritt die Schwelle jedes solchen … dann zitieren Sie am Ende Ihres guten langen Briefes ausgerechnet Ungaretti – und zwar genau die Zeilen seines Gedichtes Allegria di naufragi, die im dritten Band meiner → Anderswelttrilogie zu einem geradezu zentralen Leitmotiv werden. Wissen Sie, aus welch einer Stelle diese Verse zum ersten Mal hervorleuchten? Da hat der waidwunde Söldner Pord-Color Kignčrs soeben Abschied von seiner verstorbenen – an Krebs (!!) verstorbenen – Geliebten genommen:

Zwei getrocknete, gleichsam staubige Tränenpfade führten über die narbige Haut seiner fleischighohen Wangenknochen zu den breiten Nasenflanken. Als er sich auf den Rücksitz des Wagens setzte, der ihn zur Vernehmung fuhr, murmelte er, aber die Leute verstanden ihn nicht:

E subito riprende
il viaggio
come
dopo il naufragio
un superstite
lupo di mare

Argo.Anderswelt, S.335

Das, ausgerechnet das zitieren Sie nun mir! Es ist wirklich nicht zu fassen. Mir wird schwindlig, geradezu benommen. Dabei bin ich mit all den Wundern dieses heutigen Journales noch gar nicht am Ende, auch wenn ich das meiner letzten Lektüre,  → ADA also, krebshalber unterbrochen habe und in die → Nabokovlesen-Reihe nun erst wieder hineinfinden muß (allerdings, versprochen!, es auch werde).
Und diese sanfte, ergebene, schon hinübergehende Ungeheuerlichkeit des letzten Quartetts im sowieso schon unheimlichen es-moll; ich kann nicht einmal sagen, wie, doch es klingt da etwas aus Schostakovitschs drei Jahre zuvor abgeschlossener letzten, der fünfzehnten Sinfonie mit ihren bisweilen ins fast tändelnd-Spielerische aufgelösten Wagner- nämlich Todesanklängen mit, doch ohne noch in den Witz Rossinis gebettet zu sein (Schostakovitsch trumpft da am Ende ja doch wieder auf – wofür es in der Wahrheit eines Streichquartetts nahezu prinzipiell keinen Raum gibt).
Diese Quartette werden mich fortan begleiten – Entdeckungen für mich wie es die Wilhelm Stenhammars und Vagn Holmboes waren; letztre übrigens auf Empfehlung jener Leserin, von der ich oben berichtet habe. Überhaupt ist DIE DSCHUNGEL ein dichtes Blatt- und Wurzelwerk musikalischer, eben nicht nur poetischer Osmosen und so, wie eigentlich meine gesamte Poetik, von Anfang an gemeint gewesen.

So schickte mir denn auch mein alter Lektor Delf Schmidt etwas in die Dunckerstraße, nämlich Dieter E. Zimmers Übersetzung einer nachgelassenen, nie zuvor publizierten Erzählung des großen Romanciers. Aber das hatte ich Ihnen, Freundin, glaub ich, schon erzählt. Richtig, vor drei Wochen → dort. Aber von → Artur Lundkvist nicht.

Auch wenn ich ihn nun jahrelang geradezu vergessen habe, er, der einst berühmte schwedische Lyriker, stand ganz am Anfang meiner eigenen lyrischen Versuche, deutlich vor Benn und deutlich auch vor Rilke; entdeckt haben muß ich ihn schon in Bremen, also vor 1981, wiewohl ich in meinen bei Kiepenheuer & Witsch 1963 erschienenen und gewiß antiquarisch erworbenen Auswahlband meine seinerzeitige Frankfurtmainer Adresse, Waldschmidtstraße 29, eingetragen habe; signiert aber habe ich das Buch noch mit Alexander Ribbentrop, was ich seit Bremen eigentlich nie getan habe:

Wenn ich heute auf die allererste Gedichtversuche zurückblicke (soweit es nicht persönliche, mithin per se schlechte Liebeserklärungen an Frauen, bzw. Mädchen waren), wird mir unmittelbar deutlich, wie stark Lundkvists Einfluß auf mich war. Das zeigt sich nicht nur im Motto meine ersten Buches, MARLBORO von 1981, das eben noch in Bremen geschrieben worden war –

Und einige liegen zusammengekauert im Tod wie nie zur Welt gekommene Wesen
Und alle sind nackt im Tod, 46
(Dtsch. v. Friedrich Ege)

  • sondern schon an diesem vor ein paar Monaten hier eingestellten → Mitschnitt von 1980, in dem ich Lundkvists Wäscheleinenmotiv (siehe ganz oben das Motto) aufgenommen und weiterverarbeitet hatte. Doch auch in einigen der alten Gedichte aus DER ENGEL ORDNUNGEN, etwa Frankfurt am Main im Oktober 1981, das folgendermaßen endet:

: am ruhigen Uferschwarz
des Mainglitzers Wasser

Es sind Verse von Lundkvist gewesen wie

der Mensch ist ein Begräbnisplatz für ungelebtes Leben.
Er befindet sich im Schatten seiner eigenen Handlung,
und er kennt ihn nicht. Er ist sein eigenes Licht

oder

mit Wasser des Traumes erfüllt zu werden,
das das andere Geburtswasser ist

oder

die Furcht ist so natürlich wie das Atmen, nur die, die fürchten,
sind fruchtbar
(…)
wählen wir nicht das Leben als Gefahr, Unsicherheit und Ver-
wandlung, werden uns die Bazillen besiegen,
Lundkvist,
Ich bin weich wie ein Stein,

was mich damals enorm bewegte und, ja, vorantrieb. Und was – wie ich erst jetzt, in den Endarbeiten meines Béartzyklus steckend, begreife – sogar noch meine heutige, meine “erwachsene” Poetik grundiert:

Frauen mit hohen Busen, schwarzen Augen, schönen Lenden,
schwellend wie weiße Stuten, sie zünden dunkelroten Brand
in unseren Herzen an – wir rasen, bitten und raufen mit
blutigem Messer

im Sommerwind
im Heidekrautduft
beim Drehorgelspiel –
raufen mit blutigem Messer!

Lundkvist, Tatarenballade

Wie da – um alle Göttinnen der Welt! – habe ich das vergessen, Lundkvist vergessen können? — Und nun kam eben dieser Brief.

Geschrieben hat ihn Wolfgang Roth, ein damaliger Frankfurtmainer, eigentlich Wiesbadener → VS-Kollege, eigentlich Pfarrer war und, nachdem wir uns längst aus den Augen verloren, als Wolfgang Martin Roth Therapeut wurde und irgendwann nach Wien gezogen zu sein scheint, wo er heute ebenso lebt wie meine Dichterkollegin, die mich mit Schostakovitsch so beschenkt hat. Es ist schon eigenartig, wie viel sich in den letzten fünf Jahren für mich in Wien zusammengezogen hat, gleich zwei meiner Verlag sind dort, meine geliebte Lektorin lebt dort ebenso, wie dort lange Zeit mein Dichterfreund Wolfgang Schlüter gelebt hat und eine ehemalige Gespielin immer noch dort lebt, nach wie vor mit mir befreundet, ein eigenwillig-grandioser Buchhändler, Dieter Würch, hat seinen tollen Laden → gleich in der Domgasse, und dann lebt auch noch David Ramirer dort. Was mach ich eigentlich noch hier? (So auch in Facetime gestern Phyllis Kiehl: “Es ist doch eigenartig. Wenn du öffentlich Zuspruch bekommst, dann eigentlich nur aus Österreich. Woran liegt denn das?” – Wobei es so auch nicht mehr stimmt, nicht mehr, seit ich dem Alten Neummansschmieden Kurt auf seinen allzu eitlen Fuß getreten; seitdem hat halt auch Wien die Gitter vor mir fallen lassen.)
Doch ich gehöre nach Berlin wie quasi nach Neapel. Und nach Sizilien manches Mal.

Egal. (Wischbewegung).

Wolfgang Roth also. Ihm scheine ich damals, es müssen die ersten Achtziger gewesen sein, “meinen” Lundkvist zu lesen gegeben zu haben — so daß es nunmehr zu dem jahrzehntespätren Wunder der Rückkehr eines verliehenen Buches kam. Und er schreibt mir, also Wolfgang, folgendes:

Was andres bleibt mir jetzt zu sagen als allen, allen D a n k e?

Und gegen 12.45 Uhr breche ich zur ersten Chemo meines Lebens auf, möchte → hinflanieren — in, behauptet Goopglemaps, siebenundvierzig Minuten und ergo selber Zeit zurück, was genau der Dauer meines täglichen Spazierengehns entspricht, da ich joggen zur Zeit wohl eher nicht sollte.

Ihr ANH

P.S. (19.49 Uhr):
Es war erst das Beratungsoprgespräch. Die erste tatsächliche Chemositzung ( die eher eine -“liegung” werden wird) findet morgen früh von 9 bis 13 Uhr statt.

Krebstag 11, Körperspannungs Morgennotat.

[Arbeitswohnung, 5.38 Uhr
Ramirer, inversus REMIX]

Einbildung? Nein, ich spür es ja (und habe es, noch liegend und die Decke bis unter die Knie zurückgeworfen, einige Zeit lang betrachtet):

Interessant, wie sich die Anatomie meines Körpers quasi herausschält – in solcher Schnelligkeit kenne ich es bislang nur von intensiven Phasen des Sports. Dort wird von “Definition” gesprochen; die Struktur und Plastizität der Muskeln ist damit gemeint. Nun aber sind es die Grundformen des Körpers selbst, die sich besonders unterhalb des mit jeder Rippe deutlich konturierten Brustkorbs ausdefinieren: Die Bauchdecke wird flach, geradezu eben; es gibt einen wunderschönen Hautbogen – ein glatter, von gestriemtem, dunkel schimmerndem Seidenhaar überzogener Hang – von den unteren Rippenbögen bis zum Nabel hinab.

Selbstverständlich hängt die spürbare Veränderung mit meiner neuen Eß-, das heißt wenigEßgewohnheit zusammen; einerseits bin ich trotz großen Appetites jedesmal enorm schnell satt, andererseits wirkt लक्ष्मीs strikte Keine-Kohlenhydrate-Diät (prinzipiell nur Fett und Proteine*). Auch hängt die nunmehr aus mir erschimmernde Schönheit, daß die Wandlung also in keiner Weise krank aussieht, sicherlich mit den ständigen frischgepreßten Gemüsesäften zusammen (Sellerie, rote Beete, Karotten), die ich über den Tag verteilt zu mir nehme (niemals zuvor habe ich → so gesund gelebt wie jetzt) – obwohl das Wort “herausschält” zurecht betont, daß an dieser Wandlung das Messer meines ständigen Bauchschmerzes, mithin der Tumor selbst, zumindest mit herumschnitzt.
In vier Tagen dreieinhalb Kilo verloren. Auch das kenne ich nur aus Zeiten exzessiven Sports, den ich aber momentan nicht treibe. Trotzdem fühlt es sich gut an, sehr gut, fast ein bißchen autoerotisch. Ich mußte sogar denken (immer noch im Bett), das ist dein Lohn für Schmerz, und meine Beobachtung bekam etwas Religiöses. Tatsächlich empfinde ich eine Art sich lösender Klarheit. – Nüchtern gesehen, allerdings, leite ich den “Lohn” aus dem dem Nikotinentzug abgerungenen Erfolg her, daß ich nunmehr den siebten Tag nicht mehr rauche und Rauchentzug “eigentlich”, indem sich der Stoffwechsel umstellt, zu einer Gewichtszunahme führt, der sich normalerweise nur über Sport entgegenwirken läßt. Was nunmehr statt dessen mein Krebs tut – ein für mich sehr deutlicher, zynisch kommentiert, → sekundärer Krankheitsgewinn.

{*) लक्ष्मीs Diät:
morgens und abends je ein Glas puren Selleriesafts | über den Tag verteilt einen Liter Rote-Beete-Saft plus gelegentlich ein Glas Karottensaft (Ölzugabe nicht vergessen); dito Aufguß aus geschnetzelten Ingwer- und Kurkuma-Wurzelstücken mit 1/2 Zitrone und Honig,  mind. einen Liter | morgens und abends je eine Pipette THC-Öl sowie in Wasser gelöste Heilerde |
kein Wein, kein Nikotin, keine Süßigkeiten; Ausnahme: ; 25 gr schwarze Schokolade (> 80 % Kakao)
kein Obst; Ausnahmen: Himbeeren, Erdbeeren, Heidelbeeren
kein Brot, keine Nudeln, kein Reis
kein “rotes” Fleisch; – erlaubt: Fisch, Kalb, Huhn, Pute usw.
Gemüse, Gemüse, Gemüse und – zu meinem Segen – Käse.}

[Ramirer, ORGANICS in C-Dur]

Coronas Alltag I. Mit Nabokov im Waschsalon: Metamorphosen. Das zweiundzwanzigste Corona-, mehr allerdings ein Lesejournal, nämlich des Sonnabends, den 25. April 2020. Nabokov lesen, 38.

[Arbeitswohnung, 7.28 Uhr]
Waschtag und zuhaus Mme LaPutz.

Um sechs bereits auf, es sind viele Maschinen, allein für die Bettwäsche, die ich vorziehe, vier. So früh los, damit auch genügend Waschgeräte noch frei sind; ich hab ja keine Ahnung, wie voll oder leer es drüben sein wird. Und nachher, wenn Mme LaPutz hiersein wird, die zweite Fuhre mit der übrigen Wäsche, ebenfalls. schätze ich, vier Maschinen.
Halbes Glas Latte macchiato getrunken, muß gleich wieder los. (Im Briefkasten zwei wunderbare Sendungen gefunden. Erzähl ich, wenn ich mit der Bettwäsche zurück bin, die aber erst mal in die Trockner muß.)

(…………….)

[9.18 Uhr
David Ramirer, inversus REMIX]
So, Bettwäsche eingeordnet, Bettzeug neu bezogen, den Rucksack mit den anderen Schmutzklamotten gefüllt (proppevoll — die Wascharie ist genauso dringend wie daß Mme LaPutz nachher kommt; und kommt sie, breche ich erneut zum Waschsalon auf; vielleicht steht dieses Journal dann bereits in DER DSCHUNGEL). Sowas also um Viertel nach elf das Zeug in die nächsten Maschinen, nochmal heim für eine Dreiviertelstunde – und wieder zurück, um die Wäsche zu trocknen und vor allem, was einigen Zeitaufwand bedeutet, alles schon mal gut zusammenlegen. Insgesamt geht bei einem Waschtag mindestens ein halber Arbeitstag verloren. Andererseits: All dies nur einmal alle zwei, gelegentlich anderthalb Monate, kein Vergleich damit, wenn ich hier wüsche (wo allerdings überhaupt mit einer Waschmaschine hin —und wo das Zeug dann trocknen? Ja, wenn ich einen Garten hätte …). Is’ schon ganz gut so. Witzig formuliert, rhythmisiert der Waschsalon seit mindestens vierzig Jahre mein Leben. Selbst in den Zeiten, in denen ich nicht allein gelebt habe, nutzte ich ihn. Frauen, schon gar geliebte, sind nicht dazu da, einem den Schmutz wegzumachen; ich will schon nicht, daß sie mir einen Knopf annähen, wollte sie niemals “praktisch”. Nein, ich wollt’ sie strahlend (wozu Geist, Bildung und Beruf gehören) und betört sein. Eher näht’ die Knöpfe ich.
Sei’s drum.
Also die beiden Sendungen, deren eine gleich mit in den Waschsalon kam:

Mein alter Lektor, der große Delf Schmidt, hat mir das vergriffene Rowohlt-Literaturmagazin Nr. 45 nicht nur geschickt, nein, wie es ihm entspricht, es in ein feines braunes Papier eingeschlagen und dann erst eingetütet. Denn in dem Magazin findet sich eine bis dato auf Deutsch unveröffentlichte kleine Erzählung Nabokovs, darin er die Metamorphose einer Raupe zum Schmetterling erzählt — so nahe gerückt, daß wir meinen, sie selbst erzähle es. Wobei er, worauf Dieter E. Zimmer, von dem die Übertragung wieder stammt, in seinem mitabgedruckten Nachwort hinweist, selbstverständlich Kafkas “Die Verwandlung” im Kopf hat, sie aber in ein Wundervolles hinwegdreht. Nämlich. Als die Raupe endlich den mühsamen Prozeß des sich Verpuppens und die Phase der Verwandlung hinter sich hat und aus der Puppe schlüpft, rauscht ihr zwar

Panik in den Kopf, gibt es die Erregung der Atemlosigkeit

— derweil sich die Trommeln der Trocknermaschinen rauschend drehen—

und einer seltsamen Empfindung, doch dann sehen die Augen, in einer Flut von Sonnenlicht sieht die Schmetterlingin

— denn “die Raupe ist männlich, die Puppe sächlich und der Falter weiblich” … —sieht also die Schmetterlingin

die Welt, das große und schreckliche Gesicht des Entomologen.
Nabokov, Metamorphosen, in: Rowohlt Literaturmagazin 45
(Dtsch. v. Dieter. E. Zimmer)

“Doch jetzt”. so beschließt der Dichter seinen liebevollen poetischen Text

wollen wir uns aber der Verwandlung von Jekyll in Hyde zuwenden.
Nabokov,
Metamorphosen, ebda.

______________________
>>>> Nabokov lesen 39
Nabokov lesen 37 <<<<

*

Die zweite Sendung kam erneut von Gaga Nielsen, die → dort darüber schreibt, über André Hellers, der mich ja früh beeinflußt und als Chansonier lange, sehr lange begleitet hat und sowohl für sie selbst als auch für Ricarda Junge von prägender Bedeutung ist … — über seine vor anderthalb Jahren erschienenen → GESPRÄCHE MIT MEINER MUTTER IN IHREM 102. LEBENSJAHR geschickt, was mir hübsch zu unsrer, Freundin, → Omisätze genannten Reihe zu passen scheint, von der ich leise hoffe, es mögen noch weitere Leserinnen und Leser ihren Großmüttern darin ein sanftes Denkmal setzen. Die nächste Folge, bereits die Nr. 7, ist für morgen oder übermorgen vorgesehen und tatsächlich hat sich eine weitere alte Damen den andren Damen zugesellt. Bisweilen stelle ich mir vor, sie säßen nun zu Kaffee und Kuchen beisammen an einem Tisch und erzählten, die sich gar nie kannten, einander ihre Geschichten. Und wir, wir alles lauschten.

Ich muß und will nachher ans Nabokov lesen 38, der, für ADA. eigentlichen Nr. 1, in der ich vom “Sommer auf Ardis” erzähle (erzählen werde), also von etwa einem Drittel des wundersamen (und höchst pikant modernen) Buches, ohne da noch besonders auf vor(her)gegangene Kritiken, fast alle Müll, einzugehen. Allerdings dürfen Sie sich, Freundin, darauf vorbereiten, daß ich in ADA Nr. 2 dann doch einen leisen Vorbehalt vorbringen werde, der allerdings zugleich – nämlich selbst – den fast üblichen unguten Blick hat, aufgrund dessen die tatsächliche Größe eines Werks nur allzu oft unter die schwarzen Wolken eines unentwegten kalten Regens gerät, der dann auch hereinbricht. Aber das will erst da diskutieren, dieses von – egal, was ihre Hirnschalen fassen – allzu kleinen Gemütern befolgten durchweg kunstfernen Moralisierens. Die Nr. 1 indes soll alleine jenen (so kommentiert es Ada selbst)

berühmten Fingerreisen dein Afrika hinauf
Nabokov, Ada oder Das Verlangen, 149/159
(Dtsch. v. Uwe Friesel und Marianne Therstappen)

gewidmet sein. Und so, genau so — Dein Afrika hinauf! — , werde ich den Beitrag auch betiteln, vielleicht aber das Ausrufezeichen uns doch ersparen. — Sie erinnern sich? Gewiß! Die Adern, Anadyomene, nicht wahr? auf den männlichen Unterarmen.

*

Von Corona war im Waschsalon nichts zu merken, nicht heute früh, vielleicht nachher. Da, heute früh, kam nur eine alte, leicht gebeugte Frau herein, das dürre Haar noch voll des ungekämmten Schlafs, der feucht gewesen sein muß und nun klebte.
Ich wollte ihr helfen, die beiden gefüllten Taschen die paar Stufen hochzutragen, doch mochte sie sich entmachten nicht lassen. Aber sagte: “Das ist gut, nicht wahr, wenn man früh kommt? Dann ist alles hier noch sauber.”
Ich lächelte.
“Und”, setzte sie fort, nachdem sie zwei Maschinen gefüllt, “man hat Zeit für die Zeitung”, wozu sie nun die ihre, die sie mitgebracht hatte, entfaltete und auf drei Maschinen ausbreitete.
meine vier Trommeln drehten sich bereits, also war ich schon im Aufbruch.
“Bis gleich”, sagte ich. “Bis gleich”, sagte sie.

Und also, Freundin, stelle ich dieses nun ein und sag Bis gleich auch Ihnen:

Ihr ANH

%d Bloggern gefällt das: